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 Betreff des Beitrags: Fürstenspiegel von Karl May in Ardistan und Dschinnistan
BeitragVerfasst: 16.12.2009, 23:56 
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Nach dem Lexikon sind

Fürstenspiegel, Schriften mit Anweisungen für das Verhalten von Fürsten, auch als idealisiertes Lebensbild eines bestimmten Herrschers verfasst. Berühmte Fürstenspiegel sind: Xenophons „Erziehung des Kyros“ 362 v. Chr., Machiavellis„ Il principe“, gedruckt 1532, Friedrichs des Großen Antimachiavell 1740 u. a.

In dieser Aufzählung fehlen natürlich viele andere Beispiele. Bei Wieland könnte man vieles dazu finden.
Es fehlt aber auch Karl May. Das ist mir bei der Wiederlektüre von Ardistan und Dschinnistan aufgefallen.
Ich denke dabei an diese Stelle aus dem Mir von Dschinnistan:

Da zürnte er:
"Wie fürchterlich aufrichtig Ihr doch alle seid! So plötzlich! So mit einem Male!"
"Ich bin es stets!"
Wieder sah er mich an.
"Ja, Du! Du warst es ja sofort, als Du zum ersten Male zu mir sprachest!" Und auf die Stelle gerade vor sich deutend, forderte er mich auf: "Setze Dich! Hierher!"
Ich gehorchte dieser Aufforderung und ließ mich ihm gegenüber nieder. Als ich das getan hatte, sage er:
"Ich bitte Dich, als vollständig wahr anzunehmen, was ich Dir jetzt versichere! Ich habe niemals auch nur einen Augenblick lang geglaubt, der herzlose, grausame Wüterich zu sein, als den ich mich nun jetzt bezeichnet höre. Ich dachte, niemals Liebe gefunden zu haben, als nur bei meiner Mutter, und selbst diese Mutterliebe ist mir nicht als ein Verdienst erschienen, welches ich ihr anzurechnen habe, sondern als ein angeborener Trieb, dem zu gehorchen, ihre Pflicht gewesen ist. Diese meine Mutter ist das einzige Wesen, welches ich wirklich geliebt habe und auch heut noch liebe, und ich sage Dir in aller Ehrlichkeit, daß ich Wunder geglaubt habe, wie lobenswert ich handle, indem (Seite 228B) ich so viel Dankbarkeit für eine Frau empfinde, die meiner Ansicht nach nur aus Naturzwang handelte, nicht aber aus eigenem, freiem Entschlusse. Mein Vater war ein scharf berechnender, strenger, ja sogar harter Mann, und ich bin keineswegs geneigt, es nun mir als Sünde anzurechnen, daß diese seine Eigenschaften auf mich übererbt worden sind. Hierzu kam bei ihm jene Art von Grausamkeit, die den Nebenmenschen aus Vergnügen oder gar aus Wollust peinigt. Auch ich kann, wie ich nun einsehe, grausam sein, aber nur deshalb, weil ich den gewöhnlichen, niedrig geborenen Menschen für gefühllos halte, für unempfindlich gegen Schmerzen, die uns höheren Naturen unerträglich sind. Wie ein Knabe den Käfer, ein Fleischer sein Schlachttier, ein Jäger sein Wild und ein Lastträger seinen Esel quält, weil er überzeugt ist, daß diese Qual keineswegs als Qual empfunden wird, so bin auch ich der Meinung gewesen, daß meine Strenge eben nur als Strenge, nicht aber als Grausamkeit zu bezeichnen sei, weil es niemanden gibt, dem sie so wehe tut, wie sie mir wehe täte, falls man sie an mir verübte. Ich betrachtete alle diese Menschen, die so tief unter mir stehen, als eine Herde von Schafen, durch deren Wolle kein Hieb zu fühlen ist. Liebkose sie, so blöken sie, und schlage sie, so blöken sie; es ist alles gleich! Führe sie auf die Weide, damit sie fressen können; weiter wollen sie nichts! Umschließe sie des Nachts mit schützenden Händen, damit sie nicht selbst gefressen werden, denn Du bist das einzige Raubtier, das sie, sobald sie fett geworden sind, verzehren soll! Schere sie, so oft Du willst! Dann schlachte sie, und werde warm in ihrem weichen Pelze! Dazu sind sie da, zu weiter nichts; Du aber bist ihr Herr, der 'Mir, der Gebieter! Begreifst Du das, Effendi?"
"Gewiß begreife ich es! Das alles wäre ja auch ganz richtig gewesen, wenn Deine beiden Voraussetzungen richtig gewesen wären!"
"Welche Voraussetzungen?"
"Erstens die, daß der Käfer, das Schlachttier, das Wild und der Esel die Schmerzen weniger fühlen als Du, und zweitens die, daß Du anders, vollkommener, zarter, höher und wertvoller ausgestattet seiest als andere Menschen. Glaube mir: Wenn ich Dich schlachte, so schmeckt Dein Fleisch auch nicht besser als anderes Fleisch, und Deine Knochen ergeben keine delikatere Brühe als andere Knochen. Dein Haupt- und Barthaar ist nicht einmal so nützlich, um auch nur als Pelz verwendet zu werden, und wem es einfiele, aus Deiner Haut einen Schuh, einen Stiefel, einen Sattel oder gar eine Lederhose zu machen, der würde gar bald erfahren, daß sie von jedem Kalbs- oder Ochsenfell übertroffen wird!"
