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 Betreff des Beitrags: Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen
BeitragVerfasst: 20.11.2005, 13:50 
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Hallo Karl-May-Freunde

Aktualisierte Seite der Karl-May-Stiftung weist auf Neuerscheinung hin.
http://www.karl-may-stiftung.de/edition/index.html

Neu erschienen:

Karl May – Leben und Werk
Biographie von Dr. Hermann Wohlgschaft

3 Bände, zus. 2.350 Seiten mit 52 Duoton-Porträttafeln, Lebenschronik, Literaturverzeichnis, Personen-, Orts- und Sachregister, Halbleinen mit Silberprägung und Buntpapierüberzug, Graphitschnitt und Lesebändchen, – EUR 98,00


Gruss Günther Wüste

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 Betreff des Beitrags: Wohlgschaft-Biographie und Blindheitslegende
BeitragVerfasst: 3.12.2005, 17:29 
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Hallo May-Freunde
In einen anderen Forum wird eine Disskussion um die Blinheitsdarstellung in der Wohlgschaft-Biographie zu Karl May geführt.

http://www.karl-may-buecher.de/
Leserunden Wohlgschaft-Biographie

Habe mal alles dazu aufgelistet um auch hier eine Diskussion zu entfachen. War Karl May als Kind blind oder nicht?
Ich meine ja. Günther.

Blindheit von Karl May

Selbstzeugnisse

Leben und Streben, S. 16

Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind war und schon laufen konnte…

Ich war weder blind geboren noch mit irgend einem vererbten körperlichen Fehler behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kräftige, gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu zeihen, ist eine Böswilligkeit, die ich mir unbedingt verbitten muß. Daß ich kurz nach der Geburt sehr schwer erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der rein örtlichen Verhältnisse, der Armut, des Unverstandes und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer fiel. Sobald ich in die Hand eines tüchtigen Arztes kam, kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein höchst kräftiger und widerstandsfähiger Junge, der stark genug war, es mit jedem andern aufzunehmen.


Leben und Streben, S. 30
In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Märchen von Sitara, sondern das Märchen "von der verloren gegangenen und vergessenen Menschenseele" auf. Sie tat mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint.

Leben und Streben, S. 20
das Wohlwollen der beiden Professoren Grenzer und Haase erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten und seelisch doch so regsamen Knaben erzählt. Sie war aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um von den beiden Herren behandelt zu werden. Das geschah nun jetzt, und zwar mit ganz überraschendem Erfolge. Ich lernte sehen und kehrte, auch im übrigen gesundend, heim.

Leben und Streben, S. 31
Ich sah nichts. Es gab für mich weder Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch Ortsveränderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstände wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war seelisch. Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeußeres, sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf den heutigen Tag.

Brief: 20. März 1897 an Unbekannt
Aus dem ersten Bande werden sie ersehen das auch ich blind gewesen bin und also wohl weiß, welche herrliche Gottesgabe den lieben Zöglingen ihrer Anstalt versagt worden ist…

22. März 1912, Vortrag in Wien
Als ich ein kleiner Knabe war [kein Säugling], war ich blind; erst später habe ich das Augenlicht wieder gewonnen. Damals als Blinder wurde ich von meiner alten Großmutter betreut…

Literarische Zeugnisse von May


Old Surehand 1, S. 343
nachher bogen wir rechts ab und erreichten nach zehn Minuten die Fährte der Comantschen. Diese war eine sehr deutliche und ausgesprochene; ein Blinder hätte sie zwar nicht sehen können, aber fühlen müssen.

Old Surehand 1, S. 412
Ich bin dreimal blind gewesen und mußte dreimal operiert werden. Hatte ich das verdient?


Literarische Zeugnisse in der Sekundärliteratur
Aber nicht durch May herausgegeben [autorisiert?] beruhen auf Angaben von May [aber wahrscheinlich
vom Verfasser, ausgeschmückt, interpretiert, falsch verstanden oder durch May in Szene gesetzt wie Farbe auf einer Leinwand]

Erst Abel: Erinnerungen an Karl May 1897 [Renomier Phase]
Bis zu seinem fünften Jahre war er blind, nachdem er erst im Alter von 6 Jahren stehen und gehen konnte

Max Dittrich: Karl May und seine Schriften 1904, S. 30
May ist als Kind blind gewesen, ein schwacher, beinahe elender Knabe bis ins sechste Jahr. Dann trat ein Umschwung ein in das grade Gegenteil, fast wie ein Wunder.

Heinrich Wagner: Karl May und seine Werke, 1906 [Version wohl nicht von May]
Der Knabe kam blind zur Welt und war ein ungemein schwächliches Kind.

Marie Hannes um 1902?
Der kleine Karl nun war ein äußerst schwächliches Kind – fast gelähmt –sehr augenkrank-kurz – kaum lebensfähig

Äußerung von Johannes Zeilinger in M-KMG, Nr. Nr. 127/März 2001, S. 22.
Es gibt keinen Grund, die frühkindliche Erkrankung Mays anzuzweifeln, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie mit einer Augenerkrankung einherging. Die wenigen erhaltenen Hinweiße allerdings sind zu spärlich, um hieraus eine auch nur halbwegs gesicherte Diagnose ziehen zu wollen…

Äußerung von Christina Alscher in KMHI 19, S. 39
Sehr wahrscheinlich ist doch ein Zusammenhang zwischen dem beschriebenen Siechtum und der Augenerkrankung [weitere Ausführungen stimmen teilweise mit Ralf Harder und Herrmann überein]..

Äußerung von Herrmann Wohlgschaft, Biographie 2005, S. 52
Harder beruft sich, plausibel, auf das Lehrbuch „Die Augen-Erkrankungen im Kindesalter, verfasst von Prof. Dr. Oskar Eversbusch (1853-1912, Fachmann für Augenheilkunde)

Chronik Bd. 1, S. 28
Vermutlich aufgrund mangelnder Körperhygiene und unzureichende Versorgung mit Vitamin A als Folge einer anhaltenden Dürre erblindet das Kind. Mays frühkindliche Blindheit, zu der es außer seinen eigenen Angaben keineNachweise gibt wird angezweifelt; zumindest eine Augeninfektion oder Xerophthalmie ist jedoch warscheinlich...

Chronik Bd. 1, S. 31
Eine ständige Bedrohung im Leben des blinden oder zumindest sehbehinderten Jungen entfällt damit.

Chronik Bd. 1, S. 35
wird Karl [nach eigener späteren Aussage geheilt] von seiner Augenkrankheit geheilt

Indizien für frühkindliche Blindheit
Der Scout, 1888 Hausschatz 602. (Vorfassung des Kampfes mit Old Firehand in Winnetou 2, nur Bamberg). Dann betastete ich ihn, da es zu dunkel war, ihn betrachten zu können. Welche Ueberraschung; ich hatte - - Winnetou besiegt!

Literaturliste

Alschner, Christina: Karl Mays frühkindliches Augenleiden. [Augenärztin zur Blindheit von Karl May]. In: KMHI, Nr. 19/2005, S. 38-44. Hohenstein-Ernstthal: Karl-May-Haus, 2005.

Augustin, Siegfried/Beissel, Rudolf: Wurzeln und Wege der Phantasie. [Karl May, die Blindheit und seine spätere Phantasie]. In: BfV, 21 Jg., Nr. 3/Aug. 1982, S. 1-4. Graz: Verein der Freunde für Volksliteratur, 1982.

