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 Betreff des Beitrags: Hausschatz-Fundstücke
BeitragVerfasst: 23.1.2005, 18:12 
Am Anfang des Threads [Der] Ehri/[Vom] Tode [erstanden]- Vergleichslesungen / Ein Ritt durch die Pampa kann man eine Vergleichlesung der beiden 'Ehri'-Abdrucke im 'Hausschatz' und in der Buchausgabe 'Am stillen Ocean' lesen. Zu den Unterschieden beider Fassungen gehört auch - einmalig unter Mays Erzählungen - ein Verweis auf eine kurze Meldung im 'Allerlei' einer früheren Heftausgabe: Auf Seite 64 des laufenden Jahrganges brachte der "Deutsche Hausschatz" die Bemerkung, daß Deutschland auf der Samoainsel Upolu einen Marinestation gegründet habe. Dies ist immerhin so ungewöhnlich, daß man sich schon fragt, ob May diesen wohlgezielten Einschub selber plaziert oder ob da nicht ein interessierter 'Hausschatz'-Redakteur nachgeholfen hatte.
Gleichwohl muß man aber auch sagen, daß man im 'Girl-Robber' eine mit "D.R." (= Die Redaktion) gekennzeichnete Fußnote mit dem Hinweis zur 'Gum'-Erzählung findet, sodaß man andererseits vermuten könnte, daß bei der korrekten Kennzeichnung eines derart harmlosen Hinweises Eingriffe seitens des Redakteurs Müller (im Gegensatz zu solchen von dssen Nachfolger Keiter) nicht ohne Absprache mit May zustande gekommen sein dürften.

Tatsächlich läßt sich ein Indiz finden, daß Karl May zumindestens in dieser frühen Phase der Beziehung zum 'Hausschatz' die Zeitschrift nach ihn interessanten Beiträgen durchgelesen haben könnte. -> http://karl-may-gesellschaft.de/kmg/pri ... /index.htm So findet sich im vorherigen, dem 5. Jahrgang auf S. 800 der - offenbar aus einer Publikation namens "Die Natur" übernommene - anonyme Beitrag "Die Samoa-Insel" (u.a. wird dort auch Upolu ausführlich beschrieben). Darin findet sich nun der folgende Absatz:

Die samoanische Inselgruppe, welche man zuweilen auch die "Schifferinseln" nennt" liegt zwischen dem 13. und 14. Grad südlicher Breite und dem 168. und 173. Grad westlicher Länge (von Gr.[eenwich]). Sie besteht aus 7 Inseln, aber nur Savaii, Tutuilla und Opolou sind von Wichtigkeit.
(...)
Wie Savaii und Tutuilla, so ist auch diese Insel
[= Upolu] vulkannischen Ursprungs (...)

Man vergleiche dieses mit diesem Absatz aus Mays 'Tui Fanua':

Die Samoainseln sollen nach allen Berichten, die man von ihnen liest, noch reizender und lieblicher sein als die tahiti'sche Inselwelt. Sie liegen zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Grad südlicher Breite und dem hunderteinundfünfzigsten bis fünfundfünfzigsten Grad westlicher Länge von Ferro. Sie bestehen aus vier größeren Inseln, welche Savai, Opolou, Tutuila und Manua heißen, und mehreren Eilanden, unter denen Manono und Apolima die bemerkenswerthesten sind, und sind alle vulkanischen Ursprunges, entgegengesetzt mehreren anderen Gruppen, welche, wie diese hier, auf der wir uns befinden, von Korallen erbaut wurden.

Die Verschiedenheit der Längengradangabe zeigt aber auch, daß May noch andere Quellen ausgewertet haben muß. Auch könnten beide Absätze eventuell auch auf einen dritten, gemeinsamen Quelltext - z.B. einen Lexikonartikel - zurückgehen. Das nächste Beispiel korrespondierener Sätze zeigt sich dann auch nicht mehr so eindeutig:

Die Samoa-Insel: Tutuilla besitzt aber an seiner Südseite den prächtigen Hafen Pago-Pago, welchen die Vereinigten Staaten, kraft eines im vorigen Jahre abgeschlossenen Vertrages, erworben haben.

Tui Fanua: (...) Tituila hat den großen Hafen Pago-pago, wo die Schiffe der Angli, Franki, Yanki und Hollandi liegen.


