Diskussionsforen der Karl-May-Stiftung

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BeitragVerfasst: 23.1.2006, 18:40 
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rodger hat geschrieben:
Ich sage ja auch nicht, dass Karl May grundsätzlich lügt, aber ich sage, dass man bei ihm leider nie weiß, ob er gerade die Wahrheit spricht oder eben nicht.


Mein weißer Bruder spricht wahre Worte! ;-) - Ich gestatte mir dazu eine etwas persönliche Bemerkung: Immer wenn ich an Karl May denke, falle ich mir selbst ein. Zum Beispiel meine recht abenteuerliche Balkanreise in den siebziger Jahren, lange vor dem unseligen Krieg in Jugoslawien. Damals bereisten ein Freund und ich in klapprigem Gefährt Gegenden wie Bosnien/Hercegovina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien etc. Später habe ich dann schon mal die dort erlebten Dinge je nach Gesprächspartner ein bißchen ausgeschmückt, teilweise dramatisiert und mußte mir dann irgendwann vorwerfen, daß ich dabei war, meine Übertreibungen selbst zu glauben. Sowas kann schnell passieren, besonders bei Menschen mit reger Phantasie. Wenn ich also schon mal Mühe habe, mir selbst hundertprozentig über den Weg zu trauen, wie soll mir das dann mir May möglich sein?

Grüße in die Runde

Rolf Dernen

P.S.: Die Sperrung von Wolfgang Hermesmeier in diesem Forum bedauere ich sehr.


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BeitragVerfasst: 23.1.2006, 18:41 
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Liebe Frau Müller-Haarmann,

dass Sie Recht haben mögen, dass es gelegentlich schwer oder auch müßig sein mag, Leute von Meinungen, die sie behalten wollen, abzubringen, da stimme ich Ihnen zu. Mal ganz allgemein. Gelegentlich steht man auch zwischen zwei Fronten und fragt sich, warum tue ich mir das eigentlich an, so recht überzeugt mich weder der eine noch der andere, bzw., zu einer "Fraktion" will ich gar nicht gehören, und meine Stellungnahme wird an beider Sichtweise nichts ändern, und ich selbst weiß ja, was ich glaube. Aber man will ja zumindest versuchen, sich verständlich zu machen, auch wenn selbst das oft schmählich scheitert. Aber, solange man lebt, hofft man. Oder auch: Mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus. Der Optimismus dessen, der nichts erwartet (Jean-Paul Sartre).

;)

Was an dem Satz „Man fragt sich, warum sollte Karl May in 'Mein Leben und Streben' die Unwahrheit gesagt haben?“ so komisch sein soll, erschließt sich mir freilich nicht. Man werfe doch nicht immer alles in einen Topf. Daß Karl May in besagter Schrift bezüglich Frau Pollmer, Familie Münchmeyer und was weiß ich noch vermutlich nicht immer die reine Wahrheit gesagt hat, das glaube ich ja auch, aber, nun frage ich Sie auch, warum sollte er etwas vom Ruhrgebiet erzählen, wenn es nicht stimmte ? Was für taktische oder beschönigende Motive sollten denn da dahinter stehen ?

Das Ruhrgebiet fließt des öfteren ein in Mays Werk, und ich könnte mir schon vorstellen, dass er da war. Texte, die in epischer Breite und Länge beweisen wollen, dass dies und jenes nun ganz anders war, lese ich meistens erst gar nicht, weil mich derartige Thematiken so sehr nun wieder auch nicht interessieren. Ich denke mal, er war da, mag sein, auch nicht, es bleibt sich gleich, oder was änderte sich dadurch ?

Beste Grüße

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 23.1.2006, 19:20 
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Ulrike Müller-Haarmann hat geschrieben:
Lieber Herr Wick,

einen May-Fundamentalisten (und damit meine ich nicht Herrn Wohlgschaft!) werden Sie wohl schwerlich überzeugen können, vor allem nicht jemanden, der bzgl. Mays angeblichem Aufenthalt im Ruhrgebiet allen Ernstes schreibt: "Man fragt sich, warum sollte Karl May in 'Mein Leben und Streben' die Unwahrheit gesagt haben?" (Mitteilungen KMG Nr. 146)
Dieser schöne Satz hatte bei Erhalt des Mitteilungsheftes mir und meiner Familie den Tag gerettet.

Viele Grüße
Ulrike Müller-Haarmann


Sehr geehrte Frau Müller-Haarmann,

Sie können ruhig meinen Namen nennen. Ich habe nie behauptet, daß alles, was May über sich schreibt, wahr ist. Ich meine jedoch, daß sehr vieles stimmt. Er ist kein allgemeiner Lügner. Mays vielschichtigen Charakter kann man meines Erachtens nicht auf diese Formel reduzieren. Ich finde es hoch interessant, daß Sie als ehemaliges Vorstandsmitglied der KMG mich einen May-Fundamentalisten nennen. Zu Mays Redakteurreise 1875/76 (Ruhrgebiet etc.): Peter Krauskopf behauptet in dem von Ihnen erwähnten Mitteilungsheft, May hätte für eine Österreich-Reise einen Auslandspaß benötigt. Das ist falsch. Im westlichen Europa herrschte damals bis 1914 Reisefreiheit. Die Polizeiaufsicht hinderte May nicht daran, ein paar Tage zwischendurch zu verreisen.

