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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 25.10.2012, 18:16 
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Mersina und Madana

„Wie bei einem Flickenteppich reiht sich in Mays Orient ein 'erzählter Raum' an den anderen, und in jeder dieser Sphären geht es ein wenig anders zu.“ (S. 252) So ist das. Bei Karl May wie im Leben.

Es gibt kein „Sauberkeitsideal“ (S. 253) bei Karl May, diese Aussage (siehe auch S. 252) ist falsch. [In den Filmen mag ein anderer Eindruck entstehen ... aber über deren 'Relevanz' brauchen wir nicht sprechen.]

„Unter all dem Dreck und der harten Schale verbirgt sich jeweils ein Herz aus Gold“ (S. 253, über die in diesem Kapitel besprochenen Wesen der besonderen Art), das ist zwar einerseits richtig, andererseits aber auch nicht ... denn hinter diesem „Herz aus Gold“ verbirgt sich, wenn man dann noch genauer hinguckt (und das tut May) wiederum Kleinkariertheit, Schäbigkeit, Selbstsucht usw., ad. lib. ... Es ist beides da, Dreck, auch innerlich, und „Gold“. (So ist es halt bei den Menschen ...)

Hübsch formuliert ist „satirische Menschlichkeit“ (S. 253), das trifft es gut, May weiß, daß wir alle 'kleine Sünderlein', Halunken usw. usf. sind, aber er mag uns trotzdem ... [zumindest teilweise.]

„In ganz Amadije herrscht eine Atmosphäre des Verfalls“ (S. 255), in Ernstthal (u.v.a. ...) [seinerzeit] auch, der Zusammenhang ist gut gesehen (wird auf S. 260 deutlich, s.u.)

Die „interkulturelle Konstante“ (S. 257) klingt zwar für entsprechend geeichte Ohren vielleicht schick, sie liegt aber nicht vor ... Dass nämlich „der Bereich 'Heim und Herd' weiblich konnotiert“ sei, ist allzuoft eben auch nicht der Fall bei May, denken wir an Punschbrauen in Mossul, Beköstigung in Bagdad, Halefs Kochkünste usw. ...

Mersina ist „faul, schlampig, unsauber und geldgierig“ (S. 258), und das sollten wir eben später auch über dem „goldenen Herzen“ nicht vergessen ... (s.o.)

Selim Agha sei kein „wirklich negativer Charakter“ (S. 259), natürlich ist er das nicht, es gibt keine wirklich negativen Charaktere, weder bei Karl May noch im Leben ... [ebenso wie es keine „wirklich positiven“ gibt ...]

May kleidete „seine notleidenden Zeitgenossen in morgenländische Gewänder“ (S. 260), sehr richtig. Insofern geht es eigentlich nicht wirklich um Orient, Westen usw., auch wenn viele das partout nicht sehen wollen ...

Die „materialistische, selbstzentrierte Einstellung der beiden ist letzten Endes überlebensnotwendig.“ (S. 260). Wir bezweifeln ja nicht und übersehen auch nicht, daß Mersina und Selim Agha auch ihre guten Seiten haben, aber ihren teilweise eben auch sozusagen elenden Charakter in dieser Weise beschönigen zu wollen, überzeugt nicht wirklich ... Die Menschen sind nun einmal „gut“ und „böse“ zugleich, das ist offenbar schwer zu verstehen, aber wenn man’s dann mal verstanden hat, wird einiges leichter ...

„Sie sind schlicht und ergreifend Menschen“ (S. 261), eben.

„Irgendwo unter all den Falten, dem Dreck und der Biestigkeit ist eben selbst Mersina eine sorgende (Groß)Mutter.“ (S. 262) Richtig. Weder der Dreck [durchaus auch im übertragenen Sinne ...] schließt die Fürsorglichkeit aus noch umgekehrt ...

