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 Betreff des Beitrags: IM JENSEITS
BeitragVerfasst: 2.4.2005, 12:18 
Es ist bekannt, daß Karl May zu dem 1. Band der den Titel "Am Jenseits" trug und im Herbst/Winter 1898/99 verfasst wurde, eine Fortsetzung plante, die den Titel "Im Jenseits" tragen sollte.

Dieser 2. Band wurde von Karl May nie geschrieben. Eine Anfrage von Dr. E.A. Schmid an den Autor vom 17. April 1907 beantworte Karl May: "Der zweite Band von 'Am Jenseits' wird unter dem Titel 'Im Jenseits' sofort erscheinen, wenn ich sehe , daß der erste Band verstanden worden ist...."

Nun, ich betrachte dies als einen Vorwand Mays, der zu keiner Zeit wohl ernsthaft daran dachte eine Fortsetzung zu verfassen, nicht wollte oder nicht mehr konnte, in diesem Stil weiterzuschreiben. Für letztere Annahme gibt es gute Gründe.

Nach Karl Mays Tod am 30.12.1912 und den Wirren des 1. Weltkrieges fühlte sich der Karl-May-Verlag bemüßigt, eine Fortsetzung zu veröffentlichen, die von Franz Kandolf unter dem Titel "In Mekka" 1923 erschien und eher dem Stil Karl Mays um 1890-95 entsprach. Die abenteuerliche Handlung trat in den Vordergrund des Geschehens. Das Buch ist reine Fantasie Franz Kandolfs, der u.a. am 5. März 1923 an Dr. E.A.Schmid schrieb: "Schuld ist May, der keine einzige Zeile hinterlassen hat, wie er sich die Fortsetzung gedacht hat. Ich muß also alle Verantwortung auf ihn abwälzen...." Auch eine Denkungsart.

Diese interessante Entstehungsgeschichte von "In Mekka" kann in dem Buch von Dr. Klaus Hoffmann "Karl Mays Werke" nachgelesen werden. Dr. Hoffmanns Buch ist sehr zu empfehlen, das aber leider nicht die Verbreitung fand, die dieses Grundlagenwerk eines der bemerkenswertesten Karl-May-Forscher verdient hätte, wenngleich die Beweggründe des KMV, die weitere Verbreitung des Buches zu verhindern, durchaus nachzuvollziehen sind.

- Kurt Altherr -


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BeitragVerfasst: 2.4.2005, 16:04 
Hallo Kurt!

Der Stilbruch alleine wird Karl May wohl nicht von der Fortsetzung 'Im Jenseits' abgehalten haben. Schließlich hat er den 'Silberlöwen' auch fortgeschrieben, wobei in diesem Fall die ersten beiden Bände dem alten Stil doch noch mehr verbunden sind als es bei 'Am Jenseits' der Fall ist, das ja schon ein Werk des Übergangs war.

Mir scheint, das Karl Mays Output an Verteidigungsschriften & Biographischen Texten im 20. Jahrhundert ihn einfach derart in Anspruch nahm - von dem Versuchen im lyrischen und dramatischen Fach ganz zu schweigen - daß er mit dem Schreiben weiterer Romane einfach nicht mehr so nachkam. Und wer weiß, hätte er 1911 keine der seinerzeit beliebten Radium-Kuren gemacht, dann wäre ihm möglicherweise ein paar Lebensjahre mehr geblieben. Andererseits blieb dem auf seine alten Tage dem Pazifismus zugeneigten Karl May so wenigsten die Erfahrung des grauenhaften ersten Weltkrieges erspart.

Viele Grüße
Thomas


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BeitragVerfasst: 2.4.2005, 18:39 
Und uns blieb erspart, daß er vielleicht in das hurrahpatriotische Horn der damaligen Zeit mit hinein geblasen hätte. Ketzerische Bemerkung, ich weiß. Aber auch das sollte mitgedacht werden.

Übrigens bin ich enttäuscht, daß bei Herrn Altherrs letztem Eintrag sein gebetsmühlenartiger Angriff auf KARL MAY & Co. fehlt, welches mich stets an das Cetereum censeo Carthaginem esse delendam des alten Cato erinnert.