Biermann, Joachim: Gedanken zu einem offenen Brief. [über die Blindheitsdiskussion um Karl May]. In: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 64-66. Erg.: William E. Thomas: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 46-50. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999.

Düsing, Hans-Jürgen: Ich bin dreimal blind gewesen. In: M-KMG, Nr. 134/Dez. 2002, S. 18-22. Erg.: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 46-50. Erg.: M-KMG, Nr. 123/März 2000, S. 5-17. Erg.: M-KMG, Nr. 124/Juni 2000, S. 16-22. Erg.: Jb-KMG 2000, S. 179-194. Erg.: M-KMG, Nr. 127/März 2001, S. 4-12. Erg.: M-KMG, Nr. 127/März 2001, S. 13-23. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999ff.

Harder, Ralf: Die Erblindung - eine entscheidende Phase im Leben Karl Mays I. In: M-KMG, Nr. 68/Mai 1986, S. 35-38. Internet: www.karl-may-stiftung.de/blind.html (überarbeitet und erweiterter Text der M-KMG, Nr. 68/Mai 1986) Erg.: Ralf Harder: M-KMG 124/Juni 2000, S. 16-23. [II. Teil]. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1986ff. Erg.: www.karl-may-stiftung.de/eversbusch.html Radebeul, Karl-May-Stiftung, 2004. [zum Hungersnottext]

Harder, Ralf: Die Erblindung - eine entscheidende Phase im Leben Karl Mays II In: M-KMG, Nr. 124/Juni 2000, S. 16-23. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 2000.

Harder, Ralf/Mischnick, Harald: Die Hungersnot der 1840er Jahre und ihre Auswirkungen am Beispiel Karl Mays und seiner frühkindlichen Erblindung. In: M-KMG, Nr. 127/März 2001, S. 4-12. Internet Karl-May-Stiftung: www.karl-may-stiftung.de/hungersnot.html

Mischnick, Harald: „...weder blind geboren...“ In: KMG-N, Nr. 124/Juni 2000, S. 39-43. Internetseite Karl-May-Stiftung: www.karl-may-stiftung.de/mischnick.html

Mischnick, Harald: „...drei Stockwerke hoch...“ Die sogenannte Urszene und die Spaltung des menschlichen Erinnerungsvermögens. Internetseite der Karl-May-Stiftung: www.karl-may-stiftung.de/mischnick3.html

Schweikert, Rudi: „… und eine Geschichte ist besser, als alles was man sehen kann“. Frühe Blindheit: Literatur und Lebensbeschreibung. Zur Selbststilisierung Karl Mays anhand von August Lafontaines Roman „Tinchen, oder die Männerprobe“. [mit biographischen Anmerkungen zu Karl May]. In: M-KMG, Nr. 122/Dez. 1999, S. 20–25. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999.

Thomas, William E.: Karl May’s Blindness. Internet: Deutsche Fassung: Karl Mays Blindheit. Internet: Inhalt Englisch und Deutsch. In: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 46–50. Erg.: M-KMG, Nr. 122/Dez. 1999, S. 11. [Deutsch]. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999.

Thomas, William E.: Karl May’s Blindness (part 2). [1999] Internet: Inhalt Englisch und Deutsch. Internet: Deutsche Fassung: Karl Mays Blindheit 2: http://www.karl-may-stiftung.de/blind4.html In: M-KMG, Nr. 123/März 2000, S. 5–16. [Deutsch] Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 2000.

Thomas, William E.: Karl Mays Blindheit. In: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 46-50. Erg.: M-KMG, Nr. 122/Dez. 1999, S. 11. [Fehlerberichtigung]. Erg.: M-KMG, Nr. 119/März 1999, S. 64-66. [Joachim Biermann, offener Brief] Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999. Erg.: Gert Asbach: Die Medizin in Karl Mays Amerika-Bänden. Medizinische Dissertation. (90 S.) Düsseldorf: Institut für Völkerkunde, 1972. [Blindheit von Karl May wird dort erwähnt]

Thomas, William E.: Karl Mays Blindheit 2. In: M-KMG, Nr. 123/März 2000, S. 5-16. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 2000.

Thomas, William E.: Karl May aus medizinischer Sicht. Karl Mays Blindheit. Karl May & Rachitis. Karl Mays Weglaufen von Zuhause. Karl May & Dissoziative Identitätsstörung. Karl May und William Ohlert. Karl May letzte Erkrankung und Todesursache. Karl May & Juggle Fred. Karl May & Trauer. Karl May in der deutschen Tradition. Karl Mays angebliche Geistesstörung. Karl May und die Jutiz – Gerechtigkeit für Karl May. Internet: http://www.karl-may-stiftung.de/thomas.html Radebeul, Karl-May-Stiftung, 1998ff.

Thomas, William E.: Karl May (1842-1912). Body and Mind. (156 S.) Australien: BooksSurge, 2005. ISBN: 1-921019-19-0

Zeilinger, Johannes: Autor in fabula. Karl Mays Psychopathologie und die Bedeutung der Medizin in seinem Orientzyklus. In: Leipzig, Dissertation medizinisch, 1999. In: SchKMG Bd. 2. Kart. 160 S. Husum, Hansa Verlag, 2000. Siehe Anfang: www.karl-may-stiftung.de/mischnick3.html
http://www.karl-may-stiftung.de/mischnick3.html#f1

Zeilinger, Johannes: In den Schluchten der Diagnostik. In: M-KMG, Nr. 122/Dez. 1999, S. 12-20. [Karl Mays Blindheit, Letzte Todesursache]. Erg.: M-KMG, Nr. 123/März 2000, S. 72-74. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999f. Erg.: Beiträge von William E. Thomas.

Zeilinger, Johannes: Karl Mays frühkindliche Blindheit – eine Legende? In: Jb-KMG 2000, S. 179-194. Erg.: Rudi Schweikert, M-KMG, Nr. 122/Dez. 1999, S. 20-25. Erg.: KMG-N, Nr. 123/März 2000, S. 40-41. Erg.: KMG-N, 124/Juni 2000, S. 39-43. Erg.: Ralf Harder: KMG-N, Nr. 127/März 2001, S. 28-30. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 1999ff.

Zeilinger, Johannes: Ist das nicht Gleichnis? Nicht bildlich? Gewiß! Notwendige Klarstellungen zur Blindheitsdiskussion. In: M-KMG, Nr. 127/März 2001, S. 13-23. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft, 2001.

Wohlgschaft, Hermann: Die Erblindung [Mays]. In: Wohlgschaft-Biographie, Bd. 1, S. 48-56. Dazu: Das tiefe Sehen, S. 57-58. Bargfeld/Celle: Bücherhaus Hermann Wiedenroth, 2005.


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BeitragVerfasst: 4.12.2005, 22:15 
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Mit dem ersten Band bin ich soeben durch. Mit vielem, ich kann wohl sagen, dem meisten, bin ich äußerst einverstanden.

Manchmal ist mir der Biograph seinem Autor gegenüber jedoch zu leichtgläubig, scheint alles für bare Münze zu nehmen, was der so von sich gegeben hat. Es findet sich eben nicht nur Gottsuche und Gottglaube bei Karl May, sondern auch Kälte und Zynismus, pessimistischster Nihilismus gelegentlich. Das alles und noch viel mehr, neben- und beieinander. Da ist mir Wohlgschafts Betrachtungsweise zu einseitig idealistisch.

