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 Betreff des Beitrags: GW 89
BeitragVerfasst: 8.10.2011, 17:49 
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Einige Anmerkungen zum Nachwort von "Im fernen Westen",

Die "Reflexionen des Ich-Erzählers über seine eigene, westmannmäßig abgerissene äußere Erscheinung" sind nicht "unmotiviert" (S. 156) und wirken auch nicht so, sondern der Erzähler denkt für einen Moment so etwas wie "Na, großartig sehe ich ja nicht gerade aus", um das aber gleich als recht nebensächlich zu erkennen, es geht May darum, daß es eben auf den "äußeren Adam" nicht wirklich ankommt, das wird durch den keineswegs "eher merkwürdigen" Nachsatz vom Opernhausparkett usw. m.E. völlig klar.

Was die Figur der Ellen und ihre (innere) Beziehung zum Erzähler betrifft, habe ich mit einiger Verblüffung gelesen, wie mühsam da seitenlang heruminterpretiert wird, ich finde es erschließt sich beim Lesen unmittelbar, was da los ist zwischen den beiden …

"Diese Sätze zeigen, daß May sich selbst sehr wohl darüber im Klaren war, dass […]" (S. 159), es wäre ja fatal, wenn's anders wäre, selbstverständlich weiß May hier ganz genau was er tut und wovon er schreibt, er legt eine interessante 'psychologische Studie' vor, und es ist ja gerade der 'Witz' an der Geschichte, daß zwischen Haß und Liebe "changiert" wird, indes keineswegs "merkwürdig vage" … May hat seine Figuren glasklar gesehen und deren Interaktion m.E. sehr überzeugend herübergebracht.

Auf S. 161 ist von einer "nicht recht funktionierenden Mischung von Elementen des harten Abenteuerromans und des sentimentalen Liebesromans (der ja klare Vorstellungen davon hat, was 'weiblich' und was 'männlich' ist)" die Rede, das ist nun m.E. der völlig falsche Ansatz. May zeigt die Liebesgeschichte ja ganz bewusst völlig unsentimental, und die klassische Rollenverteilung ist ebenso bewusst gänzlich aufgegeben … das ist ja (unter anderem) gerade der Reiz an der Geschichte.

Die "Brüche und Sprünge" (S. 161) sind selbstverständlich Absicht … um sie geht es in dieser Geschichte … um die Möglichkeit der Liebe unter extremen inneren und äußeren Bedingungen … eine existentialistische Liebesgeschichte. [Und völlig zeitlos; ob die Angelegenheit nun unter Indianern spielt, im Krieg, in der Großstadt und / oder im Krankenhaus vor der Intensivstation, das 'bleibt sich gleich'…]

Daß der Ich-Erzähler "Gewandtheit, Mut und Kraft besitzt" und dennoch zwischenzeitlich auch "wie ein unerfahrener, sentimentaler Jüngling" (S. 162) in Erscheinung tritt, ist [zum einen sehr unglücklich formuliert und zum anderen] natürlich überhaupt keinerlei Widerspruch, sondern seitens May ganz bewusst so gestaltet … durch so etwas wird eine Geschichte interessant … es geht nun einmal nicht klischeehaft schwarzweiß zu im Leben …

Die Umarbeitung von "Old Firehand" zu "Im fernen Westen" war keineswegs eine Verbesserung ("zu verbessern", S. 163), sondern hat den Reiz der sehr gelungenen Erzählung im wesentlichen zerstört … Roland Schmid lässt die Frage, ob diese Umarbeitung seitens May oder eines Redakteurs geschah, auf S. 2 des Reprint-Anhangs übrigens eindeutig offen, er tendiert dort dazu, May als Autor anzunehmen, mehr nicht; daß er die Hypothese der Fremdbearbeitung zunächst diskutiere, dann aber verwerfe (S. 164), stimmt so nicht.

Übrigens, das Gedicht das am Anfang von "Old Firehand" steht, stammt nicht "wohl von May selbst" (S. 155), sondern von Emanuel Geibel, das war u.a. hier im Forum in einem Beitrag vom 15.9.2010 nachzulesen. (Wie hieß es doch vor einiger Zeit in einer seriösen Publikation, "Gottseidank vollzieht sich diese primitiv-infantile May-Beschäftigung im Internet abseits seriöser Publikationen".)


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 Betreff des Beitrags: Re: GW 89
BeitragVerfasst: 25.10.2011, 8:27 
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Es wird ja immer (auch in GW 89) davon ausgegangen, daß die Umarbeitung von "Old Firehand" zu "Im fernen Westen" 1879 für die Buchausgabe erfolgte, in der "Chronik" Band I (S. 232) las ich indes heute, daß Peter Rosegger bereits 1877 eine Erzählung des Titels "Im fernen Westen" von May erhalten und zurückgeschickt hat, worauf, wie ich anschließend googelnderweise ("Im fernen Westen Rosegger") feststellte, schon Wolfgang Hermesmeier im August 2005 in einem Forenbeitrag (Bücherdatenbank) hingewiesen hat. Thomas Schwettmann schrieb damals, man dürfe sich "indessen sicher sein, daß es sich dabei noch nicht etwa um die Harry-Bearbeitung sondern die ursprüngliche Ellen-Fassung der 'Old Firehand'-Novelle gehandelt hat", indes ohne das wirklich zu begründen oder belegen zu können.

Entstehungsgeschichtlich liegt auch über diesen speziellen Fall hinaus offenbar noch allerhand im Dunkeln.


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 Betreff des Beitrags: Re: GW 89
BeitragVerfasst: 27.10.2011, 12:26 
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Zitat:
Daß der Ich-Erzähler "Gewandtheit, Mut und Kraft besitzt" und dennoch zwischenzeitlich auch "wie ein unerfahrener, sentimentaler Jüngling" (S. 162) in Erscheinung tritt, ist [...] natürlich überhaupt keinerlei Widerspruch, sondern seitens May ganz bewusst so gestaltet … durch so etwas wird eine Geschichte interessant … es geht nun einmal nicht klischeehaft schwarzweiß zu im Leben …


Eben las ich [sehr passend dazu]

Zitat:
[Die Augen von Bloody Fox] schauten, vielleicht nur jetzt, da er sich freute, froh und mild in die Welt wie diejenigen eines Kindes, welches kein Würmchen, keinen Schmetterling anrührt, um ihm keinen Schmerz zu bereiten. Und doch war dieser jugendliche Mann der fürchterliche Avenging-Ghost, dessen sichere Kugel jeden 'Geier' des Estacado grad in die Mitte der Stirn getroffen hatte!

(in Old Surehand I)

So ist das halt. Eigentlich ganz einfach, aber eine Sache, die in die Hirne vieler offensichtlich nicht hineingeht: man kann gleichzeitig stark und schwach, 'gut' und 'böse', kalt und warmherzig, sanft und hart, usw. usf. [ad. lib.] sein ...


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