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 Betreff des Beitrags: Die Todeskarawane
BeitragVerfasst: 18.3.2006, 2:36 
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*

Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich und daß die Hand nach dem Dolche zuckte; aber es gelang mir, mich zu bezwingen.

»Nimm das Wort wieder zurück,« antwortete ich kalt, indem ich mich erhob.

Ich gab Halef einen Wink und schritt dann der Stelle zu, wo der gefangene Scheik mit dem Kohlenbrenner lag. Dort setzte ich mich nieder. Keine Minute später saß auch der Engländer bei mir.

»Was gibt es, Master?« frug er. »Zounds, Ihr habt ja Wasser im Auge! Mensch, sagt mir, wen ich erschießen oder erwürgen soll!«

»Den, der diesen Gefangenen anzutasten wagt.«

»Wer ist es?«

»Die Haddedihn. Scheik Mohammed warf mir vor, daß ich undankbar sei. Ich habe ihm den Rappen wiedergegeben.«

»Den Rappen? Seid Ihr verrückt, Master, ein solches Thier zurückzugeben, nachdem es Euer festes Eigenthum geworden war. Aber ich hoffe, daß es sich noch ändern läßt!«

Da kam Halef herbei, zwei Pferde führend; das eine war das seinige, und das andere war das überzählige, welches ich den Bebbeh genommen hatte. Es trug mein Sattelzeug, welches Halef dem Rappen abgenommen hatte. Auch meinem kleinen Hadschi stand ein Tropfen im Auge, und seine Stimme zitterte, als er sagte:

»Du hast recht gehandelt, Herr. Der Scheïtan ist in die Haddedihn gefahren. Soll ich die Peitsche nehmen, um ihn wieder auszutreiben?«

»Ich verzeihe ihnen. Laßt uns aufbrechen!«

»Sihdi, was thun wir, wenn sie den Bebbeh tödten wollen?«

»Wir schießen sie augenblicklich nieder.«

»Das ist mir recht und lieb! Allah steinige diese Schurken!«

*

Das ist eine der atemberaubenden Szenen aus der „Todeskarawane“, dem ersten Teil des wunderbaren Buches „Von Bagdad nach Stambul“, für mich eines der allerbesten von Karl May, das sich im wesentlichen aus den Erzählungen „Die Todeskarawane“, „In Damaskus und Baalbek“ sowie „Stambul“ zusammensetzt. Die letzten Zeilen mit dem Niederschießen und Steinigen fehlen übrigens auch in der neuesten, rückbearbeiteten Bamberger Fassung nach wie vor, dem Leser soll offenbar nicht allzu bewusst werden, dass es einen Menschen anlässlich von Ungerechtigkeit und blindwütiger Halunkerei gelegentlich jucken kann, seinem Gegenüber zumindest die Faust ins Gesicht zu schlagen.

Um die Todeskarawane geht es eigentlich erst auf den letzten ca. 50 Seiten der ersten Erzählung, die im HKA-Band an die 300 Seiten umfasst. Eine Atmosphäre von Unheil, Bedrückung, ein ungutes Gefühl herrscht von Anfang an. Die Sache mit den Leuten, mit denen es man da zu tun hat und die einen in unerquickliche Verwicklungen bringen, erinnert ein bisschen an die Massaban im „Silberlöwen“.

Zwischendrin kommt dann allerdings auch mal der Humor denn doch nicht ganz zu kurz. Der Besuch bei Allo dem Köhler ist teilweise schon sehr komisch, und bei „Reh, Mehl, Salz - Alles!“ (der Erzähler wiederholt Lindsays Worte, mit denen der ausdrücken wollte, man habe doch alles, um Pudding zuzubereiten) habe ich Tränen gelacht.

Solidarität kommt im Laufe der Erzählung vornehmlich von Tieren, Hund und Pferd nämlich. So heißt es denn an einer Stelle auch

»Allah akbar - Gott ist groß!« meinte Halef; »er gibt einem Pferde ein besseres Herz, als viele Menschen es haben.«

Mit den Menschen hat es der Erzähler zur Entstehungszeit dieses Textes offenbar nicht so (schon Walter Ilmer wies mit Recht darauf hin, dass der Text offenbar die Spiegelung einer sehr schlimmen Zeit in Karl Mays Leben ist), eine hübsche Stelle wie »Weil ich Deine Art und Weise kenne, Sihdi, Dir immer einen Ort zu suchen, wo Du nicht gesehen wirst und dennoch Alles sehen kannst« könnte man, spielerisch, auch in die Richtung deuten (solche Orte wären bei Veranstaltungen schön, sind aber da oft schwer realisierbar).

