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War das zu schaffen?
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Autor:  Gast [ 24.6.2004, 17:49 ]
Betreff des Beitrags:  War das zu schaffen?

Nach Ralf Harders Zeitchronik in "Karl May und seine Münchmeyer-Romane" arbeitet Karl May im September 1887 an den beiden Kolportageromanen "Deutsche Herzen, Deutsche Helden" und "Der Weg zum Glück". Ferner schreibt er für Spemann an "Der Sohn des Bärenjägers" und beginnt für den Deutschen Hausschatz mit "Durch das Land der Skipetaren".

Wow, war das für Karl May überhaupt zu schaffen? Letztlich hatte für ihn der Tag auch nur 24 Stunden. Im Paterre fidelte der vergockelte H.G. Münchmeyer auf seiner Geige der schönen Emma May, hatte diese ihre teilweise schrillen Freundinnen zu Gast, was Mays schriftstellerische Arbeit erschweren mußte und letztlich wollten auch Emmas Bedüfnisse befriedigt werden.

Es mag ja sein, daß die Arbeit an den beiden Kolportageromanen schnell mit Dialog gefüllt werden konnten und zu May schwächeren Arbeiten gehören sie allemal. Aber gerade "Der Sohn des Bärenjägers" zeigt, daß May doch hier sehr viel Mühe verwendete, um eine gute Arbeit abzuliefern. Das gleiche gilt auch für diesen Teil des "Orientzyklus" den der Autor nun regelmäßig dem DH zukommen ließ.

Hut ab, Charly!

Viele Grüße
Kurt

Autor:  rodger [ 24.6.2004, 18:11 ]
Betreff des Beitrags:  Re: War das zu schaffen?

Kurt hat geschrieben:
Im Parterre fidelte der vergockelte H.G. Münchmeyer auf seiner Geige der schönen Emma May, hatte diese ihre teilweise schrillen Freundinnen zu Gast, was Mays schriftstellerische Arbeit erschweren mußte und letztlich wollten auch Emmas Bedürfnisse befriedigt werden.


Hallo Kurt,

Du hast auch Talent zum Kolportage-Schriftsteller.
Mit ähnlichen Formulierungen erfreut mich Karl May gelegentlich in HKA-Bänden.

:lol:

Beste Grüße

Rüdiger

Autor:  rodger [ 24.6.2004, 18:55 ]
Betreff des Beitrags: 

Aber ich denke, es ist zu schaffen. Auch unser gemeinsamer Freund Klaus Kinski, hat, glaubt man seinen autobiographischen Schriften, sehr viel gearbeitet und ist darüber hinaus auch anderen Verpflichtungen ex- bzw. intensiv nachgekommen.

Mal im Ernst, 10 Seiten pro Tag ergibt 3650 pro Jahr, also ist pro Jahr mehr als ein Kolportageroman zu schaffen. Und die 10 Seiten würde auch ich hinkriegen, wenn ich mich als Kolportageschriftsteller versuchen würde. Alles darüber hinaus, ich meine dem „Bärenjäger“ vergleichbares, will ich mal ausklammern.

Autor:  Gast [ 24.6.2004, 19:33 ]
Betreff des Beitrags: 

Hallo Rüdiger,

nun er hat es ja auch geschafft, natürlich teilweise auf Kosten der literarischen Qualität.

Ich las gerade heute in einem Aufsatz über Arno Schmidt, dass Thomas Mann neben seinen täglichen Tagebuch-Aufzeichnungen nur eine, wohlgemerkt EINE SEITE, geschrieben hat.

So produziert man wohl Qualität. Natürlich muß man es sich aus leisten können, was Thomas Mann wohl konnte.

Viele Grüße
Kurt

Autor:  rodger [ 24.6.2004, 19:45 ]
Betreff des Beitrags: 

Hallo Kurt,

Hesse (den ich sehr schätze) soll mal gesagt haben, er brauche manchmal einen Tag, um ein Komma einzufügen, und einen weiteren, um es wieder wegzunehmen.

Das verstehe ich zwar, kann mir aber trotzdem folgendes nicht verkneifen: er wäre doch ein guter Mann für das Fußnoten-Komitee gewesen.