„Das Ideal ist wortwörtlich durch den Schmutz gezogen worden, aber auf eine verquere Art und Weise ist es noch immer wirksam.“ (S. 262) Sehr wesentlicher Satz zu May. Aber so verquer ist das gar nicht ... Spontan fällt mir „Bei den Aussätzigen“ ein. Da wird Heilserfahrung erlebt zu Weihnachten, bei den Aussätzigen, ob auch bei Biedermanns oder Neureichs in Dresden bei Völlerei und angenehmer Raumtemperatur, wissen wir nicht ...

Im Folgenden wird dann die Madana als negatives Gegenbild zur Mersina gezeichnet, „bedrohlich, fast unheimlich“ (S. 264), insbesondere in Sachen der Ausführungen auf S. 265 will man schon kopfschüttelnd protestieren, erkennt aber dann später am Ende des Kapitels, worauf das hinauslaufen sollte. (S.u.)

„Die unschönen Aspekte des Alterns, des Sterbens und des Frau-Seins“ (S. 266), merkwürdige Zusammenstellung ...

„Hartnäckig und unbekümmert, wie Frauen ab einem gewissen Alter in Sachen zwischenmenschlicher Interaktion nun einmal sind“ (S. 267/68), Klischee laß nach.

„Die alte, schmutzige, ja, ekelerregende Madana entpuppt sich als eine echte Edelmenschin.“ (S. 269) („Ich mag dieses Wort nicht haben!“; Karl May über ein anderes) Überhaupt erscheint mir die interpretatorische Sicht Madanas als überzogen, ich empfinde die gute Frau allenfalls als eine etwas krasser angelegte Variante zu Mersina, mehr sehe ich da nicht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 26.10.2012, 17:28 
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Ingdscha, Benda und ein bißchen Dschumeila

Daß ein[e] Autor[in] in Bezug auf zuvor selber geschriebens „Langer Rede kurzer Sinn“ (S. 270) formuliert, dürfte auch eher Seltenheitswert haben ...

„Kara Ben Nemsi zieht von Anfang an nur eine rein platonische Beziehung zu seiner jungen Retterin in Betracht.“ (S. 273) Woher will die Autorin denn das wissen ? Der Erzähler spricht und schreibt nicht darüber, was er genau denkt und fühlt ... Wir wissen es in dem Fall nicht. „Obwohl er ihre Schönheit durchaus bemerkt, geschieht das wohl nur aus rein ästhetischen und nicht aus erotischen Gründen.“ Eine m.E. völlig abwegige These.

Daß der Erzähler auf Halefs Vorschlag, Ingdscha zur Frau zu nehmen, „Ich werde es mir überlegen“ sagt und dabei lacht, hat seinen Witz nicht darin, daß er das so abwegig fände, sondern darin daß Halef etwas offen hinausposaunt, womit er sich schon lange gedanklich und emotional beschäftigt ... zumindest als theoretischer Möglichkeit ... Es ist m.E. Unsinn, daß er angeblich „ganz nund gar über solchen Dingen“ stehen soll.

Seine Heimatlosigkeit auch innerer Art und eben auch tiefe Sehnsucht nach einer wirklich erfüllenden Beziehung, die er zu der Zeit eben nicht hatte (er hatte seine fatale Ehe der besonderen, der Strindbergschen Art ...), erkennt May – hier schreibe ich ganz bewußt May und sonst nichts[, denn es handelt sich um eine der Stellen, in der Autor und Erzähler gänzlich eins werden] – in einem sehr berührenden Moment in Band 3, da geht es ans Eingemachte, und das kommt herüber, daß da „ihn ein wenig die Wehmut plagt“ ist ärgerlich oberflächlich gesehen.