Deutlich verschieden schließlich zeigen sich die beiden nächsten Textpassagen, in denen die Schönheit der Inseln beschrieben wird, hier muß May zwingend eine andere Quelle benuzt haben. In 'Tui Fanua' fehlt jeglicher Hinweis auf alle in 'Die Samoa-Insel' gemachten speziellen Angaben zur Flora (mit Ausnahme der Banane), während umgekehrt im 'Hausschatz'-Artikel eine Erwähnung jeglicher von May angeführten Fauna vermissen läßt.

Die Samoa-Insel: Wenn man, wenige Meilen von Upolu entfernt, auf dem decke eines ansegelnden Schiffes steht, dann breitet sich vor dem Auge des entzückten Reisenden eine tropische Insel aus, so schön und malerisch, wie sie nicht ein zweites mal gefunden wird. Bäume von bunten verschiedenen Arten kämpfen mit einander um Licht und sonnenschein; die höchsten Exemplare aber bilden mit ihren Wipfeln einen Laubbaldachin, durch welchen die Sonne sich vergeblich bemüht, ihre Strahlen zu senden. Wo dieser Urwald eine Lücke zeigt, da ist der Boden entweder mit einem dichten Blumenteppiche bedeckt, oder mit undurchsichtigem Gebüsche, das schöne Blüten treibt. Hier in diesem Buschwalde ist auch die Heimath des wilden Inzige, der Yam und Arrowroot, des Hibiskus, der süßen Kartoffel und Banane und auch des Strauches, welchen die eingeborenen zu dem nervenanregenden Getränke benutzen, daß sie Kava nennen.

Tui Fanua: Die Schönheit und Fruchtbarkeit der Samoainseln erregte die Bewunderung aller Seefahrer, welche diese reizende Inselgruppe betraten. Nirgends hatten sie eine solche Pracht und Ueppigkeit der Vegetation gesehen, nicht einmal in Neuseeland oder Neu-Guinea, die doch durch ihre herrlichen Waldungen so ausgezeichnet sind. Leicht zu durchwandern ist hier der Forst, denn unter dem dichten Schatten der hohen Baumkronen wächst das Schlingwerk und niedrige Gesträuch, welches sonst die Urwälder so unwegsam macht, nur spärlich.
Eine Menge schöner Tauben, langschwänziger Papageyen, Pikafloren und anderer buntgefiederter Vogelarten bringt Leben und Bewegung in die ruhige Majestät des Haines und mildert den feierlichen Ernst desselben. Rauschende Wasserfälle stürzen häufig über die Basaltblöcke herab, um den Reiz dieser zugleich erhabenen und lieblichen Natur zu erhöhen. Die Besucher der Inseln rühmen ihr ewig frisches Grün, welches die Ufer umsäumt, und die Frische und Klarheit der Wasser, welche in silbernen Streifen von den Bergen strömen. Ich war neugierig, diese Inseln kennen zu lernen, welche in der neuesten Zeit die Blicke Deutschlands in so auffälliger Weise auf sich gezogen haben.


Der von May angeführte Vergleich Samoas mit Neuseeland und Neu-Guinea verführt dazu, auch den Hausschatz-Artikel 'Die Königin der Südsee' (S. 559/560) über die australisch-englischen Colonien Neu-Südwales und Tasmania sowie die Stadt Sydney vergleichend unter die Lupe zu nehmen. Dabei fällt immerhin auf, daß dabei im Gegensatz zu der zitierten Passage in 'Die Samoa-Inseln' wie in Mays 'Tui Fanua' auch von silberfarbene Flüße in den Wäldern Tasmaniens berichtet wird. Einen Rückschluß derart, daß Karl May sich gerade diese Beschreibung fremdentliehen hätte, ist freilich aber nicht zulässig:

Die Königin der Südsee: Unermäßliche Wälder sind die größte Zierde von Tasmania, und ohne sie gesehen zu haben, kann man sich keine Vorstellung von ihrer einsamen Majestät machen; an der Küste reichen sie bis an dem Saum des Wassers und schmücken die steilen Felsenhänge mit belebendem Grün, und die fischreichen silberhellen Flüsse wälzen ihre stillen Fluthen durch das beschattende Dunkel es Urwaldes.

