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 Betreff des Beitrags: Scepter und Hammer / Die Juweleninsel
BeitragVerfasst: 22.5.2004, 10:20 
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In „Der beiden Quitzows letzte Fahrten“ noch nach eigenem Stil suchend, tastend und probierend, hat Karl May ihn in „Scepter und Hammer“ und „Die Juweleninsel“ so ziemlich gefunden, „Waldröschen“-Atmosphäre kündigt sich an. Ein echter früher May, knallig, bunt, witzig, reizvoll, spannend, mit sehr schönen, gelungenen Momenten und verblüffenden Stellen wie dieser:

„Diese Emma Vollmer war ein schönes, sogar ein sehr schönes Mädchen, welche alle Gaben der Natur besaß, um einen Mann innig glücklich zu machen, und doch - - that sie es? Kann ein Mann überhaupt an seine Liebe, an sein Weib glauben? Droben am Himmel stehen Millionen von Sternen so fest, und dennoch, je näher man ihnen kommt, je besser man sie kennen lernt, desto mehr bemerkt man, daß sie alle, alle diese scheinbare Festigkeit nie besessen haben und nie besitzen werden. Sind nicht alle unsere Ideale geistige oder verkörperte Lichtgebilde, welche aufgehen, kulminiren und - verschwinden?"

Die Schilderung des mit Recht eifersüchtigen Karl Goldschmidt und seiner Emma Vollmer ist von ganz eigenartigem Reiz, hier läßt der Autor fast sich selber sterben, kommt aber schwerverwundet davon. Und baut sich im weiteren Verlauf des Romans seine Phantasiewelt auf, aus dem gedemütigten Karl wird der große Volksredner.

Für jemand, der Karl May mag und nicht gerade mit formalen / literaturwissenschaftlichen Kriterien an die Romane herangeht, sind „Scepter und Hammer“ und „Die Juweleninsel“ im Original herrliche Lektüre, es trifft m.E. nicht zu, daß der Roman in seiner ursprünglichen Form für heutige Leser nicht zumutbar sei, wie oft zu lesen ist.

Erhältlich in der Ausgabe der HKA im Bücherhaus Bargfeld, auch oft antiquarisch in der inhaltsgleichen Greno-Taschenbuchausgabe, oder bei Weltbild.

Und wer’s puristisch nicht allzu eng sieht, die entsprechenden Bearbeitungen des Karl May Verlags, in „Zepter und Hammer“ mit vereinfachender chronologischer Handlungsfolge, leider ohne die Karl Goldschmidt / Emma Vollmer - Episoden, und in der „Juweleninsel“ ohne die eindeutigen Zweideutigkeiten, dafür mit dem alten Bekannten Intschu Tschuna und aufpolierter Abenteuergeschichte, haben auch ihren Reiz.

Sekundärliteratur unter anderem:
Karl Mays erster Großroman, Sonderheft der KMG, Nr. 23, 1980
Karl Mays kleines Welttheater, Mitteilungen der KMG, Nr. 42, 1979


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 Betreff des Beitrags: Re: Scepter und Hammer / Die Juweleninsel
BeitragVerfasst: 22.5.2004, 13:10 
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Hallo zusammen!
Hallo rodger!

rodger hat geschrieben:
Für jemand, der Karl May mag und nicht gerade mit formalen / literaturwissenschaftlichen Kriterien an die Romane herangeht, sind ?Scepter und Hammer? und ?Die Juweleninsel? im Original herrliche Lektüre, es trifft m.E. nicht zu, daß der Roman in seiner ursprünglichen Form für heutige Leser nicht zumutbar sei, wie oft zu lesen ist.

Persönlich bin ich ja der Meinung, dass man auch und gerade, wenn man mit formalen, literaturwissenschaftlichen Kriterien an Mays frühe Werke heranginge, einige Perlen zu finden wären. Soweit ich sehe, bin ich einer der wenigen, wenn nicht der einzige, der die Meinung vertritt, dass Mays ganz grossen Werke seine ganz frühen sind. Dann geriet er in die Old-Shatterhand-Kara-ben-Nemsi-Schiene, schliesslich wollte er 'symbolisch' arbeiten, ohne dazu wirklich befähigt zu sein. Hätte er sein frühes Werk weiterverfolgt und diesen Diamanten zugeschliffen, die deutsche Literatur hätte ihr Gegenstück zu Balzac erhalten können. Schade.