Daß der katholische Wohlgschaft betont, dass Karl Mays Religiosität nicht konfessionsgebunden war, ist sehr schön. Daß er andeutet, dass es ihm darauf auch nicht ankommt, ebenfalls. Daß er aber abstreitet, dass Karl May dazu neigte, sich für den jeweiligen Verleger ein entsprechendes Mäntelchen umzuhängen, fällt m.E. wieder in die Kategorie zu idealistischer Betrachtungsweise.

Auch gehen mir gelegentliche Moralisierereien gegen den Strich, z.B. in Sachen Emma. Sie passten halt nicht zueinander, seelisch-geistig, sie haben sich den (die) falsche(n) ausgesucht. Da waren sie beide „schuld“. Aber die Sexualität wird Karl May in den ersten Jahren mit ihr genauso ungezügelt genossen haben wie sie, ihr daraus einen Strick zu drehen, ist so uncharmant wie unangebracht; man spüre die Lebensfreude in „Durch die Wüste“, man lese seine genussvollen Beschreibungen über Ess- oder auch Fressorgien aller Art, oder durchaus wohlwollend-genüßliche Andeutungen in den Kolportageromanen; dass er ein durchaus sinnlicher Mensch war, mag ich nicht bezweifeln. Seine spätere, peinliche Darlegung in der Pollmer-Studie dürfte taktische Gründe gehabt haben, und vielleicht altersbedingte. - Auch wenn ich an einer Stelle etwas lese von An-den-Eltern-schuldig-geworden, frage ich mich, wer ist denn da an wem mehr schuldig geworden.

Das war’s aber auch schon mit der Kritik bzw. Nichtübereinstimmung. Ansonsten: ein großartiges Buch, geprägt von tiefem Verständnis und Anteilnahme für den Menschen Karl May. Jenseits üblicher klischeehafter Betrachtungsweise (z.B. die Anmerkungen zu den Dessauer-Geschichten, oder zum „Schatz im Silbersee“, das habe ich so noch nicht gelesen), jenseits auch von ebenso üblicher intellektueller Selbstbeweihräucherung.

Ich freue mich auf den zweiten Band.


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BeitragVerfasst: 5.12.2005, 22:18 
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Hallo „Rodger“!

Zunächst mal herzlichen Dank für das innere Engagement, mit dem Sie den 1. Band der „Wohlgschaft-Biographie“ innerhalb von wenigen Tagen gelesen, ja „verschlungen“ haben. Ihre einschlägigen Beiträge im buecher.de-Forum habe ich mit Vergnügen zur Kenntnis genommen. Ich muß sagen: In den wesentlichen Punkten, in der Grundintention meiner Darstellung fühle ich mich von Ihnen aufs beste verstanden. Zu Ihrem Statement im Forum der Karl-May-Stiftung (4.12.05, 21.15 Uhr) gestatte ich mir ein paar Bemerkungen:

1. Ich teile durchaus Ihre Meinung, daß Karl May ein „sinnlicher Mensch“ war und daß Karl & Emma ihre Sexualität, zumindest in den ersten Jahren, voll ausgelebt und genossen haben. Weder Karl noch Emma will ich daraus „einen Strick drehen“. Zwar wissen wir – naturgemäß – über die Sexualität dieser beiden nichts Sicheres. Aber es gibt gewichtige Indizien für die Annahme, daß die Paarbeziehung zwischen Karl & Emma von Anfang an ambivalent und wohl eher problematisch war. Ich könnte mir (ohne Schuldzuweisung!) gut vorstellen, daß Karl seiner Emma viele Jahre lang ‚hörig‘ war. Wiederholt habe ich diese Vermutung zum Ausdruck gebracht, z. B. S. 556ff. u. S. 586ff.

2. Habe ich wirklich geschrieben, daß May an seinen Eltern „schuldig geworden“ sei? Natürlich müssen wir unterscheiden zwischen echter Schuld und subjektiven (möglicherweise falschen) Schuld-gefühlen. Daß es bei May solche Gefühle gab, nehme ich an. Ob und in welchem Maße hier (bei Karl oder den Eltern) wirkliche Schuld mit im Spiel war, ist eine ganz andere Frage. Kein Sterblicher kann sich da ein sicheres Urteil anmaßen.

3. Gewiß hat May z. B. für Pustet anders geschrieben als für Münchmeyer oder für Spemann. Es gab, wie wir wissen, von seiten der Verleger gewisse Erwartungen, denen May – manchmal mehr und manchmal weniger – gerecht zu werden versuchte. Aber was „das Religiöse“ angeht, finden wir entsprechende Partien in fast sämtlichen Schriften Karl Mays, ganz unabhängig vom jeweiligen Verlag, in welchem diese Texte erschienen. Was aber speziell das „katholische Mäntelchen“ betrifft, habe ich mich im 2. Band dazu sehr ausführlich geäußert. Sie werden es sehen.

4. Ich stimme Ihnen, ganz selbstverständlich, ja zu: Bei May gab es „nicht nur Gottsuche und Gottglaube“, sondern auch sehr viel anderes. In Mays Charakter gab es (wie bei den meisten Menschen!) neben schönen und lichtvollen Zügen auch Dunkles und Fragwürdiges. In der „Wohlgschaft-Biographie“ wird das oftmals beschrieben. Gleichwohl kann es ja sein, daß meine Betrachtungsweise manchmal „zu einseitig idealistisch“ gerät. Sie meinen, daß bei May „auch Kälte und Zynismus, pessimistischster Nihilismus gelegentlich“ zu finden sei. Können Sie das belegen? Woran denken Sie hier konkret? Welche biographischen Daten habe ich zu wenig (oder gar nicht) berücksichtigt? Oder welche May-Texte habe ich „zu leichtgläubig“ „für bare Münze“ genommen? Ich würde darüber sehr gerne diskutieren.

Mit besten Grüßen
Hermann Wohlgschaft


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BeitragVerfasst: 6.12.2005, 0:00 
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Sehr geehrter Herr Wohlgschaft,

dass Sie meine Beiträge gelesen haben und mir darauf antworten, darüber freue ich mich beträchtlich.

Gerade einmal wieder an einem Punkt angelangt, wo ich mich frage, ob ich mir die ganze Foren-Schreiberei nicht doch besser schenken sollte, und so weit gehe, Kommunikation als solche überhaupt anzuzweifeln bzw. als letzten Endes illusionär zu betrachten, ist so etwas ein besonders schönes Erlebnis.

Sie werden sich da vermutlich mit Karl May und mir einig sein: es gibt keinen Zufall. Der abgegriffene Satz mit dem Lichtlein von irgendwo, er pflegt dann doch hin und wieder mal wahr zu werden.

Sie fragten nach Belegen für Kälte, Zynismus, Pessimismus, Nihilismus bei Karl May. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Um fürs erste im Rahmen eines Foren-Beitrags zu antworten, ein paar Beispiele, spontan aus dem Gedächtnis:

Das „Drama auf der Prärie“ im „Schatz im Silbersee“. Der eine lässt den anderen in den sicheren Tod laufen, um die eigene Haut zu retten. Was soll er auch sonst machen. So wird es auch geschildert, nüchtern, unparteiisch.

Hadschi Halef gibt Omar Ben Sadek die entsetzliche Nachricht vom Tod dessen Vaters und macht dabei einen Kalauer („Er ist in der Nähe“).

