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 Betreff des Beitrags: Zur Datierung der 'Both Shatters' / Winnetou-Beschreibungen
BeitragVerfasst: 12.7.2004, 14:34 
Die kleine Erzählung von den 'Both Shatters' ist bislang nicht sicher zu datieren. Der erste nachweisbare Abdruck in ‚Für alle Welt' erfolgte unter dem Pseudonym Karl Hohenthal zur Jahreswende 1881/82, Handlung, Charakterisierungen wie Schreibstil lassen allerdings den Verdacht aufkommen, daß die Geschichte früher entstanden ist. So wurde in GW 72 'Old Firehand' wie auch in der Werkschronologie älterer Ausgaben von GW 34 'Ich' die Geschichte auf 1877 datiert, mittlerweile ist man bei KMV wohl vorsichtiger gworden und hat in der Entstehungszeitenübersicht im 'Ich'-Band daß Datum auf 1881 korregiert. Allerdings könnte es gar den unwahrscheinlichen Fall geben, daß May sich die 'Shatters' aufbewahrt hat, daß die Erzählung also gar nicht unmittelbar nach der Niederschrift abgedruckt wurde. Ansonsten müßte im Falle einer früheren Entstehung noch ein bislang unbekannter Erstabdruck seiner Entdeckung harren. Die folgenden Textvergleiche und Überlegungen orientieren sich natürlich nur einzig und allein an dem Text, können die Frage des Erstdrucks ergo nicht klären, sondern lediglich über die Zeit der Niederschrift spekulieren.

Die ‚Both Shatters' ist die einzige bekannte Erzählung, die nochmals wie in ‚Old Firehand' bzw. der Buchfassung ‚Im fernen Westen' einen anonymen Ich-Erzähler mit dem Mustang Swallow auftreten läßt, dagegen ist ‚Ein Oelprinz' von 1977 von dem Mustang Arrow die Rede. Indessen wäre es sicher zu einfach, aufgrund dieses ‚Pferdewechsels' auf eine frühe Entstehung zu schließen, da May hier offensichtlich bei sich selbst abgeschrieben hat, was natürlich auch zu einem späteren Zeitpunkt möglich gewesen wäre. In die gleiche Kategorie gehört noch der indianische Schlachtruf Ho - ho - hi, den May ebenfalls nur in ‚Old Firehand' (bzw. den Neufassungen ‚Im Fernen Westen' & ‚Winnetou II') sowie den‚Both-Shatters' verwendet hat (in ‚Deadly Dust' ist dagegen etwa die verfeinerte Schreibweise O - hi - hi - hiiii! zu lesen). . Aufschlußreicher ist da der Vergleich der drei Versionen, in denen May das Kennenlernen des Ich-Erzählers mit Winnetou schildert, da hier einige der wenigen Stellen ist, bei denen die Neufassung ‚Im fernen Westen' zusätzlichen Text gegenüber der ‚Firehand'-Urfassung bietet (s.u.). Dabei wird deutlich, daß die Formulierungen in den ‚Both Shatters' sowohl mit der Urfassung als auch mit der Neufassung in wortwörtlichen Zusammenhang steht.

[Old Firehand]: »Ich erhielt es von Winnetou, einem Apachenhäuptling, mit welchem ich am Rio Suanca ein Weniges zusammenkam, zum Geschenke.«
[in dieser Novelle ist noch keine Rede davon, daß Winnetou bereits früher von Athabaska(h)s überfallen wurde]

[Both Shatters]: »Ich erhielt ihn von Winnetou, einem Häuptling der Apachen, mit dem ich ein Weniges am Rio Suanca zusammenkam.«
(...)
»Er war von einem Stämmlein Athabaskas überfallen und sollte an den Marterpfahl. Ich kam dazu und - na, das Andere könnt Ihr Euch denken! Ich bin dann mit ihm weit herumgestrichen, habe an ihm einen vortrefflichen Lehrmeister gehabt und beim Abschiede Swallow von ihm erhalten.«


[Im fernen Westen]: Mit diesem Manne war ich zusammengetroffen, als er eben im Begriffe war, sich gegen eine Anzahl von Atabaskah's zu vertheidigen, die ihn überfallen hatten. Der Beistand, welchen ich ihm dabei leistete, machte ihn mir zum Freunde; ich blieb einige Wochen lang an seiner Seite und erhielt beim Abschiede das unvergleichliche Pferd, welches er ritt, zum Geschenk. Er hatte nach Indianerart demselben einen Namen gegeben, welcher auf die trefflichen Eigenschaften hinwies, durch die es sich auszeichnete. Es hieß Swallow, Schwalbe, und war allerdings ein Thier, auf welches ich mich in jeder Lage und Gefahr verlassen konnte .
So kurze Zeit ich bei ihm gewesen war - ich hatte in ihm einen ausgezeichneten Lehrmeister besessen (...)
»Er ist von Winnetou, einem Apachenhäuptling, mit welchem ich am Rio Suanca ein Weniges zusammenkam.«


Wie zu lesen ist, ist der Satz Ich erhielt ihn von Winnetou im genauen Wortlaut aber nur bei ‚Old Firehand' und den ‚Both Shatters' zu lesen, also dürfte May wohl bei der Urfassung abgeschrieben haben. Die Geschichte von den Athabaska und von Winnetou als Lehrmeister ist hingegen nur in den ‚Both Shatters' und der Buchfassung zu finden, in letzterer wird sie zwar inhaltlich gleich, aber doch nicht wortwörtlich identisch, dafür jedoch ausführlicher wiedergegeben. Da man nun mit gutem Grund annehmen kann, daß May für einen kurzen Absatz in den ‚Both Shatters' ökonomischerweise nicht zwei verschiedene Vorlagen benutzt hat, ist es auch ziemlich wahrscheinlich, daß die ‚Both Shatters' vor dem Neugebauer-Buch, also bis 1879 entstanden sein sollten, und daß sich May beim Abfassen der einleitenden Absätze von ‚In fernen Westen' dann auf die ‚Both Shatters' gestützt hat. Gleichwohl kann diese Schlußfolgerung alleine natürlich noch nicht als absolut zwingend betrachtet werden.

Man kann nun den Niederschriftszeitraum der ‚Both Shatters' auch dadurch einzugrenzen versuchen, daß man Begriffe und Phrasen herausfiltert, die nur sehr selten und typischerweise nur zu Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre in Mays Werk zufinden sind. Bei der Werke-CD-Suche finden sich überraschenderweise sogar viele Wörter, die in keiner sonstigen May-Geschichte zu fnden sind. Zu diesen Begriffen, die nur in den ‚Both-Shatters' auftauchen, gehören die folgenden:

Sobre-passo
Bogen schlagen (als Täuschungsmanöver, in ‚Deadly Dust': Ring schlagen)
einige Stecken (nur als Kosenamen alter Stecken in ‚Auf der See gefangen')
(Trapperausdruck) (kommt sonst nur ungeklammert oder als Fußnote vor )
Fowling-piece (Vogelflinte) (nur die Vogelflinte in ‚Im wilden Westen Nordamerikas' & ‚Die falschen Exzellencen')
Kentucky-Shooter (nur noch Koseform Old Shooter in ‚der Krumir')
Stämmlein
Storm-gab
Elennwamms
Roof (Schutzdach)
Yankatous (fälschlich statt Yanktons, vgl. Rapahos statt Arapahos in ‚Old Firehand')
Weißes Feuer

Dann gibt es auch einige wenige Begriffe wie wilde(n/r) Energie, die außer in den 'Both Shatters' nur in 'Inn-nu-woh', 'Old Firehand' oder deren Bearbeitungen zu finden sind. Ferner gibt es eine Menge Wörter, die im Falle einer Frühdatierung der 'Both Shatters' erstmals in dieser Erzählung zu finden sind. Dabei zeigt sich, daß einige der Wörter tatsächlich nur in dieser Schaffensperiode von May verwendet wurden. Die meisten dieser Begriffe wurden dabei ebenfalls entweder in ‚Three Carde Monte' oder in ‚Auf der See gefangen' benutzt. Auch dieser Wortvergleich scheint also darauf hinzudeuten, daß die Erzählung bereits vor 1880 entstanden sein dürfte. Die Verwendung einiger Wörter in der etwas später entstandenen Erzählung ‚Deadly Dust' ließe sich im übrigen damit erklären, daß das Treffen mit Sans-Ear deutliche Anklänge an das Treffen mit den Two Sams in ‚Die Both Shatters' hat und insofern der älteren Kurzgeschichte nacherzählt wurde.

Bucht (als Präriezunge zum Wald hin, auch 'Three Carde Monte')
alten Wiese (auch 'Auf der See gefangen', ‚Deadly Dust')
einen ganzen Kürbis (auch ‚ Three Carde Monte', 'Deadly Dust')
ein rundes Stück Blei (auch 'Three Carde Monte')
Hide-spot (auch 'Auf der See gefangen', ‚Deadly Dust')
Hiding-holes (auch 'Auf der See gefangen')
parademäßig (auch ‚Ein Fürstmarschall als Bäcker')
aus Germany (auch 'Auf der See gefangen/Old Surehand II', ‚Ein Dichter', ‚Winnetou 1',
nur: Germany, (auch: ‚Three Carde Monte', ‚Deadly Dust', ‚Im wilden Westen Nordamerikas/Winnetou III', ‚In den Schluchten des Balkan' & ‚Winnetou IV')
Nuggets (auch 'Auf der See gefangen', ‚Ein Dichter', ‚Deadly Dust', u.s.w.)
= Waschgold(stücke) (auch 'Auf der See gefangen' sowie ‚Die Felsenburg')
coulered gentleman (nur noch in ‚Der Sohn des Bärenjägers')
ventre-à-terre (auch ‚Die drei Feldmarschalls', 'Auf der See gefangen', ‚Three Carde Monte', ‚Waldläufer', ‚Deadly Dust', ‚Juweleninsel' u.s.w.)
Kentuckymann (auch ‚ Juweleninsel')
Raccoon (fälschlich statt Racoon, sonst nur in ‚Ein Oelprinz')
Josias (Vorname, nur noch in ‚Ein Oelprinz')

Eine weitere Phrase fällt noch auf: die dark and bloody grounds - die bei den ‚Both Shatters' fälschlicherweise dack statt dark gedruckt wurden - sind zwar nicht in ‚Old Firehand' präsent, aber doch brereits in den ‚Georaphischen Predigten' (weiterhin noch: ‚Der Oelprinz', 'Auf der See gefangen',‚Im wilden Westen Nordamerikas' & ‚Winnetou I'). Interessant sind auch Begriffe, die nicht in den ‚Both-Shatters', aber doch in anderen Erzählungen dieser Schaffenszeit auftauchen:

Geist der Savanne (in: ‚Der Oelprinz', ‚Im fernen Westen', ‚Der Waldläufer', ‚Deadly dust/Winnetou III' sowie ‚Der Geist des Llano estakata', ‚Winnetou I')
Kühne Stirn (in: ‚Der Oelprinz','Auf der See gefangen')


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 15.7.2004, 15:13, insgesamt 2-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Swallow, mein braver Mustang
BeitragVerfasst: 12.7.2004, 14:44 
Ebenso wie im Vergleich der Winnetou-Kennenlernen-Textpassagen zeigt sich auch bei der Untersuchung der Beschreibungen gleichartiger Figurentypen eine Tendenz dazu, daß ‚Auf der See gefangen' später als die ‚Both Shatters' entstanden sein dürfte. Dies belegen wortwörtliche oder annähernd gleiche Textpassagen in den Charakterisierungen Sam Hawkens (fast wortwörtlich in ‚Der Oelprinz' wiederholt) und Sam Thicks sowie Dick Hammerdulls. Auch hier scheint eine Entstehung der ‚Both Shatters' vor ‚Auf der See gefangen' nahezuliegen. Zum einen ist die genaue Formulierung mit dem Jagdrock aus 'Old Firehand' übernommen worden, zum anderen finden sich in ‚Auf der See gefangen' nur solche Textphrasen aus ‚Old Firehand', die auch schon in die ‚Both Shatters' übernommen wurden, die Ausnahme bildet lediglich die auffällige Redewendung Flick auf Flick und Fleck auf Fleck, die in den ‚Both Shatters' nur verkürzt und zudem fehlgedruckt als Flick noch Flock erscheint. Allerdings erscheint die Flick-Phrase dort ebenso außerhalb der eigentlichen Personenbeschreibung wie auch in ‚Old Firehand'. Die Bärenmagen-Textpassage macht hingegen wortwörtliche Übernahmen zwischen den ‚Both Shatters' und ‚Auf der See gefangen' deutlich.

