Diskussionsforen der Karl-May-Stiftung

Online-Treffpunkt des Magazins ›Der Beobachter an der Elbe‹
Aktuelle Zeit: 18.12.2017, 14:00

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 10 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 8.9.2012, 19:30 
Offline

Registriert: 2.9.2007, 11:21
Beiträge: 450
Wohnort: Dresden
Wieder einmal mit der Triologie "Old Surehand" fertiggeworden, beschäftigen mich die selben Gedanken wie bei früherer Lektüre, die ich so bisher noch nie mitgeteilt hatte.
Und da ich denke, dass sie nicht so eins-zu-eins ins Themenfeld beispielsweise des Threads "Wabbles Bekehrung" passen, erlaube ich mir doch, noch mal einen neuen Thread zum Thema aufzumachen.

Beginnen will ich am Ende, naja, sagen wir - fast am Ende. Bei Wabbles Tod (nicht sein Sterben! - das ist ein anderes Thema)

Wie wir wissen, ist mit der Beerdigung Old Wabbles der Roman noch nicht abgeschlossen. Und trotzdem - bei jedem Lesen hatte ich bisher und auch heute wieder das Gefühl - mit diesen Zeilen ist der Roman zu Ende. Die ergreifende Szene von der Auffindung Wabbles in dem Baumstamm über seine Bekehrung, das angstvolle Beobachten der Beerdigung der Tramps, mit denen er zuletzt geritten war bis hin zum Abschied der Westmänner und Indianer von ihm als er verstorben ist und letztlich seine eigene Beerdigung - diese Seiten sind - um mich so auszudrücken - noch mit "Herzblut" niedergeschrieben worden.
Und finden ihr Ende - leider, möchte ich sagen - in einer von mir als geradezu zynisch empfundenen Formulierung Mays:
"Wir lagerten uns um sein vom Feuer beschienenes Grab und schliefen einen nicht so langen Schlaf wie er, nämlich nur bis zum nächsten Morgen..." (zitiert ausnahmsweise aus der WELTBILDausgabe, Seite 425, Hervorhebung von mir)

Die noch folgenden Seiten erscheinen mir nur noch wie ein Anhang, in dem die noch notwendigen Mitteilungen der Vollständigkeit halber nachgereicht werden. Der Zweikampf zwischen Schahko Matto und Thibaut, die Aufklärung der Ereignisse um die Familie Bender, an der sich Thibaut und Etters schuldig gemacht hatten. Schließlich die finale Verfolgungsjagd auf den General - diese Szenen vermögen den Leser nicht mehr zu fesseln. Hier gelingt es May m.E. leider nicht mehr, noch einmal sein erzählerisches Talent dermaßen in die Waagschale zu werfen, dass der Leser von dem Erzählten wirklich noch berührt wird.
Abgesehen davon, dass es nach meinem Empfinden an keiner Stelle gelungen ist, den General wirklich als den zentralen Schurken des Romans zu etablieren.

Die Editionsgeschichte des Romans wurde schon öfter puliziert und diskutiert und wenn Karl May erleichtert am Ende des Manuskripts seine Erleichterung, es abgeschlossen zu haben, mit einem dreifachen "Endlich" kommentiert, ist es wohl nachvollziehbar, dass es ihm ähnlich gegangen sein dürfte wie dem Leser.

Und so lässt es sich für mich festhalten, dass nach anfänglich anderen Plänen Mays mit seinem Titelhelden "Old Surehand" sein Interesse an dieser Figur rapide nachließ. Zugunsten Old Wabbles, der für mich die zentrale Figur des Romans immer war und ist. Wobei ich hier gleichzeitig betonen möchte, dass Wabble in meinen Augen trotz seiner Schlechtigkeiten, trotz seiner Mordanschläge auf Old Shatterhand nie den literarischen Charakter des Schurken annahm. Für mich vielmehr eine hochinteressant und mehrschichtig angelegte Charakterfigur. (übrigens interessiert mich persönlich hier nur die literarische Gestaltung - eventuell vorhandene und bereits andernorts diskutierte biografische Widerspiegelungen klammere ich hier bewusst aus)

