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 Betreff des Beitrags: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 18.9.2008, 16:39 
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Karl May benutzte zeitweise die Form des sog. 'Abenteuerromans', um mitzuteilen, was er so mitzuteilen hatte. Bzw., so etwas ähnliches wie diese äußere Form, vage, umrissartig. Als ein Gefäß, ein Hilfsmittel, eine äußere Verpackung, weiter nichts. Um Kategorien und was der gleichen formalen Dinge mehr sind, hat er sich ja bekanntlich nie geschert. Neben scheinbaren 'Abenteuerromanen' schrieb er bekanntlich Humoresken, Dorfgeschichten, historische Erzählungen, Allegorisches, Autobiographisches, ein Theaterstück, Gedichte, u.a. Er beschrieb Erfahrungen, Erlebnisse, Empfindungen, Einsichten, Erkenntnisse, Gleichnisse, Gesichte (ohne r), Bilder, in, was die äußere Form betrifft, ganz unterschiedlichem Gewand.

Auch für z.B. Jack London oder Jules Verne (bei letzterem kann man das schon merken, wenn man kaum etwas von ihm gelesen hat und nur einmal z.B. in den Film ‚20000 Meilen unter dem Meer’ hineingeschnuppert) gilt ähnliches, für Stevenson sicher auch, sie mussten für das, was sie umtrieb und was sie mitteilen wollten, irgend eine äußere Form benutzen, als eigentlich völlig sekundäre Begleiterscheinung. Daß sie allesamt von kompakter Majorität und an dieser orientierter Vermarktung auf Abenteuerschriftsteller u.ä. reduziert werden, dafür können sie ja nichts, bzw., das stellt ja nicht ihnen selber das Armutszeugnis aus, das es durchaus ist.

Karl May hat sich ja selber recht unmissverständlich geäußert, „Nun verlegen Sie das alles mal nach Deutschland“, „haben gelebt oder leben noch“, „Jugendschriftsteller ? Wie falsch, wie grundfalsch!“, u.v.a.

Aber die Geschmäcker und Ansichten sind verschieden, und das Bedürfnis nach Schubladisierung (Lade zu, Autor tot) und Passendmachen alles dessen, was eben nicht irgendwo hineinpasst, scheint weit verbreitet zu sein.

Mir geht es darum, dass der Rahmen des Abenteuerschriftstellers ihm halt zu klein und eng ist, da passt er nicht hinein. Natürlich ist Karl May neben allerhand anderem nebenbei auch so etwas ähnliches wie ein Abenteuerschriftsteller, aber man sollte ihn nicht darauf reduzieren wollen („Wer das Anschauen nicht bricht, sieht nichts“; Cees Nooteboom).


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 Betreff des Beitrags: Re: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 20.9.2008, 16:15 
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Karl May in einem Brief über verständnisfreie Rezeption:

Wo der Grund und Boden fehlt, fällt der Bau von selbst zusammen. Da es ihr unmöglich ist, den Inhalt zu erfassen, wird sie sich höchst wichtig mit den Nebendingen, den Äußerlichkeiten befassen […] wird sie nicht wissen, in welches Fach und da wieder in welche Büchse die Werke Mays gehören. Im großen literarischen Krämerladen muß doch Ordnung herrschen, damit, wenn der Bauer Tabak oder der Backfisch Bonbons verlangt, die Kritik in ihrer "Bücherschau" nur nach den betreffenden Kästen zu zeigen braucht. Wo nun da hin mit mir? Natürlich "Jugendschriftsteller", "Indianergeschichten"! Wie falsch, wie grundfalsch!
[…]
Ich führe den Leser vorzugsweise in die Prairie, die Savanne, in die Steppe, die Wüste. Es ahnt wohl kaum ein Leser, wie sehr ich mir meine Aufgabe dadurch selbst erschwert habe. Glaube, Liebe, Friede ... bei solcher Szenerie, solcher Staffage! Aber grad diese Schwierigkeit hat mir die Arbeit lieb gemacht. Es ist nichts Großes, in der Kirche vom Glauben, im Hospiz von der Nächstenliebe und beim Busenfreunde während der Nachmittagszigarre vom Frieden zu sprechen; aber diese Lehre grad da wirken zu lassen, wo ihr der größte Widerstand entgegentritt, das ist gar nicht so leicht
[…]
Diese und wahrscheinlich noch manche andere rein äußere Frage, die ich nicht vorher wissen kann, wird man, so zu sagen, an die Umschläge, die Einbände meiner Bücher richten, die Seele aber, welche ihnen innewohnt, das in ihnen lebende, treibende und entwickelnde Prinzip, welches von dem Leser erkannt und aufgenommen werden soll, um nun auch in ihm zu wirken, darnach wird wohl niemand fragen, höchstens wird man sagen, daß es sich für einen Verfasser von Reisebeschreibungen nicht gut schicke, den frommen Mann zu spielen, weil religiöse Bemerkungen an so ungeeigneter Stelle gar nicht passend seien.