Grüsse

Sandhofer


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 23.5.2004, 21:14 
Hallo zusammen,
hallo Sandhofer,

ich denke ist wohl zutreffender, daß Balzac auch nicht annähernd jemals die Qualitäten eines Karl May erreicht hat, nicht einmal in Bezug auf Mays Frühwerke.

Balzac war doch ein wüster Schreiber ohne Ideen und jedwede - letzteres Wort stammt noch aus meiner frühesten Schulzeit - Fantasie.

Es ist gut, daß May nie zum Balzac der Deutschen wurde.

Also, Sandhofer, Sie können aber Vergleiche anstellen. :)

Viele Grüße
Kurt


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 Betreff des Beitrags: May und Balzac
BeitragVerfasst: 24.5.2004, 13:52 
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Hallo zusammen!
Hallo Kurt!

Kurt Altherr hat geschrieben:
Balzac war doch ein wüster Schreiber ohne Ideen und jedwede - letzteres Wort stammt noch aus meiner frühesten Schulzeit - Fantasie.

Wo ist die Phantasie bei Karl Mays Old-Shatterhand-Kara-ben-Nemsi-Stories? Reiten-gefangen werden-freikommen-reiten-gefangen nehmen-freilassen-reiten-gefangen werden-freikommen-reiten-gefangen nehmen-freilassen ... etc. ad libitum et ad nauseam. Und zum Schluss der Bösewicht, der entweder vom Felsen stürzt (ev. auch mal vom Pferd) oder ersäuft - oder beides zusammen.

Kurt Altherr hat geschrieben:
Es ist gut, daß May nie zum Balzac der Deutschen wurde.

Ich hätte auch Walter Scott nennen können oder Alexandre Dumas. Der 'junge' May hatte die Qualitäten, in diese Kategorie einzusteigen. Er verpasste es. Zum Teil waren es wohl 'May-interne' Gründe, zum Teil aber auch externe. May wie Balzac begannen mit Kolportage. Aber während Balzac in der Grossstadt Paris geformt wurde, blieb May auf Hohenstein-Ernstthal und Leipzig beschränkt. (Übrigens hätte ihm auch Berlin nicht viel weiter geholfen. Berlin wurde erst rund 10 Jahre nach Mays Tod zur Grossstadt. Und anderes gab es zu jener Zeit sowieso nicht, für einen Deutschen, der nur seine Muttersprache sprach.) Wo Balzac das doch relativ lebensfrohe französiche Empire um sich hatte, umgab May eine wilhelminisch-prüde Atmosphäre. So konnten die Franzosen Balzac für seine Spielleidenschaft und Spielschulden quasi noch vergöttern, May musste seine Jugendsünden im Alter nochmals büssen. May wurde für die Anmassung eines Titels ('Doktor May') innerhalb und ausserhalb der Justiz hart drangenommen, Balzac durfte sich das Adelsprädikat 'de' anmassen und wurde dafür allenfalls noch bewundert ...

Kurt Altherr hat geschrieben:
Also, Sandhofer, Sie können aber Vergleiche anstellen. :)

Danke, gleichfalls! :mrgreen:

Grüsse

Sandhofer


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 24.5.2004, 14:09 
Hallo Sandhofer,

hätten Sie in ihrem vorherigen Beitrag schon Walter Scott oder Alexandre Dumas zum Vergleich herangezogen, es wäre nicht zum Widerspruch meinerseits gekommen.

Ferner erlauben Sie mir noch eine kleine Korrektur. Die Welt des Karl May beschränkte sich zwar auf Hohenstein-Ernstthal, aber nicht auf Leipzig sondern Dresden und Radebeul. Ich gehe davon aus, daß Sie wissen, daß auf kulturellem Gebiet Leipzig und Dresden Welten trennten.
Von Dresden hat Karl May erheblich profitiert.
Wie wollen Sie Karl May objektiv beurteilen, wenn Sie seine Wirkungsstätten nicht richtig kennen? Das ist doch sehr wichtig, wenn Sie andererseits Balzac so eng mit Paris und dem Frankreich des Bürgerkönigs Louis Philippe verknüpfen.