Old Shatterhand verabschiedet sich von einer tief gerührten Nscho-Tschi, die davon ausgeht, dass der geliebte Mann jetzt sterben muß. Unmittelbar darauf blödelt er hemmungslos herum wie selten zuvor.

Die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand entsteht, wenn man genau hinsieht, durch Lug und Trug. Es gibt sogar Tote bei den geschickt ausgedachten, fingierten Aktionen. Auch im „Scout“ geht der Erzähler zunächst einmal mit den Komantschen, die dann später massenweise „dran glauben“ müssen.

Im „Verlornen Sohn“ gibt es eine Stelle, wo ein Mann auf den Kirchhof geht, um dort verbittert und mutterseelenallein zu verrecken (ich drücke das ganz bewusst so aus, denn ein solches ist es, so wird es beschrieben, kalt und emotionslos). Ich weiß nicht mehr wo das steht, kann mich nur dunkel erinnern, dass vorher der an der Wand hingehende Mondschein beschrieben wird. Die Stelle geht auf eine ganz unemotionale Weise unter die Haut. Existentialismus pur. – Überhaupt gibt es in dem Roman zahlreiche Stellen, wo das nackte Elend ganz emotionslos, wie mit Röntgenblick, geschildert wird (z.B. auch bei Auguste Beyer, wenn ich mich recht erinnere). Das hat eine makabre Faszination.

Der Münedschi wirft dem Ich-Erzähler sehr kraß und schonungslos Dinge vor, die dieser ganz gewiß in sich selber weiß. Sonst hätte er das so nicht geschrieben.

Das große Wiedersehen am Ende des „Waldröschens“ findet in Form eines Maskenballs statt, alle Beteiligten tragen Masken. Atemberaubend. Eindringlicher kann man die Botschaft, dass alles ein Spiel ist, kaum herüberbringen.

Auch die „Juweleninsel“ zeugt ja an einigen Stellen, wie wenn etwa von den toten Kinder auf dem Kirchhof geradezu humorvoll erzählt wird, nicht gerade von Warmherzigkeit und Anteilnahme.

Am Ende der „Sklavenkarawane“ heißt es, ein Händler habe sich nach den grausamen Ereignissen vorgenommen, das Geschäft mit den Sklaven zukünftig „etwas menschlicher“ zu betreiben.

Das „allein, allein, allein, wie stets und allezeit“ hat Georg Büchner auch einmal ähnlich ausgedrückt, „der Mensch ist allein, und der Mitmensch reicht keine helfende Hand“, der Maysche Satz geht mir noch mehr unter die Haut oder auch ins Gemüt. Ich kann es sehr, sehr gut nachvollziehen.

Es gibt eine Einsamkeit auch unter Menschen. Ich habe heute abend in Mozarts „Requiem“ gesessen und während der Aufführung wurde mir bewusst, dass mich eigentlich keiner der anwesenden Menschen, Zuschauer, Musiker oder Sänger, nicht einmal der Dirigent, auch nur ansatzweise irgendwie interessiert. Nicht für 5 Cent. Allenfalls Mozart.

Da gibt es Leute, die glauben mir das nicht und reden mir in privaten Mails auf eine ebenso rührende wie distanzlose Weise sozusagen gut zu. Putzig. Das ist doch gerade ein Grund für meine Liebe zu Karl May, eine enge Seelenverwandtschaft zu einem lebenslang innerlich einsamen Menschen, der ganz radikal die Konsequenz für sich gezogen und in seiner ganz eigenen Welt gelebt hat. Ohne Menschen, wenn man so will (mehr oder weniger). Am Ende der Autobiographie schreibt er, im Zuchthaus habe er sich im Grunde wohl gefühlt, da habe er seine Ruhe gehabt, der Ärger und Verdruss sei erst anschließend in der „Freiheit“, unter Menschen, so richtig losgegangen. So schrecklich das ist, auch das kann ich sehr, sehr gut nachvollziehen. In der Fußgängerzone z.B. kann ich mich gelegentlich fühlen wie auf einem fremden Planeten.

Und all das finde ich eben auch bei Karl May wieder, daher dieser kleine Ausflug ins sehr Private. Er konnte liebevoll sein und kalt, menschlich und völlig gleichgültig, kindlich-gutgläubig und hochmütig. Er hatte, salopp ausgedrückt, den Mephisto immer neben sich laufen.

Und das meinte ich, dass man eben seinen salbungsvollen Vorträgen nicht immer Glauben schenken darf. Vieles davon ist „für die Galerie“, für Verleger & Publikum. Er hat ja selbst über „Mein Leben und Streben“ geäußert, dass das für den Prozeß sei, taktisch, und danach habe es seine Schuldigkeit getan. Ich sehe Jekyll und Hyde in ihm, oder auch, den kleinen Insider-Scherz für ein oder zwei Aufmerksame mag ich mir jetzt auch nicht mehr verkneifen, Winnie the Pooh und Polyphem.

*

Falls Sie an anderer Stelle eine Art Glosse von mir gefunden haben sollten, werden Sie mir, wie ich Sie einschätze, verzeihen. Ich bin, auch, ein großes Kind. Gottlob.

Mit herzlichen Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 6.12.2005, 21:03 
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Lieber Herr Wick,
daß Sie mir so prompt geantwortet haben (schon am 5.12.05, 23.00 Uhr), erfreut mich einerseits sehr, bringt mich aber zugleich in Verlegenheit: Ab morgen nehme ich an einem mehrtägigen Fortbildungsseminar in Stuttgart teil und muß (mit meinen 61 Jahren noch) im Rahmen dieses Seminars eine vierstündige Klausurarbeit über psychotherapeutische Fragestellungen aufs Papier bringen. Das erfordert eine Vorbereitungszeit, die es mir nicht ermöglicht, jetzt sofort auf Ihre – wichtigen und interessanten – Karl-May-Belegstellen einzugehen. In der nächsten Woche aber, sobald ich aus Stuttgart zurück bin, werde ich Ihnen schreiben. Für heute mit herzlichem Gruß, Hermann Wohlgschaft


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BeitragVerfasst: 12.12.2005, 20:19 
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Lieber Herr Wick,

„soeben von einer längeren Reise zurückgekehrt“ (um mit einer Standardformulierung des ‚Maysters‘ zu beginnen), versuche ich, wie versprochen, Ihre Nachricht vom 5.12.05, 23.00 Uhr, zu beantworten.

Wie wir uns wechselseitig ja schon versichert haben, ist unser Dissens nicht so groß. Mir geht es ja auch so: Fast in jedem Werk Karl Mays – auch noch in der Alterspoesie – gibt es Passagen, bei deren Lektüre ich nicht so recht froh werde, ja die ich als kalt oder zynisch oder einfach nur komisch empfinde. Im 1. Band der Biographie habe ich u. a. Beispiele aus ‚Waldröschen‘ (S. 574ff.) und dem ‚Schatz im Silbersee‘ (S. 719ff.) gebracht: Als ich diese Passagen zum ersten Mal gelesen hatte, da lief es mir schon kalt den Buckel herunter.

Sie haben spontan eine ganze Reihe von schaurigen May-Szenen aufgeführt, über die ein Disput sicher möglich und angebracht wäre. Den Rahmen eines Internet-Forums würde dies aber sprengen. Deshalb beschränke ich mich auf das Grundsätzliche.