Auch Dschumeila im „Krumir“ ist weit mehr als eine flüchtige Begegnung, „Ernsthaft in Erwägung zieht er eine Verbindung mit Dschumeila nicht“ (S. 276), das stimmt so nicht bzw. das mag zwar letzten Endes sein aber das entschuldigt nicht, seine heftige emotionale Verwicklung damit einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

„In Ingdscha etwas anderes als eine platonische Freundin zu sehen, kommt unserem Helden keinen Moment lang in den Sinn“ (S. 277), das ist mit Verlaub Unfug. Die Wiederbegegnung in Band 27 bricht einem ja sozusagen fast das Herz ... Daß er sich nicht pathetisch 'auskäst' darüber heißt keineswegs daß es so arg nicht war sondern daß er einfach nicht detaillierter darüber schreiben will. (Vgl. z.B. „In Beziehung auf unseren Abschied fasse ich mich kurz“ über einen anderen tiefgehenden Moment [mit einer anderen Person]. (Ein Bearbeiter hat seinerzeit für eine mittlerweile nicht mehr im Handel befindliche Fassung tatsächlich „Unser Abschied war kurz“ daraus gemacht, sich dazu angemessen zu äußern verbietet das Strafgesetz ... (frei nach Hans Wollschläger).))

Daß dem Erzähler bei der Wiederbegegnung Ingdschas Verhalten „ziemlich unerklärlich“ bleibe, ist eine 'kühne Theorie' ... selbstverständlich weiß er was 'los ist', er quatscht halt nicht darüber ...

Es wird immer ärgerlicher, „beweist hier [...] eine Naivität“ (usw.) (S. 278), man mag das Buch schon aus der Hand legen. Nicht nachvollziehbar wie man so danebenliegen kann, nach einigem vorher durchaus Erfreulichem. S. 279 obere Hälfte: Unfug.

Zwischen Ingdscha und Erzähler gibt es nicht „Entfremdung“ in Band 27, sondern stummen Schmerz ...Beiderseitig. Nur bunkert der Erzähler ihn offenbar 'besser' weg, läßt ihn nicht so zu. – Die Betrachtungen des zweiten und dritten Absatzes auf S. 280 sind dann wieder akzeptabler.

In Sachen Benda hat die Autorin offenbar etwas klarer gesehen als in Sachen Ingdscha: „geschieht etwas [...], das nicht wirklich auserzählt wird.“ (S. 283) Eben. Das ist zwar mehr als „Vertrautheit“ und „heimelige Atmosphäre“, nämlich Liebe, aber daß da überhaupt etwas ist, wurde immerhin wahrgenommen, auch wenn seitens des Erzählers nicht lang und breit darüber herumschwadroniert wurde.

*

(Man mag die Art und Weise dieser Ausführungen gelegentlich als überheblich, unangemessen unhöflich oder sonst etwas empfinden, nur zu, das geht in Ordnung. Ich bin halt 'mit dem Herzen dabei', und wenn ich etwas sehr interessant finde, wie dieses Buch, bin ich umso enttäuschter, wenn es zwischenzeitlich so abfällt ...)


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 29.10.2012, 13:24 
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Ein Held in Nöten

Daß die Episode um des Färbers Frau auch eine „brillante Satire auf die Begegnung zwischen Mann und Frau, die zuweilen eine Tragödie schierer körperlicher Widerstände sein kann“ (S. 295) ist, ist gut gesehen. Ebenso „parodiert die Interaktion zwischen den beiden die (intime) Mann-Frau-Begegnung in all ihrer tragischen Unmöglichkeit“.

„Unwillkürlich fühlt man sich an eine unbeholfene Verführungsszene erinnert“ (S. 297), interessanter Aspekt.

Daß „zwischen dem wilhelminischen Mann und der wilhelminischen Frau“ Sex „ein Tabu“ gewesen sei, ist ein Märchen und ein dummes Klischee ... Insgesamt dürfte es verklemmter zugegangen sein, freilich, aber so etwas betrifft ja nun nicht gleich hundert Prozent der Bevölkerung ... Solche Aussagen finde ich immer ein wenig ärgerlich, da arg undifferenziert.

Auf S. 298 f. bekommen die Betrachtungen zur Episode mit der Färbersfrau dann eine Ernsthaftigkeit, die zu ihrem Objekt nicht so recht passen wollen ...

Daß der Wortwechsel eine „amüsanten doppelten Boden“ (S. 300) hat, ist wieder richtig.