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BeitragVerfasst: 2.4.2005, 19:43 
Hallo Thomas,

wir verlieren uns ganz sicher in Spekulationen, ob Karl May sich ernsthaft mit dem Gedanken trug, eine Fortsetzung unter dem Titel "Im Jenseits" zu schreiben oder nicht.

Wie pflegt der von mir sehr geschätzte Sandhofer in einem solchen Fall zu schreiben: "Wir wissen es nicht".

Viele Grüße
Kurt


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BeitragVerfasst: 5.4.2005, 14:10 
Rolf Dernen hat geschrieben:
Und uns blieb erspart, daß er vielleicht in das hurrahpatriotische Horn der damaligen Zeit mit hinein geblasen hätte. Ketzerische Bemerkung, ich weiß. Aber auch das sollte mitgedacht werden.

Übrigens bin ich enttäuscht, daß bei Herrn Altherrs letztem Eintrag sein gebetsmühlenartiger Angriff auf KARL MAY & Co. fehlt, welches mich stets an das Cetereum censeo Carthaginem esse delendam des alten Cato erinnert.


Sehr geehrter Herr Dernen,
nun unterlässt Kurt in seinem Beitrag einmal die, wie Sie es nennen, gebgetsmühlenartigen Angriffe auf KARL MAY & Co. und schon sind Sie enttäuscht? ? Möchten Sie denn, dass diese in jedem seiner Beiträge zu finden sind?
Es erstaunt mich aber wenig, dass Sie wieder versuchen, Öl ins Feuer zu gießen, gehören Sie doch zu den aufrechten Recken von KMC. (Wenigstens öffentlich).
In privaten Mails äußern Sie sich schon manchmal kritisch! Und deshalb sollten Sie auch kleine Brötchen backen! Ganz kleine Brötchen!!!!
Aber Sie können gerne auf unserer Homepage anonym Ihre „aufrichtige“ Meinung zu KMC posten. Eine Sperrung haben Sie dort nicht zu befürchten!
Ich hoffe mein Beitrag beinhaltet genug Angriffe auf KMC, die Sie bei Kurt so vermisst haben.

Gruß
Wöbking


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BeitragVerfasst: 5.4.2005, 14:46 
Zitat:
nun unterlässt Kurt in seinem Beitrag einmal die, wie Sie es nennen, gebgetsmühlenartigen Angriffe auf KARL MAY & Co. und schon sind Sie enttäuscht? ? Möchten Sie denn, dass diese in jedem seiner Beiträge zu finden sind?


Ich hatte mich soooo dran gewöhnt :lol: Und wie groß die Brötchen sind, die ich backe, überlasse man mal schön mir selbst. Außerdem bin ich kein Mitglied oder sowas von KARL MAY & Co. sondern ein unabhängiger Geist, der Lob und Tadel einigermaßen gerecht zu verteilen sucht, wie und wo es ihm selbst paßt.

Viele Grüße

Rolf Dernen


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BeitragVerfasst: 5.4.2005, 15:14 
Rolf Dernen hat geschrieben:
Zitat:
nun unterlässt Kurt in seinem Beitrag einmal die, wie Sie es nennen, gebgetsmühlenartigen Angriffe auf KARL MAY & Co. und schon sind Sie enttäuscht? ? Möchten Sie denn, dass diese in jedem seiner Beiträge zu finden sind?


Ich hatte mich soooo dran gewöhnt :lol: Und wie groß die Brötchen sind, die ich backe, überlasse man mal schön mir selbst. Außerdem bin ich kein Mitglied oder sowas von KARL MAY & Co. sondern ein unabhängiger Geist, der Lob und Tadel einigermaßen gerecht zu verteilen sucht, wie und wo es ihm selbst paßt.