Könnte es nicht sein, daß Sie die eigene (momentane oder habituelle) Seelenlage hin und wieder an auf May projizieren? Ich fände das nicht weiter schlimm, denn menschliche Wahrnehmung ist ja immer begrenzt, ist (mehr oder weniger) selektiv: Ich sehe mit einer gewissen Vorliebe das, was ich sehen will, dem eigenen ‚Suchbild‘ entsprechend, das ich schon mitbringe und an die Texte (gelegentlich) herantrage. Das gilt für Hermann Wohlgschaft, aber wohl auch für Dieter Sudhoff, Rüdiger Wick und jeden anderen.

Wir werden uns gewiß darin einig sein: Nicht jeder Ausspruch und nicht jede Handlungsweise einer Romanfigur entspricht der persönlichen Grundeinstellung des Autors. Das ist eine Binsenweisheit, die niemand bestreitet. Andrerseits kann man natürlich immer die Frage stellen: Wie war es möglich, daß dem Autor so etwas einfiel? Welche Psychostruktur des Verfassers ist die Voraussetzung für die Entstehung von Passagen wie die Kirchhofszene im ‚Verlornen Sohn‘?

Bei „Kälte“ und „Zynismus“ fällt mir z. B. der Mir von Ardistan ein, für den gewöhnliche Menschen nur „Würmer, nur Läuse und Wanzen“ sind (vgl. meinen Beitrag im Jb-KMG 1999, S. 326). Der Mir von Ardistan kann streckenweise auch als Teil-Ich des Autors Karl May interpretiert werden (vgl. Biographie III, S. 1753-56). Dasselbe gilt möglicherweise für den Maha-Lama von Dschunubistan, dessen Zynismus und Nihilismus nicht zu überbieten sind (ebenfalls in A & D; vgl. Jb-KMG 1993, S. 307f.).

Gewiß haben solche Romanpartien mit der Psyche des Autors etwas zu tun. „Nicht Einzelwesen, Drama ist der Mensch“, heißt es in ‚Babel und Bibel‘. May will sagen, und jeder wird es bestätigen: Die menschliche Psyche, das „innere Team“ der Persönlichkeit (wie heutige Psychologen sagen), hat Platz für unterschiedliche Strömungen (z. B. Wahrheitstreue und Verlogenheit, Selbstbescheidung und Renommiersucht, Liebe und Haß, echte Anteilnahme und kalte Gleichgültigkeit), die miteinander sehr oft im Konflikt stehen können.

In meiner Zuschrift vom 5.12.05 wurden Mays Schattenseiten ja angesprochen. Ich räume ein: In der Mayschen Vita haben Charakterzüge wie Kälte oder Zynismus durchaus ihre Spuren hinterlassen. An die (partiell freilich pathogene) Straftäterzeit muß ich denken, aber auch an spätere Episoden, z. B.: Nach der Heimkehr der kleinen ‚Lottel‘ nach Ernstthal (im August 1892) scheint Karl May viele Jahre lang – sehr ungerecht, sehr hartherzig und sehr unchristlich – seine Schwester Karoline Selbmann mit Verachtung bestraft zu haben (vgl. Chronik I, S. 438f.). Und die ‚Pollmer-Studie‘ (1907) verrät in ihren Haßtiraden ja nun wirklich eine zynische Schlagseite des Autors. Richtig, auch May hatte „den Mephisto immer neben sich laufen“!

Helmut Schmiedt hat wiederholt auf „die manifesten Widersprüche“ in Mays Leben und Werk hingewiesen (vgl. Biographie II, S. 882). Günter Scholdt aber hat, mit Bezug auf Mays Erzählwerk, entgegnet: „Ganz so gleichwertig […] nehmen sich die Tendenzen in Mays Werk […] trotz weitgehender Offenheit für unterschiedliche Deutungen keineswegs aus; die dominierende Haltung läßt sich durchaus bestimmen, […] der rote Faden humanitärer Gesinnung gerät bei abwägender Deutung nie außer Blickweite.“ (Ebd.)

Nicht nur bei May, generell ist zu unterscheiden zwischen dem kleinen (narzißtischen, leicht verletzbaren, nach Macht und Besitz, nach Anerkennung und Ruhm gierenden) Ego und dem wahren Selbst. Zu seiner ‚Eigentlichkeit‘, zum wahren Selbst kommt der Mensch, indem er sein kleines Ich – in einem lebenslangen Prozeß mit vielen Rückschlägen – verläßt und überwindet. Ich meine, daß Karl May auf diesem Weg war. Das wahre Selbst dieses Menschen und Autors immer wieder durch-tönen zu lassen, ist ein zentrales Anliegen meiner Biographie.

Um Deutungsversuche komme ich da nicht herum. Ein Biograph, der sich „jeder eigenen, zumal wertenden Interpretation enthält“ (wie es Sudhoff im Vorwort in Chronik I, S. 14, verlangt) ist ja gar kein Biograph, sondern lediglich ein Chronist. Ein Biograph darf seinem ‚Objekt‘ eben nicht nur distanziert und innerlich unbeteiligt gegenüberstehen. „Man kennt nur die Dinge, die man liebt“, habe ich irgendwo gelesen (ich glaube, bei Goethe). Und ganz unverblümt gebe ich zu: Karl May ist mir persönlich sehr wichtig, ich mag ihn! Wirkliche Zuneigung aber sieht den Menschen – realistisch – zwar so, wie er ist; zugleich jedoch sieht er ihn – idealistisch – so, wie er ‚eigentlich‘ in seiner Tiefe ist und wie er, mehr und mehr, werden soll.

Ich weiß, so manchem ist diese Betrachtungsweise ‚zu hoch‘. Kann ich wissen, wie es um das wahre Selbst Karl Mays bestellt war? Nein, ich weiß es nicht, aber ich ahne es vielleicht.Wer eine solche Art von Zuversicht von vorneherein diskreditiert, wird – selbstverständlich – die „Wohlgschaft-Biographie“ als zu „subjektiv“ und „zu theologisch“ zurückweisen. Ich bleibe aber dabei: Während eine Chronik sich naturgemäß mit der „objektiven“ Aneinanderreihung von möglichst vielen Daten (und seien sie noch so nebensächlich) begnügt, muß eine Biographie das Wesentliche – die Suche nach dem ‚wahren Selbst‘ Karl Mays – fokussieren.

May selbst war zeitlebens auf dieser Suche, so z. B. wenn er (in ‚Und Friede auf Erden!‘, S. 109, die Mutter Marys schreiben ließ: „Zwei Geister streiten sich um Dich, ein guter und ein böser, der eine nur angeblich, der andre wirklich fromm. Heut bist Du wie der eine und morgen wie der andere. Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat!“

Die Münedschi-Stellen, auf die Sie wohl anspielen, gehen in dieselbe Richtung wie das ‚Friede‘-Zitat. Ich habe diese Stellen sehr ausführlich besprochen (Biogr. II, S. 1145-1153). Auf solche und ähnliche Passagen näher einzugehen, scheint mir wichtiger als die Wiedergabe aller möglichen Minidetails in der Vita Karl Mays.

Mir geht es um die Verdeutlichung einer Struktur, einer zielgerichteten (nicht linearen, sondern in Schleifen nach ‚oben‘ weisenden) Entwicklung des Menschen und des Autors Karl May. Ich will vor lauter Bäumen (den 100 000 bekannten und vielleicht noch unendlich viel unbekannten Mikrodaten) den Wald nicht aus den Augen verlieren. Dies ist die Quintessenz meiner Darstellung: Über viele Um- und Irrwege entwickelt sich May – in einer Art ‚Trotzmacht des Geistes‘ – vom vielfach geschädigten Kind und vom psychisch gestörten Straftäter zum angesehenen Autor, vom talentierten Jugend- und Abenteuerschriftsteller zum religiösen Symboldichter und Verfasser eines literarisch bedeutenden Spätwerks.