:mrgreen:

Autor:  Jutta Laroche [ 24.6.2004, 19:46 ]
Betreff des Beitrags: 

Hallo, rodger!

Nicht so einfach, wie sich das anhört. Zehn Seiten pro Tag ist nicht gerade wenig. Man muss bedenken, dass es Tage gibt, an denen nichts richtig gelingen will oder die anderweitig ausgelastet sind. Ich bewundere May für seine Leistung diesbezüglich.

Lieben Gruß - Jutta

Autor:  Gast [ 24.6.2004, 20:11 ]
Betreff des Beitrags: 

Aus dem Tagebuch von Arno Schmidt ist zu ersehen, daß er an "Kaff" täglich etwa 4 - 5 Stunden arbeitete und dabei etwa 3 -5 Seiten verfasste, oftmals alkoholgeschwängert.

Da gibt es wohl große Unterschiede.

Ich denke, lediglich Robert Kraft dürfte an Arbeitsleistung Karl May übertroffen haben.

Viele Grüße
Kurt

Autor:  R Kayser [ 24.6.2004, 20:15 ]
Betreff des Beitrags: 

Kurt Altherr hat geschrieben:
Ich las gerade heute in einem Aufsatz über Arno Schmidt, dass Thomas Mann neben seinen täglichen Tagebuch-Aufzeichnungen nur eine, wohlgemerkt EINE SEITE, geschrieben hat.

So produziert man wohl Qualität. Natürlich muß man es sich aus leisten können, was Thomas Mann wohl konnte.


Das war ja wohl auch der Eindruck, den Thomas Mann erwecken wollte.
War die "eine tägliche Seite, nicht weniger, aber auch nicht mehr", nicht Selbststilisierung? Ich meine gelesen zu haben, dass er auch mehr schrieb, wenn es gerade "lief".
Vielleicht hat sogar schon mal jemand überschlagen, wie groß die "tägliche Seite" hätte sein müssen, damit alle Bücher voll werden konnten, die unter dem Namen Thomas Mann erschienen sind. :wink:

Autor:  Gast [ 24.6.2004, 20:35 ]
Betreff des Beitrags: 

Hallo Herr Kayser oder darf ich Roland sagen,

natürlich ist meines Erachtens davon auszugehen, daß Thomas Mann mehr als eine Seite täglich geschrieben hat, wenn es lief.

Nimmt man aber die Entstehungszeiträume von "Buddenbrooks", "Der Zauberberg" oder "Lotte in Weimar", dann kommt Mann noch nicht einmal auf eine Seite täglich.

Man muß aber auch die sehr sorgfältige Vorbereitungszeit berücksichtigen, die Thomas Mann für seine Arbeiten verwendet hat.

Das alles hatte für Karl May von 1875 bis zumindest 1892 keine Bedeutung - er mußte schreiben, schreiben und das oftmals unter erschwerten Bedingungen.

Viele Grüße
Kurt

Autor:  Jutta Laroche [ 24.6.2004, 20:45 ]
Betreff des Beitrags: 

Hi, Kurt!

Das eben meinte ich, wenn ich May für seine ca. 10 Seiten täglich bewundere. Vergessen dürfen wir auch nicht, dass man sich gelegentlich körperlich nicht wohl fühlt, von Krankheiten ganz zu schweigen. Ein Ausfall in dieser Richtung heißt, doppelt so viel an den nächsten Tagen zu schreiben.

Gruß - Jutta

Autor:  giesbert [ 24.6.2004, 23:59 ]
Betreff des Beitrags: 

Jutta Laroche hat geschrieben:
Das eben meinte ich, wenn ich May für seine ca. 10 Seiten täglich bewundere.

Was genau ist an einer zwanghaften Leistung "bewundersungswürdig"? Ich jedenfalls bin sehr froh und dankbar, dass ich nicht gezwungen bin (nicht ökonomisch, nicht psychologisch), mich derart exzessiv zuschanden zu arbeiten.

Nein, "Bewunderung" hat May für die gehetzte Jagd seiner Produktion wirklich nicht verdient. Mitleid schon eher. Ich finde es im hohen Maße erschreckend und beängstigend, was von der Lebenswirklichkeit des Menschen May bekannt wird - das war kein Leben, das ich hätte führen müssen wollen.