Sam Hawkens [Old Firehand]: Unter der wehmüthig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. In Folge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtstheilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von Einem zum Andern von uns Dreien sprangen.
Diese Oberparthie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen
Jagdrocke stak, welcher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Vergnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zulänglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Noth der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können.
(...)
aussehen wie der alte Rock, in welchen sie Sam Hawkens so vorsichtig eingeschnallt haben: >Flick an Flick und Fleck auf Fleck<, meine ich.«


Sam Thick [Both Shatters]: Der Eine war klein, aber von einem ganz ungemeinen Körperumfange. Ein dichter struppiger Bart bedeckte sein Gesicht so, daß von dem letzteren nur eine fürchterliche, in allen Farben spielende Nase und zwei kleine, listig blinzelnde Aeuglein zu erkennen waren. Die verschobene Perrücke, welche auf seinem breiten Schädel lag, hatte jedenfalls seit langen Jahren weder Kamm noch Bürste gefühlt und glich einem umgekehrten und zerzausten Vogelneste. Auf ihr saß ein Ding, welches früher einmal eine Pelzmütze gewesen sein konnte, jetzt aber alle Haare verloren und ganz das Aussehen eines umgestülpten faltenreichen Bärenmagens hatte. Der Jagdrock, in dem das Männlein stak, war jedenfalls für eine bedeutend längere Persönlichkeit angefertigt worden, denn er hing ihm fast bis an die Knöchel herab und ließ von der unteren Partie des possierlichen Trappers nur zwei vielfach zerrissene und zerfetzte Mokkassins erblicken.
(...)
Euer Rock hat weder
Flick noch Flock [sic!]

Di[c]k Hammerdull [Auf der See gefangen]: Er war ein kleiner und außerordentlich dicker Kerl wie sie Amerika nicht sehr häufig aufzuweisen hat, von dem man nicht recht wußte, ob man sich vor ihm fürchten, oder über ihn lachen solle. Sein kurzer, runder Körper stak in einem aus Büffelleder gefertigten Sacke, dessen ursprünglicher Stoff jedoch nicht mehr gegenwärtig war, denn eine jede Blessur des alten Kleidungsstückes war durch Aufheftung des ersten besten Stückes ungegerbten Felles oder irgend einer andern fraglichen Materie derartig geheilt worden, daß mit der Zeit Flick an Flick und Fleck auf Fleck gekommen war und die Reperaturstücke wie die Ziegel eines Daches über und auf einander lagen. Dazu war der Sack jedenfalls für eine weit längere Person verfertigt worden und hing ihm fast bis auf die Knöchel hernieder. Er hatte sich gar nicht die Mühe gegeben, die viel zu langen Aermel zu kürzen, sondern einfach in die Vorderseite derselben ein Loch geschnitten, durch welches er die Hände steckte. Die Beine staken in zwei Futteralen, die man weder Stiefel oder Schuhe noch Strümpfe und Gamaschen nennen konnte, und auf dem Kopfe trug er einen formlosen Gegenstand, der vor Zeiten einmal eine Pelzmütze gewesen sein konnte, jetzt aber vollständig haarlos war und ganz das Aussehen eines umgestülpten Bärenmagens hatte. Das wetterharte Gesicht, aus welchem zwei kleine Aeuglein hervorblinzelten, zeigte nicht die geringste Spur eines Bartwuchses und war von zahlreichen Schmarren und Narben durchzogen, die ihm ein außerordentlich kriegerisches Aussehen gaben. Bei näherer Betrachtung konnte man bemerken, daß ihm nicht nur mehrere Finger, sondern auch beide Ohren fehlten, und wer genau auf die Haare und die unter ihnen hervorschimmernde, hochgeröthete Kopfhaut achtete, war der Entdeckung nahe, daß er eine Perrücke trug, nicht etwa eines Kahlkopfes wegen, sondern weil ihm bei einem unglücklichen Zusammentreffen mit den Indianern der Scalp genommen worden war.

In allen drei Erzählungen gibt es auch jeweils eine Szene, in denen die Skalpierten ihren Schädel ‚präsentieren', doch gibt es dabei keinerlei wörtliche Übereinstimmungen:

Sam Hawkens [Old Firehand]: Er riß sich den traurigen Filz vom Kopfe und zog dabei die eigene, langhaarige Haut mit ab. Ich erschrak fast über den Anblick, welchen der kahle, blutigrothe Schädel bot.

Sam Thick [Both Shatters]: (...) so war ich über das Aussehen des Mannes erschrocken. Während des Ringens mit dem Wilden hatte er nämlich Mütze und Perrücke verloren, und ich sah nun einen haarlosen Schädel, dessen nachgewachsene Haut in den fürchterlichsten Farben spielte.

Di[c]k Hammerdull [Auf der See gefangen]: Sein langer Rock, Flick auf Flick und Fleck auf Fleck, ließ die auf ihn gerichteten Messerstiche vollständig unschädlich abprallen; er hatte in der hastigen Beweglichkeit des Kampfes nicht nur die alte, unnennbare Kopfbedeckung, sondern auch die Perrücke verloren und bot nun mit seinem nackten, von dem Scalpiren noch blauroth erglänzenden Schädel einen Anblick, der selbst einen Wilden ergrauen machen konnte.

Bei der Perückengeschichte schließlich suggeriert die exklusive Verwendung der Wörter hairdresser, Rattenfell und Dickschwanz (diese Felle auch in ‚Three carde Monte') in ‚Old Firehand' und den ‚Both Shatters' sowie die ausschließliche Benutzung der Phrase das/was sie Perrücke nennen und des Wortes Biberhäute in den 'Both Shatters' und ‚Auf der See gefangen' wiederum die Chronolgie ‚Old Firehand' - ‚Both Shatters' - ‚Auf der See gefangen'. Auffällig ist ferner, daß nur in ‚Old Firehand' und ‚Auf der See gefangen' der Ort Tekama/Dekama/Dekamah erwähnt wird, wobei die unterschiedlichen Schreibweisen aber möglicherweise darauf hindeuten könnten, daß May an dieser Stelle - wahrscheinlich im Gegensatz zu den ‚Both Shatters' - eben nicht die ‚Firehand'-Novelle zu Rate zog, als er die Passage für ‚Auf der See gefangen' nacherzählte.

Sam Hawkens [Old Firehand]: Bin dann nach Tekama gegangen und habe mir dort eine neue Haut gekauft. Nannten es eine Perücke und kostet mich zwei dicke Bündel Biberfelle, meine ich. (auch in: Ein Oelprinz) (...) Meinte aber dieses Rattenfell hier.
(...) werden sich wundern über den Scalp, hihihi, kostet mich zwei dicke Bündel Dickschwanzfelle damals in Dekama; wißts ja schon, meine ich
(...) habt die Meinige ja schon in den Händen, ist vom hairdresser (Friseur) gemacht worden.

(Keine Biberhäute im gesamten Text)

Sam Thick [Both Shatters]: :(...) und bin dann hinuntergeritten nach Cheyenne zum Hairdresser, um mir dies Rattenfell zu kaufen, das Sie Perrücke nennen. Kostet mich damals vier volle Bündel Dickschwanzpelze (Biberhäute), ist aber bezahlt worden (...)

Di[c]k Hammerdull [Auf der See gefangen]: Habe mir seinetwegen, als es mir nachher glückte, mich fortzumachen, in Dekamah ein Ding gekauft, was sie Perrücke nennen; ist ein ganz prachtvolles Fell und kostet mich vier schöne Bünde Biberhäute.
(Kein Dickschwanz, Rattenfell oder hairdresser im gesamten Text - dafür allerdings die Biberfelle)

Demgegenüber sind die Skalpierungsszenen - obwohl nach gleichförmigen Muster gestrickt - ohne jede wörtliche Übereinstimmung. Dabei ist der Skalpierung Parranohs, Scha-tungas und Riccarohs gemeinsam, daß der Skalpierende sich sein ‚Trophäe' eigentlich unberechtigt aneignet, da weder Winnetou noch Sam Thick mit dem Feinde gekämpft hat, sondern jeweils der Ich-Erzähler, der alte Shatter sowie Sam Fire-gun.

Winnetou [Old Firehand]: Will mein Bruder sich nicht schmücken mit der Scalplocke des Athabaskah?«
»Ich schenke sie meinem rothen Freunde!«
Mit drei Schnitten war die Kopfhaut des Gefallenen vom Schädel gelößt.


Sam Hawkens [Old Firehand]: (...) aber auch dieser lag auf der Erde und Sam stand mit ausgespreizten Beinen über ihm, hatte sich die lange Scalplocke um die Linke gewickelt und zog ihm die losgeschnittene Kopfhaut vom Schädel.

Two Sams [Both Shatters]: Dort fand ich die »two Sams« beschäftigt, den sechs Todten die Skalpe zu nehmen.

Sam Thick [Both Shatters]: »Cheer up, Kornel, haltet ihn fest. Er soll mir jetzt meine Perrücke bezahlen!«
Er warf den Tomahawk von sich, zog mit der Rechten das Bowiemesser, faßte Scha-tunga mit der Linken bei den Haaren, drei rasche blitzesschnelle Schnitte - ein kräftiger Ruck - er hielt die Kopfhaut des lebendig Skalpirten in der Hand. Dieser sank mit einem unartikulirten Schrei zur Erde.


Winnetou [Auf der See gefangen]: Sofort knieete Winnetou über dem Besinnungslosen, senkte ihm das Messer in die Brust, faßte mit der Linken das reiche, dunkle Haar zusammen - drei Schnitte, kunstgerecht geführt - ein kräftiger Ruck - und der Scalp war gelöst.

Di[c]k Hammerdull [Auf der See gefangen]: »Have care, Du rothe Kreatur! Kennst Du Dik Hammerdul, he, kennst Du ihn? 'sdeath, da hat er meine eigne, leibhaftige Haut am Gürtel hängen! Komm her, Geliebter, ich muß Dich umarmen!«
Der Wilde trat beim Anblicke des blaurothen, nackten Schädels zurück und starrte dem Jäger erschrocken in das Gesicht.
»So, guck mich an, Du rothe Canaille, und gieb mir Deine Wolle!«
Noch ehe der Indianer eine vertheidigende Bewegung machen konnte, stak ihm das Messer Hammerdulls bis an den Griff im Herzen und er schlug schwer zur Erde nieder. Der Jäger bog sich auf ihn herab, zog sein Messer zurück und faßte ihn bei den Haaren - drei Schnitte, ein Ruck, - dann richtete er sich wieder empor.


Im Gegensatz zu den Figurentypus Klein & Dick gibt es bei Lang & Dünn keine gleichen Textpassagen zwischen der Beschreibung Dick Stones in ‚Old Firehand' einerseits und seinen Nachfolger Sam Thin in den ‚Both Shatters' und Pitt Holbers in ‚Auf der See gefangen' anderseits, letztere aber teilen untereinander eine durchaus ähnliche Formulierung. Einen Schluß auf die zeitliche Reihenfolg der Entstehung der Texte läßt sich hier freilich nicht gewinnen.

Di[c]k Stone [Old Firehand]: (...) war nicht weniger ein Original wie Sam Hawkens. Unendlich lang und entsetzlich dürr und ausgetrocknet hing seine knochige Gestalt weit vorn über, so daß es schien, als gebe es für seine Augen keine andere Perspective als diejenige auf die beiden Füße, welche an ein Paar Beine gewachsen waren, deren Ausdehnung Einem angst und bange machen konnte. Ueber die festen, kernigen Jagdschuhe hatte er ein Paar lederne Gamaschen geschnallt, welche noch ein gut Stück des Oberschenkels bedeckten; der Leib stak in einem enganliegenden Camisol, das mittelst eines breiten Gürtels, in und an welchem neben Messer und Revolver die verschiedensten kleinen Nothwendigkeiten staken und hingen, zusammengehalten wurde; um die breiten, eckigen Schultern zog sich eine wollene Decke, deren Fäden die ausgedehnteste Erlaubniß hatten, nach allen Himmelsgegenden auseinander zu laufen, und der kurzgeschorene Kopf stak in einem Dinge, dessen Definition geradezu eine Sache der reinsten Unmöglichkeit war.

Will Parker wird in 'Old Firehand' nicht näher beschrieben.

Sam Thin [Both Shatters]: Der Andere war fast um die Hälfte höher als sein Gefährte. Seine Glieder waren so dünn und lang gezogen, daß man befürchten mußte, sie könnten beim ersten Windstoße wie Fäden auseinandergetrieben werden. Alles an ihm war lang und dünn oder schmal: die Stirn, die Nase, die Lippen, das bartlose Kinn, der Hals, der Leib, die Arme und Beine; auf seinem Hinterkopfe balancirte ein eigenthümlicher Gegenstand, dessen hundertster Urenkel nach der Darwin'schen Lehre wahrscheinlich Hut zu nennen sein würde; das lederne Jagdwamms reichte ihm nur wenige Zoll über die dürren Hüften herab, und die unendlichen Beine staken in zwei weit heraufgezogenen Futteralen, von denen sich kaum entscheiden ließ, ob sie Strümpfe, Gamaschen oder Stiefel zu nennen seien.

