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'Der Dukatenhof' in drei Varianten
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Seite 5 von 5

Autor:  rodger [ 20.5.2010, 17:28 ]
Betreff des Beitrags:  Re: 'Der Dukatenhof' in drei Varianten

Helmut hat geschrieben:
dieser wiederholte Schicksalsschlag (hier das zerquetschen der Beine) so vorhersehbar, berechenbar und punktgenau eintrifft.
Bei sehr vielen der Marienkalender-Geschichten ist dies natürlich noch viel schlimmer, sodass mir dort (wie auch hier) einfach das überraschende Element fehlt
[...]
dieses "Mechanistische"


Ok, das seitens May gewählte Bild (gleicher Ort, gleicher Baumstamm, gleicher Effekt ...) hätte durchaus auch etwas unauffälliger daherkommen können ...

Es geht m.E. darum, daß man, was man sät, erntet. Mehr verbirgt sich eigentlich auch nicht hinter dem 'Resonanzgesetz', im Grunde ist es ziemlich einfach ... wenn ich z.B. nur lieblos und unachtsam bin mit den Menschen, kriege ich das auch zurück ... ("Umwelt als mein Spiegel heißt: Äußere Personen sind mir analoge Spiegelbilder und Resonanzflächen zu meinen inneren Figuren und Problemen" habe ich vorhin im Netz gefunden. Hübsch.)

Spontan ist mir in Sachen Baumstamm eben Hitchcocks "Vertigo" eingefallen, da muß die gute Frau am Ende auch vom gleichen Turm herunter, von dem heruntergefallen zu sein sie seinerzeit nur vorgetäuscht hatte ... es ist wie ein Sog, unausweichlich geht es dort hin und dort hinauf ... (übrigens großartig der Film. Yes. Well. Ich finde den Hitchcock überhaupt außerordentlich interessant.) Man spielt halt nicht mit solchen Dingen, es holt einen ein ... May schreibt sehr schön, daß irgendetwas in Heinrich ihn hindert, den Baum entfernen zu lassen, als wisse "es" in ihm (das schreibt er nicht, aber das kann man darin sehen), daß dieser Baum noch eine Rolle für ihn selber spielen wird ...

Das "Mechanistische" ist halt in der Schöpfung und nicht etwas, was einem Autor, der das wahrgenommen hat und vermitteln will, anzukreiden ist ... (das hatten wir ja schon in Sachen Anhang vom "Schut" ...)

Was du nicht willst was man dir tu das füg' auch keinem andern zu ... solche Sachen sind nicht einfach blöde Sprüche oder leere Floskeln, sondern sie haben schon ihre Berechtigung ...

Das hat auch alles m.E. herzlich wenig mit unreifen Vorstellungen von "Strafe" u.dgl. ('dudu, böseböse' ...) zu tun (in der Hinsicht geht mir Karl May manchmal auch auf den Keks, wenn er allzusehr "Hausschatz"- oder Marienkalender-Erwartungen bedient ...) sondern einfach mit Resonanz; wenn ich gegen die Mauer laufe muß ich mich nicht wundern wenn mir der Kopf weh tut, und wenn ich einen Ball dagegen knalle nicht darüber daß ich ihn anschließend vielleicht ins Gesicht kriege ... (Raskolnikoff ... er meint er kann morden, aber er muß sich halt nicht beklagen wenn es ihm schlecht damit geht ...)

Autor:  markus [ 21.5.2010, 11:39 ]
Betreff des Beitrags:  Re: 'Der Dukatenhof' in drei Varianten

rodger hat geschrieben:
Spontan ist mir in Sachen Baumstamm eben Hitchcocks "Vertigo" eingefallen, da muß die gute Frau am Ende auch vom gleichen Turm herunter, von dem heruntergefallen zu sein sie seinerzeit nur vorgetäuscht hatte ... es ist wie ein Sog, unausweichlich geht es dort hin und dort hinauf ... (übrigens großartig der Film. Yes. Well. Ich finde den Hitchcock überhaupt außerordentlich interessant.)

