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 Betreff des Beitrags: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 28.2.2008, 20:52 
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"...Zugereist in diese Gegend,
Noch viel mehr als sehr vermögend,
In der Hand das Perspektiv,
Kam ein Mister namens Pief...."

Diese Zeilen gehören in die Geschichte "Plisch und Plum" von Wilhelm Busch, eine seiner Bildergeschichten, auf neudeutsch Comic genannt. Ein Reisender in vollkommen kariertem Anzug, der unterwegs ständig durchs Fernrohr schaut um in die Ferne zu schauen denn "... hier bin ich ja sowieso ..."
Folgerichtig landet er dann in der Patsche, wird von den Hunden Plisch und Plum gerettet und erweist sich finanziell ausserordentlich großzügig gegenüber den Besitzern der Hunde, denen er sie übrigens abkauft.

Was hat das nun mit Karl May zu tun?
Nun, dieser Engländer Mister Pief passt von der grundlegenden Charakteristik her in eine Reihe mit Engländern Karl May´s, Sir David Lindsay, Lord Castlepool, Sir John Raffley.
Das zeigt für mich, dass diese Figuren in erster Linie der Vorstellung der Deutschen entsprachen, die diese zu Zeiten May´s und Busch´s von den Engländern bzw. Briten hatten.
Wäre nur interessant zu wissen, woher diese vorurteilsvolle Vorstellung eigentlich kam...


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BeitragVerfasst: 28.2.2008, 22:16 
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Woher sie kam weiß ich sicherlich nicht, aber sie gibt es immer noch und das nicht nur bei uns.

Wir Deutschen haben doch vielfach das Image des Schweinefleisch-, Sauerkraut- und Kartoffelessenden (Sau-) Preuss;-), wir laufen in kurzen Lederhosen rum, saufen den ganzen Tag Bier und sind total gegen alles was nicht deutsch ist.
Kann man den vorurteilsvollen Menschen nicht mal sagen daß damit nur ein kleines (unbedeutenes) Völkchen der Deutschen gemeint ist :lol: ?

Übrigens bin ich grade bei Deutsche Herzen-Deutsche Helden (Hamdilulah, bald ists geschafft) und dort gibt es auch einen Engländer namens Lord Eaglenest, der zwar angeblich laut KMV eine gewisse Ähnlichkeit (charakterlich) mit Sir David Lindsay besitzt und daher bei der Bearbeitung von ihm vertreten :wink: wurde, der aber meiner Meinung nach doch eine sehr eigenständige Persönlichkeit ist, vor allem wenn man ihn mit Lindsay des Orientzyklus vergleicht.
Er (Eaglenest) trägt übrigens auch dauernd ein Fernrohr bei sich, zumindest im Orient.

Im Übrigen hat er viel ehrenvollere Dinge vor als Lindsay. Während Sir David "nur" nach Fowling Bulls graben will, möchte Eaglenest gleich ganze Haarems entführen
:lol:


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BeitragVerfasst: 28.2.2008, 22:38 
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Dankeschön, lieber Herr Grießbach, für einen Thread, der sich thematisch mit Busch und May befaßt. Das ist nämlich eigenartigerweise in etwa das Thema, das mich seit einigen Wochen gerade beschäftigt. Ich lese derzeit das andernorts hier im Forum schon erwähnte Buch von Ueding über Busch sowie die Monographie von Joseph Kraus und werde im zarten Alter von 52 Jahren erstmals richtig aufmerksam auf Busch.

Busch, wie May übrigens allgemein völlig unterschätzt (darauf hat auch Sandhofer schon des öfteren hingewiesen), zog sich von Welt und Menschen zunehmend zurück, lebte, sich selbst genügend, in seinem Wiedensahl bzw. später Mechtshausen und ließ das Gesabbel und Gebrabbel der Welt sozusagen außen vor ("In meiner stillen Ecke, weit links von der Welt, erfahr ich fast nichts von den Geschäften da draußen; hab auch überhaupt wenig Verständnis dafür"), ähnlich wie Karl May in seinen letzten Jahren. Er wußte was er tat, und tat gut daran. (vgl. einige hübsche Dinge im Thread "Karl Mays Einsamkeit", z.B. die Zitate, die Herr Sämmer beigesteuert hat)

In einem anderen Forum ging es in Zusammenhang mit Karl May dieser Tage um Muster, Mechanismen (Amad el Ghandur verhält sich im "Anhang" von Band 6 ebenso töricht und verderbenbringend wie seinerzeit sein Vater, und das ist nicht etwa seitens Karl May einfallslos, der kann ja nichts dafür daß seit tausenden von Jahren immer wieder die gleichen Geschichten sich abspielen; er weist nur darauf hin ... oder die Sander-Brüder in Winnetou IV, noch "tragischer", die WISSEN gar um ihre Problematik, aber sie können trotzdem nicht anders ...). Und zu diesem Thema Muster oder Mechanismen fand ich gerade ein köstliches Gedicht Buschs, über das ich wirklich heftig schmunzeln mußte ...