Ist man ein Fundamentalist, wenn man darauf hinweist, daß Peter Krauskopf falsch Karl May interpretiert?

Ich kehrte schließlich […] mit einem Erfolge von über 200 000 festen Lesern nach Dresden zurück.

Diese branchenübliche Formulierung ist glaubwürdig, denn Karl May spricht hier nicht von Abonnenten, sondern von Lesern. Das ist ein großer Unterschied! Damit ist die sogenannte ›Reichweite‹ gemeint –: jemand abonniert ein Magazin und reicht es im Familien- und Bekanntenkreis weiter.

Peter Krauskopf behauptet, May hätte Abonnenten gemeint und bestreitet deshalb dessen Glaubwürdigkeit. Darüber muß man sich sehr wundern!

Sowohl Wohlgschaft in seiner May-Biographie (um hier beim Thema Biographie zu bleiben) als auch Sudhoff und Steinmetz in ihrer KM-Chronik zweifeln die Redakteurrundreise nicht an.

In der Hoffnung Ihnen und Ihrer Familie erneut den Tag gerettet zu haben, :lol:
mit besten Grüßen
Ralf Harder


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 15:40 
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Liebe Forumleser,

die schön und ansprechend gestaltete Neuausgabe des Buches von Hermann Wohlgschaft scheint - erfreulicherweise - die Gemüter zu bewegen, und durchaus anregend zu lesen ist die sehr sachliche Diskussion zwischen Rüdiger Wick und Dr. Wohlgschaft in den verschiedenen "Forum"-Beiträgen vom Dezember. Hierzu hätte ich nur eine Richtigstellung. In seinem Beitrag vom 5.12.05 nennt Herr Wick einige Beispiele für "Kälte, Zynismus, Pessimismus, Nihilismus bei Karl May", und er bringt u.a. das Beispiel aus dem "Verlorenen Sohn", nämlich

Zitat:
"eine Stelle, wo ein Mann auf den Kirchhof geht, um dort verbittert und mutterseelenallein zu verrecken".


Aus den weiteren Angaben ist zu erkennen, welche Stelle Herr Wick meint. Er weiß leider nicht mehr, wo das steht und kann sich nur dunkel erinnern. Deshalb sei ihm doch herzlich empfohlen, wieder einmal einen Blick in die Bücher Karl Mays zu tun. Denn die besagte Szene ist eine der menschlich ergreifendsten, die Karl May je geschaffen hat, nämlich der Tod des alten Schreibers Beyer. Dieser war durch eine Intrige zu Unrecht ins Gefängnis gekommen, dann auf Kaution freigelassen worden und kommt nach Hause in das Heimatdorf. Dort findet er seine Kinder gut untergebracht bei Familie Hauser, beobachtet sie durch einen Spalt im Fensterladen (Vater Hauser trägt gerade das Gedicht vom "treuen Vaterauge" vor). Beyer macht sich auf den Weg zum Friedhof, wo er im Leichenhaus seine verstorbene Frau Martha findet. Er nimmt sie noch einmal zärtlich in die Arme und stirbt mit Worten des Gottvertrauens und des Segens für seine Frau.
(Nachzulesen im "Verlorenen Sohn", Olms-Reprint Bd. 2, S. 611, HKA, Bd. 2, S. 840, oder auch in der Bamberger Ausgabe, Bd. 76 "Der Eremit", S. 322).

Dies kleine Beispiel zeigt, wie bedenklich es ist, aus dem Gedächtnis zu zitieren, denn wie leicht verschiebt sich manches in der Erinnerung. Ich werde mich natürlich hüten, Herrn Wick der Lüge zu bezichtigen, nur weil er aus dem Gedächtnis heraus falsch referiert (denn die besagte Szene zeigt weder Kälte, noch Zynismus, Pessimismus oder Nihilismus, sondern genau das Gegenteil: zwar Trauer, aber auch tiefe Gottergebenheit). Ihm hat einfach das Gedächtnis einen Streich gespielt.

Aber sollten wir dies nicht auch Karl May zugestehen? Wenn ich die "Lügen"-Diskussion der letzten Wochen im Forum verfolge, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Das läuft auf die Unterstellung hinaus, Karl May habe grundsätzlich gelogen, wenn er den Mund aufgemacht oder zur Feder gegriffen habe, und man müsse mühsam versuchen, hier und da ein Körnchen Wahrheit zwischen seinen Lügen zu finden. Dies ist, etwas polarisierend formuliert, die Quintessenz verschiedener Beiträge.

Hermann Kants viel strapazierte Satz vom "herrlichen sächsischen Lügenbold" taucht natürlich auch wieder auf, obwohl dieser Ausspruch doch ganz anders gemeint war. Wenn es um eine wunderbar erzählte, phantasievoll ausgeschmückte Geschichte geht, so heißt es im Plattdeutschen, diese sei "lögenhaft to vertellen" (lügenhaft zu erzählen), und genau so habe ich immer die Worte Hermann Kants aufgefaßt. Kant bezieht sich bestimmt nicht auf Äußerungen Mays über Emma Pollmer, Heinrich Münchmeyer oder Rudolf Lebius, sondern auf Shatterhand und Hadschi, Winnetou und Geierschnabel. Auf Äquatorsonne und Präriewind, aber nicht auf "Mein Leben und Streben". Allenfalls könnte man hierbei noch an die Old-Shatterhand-Legende der neunziger Jahre denken. Aber diese Geschichten und diese Fotos waren ein Rollenspiel, in das Karl May wohl zuerst durch die "Hausschatz"-Redaktion gedrängt wurde (Herr May konnte keinen Beitrag liefern, da er sich gerade auf Reisen befindet...), dann natürlich durch die begeisterten Leserscharen. Und er hat dieses Rollenspiel - offensichtlich durchaus mit Wohlgefallen - mitgemacht. Später ist ihm das alles dann heftig und andauernd um die Ohren geschlagen worden. Als Rechtsanwalt Bredereck bei der Moabiter Gerichtsverhandlung 1911 daraus "pathologische Lügenhaftigkeit" schließen wollte, sprach Landgerichtsdirektor Ehrecke Sätze, die heute noch Gültigkeit haben:

Zitat:
"Aber ein Verbrechen wären doch solche phantastischen Dinge bei einem Dichter nicht. Und ich halte Herrn May für einen Dichter."
(zitiert nach Jahrbuch der KMG 1970, S. 29).


Robert Müller, der feinfühlige frühexpressionistische Dichter und Initiator
von Karl Mays Wiener Vortrag 1912, kommentierte diese Sätze:

Zitat:
"Diese Worte, die einen Richter als Mensch und Dichter ehren, sind bei dem letzten großen Ehrenbeleidigungsprozeß in Berlin, den Karl May gegen seinen Gegner gewann, gefallen. Wer sich das jugendliche in schönen Affekten befangene Gemüt auch noch als Richter bewahrt hat, ist auch ein Stück Dichter geblieben..."
(Der Brenner, Heft 17/1912, hier zitiert nach Abdruck in Jahrbuch der KMG 1970, S. 98, sowie Bamberger Bd. 34 "Ich", ab 38. Aufl., S. 312).


Wenn Ehrecke damals trotz allem, was während der Moabiter Verhandlung gegen May zur Sprache kam, ihn für so glaubwürdig hielt, daß er Lebius zu einer Geldstrafe verurteilte, so sollte das doch zu denken geben.

Ich selbst bin überzeugt davon, daß Karl May bei Niederschrift von "Mein Leben und Streben" von dem Wunsch getragen war, ein ehrliches Bekenntnis abzulegen über seine Vergangenheit, sich Rechenschaft zu geben über sein Denken und Wollen. Daß sich manches in seiner Erinnerung verschoben hat, daß er manches - vor allem im Hinblick auf die Straftaten - eher verschwommen schildert, kann verschiedene Gründe haben. Karl May hat ja nie, außer auf der Orientreise, Tagebuch geführt, wie es z.B. Thomas Mann über Jahrzehnte hin getan hat. Und so mußte er alles aus der Erinnerung hervorholen.

Vor wenigen Wochen erhielt ich von meiner 86-jährigen Mutter eine dicke Mappe mit Briefen, die ich selbst in den sechziger, siebziger und achtzigen Jahren an meine Eltern geschrieben hatte und die sie aufbewahrt hat. Mit großem Vergnügen las ich darin. Manches, was ich da erzählte, ist mir heute noch gut in Erinnerung, manches hatte ich total vergessen, und erst durch die Lektüre fiel es mir wieder ein. Und manches hatte ich völlig anders in Erinnerung, als ich es dann in meinem eigenen Brief lesen mußte. - Und so kann ich mir gut vorstellen, daß auch Karl May, wenn er auf fast 70 Lebensjahre zurückblickte, manches etwas anders in Erinnerung behalten hat, als es sich damals wirklich abspielte.

Euchar Albrecht Schmid, der im Sommer 1910 Karl May besuchte, erinnert sich:

Zitat:
"...gerade damals schrieb er unter bittersten Seelenqualen seine Selbstbiographie ... Ich habe den greisen Mann weinen sehen, als in der Pressefehde schließlich sogar das Andenken seines unbescholtenen Vaters angetastet wurde und als man seine ebenfalls längst verstorbene Mutter herabzuwürdigen suchte, weil sie eine - Hebamme war."
(zitiert nach Anhang zu Karl May, Bd. 34 "Ich", 38. Aufl., S. 330).


Sollte Karl May da wirklich nur Theater gespielt haben? Sollte er nur eine raffinierte Lügengeschichte ersonnen haben, um das Gericht an der Nase herumzuführen? Bei aller kritischen Distanz - aus heutiger Sicht – erscheint mir das doch nicht sehr wahrscheinlich.

Karl May war ja - zumindest im Alter - nie mit einem fertigen Werk recht zufrieden. Deshalb immer die Hinweise auf sein geplantes "eigentliches Werk". Das erste dieser eigentlichen Werke sollte ja "Babel und Bibel" sein. Und dann merkte er, daß es doch nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte (und vor allem, daß das Publikum eher ablehnend oder gleichgültig reagierte). Und so degradierte er es plötzlich zum "Knüppel zwischen die Beine meiner Gegner" (an Fehsenfeld - 11.12.1908). Und die große Lebensbeichte "Mein Leben und Streben" (ursprünglich sollte sie ja heißen "Am Marterpfahl und Pranger") zerbröselte im achten Kapitel immer mehr zu einer Abwehrschrift gegen Lebius (erst im Schlußkapitel fand er zum alten Konzept zurück), und so kam es zu der abwertend klingenden Äußerung gegenüber Fehsenfeld (14.11.1910), das Buch sei nur gedacht, die Prozesse zu gewinnen. Nein, dafür war es ursprünglich sicherlich nicht gedacht. Aber selbst wenn es so wäre -: daraus zu schließen, alles sei darin Lüge, ist wohl etwas abwegig. Zwar muß man sich nicht vor Gericht selbst belasten, aber was man sagt oder schreibt, sollte doch der Wahrheit entsprechen.

