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Durch das Land der Wahrnehmung von Batzendorf nach Gartow ..
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Autor:  rodger [ 17.10.2007, 10:58 ]
Betreff des Beitrags:  Durch das Land der Wahrnehmung von Batzendorf nach Gartow ..

"Es fließen ineinander Traum und Wachen,
Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.
Wir wissen nichts von andern, nichts von uns;
Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug."

Dieser Text ist von Arthur Schnitzler und drückt ganz vortrefflich das aus, was Karl May wohl zeitlebens empfand und was man, wenn man etwas tiefer hineinschaut, in seinem Werk immer wieder findet. Mit einem Wort: Batzendorf. Dort fand er schon recht früh all das recht komprimiert vor, was man auf der großen weiten Welt damals wie heute wahrnehmen kann, wenn es auch etwas kaschierter daherkommt …

„allerhand Schabernack“, „der einen oder anderen lustigen Begebenheit“, so kann man es sonnigstgemütigst natürlich auch sehen (Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2007, S. 278). Bitteschön, jeder wie er mag (oder kann). Die Wahrnehmungen sind halt verschieden. In Sachen Gartow z.B. auch, für mich (bzw.: für Karl May …) eine existentielle traumatische Erfahrung, für andere eine nette kleine lustige Geschichte …

:roll:

Autor:  rodger [ 17.10.2007, 14:21 ]
Betreff des Beitrags: 

Mays Erläuterungen:

Die ersten und ältesten Eindrücke meiner Kindheit sind diejenigen einer beklagenswerten Armut, und zwar nicht nur in materieller, sondern auch in anderer Beziehung. Niemals in meinem Leben habe ich so viel geistige Anspruchslosigkeit beisammen gesehen wie damals.
[…]
So war die ganze Lebensführung überhaupt eine ungemein niedrige
[…]
Man kam dadurch zur immerwährenden, aber stillen Heuchelei, zur niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmütigen Sarkasmus, welcher aber nichts Reelles an sich hatte. Das war ungesund und griff immer weiter um sich, ohne daß man es beachtete. Das ätzte; das wirkte wie Gift. […] Das allgemeine Rechtsgefühl war irregeführt. […] Die Jugend aber, die das alles mit ansah und mit anhörte, mußte den Eindruck gewinnen, daß diese Betrügereien bewundernswerte und sehr gut lohnende Taten seien, und so ein Eindruck wird nie wieder verwischt. Mir wurde einst von einem Juristen gesagt, ich sei in einem Sumpf geboren worden. Ob dieser Herr wohl recht gehabt hat oder nicht?

Zwei eigenartige Gewächse dieses Sumpfes waren die beiden Namen "Batzendorf" und die "Lügenschmiede". […] Es war ein Jux, aber ein Jux, der häufig zum Ausarten kam.
[…]
"Machen Sie nicht mit, Herr Nachbar, machen Sie ja nicht mit! Es ist nicht gut für Sie und auch nicht gut für den Karl. Was man da treibt, ist alles weiter nichts als Persiflage, Ironie, Verhöhnung und Verspottung von Dingen, an deren Heiligkeit ja niemand rühren soll! Und zumal Kinder sollen so etwas nie zu sehen noch zu hören bekommen!"

Er hatte sehr, sehr Recht. Dieses "Batzendorf", in dem man nur mit Batzengeld zahlen durfte, hat eine ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille, heimliche, doch um so bösere Wirkung gehabt. […] Es war eine Versumpfung, in welche nicht nur die Alten gestiegen sind, sondern wir Jungen wurden auch mit hinein geführt und haben sehr viel von unserer Kindlichkeit drin stecken lassen müssen. Dem Unbegabten schadet das weniger; in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem Innern Dimensionen an, die später, wenn sie zutage treten, nicht mehr einzudämmen sind.

Die "Lügenschmiede" war etwas neueren Datums. […] Es gab in Ernsttal [Ernstthal] einige jüngere Leute, welche außerordentlich satirisch begabt waren. An sich sehr achtbare, liebenswürdige Menschen, hätten sie in andern, größeren Verhältnissen durch diese Begabung ihr Glück machen können, so aber blieben sie unten in den kleinen Verhältnissen hangen und konnten also auch nur Kleinliches und Gewöhnliches, oft sogar nur sehr Triviales leisten. Es war wirklich schade um sie!

[…] die Sache artete, wie Alles, was unten aus dem Niedrigen stammt, nach und nach aus. […] Was früher wirklicher Humor, wirkliche Schalkhaftigkeit und wirklicher Scherz und Schwank gewesen war, das wurde jetzt zur Zote, zur Zweideutigkeit, zur Unwahrheit, zur Fälschung, zur unvorsichtigen Klatscherei und Lüge. Die Lügenschmiede ist jetzt ver-
schwunden. Das Haus wurde der Erde gleichgemacht. Leider aber sind die Folgen dieser unangebrachten Witzbolderei nicht auch verschwunden. Sie existieren noch heute. Sie wirken fort. Auch das war ein Sumpf, und zwar ein unter hellem Grün und winkenden Blumen verborgener Sumpf. Nicht nur die Ortsseele hat unter ihm gelitten, sondern seine Miasmen sind auch im weiten Umkreise rund über das Land gegangen, und leider, leider bin auch ich einer von denen, die sehr und schwer darunter zu leiden hatten und noch heutigen Tages leiden müssen. […] Ich könnte diese Einblicke noch überaus erweitern und vertiefen, um nachzuweisen, daß es wirklich und wahrhaft ein sehr verseuchter Boden gewesen ist, in den meine Seele gezwungen war, ihre Wurzeln zu schlagen, will dies aber gern und mit Vergnügen unterlassen, …

(Karl May, Mein Leben und Streben)

Autor:  rodger [ 16.5.2014, 12:29 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Durch das Land der Wahrnehmung von Batzendorf nach Garto

In Sachen Puppentheater realisierte May früh, daß die agierenden Figuren an Fäden hängen. Später erkannte er, daß das auch im Leben so ist. (Nachzulesen in "Mein Leben und Streben".)

In Sachen Batzendorf sah May früh ein Infragestellen, Negieren, ad absurdum führen von Werten, Regeln, Konventionen, Moral … Später merkte er, daß er diese spezielle Batzendorfer Brille auch im Leben nicht mehr so recht von den Augen bekam …

Autor:  Doro [ 18.5.2014, 14:42 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Durch das Land der Wahrnehmung von Batzendorf nach Garto

Mir drängte sich zuallererst einmal, ohne Hintergründe und Zusammenhang zu kennen, der Anschein auf, es hätte sich hier um eine Literatengruppe gehandelt (vllt. wie der Club der toten Dichter) heutzutage der Wandel von Journalismus zu Bild Niveau. Bekanntlich wird ja an diversen Stammtischen gerne der neueste Klatsch und Tratsch, bzw. die unglaublichsten Gerüchte verbreitet. In einer Gaststätte las ich ein Schild: Stammtisch für Bauern, Fischer, Jäger und andere Lügner.... Ob die deshalb nun geschlossen haben? 8)
Sehr seltsam allerdings, dass es in der Lügenschmiede den Gästen gefiel, wenn sie von den Wirtsleuten vorgeführt wurden, wie es scheint zumindest. Warum ging dort überhaupt jemand hin, zumal das Geld eh so knapp war?

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