„Die traurige Alltagsrealität von Rumeli können diese spielerischen Elemente jedoch nicht überdecken.“ (S. 302/3) Gut gesehen.

„Die kleine Krise der Familie Boschak ist ein Spiegel der großen Krise des patriarchalen Gesellschaftssystems.“ (S. 305) Lassen wir „patriarchalen“ weg, dann kommt’s hin. (Denn der Spiegel ist zeitlos.)

„Was bei Hauptmann zur Tragödie wird, kann der Maytext mit schwarzem Humor darstellen“ (S. 308), eben, und eben darum scheint mir die Bezugnahme zu Hauptmann konstruiert, May nimmt seine Figuren in dieser Episode, zumindest die der kleinen Liebesgeschichte darin, entschieden weniger ernst.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 30.10.2012, 11:07 
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In Sachen der weiteren Kapitel bis zum Schluß versuche ich mich insgesamt etwas kürzer zu fassen ... (was indes nur teilweise gelingt.)

Die Legende der Heiligen Nebatja

Erfreulich, daß auch eine scheinbare Nebenfigur durch ein eigenes Kapitel gewürdigt wird; diese Nebatja aus Band 5 bzw. die Begegnung mit ihr blieb in der Tat über die Jahrzehnte in Erinnerung.

Eine Amazone in der Wüste

„Man könnte sagen, dass sich Amscha aus den Ruinen ihres früheren Lebens selbst neu geformt hat.“ (S. 331) Schöner Satz. Gilt auch für Karl May selber und berührt darüber hinaus ein starkes Thema.

„Der gereifte May urteilte über Grausamkeit von Frauenhand offenbar differenzierter als sein jüngeres Selbst“ (S. 335) heißt es über den May der Abu Seif-Episode (1880) gegenüber dem des „Old Firehand“ (1875), ich glaube indes nicht, daß der gereifte Achtunddreißigjährige die Dinge so anders sah als der jüngere Dreiunddreißigjährige, es handelt sich halt um zwei verschieden gelagerte, schlecht vergleichbare Fälle ... [Und zwar, in Kurzform: bei Ellen spürt er, daß er es mit einer Panzerung zu tun hat, die [zu Ellens Wohl] 'geknackt' werden kann, Ellen ist noch nicht wirklich die die sie sein könnte, Amscha hingegen ist und bleibt wie sie [ganz bewußt und authentisch] ist, wogegen seinerseits durchaus nichts einzuwenden ist ...]

„Heute würde man sie schlicht als „cool“ bezeichnen“ (S. 338, über Amscha). Damit nähme man ihr indes eine Dimension ... Und sie weiß den Erzähler nicht zu „provozieren“ (das ist zumindest mißverständlich ausgedrückt, es sei denn man benutzt das Wort in seinem ursprünglichen Sinn von „etwas hervorrufen“), sondern zu nehmen, gezielt zu konfrontieren ... womit er keineswegs ein Problem hat und insofern nicht 'provoziert' (im gängigen Sinn) ist.

Gut und richtig gesehen ist, „dass die 'Wüstentochter' ganz allein und durch gründliche, logische Überlegungen zu ihrer Weltanschauung kommt – und der Begriff ist in Amschas Fall im wortwörtlichsten Sinne zu verstehen“. (S. 339) Amscha weiß was sie tut und ist sich ihrer selbst vollkommen bewußt. (Da gibt es nichts mehr zu 'knacken' im Vergleich zu Ellen ... s.o.)

Hanneh, die Blume der Frauen

„Die Ehe Halefs ist also, wie so vieles im Mayversum, erst einmal nur Täuschung, ein Spiel“ (S. 342) Sehr gut gesehen. Vgl. die 'Befreiung' Winnetous in WI, eine Täuschung, ein Spiel ... auf so etwas baut bei May in der Tat allerhand auf. Seine Weltsicht ist schon sehr eigenartig, im Wortsinn: von eigener Art ...