Die Ehefrau in Sachsen konnte das wohl nicht geben, was er sich in Gestalt des Hadschi Halef erschafft:

„Da saß ich nun in stiller Nacht, und das Herz wurde mir groß und weit unter der Gewißheit, die Liebe eines Menschenkindes zu besitzen, eines Menschenkindes, dem auch meine Zuneigung gehörte. Wie glücklich muß ein Mann sein, der eine stille Heimat hat, die unerreicht ist von der Brandung der Schicksalswogen, ein Weib, dem er vertrauen darf, … !“

Auch über zu Herzen gehendes Heimweh lesen wir:

„Wer doch mit der Sonne ziehen könnte! Wer ihr doch folgen könnte weit, weit fort zum Westen, wo ihre Strahlen noch voll und warm die Heimat beleuchteten! Hier auf der einsamen Höhe streckte das Heimweh seine Hand nach mir aus, das Heimweh, welchem in der Fremde kein Mensch entrinnen kann, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt.“

Die Stelle geht ans Gemüt (wenn man denn eins hat).

Der Pole und sein Diener treten ein erstes Mal auf, später begegnen wir ihnen noch in Silberlöwe I, II und IV.

Dann ereilt unseren Helden die Pest, eine solche emotionaler Art dürfte es wohl in seinem realen Leben gewesen sein. Er stirbt fast, und zwar am Turm zu Babel, auch das sicherlich kein Zufall und von symbolischer Bedeutung. Die schöne Benda muß schon hinüber, in die „Stadt der Klarheit und Wahrheit“.

„Brauchte ich mich der Thränen zu schämen, welche mir über die Wangen rannen?“ fragt der Ich-Erzähler anlässlich der Leichenrede Halefs für die gefallenen Freunde, und angesichts dessen, was da vorher zwischen Ich-Erzähler und Halef abging, als der eine den anderen, weil selber an Pest erkrankt, wegschicken will, der andere aber bleibt, kann ich mich diesen Worten nur anschließen.

Karl May ist und bleibt für mich auf seine Art der größte Autor, den ich kenne (und das sind nicht wenige).


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BeitragVerfasst: 27.3.2006, 22:01 
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Hallo Rodger, nur ganz kurz [Edierung: und natürlich an dieser Stelle stellvertretend für die anderen Postings], weil die Zeit zu nächtlicher Stunde wieder einmal nicht stehenzubleiben geruht:
Schön, diese kurzen Darstellungen, Wertungen und Hinweise, was geändert wurde, was nicht wieder eingefügt wurde, und wo, warum und wann Karl May besonders gefallen kann - oder auch nicht.

Danke für die Mühe, die mich hier einfach weiter lesen lässt....

_________________
Mit freundlichen Grüßen,

Ralf Grosskurth


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BeitragVerfasst: 28.3.2006, 12:07 
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Lieber Herr Grosskurth,

Dankeschön; das ist erfreulich, doch noch einmal so etwas wie Resonanz zu bekommen.

Ich werde allerdings zukünftig nun auch in diesem Forum mich mit Beiträgen sehr zurückhalten, da offenbar auch hier nur noch stromlinienförmiges Wischiwaschi erwünscht ist und freie Meinungsäußerung torpediert wird, indem Beiträge beliebig in ganz unpassende Bereiche verschoben werden (Thread zum "Wiki" jetzt unter "Saloon").

Trotz aller vereinten Bestrebungen, aus dem Thema Karl May so etwas wie Fast-Food für jedermann zu machen (mittlerweile zum Teil auch offiziell seitens der KMG), gibt noch ein paar Menschen in Sachen Karl May, mit denen zu beschäftigen es sich lohnt, Wollschläger, Wohlgschaft, Schmiedt. Viel mehr werden es wohl nicht sein. Lesen wir die, das reicht eigentlich völlig.

Mit besten Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 28.3.2006, 16:24 
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Beiträge: 524
rodger hat geschrieben:
Trotz aller vereinten Bestrebungen, aus dem Thema Karl May so etwas wie Fast-Food für jedermann zu machen (mittlerweile zum Teil auch offiziell seitens der KMG), gibt noch ein paar Menschen in Sachen Karl May, mit denen zu beschäftigen es sich lohnt, Wollschläger, Wohlgschaft, Schmiedt. Viel mehr werden es wohl nicht sein. Lesen wir die, das reicht eigentlich völlig.


Die KMG? Inwiefern denn dieses?


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