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Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze
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Autor:  rodger [ 4.10.2010, 9:00 ]
Betreff des Beitrags:  Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Daß Mays frühe Humoresken teilweise stark abweichende Textvarianten aufweisen, und zwar schon zu seinen Lebzeiten, wurde kürzlich schon erwähnt. Auch bei den „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ ist das teilweise der Fall.

Der „Waldkönig“ von 1879 erfuhr zahlreiche Nachdrucke (nebst redaktionellen Änderungen) und wurde 1903 von Karl May unter dem Titel „Vergeltung“ in die Buchausgabe der „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ übernommen.

Schauen wir uns den Beginn der Erzählung in den unterschiedlichen Fassungen an.

Zitat:
Auf der hoch im Gebirge gelegenen Endstation war der aus der Kreishauptstadt kommende Zug signalisirt. Die in saubere Hausknechtskleidung gehüllten Gasthofshyänen, welche auch dieser Erdenwinkel aufzuweisen hatte, schritten, erwartungsvoll auf ihre Beute lauernd und einander mit mißgünstigen Blicken musternd, auf dem Perron auf und ab, während einige biedere Gebirgsbewohner, welche zur Begrüßung irgend eines Angehörigen zugegen waren, sich in halb scheuer Bescheidenheit unter den Eingang zurückgezogen hatten. Der einfache Sohn der Berge kann sich nur schwer an jenes sichere, zuweilen auch anspruchsvolle Auftreten gewöhnen, welches man selbst am kleinsten Halteorte zu bemerken pflegt.

Ihre Aufmerksamkeit war getheilt zwischen dem Treiben auf dem Perron und einem leichten Wagen, welcher vor dem Bahnhofe hielt.

(„Der Waldkönig“)


Zitat:
Auf der hoch im Gebirge gelegenen Poststation wurde der aus der Kreishauptstadt einen Tag um den anderen hin- und hergehende Eilwagen erwartet. Das Anlangen desselben war hier noch ein Ereignis, dem einige Bewohner des Ortes, auf der Poststation hin- und herschlendernd, mit Neugier entgegenzusehen pflegten.

So auch heute, wo indes das Interesse der anwesenden Gebirgsbewohner noch einen zweiten Gegenstand hier zu beobachten Anlaß fand. Ihre Aufmerksamkeit war geteilt zwischen dem ein wenig gesuchten geschäftigen Treiben der beiden meist so müßigen Postbeamten und einem leichten Wagen, welcher vor dem Posthause hielt.

(„Vergeltung“)


Keine „Hyänen“ mehr, die auf Beute lauern, keine missgünstigen Blicke, keine scheue Bescheidenheit nebst körperlichem Rückzug unter den Eingang. Dafür der Hinweis, dass die Postbeamten „meist so müßig“ sind und ihre temporäre Geschäftigkeit eher vortäuschen.

Schauen wir uns ergänzend noch die Fassung in GW Band 44 (237. Tausend, (c) 1971) an.

Zitat:
Auf der hoch im Gebirge gelegenen Posthaltestelle wurde der aus der Kreishauptstadt einen Tag um den anderen hin und hergehende Eilwagen erwartet. Seine Ankunft war hier noch ein Ereignis, dem einige Bewohner des Orts, auf der Haltestelle hin- und herschlendernd, mit Neugier entgegenzusehen pflegten.

So auch heute, wo indes die anwesenden Gebirgsbewohner Anlaß fanden, noch einen zweiten Gegenstand hier zu beobachten. Ihre Aufmerksamkeit war geteilt zwischen dem ein wenig gesuchten, geschäftigen Treiben der beiden Postbeamten und einem leichten Wagen, der vor dem Posthaus hielt.

(„Der Waldschwarze“)


Hier sind nun auch die Beamten nicht mehr müßig, und dass ihr geschäftiges Treiben „ein wenig gesucht“ (= gschaftlhuberisch konstruiert, aufgesetzt) ist, fällt kaum noch auf.