Autor:  Jutta Laroche [ 25.6.2004, 1:49 ]
Betreff des Beitrags: 

Hallo, Giesbert!

Wenn ich ihn bewundere, dann für die Leistung! Dass er es geschafft hat, gerade und trotz des immensen Drucks, des Zwangs! Das ist anerkenneswert. Wegen des Zwangs bemitleide ich ihn, wegen der Leistung bewundere ich ihn.

Viele Grüße - Jutta

Autor:  rodger [ 25.6.2004, 9:06 ]
Betreff des Beitrags: 

giesbert hat geschrieben:
Ich finde es im hohen Maße erschreckend und beängstigend, was von der Lebenswirklichkeit des Menschen May bekannt wird - das war kein Leben, das ich hätte führen müssen wollen.


So schlecht find’ ich’s nicht, das Maysche Leben. Ob man sich in eine Höhle in Tibet zurückzieht oder in Radebeul unters Dach, beides ist sehr nachvollziehbar und reizvoll. Und dann dieser unendliche Reichtum aus dem Innern, „und unter tausend heißen Tränen fühlt’ ich mir eine Welt entstehn“, der Mann hat ja einen ganzen Kosmos erschaffen, tausendmal interessanter als das Leben all der unbewußten Tröpfe, wie sie zu Tausenden auf den Straßen herumlaufen.

Autor:  R Kayser [ 26.6.2004, 11:11 ]
Betreff des Beitrags: 

Kurt Altherr hat geschrieben:
Hallo Herr Kayser oder darf ich Roland
sagen,

ja, sicher.
Kurt Altherr hat geschrieben:
natürlich ist meines Erachtens davon
auszugehen, daß Thomas Mann mehr als eine Seite täglich
geschrieben hat, wenn es lief.

Ebeneben. Mann wollte sich halt auf extreme Weise vom "Vielschreiber" (wie May es sein musste (?)) abgrenzen (und umgekehrt auch vom Schriftsteller, der wartet, bis ihn die Muse zu sich ruft und oft nichts schreibt) und hat es dann mit der Wahrheit nicht so genau genommen.
Kurt Altherr hat geschrieben:
Nimmt man aber die Entstehungszeiträume von "Buddenbrooks", "Der
Zauberberg" oder "Lotte in Weimar", dann kommt Mann noch nicht
einmal auf eine Seite täglich.

Man muß aber auch die sehr sorgfältige Vorbereitungszeit
berücksichtigen, die Thomas Mann für seine Arbeiten verwendet
hat.

Die Tage, an denen Mann - durch Vorbereitung auf den aktuellen Roman, Vortragsreisen u. dgl. - keinen Text produziert hat, würde ich aus der Rechnung gern herausnehmen. In den Jahren, aus denen Tagebücher vorliegen, müsste das sogar noch möglich sein. Natürlich ist das eine Heidenarbeit und das Ergebnis wäre auch nicht soo wichtig.

Autor:  rodger [ 26.6.2004, 11:43 ]
Betreff des Beitrags: 

Also, mal wieder ganz simpel hochgerechnet, pro Jahr 365 Seiten, alle 2 Jahre ein größeres Buch, das würde doch, grob über den Daumen, hinkommen.

Als Jugendlicher hat mich ja der „Tod in Venedig“ sozusagen aus dem Kinosessel gehauen und meine Tränendrüsen bis zur Erschöpfung strapaziert, ich habe mich noch hinterher auf der Straße so an die zwanzig Minuten lang nicht mehr eingekriegt und mir den Film dann im Laufe meines Lebens noch ca. 15 mal angesehen, um dieser Katharsis auf die Spur zu kommen.

Früher war Thomas Mann sozusagen einer meiner Götter, mittlerweile finde ich ihn gräßlich, unendlich unsympathisch mit seinem großbürgerlichen, ätzenden Getue. Bei der Fernseh-Verfilmung „Die Manns“ hätte ich den Heinrich in den Arm nehmen mögen und wäre dem Thomas (kongenial dargestellt von Mueller-Stahl) am liebsten an den Kragen gegangen. Allerdings vermag er mich mit Geschichten wie „Der kleine Herr Friedemann“ auch weiterhin erheblich zu beeindrucken.

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