Noch vieles ließe sich ausführen zu einigen "Lügen"-Vorwürfen, die hier zu lesen sind, und ich bin gern bereit, mich an der Diskussion zu beteiligen, doch für heute sei's genug.

Ekkehard Bartsch


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 17:15 
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Zitat:
Er nahm die Todte in seine Arme, preßte sie an sich und weinte leise, als ob er sie erwecken könne.
»Martha, Martha,« flüsterte er dann. »Weißt Du, wie ich Dich zum ersten Male in den Armen hielt? Du warst so lieb und so gut, und wir waren so glücklich, so selig! Unsere Herzen waren warm, und wir glaubten an die Menschen. Dann kam es anders, anders, anders! O Gott, Du lieber, lieber Gott, ist es denn möglich, daß es so ganz, ganz anders kommen kann? Wir haben gehungert, damit die Kinder nicht verhungern sollten! Die Entbehrung, das nackte Elend hat an unserem Leben genagt, und Andere, die reich wurden durch uns, schwelgten im Überfluß und stießen uns mit Füßen. Dich warf der Hunger auf das Krankenlager, der Hunger, der Hunger allein, o Gott! Und ich stand am Pulte, summirte die Reichthümer und schlang meine glühenden Thränen hinab. Nun sind wir die Eltern einer Diebin, und ich soll in den Kerker zurück. Dich hat der Schreck erschlagen, und ich halte Dich zum letzten, zum allerletzten Male in den Armen. Was einst so glücklich war, so warm, das Herz, es ist jetzt so starr, so kalt, kalt, kalt! Komm, ich will Dich fester umfassen; ich will Dich umschlingen, umarmen! Du bist mein Weib, mein treues, gutes Weib, und wir verlassen uns nicht, weder im Leben noch im Tode!«
Er drückte sie an sich und küßte sie auf den bleichen, starren Mund, als ob sie noch am Leben sei. Dann fuhr er fort:
»Horch, Martha! Hörst Du, wie ich für uns bete? Ich sollte nicht beten, sondern fluchen! Aber nein! Ich denke an Niemand; ich habe jetzt Dich, nur Dich allein, und ich segne Dich! Ja, Du Gute, Du Liebe, Du Treue! Der Herr segne und behüte Dich! Der Herr erleuchte sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht über Dir und gebe Dir Frieden! Amen!«
Nun wurde es still in der Todtenhalle. Nur zuweilen erklang ein leises Rascheln wie von steif gefrorenen Kleidern. Der Mond ging seinen Gang; sein Schein glitt von der Gruppe fort, nach rechts, immer an der Wand hin und endlich zur Thür hinaus, durch welche die grimmige Kälte der Wintersnacht hereindrang. -
Am Morgen erzählte man sich im Orte eine seltsame Kunde. Der Todtengräber hatte das Grab der Schneidersfrau beginnen wollen und war dabei in die Leichenhalle gekommen. Dort hatte er die Todte gefunden - in den Armen ihres Mannes liegend. Auch er war todt. Aber noch vor dem Scheiden hatte er seinem Weibe die Anweisung auf fünfzig Gulden in die erstarrte Hand gedrückt.
Viele, viele gingen hinaus auf den Kirchhof, um das seltsame Paar zu sehen. Auch der Arzt kam. Er constatirte, daß der Schreiber erfroren sei - ob seit Jahren langsam verhungert? Pah! Niemand glaubt mehr, daß ein Mensch wirklich verhungern kann! - -


Zitat:
Deshalb sei ihm doch herzlich empfohlen, wieder einmal einen Blick in die Bücher Karl Mays zu tun.


Lieber Herr Bartsch, ich habe in den letzten Jahren nahezu das Gesamtwerk gelesen. Aber jede Stelle auswendig auffinden, das ist selbst für mein in der Hinsicht durchaus belastbares Hirn zuviel verlangt.

Zitat:
Dies kleine Beispiel zeigt, wie bedenklich es ist, aus dem Gedächtnis zu zitieren, denn wie leicht verschiebt sich manches in der Erinnerung.


Ja, wenn man weiß, wo die Stelle steht, sollte man freundlicherweise die Quelle angeben. Ich werde aber in einem Fall, wo ich mich an eine Stelle erinnere, und nicht mehr genau weiß, wo ich sie finde, nicht dreitausend Seiten durchblättern, um sie zu finden. Dieser schulmeisterliche wirkende Vorwurf ist ja etwas albern (auch wenn das alles pfiffig dann in Richtung vergleichbare Erinnerungsschwierigkeiten bei Karl May gehen soll. Als Komparse für Exempel mag ich nicht herhalten).

Zitat:
oder auch in der Bamberger Ausgabe, Bd. 76 "Der Eremit", S. 322).


Da bin ich aber gespannt auf heute abend zuhause und S. 322. Vermutlich ist dort alles halb so schlimm.

