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 Betreff des Beitrags: Gestrichenes vom Balkan
BeitragVerfasst: 26.3.2006, 9:46 
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Auf kleinere Streichungen in Band 4 wurde ja schon an anderer Stelle hingewiesen (/Reiseerzählungen/Appetitliches vom Balkan).

Heute entdeckte ich folgendes:

Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sind sich nicht einig, wie sie sich zwei Räubern gegenüber verhalten sollen, die sie im Konak von Dabila antreffen (Band 4, In den Schluchten des Balkan).

»O, es ist schon überlegt!«
»Deinerseits? Was gedenkst Du zu thun?«
»Ich werde sie ein wenig tödten.«
»Das laß Dir ja nicht einfallen, Halef!«
»O, Sihdi, nur ein wenig! Sie wachen ja sogleich dann in der Hölle wieder auf. Das ist doch wohl kein Todtschlag zu nennen!«
»Laß mich mit solchen Vorschlägen in Ruhe!«
»Ja, ich vergesse zuweilen, daß Du ein Christ bist. Wenn es auf Dich ankäme, so würdest Du Dein Leben für Deinen ärgsten Feind wagen. Diese beiden Halunken stehen ja eben im Begriff, uns in die größte Gefahr zu bringen. Wenn sie die drei Andern in Ostromdscha treffen, so kannst Du sicher sein, daß sie uns auflauern und Jedem von uns eine Kugel geben, bevor wir daran denken können, daß so Etwas unter Umständen wohl schädlich sein kann.«
»Wir werden eben dafür sorgen, daß diese Zwei jene Drei nicht treffen. Oder noch besser, wir werden dafür sorgen, daß sie dieselben treffen können.«
»Bist Du toll?«
»Durchaus nicht.«
»Was denn?«
»Nicht toll, sondern klug, denke ich. Wir wissen nicht, wie die Drei zu finden sind. Wir haben im Taubenschlag nur erlauscht, daß sie sich in der alten Ruine aufhalten. Aber wir kennen diese Ruine nicht. Es kann sehr schwer, vielleicht unmöglich sein, jemanden, der sich dort verborgen hält, aufzufinden.«
»O, ich bin Dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar. Meine Augen reichen von hier bis nach Ägypten, und meine Nase ist noch viel, viel länger. Mir wird es ein Leichtes sein, diese Menschen anzutreffen.«
»Ebenso leicht oder vielmehr noch wahrscheinlicher ist es, daß Du von ihnen angetroffen wirst, und dann allerdings werden sie Dir keine Zeit lassen, die Sure des Todes zu beten. Nein, wir werden diesen Beiden jetzt nichts thun; wir werden uns gar nicht von ihnen erblicken lassen, damit wir ihnen heimlich folgen und sie beobachten können. Sie, die unser Verderben wollen, müssen grad unsere Führer sein, durch welche uns die andern Drei in die Hand gegeben werden.«
»Allah! Dieser Gedanke ist auch nicht schlecht!«
»Es freut mich, daß Du dieses erkennst!«

Die hier wiedergegebene Passage (so in der Greno-Taschenbuchausgabe der HKA und auf den Seiten der KMG) ist in der aktuellen Bamberger Ausgabe (© 2003) komplett gestrichen. So weit her ist es also mit den Rückbearbeitungen denn doch nicht, wie teilweise immer wieder festzustellen ist. Schade.

Bei der Gelegenheit: Weinen oder allzu sehr Gefühle zeigen darf Kara Ben Nemsi auch nicht im grünen Band. Angesichts um ihre Mutter weinender Kinder heißt es im Original (Episode um den Altar der Christin): „Ihr Weinen war herzerschütternd; ich mußte gehen, um nicht auch laut zu schluchzen.“ Auch dieser Satz fiel dem Rotstift zum Opfer.


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BeitragVerfasst: 26.3.2006, 10:19 
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Und es geht gleich weiter mit kräftigen Streichungen, du liebe Güte.

(über Verbrecher):

Und ebenso, wie sie, sind weitaus die meisten jener Leute, welche sich einen Nimbus damit geben, daß sie, wie der landläufige Ausdruck lautet, >hinaus in die Wälder gehen<. Es mag wohl einige Wenige geben, welche, von der Ungerechtigkeit, von dem Haß und der Verfolgung gezwungen, sich in die Berge flüchten, aber ihre Anzahl ist verschwindend klein gegen die Menge derjenigen, die nur aus roher Brutalität die heiligen Bande zerreißen, welche das Gesetz, das göttliche und das menschliche, geheiligt hat.

(über differenzierte Betrachtungsweisen in Sachen Moral oder auch Lauschangriff):

Freilich, ob es mir auch wirklich eingefallen wäre, als Zielscheibe dieses Messerhelden ruhig stehen zu bleiben, das war eine andere Frage. Jedenfalls hätte ich den Stoß nicht abgewartet; aber - mochte ich mich nun gegen die Männer verhalten, wie ich wollte - eine Schande wäre es doch für mich auf alle Fälle gewesen, mich von ihnen aufstöbern zu lassen. Es gibt eben Dinge, welche man, unbeschadet seiner Ehre und seines Selbstgefühles, ganz wohl thun kann, aber - wissen lassen darf man es nicht. Zu diesen Dingen gehört jedenfalls auch das Lauschen.
Horchen ist eine Schande, sagt man allgemein; aber es gibt Lagen, in denen es geradezu eine Pflicht sein kann. Wem sich die gute Gelegenheit bietet, Verbrecher zu belauschen und dadurch eine böse That zu verhüten, der macht sich, wenn er aus falschem Scham- und Ehrgefühl diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen läßt, zum Mitschuldigen dieser That. Und bei mir trat noch die Pflicht der Selbsterhaltung dazu.

All das fehlt.


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BeitragVerfasst: 26.3.2006, 10:53 
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Weitere gestrichene Stellen (alle aus dem Kapitel „Im Konak von Dabila“):

„Man ißt und man trinkt dazu, und das Trinken am Geburtstag ist ein böses Ding. Man trinkt sich da sehr leicht einen Rausch an, in Folge dessen man gern bis in den Tag hinein schläft.“
Das klang grad so, als ob ich mich im lieben deutschen Reich befände, wo sich ganz dieselben Anschauungen vorfinden sollen.

und

"Wer einen Christen tödtet, der steigt dadurch um eine ganze Stufe zum siebenten Himmel höher. Das ist die alte Lehre, auf welche leider die Leute nicht mehr hören wollen."
(sagt einer der belauschten Räuber)

Es ist übrigens relativ einfach, solche Streichungen aufzufinden. Immer wenn ich im Original auf eine irgendwie originelle, schlüpfrige, gesellschaftskritische, heikle oder sonstwie interessante Stelle stoße, schaue ich im grünen Band an entsprechender Stelle nach. Die Ausbeute ist leider nach wie vor (also auch in „rückbearbeiteten“ Bänden) recht hoch.


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