Viele Grüße

Rolf Dernen


Sehr geehrter Herr Dernen,

Ihre „Friede, Freude, Eierkuchen“ – Mentalität ist bekannt. Deshalb wunderte ich mich auch über Ihren Beitrag, und dass Sie enttäuscht waren, als Sie bemerkten, dass Kurt es unterlassen hat, einen „Angriff“ auf KMC zu verfassen1

Mitglied bei KARL MAY & Co. kann niemand werden,
müssten Sie eigentlich wissen, sondern nur beim Mescalero e.V. !!!!
Aber bevor ein „normaler, sterblicher“ KARL MAY Freund, dort Mitglied werden kann, lässt man eher Judas Ischariot bei den Passionsspielen in Oberammergau die Bergpredigt halten.
:-)
Also können Sie höchsten Fördermitglied werden. :-)

Wöbking


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BeitragVerfasst: 24.12.2007, 4:10 
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Hallo Gemeinde!

Meiner Meinung nach ist die Fortsetzung des Romans "Am Jenseits" nach wie vor einer der dunkelsten Punkte in der Karl-May-Forschung.
Sicher, Herr Kandolf schrieb: "Schuld ist May, der keine einzige Zeile hinterlassen hat, wie er sich die Fortsetzung gedacht hat. Ich muß also alle Verantwortung auf ihn abwälzen...."
Die Frage ist nur (und die stelle nicht nur ich mir), ob man tatsächlich nichts im Nachlaß finden konnte oder ob man nur nichts finden wollte.
Tatsache ist, daß "Im Jenseits" im Stile der letzten beiden Bände des "Silberlöwen" alles andere als ein Verkaufsschlager geworden wäre.
Das konnte und durfte nicht im Sinne des Verlegers sein.
Ich will hier niemandem etwas unterstellen, aber die jahrzehntelange Geheimniskrämerei des KMV in Sachen Nachlaß läßt schon einige Spekulationen offen.
Bei "Am Jenseits" handelt es sich schließlich um keinen Kolportageroman bei dem Handlung aus Handlung entsteht, sondern um das beginnende Spätwerk.
Und es sollte mich sehr wundern, wenn das Gesamtkonzept nicht von vorn herein klar war und May nicht ganz genau wußte, zu welchem Ende er die Handlung bringen sollte.
Selbst wenn er nicht mehr die Absicht gehabt haben sollte einen zweiten Band zu schreiben (was ich aber stark bezweifle), müßten ihn schon die vielen Leseranfragen nach einer Fortsetzung des Romans eines Besseren belehrt haben...
Sei es wie es sei, aber hinter "Am Jenseits" steht leider noch immer ein dickes Fragezeichen und man kann nur erahnen, wie das ganze tatsächlich weitergeführt worden wäre.
In Anbetracht dessen, wie grandios sich May mit "Ardistan und Dschinnistan" als Großmystiker etabliert hatte, war hier ebenfalls noch "Großes" zu erwarten.
Um so bedauerlicher, daß es dazu nicht mehr kommen konnte...

MfG,
Rene Jochade


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BeitragVerfasst: 24.12.2007, 9:21 
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Zitat:
Tatsache ist, daß "Im Jenseits" im Stile der letzten beiden Bände des "Silberlöwen" alles andere als ein Verkaufsschlager geworden wäre.


Die Prozessschriften z.B. dürften aber auch alles andere als ein Verkaufsschlager sein und sind mittlerweile sogar in Form grüner Bände erschienen.

Zitat:
es sollte mich sehr wundern, wenn das Gesamtkonzept nicht von vorn herein klar war und May nicht ganz genau wußte, zu welchem Ende er die Handlung bringen sollte