Hier der Schluß des Textes „Karl May und die literarische Romantik“ von Harald Fricke (Jahrbuch der KMG 1981):

An mehreren Stellen schon hatte ich ja angedeutet, wie May bestimmte Motive und Strukturen aus der romantischen Literatur übernimmt; vielleicht ist daraus bereits deutlich geworden, wie die Tradition des klassischen, auf äußere Aktion gegründeten Abenteuerromans bei Karl May nicht bloß ü b e r l a g e r t, sondern geradezu v e r d r ä n g t wird von der romantischen Tradition der Spiegelung von Innerem und Äußerem, der dunklen persönlichen Geheimnisse, der zentralen Frage nach der problematisch gewordenen Identität. »Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg« - dieser fundamentale und vielzitierte Satz des Novalis gilt nicht zum wenigsten für Karl May. Leicht ließen sich weitere Lieblingsmotive der Romantiker anführen, die May aufgegriffen hat: die vielen zärtlich-sentimentalen Jünglingsfreundschaften etwa, das Motiv des Verlorenen Sohns, des hellsichtigen Wahnsinns oder das von Jean Paul über E. T. A. Hoffmann bis Heine nahezu unvermeidliche Motiv des Doppelgängers.

Aber das sind Einzelheiten; viel wichtiger ist das gemeinsame Bauprinzip der Romane Mays und romantischer Dichtung, nämlich der strukturelle Grundzug der M i s c h u n g vielfältiger Gattungselemente und ihrer epischen Integration durch gegenseitige Spiegelung der verschiedenen Ebenen. Die Romantik nämlich bedeutete literarhistorisch das Ende der klaren dichterischen Formen, der unvermischten Gattungen. Leider muß ich in diesem begrenzten Rahmen darauf verzichten, an Beispielen vorzuführen, wie etwa in der romantischen Erzählkunst Episches und Lyrisches, Abhandlung und Aphorismus, Manierismus und Volkspoesie, ästhetische Theorie und Religion, Identitätsgrübelei und Ironie, Witz und Mysterium in artistischer Weise miteinander verquickt werden. Ich möchte es aber wenigstens ersatzweise plausibel machen mit Hilfe jenes Textes, der zu Recht als gedrängtes Manifest der poetologischen Theorie wie auch der literarischen Praxis der Romantiker berühmt geworden ist: Friedrich Schlegels Athenäums-Fragment 116 über die romantische Poesie. Ich bitte darum, bei dem im folgenden nahezu ungekürzt wiedergegebenen Text gleich darauf zu achten, wie sehr sich das hier Gesagte auf Karl Mays Reiseerzählungen beziehen läßt:

'Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. (...) Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles, und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert (...). Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide.'

Es ist wohl offensichtlich, in welchem Maße sich diese Äußerungen Schlegels geradezu als Zusammenfassung meiner Strukturanalyse von Mays Reiseerzählungen anbieten. Hier i s t der Roman, der die "getrennten Gattungen der Poesie wieder vereinigt" und sie (nämlich in den Geographischen Predigten) "mit Philosophie und Rhetorik in Berührung setzt"; der voll von "gediegnem Bildungsstoff" einen "Spiegel der ganzen Welt und ein Bild des Zeitalters" mit "den Schwingungen des Humors beseelt"; der dabei "alle Teile ähnlich organisiert wie das Ganze", ständig "zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden schwebt" und dieses Prinzip "wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfacht". Und von welchem anderen Autor könnte man wohl mit solchem Recht sagen, daß er, obwohl "Individuen jeder Art charakterisierend", dabei doch in aller Weltbuntheit letztlich immer "nur sich selbst dargestellt hat"? Kurz: auch Mays Werk steht nicht weniger als irgendeine andere Dichtung unter dem "ersten Gesetz, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide".