Und sicher ist Wabble auch eine Auseinandersetzung Mays mit dem realen Wilden Westen, der durch Wild-West-Revues von Buffalo-Bill und anderen auch in Mays Heimat zur Entstehungszeit des Romans längst greifbar war.
Wofür die an Shatterhand gerichtete Aussage Wabbles "Er oder ich!Von uns zweien hat nur einer Platz auf der Erde ..." (Bd.3 , Weltildausgabe, Seite 218) für mich ein Indiz ist.
Dieses "Er oder ich" - es könnte auch für eine im Geist Karl Mays stattfindende Rivalität zwischen Buffalo Bill und Old Shatterhand stehen.

Und dazu passt auch - und damit höre ich erstmal mit meinen Gedankengängen auf - dass sich der "Ur-Wabble" in der Erstfassung von "Der erste Elk", die zu Beginn des ersten Surehand-Bandes als Binnenerzählung eines der Protagonisten in den Roman eingebaut ist, in der Grundstruktur noch gut ins Muster der bisherigen Originale Mays wie Sam Hawkens oder Dick Hammerdull einzuordnen scheint und sich erst realtiv langsam während des ersten Bandes in den "eigentlichen" Old Wabble, in die mehrschichtige Charakterfigur, verwandelt.

Die "Old Surehand" Triologie ist und bleibt für mich ein hervorragender Roman, den ich sicher nicht zum letzten mal gelesen haben werde.


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 9.9.2012, 16:29 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 12.5.2004, 17:10
Beiträge: 6575
Wohnort: Mannheim
Na endlich mal wieder ein Lebenszeichen im Forum ...

Rene Grießbach hat geschrieben:
Und finden ihr Ende - leider, möchte ich sagen - in einer von mir als geradezu zynisch empfundenen Formulierung Mays:

Als sonderlich zynisch empfinde ich das nicht. May neigt gelegentlich zu einer gewissen Hemdsärmeligkeit, auch an Stellen, bei denen es "ans Eingemachte" geht. Mir gefällt's.

Zitat:
Abgesehen davon, dass es nach meinem Empfinden an keiner Stelle gelungen ist, den General wirklich als den zentralen Schurken des Romans zu etablieren.

Der General hat etwas Schillerndes, Clowneskes. Das empfinde ich als reizvoll, da auch im realen Leben die "Schurken" durchaus nicht immer gleich als solche zu erkennen sind. [Auf Freilichtbühnen pflegen sie mit schwarzer Kleidung und Panzerknackerlachen auch für Tante Trude, Onkel Otto und den kleinen Fritz gleich als "Böse" erkennbar zu sein, im Leben und bei Karl May hingegen nicht.] :wink:

Zitat:
und wenn Karl May erleichtert am Ende des Manuskripts seine Erleichterung, es abgeschlossen zu haben, mit einem dreifachen "Endlich" kommentiert, ist es wohl nachvollziehbar, dass es ihm ähnlich gegangen sein dürfte wie dem Leser.

Insbesondere der dritte Band ist bei allem Reiz mühsam zu lesen, finde ich auch.

Zitat:
der "Ur-Wabble" [...] sich erst realtiv langsam während des ersten Bandes in den "eigentlichen" Old Wabble, in die mehrschichtige Charakterfigur, verwandelt.

Ich habe den Eindruck das hat May selber zu Beginn noch gar nicht gewußt, was aus Old Wabble im Verlauf des Romans werden sollte.

Die Figur des Old Wabble paßt insofern in die Erzählung vom ersten Elk, als es in der um das Thema Irrtum und Täuschung geht. Der erste Elk ist nicht der erste, und Old Wabble ist nicht der der er zu sein scheint.