Die Liebe war nicht geringe,
sie wurden ordentlich blass;
Sie sagten sich tausend Dinge
und wussten immer noch was.

Sie mussten sich lange quälen,
doch schließlich kam’s dazu,
dass sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
sitzt sie im Morgenhabit;
Er ließt in der Kölnischen Zeitung
und teilt ihr das nötigste mit.

So etwa könnte es damals ausgegangen sein, wenn Judith Silberstein und Old Shatterhand DOCH ihren insgeheimen Neigungen gefolgt wären, anstatt, besserer Einsicht folgend, jeder für sich seinen Weg weiter zu gehen ... wobei die Frage immer noch offen ist, wer letzten Endes der oder die Vernünftigere von den beiden war, ich glaube, Karl May hat uns hier nicht die reine Wahrheit eingeschenkt ...

:wink:


Zuletzt geändert von rodger am 29.2.2008, 1:14, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 28.2.2008, 22:54 
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Gesabbel und Gebrabbel, Lindsay, Rückzug, die Dinge finden sich doch immer wieder zusammen ...

Der Lindsay ist ja ein netter Kerl, gar keine Frage, aber May kommt zu Silberlöwen-Zeiten an den Punkt, wo er sich von ihm verabschieden muß, "von nun an muß ich meinen Weg alleine gehen" steht so oder ähnlich ich glaube, in Band 85, bin gerade zu faul zum Nachschlagen. Reich-Ranicki hat neulich auch davon gesprochen, sympathisch leise übrigens, in einer Dokumentation über den alten Goethe, "sehr einsam" werde man halt ab einem gewissen Punkt, warum auch nicht.

*

Eaglenest und Lindsay sind sich übrigens m.E. schon sehr ähnlich, da muß ich dem KMV recht geben. Und die Episode mit dem Wirt am Anfang von "Der Derwisch" hat der Kandolf schön hingekriegt.


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BeitragVerfasst: 28.2.2008, 23:05 
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Zitat:
gegenüber den Besitzern der Hunde, denen er sie übrigens abkauft


Passen Sie auf, sonst kommt Ihnen noch ein Herr aus Rüsselsheim mit Bastian Sick ... (obwohl, das macht er vielleicht nur bei einfacheren Formulierungen, die er darüberhinaus auch noch falsch versteht ...)

:lol:


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BeitragVerfasst: 29.2.2008, 0:36 
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"Aus dieser Darstellung spricht mit lapidarer Anti-Theatralik das unterkühlte Entsetzen, das Gefühl des Absurden"

(Joseph Kraus, Wilhelm Busch, rororo, S. 137)

So auch immer wieder bei Karl May, denken wir nur an all die geradezu zwanghaft immer wieder auftauchenden Beckett-haft verzerrten z.B. kugelrunden, langen dürren, mit tausendundeiner Macke versehenen Wesen bei ihm ... oder an "Humoresken" wie z.B. "Im Wasserständer" ... Auf diesen Aspekt oder Zug bei Karl May hat auch Otto Sauerbeck im aktuellen Jahrbuch der KMG hingewiesen, "Becketts und Ionescos 'absurdes Theater' vorweggenommen", schrieb er z.B. (S. 65).


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BeitragVerfasst: 29.2.2008, 10:17 
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Was stehen da für Sachen in so einem bescheiden schmalen rororo-Bändchen ...