Pitt Holbers [Auf der See gefangen]: Er war eine eigenthümliche Figur. Die Natur schien im Sinne gehabt zu haben, mit ihm ein Seilerstück zu fabriciren, so unendlich hatte sie ihn in die Länge gezogen; Alles an ihm, das Gesicht, der Hals, die Brust, der Unterleib, Arme und Beine waren lang, unendlich lang und dabei scheinbar so schwach und dürftig, daß man befürchten mußte, den ganzen Mann beim ersten besten Windstoße zerrissen und in Fäden davongewirbelt zu sehen. Seine Stirn war frei; auf dem Hinterkopfe aber balancirte ein namenloses Ding, welches vor vielen, vielen Jahren vielleicht einmal ein Cylinderhut gewesen war, jetzt aber gradezu aller Beschreibung spottete. Das hagere Gesicht zeigte einen Bart, ja, aber dieser Bart bestand aus kaum hundert Haaren, welche einsam und zerstreut die beiden Wangen, Kinn und Oberlippe bewucherten und von da lang und dünn bis fast auf den Gürtel herabhingen. Der Jagdrock, welchen er trug, schien noch aus seiner frühsten Jugendzeit zu stammen, denn er bedeckte kaum die obere Hälfte des Leibes und die Aermel reichten nur wenige Zoll über die Ellbogen herab. Die zwei unglückseligen Schalen, in denen die Beine staken, konnten früher einmal Schäfte von einem Paar riesiger Schifferstiefel gewesen sein, hatten aber jetzt das Aussehen alter, durchgeglühter Ofenrohre und stießen in der Knöchelgegend auf zwei sogenannte horse-feets, wird man sie besonders in Südamerika aus den noch lebenswarmen Häuten der Pferdefüße bereitet. (Die Beschreibung der Pferdefüße findet sich übrigens auch bei Sans-Ear in 'Deadly Dust')

Auch bei der Beschreibung alter, verrosteter Waffen hat May frei forumliert, sodaß zwar dasselbe gemeint ist, dabei jedoch keineswegs abgeschrieben wurde.

Ellen [Old Firehand]: Sie zog bei diesen Worten ein altes, verrostetes Schießinstrument aus der Satteltasche und hielt es mir zur Besichtigung hin.

Sam Hawkens [Old Firehand]: (..) zog die alte, vorsündfluthliche Liddy an mich heran und öffnete den rostbedeckten Hahn derselben.

Two Sams [Both Shatters]: Ihre Ausrüstung war ganz die bei einem Prairiejäger gewöhnliche und bot, außer der Büchse des Dicken, keinen Stoff für eine besondere Betrachtung. Diese aber sah einem im Walde abgebrochenen Prügel ähnlicher als einer Feuerwaffe. Das Holzzeug an ihr hatte durch Kerben, Sprünge und abgeschlagene Splitter seine ursprüngliche Gestalt verloren; Lauf, Schloß und Beschlag waren vom Roste zerfressen, und ein europäischer Schütze hätte wohl nur mit der größten Vorsicht einen Schuß aus ihr gewagt. Doch sah ich hier nicht das erste derartige Schießinstrument, mit dem ein Fremder absolut nichts anzufangen weiß, während der Besitzer aus dem alten verlaufenen Rohre sicher keinen andern als einen Meisterschuß thut. [/i]

Dick Hammerdull [Auf der See gefangen]: Seine Waffenausrüstung war ganz die gewöhnliche; sie zeigte nichts Außerordentliches; aber die Büchse, welche er vor sich auf dem Tische liegen hatte, verdiente vollkommen, näher betrachtet zu werden. Sie hatte ganz die Gestalt eines alten Knüttels, der aus dem Dickicht gebrochen war, um bei der ersten besten Schlägerei eine Rolle zu spielen. Das Holzzeug hatte seine ursprüngliche Gestalt und Form verloren, war zerschnitten, zerkerbt und zerspalten, als hätten die Ratten ihr Spiel damit gehabt, und zwischen ihm und dem verlaufenen Rohre hatte sich eine solche Menge von Schmutz und Ungehörigkeit angesetzt, daß Holz, Schmutz und Eisen ein vollständiges Ganze bildeten und gar nicht von einander zu unterscheiden waren. Selbst der beste europäische Schütze hätte es nicht gewagt, aus dem alten Prügel einen Schuß zu thun, aus Angst, das Ding müsse sofort zerspringen, und doch stößt man noch heut in der Prairie auf derlei unscheinbares Schießzeug, aus welchem ein Anderer nie eine gute Kugel bringt, obgleich der Besitzer sicher keinen Schuß thut, der sein Ziel verfehlt.

Zum Abschluß noch ein Vergleich der Beschreibungen der alten Recken. Auch hier dürfte die Ähnlichkeit in der Formulierung bezüglich des alten Shatters nicht auf einer konkreten Abschrift sondern lediglich auf Erinnerung beruhen:

Old Firehand [Old Firehand]: Die langen, weißen, mähnenartigen Haare wehten ihm um's entblößte Haupt und in seinem vom Monde hell beschienenen Angesichte sprach sich ein Gefühl der Wonne aus, welche den Zügen einen gradezu befremdenden Ausdruck gab.

Vater Parker [Both Shatters]: Die langen grauen Haare wehten ihm mähnenartig um den Kopf; seine Augen sprühten vor Kampfeslust, und wen sein Beil erreichte, der war verloren.

Sam Fire-gun [Auf der See gefangen]: Die langen, schneeweißen Haare wehten ihm mähnenartig um das kühne Haupt; seine Augen blitzten, und in seinem von dem flackernden Lichte beschienenen Angesichte sprach sich ein Gefühl von jener Kampfeswonne aus, welche das verfeinerte Urtheil leugnet.

Old Firehand [Im fernen Westen]: Die langen, weißen, mähnenartigen Haare wehten ihm ums entblößte Haupt und in seinem vom Monde hell beschienenen Angesichte sprach sich eine Siegesgewißheit aus, welche den Zügen einen gradezu befremdenden Ausdruck gab.

Wie man gesehen hat, weist eine Vielzahl von Indizien darauf hin, daß die Erzählung von den ‚Both Shatters' nicht nur vor 1880 in der wahrscheinlich vor Abfassung von ‚Auf der See gefangen' entstanden sein könnte, also in etwa - wie in GW 72 vermutet - im Jahre 1877. Läßt sich dieser Zeitpunkt vielleicht noch exakter bestimmen? Es gibt nun das seltsame Phänomen, daß bei einigen Winnetou-Frühtexten Mays die fiktive Chronologie mit den jeweiligen Zeitraum der Niederschrift mindestens grob übereinstimmt.

So wird etwa am Anfang von 'Deadly Dust' erzählt, daß Old Shatterhand von den Ogellallah bei einem Überfall auf eine Anzahl Trapper am Broadfork nach langen Kampf gefangen genomen wurde. Tatsächlich aber war es in 'Old Firehand' jedoch die Titelfigur, die von den Indianern am Beefork gefangengenomen wurde. Dieses Ereignis wird in 'Dust' dabei als vier Winter zurückliegend geschildert, also in etwa die Zeitspanne, die zwischen dem Entstehen von 'Old Firehand' (erscheint Oktober bis Dezember 1875) und 'Deadly Dust' (Niederschrift ab ca. Januar 1880, erscheint ab März/Juni 1880) liegt.

Ein zweites Beispiel dieser Art findet sich in 'Ein Ölbrand'. Dort wird von John Helming erzählt, er wäre als Goldeinkäufer in Kalifornien unterwegs gewesen und dabei ermordet worden. Es war allerdings Allan Marshall, der in 'Deadly Dust' so ums Leben kam. Als Zeitpunkt des Todes von Helming wird vor vier Jahren angegeben, also ungefähr die Zeitspanne, die zwischen dem Entstehen von 'Deadly Dust' und 'Ein Ölbrand' liegt (wobei man berücksichtigen sollte, daß May mit der Niederschrift von ‚Deadly Dust' vielleicht doch schon im Dezember 1979 begonnen haben könnte und der zweite Teil von ‚Ein Ölbrand' im Gegensatz zum ersten Teil möglicherweise erst 1883 entstand.

Sollte die Interpretation von der Übereinstimmung der zeitlichen Abstände in der fiktiven Chronologie und der Niederschrifts-Chronologie richtig sein, soließe sich aus den ‚Both Shatters' ein ähnliches Datum ermitteln. Dort heißt es: »Wie soll ich hier am Yellow Stone den Beweis liefern, daß mir Swallow vor einem Jahre am Rio Suanca geschenkt wurde?«. Könnte dies nicht ein Hinweis darauf sein, daß die Erzählung von den ‚Both Shatters' bereits ein Jahr nach ‚Old Firehand' - also schon 1876 - entstanden ist?


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 7.6.2005, 13:43, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Winnetou im fernen Westen
BeitragVerfasst: 14.7.2004, 11:22 
Die Erkenntnis, daß die 'Both Shatters' 1876/77 entstanden sein dürften, ist natürlich nicht neu. Man findet diese Datierung nicht nur in GW 72 'Old Firehand', auch Christoph. F. Lorenz schreibt in seinem Winnetou-Beitrag im KM-Figurenlexikon, daß die Erzählung eine der frühesten Geschichten Mays sei, von der vermutet wird, sie sei schon vor 1877 erschienen, ebenso liest man in dem Essay 'Karl Mays Winnetou - Die Entwicklung einer Literarischen Gestalt' von Ekkehard Bartsch (in GW 80 'Auf der See gefangen'), daß diese Indianergeschichte um 1877 entstanden sein dürfte. Allerdings gilt für solche Essays natürlich, daß man im Interesse eines flüssigen Lesens da möglichst Wiederholungen aller Art vermeiden sollte, und so entfällt dort natürlich ein dezidierter Zitatenvergleich.

Insofern dürfte auch die Beantwortung der Frage interessieren, ob die 'Winnetou'-Neufassung von 'Inn-nu-woh' vor oder nach der 'Im fernen Westen'-Bearbeitung von 'Old Firehand' entstanden ist. Zwar liegt die Vermutung nahe, daß zunächst die kleine 'Winnetou'-Geschichte und dann die Buchfassung entstanden ist, doch wäre es sicher reizvoll, auch dieses näher zu belegen. Wer freilich die Aufsätze von Lorenz und Bartsch genau liest, der weiß auch aus dieser Lektüre, daß ein ganzer Textabschnitt aus 'Auf der See gefangen' in 'Winnetou' wiederholt wird [bis: (...)dem Präsidenten (in Washington) zu sprechen.] , während eine ähnliche Passage in 'Im fernen Westen' neu überarbeitet wurde und in GW 80 könnte man diese dort zitierte Textstelle gar mit den betreffenden Passagen in 'Auf der See gefangen' und 'Winnetou' vergleichen, diese seinen hier wie auch die Variante in der Bu chausgabe ausführlich zitiert.

Auf der See gefangen: Der Indianer war der berühmteste Häuptling der Apachen, deren bekannte Feigheit und Hinterlist ihnen früher unter ihren Feinden den Schimpfnamen »Pimo« zugezogen hatte; doch seit er zum Anführer seines Stammes gewählt worden war, hatten sich die Feiglinge nach und nach in die geschicktesten Jäger und verwegensten Krieger verwandelt; ihr Name wurde gefürchtet weit über den Kamm des Gebirges herüber, ihre muthigen Unternehmungen waren stets vom besten Erfolge begleitet, obgleich sie nur in geringer Männerzahl und mitten durch feindliches Gebiet hindurch ihre Streifzüge bis in den fernen Osten hinein ausdehnten, und es gab eine Zeit, in welcher an jedem Lagerfeuer und im kleinsten Boarraume ebensowohl wie im Salon des feinsten Hotels Winnetou mit seinen Apachen den stehenden Gegenstand der Unterhaltung bildete. Jedermann wußte, daß er schon öfters ganz allein und ohne alle Begleitung außer derjenigen seiner Waffen über den Missisippi herübergekommen war, um die »Dörfer und Hütten der Bleichgesichter« zu sehen und mit dem »großen Vater der Weißen«, dem Präsidenten in Washington zu sprechen. Er war der einzige Häuptling der noch ununterjochten Stämme, welcher den Weißen nicht übel wollte, und es ging die Rede, daß er sogar ein sehr enges Freundschaftsbündnis mit Fire-gun, dem berühmtesten Trapper und Pfadfinder des Westens geschlossen habe.
Niemand wußte zu sagen, woher dieser weit und breit bekannte und von allen Indianern gefürchtete Jäger stamme. Er hielt nur einige wenige Auserwählte um sich versammelt, tauchte bald hier und bald da mit ihnen auf, und wo einmal von so einem echten, rechten Trapperstücke erzählt wurde, da war sein Name gewiß mit dabei, und es gingen Berichte über ihn im Schwange, an deren Wahrheit man fast hätte zweifeln können, da er nach ihnen immer neue Abenteuer ausführte, bei denen ein Andrer ganz sicher zu Grunde gegangen wäre, und die ihn mit einem Nimbus umhüllten, dessen Zauber sich besonders in dem allgemeinen Verlangen der Jäger, ihn kennen zu lernen, kund gab.
Aber das war nicht so leicht. Niemand kannte den Ort, der ihm und den Seinen als Sammelplatz und Ausgangspunkt ihrer Streifereien diente, und eben so wenig vermochte man den Zweck zu bestimmen, der ihn im wilden Westen hielt. War er einmal in irgend einer Ansiedelung erschienen, so hatte er ganz gewiß nicht mehr Felle mitgebracht, als zum Eintausche von Proviant und Munition unumgänglich nothwendig war, und war dann stets sofort wieder spurlos verschwunden. Er gehörte also jedenfalls nicht zu den Jägern, welche sich durch die Jagd die Mittel zu einem späteren, gemüthlichen Leben zu erwerben trachten; er mußte vielmehr ganz andre Absichten verfolgen, über welche aber Nichts verlautete, weil er nie Umgang pflog und jedem Versuche der Annäherung behutsam aus dem Wege ging.


