Diskussionsforen der Karl-May-Stiftung

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BeitragVerfasst: 24.9.2006, 18:23 
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Da habe ich doch glatt Herrn Fleischer mit ihnen verwechselt tut mir leid Herr Moritz.
Da bible belt erstreckt sich uebrigens von North Carolina bis ungefaehr Texas
mit einem kleinen Schwenker um noch Kansas einzuschliessen.Der mittlere Westen mit Staaten wie Wisconsin/Minnesota gehoert mit zu den aufgeklaertesten Regionen der USA und noch eins natuerlich gibt es in den USA Professoren,die ID vertreten,aber man muss wissen ,dass der Status eines Professors in den USA anders ist als in D ,hier sind fast die Haelfte aller Unis privat und das reicht dann von Stanford bis zur Walden University (einer baptistischen Kaderschmiede) alle nennen sich Professor.
Im uebrigen sind Professoren natuerlich kuendbar und haengen vom Traeger der Uni ab.
Man muss also wissen von was fuer einer Institution jemand kommt.


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BeitragVerfasst: 24.9.2006, 20:12 
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Hier die Fortsetzung meines Eintrags vom 23.09.06, 09.17 Uhr:

Die Relevanz der von May redigierten, d. h. in diesem Falle abgeschriebenen, Spiller- und Haeckel-Passagen in der 3. Abteilung des ›Buches der Liebe‹ wird von Sudhoff erheblich überschätzt. Die verkappten – weil als Zitate nicht gekennzeichneten – Spiller-Partien machen insgesamt (ich habe nachgerechnet) ca. 9 Seiten in der Fassung des KMV-Bandes 87 aus. Der philosophische Inhalt dieser 9 Seiten stimmt sachlich überein mit den Theorien, die May auch sonst im ›Buch der Liebe‹ – übrigens auch in den parallel verfassten ›Geographischen Predigten‹ – vertreten hat. Von ›geistigem Diebstahl‹ an Spiller muss man insofern nicht reden. Was ins eigene Konzept hineinpasst, hat May von Spiller übernommen; diejenigen Spiller-Partien aber, die seiner Weltanschauung bzw. seinem Gottesbild entgegenstehen, hat May mit » « versehen und kritisch kommentiert. Dass er sich dabei in Widersprüche verwickelte, kann ich – im Gegensatz zu Sudhoff – überhaupt nicht sehen.

Mit den heimlichen Haeckel-Zitaten verhält es sich im Prinzip nicht anders. In der KMV-Fassung insgesamt ca. 6 Seiten Haeckel-Text hat May in die 3. Abteilung des ›Buches der Liebe‹ eingebaut, ohne die Zitate als solche auszuweisen. Im Wesentlichen handelt es sich bei diesen 6 Seiten um eine Darstellung der Darwinschen Deszendenzlehre (leibliche Abstammung des Menschen aus dem Tierreich), die May – wie gesagt – bejaht hat: bei gleichzeitiger Ablehnung einer materialistischen und atheistischen DEUTUNG der Evolution, wie sie durch Haeckel u. v. a. propagiert wurde. Auch im Falle der Haeckel-Partien also ist May seiner differenzierenden Botschaft (Evolutionstheorie ja, Atheismus nein) völlig treu geblieben. Ein höchst bedauerlicher Lapsus freilich ist ihm passiert: Eine rassistische Haeckel-Partie, die ›primitive‹ Völker (z. B. »die affenartigen Negerstämme vom obern Nile«, S. 552) nicht zu den ›richtigen‹ Menschen zählt, hat May übernommen! (In Mays späteren Erzählungen aber wird diese Auffassung mit zunehmender Konsequenz revidiert.)

Was Mays Umgang mit Quellen betrifft, habe ich im Jb-KMG 2003, S. 226, geschrieben: »… auch wenn er viele und divergierende Quellen benützte, war May, im Kern, ein unabhängiger Geist, ein eigenwilliger Denker. Er griff nicht einfach nur auf, was er zufällig fand oder was ihn gerade so anflog. Nein, der Autor Karl May war ein intelligenter, unterscheidungsfähiger Leser, der sorgfältig prüfte und, was er gebrauchen konnte, gezielt übernahm.« Einmal abgesehen von der »Neger«-Partie im ›Buch der Liebe‹ würde ich noch heute so formulieren, gerade auch im Blick auf die Spiller- und Haeckel-Zitate.

