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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 9:20 
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Zitat:
Lindsay radebrecht nicht, sondern May lässt ihn in einer sehrsehr wortkargen Sprechweise reden, in einem Jargon einer hochnäsigen, blasierten Gesellschaftsgruppe des generell hochnäsigen Albions, so wie May sich diesen vorstellte


Nie so empfunden.

(Und über Empfindungen zu debattieren, kann man sich in die Haare schmieren. Siehe unten.)

Zitat:
Der englische General in der Juweleninsel versteigt sich noch weiter darin, sodass er bisweilen ganze Dialoge allein mit dem Wort Yes! bestreitet.


Das ist manchmal das Beste was man machen kann im Dialog mit Menschen: Ja oder Nein sagen (ggf. auch gar nichts mehr).

In Sachen Lindsay, May spürt (bei der Imagination seiner Figur) einen Sprach-Slang, der alles andere als hochnäsig oder sonstwas ist, und bringt das in eine Art Deutsch. Da steht’s dann ja auch (wie er ihn findet; nämlich ganz bestimmt nicht "hochnäsig" oder dgl.):

Der gute David that mir unendlich leid. Der reine Mensch kam in ihm mit dem Menschen von Old England in Konflikt.

Zitat:
May hier zwei Gesprächssituationen deutlich unterschiedlich gestaltet hat. Und ich denke, er hat sich dabei was gedacht.


Ja, aber vielleicht andere Dinge als sprachliche oder sprachwissenschaftliche.

Zitat:
Mich wundert diese Unterschätzung des Mayster durch seine Bewunderer.


Ich bin kein Bewunderer (immer diese simplen Schubladen). Ich bin ein Seelenverwandter und Wellenlängen-Ähnlichgeschalteter. Er liegt mir, das ist alles.

*

„Alle Debatten sind sinnlos und dumm“.

Hundert Leute lesen einen Text, jeder liest etwas anderes. Hundert Leute betrachten einen Farbkasten oder einen Flickenteppich, jeder sieht etwas anderes. Der andere hat seinen Schwerpunkt mehr beim Rot, der andere beim Grün, der Dritte beim Blau. Viele sehen nur Schwarz oder Weiß, und einige sehen über die vorhandenen hundert Farben hinaus auch noch unendlich viele dazwischen.

Und so redet man des öfteren völlig aneinander vorbei (was Helmut zuletzt schrieb hat nichts mit dem zu tun was ich meinte), und dann kann man es manchmal auch besser lassen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 10:46 
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rodger hat geschrieben:
Zitat:
Lindsay radebrecht nicht, sondern May lässt ihn in einer sehrsehr wortkargen Sprechweise reden, in einem Jargon einer hochnäsigen, blasierten Gesellschaftsgruppe des generell hochnäsigen Albions, so wie May sich diesen vorstellte


Nie so empfunden.


Ich empfinde weniger, wenn ich einen Text interpretieren will, sondern reflektiere, was ich gelesen habe.

rodger hat geschrieben:
(Und über Empfindungen zu debattieren, kann man sich in die Haare schmieren. Siehe unten.)


Eben drum ziehe ich nachdenken vor.

Zitat:
Der englische General in der Juweleninsel versteigt sich noch weiter darin, sodass er bisweilen ganze Dialoge allein mit dem Wort Yes! bestreitet.


In Sachen Lindsay, May spürt (bei der Imagination seiner Figur) einen Sprach-Slang, der alles andere als hochnäsig oder sonstwas ist, und bringt das in eine Art Deutsch. Da steht’s dann ja auch (wie er ihn findet; nämlich ganz bestimmt nicht "hochnäsig" oder dgl.):

rodger hat geschrieben:
Der gute David that mir unendlich leid. Der reine Mensch kam in ihm mit dem Menschen von Old England in Konflikt.