Alle Textvergleiche beziehen sich übrigens alleine auf 'Tui Fanua', der dritten und letzten Version der Südsee-Erzählungen von Karl May; in 'Der Ehri', der zweiten Fassung also, die im 'Hausschatz' abgedruckt wurde, gibt es wohlweislich keine Verwertung des 'Hausschatz'-Aufsatzes. Weniger skrupellos hinsichtlich eines 'Hausschatz'-Artikels-Recyclings in einer seiner 'Hausschatz'-Erzählungen zeigte sich May aber bei der Ausbeutung eines anderen Essays.

Unter den geographisch-ethnologischen Beiträgen des 5. 'Hausschatz'-Jahrganges wurde mit dem Artikel 'Die Zulu-Kaffern und die britische Colonie Natal' (S. 494-495) eine weitere Thematik beleuchtet, zu der May im nächsten Jahrgang eine - wiederum als erweiterte Neufassung einer 'Frohe Stunden'-Kurzgeschichte entstandene - Erzählung verfaßte. Dabei erweist sich der 'Hausschatz'-Beitrag als völlig ausreichend, um Karl May mit denjenigen zusätzlichen zeitgeschichtlichen Details zu versorgen, die er über die alte Urfassung 'Der Africander' hinaus in die Neufassung einfließen ließ. So etwa Angaben über Natal und die Drachenberge, beide wurden in der Buchausgabe dann durch Transvaal und die Randberge ersetzt.

Natal ist die östliche von der Gruppe der südafrikanischen Colonien, ungefähr 840 deutsche Quadrat-Meilen, wird südöstlich von den blauen Fluten des indischen Oceans, nordwestlich von den majestätischen Ketten der Drachen-Berge begrenzt, während es im Süden an das zur Zeit noch nabhängige Kaffernland stößt und nur im Norden der Tugela- und Buffalo-Fluß dasselbe von dem Gebiete der Zulus scheiden.

Der historische Hintergrund der Hausschatz-Fassung von 'Der Boer van het Roer' liegt, wie bereits schon in der Vorfassung 'Der Africander' ca. im Jahr 1840. Die Ereignisse dieser Zeit (wie auch der davor und danach) werden im Artikel ebenfalls geschildert:

Bald trat denn auch eine Wendung zu Gunsten der Boers ein; durch Zuzüge aus dem Capland verstärkt, begannen sie auf's Neue den Kampf, nachdem sich der tüchtige Andries Pretorius, der späterhin bei Gelegenheit der Kämpfe der Boers gegen die Engländer gleichfalls eine wictige Rolle spielte, als Feldherr an ihre Spitze gestellt hatte. das Glück war ihnen günstig; Dingaan selbst, der gefürchtete Dspot, wurde von seinem eigenen Bruder Panda entthront, und dieser friedliebende Häuptling trat an dessen Stelle und schloß Frieden. Die Boers nahmen nun von dem Land und den Weideplätzen, welche ihnen eingeräumt wurden, Besitz und gründeten die Stadt Pieter-Maritzburg, gegenwärtig noch die Hauptstadt Natal's, welche nach dem im Kampf gefallenen Führern Pieter Reties und Gert Maritz benannt ist.

Ob sich Karl May bei der Neugestaltung der Handlung in 'Der Boer van het Roer' wohl von dem folgenden Satz inspieren ließ? Englische gewinnsüchtige Händler waren es, welche seit Jahren den unabhängigen Zulus die Gewehre und den Schießbedarf lieferten. Der Vergleich der beiden nächsten Zitate läßt jedenfalls darauf schließen, daß Karl May den Hausschatz-Artikel sehr wohl kannte, geschickt hat er für seine Beschreibung die wesentlichen Information extrahiert und in wenigen Sätzen paraphrasiert, aber hier und da verraten einige fast wortwörtliche Übernahmen (afrikanischer Attila - überfallen und töten - Vergewaltigung und Ungerechtigkeit der englischen Regierung) dann doch die Quelle dieser - gegennüber der Vorfassung 'Ein Africander' zusätzlichen - Textpassage.