Autor:  markus [ 4.10.2010, 9:29 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Könnte man ja langsam nachvollziehen, daß der KMV im Sinne von Karl May bearbeitet hat. Denn wenn wir uns die drei Textvarianten anschauen und wenn May noch länger gelebt hätte, könnte man zu dem Schluß kommen, daß May seine Texte soweit bearbeitet hätte wie es der Verlag anschließend tat, vielleicht noch extremer und vom "ursprünglichen May" wäre kaum noch was übrig geblieben (die erste Fassung gefällt mir übrigens am besten). Also was regen wir uns da so auf? Wir regen uns eigentlich kaum auf. Wir regen uns nur auf, daß sich Leute anmaßen im Sinne eines Schriftstellers zu handeln, den man zum Beweis nicht mehr fragen kann und daß sie das ganze noch als Originalausgabe verkaufen, zumindest den Eindruck über Jahrzehnte und auch noch bis heute geweckt haben, es handelt sich um den Text, so wie er zu Lebzeiten Mays erschien.

8)

Autor:  rodger [ 4.10.2010, 10:45 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

markus hat geschrieben:
Also was regen wir uns da so auf? Wir regen uns eigentlich kaum auf. Wir regen uns nur auf,

Also mir ging's nicht um Aufregen, sondern um Textvergleiche ... in aller Gemütsruhe & Sachlichkeit.

May hat übrigens 1883 die Erzählung einem Vertriebsbüro "mit allen Rechten als ausschließliches Eigentum gegen die ein Mal zu zahlende Summe von fünfundsiebenzig Mark" verkauft.

Inwieweit er bei der Überarbeitung für die Buchausgabe 1903 auf seine eigene Urfassung zurückgriff oder auf eine bereits veränderte, ist mir nicht bekannt, wäre aber interessant.

Autor:  markus [ 4.10.2010, 11:04 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

rodger hat geschrieben:
markus hat geschrieben:
Also was regen wir uns da so auf? Wir regen uns eigentlich kaum auf. Wir regen uns nur auf,

Also mir ging's nicht um Aufregen, sondern um Textvergleiche ... in aller Gemütsruhe & Sachlichkeit.

Warum fühlst du dich immer gleich angesprochen? Wenn einem noch was anderes zu dem Thema einfällt, kannst du es doch einfach mal akzeptieren, oder.

Autor:  rodger [ 4.10.2010, 11:23 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Ja, kann ich. Und Du kannst akzeptieren, wenn ich darauf hinweise, daß es mir um etwas anderes ging als um Deinerseits ins Spiel gebrachte abgestandene Polemisiererei. Erfahrungsgemäß neigt hier nahezu jeder Thread dazu, aus dem Ruder zu laufen. Das würde ich diesmal gern vermeiden und bei der Sache bleiben.

Allein wegen der Vor- oder Nachworte liebäugele ich derzeit mit der Anschaffung des KMV-Reprints der "Erzgebirgischen" sowie eventuell auch dem von Olms. Kann mir jemand, der beide Bände kennt, sagen welchen Umfang bei Olms das Vorwort hat,ob dort Informationen stehen, die ich andernorts nicht finde, und ob sich insofern die Anschaffung beider Bände lohnt ?

Autor:  Helmut [ 4.10.2010, 15:16 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Aus dem Bahnhof der ersten Fassung ist eine Postkutschenstation der späteren Fassungen geworden.
Dies erklärt einige wenige weitere Änderungen; offensichtlich hat/wollte er den Ort der Handlung verlegen.
Außerdem hat er diesen Text mehrmals (?) exklusiv an jeweils einen Verlag verkauft, und wollte nicht so einfach wegen Brechen dieses Vertrags belangt werden, vermute ich mal.
Das Vorwort des Olms-Reprints umfasst 19 Seiten und stammt von E. Bartsch.
Beide Reprints habe ich, weil der vom KMV viel,viel schöner ist, und wegen des Bartschen Vorworts (bei Olms).

Helmut

Autor:  rodger [ 4.10.2010, 15:44 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Dankeschön.

(müßte es nicht "Bartschsche" statt "Bartsche" heißen, da der Mann nicht "Bart" heißt ?)

Den KMV-Reprint werde ich mir kaufen. - Ob mir darüberhinaus einer, der mir schon öfter Bücher geliehen hat, informationshalber den Olms-Reprint leihweise zur Verfügung stellt, bezweifle ich, da ich immer so frech zu dem bin, wenn es um Familie, Kinder u.ä. geht ... :mrgreen:

Eine Vergleichslesung Waldkönig / Vergeltung auf den Seiten der KMG, parallel nebeneinander wie beim "Dukatenhof", wäre eine feine Sache.