Der eigentliche Streitpunkt zwischen Sudhoff und mir liegt jedoch, wie ich vermute, auf einer ganz anderen Ebene. Sudhoff räumt zwar ein, dass May »tatsächlich an einer Vermittlung zwischen der Deszendenztheorie und seiner aus Kindheitstagen herrührenden Gottesgläubigkeit gelegen war« (S. 38 ). Doch diese Vermittlung ist May – nach der Auffassung Sudhoffs – gründlich misslungen: »Insbesondere die auf physikalische Erkenntnisse gestützten Überlegungen zu einer kreativen Universalenergie, dem Weltäther, stehen in krassem Gegensatz zur andernorts behaupteten Existenz eines persönlichen Gottes, und dasselbe gilt für die begeistert vorgetragenen evolutionistischen Naturgesetze, deren Vereinbarkeit mit einer göttlichen Schöpfungsintention zwar immer wieder behauptet, aber nirgends wirklich schlüssig nachgewiesen wird. Letztlich stehen wissenschaftliche und religiöse Positionen, gottesleugnerische und gottesgläubige Gedankenwelten unversöhnt nebeneinander.« (S. 33)

Dieses unversöhnte Nebeneinander von Wissenschaft und Religion ist eine Behauptung Sudhoffs! Natürlich war May nicht in der Lage, »die Vereinbarkeit der modernen Evolutionstheorie mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes zu BEWEISEN« (S. 32); denn rationale, rein wissenschaftliche, ›Gottesbeweise‹ sind von vorneherein unmöglich. Um solche Gottes-BEWEISE geht es aber ja gar nicht. Es geht vielmehr darum, die angebliche (von Spiller, Haeckel und nun auch Sudhoff behauptete) NICHT-Vereinbarkeit von Gottesglauben und Evolutionslehre mit guten Gründen zu widerlegen. Und dies ist May sehr wohl gelungen! Man lese dazu beispielsweise die Ausführungen Mays im ›Buch der Liebe‹, S. 310f., S. 340 oder S. 451 (in der Paginierung des KMV-Bandes 87).

Die sehr beachtliche Leistung Karl Mays im ›Buch der Liebe‹ besteht nicht zuletzt darin, dass er mit plausiblen Argumenten aufzeigen konnte, dass der Glaube an Gott auch – und gerade – angesichts der modernen Wissenschaft nicht unvernünftig ist. Sudhoff aber bringt (weil May als anonymer Münchmeyer-Redakteur manche Spiller- und Haeckelzitate verschleiert hat) gleich ALLES in eine Schieflage: »Statt aber, wie es sinnvoll und rechtens gewesen wäre, die Thesen Haeckels zu referieren und zu diskutieren, identifizierte er [May] sich abschreibend selber mit dem großen Naturwissenschaftler und stellte sich sogar noch über ihn, indem er die heimlichen Zitate durch seine persönlichen, eher naiven Glaubensvorstellungen relativierte. Man kann in dieser Selbstüberhöhung, die aus persönlichen und biographischen Defiziten resultierte, ein Muster erkennen, das den Menschen und Schriftsteller Karl May ein Leben lang leitete, von den kriminellen Hochstapeleien, bei denen er sich als ›Dr. med. Heilig‹ oder als adeliger ›Polizeileutnant von Wolframsdorf‹ ausgab, über das im ›Buch der Liebe‹ zu beobachtende Selbstverständnis als Religionsphilosoph oder Naturwissenschaftler bis hin zur Identifikation mit dem omnipotenten Ich-Helden Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi, der im Alter dann sogar noch eine weitere Idolisierung zur ›Menschheitsfrage‹ erfahren durfte.« (S. 38 )

Sudhoffs oberlehrerhafte Diktion ist hier – aus meiner Sicht – sehr ungerecht, fast übelwollend und im Kern diffamierend. Ich bin nicht der Meinung, dass man May nicht kritisieren darf. Unser Autor war kein Heiliger; er hatte, wie wir alle, seine Schattenseiten. Bescheidenheit z. B. war nicht immer seine Stärke. Doch die eigentlich großartige Leistung des jungen May wird durch Sudhoff ja völlig entwertet; sie wird im Grunde reduziert auf »Hochstapelei«, auf »Hybris« und »Geltungsbedürfnis« (S. 25).