Aber darin sind wir uns, wenn ich Sie recht verstehe, ja durchaus einig.

Mit besten Wünschen
Ihr Hermann Wohlgschaft

P.S.: Wenn May behauptet, ‚Mein Leben und Streben‘ sei nur geschrieben, um die Prozesse zu gewinnen, so stapelt er in diesem Falle natürlich sehr tief. Die Selbstbiographie gehört, auch ästhetisch gesehen, zum Besten, was May je geschaffen hat. (Vgl. Biogr. I, S. 26ff.)


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BeitragVerfasst: 12.12.2005, 21:00 
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Lieber Herr Wohlgschaft,

Ihren Beitrag habe ich erneut mit großem Interesse (und stellenweise leuchtenden Augen) gelesen und freue mich, dass Sie sich mit meinen Ansichten auseinandersetzen.

Zitat:
Könnte es nicht sein, daß Sie die eigene (momentane oder habituelle) Seelenlage hin und wieder an auf May projizieren?


Durchaus. Ich finde mich auch sehr in ihm wieder, und es gibt verblüffendste Parallelen (mit einigen Ausnahmen: ich war z.B. nie im Gefängnis, allenfalls im übertragenen Sinne, und Karl May mochte Kinder. Und ich bin jetzt 50 und immer noch ein armer Schlucker). – (Meine „Psychologischen Betrachtungen“ an anderer Stelle in diesem Forum kann man übrigens [fast] Wort für Wort auf zwei Ebenen lesen, und das war bewusste Absicht.)

Das mit dem Suchbild ist schön gesagt und sicherlich zutreffend.

Was das „Wahre Selbst“ angeht, bin ich der Meinung, dass man nicht das eine zugunsten des anderen vernachlässigen braucht oder überwinden muß, und beide Seiten der Medaille gleichberechtigt und ohne zu werten („gut“, „böse“) nebeneinander sehen und stehen lassen kann. Was ist da kleiner, größer oder wahrer ? Ich glaube nicht, dass die Sichtweise des Mir von Ardistan, mit Würmern, Läusen und Wanzen, Karl May jemals verlassen hat (vielleicht würde er sonst in seinem späten Werk nicht mehr davon sprechen). Daß er nichtsdestotrotz AUCH sehr menschlich, mitfühlend, hilfsbereit und warmherzig sein konnte, ist gar kein Widerspruch. Er hatte beides in sich, wie Faust und Mephisto, Jekyll und Hyde. Daß er das jemals überwunden hat, glaube ich eigentlich nicht, bzw., sehe das [noch ?] nicht so. Vielleicht muß man es ja auch gar nicht überwinden, allenfalls so, dass man es annimmt, und damit erlöst, oder, nüchterner, auflöst (auf die Dauer).

Zitat:
Aber darin sind wir uns, wenn ich Sie recht verstehe, ja durchaus einig.


Oh ja. In vielem.

Mit herzlichen Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 12.12.2005, 23:18 
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Noch einige Nachträge:

Zitat:
Wenn May behauptet, ‚Mein Leben und Streben‘ sei nur geschrieben, um die Prozesse zu gewinnen, so stapelt er in diesem Falle natürlich sehr tief. Die Selbstbiographie gehört, auch ästhetisch gesehen, zum Besten, was May je geschaffen hat.


Auch hier gilt, das eine schließt das andere nicht aus. Die Autobiographie mag zum Besten zählen; dass er aber auch gesagt hat, dass er sie als Mittel zum Zweck betrachte, zeigt, dass der Kalte, Berechnende in ihm auch da wieder über seine Schulter geschaut hat. Und immer dabei war.

Beim Münedschi ging es mir um eine ganz bestimmte Stelle, die Sie in Ihrem Buch nicht direkt besprechen. In einer Leserunde zu “Am Jenseits“ (unter karl-may-buecher.de) habe ich einmal folgendes geschrieben:

„Beeindruckend, nahegehend die Bespuck-Szene (Münedschi bespuckt KBN, dieser straft ihn nicht). Da hat Karl May m.E. zwei Erfahrungen hineingelegt, einmal dies äußerst schmerzhafte Verkannt-werden, unschuldig bestraft werden, auf Liebe Hass ernten, zum anderen aber, wie für mich aus der langen Anklagerede des Münedschi hervorgeht, auch diesen bestrafenswerten bzw. Strafe herausfordernden Zug in ihm selber, dies kalte, grausame. Was wird Marie Hannes empfunden haben, als der geliebte Mann nach all den schönen Reden eines Tages mit brutaler Härte und rücksichtsloser Grausamkeit reagierte. Daran musste ich bei der Rede des Münedschi sofort denken.“

Es heißt dort:

»Das, das wollte ich dir sagen, ja, sagen, denn das Anspeien ist ja die deutlichste der Sprachen! Du bist der elendeste, der armseligste Mensch, der mir jemals vorgekommen ist! Mit Worten der Liebe hast du dich in mein Herz gestohlen, während in dem deinigen nur der Haß regiert! Du gabst dir den Anschein der Seelenreinheit, der Gedankenhöhe und wälzest dich doch in dem tiefsten, niedrigsten Schmutze des Verbrechens! Du hast das Kleid der Güte, der Barmherzigkeit um dich geschlagen und hetzest doch die Menschen wie Hunde, die sich zerreißen sollen, auf einander. Du heuchelst Wahrheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Treue und bist doch voller Falschheit, Lug und Trug! Ja, deine Gelehrsamkeit ist groß, wohl größer als das Wissen, welches ich mir mühsam erworben habe, aber du hast sie in den Pfuhl der sittlichen Verdorbenheit geworfen, aus dem heraus sie nur verderbend anstatt Segen bringend wirken kann! Du giebst vor, himmelan zu streben und stehst doch nicht nur auf dem Weg zur Hölle, sondern bist schon jetzt und selbst ein Abgrund schlimmster Teufelei! Du thust, als liege dir der Menschen Seligkeit am Herzen und bist doch ein Verführer zum Verbrechen und trägst die Schuld an all der Schlechtigkeit, die hier geschehen ist! Ihr sprecht von einem Kanz el A'da, der eine unverschämte Lüge ist, du aber hast einen Raub an mir begangen, hast meine Seele betrogen und bestohlen und mir einen innern Verlust zugefügt, für den es keinen Ersatz giebt! Das mußte ich dir sagen; nur darum ließ ich mich jetzt zu dir führen, um dich des Seelenraubes, ja, des Seelenmordes anzuklagen und dir in das Gesicht zu speien, damit du erfährst, wie der von dir denkt, dem du das Herz nur öffnetest, um es noch ärmer und elender zu machen, als es vorher war! Das erblindete Auge meines Körpers ist trocken, aber mein inneres Auge weint. Ich gebe dich der Strafe Allahs heim und fordere von ihm, für dich nicht Gnade, nicht Barmherzigkeit zu haben, sondern nur den Untergang, das ewige Verderben!«

*

Und als Abrundung zum guten Schluß oder kleine Anmerkung in Sachen Vielgesichtigkeit möchte ich diesen schönen Satz von Philip Roth noch hierher setzen, er könnte von mir sein, von Hanns Dieter Hüsch, und von Karl May ebenso:

Reine Ausgelassenheit und tödlicher Ernst sind meine besten Freunde.