"Kleine Seelen schauern vor diesem Humor; er trifft sie hart. Sie sehen nicht die Versöhnung, die allerdings nicht an der Oberfläche liegt"

(Artur Kutscher, S. 170)

"Den sensitiven Mann beunruhigt, ärgert, belästigt das neumodische <<Getu's>> dieser Zeit - ein Lieblingswort"

(Theodor Heuss, S. 170; hier dürfen wir vergleichend auch gerne unter anderem an allerhand Aktivitäten rund um Karl May denken)

"Ich denke - außer vielleicht Lichtenberg - hat es keinen Ebenbürtigen in deutscher Sprache gegeben"

(Albert Einstein, S. 171; das erinnert nun wiederum kräftig an das berühmte Bloch-Zitat in Sachen Karl May)

Und in einem Brief schreibt der vermeintlich lustige Kinderbuchautor Folgendes:

"Haben Sie jemals den Ausdruck von Kindern bemerkt, wenn sie dem Schlachten eines Schweines zusehen ? - Nein ? - Nun, so rufen Sie sich das Medusenhaupt vor die Seele. Tod, Grausamkeit, Wollust - hier sind sie beisammen." (S. 149)

Und es wird (für mein Empfinden) noch unangenehmer, Kafka mit Schuß, sozusagen:

"Der grausige Tod des Eispeter wird komisch, indem die Eltern ihren verflüssigten Sohn in einen Einmachtopf löffeln und diesen im Keller zwischen Käse und Gurken auf den Ehrenplatz eines erhöhenden Sockels stellen:

Ja ja ! In diesen Topf aus Stein,
Da machte man den Peter ein,
Der, nachdem er anfangs hart,
Später weich wie Butter ward.
"

(S. 151; Zitat Joseph Kraus, kursiv: Busch. Wobei ich persönlich nicht nachvollziehen kann, was daran "komisch" sein soll.)

"Indem Busch seine innere Bedrängnis mit lustiger Schnodderigkeit zu Papier brachte, gelang es ihm auch, dem grausam-lüsternen Medusenhaupt, das ihn erschreckte, die Narrenkappe aufzusetzen und dadurch erträglich zu machen."

(Kraus, S. 152)

Womit wir wieder ganz nah bei Karl May wären ...

(alle Zitate: Joseph Kraus, Wilhelm Busch; rororo-Bildmonographie)


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BeitragVerfasst: 19.6.2008, 18:00 
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Aus der Buchhandlung habe ich mir „Spruchweisheiten und Gedichte“ von Wilhelm Busch mitgenommen, für ein paar Euro.

Gleich beim ersten Blättern fand ich das:

Geschmacksache

Dies für den und das für jenen.
Viele Tische sind gedeckt.
Keine Zunge soll verhöhnen,
Was der andern Zunge schmeckt.

Lasse jedem seine Freuden,
Gönn ihm, daß er sich erquickt,
Wenn er sittsam und bescheiden
Auf den eignen Teller blickt.

Wenn jedoch bei deinem Tisch er
Unverschämt dich neckt und stört,
Dann so gib ihm einen Wischer,
Daß er merkt, was sich gehört.

Meinen speziellen Freunden in Sachen May-Lektüre gewidmet, wie heißen sie gleich, Schwaka, Kalb, oder noch hübscher …

:wink:


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 27.10.2008, 17:16 
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Rene Grießbach hat geschrieben:
Wäre nur interessant zu wissen, woher diese vorurteilsvolle Vorstellung eigentlich kam...


Es muss ja nicht just ein Vorurteil sein. Die Briten haben den Tourismus erfunden; sie waren die ersten, die die Alpen und das Mittelrheintal unsicher machten.
Die Deutschen haben also die seltsamen Gestalten mit Backenbart und Kleidern mit Schottenkaro, mit Perpektiv und Tropenhelm tatsächlich so gesehen und daraus bildete sich das Klischee.
Es mussten ja nicht alle Briten so rumlaufen; oft genügt ein bunter Hund, um eine bunte Hunderasse zu kreieren.
So wie es den Amis genügte, in Bayern Seppelhosenträger zu sehen, um sich alle Deutschen so ausstaffiert vorzustellen.
Und den Briten genügte es, im ersten Weltkrieg in allen Versorgungeinrichtungen der deutschen Armee Sauerkraut - einem vitaminreichen, nahrhaften, preiswerten und gut konservierbaren Lebensmittel, also wie geschaffen für die Verwendung im Krieg, an der Front -, vorzufinden, um sich ganz Deutschland in Sauerkrautseligkeit zu imaginieren.

Nicht jedes Klischee, nicht jedes Vorurteil basiert auf einer falschen Vorstellung. Japaner fotografieren eben nun mal gern, wenn sie in Deutschland sind. Ich habs in Neuschwanstein gesehen.