Hinzu kommt ein Weiteres: In der zweiten, von May nur redigierten, Abteilung des ›Buches der Liebe‹ geht es um sexuelle Aufklärung. Sudhoff nimmt dies zum Anlass, Mays Einstellung zur Sexualität kritisch zu bewerten bzw. herunterzumachen. Ohne es beweisen zu können, behauptet Sudhoff unter anderem: May habe eine »restriktive, körperfeindliche Erziehung im Elternhaus« ( S. 18 ) erfahren; er sei »bis ins Alter hinein« ein von sexuellen »Schuldgefühlen gequälter Mann« (S. 18f.) gewesen; auch im ›Buch der Liebe‹ verrate sich »deutlich genug ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität« (S. 24); leider habe es May »nicht gelernt und erfahren«, die sexuelle Vereinigung als »einen natürlichen, beglückenden Akt zu sehen« (S. 24). Außerdem gibt Sudhoff zum Besten, im Juli 1869 sei bei May »laut polizeiinternen (und daher zuverlässigen) Steckbriefen eine ›Trippererkrankung‹ diagnostiziert worden, an deren Nachwirkungen er vermutlich noch immer zu leiden hatte« (S. 19).

Das alles ist doch Käse. Sudhoffs Respekt vor polizeilichen »und daher zuverlässigen« (!) Aussagen in Ehren – aber solche Steckbriefe haben doch keinerlei Beweiskraft. Insgesamt wirken Sudhoffs Hypothesen zu Mays Sexualität höchst spekulativ, ja diskriminierend. Welches Karl-May-Bild also wird in Sudhoffs Vorwort zum ›Buch der Liebe‹ vermittelt? Ich sage es etwas grob: Ein Psychopath, ein verklemmter, naiv frommer, sexuell gestörter Neurotiker lebt seine hochstaplerische Veranlagung im ›Buch der Liebe‹ voll aus; und weil er geistig zu beschränkt ist, um die Spiller- und Haeckel-Plagiate »harmonisch in sein eigenes, eher herkömmliches Weltbild zu integrieren« (S. 33f.), verstrickt er sich in widersprüchlichen Nonsens.

Die altbekannten – Mays Ansehen schwer schädigenden – Klischees werden durch Sudhoff bekräftigt und, stellenweise süffisant, noch angereichert. Bei derartigen, in den wichtigsten Punkten geringschätzigen Kommentaren darf man sich nicht wundern, wenn Karl May auch weiterhin, trotz 37 Jahren KMG und trotz intensiver Forschung, in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen wird.

Fortsetzung folgt


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BeitragVerfasst: 24.9.2006, 20:46 
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Nur mal so aus Interesse,wie hat man denn Gonorrhoe in den spaeten 60er Jahren des 19.Jh diagnostiziert ?
Von was fuer Nachwirkungen eines unbehandelten "Tripper" ist denn die Rede ?


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BeitragVerfasst: 25.9.2006, 23:32 
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Wer übrigens hat die heimlichen Spiller- und Haeckel-Zitate im ›Buch der Liebe‹ entdeckt? Herr Sudhoff oder ein anderer? Aus Sudhoffs Vorwort zum KMV-Band 87 geht das nicht eindeutig hervor.


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BeitragVerfasst: 27.9.2006, 9:29 
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Hier die abschließende Fortsetzung meines Eintrags vom 24.09.06, 20.12 Uhr

›Das Buch der Liebe‹ ist eine typische Auftragsarbeit mit vielen Schwächen. Der Münchmeyer-Redakteur Karl May hat die Texte flüchtig, unter Zeitdruck, zusammengestellt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das heißt aber nicht, dass die von May verfassten Teile nichts wert seien. Im Gegenteil, der originale May-Text ist hochinteressant und zwar – meiner Meinung nach – vor allem aus drei Gründen:

Erstens: Wie auch Sudhoff zugesteht, hat May die Liebe – weit über die sexuelle Liebe hinaus – in all ihren Dimensionen bedacht. So werden die göttliche Liebe, die erotische Liebe von Mann und Frau, die Eltern- und Kindesliebe, die allgemeine Nächstenliebe, die Liebe zur Natur, die Liebe zu Kultur und Wissenschaft zur Sprache gebracht.