Mit eben diesen Worten wird meine Interpretation bestätigt. Der reine Mensch ist der Lindsay, der Arabisch lernte und nun in der angefangenen Entwicklung weitergehen könnte, wenn er bei KBN bliebe. Er muss aber wohl der Mensch von Old England bleiben, ein blasierter, überheblicher Aristokrat des überheblichen und blasierten Albions, da ihn der General, ein Nonplusultra-Vertreter dieses arroganten Old Englands, von KBN wegführt.

Zitat:
May hier zwei Gesprächssituationen deutlich unterschiedlich gestaltet hat. Und ich denke, er hat sich dabei was gedacht.


rodger hat geschrieben:
Ja, aber vielleicht andere Dinge als sprachliche oder sprachwissenschaftliche.


Könnten Sie bitte konkreter werden? May ist Autor, Schriftsteller, Erzähler, der mit der Sprache das dar- und vorstellen muss, was er sagen will. Das ist sprachliches Handeln, und wenn wir es verstehen wollen, müssen wir interpretieren und das ist wiederum sprachwissenschaftliches Handeln.

Empfinden hilft da weniger, auch wenn Faust Gretchen einreden will: Gefühl ist alles, Name ist nur Schall und Rauch! So becirct man kleine Mädchen.

Zitat:
Mich wundert diese Unterschätzung des Mayster durch seine Bewunderer.

rodger hat geschrieben:
Ich bin kein Bewunderer (immer diese simplen Schubladen). Ich bin ein Seelenverwandter und Wellenlängen-Ähnlichgeschalteter. Er liegt mir, das ist alles.


Und der Seelenverwandte und Wellenlängen-Ähnlichgeschaltete sind keine Schubladen?


rodger hat geschrieben:
„Alle Debatten sind sinnlos und dumm“.

Hundert Leute lesen einen Text, jeder liest etwas anderes. Hundert Leute betrachten einen Farbkasten oder einen Flickenteppich, jeder sieht etwas anderes. Der andere hat seinen Schwerpunkt mehr beim Rot, der andere beim Grün, der Dritte beim Blau. Viele sehen nur Schwarz oder Weiß, und einige sehen über die vorhandenen hundert Farben hinaus auch noch unendlich viele dazwischen.

Und so redet man des öfteren völlig aneinander vorbei (was Helmut zuletzt schrieb hat nichts mit dem zu tun was ich meinte), und dann kann man es manchmal auch besser lassen.


Wenn dies Ihre wirkliche Überzeugung ist, so bewundere ich Ihren Verve, mit dem Sie hier mitdebattieren.

Ich profitierte bisher reichlich von den Debatten hier.


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 10:54 
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FritzR hat geschrieben:

Ich profitierte bisher reichlich von den Debatten hier.


Ich meistens nicht. Und deswegen werde ich auch nicht mehr auf alles eingehen, was ich so lesen muß, und die Kommunikation meinerseits, je nach Fall, einschränken bis einstellen.

(Kleine Mädchen becirct man übrigens heutzutage und offenbar schon seit Jahrzehnten vielleicht eher damit, indem man vermeintlich intellektuell herumschwatzt, ihnen Zahlen, Fakten und Begriffe um die Ohren haut usw., weil das zeitgeistgemäß in etwa das ist, was sie selber mangels anderer Fähigkeiten für relevant halten und auch irgendwann können wollen. Oder indem man eine Position hat, oder Kohle. Oder Muskeln oder sonstwas. Sensibelchen & Looser (ich fürchte ich muß dazu sagen daß ich mich zu dieser S&L-Fraktion zähle und nicht zu obigen Vermeintlichintellektuellen, sonst versteht es wieder die Hälfte falsch) sind nicht gefragt, Durchblick her oder hin, da würde nicht einmal der Durchblick eines Faust nützen. :lol: )

*

Denken und Verstand sind kümmerliche Hilfsmittel, derer man sich notgedrungen bedient.