Mich sollte eher das Gegenteil sehr wundern ... von einem "Gesamtkonzept" ist doch bei kaum einem Werk Mays etwas zu spüren ... Daß sein Old Wabble, der König der Cowboys, im Verlauf des Werkes zum Ultra-Bösewicht mutieren würde, hat er zu Beginn des "Old Surehand" sicher selber kaum für möglich gehalten, oder daß der Wurzelsepp zum Geheimpolizisten wird, der sich in Wien auf elegantem Parkett bewegt, dürfte auch erst im Laufe der Schreiberei an "Der Weg zum Glück" zur neuen Idee geworden sein. Daß zwischen erster und zweiter Hälfte des Orient-Zyklus geographische und vor allem atmosphärische Welten liegen, dürfte auch nicht mit Konzept, sondern veränderter seelischer Gestimmtheit zu tun gehabt haben. Der "Sendador", die Mahdi-Trilogie und "Satan und Ischariot" haben einen starken Beginn und fortschreitende Lustlosigkeit und Verflachung im Laufe des Werks gemeinsam, will sagen, sind eher Spiegelbild persönlicher Befindlichkeiten des Autors als Zeugnisse erkennbarer Konzepte. Beim "Silberlöwen" hat er sich ab Werkmitte mal eben entschlossen, die Schriftstellerei zukünftig anders zu betreiben (etwas unmenschlicher, hätte ich bald gesagt, kleiner Scherz & Anspielung auf eine Stelle am Schluß der "Sklavenkarawane", vielleicht hätt's einer gemerkt). Gelegentlich hat er sich Manuskript zurückschicken lassen, wenn er offenbar nicht mehr so genau wußte, was er da so geschrieben hatte ...

Nein, "Konzept", das war eines von zahlreichen Dingen, mit denen er es wohl nicht so hatte ... da gab es mal dieses "Repertorium", ganz zu Anfang, aber wie oft hat er später Dinge angefangen, liegengelassen, ganz anders weitergeführt usw. ...


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BeitragVerfasst: 24.12.2007, 13:35 
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Dass Karl May eine Fortsetzung von ›Am Jenseits‹, mit dem Titel ›IM Jenseits‹, ernsthaft im Sinne hatte, scheint mir zweifelhaft (s. May-Biogr. II, S. 1124). In einem anderen Punkt aber stimme ich Rene Jochade zu: Das Alterswerk Karl Mays – ab ›Am Jenseits‹ – unterscheidet sich von den früheren Erzählungen ganz wesentlich.

Aus diesem Grund habe ich mir schon immer gewünscht: Mays Spätwerk sollte, unbearbeitet und mit sachkundigen Vor- oder Nachworten ausgestattet, in einem angesehenen literarischen Verlag erscheinen, etwa im Deutschen Klassiker Verlag (DKV). Die äußere Aufmachung sollte mit den grünen Bänden des KMV nicht die geringste Ähnlichkeit haben. Damit schon auf den ersten Blick ganz deutlich wird: diese Schriften sind keine Jugend- und keine Abenteuerliteratur, sondern anspruchsvollere Erwachsenenliteratur.


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BeitragVerfasst: 24.12.2007, 18:14 
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rodger hat geschrieben:
Mich sollte eher das Gegenteil sehr wundern ... von einem "Gesamtkonzept" ist doch bei kaum einem Werk Mays etwas zu spüren ...

Selbst im vielgerühmten Spätwerk nicht ...

rodger hat geschrieben:
Der "Sendador", die Mahdi-Trilogie und "Satan und Ischariot" haben einen starken Beginn und fortschreitende Lustlosigkeit und Verflachung im Laufe des Werks gemeinsam, will sagen, sind eher Spiegelbild persönlicher Befindlichkeiten des Autors als Zeugnisse erkennbarer Konzepte.

Ardistan und Dschinnistan ...

rodger hat geschrieben:
Nein, "Konzept", das war eines von zahlreichen Dingen, mit denen er es wohl nicht so hatte ... da gab es mal dieses "Repertorium", ganz zu Anfang, aber wie oft hat er später Dinge angefangen, liegengelassen, ganz anders weitergeführt usw. ...

Und das Repertorium war eine simple Aufzählung - weiter nichts. Konzept? Wirklich nicht Mays Ding.

Hermann Wohlgschaft hat geschrieben:
Das Alterswerk Karl Mays – ab ›Am Jenseits‹ – unterscheidet sich von den früheren Erzählungen ganz wesentlich.

Zum Besseren oder zum Schlechteren?


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BeitragVerfasst: 25.12.2007, 7:03 
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Zitat:
"Mich sollte eher das Gegenteil sehr wundern ... von einem "Gesamtkonzept" ist doch bei kaum einem Werk Mays etwas zu spüren ..."

