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 Betreff des Beitrags: theatrum mundi oder Die unvergessene Auguste Beyer ...
BeitragVerfasst: 29.5.2007, 21:42 
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Hermann Wohlgschaft beschäftigt sich in der neuesten Ausgabe des für alle ernsthaft an Leben und Werk Karl Mays Interessierten sehr empfehlenswerten Magazins „Der Beobachter an der Elbe“ wieder mit Victor Hugo und Karl Mays Kolportageromanen.

Sehr schön und richtig schreibt er

Zitat:
Wenn auch (ästhetisch) unzulänglich und mit den Stilmitteln der Trivialliteratur, behandeln diese Bücher […] die gesamte Wirklichkeit: das theatrum mundi, die Grundthemen der menschlichen Existenz, die Höhen und Tiefen des Daseins.


(Mir persönlich und meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist übrigens die Form (unzulängliche Ästhetik, Stilmittel der Kolportage) ziemlich sekundär, wenn ein Text inhaltlich überzeugt. Karl May drückte Ähnliches in Old Surehand hübsch mit der „Seele des Verfassers“ einerseits und dem „zugeknöpftem Rock“ andererseits aus, letzteres wäre übrigens eine treffende Formulierung für Werke des (guten ?) alten Goethe …)

Detailliert zitiert und beschreibt Wohlgschaft das Schicksal der Auguste Beyer („ein himmelschreiender Skandal, eine Tragödie sondergleichen“), die im „Verlornen Sohn“ im Gefängnis landet und nie wieder daraus hervorkommt, und erwähnt in dem Zusammenhang auch die gängige These, Karl May habe seine Figur dort offenbar „vergessen“ (Wohlgschaft schreibt die Worte „vergessen“ und „Fehlleistung“ wohlweislich in Anführungszeichen).

Nun räsonnierte Brecht seinerzeit schon allerliebst „Die Klassiker haben ihre Werke nicht geschrieben, um den Betrieb des Augsburger Stadttheaters zu gewährleisten“, und so hat auch Karl May seine Werke nicht (primär) geschrieben, um Hinz und Kunz mit Kind und Kegel gefällige Unterhaltungsliteratur vorzusetzen (sondern um, sozusagen, aufzuschreiben, was ihn so alles umtrieb), ein „positiver“ Schluss der Geschichte um Auguste Beyer ist also weder erforderlich noch überhaupt wünschenswert (das haben Bearbeiter in Band 76 freilich anders gesehen, ihr Ansinnen war vielleicht gut gemeint, aber gut gemeint ist, laut Gottfried Benn, das Gegenteil von Kunst; Helmut Schmiedt schrieb dazu seinerzeit im Literaturbericht des Jahrbuchs: „Von den Veränderungen profitiert in erster Linie Auguste Beyer, die als Kindsmörderin ins Gefängnis gesteckt wird und im Original dort verbleibt; dank mildtätiger Bearbeiter gelangt sie nun in den Genuß eines erfolgreichen Gnadengesuchs und sozialtherapeutischer Hilfsmaßnahmen – wieder einmal ist Ardistan schöner geworden!“).

„Sie sagte kein Wort, und sie weinte auch nicht. Warum auch weinen ? Es war nun doch Alles aus ! – „

Abschließender, endgültiger, unwiderruflicher geht es sprachlich ja kaum. Ich gehe davon aus, dass das Verbleiben der Beyer im Gefängnis Absicht war seitens May.

Wohlgschaft spricht ja auch von „heftiger Kritik an der korrupten Gesellschaftsordnung“ in diesem Roman, und meiner Meinung nach zeigt sich Karl May an dieser Stelle, ähnlich wie bei der Sache mit dem Tod in der Leichenhalle (diese Szene zeigt für mich übrigens letzten Endes nach wie vor äußerste Hoffnungs- und Ausweglosigkeit, trotz aller in andere Richtungen gehender „Bekehrungs“-Versuche hier im Forum seinerzeit) einfach radikal kompromisslos in schwarzer und schwärzester Sicht der Dinge.

Den späteren, fast schon albern „positiven“ Romanschluß hat er m.E. auf Wunsch seines Verlegers und im Hinblick auf harmonieheischendes Publikum einfach aufgesetzt, und entsprechend wirkt er auch, dieser Schluß, hier aber, in der Leichenhalle wie in Auguste Beyers Gefängniszelle, zeigt sich der Autor May in seiner ganzen kompromisslosen Radikalität, deren er fähig war und die viel deutlicher noch zum Ausdruck gekommen wäre, hätte er sich nicht auch zeitlebens immer wieder gut anzupassen vermocht, an Verleger- wie Publikumsbedürfnisse ...

Gleichwohl konnte er auch sozusagen ohne Ende herumalbern (Wohlgschaft: „Doch der Ernst ist nicht alles, weder bei May oder Hugo noch sonst in der Wirklichkeit des Lebens. […] Zu Recht, denn zur Fülle des Lebens gehört auch die Komik !“) und, wenn ihm danach war, das große Kind spielen oder „dem Affen Zucker geben“ (z.B. Hobble Frank u.v.a.m.).

("Reine Ausgelassenheit und tödlicher Ernst sind meine besten Freunde" - Philip Roth)

Und damit sind wir wieder bei dem schönen Zitat von oben,

Zitat:
die gesamte Wirklichkeit: das theatrum mundi, die Grundthemen der menschlichen Existenz, die Höhen und Tiefen des Daseins.


:!:


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BeitragVerfasst: 5.6.2007, 13:52 
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Zu „theatrum mundi“, Genre-Mix, der ja bei Karl May gelegentlich vorkommt, und dem Vorzug, der seinen Büchern gegenüber gängigem heutigen Unterhaltungs-Müll zu geben ist:

„Hat Sie dieser Genre-Mix anfangs sehr irritiert?“

“Das ganze Leben ist doch ein Genre-Mix, deshalb kam mir die Geschichte irgendwie vertraut vor. Ungewöhnlich ist das nur, weil man kaum noch etwas anderes zu sehen bekommt als Schubladen, Schablonen und Abziehbilder.“

(aus einem Interview zu einem Fernsehfilm.)


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BeitragVerfasst: 10.6.2007, 14:34 
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Karl May spricht auch davon:

"Das wird ein Theadrum mundi geben ..."

(Der Wurzelsepp in "Der Weg zum Glück", HKA S. 201)

:wink:


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