Man kann Dinge SEHEN, ohne Psychologiebücher, ohne Statistiken, ohne Hintergrundwissen usw. Man kann auch mit völlig falschen Ansätzen alles zerreden und gedanklich bezugslos (ohne sich dieser Bezugslosigkeit bewusst zu sein) im luftleeren Raum herumirren.

Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.

(Albert Einstein)


Zuletzt geändert von rodger am 30.10.2008, 23:41, insgesamt 4-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 11:04 
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rodger hat geschrieben:
[Ich meistens nicht. Und deswegen werde ich auch nicht mehr auf alles eingehen, was ich so lesen muß, und die Kommunikation meinerseits, je nach Fall, einschränken bis einstellen.


Schade! Und Sie müssen nicht! Kein Mensch muss müssen und ein Rodger müsste!


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 11:10 
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Apropos Entwicklung- Im zweiten Kapitel des SL III beginnt eine Weiterentwicklung Halefs, eingeleitet durch die Frage:

»Sihdi, wie denkst du über das Sterben?«

Wir waren stundenlang schweigsam nebeneinander her geritten, und nun erklang diese Frage so plötzlich, so unerwartet, so unmotiviert, daß ich den Sprecher erstaunt ansah und keine Antwort gab. Das arabische Wort Sihdi bedeutet »Herr«. So pflegte mich Halef noch immer zu nennen, obgleich wir schon längst nicht mehr Herr und Diener, sondern Freunde waren.

»Sihdi, wie denkst du über das Sterben?« wiederholte er seine Frage, als ob er annehme, daß ich ihn nicht verstanden habe.

»Du kennst ja meine Ansicht über den Tod,« antwortete ich nun. »Er ist für mich nicht vorhanden.«

»Für mich auch nicht. Das weißt du wohl. Aber ich habe dich nicht nach dem Tode, sondern nach dem Sterben gefragt. Dieses ist da, kein Mensch kann es wegleugnen!«

»So sage mir zunächst, wie du zu dieser Frage kommst! Mein lieber, heiterer, stets lebensfroher HadschiHalef spricht vom Sterben! Hast du etwa einen besonderen Grund zu dieser deiner Frage?«

»Nein. Von meiner Seele, meinem Geiste, meinem Verstande wurde sie nicht ausgesprochen, sondern sie ist mir aus den Gliedern in den Mund gestiegen.«

Das klang wohl sonderbar; aber ich kannte meinen Halef. Er pflegte mit dergleichen, für den ersten Augenblick auffälligen Ausdrücken immer den Nagel auf den Kopf zu treffen.
Fassung der KMG S. 67f

Und kulminierend vorläufig:

»Nein, das kann ich nicht. Das kann überhaupt kein Lebender. Und wenn die Gestorbenen wiederkommen und zu uns sprechen könnten, wer weiß, ob sie es vermöchten, deine Frage zu beantworten. Sie würden vielleicht auch nichts weiter sagen können, als daß im Sterben die Seele von dem Leib geschieden wird.«

»Von ihm geschieden! Wo kam sie her? Wurde sie ihm gegeben? Ist sie in ihm entstanden? Was hat sie in ihm gewollt? Geht sie gern von ihm? Oder thut ihr das Scheiden von ihm weh?«

»Lieber Halef, ich bitte dich, von diesem Gegenstande
abzubrechen! Was Gott allein wissen darf, das soll der Mensch nicht wissen wollen!«

»Woher weißt du, daß nur Allah es wissen darf? Das Sterben ist ein Scheiden. Ich darf ja wissen, wohin mich dieses Scheiden führen soll, nämlich in Allahs Himmel. Warum soll es mir verboten sein, zu erfahren, in welcher Weise dieser Abschied vor sich geht? Höre, Sihdi, während du in der vergangenen Nacht schliefest, habe ich darüber nachgedacht. Soll ich dir sagen, was mir da in den Sinn gekommen ist?«