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 11:26 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 13.11.2004, 12:50
Beiträge: 882
Wohnort: Nürnberg
"Old Surehand" ist eigentlich der Roman der sich wandelnden und sich ändernden Personen. Surehand bleibt nicht der, der er war, ebenso wie sein Halbbruder Apanatschka; Kolma Puschi wechselt sogar das Geschlecht (zur Freude von Arno Schmidt seinerzeit); Tibo Taka wird ein anderer, sogar die (mehr oder weniger) Nebenfigur Hammerdull ist nicht mehr der, der er einst in "Auf der See verloren" mal war; der anfangs so ausführlich geschilderte Sam Parker verschwindet in der Versenkung, und vieles mehr.
Falls da Karl May ursprünglich einen Plan für die Geschichte hatte, so ist sie (und der Plan) ihm wohl "gewaltig aus dem Ruder gelaufen". Und die "Auflösung" der Rätsel ist meiner Meinung nach eher ziemlich dürftig ausgefallen, so fehlt z.B. eine Erklärung für die so eindringlich geschilderte Ähnlichkeit von Kolma Puschi mit Winnetou. Aber das mindert (zum Glück) nicht im mindesten den Reiz des "Ganzen".

Helmut


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 11:37 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 12.5.2004, 17:10
Beiträge: 6575
Wohnort: Mannheim
Helmut hat geschrieben:
Kolma Puschi wechselt sogar das Geschlecht (zur Freude von Arno Schmidt seinerzeit)

und schreibt sich entsprechend auch schon mal Putschi (in der Überschrift zum zweiten Kapitel des dritten Bandes). Thunderstorm.

Zitat:
"Auf der See verloren"

Es handelt sich bei den Mayschen Figuren zwar in der Tat oft um Desperados im weiteren Sinne, aber die auf der See sind erstmal nur gefangen, noch nicht verloren. :mrgreen:

Zitat:
so fehlt z.B. eine Erklärung für die so eindringlich geschilderte Ähnlichkeit von Kolma Puschi mit Winnetou.

Das ist dieses geschlechtunabhängige besondere Faszinosum dieser Figuren, was als Ähnlichkeit daherkömmt ...


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 14:10 
Offline

Registriert: 18.10.2007, 23:48
Beiträge: 3175
Wohnort: Krähennest
Hat jemand 'Bockwurscht' gerufen? Hab ich Bock drauf und werde von Zeit zu Zeit auch mal wieder meinen Senf dazu geben...

:D


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 14:11 
Offline

Registriert: 18.10.2007, 23:48
Beiträge: 3175
Wohnort: Krähennest
Helmut hatte auf See seinen Faden verloren...kann ja mal passieren... :wink:


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 14:14 
Offline

Registriert: 18.10.2007, 23:48
Beiträge: 3175
Wohnort: Krähennest
Auch Old Shatterhand macht eine Wandlung durch, vom Hauslehrer zum Westmann, vom Westmann zu Kara Ben Nemsi. Hadschi Halef Omar entwickelt sich vom kleinen Diener zu einem ebenbürtigen Begleiter Karas. Da gibt es noch einige in Mays Werk.


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 16:11 
Offline

Registriert: 2.9.2007, 11:21
Beiträge: 450
Wohnort: Dresden
markus hat geschrieben:
Auch Old Shatterhand macht eine Wandlung durch, vom Hauslehrer zum Westmann, vom Westmann zu Kara Ben Nemsi. Hadschi Halef Omar entwickelt sich vom kleinen Diener zu einem ebenbürtigen Begleiter Karas. Da gibt es noch einige in Mays Werk.


Ist zwar auch nicht falsch, aber trotzdem kann man das hier nicht vergleichen.
Das eine ist die Wandlung der Figuren in einer langen Reihe von Jahren, das andere die Wandlung von Personen in einem Roman.


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 10.9.2012, 16:14 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: 12.5.2004, 17:10
Beiträge: 6575
Wohnort: Mannheim
Wobei es vom Hauslehrer zum Westmann in wenigen Kapiteln geht. Weil der Westmann im konkreten Fall im Hauslehrer gleichsam schon vorhanden war.

