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 Betreff des Beitrags: Karl May und Henry W. Longfellow
BeitragVerfasst: 16.5.2004, 10:41 
Während seiner Amerikareise besuchte Karl May mit seiner Frau am 21. September 1908 das Wohnhaus des berühmten amerikanischen Dichters
Henry W. Longfellow (1807-1882) in Pittsfeld auf ihrem Ausflug zum Mount Lebanon. Dieser Besuch muß Karl May sehr beeindruckt haben.

Literaturexperten gelangen daher auch zu der Auffassung,. daß in "Winnetou IV" bei den Ereignissen am Mount Winnetou der Einfluß Longfellows auf Mays Arbeit spürbar ist.

Aber nur in "Winnetou IV"?

1893 schreibt Karl May direkt für die Fehsenfeld-Ausgabe den "Winnetou I". Interessant ist dabei die Feststellung, daß Winnetou, als er den gefangenen Scharlih auf dem Krankenlager im Pueblo besucht, Longfellows "Hiawatha" in Händen hat.

Dies führt bei mir zu der Erkenntnis, daß May den Dichter Longfellow und sein Werk, zumindest aber dessen "Hiawatha" schon 1893 gekannt haben muß und es stellt sich für mich die Frage, inwieweit hat Longfellow auf Mays Schaffen allenthalben Einfluß genommen, insbesondere auch auf die Entwicklung der Winnetou-Figur.

Viele Grüße
Kurt


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 19.5.2004, 13:37 
Hallo Kurt!

Ich habe ja Longfellows 'Song of Hiawatha' vor über 25 Jahren zum erstenmal nicht etwa wegen Karl Mays Erwähnung gelesen, sondern weil der Musiker Mike Oldfield Auszüge aus diesen Epos als Texte für seine 'Incantations'-Aufnahme benutzte -> Part II: By the shores of Gitche Gunee, By the shining Big-Sea-Water (...) [aus: XXII: Hiawatha's Departure], Part IV: Can it be the sun descending O'er the level plain of water? (...) [aus: XII: The Son of the Evening Star]

Bezüglich Karl Mays Werk vermag ich aber keine deutlichen Parallelen zu der Figurenkonzeption Winnetous oder zur Handlung in den nordamerikanischen Erzählungen Mays vor der Jahrhundertwende sehen. Da wäre allenfalls die Veredelung Winnetou bis hin zu 'Weihnacht', aber zum Propheten göttlichen Ursprungs wie Hiawatha hat es der Apache nun doch nicht gebracht. Longfellows Indianerepos - das übrigens auch auf echten indianischen Quellen beruht - erzählt ja zudem aus alten Zeiten vor der Invasion der Weißen. Dabei wird die Vision vom Frieden unter den verschiedenen Indianerstämmen beschworen, und es wohl gerade dieser Aspekt, der in 'Winnetou IV' an Longfellows Song denken läßt.

Natürlich hat Winnetou auch den typisch persönlich-tragischen Hintergrund, der solche Heils-Figuren wie auch Hiawatha auszeichnet: Hiawathas Mutter stirbt bei der Geburt, er wächst bei der Großmutter auf, einen Großvater oder einen Vater gibt es nicht und schließlich stirbt seine junge Frau im strengen Winter. Bei Winnetou wissen wir praktisch nichts über seine Mutter, außer daß sie zum Zeitpunkt von 'Winnetou I' tot ist, dann stirbt bekanntlich noch sein Vater und seine Schwester, und die angesichts der Neuinterpretation der Winnetou-Figur doch etwas inkongruente Liebesgeschichte um Ribanna mit dem Schwur 'Diese oder Keine' sorgt zudem noch dazu, daß Winnetou auch keine Erfüllung in einer Liebesbeziehung zu einer Frau findet. Bedenkt man dazu noch das Ende, wo sich Winnetou im Angesicht des Todes noch schnell zum Christen bekennt, und vergleicht dies mit dem letzten Teil des 'Hiawatha'-Epos, indem ziemlich verklärend von der Ankunft eines - nach Hiawathas vorheriger Vision gottgesandten - christlichen Missionars erzählt wird, der an die Stelle des Indianers treten wird, welcher seiner geliebten Frau ins Land der Toten folgen wird; dann könnte man schon gewisse Parallelen zwischen den beiden Indianerfiguren zu erkennen glauben.

Allein scheint mir diese Art der Figurenzeichnung doch eher archetypischen Charakters zu sein, als daß da eine direkte Beeinflußung nötig wäre. Eindeutige Parallelen wie die Übernahme von Charakteren, Namen oder Handlungselementen gibt es jedenfalls nicht. Denn die mitunter märchenhafte, romatische, zuweilen auch tragische Welt der in enger Verbindung mit der Natur lebenden Indianer scheint mir doch wenig Gemeinsamkeiten mit Mays 'Dark and Bloody grounds' zuhaben. Erinnert mich eher an Wickedes 'Sagen und Legenden vom Mississippi' aus dem 'Im fernen Westen'-Buch.

Viel Grüße
Thomas


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