Ferner möchte ich noch ergänzen, daß es damals noch das auf sehr hohem künstlerischen Niveau agierende München gab. Und Bayern sah Karl May - wie Sie sicherlich wissen - allenthalben als sein "höheres und eigentliches Vaterland" an.

Viele Grüße
Kurt


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 25.5.2004, 13:17 
Hallo zusammen, hallo Rodger, Sandhofer & Kurt!

Ich kenne von Balzac ja nur Das Mädchen mit den Goldaugen, welches ich vor etlichen Jahren einmal gelesen habe und jetzt noch mal kurz überflogen habe (und im übrigen gar nicht langweilig fand). Insofern kann ich den Autor nur begrenzt beurteilen. Allerdings ließe sich durchaus Behandlung der Thematik fataler Leidenschaften, die bei May etwa in Rodgers Emma-Vollmer-Zitat oder in der Beziehung Gerald und Emilia im Waldröschen anklingen, vergleichen. Auch hätte May, der hinsichtlich seiner Kolportageromane ja stark von Sues Geheimnisse von Paris beeinflußt war, sich durchus nicht gescheut, dererlei mangels geeignet welstädtischen deutschen Schauplatz - wie in Waldröschen und Die Liebe des Ulanen auch geschen - auch in Paris anzusiedeln. Schließlich hatte er immer mangelne Erfahrung mit Quellenstudium und Imagination ausgeglichen.

Nein, ich glaube, weshalb es bei May zu einer Entwicklung - soweit mir aus Das Mädchen mit den Goldaugen erkennbar - in Richtung Balzac - oder anderer großer Romanciers - nicht kam, war der Unwille, vielleicht gar das Unvermögen, seine doch ziemlich egozentrischen Weltsicht zu überwinden. Das läßt sich am Beispiel seiner Darstellungen fataler Leidenschaften bis hin zur Emma-Studie oder Mein Leben und Streben recht gut zeigen. May erkennt zwar, daß die erotische Attraktion einer Frau einen Mann [und damit meint natürlich sich selber] selbstillusionär denken lassen kann, sie sei auch in jeder anderen Hinsicht perfekt sei, da er sie durch die Augen seiner Wunschvorstellung (im Falle Emmas der perfekten Schriftstellerfrau) betrachtet. Die Desillusion, daß körperliche Leidenschaft nicht notwendigerweise auch einen Gleichklang im Seelisch-Geistigen mit sich bringt, gesteht er sich also ein. Aber er ist aber nicht imstande einzusehen, daß es bei den Frauen mit den Männern genauso gehen könnte. Stattdessen entwirft er ein privates Emma-Weltbild, daß diese - ohne sich irgendwelche Illusionen gemacht zu haben - berechnend diesen Umstand zu nutze machte. Daß aber vielleicht auch Frauen in ihrer Verliebtheit in Männer mehr sehen und nachher enttäuscht sein könnten, diese Einsicht läßt sein Eigenstolz nicht zu. Stattdessen flüchtet er sich bezüglich Emma später lieber in seine Dämonen-Theorie.

Insofern hätte ihm wohl die innere Distanz gefehlt, einen natürlicheren, und damit fehlbareren Männer- und Frauencharkter zu schaffen, und die Fatalität einer starken Leidenschaft wie im Mädchen mit den Goldaugen aus neutralerer Sicht zu beschreiben. Stattdessen kompensiert May ja die real gespürten - und durch die Demütigung der Gefängnisaufenthalte gewiß nicht gering empfundenen - eigenen Unzulänglichkeiten bei seinem Ich-Erzäher oder bei einem Ich-Ersatz-Helden wie Karl Sternau durch zunehmend übermenschliches Heldentum. Damit aber, so scheint mir, war für May der Weg zu Erzählungen und Romanen, die die Vielfalt in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen zwischen Harmonie und Hass wenigsten halbwegs authentisch hätten schildern können, doch ziemlich blockiert.