»Ja. Sprich!«

»Ich bin der Scheik der Haddedihn, ein in der Dschesireh sehr reich gewordener Mann. Worin besteht mein Reichtum? In meinen Herden. Da sendet mir der Sultan einen Boten, durch welchen er mir sagen läßt, daß ich nach drei oder fünf Jahren in die Gegend von Edreneh ziehen soll, um Rosen zu züchten, welche mir den Duft ihres Oeles zu geben haben. Was werde ich thun? Kann ich meine Herden mitnehmen? Nein. Ich werde sie nach und nach aufgeben, um mir an ihrer Stelle anzueignen, was mir dort in Edreneh von Nutzen ist. Und wenn ich das gethan habe, so kann ich, wenn die Zeit gekommen ist, aus meinem bisherigen Lande scheiden, ohne mitnehmen zu müssen, was im neuen Lande mir nur hinderlich sein würde. So ist es auch beim Sterben. Ich wohne in diesem Leben, doch Allah hat mir seine Boten gesandt, welche mir sagen, daß ich für ein anderes bestimmt bin. Nun frage ich mich, was ich in jenem anderen Leben brauchen werde. Früher glaubte ich, es sei nichts weiter nötig, als nur der Kuran und seine Gerechtigkeit. Aber ich lernte dich kennen und erfuhr, daß diese Gerechtigkeit bei Allah nicht einen Para Wert besitzt. Ich weiß jetzt, was ich hier hinzugeben und was ich mir dafür für dort einzutauschen habe. Ich will Liebe anstatt des Hasses, Güte anstatt der Unduldsamkeit, Menschenfreundlichkeit anstatt des Stolzes, Versöhnlichkeit anstatt der Rachgier, und so könnte ich dir noch vieles andere sagen. Weißt du, was das heißt, und was das bedeutet? Ich habe aufzuhören, zu sein, der ich war, und ich habe anzufangen, ein ganz Anderer zu werden. Ich habe zu sterben, an jedem Tage und an jeder Stunde, und an jedem dieser Tage und an jeder dieser Stunden wird dafür etwas Neues und Besseres in mir geboren werden. Und wenn der letzte Rest des Alten verschwunden ist, so bin ich völlig neu geworden; ich kann nach Edreneh, nach Allahs Himmel gehen, und das, was wir das Sterben nennen, wird grad das Gegenteil davon, nämlich das Aufhören des immerwährenden bisherigen Sterbens sein!«
Fassung der KMG S. 70ff

Man weiß ja, wie es beim Ustad weitergehr.


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:04 
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Registriert: 29.9.2008, 1:03
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FritzR hat geschrieben:
Apropos Entwicklung- Im zweiten Kapitel des SL III beginnt eine Weiterentwicklung Halefs.


Dass es bei dieser Entwicklung fast so zugeht, wie bei der Echternacher Springprozession, zeitigt auch heitere Szenen.

Wenn z. B. Halef nach der Beraubung durch die Massaban einen Rückfall ins Peitschenschwingerstadium hat.

»Wie? Was?« fragte Halef zornig. »Unseren Barkh oder unseren Assil Ben Rih geschlagen? Mit diesem Knüppel hier? Das muß hundertfach gerochen [gerächt] werden! Das erste Gebot für uns ist, Allah zu lieben; das zweite ist, die Menschen zu lieben, und das dritte ist, die Tiere und überhaupt alle Geschöpfe zu lieben, welche uns dienen sollen, weil Allah sie uns anvertraut hat. Wer gegen eines dieser drei Gebote handelt, der ist ja gar nicht wert, daß sie ihm gegeben worden sind! Ich will nicht etwa sagen, daß das Schlagen überhaupt verboten sei, denn warum hätte man sonst die Peitsche erfunden, und wozu wäre da ganz besonders auch meine eigene Kurbatsch 1) vorhanden, welche in diesem Augenblick allerdings nicht mehr vorhanden ist? Ich hoffe aber, daß ich sie sehr bald wiederbekomme, um die Hiebe, mit denen die edle Haut unseres Pferdes entweiht worden ist, mit Zinsen und wieder Zinseszinsen von diesen Zinsen zurückgeben zu können! Wer ein Pferd schlägt, durch dessen Adern reines Blut und edler Wille fließt, der ist ein Schuft, ein Schurke, ein elender Taugenichts, der die größte Verachtung verdient. Und wenn er gar das Pferd vorher gestohlen hat und mit dem Knüppel also eine Stelle bearbeitet, welche gar nicht sein rechtmäßiges Eigentum ist, so -- so -- so fehlen mir überhaupt die Worte, dir zu erklären, wie unendlich tief der Abgrund der Niederträchtigkeit ist, in dem er diese mir ganz unbegreifliche That begangen hat!«
==============
1) Peitsche aus Nilpferdhaut.