Zweitens: Was Sudhoff leider nicht anerkennt, May hat die – für das 19. Jahrhundert bezeichnende – Kluft zwischen Religion und Naturwissenschaft, insbesondere der Evolutionstheorie, im ›Buch der Liebe‹ zumindest ansatzweise überwunden. Jedenfalls hat May die richtigen Fragen gestellt: Laufen die Erkenntnisse Darwins notwendig auf den Atheismus hinaus? Verdankt sich die Entwicklung von Leben und Bewusstsein einem blinden Zufall? Schließen sich die moderne Wissenschaft und der biblische Schöpfungsglaube wirklich aus? Ist die Weltgeschichte nur die Summe von natürlichen Wechselwirkungen, ohne Sinn und ohne Ziel? Mit guten Argumenten und nicht nur intuitiv hat May diese Fragen verneint und damit Einsichten formuliert, die im 19. Jahrhundert fast singulär waren.

Drittens: Wie Sudhoff gerade mal am Rande und ohne Kommentar erwähnt (S. 27), hat May die Liebe mit Gott identifiziert. Die biblisch fundierte Gleichsetzung von Gott und Liebe (vgl. 1 Joh 4, 16) zieht sich in den von May verfassten Teilen des ›Buches der Liebe‹ wie ein roter Faden hindurch. Dieses Merkmal kann in seiner Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dass Gott die Liebe ist, das ist ja – wie der katholische Religionsphilosoph Eugen Biser herausstellt – der Spitzensatz der Bibel, von dem her alle anderen Aussagen des Alten und Neuen Testaments neu artikuliert und neu interpretiert werden müssen. Biser spricht (in der ›Süddeutschen Zeitung‹ vom 12.9.2006, S. 12) die »Tatsache« an, »dass der christliche Gottesbegriff fast 2000 Jahre verdunkelt war. Das Zweite Vatikanum [1962-65] hat gebrochen mit einer jahrhundertelangen Gewalttradition. Im Christentum war es im Laufe von Jahrhunderten fast zur Gewohnheit geworden, auf Abweichungen im Glauben mit Gewalt zu reagieren. Und wenn es nicht die physische Gewalt war, wie im Mittelalter, so war es die disziplinarische Gewalt, wie sie besonders Theologen des 19. Jahrhunderts zu spüren bekamen.« Eugen Biser mahnt nun an: »Wir müssen das Unfassliche zu begreifen suchen: dass Gott die Liebe ist. Die Menschheit hat das nie realisiert und gewusst. Wir Christen sind beauftragt, uns diesen Gedanken anzueignen.« Dass Karl May sich diesen Gedanken schon 1875, im ›Buch der Liebe‹, angeeignet hat, ist – im Blick auf die heutige Debatte zum Thema ›Religion und Gewalt‹ – nichts Geringes.

Nach dieser Würdigung können und müssen auch die Schwachpunkte des ›Buches der Liebe‹ benannt werden. Ich habe die Schwächen dieses Buches in der May-Biographie (Band I, S. 385f.) schon angedeutet. Ergänzend sei hier betont: Selbstverständlich ist das konservative Frauen- und Familienbild, das dem ›Buch der Liebe‹ zugrunde liegt, heute obsolet geworden (auch wenn Eva Herman, 2006, im ›Eva-Prinzip‹ Ähnliches vertreten mag). Und selbstverständlich sind die heimlichen Zitate, da ist Sudhoff zuzustimmen, nicht korrekt. Das alles ändert aber nichts daran: Im ›Buch der Liebe‹ hat der junge Karl May seinen Münchmeyer-Auftrag im Wesentlichen mit Bravour gemeistert.