Zitat:
denn die besagte Szene zeigt weder Kälte, noch Zynismus, Pessimismus oder Nihilismus, sondern genau das Gegenteil: zwar Trauer, aber auch tiefe Gottergebenheit


Da ist Ihr Empfinden anders als meines. Ich habe die Stelle sehr genau in Erinnerung. Mir da Erinnerungsschwäche zu unterstellen, finde ich, gelinde gesagt, unhöflich. Wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, hätte ich die Stelle nicht angegeben. Die Stelle zeigt Ausweglosigkeit, tiefste Einsamkeit, das Gefühl, von Gott und der Welt verlassen zu sein. Schönreden kann man alles.

Zitat:
Das läuft auf die Unterstellung hinaus, Karl May habe grundsätzlich gelogen, wenn er den Mund aufgemacht oder zur Feder gegriffen habe, und man müsse mühsam versuchen, hier und da ein Körnchen Wahrheit zwischen seinen Lügen zu finden.


Nein, das wurde nicht behauptet. Zumindest von mir nicht. Bei Karl May gehen Lüge und Wahrheit stets Hand in Hand.

Daß Karl May bis an sein Lebensende immer wieder auch gelogen hat, bis sich die Balken biegen, dürfte jedem vernünftigen Fachmann bekannt sein. Wenn solche das nicht wahrhaben wollen, kann ich mir das nur mit dem Sprichwort „Liebe macht blind“ erklären.

Zitat:
obwohl dieser Ausspruch doch ganz anders gemeint war.


Das war mir schon klar, wie Hermann Kant das gemeint hat. Ich hatte das zitiert, um entgegenzukommen, um zu zeigen, dass das Wort Lügner oder Lügenbold nicht unbedingt so negativ gemeint sein muß.

Zitat:
Euchar Albrecht Schmid, der im Sommer 1910 Karl May besuchte, erinnert sich:


Sind Sie sicher, dass der immer die ungeschönte Wahrheit gesagt hat ? Dessen altbacken-bieder-kitschige Schriften können mich nun wirklich in keinster Weise überzeugen.

*

Ich selber bin auch immer wieder wirklich tief gerührt über Dinge wie den Ausspruch des Berliner Richters u.v.a. Aber Karl May in naiver Weise sozusagen die Generalabsolution zu erteilen und alles zuckergußartig-verklärt durch eine rosarote Brille zu betrachten, das kommt für mich nicht in Frage.

Wenn selbst Sie, lieber Herr Bartsch, den ich bislang sozusagen für einen der Größten hielt, einen so missverstehen, bzw., einige Dinge offenbar so völlig anders sehen, dann frage ich mich langsam wirklich, ob es nicht vollständig sinnlos ist, in Foren sich auszutauschen. Immer wieder habe ich den Eindruck, wir reden alle nur aneinander vorbei und letzten Endes bleibt jeder bei seinem.


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 18:39 
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Hallo Rüdiger!

Als schulmeisterlich habe ich Herrn Bartschs Hinweis auf die May-Lektüre aber nun wirklich nicht verstanden.

Grüße

Rolf


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 18:46 
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Kleiner Nachtrag noch:

Gerade heute habe ich unter www.karl-may-buecher.de eine kleine Rezension zu Band III der „Chronik“ (der Band kann selbst einem hartgesottenen Sympathisanten Karl Mays stellenweise ganz schön die Augen öffnen !) geschrieben, darin steht folgender Satz:

Zitat:
Was müssen wir alles an Peinlichkeiten lesen, an pathetischer Selbstbemitleidung und theatralischem, oft verlogenen Gehabe, seitens Karl May und seiner zweiten Frau, manchmal ist es regelrecht deprimierend.


Und der nächste lautet nichtsdestotrotz:

Zitat:
Und zwischendrin trotz allem wieder echte Perlen, aufblitzende tiefe Wahrheiten, oder eine Stelle wie diese aus einem Brief von Klara: „Die Herren meinten, man könne die Welt durchsuchen, einen Karl May mit einer solchen Fülle von Himmelsliebe fände man sicherlich nicht mehr“, für mich nun wieder durch und durch glaubwürdig und nachvollziehbar; er war schon ein seltsamer Mann mit allen Facetten.


Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiß oder wenn weiß dann nicht schwarz usw., die scheinbar größten Gegensätzlichkeiten schließen sich eben nicht aus, eine Selbstverständlichkeit eigentlich, aber kaum jemand scheint das verstehen zu wollen oder zu können.


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 20:40 
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Lieber Herr Wick,

wie man derart kleinkariert und überempfindlich den hervorragenden, sachbezogenen Beitrag von Herrn Bartsch als schulmeisterisch bezeichnen kann, ist mir wirklich schleierhaft.