Winnetou: Winnetou war der berühmteste Häuptling der Apachen, deren bekannte Feigheit und Hinterlist ihnen unter ihren Feinden den Schimpfnamen »Pimo« zugezogen hatte; doch seit er zum Anführer seines Stammes gewählt worden war, hatten sich die Feiglinge nach und nach in die geschicktesten Jäger und verwegensten Krieger verwandelt, ihr Name wurde gefürchtet bis über den Kamm des Gebirges herüber, ihre Unternehmungen waren stets vom besten Erfolge begleitet, sie unternahmen in geringer Männerzahl und mitten durch feindliches Gebiet hindurch die kühnsten Streifzüge, und es gab eine Zeit, in welcher an jedem Lagerfeuer und im kleinsten Boarraume ebensowohl wie im Salon des feinsten Hotels Winnetou mit seinen Streichen den stehenden Gegenstand der Unterhaltung bildete. Da plötzlich war er am Mississippi erschienen, um, nach seiner eigenen Ausdrucksweise, die »Hütten der Bleichgesichter« zu sehen und mit dem »Vater der weißen Männer«, dem Präsidenten zu sprechen. Seine wenigen Begleiter hatte er in die am westlichen Ufer des Flusses gelegenen Wälder zurückgeschickt und die Reise nach Washington ganz allein unternommen. Das war vor einigen Monaten gewesen, und nun kehrte er zurück, um die gewaltige Entfernung von dem »Vater der Ströme« bis an die Küsten des stillen Weltmeeres von Neuem zu durchmessen, ein Vorhaben, welches ihn mit tausenderlei Gefahren in Berührung bringen mußte.
Er schien im Anfange der fünfziger Jahre zu stehen; seine nicht zu hohe Gestalt war von ungewöhnlich kräftigem und gedrungenem Bau, und insbesondere zeigte die Brust eine Breite, die einen hoch aufgeschossenen und langhalsigen Yankee in die respectvollste Bewunderung zu setzen vermochte. Der Aufenthalt im civilisirten Osten hatte ihn genöthigt, eine dort weniger auffällige Kleidung anzulegen, aber das dichte, dunkle Haar hing ihm in langen, schlichten Strähnen bis weit über die Schultern herab, im Gürtel trug er ein Bowiemesser nebst Kugel= und Pulverbeutel, und aus dem Regentuche, welches er malerisch um die Achsel geschlungen hatte, sah der verrostete Lauf einer Büchse hervor, die vielleicht schon manchem »Westmanne« das letzte Valet gegeben hatte.


Im fernen Westen/Jenseits des Felsengebirges: Unter den zahlreichen Stämmen der Indianer gibt es einen, welcher nicht allein von den weißen, sondern ebenso auch von den rothen Jägern mit einer außerordentlichen Geringschätzung bedacht wird; es ist derjenige der Apachen, welcher seien Jagdgründe jenseits des Gebirges hat, und sich durch seine Feigheit und Hinterlist auszeichnet, in Folge deren seine angehörigen kaum etwas anderes als mit dem Schimpfnamen »Pimo« bezeichnet werden. Da plötzlich aber tauchte unter diesen Pimo's einer auf, der die bisherige Ansicht über seine Stammesgenossen so zu Schaden machte, daß es eine Zeit gab, in welcher er an jedem Lagerfeuer und in dem ärmlichsten Boarraum gerade so wie im Salon des feinsten Hotels den stehenden Gegenstand der Unterhaltung bildete. Es war Winnetou, ein Häuptling der Apachen. Man erzählte sich [Thaten von ihm, welche allerdings von Mund zu Mund vergrößert wurden, aber auch ohne diese Uebertreibung die Bewunderung selbst des verwettersten Westmannes erregen mußten, eine Bewunderung, die um so verdienter war. Als er die Lagerplätze der Seinen stets ganz allein zu verlassen pflegte, und ohne alle Begleitung Abenteuerzüge unternahm, auf denen er sich kühn durch feindliches Gebiet und bis in die entferntesten Winkel des weitgedehnten Savannenlandes wagte. Er war nicht mehr jung; seine Vergangenheit tauchte sich in ein geheimnisvolles Dunkel, über welches selbst seine Untergebenen keine Aufklärung zu geben vermochten, weil er schon seit seiner Jugendzeit sich mehr auf einsamen Streifzügen als in ihrer Mitte befunden hatte, und auch jetzt noch höchst selten und nur auf einige Tage zu ihnen zurückkehrte.

Die oben ebenfalls gekennzeichnete Phrase von Mund zu Munde im Zuammenhang mit den Thaten des Häuptlings der Apachen ist dabei dem Schluß der 'Winnetou'-Erzählung entnommen.: Er hatte zu den vielen kühnen Thaten, welche über ihn von Mund zu Munde gingen, eine neue gefügt. . Die Technik, alte Beschreibungen teilweise wortwörtlich zu übernehmen und teilweise zu variierend zu erneuern, läßt sich übrigens besonders gut bei den Beschreibungen Winnetous erkennen. Würde man diese Charakterisierungen isoliert und ohne Hinweis auf ihre Herkunft in beliebiger Reihenfolge präsentiert bekommen, so würde man diese auf grund der einzelnen Veränderungsschritte ganz leicht in die richtige zeitliche Reihenfolge sortieren können. Allein die Beschreibung in 'Der Ölprinz' greift statt auf die vorherige auf eine ältere Beschreibung aus dem 'Scout' zurück , allerdings hatte May diese zum Zeitpunkt der Abfassung der Jugenderzählung gerade in die 'Winnetou'-Trilogie integriert, sie war also aus diesem Grunde gerade aktuell zur Hand.


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 Betreff des Beitrags: Winnetous Werdegang
BeitragVerfasst: 15.7.2004, 14:50 
Die Beschreibung des frühen Winnetous basiert ab 1879 auf der Charakterisierung von Ferrys 'Rayon-Brûlent' nach der Übersetzung von Füllner. Dabei wurde der ursprüngliche Winnetou in 'Old Firehand' zunächst überhaupt gar nicht näher beschrieben, erst bei 'Auf der See gefangen' vermittelte May dem Leser erstmals ein Bild vom Aussehen des Häuptlings der Apachen, wobei sich diese Beschreibung interessanterweise auch auf die vorherige von Ellen aus 'Old Firehand' stützt. Auch benutzte May dabei mit den Stachelsteinborsten und dem Ausdruck turbanartig für die Frisur bereits vor 1879 zwei Begriffe, die typischerweise auch bei Ferrys Komantschen-Häuptling zu finden sind.

Old Firehand (Ellen): Er trug ein buntes, starkstoffiges Jagdhemde, an der äußern Nath von der Hüfte bis zum Knöchel mit Fransen verzierte Leggins* und die kleinen Moccassins waren reich mit Glasperlen und Stachelschweinsborsten besetzt. Um den Kopf war turbanartig ein rothes Tuch geschlungen, und eine ebenso gefärbte Schärpe vertrat die Stelle des gewöhnlicheren Gürtels.

Der Ich-Erzähler erkennthier nicht sofort, das der vermeintliche Mann tatsächlich Ellen ist. In der Neufassung 'Im fernen Westen' ist es gerade umgekehrt. Hier schrieb May: Sie trug ein buntes (...) (der Rest der Beschreibung ist identisch), wobei sich das Sie auf die Figur im vorhergehenden und dabei neuformulierten Satz bezieht.

Auf der See gefangen: Sein Gewand war sauber und sichtlich gut gehalten, eine außerordentliche Seltenheit von einem Angehörigen seiner Rasse. Sowohl der Jagdrock als die Leggins waren von weichgegerbtem Büffelkalbleder, in dessen Bereitung die Indianerfrauen Meisterinnen sind, höchst sorgfältig gearbeitet und an den Nähten zierlich ausgefranst; die Mokassins waren aus Elenhaut und nicht in fester Fußform, sondern in Bindestücken gefertigt, was dieser Art von Fußbekleidung neben erhöhter Dauerhaftigkeit auch eine größere Bequemlichkeit verleiht. Die Kopfbedeckung fehlte; an ihrer Stelle war das reiche, dunkle Haar in einen Knoten geschlungen, welcher turbanartig auf dem stolz erhobenen Haupte thronte. Der Sohn der Wildnis hatte verschmäht, seine kühne Stirn zu bedecken.

Waldläufer [Füllner] (Rayon-Brûlent): Es war ein junger Krieger mit eleganten, nervigen Körperformen und elastischem, stolzem Schritt. Seine breiten Schultern und seine starke Brust waren nackt; um seine engen, gerundeten Hüften schlang sich eine feine Zarape von "S a n t i l l o", in glänzenden, verschiedenartigen Farben. Gamaschen von scharlachrothem Tuche bedeckten seine Unterschenkel; von Pferdehaar gestickte Kniebänder und merkwürdig aus Borsten des Stachelschweins gearbeitete Eicheln umschlossen diese Gamaschen über den Knöcheln; endlich waren die Füße des Indianers noch mit Halbstiefel von einer nicht weniger kunstreichen Arbeit, als die Kniebänder, bekleidet.
Sein Kopf war, mit Ausnahme eines Büschels kurzer Haare, der wie ein Helmbusch aussah, ganz geschoren und mit einem sonderbaren Schmucke bedeckt. Es war dies eine Art schmalen Turbans, aus zwei malerisch um seine Stirn gewundenen Tüchern bestehend. Die trockene, glänzende Haut einer ungeheuren Klapperschlange schlang sich durch die Falten des Turbans, und der noch mit den Klappern versehene Schwanz und der Kopf mit seinen spitzigen Zähnen hingen an jeder Seite seiner Schulter herab. Wenn man sein Gesicht von den Malereien, welche die Regelmäßigkeit und Anmuth desselben entstellten, befreit hätte, so würde es vollständig Encinas' Lob gerechtfertigt haben. Die römische Nase des jungen Kriegers, seine hohe Stirn, auf welcher Muth und Biederkeit thronten, sein feiner kühn geschnittenen Mund, seine Wangen endlich, deren fast unmerkliches Hervortreten die Harmonie der Züge nicht störte, dies Alles schien in florentinischer Lage nach irgend einem antiken Brustbilde von tadellosen Umrissen von der Natur geschaffen zu sein.


Nicht nur Karl May hat - wie man gleich lesen kann, sich bei Füllner bedient, sondern auch Julius Hoffmann, dessen gekürzte Waldläufer-Bearbeitung erkennbar nicht - bzw. jedenfalls nicht nur - eigenübersetzt ist, und welche May neben dem Füllner-Text ebenfalls als Grundlage für seine Umarbeitung benutzte. Das folgende Zitat stammt allerdings aus einer leichten Bearbeitung des Hoffmann-Textes von 1922. Im Original schrieb Hoffmann u.a.: Kamaschen von scharlachrothem Tuche, diese Schreibweise benutzte May auch in einer zweiten Kurzcharakteriesierung Falkenauges.