;)


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BeitragVerfasst: 13.12.2005, 5:08 
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Und noch ein Nachtrag:

Mir läuft es nicht kalt den Buckel herunter bei entsprechenden Stellen, dazu kenne ich derlei Gedanken und Gefühle nur allzu gut, und „schaurig“ finde ich die Stellen auch nicht, sondern in ihrer Radikalität hochinteressant.

Es geht mir einzig und allein darum, nichts auszuklammern, zu verniedlichen oder zu beschönigen, sondern auch all dies, Kälte, Zynismus, Nihilismus, sowie Abgründe aller Art, zu erkennen, zu integrieren, zu bejahen, anzunehmen, nicht zu überwinden. So wie Sie es über Carpio schrieben:

„In Carpio, dem >zerrissenen<, teilnahmslosen, zur Selbst-Zerstörung tendierenden Depressiven, hat der Schriftsteller das Erbärmliche, das Kranke – und absolut Hilfsbedürftige – bejaht und gerechtfertigt.
(Hervorhebung von mir)

Und wenn der Karl May und ich gelegentlich anscheinend nur groben Unfug und Blödsinn treiben, dann geht es, über den Unterhaltungs-Faktor und Selbst-Zweck hinaus, auch um mehr: auch einiges menschlich-allzumenschliche, sowie kindliches, albernes mit hineinzunehmen und anzunehmen. Weil auch das alles vollkommen in Ordnung ist.

Für Sie unterbreche ich schon meinen Nachtschlaf. Wache morgens um halb vier auf mit solchen Gedanken und denke, das musst du jetzt aufschreiben. Gute Nacht.


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BeitragVerfasst: 13.12.2005, 13:32 
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Lieber Herr Wick,

mit Ihren letzten Zuschriften sprechen Sie erneut wieder Themen an, die auch mir sehr wichtig sind. Ich möchte etwas ausführlicher auf diese Dinge eingehen, habe im Augenblick aber nicht die erforderliche Muße. Heute abend komme ich auch nicht zum Schreiben, weil ich mit meinen Kollegen zum Essen gehe. (Wir arbeiten in einer psychiatrischen Klinik und sind ein Team von vier Krankenhausseelsorgern). Aber in den nächsten Tagen werde ich – sehr gerne – antworten. Bis bald!

Hermann Wohlgschaft


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BeitragVerfasst: 15.12.2005, 11:52 
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Lieber Herr Wick,

natürlich haben Sie Recht, wenn Sie sagen, daß man sich selbst – also auch die eigenen Schattenseiten – annehmen und bejahen soll. Es ist schon richtig, daß wir nichts in uns „ausklammern“ sollten. Cum grano salis stimmt es ja auch, daß wir Kälte, Zynismus, Nihilismus usw. „integrieren“ sollten in unsrer Psyche. Denn wer ständig ankämpft gegen den eigenen ‚Schatten‘, kann – wie die Fachliteratur bestätigt – sehr leicht psychisch krank werden.

Allerdings scheint mir, auch im Blick auf May, eine Unterscheidung wichtig, die sich bei der Jung-Schülerin Marie-Louise von Franz findet: Es kann in uns selbst ein wirklich Böses geben, das „hinausgeworfen“ werden muß; zugleich aber gibt es entwicklungsfähige Schattenseiten der Seele, die zu integrieren und zu verwandeln sind: „Wenn wir unsere eigene Gier […] usw. sehen könnten, dann könnten sie positiv genutzt werden, weil in solch destruktiven Emotionen viel Leben gespeichert ist, und wenn uns diese Energie zur Verfügung steht, kann sie für positive Ziele eingesetzt werden.“ (Zit. nach May-Biogr. II, S. 1434)

Karl May hat das ‚Ja zum eigenen Schatten‘, spätestens im Schlußband des ‚Silbernen Löwen‘, höchst eindrucksvoll zur Anschauung gebracht (vgl. Biogr. II, S. 1434f.). Und in der Figur des Mirs von Ardistan z. B. hat er gezeigt, wie negative Kräfte in positive Energien zu verwandeln sind.

In einem Punkt muß ich Ihnen aber doch widersprechen: Ich glaube nicht, daß Liebe und Zynismus, Vertrauen ins Dasein und pessimistischer Nihilismus sozusagen gleichrangige Seelenströmungen sind und „gleichberechtigt“ nebeneinander stehen. Damit bin ich wieder beim Thema ‚wahres Selbst und kleines Ego‘. Es geht hier nicht um eine moralisierende Abwertung des Ego als ‚böse‘, sondern um menschliches Reifen, um Zuwachs an Leben.

Die Unterscheidung von ‚wahrem Selbst‘ und ‚falschem Ego‘ ist Gemeingut der christlichen – wie auch der außerchristlichen, z. B. buddhistischen – Mystik. Auch Freud unterschied zwischen dem empirischen Ich und dem Ich-Ideal (das jeder, bewußt oder unbewußt, in sich ausbildet). Und der Wiener Psychiater Viktor Frankl sprach von der Differenz zwischen Existenz (empirisches Ich, ‚kleines Ego‘) und Essenz (Ich-Ideal, innerstes Wesen, wahres Selbst). Diese Differenz ist – nach Frankl – auf Erden nie aufzuheben und nie zu ‚überwinden‘; sie ist aber zugleich der ‚Motor‘ des menschlichen Lebens, das nicht stehen bleibt, sondern sich weiterentwickelt: hin zur Essenz, zur Eigentlichkeit, zum wahren Selbst, das – nach Frankl – erst jenseits des Todes voll erreicht wird, das aber schon im Diesseits uns ‚zuwinkt‘ und anspornt zur weiteren Reifung.

Ich bin überzeugt: Wir sind hier ganz und gar beim Thema ‚Karl May‘. Am deutlichsten in ‚Babel und Bibel‘ und in ‚Ardistan und Dschinnistan‘ wird der Entwicklungsweg zum wahren Selbst beschrieben. „Werde Mensch; du bist noch keiner!“ (A & D I, S. 232) ist m. E. die zentrale Botschaft des Mayschen Spätwerks. Am Exempel des „Gewaltmenschen“ – Abu Kital bzw. Mir von Ardistan – wird gezeigt, was die eigentliche Bestimmung des Menschen ist: die Hervorläuterung des wahren Selbst, die auf Erden (in der „Geisterschmiede“) freilich nur vorläufig und fragmentarisch gelingt. Denn die Vollendung ist nicht mehr Sache des Menschen, sondern göttliche Tat.

Das wahre Selbst, das unversehrt Gute im Menschen, ist einerseits noch im Werden; andrerseits ist es – als göttlicher Entwurf – schon präsent. Die (in der antiken griechischen Philosophie anzutreffenden) Postulate „Erkenne dich selbst!“ und „Werde, der du bist!“ setzen ja voraus: Jeder Person ist letztlich die Aufgabe zugedacht, sie selbst zu werden, zu ihrer – je einmaligen und unverwechselbaren – Eigentlichkeit zu finden.