Des Erzählers entspannte Augenzwinkerei in Sachen Liebe und Ehe ist aber keineswegs „zynisch“ (S. 344). Eine kleine harmlose Prise Galligkeit, angemessenerweise ...

Und in Sachen Wortwahl gleich 'noch einer', „triezen“ (S. 344), so etwas machen vielleicht Zwölf- bis Fünfzehnjährige, oder auch ungefähr eben da stehengebliebene älterer Jahrgänge, Kara Ben Nemsi indes spielt in einer anderen Liga, der „triezt“ nicht ...

Kara Ben Nemsi „reagiert als ein mit sich selbst identischer Mann, der stark genung ist, eine Frau in ihrer Selbstheit anzunehmen.“ (S. 364) Eben. Auf der Ebene spielt dann das Geschlecht nicht wirklich mehr eine Rolle. [Nur erreicht eben oft Mann – Frau – Kommunikation dieses Niveau nicht ...]

Der Erzähler stand Hanneh niemals „relativ distanziert“ (S. 365) gegenüber, ich weiß nicht wo die Autorin das gesehen haben will.

Im 'Silberlöwen' (III) haben wir es in der Tat mit einem „Spiegelraum“ (S. 367)zu tun, „in dem unsere Helden anderen Inkarnationen ihrer selbst von Angesicht zu Angesicht begegnen.“ Schön gesehen und formuliert.

Bei Hanneh haben wir es aber nicht mit der „Frauenfrage“ (S. 369) zu tun, die gibt es nicht, s.o. die Anmerkung zu S. 364 ...

Und dieses Wort 'Powerfrau‘ kann ich allmählich nicht mehr hören, als es uns auf S. 369 zum gefühlten hundertsten Mal in diesem Buch begegnet ... 'Powerfrauen' mögen in Wirtschaft, Politik u.dgl. ihren Kram machen [und entsprechend geneigte Gemüter beeindrucken], in [- kurzgefaßt -] Bereichen weltlicher Gschaftlhuberei halt, bei May bzw. hier im konkreten Fall bei Hanneh aber geht es um mehr ... Um Persönlichkeit, Reife, Stärke, Bewußtsein, Erkenntnis, aber nicht um so etwas Profanes wie eine 'Powerfrau' ...

Sehr schön aber, ja berührend schön ist der Satz mit der Spiegelwelt, den Grenzen und den gleichgesinnten Freunden auf S. 372 im ersten Abschnitt. [Man hat es bei diesem Buch wirklich mit gewaltigen 'Wechselbädern' zu tun ...]

Die Anmerkung nach „Übrigens:“ (S. 372) wäre keineswegs nötig, das ist doch klar ... 'Über so etwas reden wir doch gar nicht' möchte man äußern ... Siehe oben in Sachen Ebene, Niveau ... Der Geschlechterkampf mag eine Rolle spielen solange man sich [in Sachen Bewußtsein] in niederen Regionen bewegt, und da spielt er dann in der Tat eine ganz beträchtliche Rolle, aber ab einem Punkt, an dem man [miteinander] darüber hinaus ist, spielt er halt keine mehr ...

Das Lob Hannehs gerät insgesamt ein wenig verbissen bemüht. Da wird etwas herausgestellt, was gar nicht herausgestellt werden muß ... mit wirklich starken Frauen hat May nie ein Problem gehabt ... Es hängt nicht vom Geschlecht ab, ob eine[r] stark, vortrefflich, interessant, vorbildhaft, sonstnochwas ist ... Er ist der der er ist bzw. sie ist die die sie ist ...

Am Lagerfeuer: Amazonenschlacht

„Verschnaufpause. Nachgedacht.“ (S. 376) – Vorher nicht ? :D [Es ist sicher Geschmackssache; ich persönlich spüre bei solchen unvermittelt hauruckigruckzuckigen Burschikositäten á la Frau Heidenreich am unpassenden Ort gelegentlich so etwas wie ein leichtes Kräuseln auf den Handrückenhaaren ...]

