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Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I
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Autor:  rodger [ 1.12.2016, 11:27 ]
Betreff des Beitrags:  Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Winnetou und Old Shatterhand in Afrika, beritten:

Zitat:
Wer noch nie auf einem solchen Pferde saß, und das wird wohl bei den meisten Menschen der Fall sein, der hat keine Ahnung von der Schnelligkeit eines echten und in der freien Wüste oder Steppe aufgewachsenen arabischen Rosses. Man sage, was man wolle, ich behaupte doch immer und immer wieder, es kommt ihm keines unserer berühmtesten Rennpferde gleich. Wir ritten nebeneinander und saßen dabei so ruhig und gleich im Sattel, daß wir eine Uebung im Schönschreiben hätten vornehmen können, ohne einen einzigen falschen Strich zu thun. Das Gesicht des Apatschen glänzte vor Entzücken.

»Scharlieh,« rief er mir zu, »denkst du an deinen Hatatitla (* Blitz.)?«

»Und du an deinen Iltschi (* Wind.)?« nickte ich.

Das waren die beiden Indianerhengste, welche wir drüben in der Savanne geritten hatten, die zwei vortrefflichsten Pferde, die mir drüben vor die Augen und unter die Hände gekommen waren, und dennoch jauchzte er:

»Hundert solche Hatatitla und hundert solche Iltschi für ein einziges von den Pferden, die wir jetzt reiten. Selbst der große Manitou reitet in den ewigen Jagdgründen kein besseres!«


Hm ... so etwas empfinde ich immer ein bißchen als einen [kleinen] Verrat ... (vergleichbar mit Äußerungen Wick seniors, der seinerzeit (es mögen so um die fünfundvierzig Jahre sein die es her ist ...) nach Kennenlernen des Nachbarortes Ahrweiler meinte, das zuvor so gelobte Bad Neuenahr könne man "vergessen", und dieses Wort auch in Sachen Jelzin und Gorbatschow benutzte, ersterer gefiel ihm [zunächst] noch besser als zuvor letzterer, aber warum dann immer gleich "vergessen" ...)

Hundert solche Hatatitla, das muß dem Pferd doch weh tun, selbst wenn es das nicht mitkriegt, so etwas sagt man doch nicht, denkt es nicht einmal ... Selbst wenn das Pferd es nicht mitkriegt ... der Gedanke, wie es wäre, wenn es es mitkriegte, sollte reichen ... ("Sie werden lachen ich mein' es ernst"; Werner Finck)

Paßt irgendwie zu der anderen Geschmacklosigkeit mit dem Zylinder abnehmen, wir kommunizierten darüber ... die ganze Trilogie zeichnet sich ja durch eine gewisse Wurschtigkeit und Hemdsärmeligkeit aus. Er hatte feinfühligere Zeiten ...

Autor:  mugwort [ 3.12.2016, 12:20 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

... und ab und zu finden sich auch irgendwie "abgedrehte" Albernheiten in der Trilogie. Neben dem unvergesslichen Auftritt der Gattin des "Juriskonsulto" von Ures als Winnetou-Groupie in der "Felsenburg" (man spürt förmlich, wie peinlich dem guten Winnetou die ganze Situation gewesen sein muss) folgendes Szene zwischen Judith Silberberg, Old Shatterhand und Winnetou, letzterer mit einem ganz ungewohnten Hang zur Albernheit:

»Stehen Sie auf, Sennora!«

»Nein! Ich werde nur der Gewalt weichen. Sie haben mich ja schon prügeln wollen. Thun Sie es doch jetzt!«

Es widerstrebte mir, Gewalt anzuwenden, aber was wollte man mit dem obstinaten Frauenzimmer anders thun? Da kam mir Winnetou zu Hilfe, welcher trotz seines ernsten Charakters doch zuweilen den Schalk im Nacken hatte; er sagte:

»Wer nicht freiwillig geht, wird weggeschwemmt!«

Er nahm das große, thönerne Wassergefäß vom Boden auf, welches so schwer war, daß er es kaum zu tragen vermochte, und näherte sich damit dem Bette.