Und nicht nur du findest ihn interessant. Das ist mein Regisseur. :D

Die Sache mit dem "zweimaligem" vom Turm runter fallen von Kim Novak in "Vertigo" nennt man auch 'Duplizität der Ereignisse". Und diese Duplizität benutzte Hitchcock des öfteren, auf ganz unterschiedlicher Art, in seinen Filmen. Öfters als man glaubt hat der 'Held' des Films vielmehr mit seinem 'Gegenspieler' zu tun, als er vielleicht wahr haben will (oder wie es der Zuschauer will (Hitchcock hat auch sehr viel mit den Erwartungen des Zuschauers gespielt, zumindest soviel wie 'Hollywood' ihm erlaubte ('Happy-End' mußte damals jedenfalls sein))).

Da ist z.B. mein Lieblingsfilm "Das Fenster zum Hof" mit James Stewart als am Rollstuhl gefesselter Fotojournalist (besser kann mans nicht machen, ein freiheitsliebender in Ketten gelegt). Jeder andere würde sich erholen, er mit seinem natürlichen Tatendrang nicht. Also schaut er aus dem Fenster, wird neugierig und diese Neugierde wird ihm schließlich zum Verhängnis. Er ist im übrigen genauso (übel?) dran wie sein Gegenüber, der ja der 'böse' sein soll. Beide haben Probleme mit ihren Frauen, aber der eine bringt seine um, während der andere (James Stewart) anscheinend zuviel Skrupel hat. Entweder durch seine übertriebene Neugierde, oder dadurch daß er im Grunde auch nicht viel besser ist als sein Nachbar und beide nur ein Spiegelbild des anderen sind, oder beides, wird er zum Schluß noch mit dem zweiten gebrochenen Bein sozusagen bestraft.

Im Grunde ist "Das Fenster zum Hof" kein Krimi, sondern eine Art Beziehungsfilm. Fast alle Männer in der Nachbarschaft haben Probleme mit ihren Frauen. Da ist die Frau die ihren Hund mehr liebt als ihren Mann. Das wird dem Hund zum Verhängnis und er liegt eines Abends tot im Hof. Primär wurde er natürlich (der Zuschauer glaubt es so oder soll es so glauben) getötet weil er in den Blumenbeten zu neugierig war was denn der Mörder da (Leichenteile?) versteckt hat, aber gesehen hat keiner wie der Hund getötet wurde, es hätte genausogut auch der Ehemann der trauernden Frau getan haben.
Auch beim frischvermählten Paar schleicht sich nach wenigen Tagen der Ehealltag ein und man sieht einen ausgelaugten Ehemann und hört eine nörgelnde Ehefrau.
Und da ist noch 'Miss Einsames Herz', die Probleme mit ihren 'Lovern' hat, aber einmal unfreiwillig dazu beiträgt, daß die Polizei schneller vor Ort ist um einen (eventuellen) Mord zu verhindern.

Den Film könnte man aber auch als Komödie bezeichnen, denn er fängt an (Kamerafahrt auf Stewarts gebrochenen Bein) und hört ähnlich auf (Fahrt auf seine zwei gebrochenen Beine, während er in beiden Szenen ruhig und friedlich schläft). Wenn ein Film da aufhört, wo er begonnen hat und diese Szenen meist noch eine heitere Note haben, hat es meist was von Komödie.

Aber jetzt zurück zum Thema, ich könnte noch mehr drüber plaudern, aber das würde den Rahmen sprengen. Mir fällt nur noch schnell Hitchcocks "Im Schatten des Zweifels" ein, wo "Heldin" und "Gegenspieler" sehr viel miteinander zu tun haben, z.B. liegen beide in ihrer jeweiligen ersten Szene auf einem Bett, der Mörder mit dem Kopf nach rechts, das Mädchen nach links, beide heißen mit Spitznamen 'Charly' und sind auch noch Nichte und Onkel. Aber mehr irgendwann in einem anderen Thread vielleicht.

:wink:

Autor:  rodger [ 21.5.2010, 12:05 ]
Betreff des Beitrags:  Re: 'Der Dukatenhof' in drei Varianten

markus hat geschrieben:

Öfters als man glaubt hat der 'Held' des Films vielmehr mit seinem 'Gegenspieler' zu tun, als er vielleicht wahr haben will

Das ist im Leben auch so ...

markus hat geschrieben:

er im Grunde auch nicht viel besser ist als sein Nachbar und beide nur ein Spiegelbild des anderen sind

... und deshalb hält es dann auch mal einen Lebius (oder einen Mamroth, oder eine Pauline Münchmeyer) für einen bereit, wenn man noch eine Lektion zu lernen hat ...

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