Mir fällt dazu eine Stelle im ‚Jenseits‘-Band ein, wo der Ich-Erzähler bekennt: Es begann „eine große, leider so unendlich schwierige Reinigung, daß ich gar wohl einsehe, mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht fertig werden zu können; aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz überwunden, daß mir jetzt, wo ich fast sechzig Jahre zähle, das Weiterlernen und Weiterüben als die schönste Aufgabe der mir noch beschiedenen, abendroten Tage erscheint.“ (S. 454) Sehr Ähnliches ist zu lesen in einem Brief, den May (1902) an Sophie von Boynburg geschrieben hat (wiedergegeben in Biogr. II, S. 1321). Und wir dürfen auch an Goethe denken: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“

Apropos ‚Streben‘, ‚Mein Leben und Streben‘: Menschlichem Tun liegt fast nie nur ein einziges Motiv zugrunde; unser Handeln wird geleitet durch ein ganzes Bündel von Motiven. Seine Autobiographie schrieb May zwar auch, um seine Prozesse zu gewinnen. Ich bin mir aber zu 100% sicher, daß dies nicht das einzige Motiv und sehr wahrscheinlich auch nicht das Hauptmotiv war. Nach meiner Auffassung schrieb er ‚Mein Leben und Streben‘ auch, um sich – schreibend – seiner Eigentlichkeit, seinem wahren Selbst, erneut zu nähern.

Mit herzlichem Gruß
Hermann Wohlgschaft

P.S. Als „schaurig“ empfand ich keineswegs alle von Ihnen genannten May-Passagen.


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BeitragVerfasst: 15.12.2005, 15:44 
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Lieber Herr Wohlgschaft,

haben Sie erneut Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme, und, ganz ohne Schmu, falsche Töne usw.: ich möchte Ihnen hier und heute ganz ausdrücklich für Ihr Buch danken, das zum wesentlichsten gehört, was ich in den letzten Jahren überhaupt gelesen habe, und das mir sehr viel gibt. Ich bin gerade bei Ihren Ausführungen zu „Und Friede auf Erden“ und bin schlichtweg begeistert, beeindruckt, überzeugt. Wer mir da folgen mag und wie weit und wer nicht, das ist mir völlig egal, ein Schlüssel passt auch nicht in jedes Schloß.

Wir sind uns ja einig, wenn sie sagen, dass sie die jeweils andere Seite der Medaille auch sehen und nichts ausklammern wollen, nur darüber, was es jeweils zu überwinden gilt und was nicht, darüber gehen die Meinungen sicher im Einzelfall auseinander. Z.B. betrachte ich „Gier“ oder auch „Lust“ nicht als überwindungsbedürftige Angelegenheiten, solange man nicht anderen oder sich selbst ernsthaft schadet. Oder auch – angemessene ! - Härte und Kälte. Die auch gelegentlich in Richtung Menschenverachtung gehen kann. Laut Bibel hat Jesus im Tempel randaliert, Tische umgeworfen, theoretisch hätte er es ja auch sozusagen liebevoll ausdiskutieren können.

Und ich glaube halt nicht wirklich an „gut“ und „böse“. Ich komme da gern mit dem Klavier als Vergleich, jedes Klavier hat alle Tasten und alle denkbare Musik sozusagen latent in sich vorhanden, und je nachdem, was angespielt wird, erklingt es so oder so.

Das mit dem Überwinden sehe ich differenziert. Beispiel: wenn einer vor lauter Verzweiflung, oder auch Wut und Hass, über die grenzenlose Dummheit, Bewusstlosigkeit, Penetranz und Unerträglichkeit der Masse Mensch in der Fußgängerzone gelegentlich an sich halten muß, um nicht mit den Füßen zu trampeln oder sonstwie Skandal zu machen, dann sollte er die Wut und den Haß überwinden, er schadet sich ja selbst, und es bringt ja nichts. Aber wenn es ihm gelingt, entspannt damit umzugehen, muß er dann die Menschen mögen ? Ich bin der Meinung, wenn es ihm gut damit geht und er auch sonst niemandem schadet, dann darf er sie auch weiterhin verachten und froh sein, wenn er niemand hören oder sehen muß.

Karl May war, nach meinem Eindruck, lebenslänglich eigentlich am liebsten allein, von Ausnahmen oder Ausnahmezeiten abgesehen, und später dann, mit Klara, dem einen und einzigen Menschen, mit dem er wirklich auf Dauer gern zusammen war, zu zweit. Das ist doch völlig in Ordnung, oder ?

(Ich könnte Ihnen jetzt noch mit Jochanaan und was weiß ich für Heiligen kommen, aber so hoch müssen wir es gar nicht hängen)

Mit besten Grüßen

Rüdiger Wick


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BeitragVerfasst: 15.12.2005, 16:08 
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Lieber Herr Wick, liebe Fans aus dem Paralleluniversum „buecher.de“, hallo Andrea, Sabine, Sylvia, tamarin, hallo Helmut, Herr Dernen, Herr Hermesmeier, Herr Blechmops und wie Sie alle heißen!

Aus Zeitgründen kann ich dann und wann nur in dieses Forum schreiben. Ich bitte um Verständnis.

Herr Wick, Sie haben richtig vermutet: Ich lese, immer wieder mal, Ihre Beiträge im buecher.de-Forum – meistens mit sehr viel Spaß. Da eine meiner Hauptbeschäftigungen die Begleitung von schwerst Depressiven ist, bin ich froh, wenn ich was zu lachen habe, z. B. im buecher.de-Forum.

Jetzt aber Schluß mit lustig und zur Sache: Wie einige von Ihnen sehr richtig bemerkten, stehen sich die Chronik und die Biographie überhaupt nicht im Weg, sondern ergänzen sich wechselseitig. Die ‚Konkurrenz‘ entstand – wie ebenfalls sehr zutreffend vermerkt wurde – nur dadurch, daß beide Werke fast gleichzeitig erschienen und das gleiche Objekt behandeln (auf sehr unterschiedliche Weise allerdings).

Es ist ja nicht so, daß mir Daten und Fakten nicht wichtig wären. Nur muß eine Biographie, im Unterschied zur Chronik, „auch geistes- und kulturgeschichtliche Hintergründe einbeziehen, übergreifende Zusammenhänge darstellen und darf Wertungen nicht scheuen“ (Claus Roxin in seiner Chronik-Rezension, abgedruckt in der Werbebroschüre des KMV).

Auch nach meiner Auffassung ist die Sudhoff/Steinmetz-Chronik ein sehr verdienstvolles Werk. Lediglich mit dem Vorwort bin ich nicht einverstanden. Im übrigen habe ich die Bände I/II sehr gründlich gelesen und alles notiert, was mir bisher unbekannt war. Sooo viel ist das auch wieder nicht! Jedenfalls sind die Neuigkeiten der Bände I/II bei weitem nicht so gravierend, daß die Biographie deshalb ‚umgeschrieben‘ werden müßte. Die Bände III-V werde ich selbstverständlich noch lesen. Wir werden sehen, was da alles noch kommt …

Mit herzlichem Gruß
Hermann Wohlgschaft


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BeitragVerfasst: 15.12.2005, 18:05 
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Lieber Herr Wohlgschaft!

Ich habe mir erlaubt, Ihren letzten Beitrag ins Forum von karl-may-buecher.de zu kopieren. Herzlichen Dank dafür, daß Sie so bereitwillig Auskunft geben.

Bei dieser Gelegenheit darf ich Sie vielleicht auf einen Setzfehler aufmerksam machen, der mir gerade aufgefallen ist: Seite 599 unten:
"Nordamarika's" müßte wohl "Nordamerika's" heißen.

Viele Grüße

Rolf Dernen


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