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Im Dickicht der Texte ...
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Autor:  rodger [ 21.2.2008, 0:45 ]
Betreff des Beitrags:  Im Dickicht der Texte ...

Je mehr man sich mit Details in Sachen Karl May beschäftigt, umso komplizierter wird es … (wie im Leben … manchmal kann man die Schwarzweißseher ein wenig beneiden, für die ist alles relativ einfach …)

Bei der Beschäftigung mit dem Band „Fürst und Leiermann“ stoße ich auf immer neue Dinge und komme vom Hölzken auf’s Stöcksken.

Zum Beispiel unterscheidet sich die unter dem Namen „Incognito“ abgedruckte Geschichte textlich (nicht inhaltlich) schon auf ihrer ersten Seite beträchtlich von den Fassungen „Unter den Werbern“ und „Fürst und Reitknecht“ (vgl. KMG-Reprints).

Selbst bei einer Geschichte, die unter gleichem Namen in verschiedenen Zeitschriften erschienen ist, finden sich Änderungen …

„Die drei Feldmarschalls“ erschien 1878. Im Weltbild-Band „Die Fastnachtsnarren und andere Erzählungen II“ ist als Quelle der „Weltspiegel“, 2. Jahrgang 1878 angegeben, in „Fürst und Leiermann“ ebenfalls „Weltspiegel“, 2. Jahrgang, 1877/78.

Nun könnte man identische Texte erwarten, aber dem ist nicht so. Schauen wir uns die erste Seite bei Weltbild (jeweils zuerst genannt) und in „Fürst und Leiermann“ an.

„brandenburgisch-hannoverschen Grenze“ ist nicht „brandenburgisch-hannöverschen Grenze“ (wie heißt es doch so sinnig und hier passend in der Telefonbuch-Werbung: ohne ö fehlt Dir was …), „als ratsam war“ nicht „als es rathsam war“ (wobei es mir hier nicht um das h, sondern um das „es“ geht), „war Wochenmarkt“ nicht „war heute Wochenmarkt“, „Die Bauern“ nicht „und die Bauern“, „Dort verkehrten die Landbewohner am liebsten“ nicht „wo die Landbewohner am liebsten verkehrten“.

Soviel zur ersten Seite, d.h., das war es noch lange nicht: Die Zeichensetzung !!! Ja gibt es denn das. Ich zähle auf der ersten Seite nicht weniger als neun Abweichungen, 3 x Punkt statt Semikolon, 3 x Punkt statt Komma, 2 Kommas ersatzlos gestrichen, 1 x Semikolon statt Komma. 12 Sätze in der einen Fassung gegenüber 6 in der anderen (Punktsetzung !).

So, und wer kann mir jetzt verraten, welches die Originalfassung ist ?! (Mit dem Wort sollte man offenbar tatsächlich vorsichtig sein …)

Die Fassung auf den Seiten der KMG („nach der Fassung des 32. Bandes von "Bachem's Novellen-Sammlung" erfaßt. Er wurde im Jahr 1888 veröffentlicht.“) entspricht übrigens der Weltbild-Fassung, ich habe alle oben genannten kritischen Stellen nachgeprüft.

:shock:

:?:

Autor:  Thomas Math [ 21.2.2008, 4:14 ]
Betreff des Beitrags: 

Ich bin immer wieder ueberrascht woher du die Zeit nimmst Texte parallel zu lesen und sogar Satzzeichen zu vergleichen.
Was Mays Zeitschriften Abdrucke angeht so werden wir ohne Manuskripte wohl nie wissen,wer da was bearbeitet hat,Ich vertraue da im Zweifelsfalle dem aeltesten Text.

Autor:  rodger [ 21.2.2008, 8:37 ]
Betreff des Beitrags: 

Im vorliegenden Fall gehe ich auch davon aus, daß die Fassung von 1888 (KMG / Weltbild) redaktionell verändert ist und bei May die längeren Sätze (6 statt 12) stehen.

Die Zeichensetzung verändert ja den Fluß, den "Atem" eines Textes ganz beträchtlich, und "geistige Bögen" gehen nun mal gelegentlich über mehrere "Sätze", die man dann ganz bewußt eben nicht durch Punkt, sondern durch Semikolon oder Komma separiert. Ist ja im Gespräch auch so, das macht mich immer wahnsinnig, wenn die Leute einander nicht ausreden lassen und schon nach einem halben Satz zu wissen glauben, was der andere mitzuteilen beabsichtigt. In diesen Polit-Talkshows z.B., da kann ja kaum noch jemand seine Ausführungen zu Ende bringen, ohne sich regelrecht durchsetzen zu müssen, unsere Zeit und Gesellschaft ist so oberflächlich und plapperhaft, daß kaum noch Aufnahmefähigkeit für längere "Bögen" besteht.

Aber es ist richtig, bei Karl May muß man mit dem Wort Originalfasssung offenbar wirklich vorsichtig sein. Ich sehe immer mehr, daß es schon zu seinen Lebzeiten teilweise nicht unbeträchtliche Abweichungen gab.

Mit dem "Zeit nehmen", das ist so eine Sache ... Wenn ich demnächst mal wieder 4 bis 7 Stunden in einer Geburtstags- oder Spargelessenrunde hocke, was gelegentlich aus Gründen des freundlichen Entgegenkommens meinerseits vorkommt, werde ich sicher des öfteren daran denken, ach könnte ich doch jetzt Kommas und Semikolons vergleichen ...

:wink:

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