Das gilt mit Sicherheit für die Kolportage und mit Einschränkung auch für die "Reiseromane", aber meiner Meinung nach nicht für das Spätwerk.
Man muß die Zeit und auch die Umstände berücksichtigen.
Die Kolportageromane wurden zu Beginn ausschließlich als Lieferunghefte vertrieben und erst später in bearbeiteter Fassung in Buchform auf den Markt gebracht.
Die Handlung mußte so aufgebaut sein, daß die Spannung über jede einzelne Heftausgabe erhalten blieb und der Leser sozusagen animiert wurde, sich die nächste Ausgabe zu kaufen (oder zu abonieren).
Unter Anbetracht dieser Tatsache und dem gewaltigen Umfang solcher Monumentalwerke wie dem "Waldröschen" war ein klares Konzept so gut wie unmöglich. Dazu kam, daß May zu dieser Zeit auch noch parallel an anderen Werken arbeiten mußte, so daß es geradezu ein Wunder zu nennen ist, daß er nicht den Überblick verlor (bis auf ganz wenige Ausnahmen).
Ähnlich verhielt es sich mit den Hausschatz-Fassungen der Reiseromane, die ja von May auch erst neu bearbeitet werden mußten, bevor sie bei Fehsenfeld in die Gesammelten Reiseromane/Erzählungen aufgenommen werden konnten.
Spätestens ab da war May sozusagen gezwungen, sein gesamtes bisheriges literarisches Werk inhaltlich und zeitlich neu abzustimmen, um die Glaubwürdigkeit zu wahren (was leider auch nicht immer vollständig gelang).
Widersprüche zu seinen Zeitungsfassungen wurden dann halt als "Bearbeitungen zweiter Hand" abgetan.
Ab dem Zeitpunkt, wo seine Gegner und Neider auf die Bühne traten, war es dann endgültig mit der "konzeptlosen" Schreiberei vorbei, da May mit dem Rücken zur Wand stand und der kleinste Fehler das Ende hätte bedeuten können.
Der Wandel ist im Silberlöwen ja geradezu klassisch dokumentiert und bot dem verzweifelten May die beste Möglichkeit, mit seinen Gegnern nun auch literarisch "abzurechnen".
Wie wichtig May dies war, belegen unzählige Briefe und Karten an seine Leser und Freunde mit dem Verweis auf die letzten beiden Bände des "Silberlöwen".
Diese waren nun alles andere als konzeptlos geschrieben, obwohl damit die eigentliche Handlung leider in den Hintergund geriet und seitenlange Dialoge dem Leser schon so einiges abverlangen.
Gleichsam bildet das ganze eine Autobiographie allererster Güte und rückt nun auch die "Echtheit" seiner bisherigen Reiseromane ins rechte Licht.
Es ist eine Rechtfertigung gegenüber seinen Lesern, weniger gegenüber seinen Feinden und Anprangerern, denn mit diesen wurde sich ja hauptsächlich vor Gericht auseinandergesetzt.
Und es ist eine Rechtfertigung, zu der er gezwungen wurde - mit dem Ergebnis, daß er sich nicht nur grandios in seine neue Rolle fand, sondern sie sich auch tatsächlich verinnerlichte.
Sozusagen eine letzte erfolgreiche Resozialisierung - meines Erachtens nach beispiellos in der deutschen Literatur.
Um nun auf das Spätwerk zurückzukommen: Bände wie "Ardistan und Dschinnistan" haben von Anfang an ein klares Konzept und sind ein Meisterwerk an Mysthik und Gleichnissen.
Daher vermute ich, daß auch "Im Jenseits" in diese Richtung gegangen wäre: Eine Reise in das Innerste der menschlichen Seele, aber eben eher im Sinne von Ardistan und Dschinnistan und nicht vom Silberlöwen.
Das Ergebis wäre, vor der Kulisse von Mekka, sicherlich ein hochinteressantes geworden.
Ein Buch für den anspruchsvollen May-Leser, aber nicht für die breite Masse.
Ob in diesem Sinne Mays Zeit bereits gekommen ist, oder ob sie überhaupt jemals kommen wird, lasse ich mal dahingestellt...