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BeitragVerfasst: 1.10.2006, 14:03 
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Aus einem Steckbrief vom 26. Juli 1869:

»M[ay] ist 72 Zoll lang, schlank, hat längl. Gesicht und Nase, dunkelblondes, nach hinten gekämmtes Haar, schwachen Bartwuchs (trägt auch falsche Bärte), graue Augen, starren, stechenden Blick, krumme Beine. Er spricht langsam, in gewählten Ausdrücken, verzieht beim Reden den Mund. Er ist mit einer Tripperkrankheit behaftet. Bei der Entweichung trug er schwarzseidenes rund-deckliges Sommerhütchen …«

Walther Ilmer schrieb hierzu im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1982, S. 127:

»Sehr wenig glaubhaft - weil durch kein anderes bekanntgewordenes Dokument belegt - erscheint die in damals verbreiteten Steckbriefen enthaltene Behauptung einer Geschlechtskrankheit Mays (Jb-KMG 1971, S. 116-117; ähnlich in ›Der große Karl-May-Bildband …‹ Olms Presse 1978, S. 59). Der Ärger der Behörden über das Entweichen des langgesuchten ›infamen Subjectes‹ mag sehr wohl zu entstellenden bzw. auf Abschreckung hilfsbereiter weiblicher Wesen abzielender Angaben geführt haben. Mays Möglichkeiten zu erfolgreicher Beschwerde gegen unzutreffende Behauptungen durften sehr gering gewesen sein.«

Ich stimme Walther Ilmer zu. Beschreibungen, ob May einen schwachen Bartwuchs hatte, wie er gekleidet war etc., sind in einem Steckbrief sinnvoll und notwendig. Wer jedoch sollte erkennen, ob May einen Tripper in seiner Hose verbarg?

Den Polizeibehörden war bekannt, dass May diverse Damenliebschaften hatte. Er sollte auf gar keinen Fall irgendwo einen Unterschlupf finden! Im Übrigen war die Tripperkrankheit damals äußerst schwer, in der Regel gar nicht heilbar, weil es noch kein Penicillin gab. Hätte Karl May später jemals heiraten können? Wäre die Hohenstein-Ernstthaler Bevölkerung nach Mays Haftentlassung im Mai 1874 nicht gewarnt worden? Immerhin stand er unter Polizeiaufsicht. Hätte Mays Widersacher Rudolf Lebius die Tripperkrankheit nicht massiv gegen ihn ausgeschlachtet, wenn es denn so wäre?

Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine Trippererkrankung bei Karl May ist mehr als unwahrscheinlich.

Dr. Dieter Sudhoff schreibt jedoch in seinem Vorwort zum ›Buch der Liebe‹, S. 19:

»[May] dürfte daher auch der Neueinrichtung der zweiten Abteilung über die ›geschlechtlichen Folgen‹ der Liebe einige Aufmerksamkeit gewidmet haben. Besonders die Kapitel über den ›männlichen Harnröhrentripper‹ mussten ihn interessieren, war doch bei ihm selbst während seiner zweiten Vagantenzeit, im Juli 1869, laut polizeiinternen (und daher zuverlässigen) Steckbriefen eine ›Trippererkrankung‹ diagnostiziert worden, an deren Nachwirkungen er vermutlich noch immer zu leiden hatte.«

Über Sudhoffs Ausführungen muss ich mich wundern. Rein »polizeiinterne« Steckbriefe sind völlig sinnlos, auch war das ›Sächsische Gendarmerieblatt‹ gar nicht so intern. Steckbriefe richten sich ganz eindeutig an die Bevölkerung. Oder hat beispielsweise Eduard Zimmermann seine ZDF-Fahndungsserie ›Aktenzeichen XY ungelöst …‹ 1967 ins Leben gerufen, um nur ein paar Polizeibeamte aufzuwecken?

Zweifellos werden zunächst die Steckbriefe polizeiintern von der zuständigen Leitstelle verfasst – jedoch als Leitfaden für die öffentlichen Steckbriefe. Nicht immer sagt die Polizei hierbei die Wahrheit, oftmals gibt es taktische Gründe, die Tatsachen zu verdrehen; es werden oftmals Falschinformationen ausgegeben, die bewusst in die Irre führen.