»Himmel! Er will das Wasser auf mich schütten!« rief Judith und sprang auf.

Winnetou hatte das Gefäß noch nicht wieder an seinen Ort gestellt, so hatte ich schon alles, was zu dem Bette gehörte, auf die Seite gerissen. Da sahen wir denn, was wir erwartet hatten. Ein Loch führte von hier in das Erdgeschoß hinab...


(Aus Satan und Ischariot III, Viertes Kapitel)

Also, ich mag sowas (aber ich mag ja auch die Szene mit dem Hut...)

Autor:  Hermann Wohlgschaft [ 3.12.2016, 13:39 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Also, die Stelle mit Winnetous Zylinderhut mag ich auch. Aber das Abservieren der Hatatitlas und Iltischis finde ich - da muss ich Rüdiger zustimmen - wirklich geschmacklos, ja noch viel schlimmer: Ich empfand diese Romanstelle schon bei der Erstlektüre (vor vielen Jahrzehnten) ganz furchtbar und völlig unakzeptabel - weil absolut treulos gegenüber Hatatitla und Iltschi, den magischen Wunderpferden.

Autor:  Helmut [ 3.12.2016, 16:16 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Es wird "einem der besten Reiter der Welt" (Winnetou) wohl erlaubt sein, zu bemerken, dass er erstmals auf einem ihm gemäßen Pferd reitet, die "Quantifizierung" hätte er sich in der Tat sparen können, obwohl natürlich "Araber" mit sehr großem Abstand die besten Pferde (wohl aiuch heute noch) sind.
(Insofern trägt der "Lehrer seiner Leser" damit i.w. zu deren "Wissensvermehrung" teil, was meiner Meinug nach auch eine seiner Intentionen war.)

Helmut

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 17:09 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

mugwort hat geschrieben:
man spürt förmlich, wie peinlich dem guten Winnetou die ganze Situation gewesen sein muss

Das klingt so, wie soll ich sagen, betulich gefällig ...

Ich würde sagen, er verachtet sie. Tief.

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 17:12 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Und zur Zylinderszene noch einmal ("Du mußt es dreimal sagen" ...):

Wenn er gesagt hätte "Darf ich mal ..." und eine Art gefühltes Nicken für einen Moment und sei der noch so klein abgewartet hätte, und dann den Zylinder abgenommen ...

Aber wortlos dem anderen einfach die Kopfbedeckung abnehmen, das macht man nicht, das ist übergriffig. Punkt.

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 17:18 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Helmut hat geschrieben:
Insofern trägt der "Lehrer seiner Leser" damit i.w. zu deren "Wissensvermehrung" teil, was meiner Meinug nach auch eine seiner Intentionen war.

Hier hat der Oberlehrer b.A. halt gedankenlos einfach etwas hingeschludert ...

Wenn er tatsächlich die Intention gehabt hätte, die besondere Qualität des Araberpferdes herauszustellen, hätte es eine Formulierung wie "Dieses Tier ist meinem unvergleichlichen Hatatitla tatsächlich mindestens ebenbürtig" oder "Ich hätte nie gedacht, daß ein anderes Pferd meinem Hatatitla ebenbürtig, gar überlegen sein könne" eleganter getan ...

Autor:  mugwort [ 3.12.2016, 20:59 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

rodger hat geschrieben:
Und zur Zylinderszene noch einmal ("Du mußt es dreimal sagen" ...):

Wenn er gesagt hätte "Darf ich mal ..." und eine Art gefühltes Nicken für einen Moment und sei der noch so klein abgewartet hätte, und dann den Zylinder abgenommen ...

Aber wortlos dem anderen einfach die Kopfbedeckung abnehmen, das macht man nicht, das ist übergriffig. Punkt.