Bemerkenswert an diesem Befund ist nun vor allem dies: in der germanistischen Forschung besteht ein breiter Konsens darüber, daß den Romantikern selbst der großrahmige Roman, der ihre theoretischen Forderungen erfüllte, in der Praxis nie gelungen ist. Sie konnten ihn nur b e s c h r e i b e n, aber nicht s c h r e i b e n; geschrieben hat ihn erst Karl May. Das spricht wohl dafür, daß es auch für Literaturwissenschaftler am Fall May noch einiges Grundsätzliche zu lernen gibt - und sei es nur dies: daß die idealisierten, scheinbar unerfüllbaren Postulate einer Dichtungstheorie zuweilen beinahe buchstäblich erfüllt werden können ausgerechnet in einem Genre, das häufig als »Trivialliteratur« bezeichnet wird.

Wenn es nicht die Wahrheit wäre, würde man dies wohl für einen Treppenwitz der Literaturgeschichte halten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 20.9.2008, 19:11 
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1. Der Satz :
"Zu den im deutschen Sprachraum bekanntesten Abenteuerromanautoren des 19. Jahrhunderts gehören Jules Verne und Karl May. "
beschreibt die literarische Rezeption in Deutschland der letzten hundert Jahre, bis auf wenige rühmliche Ausnahmen, vollkommen korrekt.

2. Was kann es schöneres geben, als Abenteuerschriftsteller zu sein. Ein Schriftsteller, der über Abenteuer schreibt, die in Afrika, Asien, Amerika aber auch "Im Reiche des Silbernen Löwen" oder auf Sitara, oder im Erzgebirge, oder in Sachsen-Anhalt, oder im menschlichen Herzen, oder sonstwo, und dem Autor, dem seine Leser überall dahin folgen und dies spannend und packend (im besten Sinne) finden und niemals genug dieser Abenteuer, welcher Art auch immer, kriegen können. Was soll da "Schubladendenken" (oder sonstiges böses) daran sein, meinen Lieblingsschriftsteller, an dem ich seit 50 Jahren hänge und nicht loskomme, als einen solchen Abenteuerschriftsteller (wieder im besten Sinne, wie eben beschrieben) zu bezeichnen.


Helmut


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 Betreff des Beitrags: Re: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 20.9.2008, 19:26 
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Zu 1: Der gallige Passus zu dem zitierten Satz wurde bereits gestern von mir aus meinem vorvorigen Beitrag entfernt; man weiß gar nicht mehr, worauf Du Dich beziehst.

Zu 2: 'Deine Sünden sind Dir vergeben'.

:lol:

(Bitte nicht für arrogant halten, eher für selbstkarikierend)

:wink:


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 Betreff des Beitrags: Re: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 20.9.2008, 19:40 
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Zu Zu 2 :
Da ich Protestant bin, bedarf ich keiner Absolution, und lege auch keinen Wert darauf, denn ich muss das ja alles selbst mit jener höheren Autorität (in diesem und ähnlichen Fällen meinem Gewissen) abmachen.
:lol:

Den letzten (Klammer-)satz kann ich jetzt auch zurückgeben,
:mrgreen:

Helmut


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 Betreff des Beitrags: Re: Abenteuerroman
BeitragVerfasst: 1.6.2013, 12:30 
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Ich wollte in Sachen vermeintlicher Jugend- oder Abenteuerschriftsteller heute etwas schreiben, u.a. da man ja auch an sozusagen nicht unmaßgeblicher Stelle auch heute noch der Meinung ist, Karl May habe für Kinder geschrieben und es ginge um 'Action', da fand ich diesen Thread ... Also man lese die ersten beiden Beiträge darin. Da steht schon alles drin, was ich heute hatte schreiben wollen, und ich spare mir die Arbeit ...

:D


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