:wink:


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags: Re: "Old Surehand"
BeitragVerfasst: 11.9.2012, 19:17 
Offline

Registriert: 16.6.2010, 13:21
Beiträge: 171
Wohnort: Köln
Zitat:
"Diese Beobachtungen zur Gesamtstruktur des Old Surehand machen deutlich, daß es gerade die Thematik der rückwärtsgewandten Spurensuche, die Thematik des Hinabsteigens in die Tiefen der Vergangenheit ist, die das verbindende, die verschiedenen Halndugsstränge zusammenhaltende Element des Romangeschehens darstellt. [...]
Leo Bender alias Old Surehand und die Geschichte seiner Familie stehen im Mittelpunkt der Fabel. Am Schicksal dieser Familie hat May die oben angesprochene Thematik der identitätsstiftenden Konfrontation mit der Vergangenheit und die Schwierigkeiten ihrer Bewältigung wesentlich detaillierter ausgearbeitet. [...]
Erst als Old Shatterhand dank seiner Kombinationsgabe - und einer Reihe glücklicher Zufälle - dem Familienschicksal der Benders langsam auf die Spur kommen und allen Familienmitgliedern ihre richtigen Namen zuweisen kann - und damit auch ihre bis dahin entstellte, gebrochene Identität wiederherstellt -, kommt es zur erneuten Zusammenführung der Familie, [...]
Schauen wir uns dagegen an, wodurch der Hauptteil des Romans bestimmt wird, so ist es nicht die Aufklärung - die bringt das Happy-End in knapper, aber um so wirkjungsvollerer Weise -, sondern die Suche. Fragen wir uns, was es denn ist, nach dem die Figuren des Romans suchen, so lautet die oberflächliche Antwort: ihre Familie und diejenigen, die das Unheil über sie brachten. Dahinter wird jedoch deutlich, daß es auch und vielleicht sogar vor allem ihre eigene Identität ist, die zu suchen sie sich auf den beschwerlichen Weg gemacht haben, eine Identität, die ihre Wurzeln in der Kindheit hat. [...]
Das Streben des Menschen, das Suchen und Ringen um Erkenntnis, um Identität und Selbstfindung, all das führt den Menschen schließlich zurück in seine eigene Vergangenheit, zu den Kindheits- und Jugenderlebnissen. Stellt er sich dieser Vergangenheit, akzeptiert er sie als Teil seines Ichs, so kommt er auch mit sich selbst ins Reine. Flieht er jedoch diese Konfrontation, so gelangt er nicht zur Ruhe, weil ihn die Suche nach der Identität immer weiter treibt.
Erst recht ist diese Suche dann notwendig, wenn die Vergangenheit des Menschen zur Störung, wenn nicht gar zur Zerstörung seiner Identität geführt hat. Sühne eigener Schuld, Befreiung von vermeintlicher Schuld, von den drückenden Lasten einer unglücklichen Vergangenheit: auch dies geschieht erst wenn man sich der notwendigen Aufarbeitung nicht verschließt."

[Joachim Biermann, Die Spur führt in die Vergangenheit. Überlegungen zur Thematik der Identitätssuche in Karl Mays 'Old Surehand', in: Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer (Hg.), Karl Mays 'Old Surehand', Paderborn 1995, 243-276.]


Das Beste was ich bisher über den Surehand gelesen habe - der mir lange Zeit der liebste nach dem Orientzyklus war... bis ich zum ersten Mal die unglaublich sperrige Satanund Ischariot-Trilogie las und zu ahnen begann, dass es dort noch vielmehr um Familie ging als im Surehand - nur verdeckter...

_________________
"So scheint mein Rohr besser zu sein als das Eurige, obgleich es viel kleiner ist."
[Der Schatz im Silbersee, 217.]

"Der Deutsche pflegt zwar albern, aber auch ehrlich zu sein."
[Der Sohn des Bärenjägers, 508.]


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 10 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste


Sie dürfen keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie dürfen keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  

Café el Kahira

Redaktion: Der Beobachter an der Elbe, Moderation: Dr. Giesbert Damaschke
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de
Thème 3myl_sable réalisé par SGo