Die Autorin sollte ihr vermaldeites Mann–Frau–Denken mal außen vor lassen, in diesem Kapitel ist es besonders lästig ... Es geht z.B. in W IV nicht um ein „Alphamännchenmonument“ ... es geht um die Nichtnotwendigkeit eines Bildnisses oder Denkmals, um das Bewahren im Innen, nicht im Außen ... mit dem Geschlecht hat das, wie so vieles, rein gar nichts zu tun ...

„Miststück“ (S. 378) über die Gul-i-Schiras ... so etwas würde mit Recht in keinem Schulaufsatz durchgehen [zumindest zu meiner [Schul-] Zeit. Wie es heute ist weiß ich nicht ... und will es auch gar nicht so genau wissen ...]. [Ein Miststück begeht z.B.vielleicht Betrügereien auf dem Fischmarkt oder ähnliche Unerfreulichkeiten ... Die Gul ist ein paar Nummern größer ...]

„anzudrehen“, „Emanze“ ... (S. 369) Das gesondert angekündigte Nachdenken könnte zumindest sprachlich überzeugender herüberkommen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 31.10.2012, 19:38 
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Die Irrwege der Köstlichen (Pekala)

„Das Schlimmste ist, daß sie auch noch selbst an das glaubt, was sie anderen vorspielt. Deshalb kann sie so authentisch wirken.“ (S. 393) Und weil ihresgleichen zu hunderttausenden herumlief, herumläuft und herumlaufen wird, durch die Jahrhunderte ...

Schön die geharnischte Analyse auf S. 394. (S.o. ...)

Interessante Beobachtungen auf S. 399 im oberen Absatz.

„Hilflose Wut“ (S. 401) sehe ich beim Erzähler in Sachen Pekala nicht ...


Schakara, die Seele

Das „Loblied“ auf die Intuition (S. 410) hat nichts mit weiblich oder männlich zu tun ...

Schakara „verpasst“ dem Erzähler keinen „Rüffel“ (S. 412), sondern setzt sich [- auf Augenhöhe -] argumentativ mit ihm auseinander, weist ihn auf etwas hin ... „Und er hat ihn wegen seiner Unbelehrbarkeit, was die Tapferkeit, Zähigkeit und Belastbarkeit von Frauen angeht, auch redlich verdient!“ Achgottachgott ... Als ob es um so etwas ginge ...

„Im Endeffekt stellen sich Schakara und Kara Ben Nemsi als zwei Inkarnationen eines einzigen Selbst dar, die sich mal getrennt, mal in einer Person vereint manifestieren können.“ (S. 413) Im Fall Schakara / Kara Ben Nemsi sehe ich das zwar weniger, aber es wird hier ein Prinzip gut erklärt, das sich so auch auf zahlreiche andere Personen in Mays Werk beziehen läßt. „Doch trotz all ihrer symbolischen Bedeutung können und müssen wir die junge Kurdin auch als eigenständigen Charakter begreifen.“ (S. 413/14) Läßt sich wiederum auf andere Figuren übertragen. Diese Dinge sind fließend bei May, mal steht eine Person für eine andere, mal teilweise, mal eher nicht, mal verkörpert sie etwas, mal gewinnt sie darüber hinaus gleichsam ein Eigenleben ... mal ist sie eine Spiegelung, dann wieder nicht ... das wechselt, innerhalb der gleichen Figuren. Nicht einfach [für Interpreten nach schlichten Schemata], und sehr reizvoll.

Daß es keine „sexuellen Untertöne“ (S. 414) gäbe bei Schakara und Erzähler, sah z.B. Wollschläger mit Recht ganz anders ... Kurioserweise schreibt die Autorin dann auf S. 416 in der Haar-Passage gleichsam gegen ihre eigene These an, offenbar eigenartigerweise ohne sich dessen bewußt zu sein ...


Ein Mädchen namens Merhameh

Nun wird es sozusagen etwas schwierig, aber auch reizvoll, da mir immer, wenn ich an Merhameh denke, Lu Fritsch einfällt, schauen wir mal, wie wir klarkommen mit den Ebenen.