Ist da ein Männer-Frauen-Ding? Unter Freundinnen, gar unter Schwestern wäre das so gar nicht übergriffig. Irgendwie total normal (jetzt hab ich es auch dreimal....) :mrgreen:

Autor:  mugwort [ 3.12.2016, 21:00 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

rodger hat geschrieben:
mugwort hat geschrieben:
man spürt förmlich, wie peinlich dem guten Winnetou die ganze Situation gewesen sein muss

Das klingt so, wie soll ich sagen, betulich gefällig ...

Ich würde sagen, er verachtet sie. Tief.


Die Groupie-Tante verachtet er, klar. Aber er lässt Shatterhand reden. Und druckst auch irgendwie herum, als er reden MUSS. Und Shatterhand amüsiert sich (heimlich unterschwellig). Ich finde es köstlich...

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 21:11 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

mugwort hat geschrieben:
(jetzt hab ich es auch dreimal....)

Ich hatte erst zweimal. Aber mir war klar daß es nicht reicht.

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 21:13 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

mugwort hat geschrieben:
Ist da ein Männer-Frauen-Ding? Unter Freundinnen, gar unter Schwestern wäre das so gar nicht übergriffig. Irgendwie total normal

Ich hab' früher immer gedacht, Frauen seien sensibler, feinfühliger als Männer. Irgendwann hab' ich gemerkt daß das Quatsch ist ... 8)

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 21:16 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

mugwort hat geschrieben:
Und druckst auch irgendwie herum

Nein er "druckst nicht herum". Das hieße eines Winnetou Innenleben auf Nullachtfünfzehntantetrullabewußtsein herunterreduzieren. (Nicht Du bist gemeint, Deine aktuelle Wortwahl aber schon.)

(Da hätt' ich eine Lektüreempfehlung ... also in Sachen Herunterreduzieren ...)

Autor:  mugwort [ 3.12.2016, 21:36 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

rodger hat geschrieben:

(Da hätt' ich eine Lektüreempfehlung ... also in Sachen Herunterreduzieren ...)


???

Wirkt Winnetou wirklich nur auf mich in der Situation irgendwie, sagen wir mal: Wenig souverän?

Autor:  rodger [ 3.12.2016, 23:04 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

Habe gerade noch einmal in meinen Notizen nachgelesen und u.a. dies gefunden,

Zitat:
„’Und Winnetou wäre ein Weib, wenn er sich das gefallen ließe!’ antwortete der Apatsche, indem er sich umdrehte und das Zimmer verließ. Ein solches Lob aus solchem Munde war ihm widerwärtig.“ Diese Muffelköpfe bei Karl May ... sie sind nicht bequem, aber ehrlich, und haben das Herz auf dem rechten Fleck. So etwas pflegt der kompakten Majorität der Mitmenschen indes nicht in den Kram zu passen ...


Die Ollsche blamiert sich, macht sich lächerlich, und Winnetou hat schlicht und einfach keine Lust, sich mit ihr abzugeben, zu kommunizieren ... Von "wenig souverän" sehe ich da null und nichts.

Autor:  mugwort [ 4.12.2016, 12:01 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Kleine Geschmacklosigkeiten in S & I

rodger hat geschrieben:
Habe gerade noch einmal in meinen Notizen nachgelesen und u.a. dies gefunden,

Zitat:
„’Und Winnetou wäre ein Weib, wenn er sich das gefallen ließe!’ antwortete der Apatsche, indem er sich umdrehte und das Zimmer verließ. Ein solches Lob aus solchem Munde war ihm widerwärtig.“ Diese Muffelköpfe bei Karl May ... sie sind nicht bequem, aber ehrlich, und haben das Herz auf dem rechten Fleck. So etwas pflegt der kompakten Majorität der Mitmenschen indes nicht in den Kram zu passen ...


Die Ollsche blamiert sich, macht sich lächerlich, und Winnetou hat schlicht und einfach keine Lust, sich mit ihr abzugeben, zu kommunizieren ... Von "wenig souverän" sehe ich da null und nichts.



In der Folge zwingt sie ihm weitere Kommunikation auf und er kommt da nur mit Mühe raus...

Aber wie wir wissen: Wahrnehmung ist höchst subjektiv...

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