Zu Mays erster Frau Emma und Ihren Eintrag bei buecher.de: Ich teile weitgehend die Ansicht von Gabriele Wolff "Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer" im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2001.
http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg ... /index.htm

Zitat:
Was die Persönlichkeit Emma Pollmer in ihrer Beziehung zu Karl May angeht, ist sie in der ›Studie‹ insgesamt sicherlich zutreffend dargestellt worden. Eine attraktive, kokette, von starken Gefühlsschwankungen beherrschte dominante Frau, triebgesteuert und von materiellen Interessen geleitet. Lust an kämpferischen Auseinandersetzungen, an ›Spielen‹, die den Geschlechtspartner reizen bzw. aufreizen sollen, bereit und fähig zu lügen und die Realität umzudeuten. Eine tiefe Hinwendung zum Okkulten, wobei das Reich des Übersinnlichen wegen mangelnder intellektueller Fähigkeiten in zunehmendem Maß nicht mehr von der Wirklichkeit abgegrenzt werden kann; bei Verletzungen - z. B. durch Ignorieren, durch ›Veredelungsbestrebungen‹ oder gar durch Trennung - zu langandauerndem kalten Haß und überlegten Racheaktionen in der Lage. Empathie und mütterliche Züge scheinen in ihrem Charakter völlig zu fehlen, dafür treten ein Hang zu theatralischen aggressiven Szenen hervor und eine unruhestiftende Fähigkeit zur suggestiven Verführung und zum Ausagieren von Machtstreben. Eine Persönlichkeit mit Charisma also, kaum lenkbar und im alltäglichen Zusammenleben nicht leicht zu ertragen. Sie wäre seinerzeit wohl als klassische Hysterikerin eingestuft worden - und es wäre ihr auch heute kaum anders ergangen, wenn das moralisch negativ besetzte ›weibliche‹ Krankheitsbild nicht im Jahr 1987 von der American Psychiatric Association offiziell von der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen worden wäre. Krankheitsdefinitionen insbesondere im psychiatrischen Bereich (querulatorischer Wahn als Ausgrenzung Andersdenkender beispielsweise) spiegeln nicht selten gesellschaftliche Wertungen wider: denn wenn die festgestellten Eigenschaften Emma Pollmers unwillkürlich als negativ bewertet werden, dann vor allen Dingen deshalb, weil sie in ein Frauenbild nicht hineinpassen, das von der männlichen Sehnsucht nach symbiotischer Komplettierung geprägt ist. Ein aktueller Blick in männlich besetzte Chefetagen beweist, daß die meisten von Emmas Eigenschaften dort als karrierefördernde Qualitäten anzutreffen sind, die, persönlich folgenlos, zu Lasten der Untergebenen und der Unternehmens/Behördeneffizienz ausgelebt werden können.


Was ist daran verwerflich, dass Karl May letztlich sein Glück bei einer anderen Frau suchte? Aber auch das sehen Sie ja negativ ...

Ralf Harder


Zuletzt geändert von Ralf Harder am 28.1.2006, 14:05, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 21:01 
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Lieber Herr Harder,

ich habe nicht den Beitrag als schulmeisterlich (nicht „schulmeisterisch“) bezeichnet, sondern die Mahnung, nicht aus dem Gedächtnis zu zitieren, bzw., die Art und Weise, wie das für mich herüberkam.

Über die Größe von Karos bei mir und anderen mich auszulassen, davon möchte ich an dieser Stelle mal freundlicherweise absehen. Überempfindlich mag die Reaktion teilweise gewesen sein, da mögen Sie einigermaßen recht haben.

Zitat:
Was ist daran verwerflich, dass Karl May letztlich sein Glück bei einer anderen Frau suchte? Aber auch das sehen Sie ja negativ ...


schreiben Sie.

Ich bitte Sie. Nun geht es aber wirklich langsam los.

Ich bin in den letzten Jahren nicht müde geworden, Klara May in Schutz zu nehmen und ihr öffentlich sozusagen einen Bonus einzuräumen. Ich bin ihr heute noch gleichsam dankbar dafür, dass sie Karl May in seinem letzten Lebensjahrzehnt zur Seite gestanden hat. Ich würde gerne ihre Schriften wie „Mit Karl May durch Amerika“ u.a. lesen (auch wenn klar ist, dass sie ebenfalls gerne Märchen erzählt hat). Ich bezweifle nicht im geringsten, dass Emma letzten Endes überhaupt nicht zu ihm passte, und Klara genau die Frau war, die zu ihm gehörte. Selbstverständlich war es gut und richtig, sich zu trennen und die neue Verbindung einzugehen. Aber die Art und Weise, wie das durchgeführt wurde, und die Art, wie man die Frau Pollmer auch nach der Trennung noch moralisch fertiggemacht hat, ist einigermaßen unerträglich.

Es ist wirklich erschreckend und nicht nachvollziehbar, wie man missverstanden wird, und wie wenig oft differenziert wird.

Mit besten Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 21:33 
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Lieber Herr Wick,

da haben Sie ja gleich die ganze Zitatstelle aus dem "Verlorenen Sohn", auf die ich mich bezogen habe, ins Forum gestellt, und so kann jeder Leser sich ein Bild davon machen, ob aus dieser Szene wirklich Kälte, Zynismus, Pessimismus und Nihilismus sprechen. Kälte allenfalls im Hinblick auf die Jahreszeit und Pessimismus vielleicht im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Karl May anklagt (die mit Hilfe des "Fürsten des Elends" jedoch gebessert werden sollen). Insgesamt ist die Episode doch getragen von einer tiefen Sympathie des Autors für die arme Gustel Beyer und ihre Eltern. Man kann imgrunde den gesamten "Verlorenen Sohn" ja als "sozialen Roman" betrachten (so hieß er ja später im Untertitel), als Kritik an den sozialen Verhältnissen der Zeit, als Anklage und als einen - manchmal vielleicht etwas naiven - Versuch, diese schlimmen Verhältnisse zu verbessern.