Bei Herrn Dr. Sudhoff ist es der sächsischen Polizei noch 137 Jahre später gelungen … :wink:

Ralf Harder


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BeitragVerfasst: 1.10.2006, 18:10 
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Ich nehme mal an,dass KM als "Verbrecher" auch untersucht wurde,da haette man Gonorrhoe relativ leicht diagnostizieren koennen und in der damaligen Zeit waren Geschlechtskrankheiten von epidemischem Ausmass,KM haette auch sicher ein sog.high risk profil.
Das er aber an irgendwelchen Spaetfolgen gelitten habe,wenn er denn tatsaechlich G. gehabt habe ,ist schlichtweg Bloedsinn.Da hat jemand G. mit Syphilis verwechselt.
Komplikationen von G. sind dissemination und septic arthritis,ohne Behandlung in aller Regel fatal.
Im uebrigen kann G.auch ohne antibiotische Behandlung ausheilen.
Fazit,ob May Gonorrhoe hatte oder nicht,wer weiss ?
Spaetfolgen hatter er jedenfalls keine.


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BeitragVerfasst: 1.10.2006, 22:37 
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Thomas Math hat geschrieben:
Im uebrigen kann G.auch ohne antibiotische Behandlung ausheilen.


Ganz so einfach ist das nicht, wohl eher selten möglich:

»Die Gonorrhoe wird mit Antibiotika therapiert. Früher wurde zur Behandlung vor allem Penicillin eingesetzt. In den letzten Jahren treten häufiger Penicillin-resistente Gonokokken-Stämme aus Asien und Afrika auf. In diesem Fall wirken die Medikamente nicht und es werden andere Antibiotika eingesetzt.

In den allermeisten Fällen sind die Erreger bereits nach einer einmaligen Gabe der Antibiotika abgestorben und nicht mehr nachweisbar. Dennoch darf eine Therapie nicht zu früh abgebrochen werden. Das fördert die Entwicklung von Resistenzen.

Alle Sexualpartner der Infizierten müssen ebenfalls untersucht und gegebenenfalls behandelt werden. Dies gilt für die Sexualkontakt innerhalb von zwei Monaten vor dem Auftreten der Symptome. Bis zur Beendigung der Therapie sollte kein Sexualkontakt stattfinden.«

Quelle:
http://www.netdoktor.de/krankheiten/tri ... erapie.htm


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BeitragVerfasst: 1.10.2006, 23:52 
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Ralf Harder hat geschrieben:
Dr. Dieter Sudhoff schreibt jedoch in seinem Vorwort zum ›Buch der Liebe‹, S. 19: [...]laut polizeiinternen (und daher zuverlässigen) Steckbriefen [...]

LOL! Das ist ja ein ganz allerliebster Kurzschluss.


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BeitragVerfasst: 2.10.2006, 0:55 
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Lieber Herr Harder,

Geschlechtskrankheiten sind wohl so alt,wie die Menschheit selbst und natuerlich behandelt man heutzutage Gonorrhoe mit Antibiotika.
Im 19.Jh waren Behandlungsmoeglichkeiten sehr eingeschraenkt und doch ist nur eine Minderheit daran gestorben oder hat schwere Komplikationen bekommen,die meisten Faelle sind tasaechlich ausgeheilt.
Im Endeffekt ist das kein Argument,dass May keine G. hatte.
Ich muss ehrlich sagen ,wenn man die damalige Praevalenz und Mays unsteten Lebenswandel (um es mal hoeflich auszudruecken) sieht,so ist es doch gut moeglich das er G.hatte.


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BeitragVerfasst: 2.10.2006, 8:45 
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Aufgabe der May-Forschung ist es, Tatsachen ans Licht zu bringen, nicht aber Gerüchte zu verbreiten. Dass May Gonorrhoe hatte, ist keine Tatsache, sondern ein Gerücht.


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BeitragVerfasst: 2.10.2006, 12:00 
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Lieber Herr Math,

drehen wir uns jetzt nicht im Kreis? Nur in den Steckbriefen Juli/August 1869 wird als Abschreckung, wohl damit May bei der Damenwelt keinen Unterschlupf findet, behauptet, er sei geschlechtskrank gewesen. Nirgendwo sonst wurde derartiges behauptet.

Thomas Math hat geschrieben:
Im 19.Jh waren Behandlungsmoeglichkeiten sehr eingeschraenkt und doch ist nur eine Minderheit daran gestorben oder hat schwere Komplikationen bekommen,die meisten Faelle sind tasaechlich ausgeheilt.