„Entgrenzung“ erlebe das Ich, „nichts weniger als ein Pfingsterlebnis“ (S. 426), zugegeben, die Begegnung mit Merhameh war und ist ein Erlebnis der durchaus besonderen Art, aber das hier zitierte scheint mir doch etwas zu hoch gegriffen ...

Wir erfahren „reine Kraft“ (S. 426), die Assoziation „Energie“ mag in der Tat Mays erste und haftengebliebene gewesen sein seinerzeit bei Ansichtigwerden der Fritsch bzw. (vorm geistigen Auge) Merhamehs ...

Aber andere Seiten sollen dabei nicht übersehen werden, wir haben es mit einem Wesen zu tun, das „den armen Hadschi Halef hinterhältig mit kleinen Steinchen bewirft“ (S. 427), ganz richtig, auch das sollte durchaus nochmal gesagt werden.

Und dann gibt es da „jene fast kindliche Spiellaune, die Kara Shatterhand genauso charakterisiert“ (S. 428), das ist wahr ... [und schön].

„Ihre Vitalität ist ungeheuer ansteckend und sympathisch“, kein Widerspruch.

„Zu einer solchen 'Spielkunst' gehört ein hoher Grad an Selbstreflexion und ein Einblick in das Wesen anderer Menschen“ (S. 432; über Halef / May), sehr schön.

„Halef kann in Gegenwart von Merhameh der beste Halef überhaupt sein, weil sie ihn von Grund auf erkennt und ihn so annimmt, wie er ist.“ (S. 433) Das mag im Buch so sein, ob aber im Leben ... Mit dem Erkennen, naja, ein wenig schon, mag sein, und mit dem Annehmen auch ... Aber alles hat Grenzen ...

Der Erzähler könne das nicht, Halef annehmen wie er ist, „Da braucht es schon die unbekümmerte Merhameh mit ihrem frischen, liebenden Blick“ (S. 433), der Erzähler kann es durchaus, die Merhameh auch[, die Fritsch aber nicht] ...

„Kara Ben Nemsi [...] und Merhameh treten augenblicklich in eine Beziehung, die mit keinem anderen Wort als wiederum 'Liebe' bezeichnet werden kann.“ (S. 433) Einspruch. Es ist nicht zu leugnen, daß wir es mit einer der interessantesten Beziehungen überhaupt im Gesamtwerk zu tun haben, aber 'Liebe' ... ? Da ist [eine gewisse] Faszination, aber nicht Liebe. Beiderseits.

Die Autorin rühmt Merhamehs „kindlichen Geist, ihre unverdorbene, unschuldige Sicht auf die Welt, die ganz und gar entwaffnend ist“ (S. 436) Schön gesehen, daß ganz unterschiedliche Wesensmerkmale (Energie, Willensstärke usw. und eben dies) sich nicht ausschließen.

Sie bitte nicht, sondern argumentiere, „denn eigentlich bittet Merhameh nur selten; sie überzeugt“ (S. 438), wohl wahr.


Im Reich der Großen Mutter

Aber nun zum Schluß;

Mit der Gul scheint die Autorin offenbar sozusagen ein persönliches Problem zu haben, nach dem „Miststück“ lesen wir nun von einer „abgehalferten Vettel“ (S. 447), was mag da passiert sein ...

Waller aus F 30 wird erneut erwähnt und dann steht da tatsächlich „Wer gut aufgepasst hat, erinnert sich vielleicht an ihn, weil er auf den Seiten dieses Buches schon immer wieder Erwähnung fand“ (S. 448), nun wird sich jeder halbwegs ernstzunehmende Maykenner zwar durchaus auch ohne dieses Buch an Herrn Waller erinnern, ob er sich aber auch auf Anhieb erinnert, daß der in diesem Buch schon Gegenstand der Betrachtung war, können wir mal dahingestellt sein lassen ...