Die Zulu-Kaffern und die britische Colonie Natal: In den Jahren 1812 bis 1828 erhielt dieser Theil Südafrika's eine gewisse Berühmtheit durch den gefürchteten Häuptling der Zulus, Tschaka, den afrikanischen Attila, wie ihn ein französischer schriftsteller sehr treffend nennt. Durch Unterwerfung und theilweise Vernichtung der benachbarten Stämme gründete er ein großes Negerreich (...) [Er] ist der eigentliche Schöpfer jenes militärischen Systems, welches dem Volke der Zulus die Ueberlegenheit über alle angränzenden Stämme sicherte
(...)
Was aber vor Allem die Armee der Zulus so furchtbar machte, war die Einführung einer neuen Kampfweise, nämlich zunächst das fechten in geschlossenen dichten Reihen, und sodann der Gebrauch des kurzen Stoß-Assegai (...). Eine solche Stoßwaffe
[ist] im Nahkampfe ganz besonders gefährlich, wie dies die Engländer bei Isandula ganz schrecklich erfahren haben.
(...)
Im Jahre 1828 wurde Tschaka von seinem seiner jüngeren Brüder, mit Namen Dingaan, in seinem Kraal am Umunti-Fluß überfallen und getötet.
(...)
Dingaan, der jetzt König der Zulus wurde und seinem Bruder, wenn nicht an Intelligenz, so doch an List und Grausamkeit völlig gleichkam, ist vor Allem bemerkenswerth durch die Kämpfe, welche er mit den Boers (Bauern) um den Besitz des Natallandes führte. Die Thaten, welche die Letzteren, d. h. die Nachkommen der ursprünglichen holländischen Ansiedler, als ein echt germanischer, eigentlich niederländischer Volksstamm, hier im östlichen Afrika vollbracht habe; das tragische Loos, welches ihnen einerseits durch die Treulosigkeit und Hinterlist der Zulus, andererseits durch die Vergewaltigung und Ungerechtigkeit der englischen Regierung bereitet wurde, ist nicht in der Weise bekannt, wie es zu sein verdient.

Der Boer van het Roer: Der berühmte Kaffernhäuptling Tschaka, mit Recht der Attila Südafrika's genannt, hatte zahlreiche Kaffernstämme unter seine Botmäßigkeit gebracht und ihnen eine kriegerische Verfassung gegeben, welche ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Europäer um das Zehnfache vergrößerte. Dingaan, sein Bruder, überfiel und tödtete ihn, um die Herrschaft an sich zu reißen, und nun begann zwischen ihm und den Boers eine Reihe von Kämpfen, in denen die Boers, außerdem noch angefehdet durch die Ungerechtigkeit und Vergewaltigung der englischen Regierung, Wunder der Tapferkeit verrichteten.


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 Betreff des Beitrags: In Kolumbien
BeitragVerfasst: 23.1.2005, 18:14 
Wenn man nun im nächsten, den 6. Jahrgang des 'Deutschen Hausschatzes' nach weiteren geographisch-ethmologischen Kleintexten sucht, so stößt man in der Nr. 3 - in welcher auch der erste Teil von Mays 'Girl-Robber' abgedruckt ist - auf S. 48 in der Rubrik Allerlei auf dieses Kleinod:

Eine Dampferfahrt auf dem Magdalenenstrom

Im Jahre 1875 unternahm E. André, ein Botaniker vom Fach, im Auftrag des französischen Unterrichtsministers eine wissenschaftliche Reise nach dem nordwestlichen Südamerika. Aus seiner Reisebeschreibung heben wir folgende kleine Episode aus.

Seit etwa einem Vierteljahrhundert ist die Schifffahrt auf dem Magdalenenstrome eröffnet; vorher war sie Monopol. Es bildeten sich dann drei Gesellschaften, eine englische, eine deutsche und eine amerikanische. Ihre Dampfer sind schlecht, noch schlechter ist die Bemannung, und die Verpflegung abscheulich; aber die Gesellschaften stehen sich dabei vortrefflich. Jede Hin- und Rückfahrt eines Schiffes, welche einen Monat in Anspruch nimmt, bringt ihnen etwa 24,000 Francs ein. Der Capitän des "Simon Bolivar", auf welchem André die Fahrt nach Honda unternahm, war ein von starken Spirituosengenuß heruntergebrachter Yankee, sein Boot dagegen ganz neu und zum ersten Male in Dienst gestellt.

