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 Betreff des Beitrags: Verlorener Humor in Textbearbeitung "Satan und Ischariot"
BeitragVerfasst: 3.11.2011, 11:34 
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Ich habe diesen Verdacht seit einiger Zeit - und hole vielleicht ein wenig weit aus - aber in der stellenweise durchaus sinnvollen Textbearbeitung gibt es ein Prinzip, das mir mißfällt. Sie schiebt regelmäßig die humorvollen Aussagen den "komischen Rollen" zu und versucht den Ich-Erzähler zu 'veredeln'. Dabei geht jedoch einiges an menschlichem Miteinander verloren. Als Vorzeigebeispiel eine Stelle aus Satan und Ischariot III.:

Der junge Geiger Vogel möchte die Helden bei ihrer Jagd nach den Meltons unterstützen
Zitat:
»Und ich reite mit!« rief Franz Vogel begeistert aus.
»Sie?« lachte ich. »Wollen Sie in der wilden Sierra Blanca Konzerte geigen?«
»Ja. Es verlangt mich, diesen Meltons eine Melodie vorzugeigen, an welcher sie genug haben sollen!«
»Das überlassen Sie am besten uns, lieber Freund. Sie sind ein sehr tüchtiger Musiker, aber Ihre Noten stehen nicht da draußen in den Kanons des Colorado. Wir reiten den Meltons nach, um ihnen ihren Raub abzujagen; dabei können Sie uns gar nichts nützen. Wir werden nicht lange fort sein. Gehen sie inzwischen nach Santa Fé, um einige Konzerte zu geben; wir suchen Sie dort auf und legen Ihnen Ihre Millionen in den Schoß.«

[Karl Mays, Satan und Ischariot. 3. Band. Illustrierte Reiseerzählungen von Karl May. 1.–5. Tsd. – Freiburg i.Br.: Friedrich Ernst Fehsenfeld 1911. 2 Bl., 615 S. – = Karl Mays Illustrierte Reiseerzählungen. Band XXIII, S. 164., identisch in: Satan und Ischariot III, Zürcher Ausgabe Zürich, 1996, 144f.]


Dagegen formuliert die Bamberger Bearbeitung, hier zitiert nach der Tosa-Ausgabe:
Zitat:
»Und ich reite mit!« rief Franz Vogel begeistert aus.
»Sie?« lachte ich. »Wollen Sie in der wilden Sierra Blanca Konzerte geben
»Ja. Es verlangt mich, diesen Meltons ein Liedchen vorzugeigen, woran sie genug haben sollen.«
»Das überlassen Sie am besten uns, lieber Freund. [...] Wir reiten den Meltons nach, um ihnen ihren Raub abzujagen; dabei können Sie uns [...] nichts nützen. [...] Gehen sie inzwischen nach Santa Fé, um einige Konzerte zu geben; wir suchen Sie dann dort auf und legen Ihnen Ihre Millionen in den Schoß.«

[Karl Mays, Satan und Ischariot, Wien, 117f.]


Man kann darüber streiten, ob in Einzelfällen stilistische Verbesserungen vorgenommen wurden. Die durchaus musikalische Parallele von "Meltons" und "Melodie" ist ein literarischer Kunstgriff: ein musikalischer "Ton" verbindet sich mit dem lateinischen "mel-", das Honig bedeutet, so wie "Mel-odie" eine süße Ode ist. (Vorsicht: Die Etymologie leitet vom griechischen "Melos" für "Teil eines Lieds" ab - aber Mays kreativer Umgang mit Fremdsprachen darf wohl auch hier vorausgesetzt werden.) Tatsächlich erklärt die vermeintlich leichte Albernerei den Namen der Meltons - auch wenn etwa die Verbindung mit dem englischen "to melt" als "flüssig machen" ebenfalls Sinn macht... Dies jedoch fällt in der Bearbeitung fort.

Legitimiert wird mein Verdacht durchaus durch die zweite Parallele. Die "Cañons" tauchen im dritten Band Satan und Ischariot immerhin noch 41 mal (20 mal im Singular, 21 mal im Plural) korrekt spanisch geschrieben auf. Es handelt sich also kaum um einen Schreibfehler. Die Pointe der Bemerkung liegt in der kreativen Nutzung des gleichen Klangs (!) der Worte 'Cañon' und 'Kanon' gegenüber einem Geiger.

Zudem verbleibt in der Bearbeitung ein Resteindruck von heldischer Arroganz - während das Original argumentiert: Jedem ist ein Platz zugeordnet, der von seinen Fähigkeiten abhängt. Beides wird auf Drängen des Geigers umgeworfen - aber es ist eine andere Tendenz.

Es wäre eine Untersuchung wert, ob eine solche Humorverschiebung tatsächlich (wie ich empfinde) zum Konzept der Bearbeitung gehört... Und dies soll keine Kritik jedweder Bearbeitung sein - Lektoren haben ehrenwerte Berufe. - Unverständlich bleibt mir jedoch immer die Angabe auf dem Titelblatt:

Zitat:
UNGEKÜRZTE AUSGABE

_________________
"So scheint mein Rohr besser zu sein als das Eurige, obgleich es viel kleiner ist."
[Der Schatz im Silbersee, 217.]

"Der Deutsche pflegt zwar albern, aber auch ehrlich zu sein."
[Der Sohn des Bärenjägers, 508.]


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 Betreff des Beitrags: Re: Verlorener Humor in Textbearbeitung "Satan und Ischariot
BeitragVerfasst: 3.11.2011, 11:41 
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Die Bearbeitung der 3 Bände "Satan und Ischariot" gehört zum wirklich Ärgerlichsten, was die Herrschaften seinerzeit angestellt haben ...

Es geht mir nicht darum, dem Verlag am Zeug zu flicken, auch wenn einige Leute offenbar immer wieder den Eindruck haben ... es geht einfach um den Sachverhalt ...

Aber diese drei Bände bedürfen wirklich dringlich einer Neuherausgabe ... es geht wirklich auf keine Kuhhaut was ich da seinerzeit beim Vergleichslesen alles vorgefunden habe, wirklich verheerend ... deutlich übler als in anderen Bänden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Verlorener Humor in Textbearbeitung "Satan und Ischariot
BeitragVerfasst: 3.11.2011, 11:48 
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Zitat:
Die "Cañons" tauchen im dritten Band Satan und Ischariot immerhin noch 41 mal (20 mal im Singular, 21 mal im Plural) korrekt spanisch geschrieben auf. Es handelt sich also kaum um einen Schreibfehler. Die Pointe der Bemerkung liegt in der kreativen Nutzung des gleichen Klangs (!) der Worte 'Cañon' und 'Kanon' gegenüber einem Geiger.

Die Pointe liegt in der Spielerei mit Worten, th'is clear. Manchmal habe ich den leider begründeten Verdacht, der eine oder andere Bearbeiter merkt so etwas nicht. :roll: :shock: :( In einem anderen Band, ich glaube es war der 47er, hat einer "Sie liebte Schiller, ohne ihn im geringsten zu verstehen" (Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich ...) auf "Sie liebte Schiller" abgeändert ... Die Art der Bearbeitungen wirft gelegentlich ein Licht auf die Bearbeiter selber ...


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