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 Betreff des Beitrags: In die Berge (Himmelsgedanken)
BeitragVerfasst: 26.6.2007, 12:48 
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Die Sprache, der gelegentlich kitschig oder auch aufgesetzt wirkende Stil, die „Worthülsen“ (so wurde schon formuliert) erschweren es offenbar vielen, einen Zugang zu den „Himmelsgedanken“ Karl Mays zu finden.

Versuchen wir, uns diesen „Worthülsen“ auf anderem Wege zu nähern, über den der freien, einigermaßen allgemeinverständlichen Interpretation, und indem wir die vielleicht abschreckend wirkende Form zum Zwecke des genauer Hineinguckens ein wenig aufbrechen …

In die Berge.

Schon weicht das Flache hinter mir;
Die Ebene beginnt, zu steigen.
So naht das Herz, Jehovah, dir,
Wenn hinter ihm die Zweifel weichen.

Es ist, als ob am Horizont
Ich Bergesspitzen leuchten sähe.
So reinigt, läutert, wärmt und sonnt
Die Seele sich in Himmelsnähe.

Hinauf, hinauf! Ich raste nicht;
Ich darf und mag nicht unten bleiben.
Mein frömmstes, herzlichstes Gedicht
Will ich beim Glühn der Alpen schreiben.

Dann werde ich es heimlich, still,
In einem Kirchlein niederlegen;
Vielleicht gereicht's, so Gott es will,
Dem, der es findet, dann zum Segen!

*

> In die Berge.

Das müssen weder real existierenden Berge sein noch abstrakte Ziele oder gar Qualifikationen, das kann ein Bewußtseinszustand sein, eine Erkenntnisebene, die einem zuteil werden kann, auf dem Marktplatz wie im tiefen Tal …

> Schon weicht das Flache hinter mir;

Wie flach Gespräche, Diskussionen, Auseinandersetzungen sein können, brauche ich niemandem zu erklären, wir erleben es unter anderem auch hier fast täglich, und wie flach das alltägliche Einerlei einschließlich z.B. Arbeitsalltag, Familie, Nachbarn und Fernsehprogramm, Bewusstseinsinhalte des Ottonormalbürgers, vielleicht auch nicht.

> Die Ebene beginnt, zu steigen.

Ein schönes Bild. Es beginnt, zu steigen, aber er spricht immer noch von der Ebene, Berge (oder Hügel) sind es noch nicht …

> So naht das Herz, Jehovah, dir,

Das muß nun keineswegs der persönliche „liebe Gott“ sein, um das gleich mal klipp- und klarzustellen, sondern kann, s.o., schlicht und einigermaßen ergreifend ein Bewußtseinszustand sein, ein geläutertes, gereiftes Bewusstsein, eine glücklichere Wahrnehmungsart …

> Wenn hinter ihm die Zweifel weichen.

Einheit statt (oder in der …) Dualität / Polarität. „Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder“ (Hölderlin, am Schluß vom „Hyperion“). Vertrauen statt Verstand.

> Es ist, als ob am Horizont
> Ich Bergesspitzen leuchten sähe.

Der Mensch ist auf dem Weg. Er ist noch nicht „in den Bergen“, er ist auf dem Weg dorthin. Und er sagt noch nicht einmal, dass er die Bergesspitzen (von ferne) sieht, Nein, „es ist als ob“.

> So reinigt, läutert, wärmt und sonnt
> Die Seele sich in Himmelsnähe.

Dem ist allenfalls hinzuzufügen, dass der Himmel kein abstrakter, ersehnter oder jenseitiger Ort sein muß, sondern wiederum ein Bewußtseinszustand … Das Wahrnehmen, nicht allein zu sein, nicht getrennt, sondern ewig verbunden mit allem, „Du bist das“, heißt es in den Upanishaden.

> Hinauf, hinauf! Ich raste nicht;
> Ich darf und mag nicht unten bleiben.

Wenn man einmal mit „Bewußtseinsarbeit“ angefangen hat, kann man eh nicht mehr zurück, dann ist ein Prozeß in Gang gekommen, der weiterzugehen pflegt. Und alte Inhalte, Themen, Bezugspunkte, Probleme, Konflikte usw. verlieren ihre Bedeutung, lösen sich, manchmal ganz von selbst.

> Mein frömmstes, herzlichstes Gedicht

Fromm … sagen wir, Demut, im guten Sinne, Bescheidenheit, realistische Selbst- und Außenwahrnehmung …
Herzlich: von Herzen, vom Herzen, ehrlich, offen, ohne Zweck und ohne Ziel.

> Will ich beim Glühn der Alpen schreiben.

Nunja … Da ist möglicherweise die Begeisterung über den Wanderurlaub für einen Moment ein wenig mit dem Dichter durchgegangen … Macht nichts, wir wissen ja was gemeint ist. Glühn der Berge besonderer Art lässt sich auch innerlich wahrnehmen und fühlt sich mindestens genauso gut an wie Südtiroler Abendstimmung (Nein, das ist jetzt nicht irgendwie schlüpfrig gemeint, um Missverständnisse zumindest in dieser Richtung gleich auszuschließen).

> Dann werde ich es heimlich, still,
> In einem Kirchlein niederlegen;

Die gleiche Botschaft steht schon in einem anderen Gedicht Mays, „denk nicht an ird’schen Ruhm“, es haut auch nicht hin, den Zahn kann man sich, wenn es wirklich um „die Sache“ geht, gleich ziehen … Wenn Du einen erreichst, dann ist es schon gut, und seist es nur Du selber. Die anderen dürfen denken was sie wollen.

> Vielleicht gereicht's, so Gott es will,
> Dem, der es findet, dann zum Segen!

Eben. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Der Weg ist das Ziel, darüber hinaus gibt es in dieser Sache keins.


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BeitragVerfasst: 26.6.2007, 13:19 
Das gefaellt mir, beides, das Gedicht und deine Erklaerungen.

Der Peter Mulzer hat da gerade was geschrieben wegen May's Gedichten in der KMG mailing list: >>>...die Botschaften seiner Gedichte berühren mich tief. Nur eben die Form, ach je...<<< So was ist wichtiger? Doch sicher nicht die Form? Die Frage kommt auf: "WIE schreibt man ein Gedicht das allen gefaellt? auch dem der es schreibt?" und "Muss man zum Gedichteschreiben geboren sein, oder kann man das in einer Schule lernen?"


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BeitragVerfasst: 26.6.2007, 13:29 
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steigen / weichen .

Hm. Aber das hat Goethe auch (neige / schmerzensreiche)


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BeitragVerfasst: 26.6.2007, 13:54 
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Zitat:
steigen / weichen .


Ich habe mich mit dem Gedicht, denke ich, einigermaßen beschäftigt, aber das habe ich nicht einmal bemerkt. Wirklich nicht wahrgenommen.

Interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind ...

:wink:


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BeitragVerfasst: 26.6.2007, 13:56 
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Da gibt es so ein Bild von Caspar David Friedrich, damit bin ich dem Thomas Schwettmann schon mal gekommen, das war auch so ein Grashalm-Freund ...

:wink:


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