Sonderbar sieht solch ein Dampfer auf dem Magdalenenstrome aus: es ist ein riesiges schwimmendes Gebäude von drei Stockwerken; das unterste ist nach allen Seiten offen, die oberen sind mit Galerien versehen, bunt mit Weiß, Roth oder Blau angestrichen und ganz verschieden von dem, was man sonst als Dampfboot bezeichnet. Unter der Wasserlinie befindet sich so gut wie nichts, dagegen Alles auf Deck. Der Boden des Schiffes ist so platt wie der eines Fährbootes und hat höchstens ein bis anderhalb Meter Tiefgang, um leichter über die Sandbänke im Strome hinwegzukommen. Am Hintertheile ist das einzige, riesige Rad angebracht. Alles besteht aus weißem, sehr leichtem, rissigen Holze, ist sehr schlecht gefugt und in aller Eile möglichst billig in Cincinnati am Ohio zusammengepfuscht, aber nach Ansicht der Yankees immer noch gut genug für ihre südlichen "Brüder". Die mit Holz geheizten Maschinen mit ihren großen Feuerräumen und übermäßigen Kurbelstangen befinden sich auf Deck im untersten Stocke, welcher außerdem Kaufmannsgüter im bunten Durcheinander beherbergt, ohne daß sie ein Geländer vor der Gefahr, ins Wasser zu fallen, schützt. Zum Glück weiß man auf dem Magdalenenstrome von Stürmen und Windstößen nichts.

Eine Hühnerstiege führt von dort in das erste Stockwerk hinauf, wo die Passagiere erster Klasse hausen. Eine Galerie läuft rings um dasselbe; in der Mitte liegt ein halbes Dutzend von neugierigen Blicken Aller ausgesetzter, entsetzlich heißer Cabinen für die Damen, vorn ein dreieckiger, nach vorn geöffneter Saal, wo die Passagiere ihre Hängematten anbringen und sich des frischen Luftzuges erfreuen können, und hinten ein gleichfalls nach den Seiten hin offener Speisesaal. Jeder bereitet sich sein Lager selbst und sucht sich gegen die Stiche der Moskitos, so gut es geht, durch Mousselinvorhänge zu schützen, freilich oft genug, ohne den gesuchten Schlaf finden zu können. Mit Tagesanbruch ist Alles sofort auf den Beinen; die Säumigen werden durch den Stewart aufgerüttelt, und während die schwarzhäutigen Kellner die Tische aufstellen, taucht einer nach den Anderen den Kopf in eine Schüssel mit dem gelben Wasser des Magdalena, läßt sich, da die mitgelieferten "Handtücher" den schmierigsten Lappen gleichen, von der Sonne trocknen und nimmt dann einen Anisschnaps zu sich. Um 10 Uhr folgt ein abscheuliches Frühstück mit harten Beefsteaks, entsetzlichen Ragouts, der unvermeidlichen Sauce von spanischem Pfeffer, gute Bananen in verschiedener Zubereitung u. s. w., wozu man sich für einen Piaster eine Flasche sauren Weins kaufen kann. Die Unreinlichkeit der halbnackten, naschhaften, diebischen Neger, welche bei Tisch aufwarten, übersteigt jede Vorstellung. Das Mittagsmahl ist die genaue Wiederholung des Frühstücks: nur um nicht Hungers zu sterben, genießt man davon.

Unten auf dem ersten Deck kochen zwischen Tauen, Kisten und Feuerungsmaterial die Matrosen ihr Essen; auf einen mit Erde gefüllten großen Kasten werden drei runde Steine gelegt und darauf der Topf gestellt, welcher im wilden Durcheinander Tasajo (in Streifen geschnittenes, an der Sonne gedörrtes und nach der Elle verkauftes Rindfleisch), grüne Bananen, Mais, Nuccas und halb abgeschälte Knochen enthält.

Steigt man von der ersten Kajüte noch weiter hinauf, so gelangt man auf eine Dachpappe-Plattform, welche die Cabine des Kapitäns und des Lotsen und den Ausguck trägt. Von dort oben gesehen, ist die Landschaft von überwältigender Großartigkeit. Stundenlang kann man gegen Abend dort sitzen, von dem leisen Luftzuge erfrischt, und das stille Gewässer und die Urwälder betrachten, von deren Aesten sich die grünen Gehänge der Schlingpflanzen zum Spiegel des Flußes hinabsenken, auf welchem unbeweglich riesige Kaimans treiben und auf Abfall aus der Küche oder auf einen über Bord gefallenen Menschen lauern. Je stiller es auf dem Schiffe wird, um so lauter wird es am Lande: chicbarras (Cikaden) lassen ihr klapperndes Geschrei ertönen und Heulaffen schreien in der Ferne. Plötzlich schwindet die Sonne, der Anker wird ausgeworfen und jeder sucht sein Lager auf. Beim ersten Morgengrauen geht es weiter.