Waldläufer [bearbeitete Hoffmann-Fassung] (Brennender Strahl): Es war ein junger Krieger von biegsamen und sehnigen Formen, sein Tritt war weich und stolz. Seine breiten Schultern und seine gewaltige Brust waren nackt; und um seine schmalen Hüften schlang sich ein feiner Mantel, an dem die glänzenden und verschiedenartigen Farben auffielen. Gamaschen von scharlachrotem Tuche bedeckten seine Beine; gestickte Kniebänder von Tierhaaren und seltsam gearbeitete Eicheln aus Stachelschweinborsten hielten diese Gamaschen über den Knöcheln fest; die Füße waren mit Halbstiefeln bekleidet, woran die Arbeit nicht minder merkwürdig war als an den Kniebändern.
Sein Kopf, der mit Ausnahme eines kurzen Haarbüschels, der gleichsam einen Helmbusch bildete, glatt rasiert war, war seltsam geschmückt. Auf dem Kopfe bemerkte man eine Art schmalen Turbans, bestehend aus zwei um die Stirn gewundenen Hals[color=red]tüchern. Die getrockente und glänzende Haut einer ungeheuren Klapperschlange vereinte sich mit den Falten des Turbans, und der noch mit seinen Klappern versehene Schwanz hing auf einer seiner Achseln, und der Kopf aber mit seinen spitzigen Zähnen auf der anderen herab. Sein Gesicht war regelmäßig und schön.


Waldläufer [May] (Falkenauge): Es war Falkenauge, der Comanche. Die eleganten, nervigen Körperformen und der elastische, stolze Schritt, mit welchem der junge Krieger eintrat, mußten sofort imponiren. Seine breiten Schultern und seine starke Brust waren nackt; um seine engen, gerundeten Hüften schlang sich eine feine Decke von Santillo, in glänzenden, verschiedenartigen Farben schillernd. Gamaschen von scharlachrotem Tuche bedeckten seine Unterschenkel; von Pferdehaar gestickte Kniebänder und merkwürdig aus Stachelschweinsborsten gearbeitete Eicheln umschlossen über den Knöcheln diese Gamaschen, und die Füße staken in den kunstreichen Moccassins, welche er von Mo-la geschenkt erhalten hatte.
Sein Kopf war, mit Ausnahme eines Büschels kurzer Haare, der wie ein Helmbusch aussah, ganz geschoren und mit einem höchst sonderbaren Schmucke bedeckt. Es war dies nämlich eine Art schmalen Turbans, aus zwei malerisch um seine Stirn gewundenen Tüchern bestehend. Die glänzende, trockene Haut einer ungeheuren Klapperschlange schlang sich durch die Falten des Turbans, und sowohl der noch mit den Klappern versehene Schwanz als auch der mit spitzigen Zähnen bewehrte Kopf des Thieres hingen an jeder Seite seiner Schulter herab.
Wäre sein Gesicht von den entstellenden Malereien frei gewesen, so hätte man eine echt römische Nase, eine hohe Stirn, auf welcher Muth und Biederkeit thronten, einen kühn geschnittenen Mund und zwei Augen bewundern können, welche bestimmt zu sein schienen, durch ihren Blick zu herrschen. Die fast unmerklich hervortretenden Wangen störten die schöne Harmonie der Züge nicht, vielmehr gaben sie ihnen etwas eigenthümlich Fremdartiges, was den Beschauer fesseln mußte.
Seine Waffen bestanden in einem leicht gekrümmten Skalpirmesser, einem glänzend
geschliffenen Tomahawk, einem kunstvoll geflochtenen Lasso, welches in kurzen Bogen um seine Hüften hing, und einer Büchse, deren Holztheile eng mit silbernen Nägeln beschlagen waren.


Waldläufer [May] (Falkenauge, 2. Beschreibung): Er war von eleganten, nervigen Körperformen, trug eine feine Serape von Santille, Kamaschen von scharlachrothem Tuche und Moccassins von einer außerordentlich kunstreichen Arbeit.Sein Kopf war mit einer Art Turban bedeckt, durch welchen sich die glänzende Haut einer ungeheuren Klapperschlange wand.

Waldläufer [May] (Falkenauge, 3. Beschreibung): Sein Pferd war ganz mit den Skalpen getödteter Feinde behangen; durch den Turban, welcher seinen Kopf bedeckte, schlang sich die Haut einer riesigen Klapperschlange; in seinem Gürtel glänzten Tomahawk und Skalpmesser, und in seiner Rechten hielt er eine mit silbernen Nägeln verzierte Büchse.

Deadly Dust (Winnetou): Der Anblick dieses Apachen mußte das Auge eines jeden Westmannes entzücken. Die zierlichen, nervigen Körperformen und die Spannkraft einer jeden seiner Bewegungen hätten auch den stärksten, erfahrensten Trapper imponiert. Seine breiten Schultern und seine starke Brust waren nackt und von zahlreichen Narben bedeckt. Um seine engen, gerundeten Hüften schlang sich eine feine Decke von Santillo, in glänzenden, verschiedenartigen Farben schillernd. Eine kurze prächtig gegerbte Wildlederhose legte sich eng um seine muskulösen Oberschenkel und war an den Seiten mit den Scalplocken getödteter Feinde geschmückt. Gamaschen von scharlachrothem Tuche bedeckten seine Unterschenkel; Kniebänder, von Menschenhaar geflochten, welches jedenfalls auch von den Scalpen der Feinde stammte, und aus Stachelschweinsborsten gefertigte Eicheln umschlossen über den Knöcheln und unterhalb der Kniee diese Gamaschen, und die Füße stacken in wirklich kunstreichen Moccassins, welche mit Zierrathen von Pferdehaar ausgeputzt waren. Von seiner Schulter hing das Fell eines grauen Bären. Wäre sein Gesicht nicht mit Kriegsfarben bemalt gewesen, so hätte man eine echt römische Nase, eine hohe Stirn, auf welcher Muth und Biederheit thronten, einen kühn geschnittenen Mund, und zwei Augen bewundern können, welche bestimmt zu sein schienen durch ihren Blick zu herrschen. Die fast unmerklich hervortretenden Backenknochen störten die schöne Harmonie der Züge nicht, vielmehr gaben sie ihnen etwas eigenthümlich Fremdartiges, was den Beschauer fesseln mußte. Seine Waffen bestanden in einem leicht gekrümmten Skalpmesser, einem glänzenden Tomahawk, zwei Revolvern, einem künstlich geflochtenen Lasso, welcher in kurzen Bogen um seine Hüften hing, und in einer gezogenen Doppelbüchse, deren Holztheile eng mit silbernen Nägeln beschlagen waren. So wie er hier saß unter den Bäumen der Wildniß, hätte er ruhig auf der Bühne oder auf einem der eleganten Maskenbälle einer europäischen Residenz erscheinen können, und Niemand würde geglaubt haben, daß all diese Dinge dem wilden Westen angehörten, so nett und sauber war jeder Zollbreit an dem rothen Krieger, und so ritterlich und gebieterisch zugleich seine ganze Erscheinung.

Die Frisur Winnetous beschrieb May vor der eigentlichen Begegnung: Er trägt das Haar lang herab; es hängt ihm bis auf den Rücken des Pferdes nieder, und nur eine einzige Locke ist aufgewickelt, in welcher drei Adlerfedern stecken. Nach der ersten Begrüßung erwähnt May auch das Calumet des Apatschen, welches in späteren Beschreibungen ebenfalls obligatorisch dazu gehört: Er griff in die Satteltasche, zog Pfeife und Tabaksbeutel hervor und setzte sich mit würdevoller Haltung nieder. »Winnetou ist weit im Norden am großen See gewesen, um zu graben den heiligen Ton für sein Calumet, Shar-Iih ist der erste, welcher mit ihm rauchen wird.«

Wie man sieht, ist Winnetou weitgehend dem Vorbild Falkenauges nachgebildet, doch gibt es noch einige weitere Details, die wahrscheinlich auf ein andere Häuptlingsbeschreibung zurückgehen. Als Karl May 1875 den Eisenbahnüberfall in der ‚Old Firehand‘-Novelle schrieb, stützte er sich höchstwahrscheinlich auf Friedrich Gerstäckers ‚In der Prairie‘. Wegen der Übernahme einiger Redewendungen kann man zudem davon ausgehen, daß May für die Niederschrift des Eisenbahnüberfall in ‚Deadly Dust‘ Gerstäckers Kurzgeschichte nochmals studiert hat. Auffällig ist nun, daß die zusätzlichen Winnetou-Merkmale – davon die Adlerfedern nur in ‚Deadly Dust‘, der Ledergürtel hingegen erst in ‚Ein Ölbrand‘ - größtenteils auch in der Beschreibung des Cheyenne-Häuptlings Wagalikschu Huka zu finden sind, sodaß man wohl davon ausgehen kann, daß May sich auch in dieser Beziehung von Gerstäcker inspirieren ließ:

Wagalikschu Huka: Der Führer des Schwarms trug in der fest zusammengewickelten und starken Skalplocke drei mächtige Adlerfedern, von denen eine emporstand und die anderen beiden ihm über den Rücken hinunterhingen, und an den braungefärbten und langausgefransten Lederleggins, die seine Beine deckten, hingen lange Streifen schwarzen Menschenhaares – Skalpe, die er in den verschiedensten Kämpfen genommen und die ihm jetzt zur Zierde und als Trophäen dienten. Auf dem Sattel des Anführers lag eine grünwollende Decke, von den Weißen eingehandelt oder auch vielleicht irgendwo bei einem Überfall geraubt, und an dem Sattelknopf hing das etwa zwei Fuß lange Kalumet, die Friedenspfeife der Indianer, den Kopf aus jenem harten roten Stein geschnitten und abgeschliffen, der am Missourifluß gebrochen und als geheiligtes Eigentum aller Stämme betrachtet wird. (...) um die Hüften trug er einen breiten Ledergürtel, in dem rechts und links ein sechsschüssiger Revolver stak. (...) Sein Körper war mit zahlreichen Narben bedeckt, worunter einige erst frisch geheilt sein mußten, aber keine schien auch nur eine seiner Muskeln außer Tätigkeit gesetzt zu haben. Obschon er schon wenigstens sechsundvierzig Jahre zählen mochte, waren seine Bewegungen, wenn auch nicht rasch, so doch elastisch und verrieten Kraft.

Die Beschreibung Winnetous aus 'Deadly Dust' wurde von May in größtenteils wortwörtlich für 'Im wilden Westen Nordamerikas' übernommen, während er für 'Ein Ölbrand' eine in Teilen neu formulierte Charaktrisierung benutzte. Dies legt - wie auch die Erwähnung, daß Old Shatterhand mit dem Dicken Walker bekannt sei - nahe, daß die 'Ölbrand'-Erzählung erst nach der Geschichte von Winntous Tod entstanden ist. Oder genauer gesagt, daß der zweite Teil 'der rote Olbers' erst danach entstanden ist. Der erste Teil ' Tötendes Feuer' ist von May hingegen möglicherweise bereits vor 'Im wilden Westen Nordamerikas' niedergeschrieben worden.