Natürlich wollte ich mit meiner Argumentation nicht "schulmeisterlich" wirken. Und natürlich verstehe ich, daß man nicht jede Stelle des Gesamtwerkes von Karl May auswendig im Gedächtnis haben kann (ich selbst würde das auch nie für mich in Anspruch nehmen). Aber Sie selbst schreiben in Ihrem Beitrag vom 5.12.05, Sie könnten sich an die Stelle "nur dunkel erinnern" und hätten sie als "kalt und emotionslos" in Erinnerung. Das jetzt von Ihnen gebrachte Zitat belegt meinem Empfinden nach jedoch weder Kälte noch Emotionslosigkeit, sondern eine tiefe menschliche Anteilnahme des Autors mit dem so arg gebeutelten alten Mann, der verzweifelt ist, aber sich nicht "von Gott und der Welt verlassen" fühlt, sondern mit den kirchlichen Segensworten auf den Lippen stirbt, die sonst der Pfarrer zum Abschluß eines Gottesdienstes spricht. Sollte unsere Bewertung und Einschätzung solch einer Szene wirklich so unterschiedlich sein?

Am 5. Dezember meinten Sie, Sie könnten sich an die Szene "nur dunkel erinnern". Jetzt schreiben Sie:

Zitat:
Ich habe die Stelle sehr genau in Erinnerung. Mir da Erinnerungsschwäche zu unterstellen, finde ich, gelinde gesagt, unhöflich.


Unhöflichkeit lag bestimmt nicht in meiner Absicht. Ich hatte nur anhand Ihrer Feststellung, sich nur dunkel erinnern zu können, belegen wollen, daß solche "dunklen" Erinnerungen unter Umständen zu Fehlschlüssen führen. Sollten Sie sich persönlich angegriffen fühlen, so bitte ich um Entschuldigung.

Mit besten Grüßen
Ekkehard Bartsch


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BeitragVerfasst: 27.1.2006, 22:27 
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Lieber Herr Bartsch,

in Sachen widersprüchliche Aussagen haben Sie mich (scheinbar) hübsch ertappt. „Nur dunkel erinnern“ und „sehr genau erinnern“, das verträgt sich nicht so recht. Das ist wohl ein bisschen das Karl-May-Gen. Und ein hübsches Beispiel für das, was Sie ursprünglich wohl sagen wollten: nicht Lüge, sondern unzureichende Erinnerung ist es oft.

Aber so ganz falsch ist es gar nicht. An Einzelheiten der Stelle, ob das nun auf dem Kirchhof war oder in der Leichenhalle, z.B., konnte ich mich nur dunkel erinnern, an die Empfindung, die ich seinerzeit beim Lesen hatte, allerdings sehr gut.

Ich habe ja bei dem damaligen Forenbeitrag nicht gesagt, dass alle vier Aspekte, Kälte, Zynismus, Pessimismus, Nihilismus auf alle genannten Textstellen zutreffen. Mal mehr das eine, mal mehr das andere. Wobei bei dieser Stelle tatsächlich alle vier beteiligt sind. Als ich das las seinerzeit mit dem Mondschein, da war mir kalt, innerlich, seelisch, das hat nichts mit Temperatur zu tun. Zynisch ist (seitens einer Figur des Romans) der Hinweis, dass das mit dem Verhungern nicht mehr vorkomme. Über den Pessimismus der Stelle muß ja wohl nichts gesagt werden. Den Nihilismus kann ich Ihnen allenfalls anhand des Nicht-mehr-an-die-Menschen-glaubens belegen, was ja angesprochen wird, ansonsten ist es eine Empfindung, die ich beim Lesen Karl Mays übrigens immer wieder habe. Über Empfindungen indes ist schlecht debattieren.

Für mich vermittelt die Stelle hauptsächlich Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, tiefste Einsamkeit, und die Sache mit Gott erscheint mir dort auch eher als ein letzter Strohhalm, von dem man (dort an der Stelle, meine ich !) nicht weiß, was davon zu halten ist.

Nehmen Sie das mit dem Fürsten des Elends wirklich ernst ? Ich nicht. Man könnte auch gleich den Weihnachtsmann auftreten lassen.

Übrigens steht die Stelle auch in Band 76 tatsächlich so drin. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Mit besten Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 28.1.2006, 14:09 
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Liebe Forumsleser,

für den eingehenden, hervorragend formulierten und sachlich fundierten Diskussionsbeitrag von Ekkehard Bartsch bin ich sehr dankbar. Es geht (darin sind wir uns ja alle einig!) nicht um ‚May-Fundamentalismus‘, nicht um eine unkritische Verherrlichung Karl Mays. Natürlich war er kein Heiliger und natürlich hatte er seine Fehler. Zu Recht aber kritisiert Bartsch die Abwertung, ja Diffamierung der Mayschen Autobiographie durch manche Forumseinträge. Wäre Mays Selbstdarstellung im wesentlichen nur „Blendwerk“ (Hermesmeier), nur Lug und Trug, dann wäre auch die May-Deutung in der ‚Wohlgschaft-Biographie‘ im Grunde hinfällig. Denn die angebliche Prozeßschrift ‚Mein Leben und Streben‘ gehört zu den wichtigsten Pfeilern meiner Darstellung bzw. Interpretation der Mayschen Vita.