MfG,
Rene Jochade


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BeitragVerfasst: 25.12.2007, 9:11 
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Zitat:
Daher vermute ich, daß auch "Im Jenseits" in diese Richtung gegangen wäre: Eine Reise in das Innerste der menschlichen Seele, aber eben eher im Sinne von Ardistan und Dschinnistan und nicht vom Silberlöwen.
Das Ergebis wäre, vor der Kulisse von Mekka, sicherlich ein hochinteressantes geworden.


Sehe ich auch so.

Zitat:
Ob in diesem Sinne Mays Zeit bereits gekommen ist, oder ob sie überhaupt jemals kommen wird, lasse ich mal dahingestellt...


Die war nie, ist nicht und wird auch nie kommen.

Und:

die war immer, ist und wird immer sein.

(Will sagen: man könnte auch z.B. fragen, ob die Zeit von Nietzsche, Thomas Mann oder Dostojewski, oder auch der Bibel-Autoren, schon gekommen sei oder überhaupt jemals kommen wird. Da gilt das Gleiche. Gepredigt wird immer tauben Ohren, die kompakte Majorität versteht nix oder die Hälfte oder sonst etwas oder versucht sich den Angelegenheiten mit klugen Betrachtungen und Einschubladisierungen zu entledigen, und vielleicht sind es immer nur ein paar ... Und ändern wird sich eh nix. Nie. Nie irgendetwas. - Was aber wiederum kein Grund ist, traurig zu sein ...)

:wink:


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BeitragVerfasst: 25.12.2007, 10:23 
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So ist es.
Dennoch glaube ich, daß May mit seinen Werken schon mehr erreicht hat, als er vielleicht selbst jeh geglaubt hat.
Er schrieb einst: "...Marah Durimeh und die Waage der Gerechtigkeit müssen selbst der Blindheit die Augen öffnen...", aber wenn diese es nicht taten, dann zumindest ein Old Shatterhand oder Winnetou.
Sein "Empor ins Reich des Edelmenschen" wird es wohl niemals geben, aber die Helden seiner Romane üben noch heute ihre Faszination auf die breite Leserschaft aus. Und dadurch ist er noch immer das, was er einst im "Winnetou" schrieb: Der Lehrer seiner Leser. Und er ist ein guter Lehrer...

MfG,
Rene Jochade


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BeitragVerfasst: 25.12.2007, 11:28 
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Rene Jochade hat geschrieben:
Ab dem Zeitpunkt, wo seine Gegner und Neider auf die Bühne traten, war es dann endgültig mit der "konzeptlosen" Schreiberei vorbei, da May mit dem Rücken zur Wand stand und der kleinste Fehler das Ende hätte bedeuten können. [...]
Um nun auf das Spätwerk zurückzukommen: Bände wie "Ardistan und Dschinnistan" haben von Anfang an ein klares Konzept und sind ein Meisterwerk an Mysthik und Gleichnissen.


Einspruch, Euer Ehren! Man lese, was z.B. Wollschläger im Nachwort zu "seiner" Ausgabe von Ardistan und Dschinnistan sagt. Von Konzept keine Rede; als May den zweiten Teil beginnen wollte, musste er sich das Manuskript zurückgeben lassen, um überhaupt noch zu wissen, was er geschrieben hatte. Wobei er dann auch gleich sah, in welchem Ausmass an seiner Arbeit herumgedoktert worden war. Dies und die Tatsache, dass sich immer mehr Winnetou IV in den Vordergrund von Mays Denken drängte, führte zu einem völlig unvorhergesehenen und auch inkongruenten Ende - eigentlich einem Abbruch des Werks.

Und - dies so nebenbei - "Meisterwerk an Mystik und Gleichnissen" würde ich diesen Versuch Mays, an der barocken christlichen Erbauungsliteratur à la Bunyan anzuschliessen, auch nicht nennen.


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