Im wilden Westen Nordamerikas: Er war nicht etwa übermäßig hoch und massig gebaut, sondern grad die zierlichen, dabei aber äußerst nervigen Körperformen und die Spannkraft einer jeden seiner Bewegungen hätten auch dem stärksten und erfahrensten Trapper imponirt. Seine breiten Schultern und seine starke Brust waren nackt und mit Narben bedeckt. Um seine engen gerundeten Hüften schlang sich eine feine Decke von Santillo, in glänzenden verschiedenartigen Farben schillernd. Eine kurze, prächtig gegerbte Wildlederhose legte sich eng um seine muskulösen Oberschenkel und war an den Seiten mit den Scalplocken getödteter Feinde geschmückt. Gamaschen von scharlachrothem Tuche bedeckten seine Unterschenkel; von Menschenhaaren geflochtene Kniebänder, die mit aus Stachelschweinsborsten gefertigten Eicheln verziert waren, umschlossen diese Gamaschen unterhalb des Kniesund oberhalb des Knöchels, und die Füße staken in kunstreichen Moccassins, welche mit Zierrathen von Pferdehaar ausgeputzt waren. Um die schimmernde Santillodecke trug er einen wasserdichten Ledergurt, gleich dem meinigen, in welchem das leicht gekrümmte Scalpmesser, der glänzende Tomahawk und zwei Revolver steckten. Von seinen Schultern hing das schwere Fell eines grauen Bären. Wäre sein Gesicht nicht mit den Kriegsfarben bemalt gewesen, so hätte man eine ächt römische Nase, eine ungewöhnlich hohe Stirn, einen kühn geschnittenen Mund und zwei Augen bewundern können, welche bestimmt zu sein schienen, durch ihren Blick zu herrschen. Die fast unmerklich hervortretenden Backenknochen störten die schöne Harmonie dieser männlich biedern Züge nicht, vielmehr gaben sie ihnen etwas eigenthümlich Fremdartiges, was den Beschauer frappiren und fesseln mußte. Sein Kopf war unbedeckt, und er trug das Haar in einen hohen Schopf geflochten, aus welchen das Häuptlingszeichen, mehrere Rabenfedern, hervorragten; dadurch erhielt diese Frisur ein helmartiges Aussehen, welche das Kriegerische seines Ausdruckes erhöhte. Zu bemerken war außerdem ein künstlich geflochtener Lasso, welcher in kurzen Bogen um seine Hüften hing, und das Calummet, die Friedenspfeife, welche er an einer feinen Stahlkette über der offenen Brust trug. In der Faust hielt er seine kostbarste Waffe, die gezogene Doppelbüchse, deren Holztheile eng mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Ein Ölbrand: In den Augen eines Westmannes hatte er allerdings den Fehler, der auch an mir so oft getadelt worden war: er vernachlässigte sein Aeußeres nie. Die Wildnis war nie im stande, seinen Anzug so zu beschmutzen und seine Waffen so zu berosten, wie es bei andern geschieht. Seine breiten Schultern und seine starke, mit Narben bedeckte Brust waren ganz nackt. Um die Hüften trug er als Shawl eine Santillodecke, über welcher ein wasserdichter Ledergürtel lag, dessen Inneres gleich demjenigen des meinigen zur Aufbewahrung wertvoller Kleinigkeiten diente, in welchem aber auch das Skalpmesser, der glänzende Tomahawk und zwei Revolver steckten. Eine Wildlederhose, welche sich eng um seine muskulösen Schenkel legte, war an den Seiten mit den Skalplocken getöteter Feinde geschmückt. Das vorn offene Jagdhemd, aus dem feinsten Rehleder bereitet, trug denselben Schmuck. Gamaschen, deren Zeug aus den Haaren der von ihm Erlegten geflochten war, bedeckten seine Unterschenkel, und an den Füßen saßen ein Paar Mokassins, an welchem eine fleißige indianische Squaw sicherlich monatelang gearbeitet hatte. Von den Schultern hing der aus dem schweren Felle eines grauen Bären gefertigte Mantel herab. Um den Hals hing an einer aus Bärenzähnen bestehenden Kette das Kallummet. Sein Kopf war unbedeckt, und das Haar war zu einer helmartigen Frisur geordnet, in welcher die drei Häuptlingsfedern steckten. Um seine Hüften hing das unzerreißbare Lasso, und in der Faust hielt er seine kostbare, silberbeschlagene Büchse, aus welcher, von seiner Hand geschossen, noch niemals eine Kugel fehlgegangen war. Seine Stirn war hoch, seine Nase fast römisch zu nennen, und die fast unmerklich hervortretenden Backenknochen vermochten nicht, dem männlich schönen, ernsten und dabei doch wohlwollenden Ausdruck seines Gesichtes Eintrag zu thun.

Für den 'Sohn des Bärenjägers' hat Karl May die Beschreibung Winnetous radikal erneuert. Von der an Rayon-Brûlent angelehnten Beschreibung ist kaum mehr als das Attribut römisch und die Backenknochen geblieben, erstmals jedoch trägt Winnetou auch die ebenfalls auf die Ferry-Figur zurückgehende ins Haar eingeflochtene Klapperschlangenhaut, die als Frisurschmuck des Apachen weiterhin noch in 'Der Scout' bzw. 'Winnetou II', in 'Der Ölprinz' und in 'Der schwarze Mustang' erwähnt wird. In der Fortsetzung 'Der Geist des Llano Estakata' ist indessen keine ausführliche Beschreibung Winnetous zu finden, allerdings wird hier erstmals explizit auf die Bartlosigkeit von Winnetous gesicht hingewiesen:

Der Sohn des Bärenjägers: Er hatte, unter den niedrigsten Aesten nach oben blickend, ein Paar mit Stachelschweinsborsten verzierte Moccassins gesehen, und er wußte, daß der Mann, welcher diese Schuhe trug, sein bester Freund sei. Bald raschelte es in den Zweigen, und der Nahende stand vor ihm.
Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein, langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.


Der Geist des Llano estakata: Indianisch war auch der Anzug des Mannes, indianisch sein Gesicht, welches keine Spur von Bart zeigte. Dafür aber hing ihm eine Fülle langen, schwarzen Haares weit über den Rücken herab; in der Hand hielt er eine zweiläufige Büchse, deren Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Ausgehend von der 'Bärenjäger'-Beschreibung hat Karl May die Charakterisierung Winnetous nochmals in einigen Details verändert. Dabei orientierte er sich erstaunlicherweise auch an der Beschreibung, mit der er das Äußere Ellens bzw. Harry charakterisierte (siehe oben): Er trug ein buntes, starkstoffiges Jagdhemde, an der äußern Nath von der Hüfte bis zum Knöchel mit Fransen. Das gilt selbst für die nun kleinen Füße: Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Mokassins. Diese neue Beschreibung übernahm dann May auch für die 'Winntou II'-Fassung, wobei er nur strich, daß Winnetou seine Bärenkrallen sich mit größter Lebensgefahr erkämpfte. Ferner übernahm May diese Charakterisierung auch für den 'Ölprinz', wobei er hier jedoch die Lebensgefahr stehen ließ,eein Indiz, daß er sich also nicht an dem 'Winnetou'-Text sondern am 'Scout'-Original orientierte. Ansonsten gibt es fast keine Details, in denen May von dem Urtext abweicht, ein Ausnahme ist etwa die die Konkretisierung des Messers als Scalpmesser.

Der Scout: Er trug ein weißgegerbtes und mit rother, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde. Die Laggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit dicken Fransen von Scalphaaren besetzt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Hemd und Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Moccassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Krallen des grauen Bären, welche er mit größter Lebensgefahr dem gefürchtetsten Raubthiere der Felsenberge abgewonnen hatte. Um seine Taille schlang sich ein breiter Gürtel, aus einer kostbaren Santillodecke bestehend. Aus demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. In der Rechten hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holztheile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Den Kopf trug der Indianer unbedeckt. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder, kein Unterscheidungszeichen schmückte diese Frisur, und dennoch sagte man sich gleich beim ersten Blicke, daß dieser noch junge Mann ein Häuptling, ein berühmter Krieger sein müsse. Der Schnitt seines ernsten, männlichschönen Gesichtes konnte römisch genannt werden; die Backenknochen standen kaum merklich vor; die Lippen des vollständig bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Winnetou II: Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit dicken Fransen von Skalphaaren besetzt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Hemd und Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Moccassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren.Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Krallen des grauen Bären, welche er dem gefürchtetsten Raubtiere der Felsengebirge abgewonnen hatte. Um seine Taille schlang sich ein breiter Gürtel, aus einer kostbaren Santillodecke bestehend. Aus demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. In der Rechten hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Den Kopf trug der Indianer unbedeckt. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder, kein Unterscheidungszeichen schmückte diese Frisur, und dennoch sagte man sich gleich beim ersten Blicke, daß dieser noch junge Mann ein Häuptling, ein berühmter Krieger sein müsse. Der Schnitt seines ernsten, männlichschönen Gesichtes konnte römisch genannt werden; die Backenknochen standen kaum merklich vor; die Lippen des vollständig bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Der Ölprinz: Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemd. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und mit dicken Fransen von Skalphaaren besetzt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Hemd oder Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Moccassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Um den Hals trug er einen kostbaren Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette von den Krallen des grauen Bären, welche er mit größter Lebensgefahr dem grauen Bären, dem gefürchtetsten Raubtiere der Felsengebirge, abgenommen hatte. Um seine schlanke Taille schlang sich ein breiter Gürtel, welcher aus einer kostbaren Santillodecke bestand. Aus demselben schauten, wiederum so wie bei Old Shatterhand, die Griffe zweier Revolver und eines Skalpmessers hervor. Den Kopf trug er unbedeckt. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder, kein andres Unterscheidungszeichen schmückte diese Frisur, und doch sagte man sich gleich beim ersten Blicke, daß dieser rote Krieger ein Häuptling, und zwar kein gewöhnlicher, sein müsse. Der Schnitt seines schönen, männlich ernsten Angesichtes konnte römischer genannt werden; die Backenknochen standen kaum merklich vor, die Lippen des vollständig bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Quer über dem Sattel hatte er ein Gewehr vor sich liegen, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren.


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 1.7.2005, 15:04, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 16.7.2004, 13:19 
Nach diesem kleinen Zeitsprung nach vorne sei nun zur korrekten chronologischen Entwicklung der Winnetou-Beschreibung zurückgekehrt: Als nächstes ist also der 'Schatz im Silbersee' zu betrachten. Gegenüber der 'Bärenjäger'-Charkterisierung finden sich nun bei Winnetou auch 'Scout'-Merkmale wie die kleinen
Füße
, die Nähte, Fransen und Stickereien, die ausgefransten Leggins sind zwar schon in 'Auf der See gefangen' zu finden, doch
dürfte es sich dabei um keinen bewßten Rückgriff handeln.

Der Schatz im Silbersee: Derselbe trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten mit Fransen und Stickereien versehenes Jagdhemd. Die kleinen Füße staken in Mokassins. Sein langes, schwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet, aber mit keiner Adlerfeder versehen. Um den Hals hing eine dreifache Kette von Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein Doppelgewehr, dessen Schaft mit vielen silbernen Nägeln beschlagen war. Sein Gesicht, matt hellbraun mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römischen Schnitt, und nur die ein wenig hervorstehenden Backenknochen erinnerten an den Typus der amerikanischen Rasse.

Im letzten Jugendroman orientierte sich May größtenteils wieder wörtlich an der 'Bärenjäger'-Beschreibung, nur im Mittelteil weicht er davon ab. Bezüglich der chronologischen Einordnung ist übrigens zu anzumerken, daß Karl May den Romanteil, in welchen diese Textpassage zu finden ist, bereits 1894 und nicht erst 1896 niederschrieb.

Der Schwarze Mustang: Der Indianer war ganz genau so gekleidet wie der Weiße, nur daß er anstatt der hohen Stiefel leichte Mokassins trug, die mit Stachelschweinsborsten verziert waren. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht, sondern sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, eine höchst wertvolle Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Grizzlykrallen, ein glänzender Beweis seiner Tapferkeit und seines Mutes, denn kein Indianer darf Trophäen zeigen, die er sich nicht selbst erworben hat. Der Lasso fehlte ebensowenig wie der Gürtel mit den [/color] Revolvern, dem Bowiemesser und den Lederbeuteln, und in der Rechten hielt der Indsman eine doppel läufige Büchse, deren Holzteile eng mit glänzenden silbernen Nägeln beschlagen waren. Der Ausdruck seines ernsten,männlich schönen Gesichts war fast römisch zu nennen; trotz des tiefdunklen Sammets seiner Augen glänzte in ihnen ein jetzt ruhiges, wohlthuendes Feuer; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Farbe seiner Haut war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.


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 Betreff des Beitrags: Winnetou und Wagalikschu Huka
BeitragVerfasst: 7.6.2005, 14:48 
Wenn man die Frage untersucht, ob Karl May einen bestimmten Text als Quelltext benutzt hat oder nicht, so wäre der idealtypische Fall natürlich der, daß May im großen Stil Textpassagen wortwörtlich oder nur kaum verändert übernommen hat. Dies kommt bei May sogar recht häufig vor, ja manchmal hat man gar den Eindruck, daß May sich fast zwanghaft fremder Texte oder gar eigener alter Texte selbst da bedient, wo es gar nicht nötig wäre, weil die assoziative freie Phantasie ebenso ausreichen müßte, um das Gebotene niederzuschreiben. So etwa auch in dem oben diskutierten Fall, indem die Beschreibung Winnetous in „Deadly Dust“ gegenüber der Beschreibung Falkenauges in „Der Waldläufer“ angereichert wird, oder in der Beschreibung Sam Hawkens, die May innerhalb der Winnetou-Trilogie zweimal wortwörtlich gleich verwendet, anstatt durch synonyme Ausdrücke zwei ähnliche, aber nicht gleiche Texte zu schaffen.

Wegen dieser besonders ausgeprägten Übernahmetendenzen sind bei May Rückschlüsse auf Quelltexte leichter als bei anderen Autoren, die in der Regel ihre Vorlagen eher umformulieren, vermischen und verändern. Dennoch ist es natürlich nicht so, als ob May immer streng wörtlich zitiert. Ein gutes Beispiel sind etwa die inhaltlich gleichen, aber im Ausdruck völlig verschieden Einleitungen zu den Llano-Estacado-Kapiteln in „Deadly Dust“ und „Ein Dichter“. In ähnlichen Maße, wie diese beiden Texte voneinander differieren, kann natürlich auch ein von May gebrauchter Quelltext und dem daraus gewonnenen Eigentext abweichen.

