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 Betreff des Beitrags: Eine kleine Geschichte - neu gesehen
BeitragVerfasst: 27.6.2010, 10:40 
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Mir ist heute beim erneuten Lesen der Geschichte „Christi Blut und Gerechtigkeit“ (in F[ehsenfeld] 10 "Orangen und Datteln") allerhand aufgefallen, und ich möchte das hier gern „zum Besten“ geben, falls es jemand interessiert …

Zunächst einmal zum Thema Überkonfessionelle Religiosität Karl Mays. Selten wird sie so deutlich und auch ausgesprochen wie in dieser Geschichte. Diese ist übrigens, trotz des entsprechend klingenden Titels, keine Marienkalendergeschichte, sondern wurde 1882 in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“ veröffentlicht.

Der Erzähler trägt offenbar seit der in Durch die Wüste / Durchs wilde Kurdistan geschilderten Begegnung mit den Dschesidi den Melek Ta-us (Wörtlich: König Pfauhahn) an einer Schnur um den Hals, ebenso wie das Hamail.

Als über den begleitenden Dschesiden ein Dritter sagt "Er betet den Scheitan an und wird in der Hölle braten!" antwortet der Erzähler "Be Chodera dschen'et u dschehen eine tschebuhn - Paradies und Hölle sind durch Gott geworden; er allein kann bestimmen, wer in die Seligkeit oder in die Verdammnis geht", womit in etwa gesagt ist, daß es nicht des Menschen Sache sei, in diesen Dingen zu urteilen und zu richten.

"Man sagte mir, du seist ein Nessarah (Christ), und dennoch trägst du ein Hamaïl (Kuran in einem Futteral), am Halse, wie es nur die Pilger tragen, welche in Mekka gewesen sind?" - "Ich verehre Allah und war in den heiligen Städten. Allah il Allah - Gott ist Gott, ob man ihn Allah oder Chodeh nenne." Wohltuende Worte aus dem Munde des Erzählers, insbesondere wenn man an völlig anders geartetes in einigen Marienkalendergeschichten denkt ...

Und der Erzähler betet, wie schon in "Der Krumir", das Mogreb (Gebet beim Sonnenuntergang) mit. "Gott rechnet es dem Christen nicht zur Sünde, wenn dieser zwischen Mohammedanern zu ihm betet."

Anzumerken ist, daß die Sache mit dem Hamail, der ganze Satz mit „Ich verehre Allah“ (usw.) sowie das Mitbeten des Mogreb in GW Band 48, wo die Geschichte unter dem Titel „Schefakas Geheimnis“ enthalten ist, gestrichen ist (auch noch in der neueren Ausgabe). So wie auch in Band 10 in „Der Krumir“ das Mitbeten des Mogreb gestrichen ist. (An solchen Dingen wird deutlich, daß der Leser der bearbeiteten Fassungen eben nicht wirklich Karl May liest und so teilweise durchaus einen falschen Eindruck erhält.)

Nun zum merkwürdig anmutenden Schlussteil der Geschichte, mit dem ich lange Zeit herzlich wenig anfangen konnte …

„Tis - ti - tut - te - täch - tig - teit - tis - tei - tuk - tun - te - ten -teit ---" betet da ein Kind, worüber sich schon Arno Schmidt mokierte. Es ist die kindliche Übersetzung des Verses "Christi Blut und Gerechtigkeit", der der Geschichte ihren Namen gab.

"Hatte ich nicht selbst ganz ähnliche Laute gestammelt, in den Armen der alten lieben Großmama, wenn sie mich zu Bette legte, als ich noch nicht reden konnte? Ich lauschte weiter. Mir wurde ganz eigentümlich zu Mute; der Atem und der Puls wollte mir stillstehen."

Das ist: Wiederbegegnung mit der „Unschuld“ der eigenen Kindheit, ob nun gedanklich oder durch eine Begegnung im Außen, das bleibt sich gleich …

"Ich war aufgesprungen und hatte, ebenso wie sie, die Hände gefaltet. Ich schäme mich nicht, es zu gestehen, daß mir die Thränen über die Wangen liefen und in großen Tropfen vom Barte fielen. Hier in den wilden Bergen Kurdistans, mitten in einer fanatisch-moslemischen Bevölkerung vernahm ich das erste Gebet meiner Kindheit, und zwar in meiner Muttersprache! Ich weiß nicht mehr, was ich in den nächsten Augenblicken gethan und gesprochen habe" ... (auch daß er weint fehlt übrigens in GW 48).