Gruß Fritz


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 8.8.2010, 12:13 
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Wilhelm Busch (in "Eduards Traum") hat geschrieben:
Nämlich die Bewohner dieses unwesentlichen Landes sind hohl. Es scheint Sonne und Mond hindurch, und wer hinter ihnen steht, der kann ihnen mit Leichtigkeit die Knöpfe vorn an der Weste zählen. Einer durchschaut den andern; und doch reden diese Leute, die sich durch und durch kennen, die nicht so viel Eingeweide haben wie ein ausgepustetes Sperlingsei, von dem edlen Drange ihres Inneren und sagen sich darüber die schönsten Flattusen.
[...]
Schwere gab's hier nicht. Man bewegte sich am Boden oder in der Luft, gleichviel, mit einer unabhängigen Leichtigkeit, wie sie nur bei solch rein förmlichen Blasengestalten und Windbeuteln sich denken läßt.
[...]
Zwar hupfen konnt' ich auch, wie nur einer. Aber mit mir war das was anders. Ich hatt Fond. -
Wie ihr seht, meine Lieben: eine Ausrede zugunsten der eigenen Vortrefflichkeit stellt selbst im Traum sich ein!
Übrigens hatt' ich die leeren Gestalten dieser eingebildeten Welt jetzt satt gekriegt und beeilte mich wegzukommen.


Als ich kürzlich Buschs Zeilen (aus einem Brief) "der gute und der böse Dämon empfangen uns bei der Geburt, um uns zu begleiten. Der böse Dämon ist meist der stärkere und gesundere; er ist der heftige Lebensdrang. Der gute Dämon aber winkt zurück, und gute Kinder sterben früh; ihnen sind die Engelsflügel nicht abgeschnitten" las mußte ich umgehend an Karl Mays "der Eintritt in die Hölle ist am allerwenigsten eine jährlich wiederkehrende Erinnerungsfeier werth.“ (aus einem Brief an Sascha Schneider in Sachen Geburtstagsglückwünsche, GW Band 93 S. 215) denken ... da äußert einer (bzw.: zwei) offenbar in aller Leichtigkeit und Entspanntheit solche Dinge ...


Zuletzt geändert von rodger am 19.8.2010, 22:11, insgesamt 2-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 8.8.2010, 14:00 
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Dieser Busch kann richtig komisch sein ... ich meine jetzt freilich nicht diese Art gefälligen Biedermeier-Humor, mit dem er, weil falsch verstanden, gemeinhin in Verbindung gebracht zu werden pflegt ... selten daß ich beim Lesen lachen muß, bei der folgenden Stelle war's doch mal wieder soweit:

Zitat:
Querköpfe, welche die Eitelkeit ihrer Meinung besitzen, streiten und stoßen sich in der Luft herum; fast jeder hat Beulen grün und blau. Sie leben von Wind. Was sie sonst brauchen, verdienen sie sich als Redner und Bänkelsänger.


*

Das ist auch nicht übel:

Zitat:
Ein Barbier, der mit wenig Seife viel Schaum schlagen konnte, war kürzlich unter die Literaten gegangen. Er hatte großen Erfolg, wie ich hörte, trug bereits drei Brillantringe an jedem Finger und wollte sich demnächst mit einer Köchin verheiraten, die ohne Schwierigkeit ein einziges Eiweiß zu mehr als fünfzig Schaumklößen aufbauschte, also auch noch was leisten konnte. -

(auf dem Sachbuch-Gebiet fallen mir dazu Sick und von Hirschhausen ein ... die entsprechenden zeitgenössischen gängigen Prosaautoren kenn' ich erst gar nicht ...)

Zitat:
Und doch fiel mir's nicht auf in meinem Traume, und doch hielt ich mich für sehr scharfsichtig, und doch war ich's oft gar nicht; genau so, wie's uns geht, wenn wir wachen.