Die Yin als „allerreinste unter den lichten May’schen Frauengestalten“ (S. 449), das ist eine interessante These. [Vorsichtshalber: das meine ich nun freilich völlig ernst. Von häufiger Süffisanz o.ä. an anderen Stellen bitte nicht auf generelle Abfälligkeit schließen ... Hier geht’s völlig unparteiisch zu ... Mal so mal so, je nachdem ... Und daß das hier krass hin und hergeht liegt halt an der Art des zu Besprechenden ...]

Ob [diese oder jenes] zuträfe, „muss nach der Lektüre von Nscho-tschi und ihre Schwestern wohl jeder selbst entscheiden.“ (S. 452) Nochmals (vgl. S.448) eine verblüffende Stellenwerteinschätzung in Sachen eigenen Treibens.

Zu Schakara paßt das Wort „katzenhaft“ (S. 453) zwar nicht, wohl aber zu Klara May in gewisser Weise schon, insofern interessant ...]

Eigenartig farbloser Schluß mit dem m.E. unschönen, albern klingenden „Mayden“ als letztem Wort.

*

Und das war’s. Hamdulillah.

*

Fazit:

Ein sehr interessantes, lesenswertes Buch mit einem sehr erfreulichen Ansatz, nämlich: die Mayschen Figuren voll und ganz ernst zu nehmen und sich tiefgehend mit ihnen zu beschäftigen. Was dann dabei im Einzelnen herauskommt, vermag leider nicht durchgängig zu gefallen. [Und noch einmal: sich bei einem ernsthaften, seriösen Buch über May durchgängig auf bearbeitete Fassungen zu beziehen, das geht einfach nicht an.] Ein eigenartiger Fall. Viel Licht und Schatten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 11:37 
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... fast bin ich ja überredet, mir das Buch auch anzuschaffen; aber bisher hat's nur zu 50% gereicht ...

:)

Helmut


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 14:53 
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Laß dich nun auch noch ganz überreden.
Das Buch ist´s wert :D


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 15:02 
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Auf jeden Fall eine der interessantesten Neuerscheinungen der letzten Jahre.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 15:15 
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also gut, ich habe das Buch gerade bestellt, und ihr seid schuld.


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 15:20 
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Und dann erbitte ich Bericht in gleicher Ausführlichkeit ...

:D

(ich mach' das jetzt nicht mehr. Ab jetzt machst Du das.)

:D


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 16:17 
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Dann bestell ich lieber nicht ... :roll: :mrgreen:


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 17:05 
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Wär' aber mal interessant was Ihr so meint; bei Schreibblockade o.ä. begnügen wir uns auch mit Kurzform ...

:wink:


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 2.11.2012, 20:51 
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rodger hat geschrieben:
Wär' aber mal interessant was Ihr so meint; bei Schreibblockade o.ä. begnügen wir uns auch mit Kurzform ...

:wink:



Dem schließ ich mich vollumfänglich an. Traut euch; hab ja selber auch im Vergleich zu Rodger sehr wenig geschrieben. Aber so gern wie zu diesem Buch hab ich hier schon lange nichts mehr gepostet gehabt. :)


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 4.11.2012, 13:57 
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... und wem es nach der Lektüre des Buches zuviel geworden ist mit all den Weibern, wie seinerzeit Sascha Schneider bei "Babel und Bibel", dem sei sozusagen als Gegengewicht Hesses "Glasperlenspiel" empfohlen, da kommen auf vielen hundert Seiten überhaupt keine vor ...

:lol:


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 Betreff des Beitrags: Re: Nscho-Tschi und ihre Schwestern
BeitragVerfasst: 10.11.2012, 21:32 
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Beim gestrigen Karl-May-Kolloquium in Augsburg hat mir Katharina Maier ein Exemplar "Nscho-tschi und ihre Schwestern" geschenkt, mit persönlicher Widmung sogar. Bin sehr gespannt auf die Lektüre, ich glaube, es ist ein wirklich schönes und lesenswertes Buch.


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