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 Betreff des Beitrags: Skipetaren - Beobachtungen bei Vergleichslesung
BeitragVerfasst: 22.6.2006, 11:17 
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„Übrigens ist der Distelkönig wirklich keine fabelhafte Pflanze“, heißt es bei Karl May in „Durch das Land der Skipetaren" in der merkwürdigen Episode um eben diese Pflanze. Gemeint ist natürlich, es ist keine Fabel, es gibt sie. In der Bearbeitung steht „Übrigens ist der Distelkönig wirklich eine fabelhafte Pflanze“ (S. 31), „eine“ statt „keine“. Auch das macht, mit viel gutem Willen, noch einigermaßen Sinn, in der Bedeutung „eine tolle Sache“ etwa, was allerdings an dieser Stelle einfach nur unpassend platt klingt und eben auch nicht gemeint ist. Wollen wir hoffen, dass das ein Druckfehler ist und keine bewusste Bearbeitung, es wäre sonst wirklich zu blöd.

(Fortsetzung folgt)


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BeitragVerfasst: 22.6.2006, 17:47 
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Original:

Dann ließ ich mir die Gefangenen zeigen. Sie befanden sich in einem kellerartigen Raum und waren gebunden.
Ich sagte ihm, daß dies eine unnütze Quälerei sei; er aber meinte, daß man mit solchen Burschen gar nicht streng genug verfahren könne, und er werde während der Nacht sogar einen seiner Knechte als Wächter vor die Thüre stellen.
Ich fühlte mich also über die Sicherheit der Gefangenen ganz beruhigt und dachte wirklich nicht, daß er sie jetzt nur deshalb gebunden habe, weil zu erwarten war, daß ich kommen werde, um nach ihnen zu sehen.

GW:

Dann ließ ich mir die Gefangenen zeigen. Sie befanden sich in einem kellerartigen Raum und waren gebunden. Ich fühlte mich also über die Sicherheit der Gefangenen ganz beruhigt. (S. 33)

Original:

»Ata binin schejtanile, jutylyn nenesinadan - reitet zum Teufel, und werdet gefressen von seiner Großmutter! Koschyniz bana kambur üzerinde, on kerre jokarija hem jirmi kerre aschagha - lauft mir nach dem Buckel, zehnmal hinauf und zwanzigmal hinab!«
Er hatte sich in einen solchen Zorn hineingeredet, daß er ihnen noch nachrief:
»Siz haidudlar, öldürüdschülar, kundakdschylar, derisini tschykarmakdschilar, dar adschadschy ipleri - Ihr Räuber, Ihr Mörder, Ihr Mordbrenner, Ihr Schinder, Ihr Galgenstricke Ihr!«

GW:

»Reitet zum Teufel und werdet gefressen von seiner Großmutter, ihr Räuber, ihr Mörder, ihr Mordbrenner, ihr Schinder, ihr Galgenstricke Ihr!« (S. 41)

Original:

kam von der andern Seite, wo der Weg mündete, der Kodscha Bascha herbeigelaufen. Dieser Titel ist übrigens ein sehr eigenthümlicher für einen Stadtrichter oder Bürgermeister, denn er bedeutet, wörtlich übersetzt: >Oberhaupt der Ehemänner<.
Als dieses Oberhaupt uns erblickte …

GW:

kam von der andern Seite, wo der Weg mündete, der Kodschabaschi herbeigelaufen. Als er uns erblickte … (S. 42)

Original:

Längs der einen Wand lag ein langes Polster für diejenigen Personen, welche beliebten, sich nach orientalischer Weise zu setzen.

GW:

Längs der einen Wand lag ein langes Polster. (S. 53)

Original:

Der >Anwalt des Staates< folgte mir nach,

GW:

Der Staatsanwalt folgte mir nach, (S. 60)

Original:

»O Allah! Das ist eine schwierige Frage. Ich möchte über dieselbe weiter berichten.«
»Das ist nicht nöthig. Deine Gerechtigkeit reicht aus, um diese Frage zu beantworten.«
»So will ich es mir überlegen.«
»Dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust. Ich gebe zu, daß der Kaftan zerrissen worden ist, und - -«
»O,« unterbrach er mich, »Du gibst es zu? So sind wir ja fertig, Du bezahlst ihn.«
»Warte noch! Ich frage Dich: Ist das Stück aus dem Kaftan gerissen worden, oder ist der Kaftan von dem Stück weggerissen worden?

