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 Betreff des Beitrags: "Ein Päckchen aus Radebeul"
BeitragVerfasst: 30.5.2010, 14:54 
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Die österreichischen Zeitung "Die Presse" druckt die schöne Rede ab, die "Klaus Amann vorige Woche anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik" gehalten hat.

Die Rede ist ein großes Bekenntnis zur Lesesucht, an deren Beginn, richtig geraten, Karl May steht. Ein Auszug:

Zitat:
Eines Tages brachte mein Bruder einige Karl-May-Bücher ins Haus. Zuerst geliehene Bände, dann begann er seine im Sommer sauer verdienten Groschen rücksichtslos zu plündern. Er hatte Feuer gefangen. Ein gutes Dutzend der olivgrün gebundenen Bände mit dem goldunterlegten Rückenschildchen und der kolorierten Zeichnungen auf dem vorderen Deckel kam mit der Zeit zusammen.

[…]

Kranksein war überhaupt das Beste. Da konnte man lesen, so lange man wollte. Einmal lag ich 14 Tage mit einer Infektion, die ich mir bei der Arbeit auf der Alpe zugezogen hatte. Es war ein Fest. Das erste Mal in meinem Leben ein Gefühl von Ferien. „In den Schluchten des Balkan“, Band vier der Gesammelten Werke, an die 500 Seiten stark, las ich an einem Tag. Es war Suchtverhalten.

Es war aber auch Flucht, wie jedes Lesen Flucht ist und der Hoffnung folgt, dass sich etwas anderes, Neues, Unbekanntes, Unerhörtes auftue und dass man von dem Gelesenen berührt werde. Winnetou, ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre, starb an einem Samstagnachmittag. Ich saß auf dem abgewetzten Kanapee in der Küche und weinte. Vielleicht der Erste, über dessen Tod ich geweint habe. Die Feierabendglocken läuteten beim offenen Fenster herein.

Das Problem war nur, mein Karl-May-Vorrat schrumpfte rasch, und die Entlehn- und Tauschmöglichkeiten im Dorf waren beschränkt. Den gestrengen Dr. Vogel wagte ich nicht zu fragen.

So setzte ich mich eines Tages, ich war neun oder zehn, an den Küchentisch und schrieb einen Brief an den „Sehr geehrten Herrn Karl May in Radebeul bei Dresden“. Straße wusste ich keine, aber ich dachte, den kennt dort jeder. Ich klagte ihm mein Leid und bat ihn, da er doch gewiss einen großen Vorrat an Karl-May-Büchern habe, mir doch bitte ein oder zwei davon zu schicken.

Ich hörte lange nichts von ihm. Dann, nach drei Monaten vielleicht, kam ein kleines Päckchen, adressiert an mich. Ich weiß nicht, ob ich davor je Post bekommen hatte. Ich öffnete es und war wie vom Donner gerührt. Der erste Satz des Begleitbriefs lautete: „Karl May ist leider schon 1912 verstorben.“ Nicht einmal war mir in den Sinn gekommen, dass er seinem Blutsbruder Winnetou schon nachgefolgt sein könnte. Aber auch große Freude gab es: In dem Päckchen fanden sich eine illustrierte Broschüre über sein Leben, Porträt- und Ansichtskarten aus dem Karl-May-Museum in Radebeul mit Silberbüchse, Bärentöter, Henrystutzen und Karl May in Old-Shatterhand-Verkleidung, dazu Prospekte der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Jahrelang habe ich diese erste, an mich persönlich gerichtete Sendung aus dem Reich der Literatur bewundert und gehütet wie einen Schatz.

http://diepresse.com/home/politik/innen ... 9/index.do


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 Betreff des Beitrags: Re: "Ein Päckchen aus Radebeul"
BeitragVerfasst: 30.5.2010, 14:59 
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Da kommen sie schon unschuldigen Kindern anläßlich solcher Anliegen mit Bad Segeberg usw. ... Vermarktung ... Umsatz ... Einheitsbrei ... Schauderhaft. Yes. Well.

:mrgreen:


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