Zitat:
Der Dokter kam. Er wußte Bescheid. Erst schnitt er ihr den Finger ab, aber es half nicht; dann ging er höher und schnitt ihr den Ärmel ab, aber es half nicht; dann schnitt er ihr den Kopf ab, aber es half nicht; dann ging er tiefer und schnitt ihr die Trikottaille ab, und dann schnitt er ihr die wollenen Strümpfe ab, aber es half nicht; als er aber an die empfindlichen Hühneraugen kam, vernahm man einen durchdringenden Schrei, und im Umsehn war sie tot.
Der Bauer war untröstlich; denn das Honorar betrug 53 Mark 75 Pfennig. Der Dokter steckte das Honorar in sein braunledernes Portemonnaie; der Bauer schluchzte. Der Dokter steckte sein braunledernes Portemonnaie in die Hosentasche; der Bauer sank auf einen geflochtenen Rohrstuhl und starrte seelenlos in die verödete Welt hinaus.
Der Dokter besaß Takt. Andante ritt er vom Hofe weg, und erst dann, als er die Landstraße erreichte, fing er scherzando zu traben an, und zwar englisch. Er wußte noch nicht, daß seine Hosentasche im stillen ein Loch hatte.
Inzwischen begab sich der betrübte Witwer in den Schweinestall und besah seine Ferkeln. Es waren ihrer dreizehn, das Stück zu zweiundzwanzig Mark. Seine Tränen flossen langsamer. Als er wieder ins Freie trat, war er ein neuer Mensch geworden.
Ich flog ins Nachbarhaus.
Der Landmann, welcher hier wohnte, war ein Vetter des vorigen. Er hackte Holz entzwei, während seine Gemahlin sich mal eben entfernt hatte, um im nahen Gebüsch für die Meckerziege ein schmackhaftes Futter zu pflücken. »Oh, meine Mamme ist weg!« schrie das Kind und kam aus dem Hause gelaufen und weinte sehr heftig. »Da weinst du über!« sprach der besonnene Vater. »Mach dich doch nicht lächerlich!« -
Dieser Vater, so scheint's, hatte bereits den Gipfel der ehelichen Zärtlichkeit erklommen, wo die Schneeregion anfängt.

Letzterer Landmann erinnert an meinen alten Freund den Engländer (Nein, nicht Lindsay, ein anderer, der nur kurz erwähnt wird) in Damaskus in Band 3:

Karl May hat geschrieben:
"Hat Dir der Engländer denn nicht gezeigt, wie dieses Instrument gespielt werden muß?"

"Sein Weib hatte Musik gemacht, war aber gestorben. Er schlug es mit den Fäusten und das gefiel ihm sehr, denn er lachte dazu."


:mrgreen:

(der Smiley bezieht sich wohlgemerkt auf die genial dezent verschwiegene Stelle bei May; bei der Sache mit den Landmännern bei Busch fällt das Mischungsverhältnis zwischen Komik und Anderem schon etwas anders aus ...)

(alle Busch-Zitate in diesem Beitrag: "Eduards Traum")


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 8.8.2010, 14:30 
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Bevor ich mich nun weiter seitenfüllend sozusagen dumm und dusselig zitiere, den gesamten bitterbösen großartigen Text gibt's hier:

http://www.wilhelm-busch-seiten.de/eduard/text1.html

Lohnt sich.


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 8.8.2010, 15:15 
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Das

Zitat:
Ich stieg weiter. Die Bäume wurden knorriger, die Felsen schroffer.

erinnert an Karl May,

das

Zitat:
Vor mir ausgebreitet lag eine weite, grüne, blumenreiche Wiese, in deren Mitte sich ein mächtiges Schloß erhob.

auch,

das

Zitat:
Ich hatte mein Herz wieder und Elisen ihr's und dem Emil sein's, und, Spaß beiseit, meine Freunde, nur wer ein Herz hat, kann so recht fühlen und sagen, und zwar von Herzen, daß er nichts taugt.

eher nicht (zumindest nicht direkt ...)

aber das wieder:

Zitat:
Das Weitere findet sich.


:wink:


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 19.8.2010, 22:00 
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Frühmorgens im Radio die Gedanken zum Tag. Vor etwa einem Dreivierteljahr. Warum nur, wird gefragt, feierten die Menschen den Geburtstag, den Todestag aber betrauerten sie? Müßte es nicht gerade umgekehrt sein? Die Geburt als Eintritt in ein Leben, das viele Gemeinheiten und Beschwernisse für den Menschen bereithielte, müßte betrauert, der Tod aber, der das Ende der beschwerlichen Reise durch’s Leben bedeutete und den Anfang einer hoffnungsfrohen Zeit, müßte gefeiert werden. So ungefähr klingt es mir noch im Ohr. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich meine mich zu erinnern, der Sprecher habe als Quelle dieses Gedankens eine Schrift aus dem Judentum angegeben. Vielleicht können Sie als Theologe, lieber Herr Wohlgschaft, etwas Näheres dazu sagen. - Als ich diesen Gedanken vernahm, dachte ich natürlich sofort an Karl May. Ich wußte, daß er in irgendeinem seiner Briefe die Geburt als Eintritt in die Hölle bezeichnet hatte; leider aber nicht mehr, in welchem. Nun haben Sie, lieber Herr Wick, die Stelle aus Mays Brief an Sascha Schneider zitiert. Ich bringe sie auch noch einmal, weil sie, wie ich finde, äußerst bedenkenswert ist:
Zitat:
Mir scheint, der Eintritt in die Hölle ist am allerwenigsten eine jährlich wiederkehrende Erinnerungsfeier werth.
(Karl May: Briefwechsel mit Sascha Schneider. Karl Mays gesammelte Werke und Briefe; Bd. 93. Karl-May-Verlag. Bamberg und Radebeul 2009, Seite 215.)


