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 Betreff des Beitrags: "Karl May - Die ganze Wahrheit"
BeitragVerfasst: 11.2.2012, 16:17 
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Wie gewohnt von Amazon sehr schnell geliefert, hat mir das Buch einen halbwegs unterhaltsamen Samstag vormittag beschert.

Als witzig und gelungen hervorzuheben sind einige der Illustrationen, so die auf S. 45, ja, das ist wirklich komisch, vor Gartenzwergen ist halt schlecht predigen, insbesondere wenn man das selber nicht merkt … Auch die Bilder auf den Seiten 50, 77, 81, 96, 107, 113, 131 und 147 lassen schmunzeln.

Am Text stört mich zweierlei: der des öfteren unangenehm durchschmeckende „windige Dandy-Ton“ (ein Zitat von Hans Wollschläger, an das ich bei der Lektüre mehrmals denken mußte) sowie die Tatsache, daß sich nun mal nicht alles aus Karl Mays Leben und Werk dafür eignet, durchgängig durch oberflächensurfend grienend-feixende „Humor“-Brille gesehen zu werden … So ist z.B. am Tod des Wurzelsepp ganz und gar nichts irgendwie Erheiterndes, „Wieder eine Seele gerettet. Amen.“ (S. 97) als Schlussbemerkung zu ‚Old Surehand’ unter Niveau, ebenso „Innerer Drache.Quatsch“ dito zu „Am Jenseits“ (S. 108). Und wer die „Himmelsgedanken“ als „depressiv-frömmlerische Verse“ (S. 116) bezeichnet, der weiß es halt nicht besser, damit ist er indes bei weitem nicht allein … „Heavens“ usw. (S. 124) als Kommentar zu den Begleiterscheinungen der Ehescheidung erscheint unpassend hemdsärmelig burschikos.

„Unnötig zu sagen, dass kaum ein Leser dem folgen konnte“ (S. 127) mag zwar zutreffen, biedert sich aber in seiner erkennbaren Tendenz sozusagen bei den falschen an … Auf S. 128 / 29 zeigt der Autor doch, daß er so oberflächlich offenbar gar nicht ist wie er gelegentlich zu sein vorgibt … (Er kann ja, wenn er will … auch die Formulierung von der „wohldosierten Mischung“ (S. 138) in Sachen „Mein Leben und Streben“ ist erfreulich klar gesehen …) Und daß bei den späten wesentlichen Werken merkantiler „Erfolg“ ausblieb mag man süffisant kommentieren und eine entsprechende Zeichnung dazumalen (S. 141), aber was spielt denn das für eine Rolle … (mal bei Sascha Schneider nachlesen was der dazu meint …) „Herrn May“ auf S. 142 verrät [im Kontext] [zeitgeistgemäßen] Intellektuellenhochmut, einmal kurz ganz ungefiltert durchschmeckend, ohne das sonst durchgängig [scheinbar] mildernde Humor-Mäntelchen drumherum …

Einige der sachlichen Fehler seien kurz erwähnt, Mays Mutter hieß nicht Anna, Verleger Schmid mit zweitem Vornamen nicht Alfred (wenngleich beide Versehen interessant sind: die mehrfach im Werk vertretene Anna hat also auch irgendwie mit Mays Mutter zu tun … und beim zweiten Vornamen vielleicht unterschwellig eine Reminiszenz an Wolfgang Menge und Heinz Schubert sich eingestellt … :D ) Wagner begibt sich im „Weg zum Glück“ nicht auf die Alm, die schrulligen Westmänner sind keineswegs „Tölpel“ (S. 73), Fehsenfeld wurde keineswegs „umgehend“ (S. 75) nach Radebeul eingeladen, Cooper war gewiß nicht „großes Vorbild“ (S. 76), Die Umarbeitung von Ellen in Harry geschah keineswegs zu Zeiten der Zusammenstellung der drei Winnetou-Bände (S. 83), sondern ca. eineinhalb Jahrzehnte zuvor, eine der Trennungen vom „Hausschatz“ wird in einen Zeitraum verlegt, in den sie nicht gehört (S. 106). Die Sache mit dem Buddhismus auf S. 140 ist falsch gesehen; ganz so einfach ist es nicht. Und „Babel und Bibel“ wurde seinerzeit in Hannover meines Wissens als szenische Lesung gegeben, also nicht wirklich aufgeführt.

Oder warum muß Karl May gleich „jedes Mal“ (S. 100) in Tränen ausbrechen beim Erzählen von Winnetous Tod, wenn es ein mal überliefert ist, schnell ist so eine Floskel hingeworfen, auf Kosten der Seriosität. Bill Cody wurde nicht „zu einer Art Superschurken hochstilisiert“ (S. 101) seitens May, er hatte mit ihm nicht allzu viel ‚am Hut’, das ist alles.

„Prüde“ (S. 56) war Karl May sicherlich nicht, auch wenn er seinerzeit aus taktischen Gründen in Kauf nahm, daß ein Herr Larras bei oberflächlichem Lesen der „Studie“ diesen Eindruck bekommen konnte … (siehe entsprechend auch S. 122)

Aufhorchen lassend gelungen ist der Satz „Eine derart intuitive Arbeitsweise barg natürlich auch ihre Fehlerquellen“ (S. 78), anerkennende Heiterkeit löst die Formulierung „verlegte er sich aufs Psychologische und versammelte ein schillerndes Ensemble von familiengeschädigten Neurotikern“ aus (S. 94, über ‚Old Surehand’.) Hübsch die Stelle Zeile 4 bis 6 auf S. 144. Insgesamt zu wenig des Guten.


Zuletzt geändert von rodger am 11.2.2012, 23:34, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: "Karl May - Die ganze Wahrheit"
BeitragVerfasst: 11.2.2012, 23:06 
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Guten Abend!

Ist dir bewusst, dass literarisches Ich und Autor nicht identisch sind?
In dem Buch ist Old Shatterhand der Ich-Erzähler. Und dessen Meinung / Formulierungen müssen keineswegs die des Autors sein.

Du kannst dich also gern über die Ignoranz eines Westläufers ärgern, dessen fiktive Existenz ständig von seinem Biografen umgeschrieben wurde - aber dass Shatterhands Blick aus seiner Welt heraus auf seinen Schöpfer möglicherweise nicht die eines seriösen Karl-May-Forschers (und ganz sicher auch nicht deine) ist, kannst du ihm nicht vorwerfen. *scnr*

Jenny

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 Betreff des Beitrags: Re: "Karl May - Die ganze Wahrheit"
BeitragVerfasst: 12.2.2012, 0:28 
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JennyFlorstedt hat geschrieben:
Ist dir bewusst, dass literarisches Ich und Autor nicht identisch sind?

Ja.

:mrgreen:

*

(Im Beitrag ist zweimal von "durchschmecken" die Rede. Ich dachte das würde reichen.)

(Und zu erkennen, was A von C hält, wenn er B über ihn schreiben läßt, finde ich generell nicht so schwer ... (Ich kann mich natürlich irren, und so kann z.B. dieses "Herrn May" auf S. 142 auch anerkennend gemeint sein, oder respektvoll. Kann. Muß aber nicht. :D ))

Wie gesagt, einiges ist gelungen, das Buch hat einen gewissen Unterhaltungswert. Es muß ja nicht jeder gleich begeistert sein, die Geschmäcker sind verschieden ... Es gibt sicher Fälle, da wird es umgekehrt sein in Sachen Zustimmung ...

:wink:


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