Hocherfreut bin ich im weiteren über die Ausführungen Bartsch’ zur (von Rüdiger Wick dann wörtlich zitierten) Friedhofs-Szene im ‚Verlornen Sohn‘. Ich kann Ekkehard Bartsch nur zustimmen: „Kälte, Zynismus, pessimistischster Nihilismus“ (Wick) werden in dieser Szene zwar eindringlich, in erschütternder Weise, geschildert. Doch Rüdiger Wick war (im Forumseintrag vom 4.12.05) ja der Meinung, der Romanpassus im ‚Verlornen Sohn‘ belege die „Kälte“, den „Zynismus“ usw. des Autors Karl May. Das Gegenteil ist der Fall! Aber nochmals: Damit will ich nicht sagen, daß es in Mays Charakter nicht auch ‚dunkle‘ Facetten gab.

Nachbemerkung: Soeben habe ich den Forumseintrag Rüdiger Wicks vom 4.12.05 nochmals gelesen. Möglicherweise habe ich Herrn Wick mißverstanden. Vielleicht wollte er – ohne zu weit gehende Rückschlüsse auf Mays Charakter – einfach nur sagen, daß in Mays Romanen auch Kälte, Zynismus usw. zur Darstellung kommen. Aber dies bestreitet ja keiner!

Aus meiner Sicht vermittelt die besagte Friedhofsszene im ‚Verlornen Sohn‘ keineswegs nur „Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, tiefste Einsamkeit“ (Wick), sondern, weit darüber hinaus, ein letztes Vertrauen in die bergende Liebe Gottes. Die Segensworte des armen Herrn Beyer bewegten mich bei der Erstlektüre und bewegen mich heute zutiefst.

Es ist eine Binsenweisheit: Die Wirkung eines literarischen Textes (sei es von May oder von wem auch immer) hängt nicht nur von der Aussageabsicht des Autors, sondern immer auch von der aktuellen Gestimmtheit und der Psychostruktur des Lesers ab. Was die mögliche (und m. E. der Intention Karl Mays entsprechende) Deutung der Beyer-Szene im ‚Verlornen Sohn‘ betrifft, darf ich auf meinen Aufsatz über ‚Sterbeszenen in Mays Kolportageromanen‘ im Jahrbuch der KMG 1997, S. 176-210, hier S. 187f., verweisen.

Hermann Wohlgschaft


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BeitragVerfasst: 28.1.2006, 14:24 
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Sagen wir (ich) so: Karl May hat die Kälte und den Zynismus in dieser Welt – auch in sich selbst - gesehen, empfunden und beschrieben.

Und an anderen Stellen die Wärme, die Liebe, die Gnade, was immer Sie wollen.


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BeitragVerfasst: 28.1.2006, 14:49 
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Ekkehard Bartsch hat geschrieben:
Euchar Albrecht Schmid, der im Sommer 1910 Karl May besuchte, erinnert sich:
"...gerade damals schrieb er unter bittersten Seelenqualen seine Selbstbiographie ... Ich habe den greisen Mann weinen sehen, als in der Pressefehde schließlich sogar das Andenken seines unbescholtenen Vaters angetastet wurde und als man seine ebenfalls längst verstorbene Mutter herabzuwürdigen suchte, weil sie eine - Hebamme war."
(zitiert nach Anhang zu Karl May, Bd. 34 "Ich", 38. Aufl., S. 330).


Rodger hat geschrieben:
Sind Sie sicher, dass der immer die ungeschönte Wahrheit gesagt hat ? Dessen altbacken-bieder-kitschige Schriften können mich nun wirklich in keinster Weise überzeugen.


Hier wird Dr. E. A. Schmid nicht gerecht beurteilt, sondern fälschlicherweise verurteilt.

Ralf Harder


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BeitragVerfasst: 28.1.2006, 16:56 
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Nochmal zur Sterbeszene:

Ich weiß gar nicht, was daran in irgend einer Weise positiv sein soll. Nur weil da goldene Gebets-Worte zitiert werden ? Ich könnte mir schöneres vorstellen, als meine geliebte Frau tot aufzufinden und dann neben ihr, ohne jeden Zuspruch und ohne jede Hoffnung, vor Hunger und Kälte zu krepieren (ein solches ist es doch. Liegen Sie mal hungernd, frierend und sterbend in einer Leichenhalle neben einer solchen).

Der Mann betet, ja, aber ob er, gleichsam, auch irgendetwas vom anderen Ende der Leitung empfängt, davon lesen wir nichts. Es wäre denkbar und möglich, das weiß ich wohl, aber Karl May sagt kein Wort davon. Wenn da irgendein klitzekleines Sätzchen, vielleicht á la Hemingway „Und dann wusste er, dorthin war es, wohin er ging“ (am Ende von „Schnee auf dem Kilimandscharo“) gefallen wäre, würde ich die Angelegenheit mit anderen Augen betrachten. Karl May war ja sonst nicht so schweigsam. Nein, an der Stelle vermittelt sich für mich keine Geborgenheit, sozusagen nicht für fünf Cent.

Man könnte so weit gehen zu sagen, der Mann plappert da Sätze nach, die man ihm so eingebläut, bzw., lebenslänglich vorgeplappert hat. Weil ihm nichts anderes einfällt. Und er, im Gegensatz zum Leser, vielleicht nicht merkt, dass es eigentlich, bei aller Liebe, auch ein bisschen absurd ist. Ob der Herr segnet, behütet, gnädig sein und Frieden geben wird, das wird sich zeigen, das ist nicht davon abhängig, ob so ein Menschlein dafür betet.


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