Man kann darüber lachen, auch über solche Formulierungen wie den vom Barte fallenden Tropfen, man kann aber auch erkennen daß hier eine Wiederbegegnung mit Jahrzehnte zuvor Erlebtem stattfindet, ein Gefühl, ein Zustand wieder aufgerufen wird …

Daß er anschließend das „Aennchen von Tharau“ im fernen Kurdistan in voller Länge vorträgt und die Anwesenden in Ergriffenheit versetzt, stellt Verständnisvermögen und Toleranzbereitschaft des Lesers auf eine harte Probe, und ich gebe zu, das bis heute selber nicht ernstgenommen haben zu können. Aber: schauen wir es uns doch einmal gleichsam mit anderen Augen an: Es stecken sehr ernstzunehmende Dinge dahinter: Heimat in der Fremde, Vertrautheit, Geborgenheit. Sonst fehlende Resonanz just da, wo man sie vermutlich am wenigsten erwartet hatte ...

Da trägt einer vielleicht jahrzehntelang Dinge mit sich herum, keiner versteht ihn wirklich, keiner interessiert sich wirklich für das, was er mitzuteilen hat, aber im fernen Kurdistan, unter feindlich Gesonnenen (ob nun rein gedanklich, oder vielleicht unter kleinen Ganoven oder einfach irgendwelchen 'kleinen Leuten' in der sächsischen Heimat, wie und wo es nun war, was ihn zu dieser Geschichte inspiriert hat, das bleibt sich wie gesagt gleich ...), die nicht einmal die gleiche Sprache sprechen, da findet sich eine Seele, die mitschwingt ... Ich denke das Wort Resonanz dürfte der Schlüssel zu dieser zugegeben eigenartig wirkenden Szene sein. Sich verstanden, wirklich angeommen zu fühlen, und sei es in Kurdistan … („Hier ist ein Du, in dem mein Ich sich spiegelt, hier die Distanz aufgehoben, die Zeit von Zeiten trennt. Nicht ein Buch ist mit mir, nicht Literatur, nicht Philosophie, sondern ein Mensch, dem ich Bruder bin, ein Mensch, der mich berät, der mich tröstet und befreundet, ein Mensch, den ich verstehe und der mich versteht." Stefan Zweig, Montaigne.)

Kommen wir nach Überkonfessionalität und Geborgenheits- / Resonanzerfahrung noch zu einem dritten Aspekt der Geschichte. Spätestens am Schluß wird einigermaßen deutlich, daß es sich um eine verkappte Liebesgeschichte handelt, um die Liebe zu einer verheirateten Frau übrigens. In dem Zusammenhang sei auch auf die Geschichte "Der Kys-Kaptschiji" hingewiesen, wo einige merkwürdige und nie weiter erläuterte Sätze in Zusammenhang mit eben dieser Schefaka fallen, die dort wieder auftaucht, wobei er ihr dort auffallend aus dem Weg geht.

„Seit jener Zeit sind Jahre vergangen, aber heute noch, wenn ich eine süße Kinderstimme lallen höre, denke ich an jenen Abend im Nebenthale des Zab. Denken auch jene Zibarkrieger, denkt jenes holde Weib zuweilen an mich? Chodeh te b'elit, ia schefaka - Morgenröte, Gott erhalte dich! - - -"


Zuletzt geändert von rodger am 27.6.2010, 12:26, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Eine kleine Geschichte - neu gesehen
BeitragVerfasst: 27.6.2010, 12:13 
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Vielen Dank! Deine Darstellung, Rüdiger, kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch den Gedanken, dass wir ›Christi Blut und Gerechtigkeit‹ - auch - als heimliche Liebesgeschichte verstehen könnten, finde ich einleuchtend und interessant.


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