"Effendi! Wagst Du da nicht zuviel?" fiel er da ein.
"Ich wage gar nichts!" antwortete ich. "Wie kann es ein Wagnis sein, daß ich Dir die Augen öffne? Sobald Du sehend wirst, kannst Du nicht zürnen, sondern mir nur dankbar sein! Du hieltest Dich für eine >höhere Natur<, und ich habe Dir bewiesen, daß Du körperlich aus genau denselben Stoffen bestehst, wie jeder andere Mensch und sogar wie jene Schafe, für deren >Herr< und >'Mir< und >Gebieter< Du Dich hältst. Bist Du wirklich mit einem Vorzug ausgestattet, so kann er nur auf geistig-seelischem Gebiete zu suchen sein. Nun bitte ich Dich, forsche nach! Auf welchem geistigen Gebiete hast Du Dich hervor getan? Ich meine, so hervor getan, daß Du verdienst, ein geistiger >'Mir<, ein geistiger >Herrscher<, ein >Fürst des Geistes< genannt zu werden?"
Ich hielt inne, um zu hören, was er sagen werde. Er blieb aber still. Da fuhr ich fort:
"Also auf keinem Gebiete! Du warst kein Gelehrter, kein Dichter, kein Künstler, kein berühmter Theolog, kein Entdecker, kein Erfinder, kein - - -"
"Aber ich war mehr, als das alles," fiel er mir da in die Rede. "Ich war - - - Fürst!"
"Ja, Du warst Fürst; das ist richtig! Aber was für ein Fürst? Womit hast Du verdient, ein Fürst zu sein? Warst Du es durch Dich selbst? Oder wurde Dir dieser Titel genauso übererbt wie die Fehler, die Du vorhin eingestandest, Deine Strenge, Deine kalte Berechnung, Deine Grausamkeit? Was hast Du als Fürst getan? Hast Du Dich vor anderen Fürsten oder auch nur vor andern gewöhnlichen Menschen durch segensreiche, (Seite 229A) beglückende Taten ausgezeichnet? Nenne mir diese Taten! Welche Gesetze hast Du gegeben, um das Wohl Deines Volkes zu heben? Wo sind die Wege, die Straßen, die Schulen, die Hospitäler, die Du bautest? Welche Wüstenfläche hast Du gezwungen, sich in Acker- und Weideland zu verwandeln? In welcher Weise hast Du für die Armen Deines Volkes gesorgt? Wer gibt ihnen Arbeit, und wer gibt ihnen Brot? Wo stehen Deine Kornkammern, Deine Vorratshäuser, die Du öffnen kannst, sobald es Mißernten gibt und die Hungersnot durch Eure Gassen schleicht? Ich weiß, daß die früheren Herrscher von Ardistan gewaltige Bauwerke errichteten, in denen die Saaten und Früchte des Landes in unmeßbaren Mengen aufgespeichert wurden. Wann hast Du Ähnliches getan?"
Hier machte ich eine Pause. Er schwieg auch jetzt. Er saß zusammengedrückt, die Hände über das Knie gefaltet, und hielt den Kopf gesenkt. Ich sah, daß seine Zeit gekommen sei, gehämmert und geschmiedet zu werden, daß sich die Schlacken verlieren möchten, und fuhr also fort:
"Und was hast Du auf seelischem Gebiete getan, um behaupten zu dürfen, Du Betest seiest (Korrektur FR) ein besserer, ein edlerer, ein höherer Mensch als andere? Hast Du überhaupt einmal auch nur den Versuch gemacht, hier etwas Gutes oder gar Ungewöhnliches zu leisten? Wie stand und wie steht es zunächst um Deine eigene Seele? Wie wird sie aussehen, wenn Du sie dem, der sie Dir gab, einst wiederbringst? Und sodann die Seele Deiner Frau und Deiner Kinder? Wo war der Sonnenstrahl, ohne den sowohl Weib als Kind verkümmern und verschmachten? Ferner die Seele Deiner Umgebung, Deines Hofes, Deiner Residenz? Ich sah Dich, als ich zu Dir kam, in schwere, dichte, strotzende und protzende Gewänder eingehüllt, so tief, so tief, daß von Dir nichts, gar nichts zu sehen war. Es gab nur Prunkgewänder, nur Zeremonie, nur Förmlichkeit, nur Putz und Mummenschanz, aber keinen Inhalt, kein Leben und Weben im Innern, in der Tiefe! Und wo es etwas gab, da war es Furcht oder Angst, auch Lüge und Verstellung, Empörung und Verrat! Nun endlich gar die Seele Deines Volkes! Was tatest Du für sie? Wie hast Du sie Dir gewonnen? Wie hast Du sie an Dich gezogen, damit sie Dich liebe, Dich ehre, Dir ihr Vertrauen schenke, sich mit Dir freue, mit Dir leide und treu und willig zu Dir stehe in jeder Schicksalslage, in jeder Not und Gefahr? Denke Dir die arme, geplagte und gemarterte Seele eines unterdrückten Volkes, welche täglich und stündlich zum Throne ihres Herrschers betteln geht, ohne daß er sie auch nur eine Minute beachtet! Denke Dir - - -."
Da sprang er plötzlich auf, warf die Arme weit auseinander und bat:
"Halt ein, halt ein, Effendi! Du treibst es zu toll, zu toll!


http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... 2/k6-2.htm
Nach Seite 228A.

Das nenn ich doch mal, einem den Putz runtertun! Oder wörtlich: Jemandem den Spiegel vorhalten!
So sollte man auch mal mit heutigen Politikern; nicht nur im Kabarett!


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