GW:

»O Allah! Das ist eine schwierige Frage. Ich will es mir überlegen.«
»Dazu habe ich keine Zeit und auch keine Lust. Ich frage Dich: Ist das Stück aus dem Kaftan gerissen worden oder ist der Kaftan von dem Stück weggerissen worden? (S. 65)

Original:

Im nächsten Augenblick saß Halef auf dem Rand meines Bettes.
»Was machst Du denn, Kleiner?« fragte ich.

GW:

Im nächsten Augenblick saß Halef auf dem Rand meines Bettes.
»Was machst du denn da ?«, fragte ich. (S. 76)

Original:

»Ich bin nur ein armer, geringer, dummer Ben Arab und Du bist der Würdigste der Würdigen; aber dennoch mußt Du mir erlauben, daß mein Mund Deine Lippen berührt, die mir eine so frohe Botschaft verkündigt haben. Wenn ich Dir keinen Kuß gebe, zerplatze ich vor Entzücken!«
»Na, Halef, zerplatzen sollst Du nicht; bist Du doch nicht zerplatzt, als Du Messer, Bajonnete, Pulver und Zündhölzer gegessen hattest.«
»Nein, zerplatzt nicht, aber einen innerlichen Krach hat es gegeben,« rief er, lustig lachend. Dann fühlte ich seinen Bart, sechs Haare rechts und sieben links, über meinen Schnurrwichs streichen. Sein Respekt war so tief, daß er einen eigentlichen Kuß gar nicht wagte. Ich drückte den guten, herzensbraven Kerl fest an mich und applicirte ihm einen kräftigen, deutschen >Schmatz< auf die Wange, worüber er nicht etwa vor Wonne außer Rand und Band gerieth, sondern er fuhr empor und stand dann mäuschenstill vor mir, bis ich fragte:
»Nun, Halef, reden wir nicht weiter?«
»O Sihdi,« antwortete er, »weißt Du, was Du gemacht hast? Geküßt hast Du mich, geküßt!«
Dann hörte ich ihn einige Schritte thun und in seinen Sachen herumsuchen.

GW:

»Ich bin nur ein armer, geringer, dummer Ben Arab und du bist der Würdigste der Würdigen; darum will ich …« Er schwieg. Dann hörte ich ihn einige Schritte tun und in seinen Sachen herumsuchen. (S. 77)


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BeitragVerfasst: 24.6.2006, 8:27 
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Wenn man das so in Reihung präsentiert bekommt, muss man sich in der Tat die Frage stellen, ob das überhaupt noch May ist, was die GWB da verkauft. Die Diskussion ist zwar nicht neu, eine komplette Gegenüberstellung von Original und Bearbeitung (zumindest bei den Reiseerzählungen) ist aber nach wie vor ein Desiderat.
Meine Frage zu der Reihung: Auf welche Auflage der GWB bezieht sich deine Vergleichslesung? Hat es da beim o.g. Band eine neue Auflage gegeben, oder ist das der herkömmliche Band (meiner ist aus den 50ern)?
Gruß,
Joshua


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BeitragVerfasst: 24.6.2006, 9:20 
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Es handelt sich um die neueste, in Richtung Originalfassung rückbearbeitete Ausgabe.
Siehe auch Threads „Appetitliches vom Balkan“ / "Gestrichenes vom Balkan".
Der KMV auf seiner Internetseite unter „Text- und Bildrevisionen“:

"Die Bände 1-9 der Gesammelten Werke, also der sechsbändige Orient-Balkan-Zyklus und die "Winnetou"-Trilogie, wurden in den vergangenen Jahren in der Textgestalt der blauen Jubiläumsausgabe von 1962 neu in Druck gegeben. Diese Fassung orientiert sich weitgehend am Text der Fehsenfeld-Bände, etliche nach heutigem Empfinden zu starke Bearbeitungen früherer Jahre wurden dabei getilgt und die alte Form der Erzählungen wieder hergestellt. Modernisierungen und kleinere stilistische Verbesserungen sowie die Abhilfe bei logischen, geografischen, chronologischen Irrtümern etc. blieben erhalten."