In der Regel kann man drei Ebenen der Beeinflussung durch einen Fremdtext feststellen. Auf der ersten Ebene übernimmt ein Autor nur die allgemeinen Themen, in diesem Falle ist das also der Überfall von Indianer auf einen Eisenbahnzug westlich von Omaha, an dem ein weißer Schurke an zentraler Position mitwirkt. Wenn ein Autor nicht mehr übernimmt als so eine Idee, dann läßt sich das Vorbild eines Fremdtextes allein durch Analyse des Textes nicht beweisen. Auf der zweiten Ebene übernimmt ein Autor auch Details, die er jedoch in selbstständig formulierte Zusammenhänge stellt. Geht er darüber nicht hinaus, so läßt sich bei Übernahme vieler Details zwar eine Indizienkette formulieren, die eine Orientierung an einen bestimmten Fremdtext naheliegt, hundertprozentig beweisen läßt sich dies aber auch nicht. Erst die dritte Ebene, bei der wortwörtliche Übernahmen - am besten nicht nur Wörter sondern ganze Satzteile – erkennbar sind, lassen einen eindeutigen Rückschluß auf einen Quelltext zu. Wenn wir uns nun der Frage zuwenden, ob May die Kurzgeschichte „In der Prairie“ bereits für die „Old Firehand“-Novelle ausgewertet hat oder nicht, so finden wir uns zwischen der zweiten und der dritten Ebene wieder.

In seinen KMG-Jahrbuchbeitrag "Von Öl- und anderen Quellen" [ -> http://karlmay.leo.org/kmg/seklit/JbKMG/1997/331.htm ] stellt Andreas Graf je sechs Textauszüge von May und Gerstäcker gegenüber, welche die Annahme begründen sollen, daß May die Erzählung „In der Prairie“ tatsächlich schon Vorbild für die zweite „Mappe“-Erzählung war. Streng betrachtet fallen fünf seiner Zitate aber in die Kategorie der 2. Ebene und nur ein Textauszug kann der 3. Ebene zugerechnet werden, wobei hier die wortwörtlichen Übernahme sich lediglich auf mehrere signifikante Einzelwörter beziehen und man insofern auch eine zufällige Übereinstimmung nicht ganz ausschließen kann. Mit anderen Worten, die 6 Zitate bringen noch keinen endgültigen Beweis. Lesen wir also die Textauszüge:

In der Prärie: Wir liegen hier offen in der Prairie, und wenn das Feuerroß der Weißen vorbeikommen sollte, so sind sie gewarnt, und unser Plan ist vielleicht (...) gescheitert.«

Old Firehand: »Da drüben am Pfade des Feuerrosses liegen die rothen Männer«, rief er. »Sie stecken hinter dem Rücken der Erhebung, aber ich sah eins ihrer Pferde.«

In der Prärie: Ueber die Schulter trug er allerdings den aus einer weißen Wolfshaut gefertigten Köcher mit dem kurzen, straff gespannten Bogen und den mit eisernen Spitzen bewehrten Pfeilen, über der andern Schulter aber hing ihm ein richtiges Doppelglas, ein sogenannter Opergucker, in fein saffianem Futteral (...)

Old Firehand: Kaum hatte ich das Glas am Auge, so fiel mir eine lange, grade Linie auf ... Zwar war die Entfernung selbst für das scharfe Gesicht eines Indianers eine sehr bedeutende; aber ich hatte während meiner Streifereien mehrere Male in den Händen dieser Leute Fernrohre gesehen. Die Cultur schreitet eben unaufhaltsam vorwärts.

In der Prärie: Die amerikanischen Locomotiven sind nämlich für den Locomotivführer außerordentlich praktisch gebaut (...) nach vorn öffnen zwei Fenster von starkem Glas, während sie jeden Zug abhalten, an beiden Seiten die unumschränkte Aussicht über die ganze Bahn.

Old Firehand: Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemer[k]t haben.

In der Prärie: Der jetzige Zug bestand, außer der Locomotive und dem Tender, aus acht Wagen mit ziemlich wertvoller Ladung (...) Es waren nur sechs Menschen auf dem Zug (...)

Old Firehand: »... Jedenfalls haben sie geglaubt, daß dieser Zug Güter und wie gewöhnlich nur fünf bis sechs Leute bei sich habe. Glücklicher Weise aber haben wir einige Hundert Arbeiter geladen ...«

In der Prärie: Jeder von ihnen trug aber seine zwei Revolver am Gürtel, und ein halb Dutzend Henrybüchsen, mit denen man vierzehn Kugeln in einem Strich abfeuern konnte, standen ebenfalls im Packwagen befestigt.

Old Firehand: Ich hatte einen Henrystutzen mit fünf und zwanzig Kugeln im Kolben, gegen Reiter eine fürchterliche Waffe, die ich auch nach Kräften gebrauchte.

Allein die nächste Textparallelen mit den beschränkten – und daher leider auch nicht vollends beweiskräftigen - wörtlichen Übereinstimmungen kann aber tatsächlich als starkes Indiz dafür gewertet werden, daß May wirklich Gerstäckers Kurzgeschichte als Modell für seine Schilderung des Eisenbahnüberfalls benutzte:

In der Prärie: Da plötzlich zuckte er zusammen und bog sich vorwärts - ein dumpfes, grollendes Geräusch, wie das ferne Rollen eines Donners, traf sein Ohr (...)

Old Firehand: Jetzt machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes {u]Rollen[/u] bemerklich, welches nach und nach zu einem Geräusche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich.

Bei dieser noch recht dünnen Indizienlage stellt sich nun also die Frage, ob sich über die Grafschen Zitate hinaus Textparallelen finden lassen, die eindeutig zeigen, daß May „In der Prärie“ wirklich als Quelltext benutzt hat. Schließlich gibt es auch auffällige Abweichungen, so etwa bei den Methoden, wie die Schienen aufgerissen werden oder der Zug angehalten wird.

In der Prärie: Jetzt fing er an, auf dem Gleis hin und her zu springen und zu schreien und seinen Rock um den Kopf zu schwenken; er hörte auch schon im nächsten Moment zu seiner unsagbaren Beruhigung, daß der Lokführer sich die größte Mühe gab, anzuhalten, wenn das auch so rasch nicht möglich war. Er selber mußte vom Gleis wegspringen, um nicht überfahren zu werden (...).

Old Firehand: Ich zog den Revolver und drückte los. Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das dürre Gras in glimmenden Brand. Die Lunte schwingend, versetzte ich sie in helle Flamme und gab mit dem andern Arme das Zeichen zum Halten. Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemerkt haben; denn schon nach den ersten Schwingungen des Brandes ertönte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dröhnen flog die Wagenreihe an uns vorüber.

In der Prärie: Der weiße Schurke ging jetzt zu einem der etwas abseits liegenden Sättel und holte eine kurze, aber ziemlich feste eiserne Brechstange (...) [Der Häuptling sah] wie der Rotkopf mit geschickter Hand – und von ein paar kräftigen Indianern unterstützt - zwei von den Schienen hüben und drüben aufbrach, die Schwellen herausnahm und seitwärts ablegte. In der Zeit von einer halben Stunde wurden die Schienen dermaßen nach Norden und in die Prärie abgelenkt, daß ein von Osten kommender Zug rettungslos entgleisen und in den rauhen Boden hineingeschleudert werden mußte(...)

Old Firehand: Da drang ein leise klingender Ton an mein Ohr. Ich horchte. Es war der Schall eines regelmäßig wiederkehrenden Schlages, und als ich die Aufschüttung erklomm und das Ohr an eine der Schienen legte, hörte ich ein so deutliches Hämmern und Klopfen, daß mir kein Zweifel übrig blieb. (...) Zu gleicher Zeit erblickte ich die Vorrichtung, welche die Indianer getroffen hatten, um den Zug aufzuhalten. Es waren mehrere Schienen ausgebrochen und mit den ausgehobenen Schwellen quer über das Gleis gelegt worden,

Nun können solche Varianten natürlich durchaus gewollt sein, schließlich ist es nur zu verständlich, wenn ein Autor nicht gänzlich alles kopiert, was er in einem Quelltext vorfindet. Wenn also bei Gerstäcker ein Brecheisen zum Einsatz kommt und bei May ein Hammer, wenn ‚in der Prärie‘ die Schienen den Damm hinab ‚umgeleitet‘ werden und in der „Old Firehand“-Novelle diese statt dessen mit den Schwellen zusammen quer über das Gleis gelegt werden, so ist dies also nicht etwa ein Gegenbeweis für Mays Rezeption des Gerstäcker-Textes. Im Gegenteil, zwei der von May verwendeten Phrasen findet man auch bei Gerstäcker. In dessen Erzählung liest man, als der zweite Zug naht: der Rotkopf legte sogar sein Ohr an die Schienen. Und vor der Katastrophe fragt der Packmeister ahnungsvoll: “Keine Schwellen wieder über dem Gleis? Tatsächlich liefert Gerstäcker die Blaupause für Mays Methode also gleich mit.

Eine weitere Textparallele findet sich in der Furcht der beiden Indianerhäuptlinge Winnetou und Wagalikschu Huka vor der heranbrausenden Lokomotive. Daß Winnetou derart ängstlich sein kann, mag den May-Leser auf den ersten Blick verwundern, doch handelt es sich bei den Häuptling der Apachen in „Old Firehand“ (1875) natürlich um einen ungeschliffenen Prototyp der Figur. Bereits bei dem größtenteils wortwörtlich kopierten Eisenbahnüberfall in „Auf der See gefangen“ (1878) fehlen diese Anspielungen auf die Bangigkeit des Apachen, in der Buchfassung „Im fernen Westen“ (1879) wurden die Textpassagen hingegen als Teil des komplett kopierten zweiten Kapitels wieder übernommen und erst bei der Integration der Erzählung in der „Winnetou“-Trilogie (1893) gestrichen.

Old Firehand: »Das eiserne Roß hat eine böse Stimme,« sprach Winnetou. »Wie sind seine Gedanken über den Stamm der Apachen?« Er fühlte also doch eine Besorgniß um seine Sicherheit. Dem Feinde, selbst dem überlegenen gegenüber wäre ihm nicht das mindeste Bangen angekommen; die unbekannte und sich auf so schreckliche Weise ankündigende Macht des Dampfes aber störte doch seine Gemüthsruhe.

In der Prärie: Indessen hatte Wagalikschu Huka, (...) das rasche Nahen des heranbrausenden Zuges beobachtet (...) Schon war er so dicht herangekommen, daß der Schein der Reflektoren ihre Augen blendete. Da ertönte der schrille Pfiff, und ein Teil der Wilden wandte sich, erschreckt von dem unnatürlichen Laut, zur Flucht.

Entsprechend liest man bei May: Einen blendenden Lichtkeil vor sich herwerfend, braußte der Zug heran. (...)[Da] ertönte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dröhnen flog die Wagenreihe an uns vorüber. »Uff, Uff, Uff!« rief voller Schrecken Winnetou; aber ich hatte nicht Zeit, auf sein ängstliches Erstaunen zu achten, sondern gab ihm nur ein kurzes Zeichen, mir zu folgen (...)

Der blendende Strahl, wie das Licht der Reflektoren bei Gerstäcker auch genannt wird, der laute Pfiff, das Erschrecken der Häuptlinge, der Ablauf des Geschehens insgesamt, lassen schon ein gemeinsames Muster in beiden Texten erkennen. Aber auch die Mayschen Stichwörter „Feind“ und „böse Stimme“ finden ihre Entsprechung:

In der Prärie: Was für ein mächtiger Feind mu0te das sein, der ein so furchtbares Kriegsgeheul ausstoßen könnte? Selbst Wagalikschu Huka, der sonst jeder Gefahr trotzig die Stirn bot, schrak zusammen (...) Ein rein tolles Zischen und Prasseln füllte dabei die Luft, und nicht einmal er selber wagte sich dem Furchtbaren zu nahen, geschweige denn seine Leute aufzufordern.

Old Firehand: Ich winkte dem Häuptlinge, und er trat langsamen Schrittes herzu, fuhr aber mit einem lauten Ausrufe des Schreckens wieder zurück; denn der Ingenieur war wieder auf den Wagen gestiegen, um die Dämpfe abzulassen, welche mit gellendem Zischen den Ventilen entströmten und die Umgebung der Maschine in eine weiße Wolke hüllten. »Uff, Uff! Warum ruft mein Bruder Winnetou, wenn das Roß zornig ist?«

Obgleich sich nun alle diese Textparallelen trotz einiger identischer Ausdrücke (wobei sich einzelne gleiche Wörter bei gleicher Thematik zwangsläufig auch in völlig unabhängig voneinander formulierten Texten finden) sämtlich nur der 2. Ebene zuordnen lassen, scheint mir die Fülle dieser Entsprechungen dann insgesamt doch darauf hinzuweisen, daß May wirklich Gerstäckers Kurzgeschichte bereits für seine „Old Firehand“-Novelle ausgewertet haben dürfte. Die theoretisch denkbare Alternative, daß May einen anderen Text benutzt hätte, dessen Autor seinerseits „In der Prärie“ ausgebeutet hätte, daß also die Textparallelen erst durch den Filter eines Drittextes entstanden sind und diese darum möglicherweise nicht ganz so deutlich ausfallen, ist nicht zuletzt deshalb höchst unwahrscheinlich, da May – was durch wörtliche Textübernahmen deutlich wird - für die Ölbrand-Szenen in „Old Firehand“ die Gerstäcker-Kurzgeschichte „Im Petroleum“ rezipierte.