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 26.5.2004, 16:53, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: May und Balzac
BeitragVerfasst: 25.5.2004, 13:24 
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Sandhofer hat geschrieben:
...Aber während Balzac in der Grossstadt Paris geformt wurde, blieb May auf Hohenstein-Ernstthal und Leipzig beschränkt. (Übrigens hätte ihm auch Berlin nicht viel weiter geholfen. Berlin wurde erst rund 10 Jahre nach Mays Tod zur Grossstadt. Und anderes gab es zu jener Zeit sowieso nicht, für einen Deutschen, der nur seine Muttersprache sprach.)


nicht mal wien? :shock:


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 Betreff des Beitrags: Re: Scepter und Hammer / Die Juweleninsel
BeitragVerfasst: 25.5.2004, 13:33 
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rodger hat geschrieben:
Erhältlich in der Ausgabe der HKA im Bücherhaus Bargfeld, auch oft antiquarisch in der inhaltsgleichen Greno-Taschenbuchausgabe, oder bei Weltbild.

Und wer’s puristisch nicht allzu eng sieht, die entsprechenden Bearbeitungen des Karl May Verlags, in „Zepter und Hammer“ mit vereinfachender chronologischer Handlungsfolge, leider ohne die Karl Goldschmidt / Emma Vollmer - Episoden, und in der „Juweleninsel“ ohne die eindeutigen Zweideutigkeiten, dafür mit dem alten Bekannten Intschu Tschuna und aufpolierter Abenteuergeschichte, haben auch ihren Reiz.


bzw. antiquarisch auch noch oft als haffmans-taschenbuch (=HKA).

rodger hat geschrieben:
Und wer’s puristisch nicht allzu eng sieht, die entsprechenden Bearbeitungen des Karl May Verlags, in „Zepter und Hammer“ mit vereinfachender chronologischer Handlungsfolge...


also wirklich, diese verschlimmbesserungen haben doch mit dem may-text wirklich nur noch den titel gemein. wenn man von der modernisierten rechtschreibung von "scepter" absieht.

rodger hat geschrieben:
...leider ohne die Karl Goldschmidt / Emma Vollmer - Episoden, und in der „Juweleninsel“ ohne die eindeutigen Zweideutigkeiten, dafür mit dem alten Bekannten Intschu Tschuna und aufpolierter Abenteuergeschichte, haben auch ihren Reiz.


aber genau das ist es doch, was den reiz des doppelromans ausmacht. außerdem werden in der bearbeitung die jesuiten nicht mehr beim namen genannt und der bowie pater wird ganz unterschlagen. usw. nein, danke! vielleicht wird es zeit für eine "rückbearbeitung"?


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BeitragVerfasst: 25.5.2004, 13:52 
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Hallo Karmaqueen,

Du hast ja recht. Ich bin auch kein Freund der Bearbeitungen, aber ich habe kürzlich durch ein Aha-Erlebnis gelernt, sie zu tolerieren.

Ein Beispiel: ich bin ein großer Fan der Augsburger Puppenkiste, insbesondere „Jim Knopf“ und „Urmel aus dem Eis“. Das gefiel mir in meiner Kindheit, und das gefällt mir immer noch. Wenn nun einer käme und würde mir unentwegt erzählen, das sei nicht der original Ende oder Kruse, alles sei bearbeitet usw., würde ich denken „Na und, ist mir doch egal, mir gefällt’s so.“ Und so geht es Leuten mit den Gesammelten Werken.

Wenn sie gut bearbeitet wären, würde es mir ähnlich gehen, nur sind sie m.E. schlecht bearbeitet. Und keinesfalls im Sinne Karl Mays. Deshalb kann ich mich mit der Reihe im großen und ganzen auch weiterhin nicht anfreunden, toleriere das aber mittlerweile, wenn es jemand anders sieht.