Nach zehntägiger Fahrt näherte sich der Dampfer der Enge von Naré, wo der mächtige Fluß in ein schmales Bett eingeschlossen ist und eine reißende Stromschnelle bildet, die oft von den Schiffen nicht passirt werden kann. Eine große Aufregung bemächtigte sich nun der Passagiere des "Simon Bolivar". Der Dampf zischt - die Maschine stockt - das Schiff weicht zurück - es kann die Strömung nicht bewältigen. Der Obermaschinist fragt den Kapitän, ob er Rückdampf geben und der Anker fallen solle. "Niemals!" schreit der vom Schnaps duftende Yankee: "Feuert! Dampf an!"

"Kapitän, dann springen die Kessel!"

"Meinetwegen! Bin schon zweimal gebrüht worden! - Stoppt die Ventile!"

Es geschieht - mancher Passagier erbleicht. Der Dampfer erzittert, dann setzt er an, wie ein Tiger sprungbereit, die Maschine stöhnt, aber sie arbeitet. "Hurra, Columbia!" das nordamerikanische Sternenbanner flattert und die Flagge Columbia's weht --- die Stromschnelle wird glücklich überwunden.


Dazu gehört auch noch eine Illustration auf S. 41: Der Dampfer "Simón Bolívar" passiert im Magdalenenstrom die schwierige Enge von Naré in Südamerika. Gezeichnet von Riou


Ein interessanter Aspekt dieser kurzen Skizze ist etwa, daß diese gegenüber dem Originaltext von Edouard André anscheinend ziemlich bearbeitet bzw. gekürzt wurde. Ob dieses eigens für diesen Abdruck geschah oder ob die Textfassung schon aus einem anderen Abdruck übernommen wurde, läßt sich ohne weitere Nachforschungen natürlich nicht sagen, ein Auszug aus einer vollständigen Übersetzung des André-Textes hätte aber jedenfalls - selbst wenn dieser ähnlich stark eingekürzt wäre - wohl die Sicht des originalen Ich-Erzählers beibehalten. Insofern spricht schon etwas dafür, daß der Auszug speziell für den Hausschatz-Abdruck eingekürzt worden sein könnte. In einem solchen Falle müßte man dann wohl zunächst einmal von einer redaktionellen Textbearbeitung im 'Hausschatz' durch Venanz Müller ausgehen; bei dem geringen Umfang der Arbeit erschiene es indessen etwas unwahrscheinlich - wenn auch nicht ausgeschlossen, daß Müller dafür bei einen seiner 'Hausschatz'-Autoren nachgefragt hätte.

Daß der Originaltext von André jedenfalls ausführlicher ist, zeigt ein anderes Internet-Fundstück, eine spanische Übersetzung des Schlußteils dieser 'kuriosen' Scene. [-> Der Obermaschinist fragt den Kapitän (...)]:

Ocurre entonces, agrega, una escena curiosa que yo no olvidaré en mi vida. El ingeniero mecánico, un cojo, de mirada enérgica, viene a preguntar al capitán si es nesesario batirse en retirada, y arrojar el ancla, para subir a Honda en canoas.
- Jamás, exclamó Duncan. El pasaje quiere pasar, y yo también.
- Mi capitán, puede que encallemos.
- Esto o me importa; yo he estallado dos veces, què importa una tercera. Toma un trago y carga la caldera con ciento ochenta libras.
El vapor vuelve a tomar su impetu, se pasa el primer límite, el vapor acomete con furor en los cilindros y comienza a difundirse bajo los pistones. La rueda torna con frenesí, la armazón del buque tiembla en todo su conjunto como un árbol que se sacude. Avanzamos, pero no hemos aún franqueado la fatal pendiente. Un momento volvemos a descender algunos metros. Cerrad las válvulas, grita el salvaje yanqui, y Go ahead; estallamos más bien; no se diga que el "Simón Bolívar" ha retrocedido.
La orden se ejecutaba; algunos pasajeros se ponen muy pálidos, y el buque parece recogerse sobre sí mismo, como un tigre presto a asaltar; 'olas de agua se elevan bajo la rueda ... hemos pasado.
¡Hurra Colombia! gritan los tripulantes, la bandera nacional se enarbola a proa y aquéllos se entregan a una danza desordenada, con vivas frenéticos, de los cuales los pasajeros se hacen voluntariamente el eco. Minutos después, terminado el dia, anclamos en Caracolí, lugar entonces del desembarque para entrar a Honda.