In diesen Fällen - das dürfte Ihnen bekannt sein - war die Erkrankung nicht chronisch geworden. Man hatte sich um eine Behandlung sehr sorgfältig zu kümmern, sonst wären die Folgen zum Teil wirklich fatal gewesen.

Am 2. Juli 1869 wurde May verhaftet. Wäre May geschlechtskrank gewesen, hätte man ihn bis zu seiner Flucht am 29. Juli 1869 behandeln können. Ohne Penicillin war dies natürlich nur sehr mühsam, bis zu seiner Flucht zeitlich gar nicht möglich.

Schon gar nicht konnte May während seiner Flucht eine sorgfältige Eigenbehandlung, die unbedingt nötig war (!), durchführen. Er irrte heruntergekommen (teilweise im Wald) bis zum 4. Januar 1870 als Landstreicher umher.

Hätte Karl May eine Geschlechtskrankheit gehabt, hätte sie somit zwangsläufig chronisch werden müssen. Hier die möglichen Folgen:

»Wird eine Gonorrhoe rechtzeitig behandelt, müssen Sie mit keinerlei Spätfolgen rechnen.
In sehr seltenen Fällen verbreitet sich die Infektion über die Blutbahn im gesamten Körper. Mediziner sprechen von einer Gonokokkensepsis. Die Folgen sind Gelenkentzündungen, charakteristische Hautausschläge mit roten Pusteln, Fieber und Schüttelfrost.
In schweren Fällen folgen Gehirnhautentzündung und Herzmuskelentzündung.
Wird eine Gonorrhoe nicht behandelt, kann es zu ernsthaften Folgeerkrankungen kommen. Dazu zählen chronische Entzündungen der inneren Geschlechtsorgane mit anhaltenden Schmerzen, Verklebungen der Ei- bzw. Samenleiter mit Unfruchtbarkeit oder Gelenkentzündungen.«
Quelle:
http://www.netdoktor.de/krankheiten/tri ... ognose.htm

Nach Mays Verhaftung als Albin Wadenbach im Januar 1870 war von einer Geschlechtskrankheit überhaupt keine Rede mehr!

Mit besten Grüßen
Ralf Harder


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BeitragVerfasst: 2.10.2006, 15:55 
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Herr Wohlgschaft hat recht,Beweise gibt es keine.
Aber eine bischen Spekulation sei manchmal gestattet.


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BeitragVerfasst: 4.10.2006, 15:09 
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Das Thema ›Trippererkrankung‹ bzw. ›Gonorrhoe‹ ist nun, denke ich, ausdiskutiert – keineswegs aber das eigentliche Thema im Thread: ›Das Buch der Liebe‹.

Möglicherweise bezieht sich Sudhoff im Vorwort zum KMV-Band 87 indirekt auch auf den Beitrag von Hans-Rüdiger Schwab im Jahrbuch der KMG 2005 (vor allem S. 150f., Anm. 47): Gegen meine These, May habe im ›Buch der Liebe‹ zwischen der darwinistischen Evolutionslehre und dem theistischen Schöpfungsglauben zu vermitteln versucht, meldet Schwab seine Skepsis an. Ich bin mir freilich fast sicher, dass Schwab meine Ausführungen im Jb-KMG 2003 nicht genau gelesen und deshalb – zumindest in einigen Punkten – missverstanden hat. Der Kernpunkt ist: Weder Schwab noch Sudhoff können bestreiten, dass May die biologische Evolutionslehre bejahte, am theistischen Schöpfungsglauben dennoch festhielt und folglich beides miteinander zu verbinden suchte. Wie gut ihm dies geglückt ist, bleibt natürlich Ansichtssache, abhängig vom Standpunkt des Lesers.


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BeitragVerfasst: 8.10.2006, 17:13 
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Leider wissen wir in keiner Weise, welche Krankheiten Karl May tatsächlich hatte und wie seine gesundheitlichen Befindlichkeiten waren.

Wie bekannt, führte Karl May kein Tagebuch wie sein großer Kollege Thomas Mann, sodass wir nicht wissen, ob Karl May z.B. am 26. Juli 1904 eine Magenverstimmung hatte oder am 23. Dezember 1910 Kopfschmerzen.


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