Autor:  Helmut [ 4.10.2010, 16:01 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

rodger hat geschrieben:
Dankeschön.

(müßte es nicht "Bartschsche" statt "Bartsche" heißen, da der Mann nicht "Bart" heißt ?)

Den KMV-Reprint werde ich mir kaufen. - Ob mir darüberhinaus einer, der mir schon öfter Bücher geliehen hat, informationshalber den Olms-Reprint leihweise zur Verfügung stellt, bezweifle ich, da ich immer so frech zu dem bin, wenn es um Familie, Kinder u.ä. geht ... :mrgreen:

Eine Vergleichslesung Waldkönig / Vergeltung auf den Seiten der KMG, parallel nebeneinander wie beim "Dukatenhof", wäre eine feine Sache.



Da moasst a weng warden, weil der im Moment a weng faul iss, und etzert glei nedd groad scho widder a Buch eipaggen moag und aaf de Bossd bringe ...
Hoasdd mi?

Autor:  rodger [ 4.10.2010, 16:10 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Ich gebe Dir drei bis vier Wochen. Wenn's dann nicht da ist bestell' ich's mir. Hab' ich es nötig ... :lol:


Ein HKA-Band der Dorfgeschichten mit Informationen zu allen Varianten wird ja auch irgendwann erscheinen. Die Informationen, die ich dazu bislang auf den Seiten der KMG (u.a.) zusammensuchen konnte, sind (in Sachen Textabweichungen) eher spärlich und m.E. teilweise auch irreführend, so las ich mehrmals, die Abweichungen zwischen "Waldkkönig" und "Vergeltung" seien unerheblich. Davon kann ja zumindest zu Beginn des Textes wirklich nicht die Rede sein.

Autor:  Helmut [ 5.10.2010, 15:26 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

BTW:
Im Olms-Reprint (von dem ein Exemplar sich auf dem Postweg von N nach MA befindet) ist übrigens (ganz hinten) noch ein Gedicht abgedruckt, dass May als Widmung in ein Exemplar der Dorfgeschichten schrieb. (Ein anderes Gedicht als das des Vorworts.)

BTW II (hat zwar eigentlich hier nichts verloren, aber trotzdem (um Neid aufkommen zu lassen)):
Natürlich habe ich auch noch zwei "Originale" dieser Dorfgeschichten, eins von bell. Verlag des Herrn A. Fischer, allerdings mit dem "anderen" Deckelbild (also nicht das vom KMV-Reprint); und dann noch ein Exemplar vom Fehsenfeld-Verlag (dort ist der Band nämlich 5 Jahre später (also 1908) auch noch erschienen und zwar im "Outfit" der blauen illustrierten Reiseerzählungen, aber (leider) ohne Illustrationen.

Helmut

Autor:  Helmut [ 6.10.2010, 15:11 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Interessant ist ja vielleicht auch, die Wandlung/Umbenennung des Hauptbösewichts.
Vom "Waldkönig" (in der gleichnamigen Erzählung) wird der (wenn ich mich recht erinnere) mit einigen Zwischenschritten zum Waldschwarzen (in "Vergeltung"). Der "Waldkönig" war ja zwischenzeitlich in den "Verlorenen Sohn" hinein gewandert. Der KMV hat dann konsequenterweise (?) die Erzählung auch so benannt. Nachdem er (der KMV) dann auch noch den Waldkönig des verlornen Sohns in das "Buschgespenst" verwandelt hat, gibt es jetzt in den "grünen" gar keinen "Waldkönig" mehr.

Helmut

Autor:  rodger [ 6.10.2010, 15:40 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Der Waldkönig / Vergeltung / Der Waldschwarze

Interessant sind Querverweise innerhalb der Mayschen Dorfgeschichten, so heißt es in "Der Dukatenhof", genauer gesagt, in einer von drei Varianten dieses Textes, gegen Ende

Zitat:
Wir werden leider erfahren, daß der 'Pascherkönig' in anderen Gegenden des Grenzgebirges später verschiedentlich nachgeahmt worden ist.


Der Satz

Zitat:
Also grad wie damals mit dem Grenzmeister ist's auch jetzt mit dem Waldkönig, nur daß dieser noch viel schlimmer ist als jener.


(in "Der Waldkönig") erinnert an "weil Surehand als Westmann und Mensch noch bedeutend höher steht als Old Firehand" (in einem Brief an Fehsenfeld) ...

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