-> http://www.lablaa.org/blaavirtual/letra ... indice.htm -> El viaje de Edouard André por Eduardo Posada
Auf der gleichen Site gibt es noch jede Menge weitere Illustrationen, u.a. auch von Riou, zu sehen, z.B. auch diese weitere Ansicht des Dampfers "Simón Bolívar":
-> http://www.lablaa.org/blaavirtual/letra ... indice.htm -> El vapor de Simón Bolívar en el Magdalena


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 Betreff des Beitrags: Re: In Kolumbien
BeitragVerfasst: 23.1.2005, 19:55 
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Registriert: 12.5.2004, 23:06
Beiträge: 274
Hallo zusammen!
Hallo ThomasS!

Thomas Schwettmann hat geschrieben:
Ein interessanter Aspekt dieser kurzen Skizze ist etwa, daß diese gegenüber dem Originaltext von Edouard André anscheinend ziemlich bearbeitet bzw. gekürzt wurde. Ob dieses eigens für diesen Abdruck geschah oder ob die Textfassung schon aus einem anderen Abdruck übernommen wurde, läßt sich ohne weitere Nachforschungen natürlich nicht sagen, ein Auszug aus einer vollständigen Übersetzung des André-Textes hätte aber jedenfalls - selbst wenn dieser ähnlich stark eingekürzt wäre - wohl die Sicht des originalen Ich-Erzählers beibehalten. Insofern spricht schon etwas dafür, daß der Auszug speziell für den Hausschatz-Abdruck eingekürzt worden sein könnte.

Danke für den Text.

Aber eine Frage hätte ich: Inwiefern sollte die Erzählperspektive speziell beim Hausschatz anders sein? Ich kann jetzt nicht nachvollziehen, warum für den Hausschatz anders gekürzt bzw. bearbeitet werden sollte.

Grüsse

Sandhofer


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 Betreff des Beitrags: Re: In Kolumbien
BeitragVerfasst: 23.1.2005, 21:21 
Hallo Sandhofer!

Sandhofer hat geschrieben:

Aber eine Frage hätte ich: Inwiefern sollte die Erzählperspektive speziell beim Hausschatz anders sein? Ich kann jetzt nicht nachvollziehen, warum für den Hausschatz anders gekürzt bzw. bearbeitet werden sollte.


Nun, ich habe bislang nicht recherchiert, ob Andrés Buch damals in deutscher Fassung erschienen ist. Wenn ja, ist jedenfalls davon auszugehen, daß dabei höchstwahrscheinlich nicht die Erzählperspektive verändert wurde. Mit anderen Worten, ein Satz wie auf welchem André die Fahrt nach Honda unternahm sollte dort so nicht vorkommen, allenfalls auf welchem ich die Fahrt nach Honda unternahm. Auch wenn ich nun kein Spanisch verstehe, sondern allenfalls mein eingerostetes Schullatein zur Bewertung heranziehen kann, so glaube ich doch, daß en mi vida darauf verweist, daß André seine Textfassung tatsächlich in der ersten Person verfaßt hat. Daraus folgt also, daß irgendjemand die Erzählperspektive in dem Textauszug geändert hat. Warum aber sollte dieses in einer reguläre Übersetzung des gesamten Textes erfolgt sein? Deshalb halte ich es also für wahrscheinlich, daß der Textauszug tatsächlich eigens für den Hausschatz-Abzug bearbeitet wurde. Ob die Verkürzungen auch teil dieser Bearbeitung war, oder schon in einer möglichen vorherigen Übersetzung des Volltextes zu finden sind, ist natürlich eine andere Frage, die man ohne weitere Recherche nicht beantworten kann.

Viele Grüße
Thomas


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