Beste Grüße

Rüdiger


- Kommt "karmaqueen" eigentlich von "Karma" oder von Karl May ?
(denkbar wäre auch, daß das für jemand das gleiche ist) :wink:


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BeitragVerfasst: 25.5.2004, 14:28 
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rodger hat geschrieben:
Wenn sie gut bearbeitet wären, würde es mir ähnlich gehen, nur sind sie m.E. schlecht bearbeitet. Und keinesfalls im Sinne Karl Mays. Deshalb kann ich mich mit der Reihe im großen und ganzen auch weiterhin nicht anfreunden, toleriere das aber mittlerweile, wenn es jemand anders sieht.


hallo rüdiger,

ich bin ja auch für eine "differenzierte" betrachtung der bamberger ausgabe. bei den *klassischen* reiseerzählungen und den union-bänden sind die eingriffe ja vielleicht noch vertretbar. aber bei den kolportageromanen (und hierzu zähle ich SH & J) wurde der diamant leider so stark verschliffen, dass kaum noch bezüge zum originaltext bestehen - wobei ich mir darüber im klaren bin, dass der originaltext leider nicht mehr im manuskript vorliegt. man bedenke nur, wie bände wie allah il allah zu stande gekommen sind. ähnlich ist das unmotivierte hinenschreiben von intschu tschuna in die juweleninsel etc.

und ist es nicht eine ironie der editionsgeschichte des KMV, dass nun für die "späteren" bänden (kinder des herzogs, bowie pater, rätsel von miramare...) zunehmend auch die abschnitte verwendet werden, die vorher der schere des verlagszensors zum opfer gefallen sind? aber nun völlig aus dem zusammenhang des großromans gerissen. aber so kann man die kuh halt noch einmal melken :P

rodger hat geschrieben:
- Kommt "karmaqueen" eigentlich von "Karma" oder von Karl May ?
(denkbar wäre auch, daß das für jemand das gleiche ist) :wink:


karmaqueen hat nun gar nichts mit dem mayster zu tun. der spitzname ist mir in einem anderen - englischsprachigen - internetforum zugefallen, wo es eine bewertungsmöglichkeit für die diskussionsbeiträge gab, die "karma" genannt wurde. die positiven und negativen karmapunke waren anlass von unzähligen diskussionen und infantilen spässchen, mittlerweile ist das system auch abgeschafft. aber irgendwie hänge ich an dem namen ;)


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 Betreff des Beitrags: Leipzig, Wien, Balzac ...
BeitragVerfasst: 26.5.2004, 6:14 
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Hallo zusammen!

Zuerst möchte ich mich bei allen Dresdernern entschuldigen, dass ich Leipzig für wichtiger angesehen habe als Dresden.
Und bei allen Leipzigern für obigen Satz :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

@Thomas Schwettmann
Etiketten wie 'der deutsche Balzac' sind ja nun nicht eigentlich mein Ding. Natürlich wäre May, hätte er den Weg weiterverfolgt, den er mit seinen verschiedenen Kolportageromanen eingeschlagen hatte, kein zweiter Balzac geworden. Aber er hätte ein grosser Romancier werden können. Leider legte er es im Alter darauf an, ein 'Dichter' zu werden, d.h. es mussten Gedichte und Dramen her, mit möglichst metaphysisch-symbolischem Inhalt. Und da war May nun schlicht und ergreifend überfordert.

@karmaqueen
Natürlich war Wien eine Weltstadt. Nur war die Welt von Wien nicht so ganz die von London, Paris oder Madrid. Nicht umsonst gibt es die Redewendung "Der Balkan fängt im 3. Bezirk an" ...

Grüsse

Sandhofer


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 26.5.2004, 6:59 
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Wem der Zugang zu Mays Alterswerk fehlt, wer es nicht versteht und es nur aus dem Blickwinkel seines angelernten theoretischen Wissens zu betrachten vermag, der sollte den Mund halten. Hätte Bloch an der Stelle auch besser getan.

Und Erleuchtung oder Weisheit kann man in Castrop-Rauxel oder Donaueschingen ebenso erlangen wie in New York City.

:evil:


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 26.5.2004, 8:48 
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Beiträge: 158
Lieber Roger, Rüdiger, Herr Karl-May-Verteidiger,

DEINEN BLickwinkel zu verstehen, ist auch nicht immer einfach!!!