Nach „Old Firehand“ (1875) beschreibt Karl May seinen nächsten Eisenbahnüberfall in „Auf der See gefangen“ (1878). Allerdings kopierte er sich hier weitgehend wortwörtlich selber, einen Rückgriff auf einen Quelltext – gar auf „In der Prärie“ - ist hier nicht erfolgt. Das Geschehen weicht nur in einem wesentlichen Detail ab. In „Old Firehand“ findet der Kampf lediglich bei Mondschein statt, und erst nach dem Gemetzel wird für ausreichende Beleuchtung gesorgt: Der Kampf war beendet; man befand sich beim Verbinden der Verwundeten und trug die Gefallenen zusammen. In der Nähe derjenigen Stelle, an welcher die ausgerissenen Schienen lagen, brannten zwei hochlodernde Feuer, welche die nöthige Helle verbreiteten und zugleich dem Zugpersonale als Signal dienten.

In „Auf der See gefangen“ sorgt Sam Fire-gun dafür, daß man auch während des Kampfes sehen kann: Er dachte sich, daß diese sicher eine hinreichende Menge von allerlei Brennstoff gesammelt hatten, und im Falle, daß ihr Vorhaben gelungen sei, die nöthige Beleuchtung zu erhalten. Er hatte sich nicht geirrt. Einige große Haufen Dürrzeuges waren aufgeschichtet. Mit Hülfe des Pulvers machte er Feuer; die Nacht
wurde erleuchtet, und im Scheine der Flammen sah er eine Menge zurückgelassener Spieße und Decken liegen. Diese boten ein willkommenes Brennmaterial. Er überließ die Sorge für die Unterhaltung des Brandes einigen herbeieilenden Arbeitern (...) Die Feuer leuchteten über den Damm herüber und erhellten eine Scene, welche mit dem Untergange der Weißen zu endigen schien (...)
Am Schluß der Schlacht heißt es dann analog zur Szene in „Old Firehand“: Der Heitzer hatte den Schein der Feuer bemerkt, sie für das verabredete Zeichen gehalten und nun den Zug in langsame Bewegung gesetzt.

Dies korrespondiert in der Tat mit „In der Prärie“, wo der rothaarige Bandit - möglicherweise ein Figurenvorbild für den roten Cornel – ebenfalls für die Beleuchtung der Szenerie sorgt: [Er] sprang auf die Lokomotive zu und riß mit dem eisernen Kratzer glühende Kohlen heraus, auf welche er die im Tender mitgeführten Holzscheite häufte, bis eine mächtige Flamme loderte. Bei deren Licht begann die Plünderung der Güterkarren.

Hat sich May also bei der Niederschrift von „Auf der See gefangen“ doch nochmals an den Gerstäcker-Text erinnert? Wahrscheinlicher ist freilich, daß er hier einfach nur das Szenario in den „Both Shatters“ (1877) kopierte: Da ertönte eine Detonation, welche die Erde unter uns erzittern machte; eine riesige Feuersäule stieg trichterförmig da auf, wo die Blockhütte gestanden hatte (...)»Schürt das Feuer wieder hoch, Boys; wir müssen sehen!« befahl der Kolonel. (...) Am Schluß des Kampfes heißt es dann wiederum anlag zu „Old Firehand“: Das Feuer brannte »weiß« und hoch und beleuchtete mit flackerndem Lichte die Stätte des Ueberfalles und der Verwüstung.


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BeitragVerfasst: 9.6.2005, 13:28 
Den nächsten, den dritten Eisenbahnüberfall, beschreibt Karl May in „Deadly Dust“ (1881), wo Old Shatterhand gleich die ganze Prärie anzündet, so daß für die notwendige Illumination in reichlichen Ausmaß gesorgt ist. In dieser Erzählung nun lassen sich die deutlichsten Textparallelen zu Gerstäckers „In der Prärie“ aufzeigen. Da ist die oben erwähnte Beschreibung des Cheyenne-Häuptlings Wagalikschu Huka. Seltsamerweise hat May seine indianischen Bad Guys überhaupt gar nicht beschrieben. Von Ma-ti-ru und Ka-wo-mien erfährt man nun, das diese je drei Rabenfedern im Schopf tragen, Winnetou trägt hingegen, wie Gerstäckers Ceyenne, drei Adlerfedern - allerdings nur hier in „Deadly Dust“, in „Im ‚wilden Westen‘ Nordamerikas“ zieren dann ebenfalls 3 Rabenfedern seinen Schopf, in „Ein Ölbrand“ drei nicht näher benannte „Häuptlngsfedern“ und danach schildert May den Apachen dann stets federlos.

Kommen wir aber zurück zum Überfall auf die Eisenbahn. Hier sind vier aufeinanderfolgende Absätze in „Deadly Dust“ deutlich durch den Quelltext beeinflußt. Zunächst wäre da wieder das Ohr an den Schienen:

Deadly Dust: So vorbereitet, konnte ich des Zuges warten, legte meine Decke auf das Bahngeleis und setzte mich, um von Zeit zu Zeit das Ohr an die Schienen zu legen und dann wieder hinauszuforschen nach der Gegend, aus welcher der Zug kommen mußte.

In der Prärie: Noch horchten sie eine Weile, ja der Rotkopf legte sogar sein Ohr an die Schienen, um das Heranrasseln eines Zuges besser feststellen zu können (..)

In den folgenden zwei Absätzen finden sich abgesehen von dem allgemein ähnlich niedergeschriebenen Szenario mit dem Stern über dem Horizont und den beiden Lichtern auch zwei wortwörtlich gleiche Formulierungen.

Deadly Dust: Ich hatte kaum zehn Minuten gewartet, so vernahm ich ein leises, ganz leises Rollen, welches von Sekunde zu Sekunde stärker anschwoll. Dann erblickte ich in weiter Ferne einen kleinen, lichten Punkt, der mitten unter den hart über dem Horizonte stehenden Sternen auftauchte, aber kein Stern sein konnte, da er sich auffällig vergrößerte und schnell näher rückte. Der Zug nahte.

In kurzem teilte sich das Licht in zwei Punkte. Jetzt war es Zeit. Ich zündete den Asthaufen an, der sofort eine hochauflodernde Flamme gab, die bereits jetzt von dem Zuge aus bemerkt werden konnte. Das Rollen desselben nahm immer zu; schon vermochte ich den durch die beiden Lichter verursachten Lichtkeil zu bemerken, welcher vor der Maschine die Dunkelheit durchbrach. In einer Minute mußte er mich erreicht haben.


In der Prärie: Wohl eine halbe Stunde warteten sie in gespanntester Aufmerksamkeit, und deutlich konnten sie sogar das Rollen der Karren auf den Schienen hören

(...) er konnte in der weiten, nach Osten zu von keiner Erhöhung unterbrochenen Prärie den ersten Lichtpunkt erkennen, der dort wie ein Stern über dem Horizont emporstieg. (..) als er das Licht heller und heller sah, und schließlich sogar imstande war, die beiden Lichter, die vorn an der Lokomotive die Bahn erhellten, voneinander zu trennen.


Das Anhalten des Zuges mittels einer Fackel hat May natürlich aus „Old Firehand“ übernommen, ebenso reißen die Indianer die Schienen wiederum mit einem Hammer auf. Höchst unwahrscheinlich erscheint hingegen, daß Mays Zischen und Prasseln im folgenden Zitat unabhängig von Gerstäcker formuliert wurde.

Deadly Dust: Ich brannte meine Fackel an und lief, sie um den Kopf wirbelnd, dem Zuge entgegen. Der Maschinist erkannte natürlich, daß ich ihm ein Zeichen zum Halten geben wollte; er stoppte; drei schrille Pfiffe erschallten kurz hintereinander; die Bremsen legten sich kreischend an die Räder; ein ohrzerreißendes Rauschen, Rollen, Zischen und Prasseln, und die Lokomotive hielt grad an der Stelle, wo mein Feuer am Bahndamme brannte

In der Prärie: (...) er zog seinen Rock aus und schritt dann dem rasch herankommenden Zug entgegen (...)

(...) als in diesen Augenblick der feurige Koloß schräg an von seiner Bahn flog, sich aufbäumte, schwankte und dann mit wilden Zischen und Schnauben zu Boden schlug, während er sich tief und mit rasender Gewalt in die Erde hineinbohrte. Ein rein tolles Zischen und Prasseln füllte dabei die Luft


Schließlich bleibt noch zu erörtern, ob Karl May auch bei seinem vierten Eisenbahnüberfall „im ‚Wilden Westen‘ Nordamerikas“ (1883) sich nochmals die Kurzgeschichte Gerstäckers ins Gedächtnis gerufen hat. Diesmal ist der Überfall ja schon geschehen, als Old Shatterhand am Ort des Geschehens eintrifft, entsprechend kann er das grausame Gemetzel diesmal auch nicht verhindern. So beschreibt May vom eigentlichen Überfall auch nur das Endergebnis:

Der Anblick, welcher sich uns bot, war ein schauderhafter. Man hatte hier einen Arbeiter- und Fouragezug überfallen, und die Strecke war bedeckt von den verbrannten und halb verkohlten Trümmern desselben. Der Ueberfall war während der Nacht geschehen. Die Railtroublers hatten die Schienen aufgerissen, und in Folge dessen war der Zug entgleist und den ziemlich hohen Damm hinabgestürzt. Was nun geschehen war, konnte man ahnen. Es waren beinahe nur noch die Eisentheile des verunglückten Zuges vorhanden. Man hatte an jeden Waggon, nachdem er beraubt worden war, ein riesiges Feuer gelegt, und in der Asche fanden wir die traurigen Ueberreste vieler Menschen, welche bereits bei dem Sturze verunglückt oder dann später von den Railtroublern getödtet worden waren. Kein Einziger schien lebend entkommen zu sein.

Auch zu diesen Bildern des Grauens lassen sich bei Gerstäcker viele Entsprechungen finden. Zunächst in den Schilderungen während des Überfalls: Wenige Momente dauerte es nur, so hatten sie sich über den ganzen Zug verteilt und bald überall die einzelnen Leute gefunden, die abgeschleudert und halb bewußtlos oder verletzt neben der Bahn lagen. Ihre Leiden sollten nicht lange dauern, denn Tomahawk und Messer taten das ihre. Auch das Anzünden der Waggons findet man „In der Prärie“: [Rasch] trug der Weiße die wieder angefachten Scheite so unter die umgeworfenen Güterkarren, daß sie die jetzt frische Brise bald und vollständig in Brand setzen mußte. (...)

Vor allem aber zeigen sich Parallelen im Anblick der Szenerie nach dem Überfall: Als der Morgen über dem Unglücksplatz erschien, warf die Sonne ihre Strahlen auf ein unheimliches, wildes und schauerliches Bild. Ein Teil der Güterwagen stand noch in vollem Brand, eine hellrote Flamme wirbelte empor und stieß schwarzen, erstickenden Rauch aus. Ein anderer Teil des Zuges, besonders der, der sich in der Nähe der Lokomotive befand, war schon gänzlich verkohlt und hatte sogar zwei der Leichen, die des Ingenieurs und Heizers, halb verzerrt, und die verstümmelten Überreste menschlicher Körper boten einen furchtbaren Anblick.

Und schon bei Gerstäcker fährt ein zweiter Zug zu der Unglücksstelle: Als sie, vorsichtig fahrend, den Platz erreichten, fanden sie, daß das Feuer vollendet hatte, was die Wilden begonnen. Von diesen selber gab es keine Spur mehr als die von Blut und Jammer – die Leichen und den schrecklich verstümmelten Unglücklichen (...)

Allen dies Textparallelen sind allerdings der Ebene 2 zuzuordnen. Natürlich gibt es auch einige gleiche Ausdrücke und ähnliche Phrasen in beiden Texten (z.B.: die traurigen Ueberreste vieler Menschen bzw.: die verstümmelten Überreste menschlicher Körper), doch sind solche Ähnlichkeiten bei der Thematik natürlich unvermeidbar. Es ist wohl nicht zu entscheiden, ob May bei der Niederschrift nochmals zur Lektüre von „In die Prärie“ gegriffen hat, aber sicher war ihm zu diesem Zeitpunkt Gerstäckers Text aufgrund zweimaligen Studiums – sei es nun bewußt oder unbewußt – noch so präsent, daß er auch aus dem Gedächtnis heraus ein ähnliches Szenario beschreiben konnte, ohne nochmals explizit nachlesen zu müssen. Ausdrücke wie „Railtroublers“ und „Fouragezug“ deuten zudem daraus hin, daß er auch noch andere Quellen benutzt haben dürfte.


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