*

Auch dass Kara Ben May, wenn es denn zweckdienlich erscheint, schon mal zum eher ungefälligen Mittel der Tierquälerei greift, erfährt der Leser der grünen Bände nur in abgeschwächter Form. Im Original heißt es in der Aladschy-Episode:

„Ich hatte einen sehr hohen, auf der einen Seite ziemlich spitzen Kragenknopf in der Tasche. Diesen zog ich unbemerkt hervor. Dann that ich, als ob ich meinem bei den Schecken angebundenen Pferd zur Bequemlichkeit den Sattelgurt lockern wolle, schnallte ihn aber viel fester als vorher, so fest, als ich es nur vermochte, und steckte vorher den Knopf unter den Sattel, so daß seine Spitze auf den bloßen Leib des Pferdes zu liegen kam. Der Knopf mußte dem Pferd Schmerzen bereiten.“

In der Fassung der GW ist der Einschub „so fest, als ich es nur vermochte“ gestrichen, und von Schmerzen ist auch nicht die Rede, sondern davon, der Knopf müsse dem Pferd „lästig sein“.

Wie schrieb doch der herrliche Helmut Schmiedt an anderem Ort in einer Buchbesprechung zu Band 76 (zur eingearbeiteteten Rehabilitierung Auguste Beyers): "Wieder einmal ist Ardistan schöner geworden".

;)


Zuletzt geändert von rodger am 25.6.2006, 11:36, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 25.6.2006, 11:35 
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Allzu kalt im gedanklichen Umgang mit seinen Mitmenschen, selbst wenn es „die Bösen“ sind, darf der Ich-Erzähler in der GW-Fassung auch nicht sein:

Mit meinem so vielschüssigen Stutzen war ich ihnen überlegen. Ich konnte gemächlich auf der Erde sitzen bleiben und sie niederschießen. (Original)

Mit meinem so vielschüssigen Stutzen war ich ihnen überlegen. (GW, S. 246)

Und auch ein zynischer Scherz ist ihm nicht erlaubt:

»Ich muß aber auch dahin kommen, um Bericht zu erstatten. Und Ihr müßt auch mit - als Zeugen oder Ankläger.«
»Das tun wir gern.«
»Ja, Ihr verlaßt dann diese Gegend; mich aber werden die Freunde des Alten kalt machen.«
»So wird es Dir vielleicht warm dabei, und das ist auch nicht übel.«

(Original; in GW Band 5 auf S. 258 gestrichen)

Übrigens entspricht der Band tatsächlich über weite Strecken dem Originaltext, nur muß man halt immer wieder mit solchen kleinen Änderungen und Streichungen leben, und das finde ich persönlich schon als unnötig und ärgerlich, zumal es sich weder um die zitierten Modernisierungen, noch um stilistische Verbesserungen (?!) oder logische, geografische oder chronologische Irrtümer handelt.


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BeitragVerfasst: 30.6.2006, 9:31 
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Manchmal sind die Textänderungen allerdings immer noch, ich mag es nicht anders sagen, dämlich, oder sagen wir doch etwas salonfähiger, unüberlegt. Im Kapitel „In Wassersnot“ heißt es im Original:

»Soll ich hinabreiten und ihm eins auf die Nase geben, wenn er aus dem Wasser kommt?« fragte der Hadschi.
»Nein, er wird genug Angst ausgestanden haben. Das ist hinreichend für ihn.«
»Aber er allein trägt die Schuld, daß Du in das Wasser springen mußtest!«
»Das ist kein Grund, ihn totzuschlagen.«

Im grünen Band steht an der Stelle nichts von Totschlagen, sondern „Das ist kein Grund, ihn zu schlagen“ (S. 494). Offenbar um zu kaschieren und zu verharmlosen, was Halef ziemlich klar ersichtlich gemeint hat. Der Text ist mit dieser Änderung allerdings ziemlich absurd, da gerade in diesem Buch beide „Helden“ ständig in schwer erträglicher Großmannssucht meinen, sich mit der Peitsche Respekt verschaffen zu müssen, und unmittelbar vorher Halef einen Fährmann mit der Peitsche geschlagen hat, nur um ihn zu größerer Eile zu veranlassen.


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BeitragVerfasst: 3.7.2006, 0:48 
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Joshua hat geschrieben:
(...) eine komplette Gegenüberstellung von Original und Bearbeitung (zumindest bei den Reiseerzählungen) ist aber nach wie vor ein Desiderat (...)


warum dies? literaturwissenschaftlich ist doch eh nur der (möglichst) unbearbeitete may interessant.


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BeitragVerfasst: 3.7.2006, 17:15 
Das ist ein Irrtum. Im Sinne der Literaturwissenschaft sind auch bearbeitete Texte interessant, läßt sich hieraus doch eine ganze Menge über die Zeitumstände und die Motivation der Bearbeiter ableiten. Eine gründliche Untersuchung der Bearbeitungen steht immer noch aus.


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