Wau


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 12.2.2005, 16:52 
Noch einmal zurück zum Ausgangsthema, dem Doppelroman Scepter und Hammer / Die Juweleninsel:

Da gibt es jenseits der vollbusigen Emma im Originaltext ja noch eine Menge mehr bemerkenswerter Textstellen, die der Bearbeitung zum Opfer fielen. Da sind natürlich die Jesuiten: Sie sind für das Land das, was die Mäuse für das Feld und die Raupen für den Baum.. Daß May hier eine katholische Gemeinschaft aufs Korn nahm, gefiel den Radebeuler Erben wohl ganz und gar nicht, und flugs wandelten sie den Orden in eine politische Vereinigung names Lichtspender [! - Vgl. Mays gleichnamiges Petroleum-Essay in 'Schacht und Hütte'] um, welche den Nihilsten Rußlands sehr ähnlich sein soll - tatsächlich erwähnt Karl May die russischen Nihilisten (nebst einen Massenmörder à la Thomas [!?]) selber in 'Die Liebe des Ulanen'

Bemerkenswert ist etwa auch die Metamorphose des folgenden Dialoges über die Ansichten des Haupthelden Max Brandauer: »Ich denke wie mein Junge, und der verstehts!« antwortete der Schmied kurz und mit väterlichem Stolze. »Was sagt er zu der Todesstrafe?« - »Weg damit!« - »Gut. (...)« Was liest man stattdessen in GW 45: »Was sagt er zu den Zollgrenzen?« - »Weg damit!« Nun ja, selbst 125 Jahre, nachdem May sein kleines Plädoyer gegen die Todesstrafe schrieb, gibt es noch Staaten, die sich als besonders engagiert in Sachen Demokratie und Menschenrechte betrachten, sich gleichwohl zum flächendeckenden Weg damit! aber nicht entschließen wollen.

Aus Rücksicht allein auf die Weimarer Republik und deren fortgesetzter Jenseitsbefördung als ultima ratio des Strafvollzuges aber werden die Radebeuler Bearbeiter sich die ersatzweisen Zollgrenzen nicht ausgedacht haben, denn trotz der neuen, nun endlich demokratischen Zeit, die seit 1918 in Deutschland herrschte, erschien selbst noch 1926 Mays Erben die Kritik am absolutistischen Kaiserreich gleichfalls suspekt, sodaß auch der folgende Satz der Zensursschere zum Opfer fiel: (...) und die absolute Regierungsform hüben und drüben den Nationen keine Einrichtungen bietet, an der Politik des Herrscherhauses und der Verwaltung des Landes in der Weise theilzunehmen, welcher es möglich sein würde, eine dauernde Inklination heranwachsen zu lassen. Warum man im Satz zuvor, der das Verhältnis von Nor- und Süderländer beschreibt, zudem den moderateren Ausdruck gegenseitige Abneigung durch Verhetzung ersetzte, wird wohl auch ewig ein Geheimnis damaliger Bearbeitungsdoktrien bleiben.

Daß Karl May weiterhin den König vom Süderland Max Joseph, und den von Norland Wilhelm der Zweite benamste, bedarf angesichts der 1879/80 regierenden Kaiser in Deutschland und Östereich natürlich keines weiteren Kommentars. Die Degradierung der Herrscher durch Schmid & Co. zu dem unverdächtigen Fürst Ernst Friedrich - ein Schelm, der dabei an Friedrich Ernst Fehsenfeld denkt - und Herzog Wilhelm der Vierte - die Nummer war im echten Leben ja nun auch nicht mehr vorgesehen -, diente hingegen wohl offensichtlich dem Anliegen, daß auf diejenigen, auf die eben im Original durch die Blume angespielt wurde, eben nicht mehr angespielt werden sollte - wer weiß schon, ob der Leser nicht doch lieber seinen Kaiser Wilhelm wiederhaben wollte.

