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 Betreff des Beitrags: In Damaskus und Baalbek
BeitragVerfasst: 20.3.2006, 16:23 
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Dieser Text entspricht dem in originalen Ausgaben unter dem Titel „In Damaskus“ enthaltenen sechsten Kapitel der Buchausgabe „Von Bagdad nach Stambul“. Er erschien als separate Erzählung einst im „Deutschen Hausschatz“ und lässt sich so auch gut lesen, fügt sich andererseits nahtlos an „Die Todes-Karavane“ an und findet seine Fortsetzung in „Stambul“.

Nach überstandener Pest besucht man die Haddedihn, und siehe da, Kara Ben Halef ist geboren, neues Leben blüht, gleichsam, aus den Ruinen. Als man Halefs Stamm wieder verlässt, schreibt der Ich-Erzähler, „Halef auf kurze Zeit, ich aber für lebenslang“. Das sollte gottlob eine Fehleinschätzung bleiben, zig mal war er später noch dort. (Interessant ist, dass er eine spätere ähnliche Stelle für die Buchausgabe korrigiert hat, in der Zeitschriftenfassung wirft er einen „letzten“ Blick auf Damaskus, in der Buchausgabe „den letzten für jetzt“).

Es gibt reichlich Geschichtliches, schon zu Beginn des Textes, und dann auch wieder bei der Ankunft in Damaskus; in einem Geschichtsbuch würde mich das langweilen, Karl May aber könnte ich stundenlang zuhören. Selbst wenn er über weite Strecken nahezu abgeschrieben haben mag, aber irgendwie lässt er doch seinen ganz persönlichen „Odem“ einfliessen.

Und dann folgt in Damaskus diese ganz unvergleichliche Nummer mit dem Pianoforte, es ist herrlich, wie er solche Sachen schildert. Diese Lebensfreude, dieser Humor, dieser Charme. Als er so richtig in Fahrt kommt und die beiden Engländer ein Tänzchen wagen lässt, bricht er leider ziemlich unvermittelt ab, das ist sehr schade, man hat fast den Eindruck, da habe ihm gerade der Verleger geschrieben, nun aber voran mit der Handlung.

Auch die Bemerkung des Gastfreundes über den Vorbesitzer des Klaviers: »Sein Weib hatte Musik gemacht, war aber gestorben. Er schlug es mit den Fäusten und das gefiel ihm sehr, denn er lachte dazu« ist in ihrer beredten Verschwiegenheit sozusagen unbezahlbar. Schön, dass es nach einem Intermezzo in der Stadt dann auch noch eine zweite Passage des Klavierkonzertes gibt.

Herrlich diese Kirmesbude mit dem „abgejagten Sopran“, Heimat in der Fremde, Exotik und Geborgenheit. Das ist so intensiv geschildert und erlebt, man meint, im Zelt mit dabei zu sitzen. Und auch „Wenn sich zwei Herzen scheiden“ ist wieder dabei.

Und wieder ein abrupter Einschnitt, Abrahim Mamur taucht auf, es heißt, wieder in Abenteuer abzutauchen bzw. zu ihnen aufzubrechen. - Und auf der Weiterreise wieder mehrmals die Erwähnung Abels, mit dem hat er, ich hätte fast gesagt, „was am Hut“, auch später in Band 6 vor Rihs Tod wird er exponiert erwähnt.

Die Begleitenden wollen nicht so recht voran, nur für zusätzliches Geld, sie lassen ihn hängen, unseren Erzähler, der hier nach herzerfrischend lebensfrohen Episoden wieder von seinen aus der „Todes-Karavane“ bekannten trüben Betrachtungsweisen der Dinge eingeholt wird, so ist das halt mit den Menschen, immer wieder enttäuschen sie einen. Nein, sonderlich gut ging es ihm zur Zeit der Entstehung dieses Buches offensichtlich nicht.

Sir David Lindsay, treuer Begleiter und Freund über eine stattliche Anzahl von Büchern, galt schon als tot, auch der Erzähler hatte ihn offensichtlich schon sterben lassen, aber, „davon geht die Welt nicht unter, die wird ja noch gebraucht“, und auch Lindsay wird noch gebraucht, und siehe da, da ist er wieder. Entsprechend fällt das zigste Wiedersehen, jedes mal aufs neue wieder reizvoll, diesmal besonders herzlich und rührend aus. Und lässt an Schillers „Jetzt gib mir einen Menschen …“ denken.

Und dann taucht auch Abrahim Mamur wieder auf, eindrucksvoll, in den dunklen Ruinen von Baalbek, da ist wieder die gleiche Aura und Ausstrahlung, wie wir sie schon aus „Durch die Wüste“ kennen, irgendwie auch faszinierend, dieser Mann. Und verstehen kann man ihn auch.

„Du nahmst mir Güzela, durch welche ich ein besserer Mann geworden wäre. Du hast mich wieder zurückgeschleudert in die Tiefe, aus welcher ich mich erheben wollte;“

Wirklich atemberaubend, wegen ihrer Symbolik bzw. ihres autobiographischen Bezugs, ist dann die Stelle, als in der bedrückenden langen Szene in den nachtfinsteren Gängen, als Abrahim Mamur und Ich-Erzähler sich belauernd umeinander herumschleichen, letzterer den ersteren dann ANHAND DES TICKENS SEINER TASCHENUHR, die der Groß-Verbrecher ihm abgenommen hat, kommen hört (!!). Das war mir bislang nicht aufgefallen, bei erneutem Lesen blieb mir der Mund offen stehen.

Und dann steigt er im Finstern über den Uhrendieb hinüber („Es war ein höchst kritischer Augenblick“) und gelangt nach diesem alptraumhaften Erlebnis schließlich ins Freie („Gott sei Dank! Ich war befreit!“).

Die Stelle, wo Lindsay entnervt sagt, „Hier gibt es keinen klugen Menschen mehr !“, und der Ich-Erzähler nur lakonisch „Das schien mir auch so“ zu Papier bringt, kann ich auch immer wieder mal gut nachvollziehen.

Über Stock und Stein, „ohne Ruh und Rast“ verfolgt man den Verbrecher, „Ich hatte mir diese Reise über das berühmteste Gebirge der christlichen Erde ganz anders gedacht“, aber am Ende muß man ihn laufen lassen. Wie so oft bei Karl May. Und so sehr er sich auch bemüht, gewaltigen Ärger und schlechte Laune über das Entkommen Mamurs vorzutäuschen, die Szene mit dem abfahrenden Schiff am Mittelmeer „in herrlicher Bläue“ wirkt durch und durch nur schön.

Den Text, der sich, wie gesagt, auch sehr gut separat lesen lässt, nehme ich mir immer wieder mal gerne vor, enthält er doch mit dem Aufenthalt in Damaskus ein absolutes „Highlight“.


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