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer
BeitragVerfasst: 19.8.2010, 22:37 
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Wenige Zeilen vor Ende von "Und Friede auf Erden" steht das atemberaubende

Zitat:
Die Leiche eines aus dem Paradies Gestürzten fiel in das Licht; da dunkelte es für einen Augenblick, und dieser Augenblick ist unser Erdenleben;


Unmittelbar anschließend heißt es

Zitat:
da herrscht nun die Verwesung der Leiche. - - - Meine Brüder, es gibt - - - Krieg!


Es folgt dann noch

Zitat:
»Wo - wo - wo - - - wo?« rief es rundum.

»Hier - - bei uns - - im Lande unserer »Shen«! Der Bote brachte mir die Trauerkunde. Fragt nicht, weshalb, und fragt auch nicht, mit wem? Ich aber frage im Namen der Menschheit in dieses tiefe Dunkel, in diese Finsternis hinein: - - -«

Er kam nicht dazu, weiterzusprechen, denn plötzlich wurde es wieder hell, fast heller noch, als es vorher gewesen war, um uns und auch da draußen, im Freien. Die Leiche des verunglückten Dilke war, ob durch Naturkraft oder durch Menschenhand, das ließ sich jetzt nicht sagen, beseitigt worden, und sofort kehrte das Licht in die verfinsterten Körper zurück. Von neuem stand das Kreuz in weithin leuchtender Glut, und überall ertönten jubelnde Stimmen, seine Rückkehr zu begrüßen. Bei seinem Lichte sahen wir die Scharen der Menschen, welche aus dem Dorfe hinauf nach der Kapelle zogen. Das waren nicht nur die bekehrten Anhänger der Fan-Fan, sondern Hunderte und aber Hunderte mehr, die sich ihnen angeschlossen hatten.

»Noch habe ich die Frage nicht ausgesprochen, so ist schon die Antwort da!« rief Fu. »Ich hoffe, daß wir alle sie verstehen! Ziehen wir jetzt mit nach der Kapelle. Dort fließt uns die Quelle des Lichtes, das zwar verdunkelt werden, doch nie verlöschen kann!«

»Ja, steigen wir mit hinauf,« stimmte der Ho-Schang bei. »Nicht hier, sondern dort oben ist der rechte Platz, die kaiserlichen Worte zu verlesen, die ich Euch mitzuteilen habe. Sie sichern Euch die allerhöchste Gnade und allerhöchsten Schutz; das sollen Alle hören, die sich jetzt dort versammeln. Wir feiern heut den Shen-Ta-Shi, den großen Tag der »Shen«, doch reicht er über Tag und über Nacht, geht über Monden, über Sonnen hin und wird auf Erden nie und nimmer enden!«

Da faltete der alte, ehrwürdige Reverend die Hände und sprach:

»Die allerhöchste Gnade und der allerhöchste Schutz! Im Sinne unserer »Shen« also die Gnade und der Schutz des Allmächtigen und Allliebenden, bei dem es ewig Frieden gibt, selbst wenn des Krieges Ruf hier bei uns Törichten sogar am »großen Tag der Menschlichkeit« erklingt. Hinauf zu ihm, zu unserer Kapelle! Gleich ist es Mitternacht; sie soll uns betend - dankend - hoffend finden!« - - -


Himmel wie Hölle haben wir auf Erden ... es ist beides [schon] da ... und man möge nie das eine über dem anderen vergessen, und das andere nicht über dem einen ...

(Den Buchtitel "Lerne lachen ohne zu weinen" sah ich heute. Ok. Aber beim Lachen nicht vergessen daß es das Weinen gibt. Und umgekehrt.)

Wilhelm Busch hat geschrieben:
Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist,
und weil mich doch der Kater frißt,
so will ich keine Zeit verlieren,
will noch ein wenig quinquilieren
und lustig pfeifen wie zuvor. --
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.


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