Überhaupt aber war den Bearbeitern Mays gelegentliches satirisch-ironischen Beschreiben von Respektspersonen wohl nicht ganz geheuer, so wurde etwa auch ein Großteil des wunderschönen Dialogs entfernt, mit dem der Irrenanstaltsdirektor und seine Frau als bourgeoise Großkotze charakterisiert werden:

Jede Lektüre bei Tische strengt mittelbar diejenigen Theile unseres Körpers an, welche der Verdauung, also der Erhaltung unseres Lebens dienen. Gieb mir noch ein Brödchen; aber etwas mehr Butter darauf!«
»Hier hast Du, mein Lieber! Was wünschest Du zum zweiten Frühstücke? Wirst Du zum Morgenrapporte heut nicht etwas zu spät kommen?«
»Nein, liebe Frau; der Vorgesetzte kommt niemals zu spät; das mußt Du Dir merken. Eine kleine, noble Verzögerung, wie Du sie ja auch stets beim Besuche der Soiréen und Kränzchen in Anwendung zu bringen pflegst, gehört mit zu den Vorzügen und Rechten der Distinktion. Dein Schinken war gestern gut; ich möchte von ihm haben, doch gieb mir statt des Bordeaux einmal einen Trébisond. Er ist zwar etwas schwer, aber meine angegriffenen Nerven bedürfen einer solchen Stärkung. Ich glaube, ich werde einige Wochen in das Seebad gehen müssen. Ein Stück Torte hast Du wohl übrig. Magst Du mir die Tasse nochmals füllen?«
»Hier, mein Guter! Es ist wahr, Du strengst Dich wirklich zu sehr an, was um so mehr zu bedeuten hat, als diese Anstrengung eine rein geistige ist, ganz abgesehen davon, daß die tägliche Revision der Zellen auch bedeutend echauffirt. Ich werde den Konditor abdanken. Er macht mir seit einigen Tagen zu viel Mandeln in das Gebäck, welches dadurch einen bittern Geschmack erhält, der mir den ganzen Tag nicht von der Zunge kommt.«
»Ich empfehle Dir allerdings, zu einem andern zu gehen. Die bittre Mandel hat einen ganz bedeutenden Gehalt an Blausäure, bekanntlich eines der stärksten Gifte, und ich habe natürlich nicht im mindesten die Intention, mich von dem ersten besten Zuckerbäcker umbringen zu lassen. - Was Du da von der geistigen Anstrengung sagst, hat seine vollständige Richtigkeit, ganz besonders aber bei dem Irrenarzte. Durch das stete Beisammensein mit geistig gestörten Subjekten schwebt man stets in höchster Gefahr, selbst verrückt zu werden, wie es ja Fälle gegeben haben soll, daß irrthümlich Internirte, welche vollständig gesund waren, dadurch wirklich monoman geworden sind. Ich halte mich in Folge dessen von jeder näheren Beziehung zu meinen Wahnsinnigen und jeder Beobachtung ihres Zustandes grundsätzlich fern. So, das hat geschmeckt, und nun gib die Depesche her, meine Liebe!«


Wie heißt es doch immer so schön: Entfernen von Weitschweifigkeiten + Beschränkung der Dialogszenen auf das Wesentliche = deutlicher Gewinn an Lesequalität!!! Oder in bearbeiteten May-Worten: Es ist wahr, das Lesen des Originaltextes streng[-]t [-] wirklich zu sehr an, was um so mehr zu bedeuten hat, als diese Anstrengung eine rein geistige ist, ganz abgesehen davon, daß das Verständnis der ächten Zeilen auch bedeutend echauffirt.


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 14.2.2005, 13:08, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 12.2.2005, 17:32 
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Wohnort: Mannheim
Verbindlichsten Dank für diesen Beitrag und diese Formulierung:
bourgeoise Großkotze (kommt in mein Repertoire bzw. meine Sammlung)
Selbige sehen sich halt ungern beschrieben, und so haben die Bearbeiter aus Rücksicht auf geneigte Leserschaft beherzt eingegriffen.
:D
So sehr ich mittlerweile versuche, den Bearbeitungen gegenüber toleranter zu sein, ein Beitrag wie dieser zeigt einem schnell wieder auf, daß sie manchmal wirklich ein Ärgernis ohnegleichen sind.
:shock:


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