Das war so recht die Gesinnung und die Ausdrucksweise meines kleinen Hadschi. Er stand mit geballten Fäusten vor mir. Seine Augen blitzten, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck des höchsten Zornes. Ein Vollblutpferd mit dem Stocke zu bestrafen, das ging ihm über alle menschenmöglichen Begriffe. Er riß mir den Ast aus der Hand und fuhr fort:

»Gieb ihn mir! Ich sehe den Rücken schon von weitem, auf welchem ich dieses Werkzeug der Missethat vollends zersplittern werde!«

»Sei ruhig, Halef,« fiel ich ein. »Schau hier das Blut! Die That ist ja schon gerächt worden, und zwar viel strenger, als du sie rächen könntest.«

»Meinst du! Hm! Ja! Der Haupttäter hat seinen Lohn bekommen. Aber es waren elf andere dabei, welche die Mißhandlungen geduldet haben. Traust du mir etwa zu, daß ich sie begnadige?«

Diese Frage war so ernst gemeint, daß ich über sie lächeln mußte.

»Warum lachst du?« fragte er. »Willst du etwa meinen Grimm vergrößern? Soll ich nun auch noch auf dich zornig werden?«

»Nein; das wünsche ich nicht, lieber Halef. Aber schaue dich an, und schenke auch mir einen Blick! Wie stehen wir da! Wie sehen wir aus! Worin besteht unser Besitz und unsere Macht? Und da sprichst du von Begnadigung?«

»Warum soll ich das nicht?« fragte er im Tone des Erstaunens. »Werden wir etwa so, wie wir jetzt aussehen, hier stehen bleiben? Haben wir nicht soeben die Spur derer entdeckt, welche wir suchen? Werden wir ihnen denn nicht alles wieder abnehmen, was sie uns gestohlen haben? Und sind sie dann nicht ganz und gar
in unsere Hände gegeben? O, Sihdi, von dir habe ich gelernt, an mich und dich zu glauben, und nun bist grad du es selbst, der keinen Glauben hat! Was soll ich von dir denken! Selbst wenn es aus allen anderen Gründen unmöglich wäre, an diesen Schurken Vergeltung zu üben, so ist doch diese eine Unthat, unser Pferd geschlagen zu haben, so ungeheuerlich, daß sich das Kismet 1) gezwungen sehen muß, uns diese Kerle auszuliefern! Also zweifle nicht! Ich weiß, was kommen wird. Paß auf, was ich jetzt thue!«

Er schleuderte den Ast weit von sich und fügte dann hinzu:

»So wie ich dieses Werkzeug des Verbrechens wegwerfe, so werde ich alle meine Güte und Gnade von mir werfen, wenn diese Spitzbuben mich um Schonung bitten! Sei so gut und komme mir dann ja nicht mit deiner wohlbekannten "Menschenliebe", mit welcher du mir schon so manche unbezahlte Rechnung ausgestrichen hast! Ich will und werde mich rächen, und zwar so, wie ich mich noch nie gerächt habe. Jetzt komm! Wir wollen fort von hier! Wir dürfen keine Zeit versäumen, um Gericht zu halten über alle, die uns beraubt, belogen, betrogen und beleidigt haben!«

Wir gingen, um dem Thale zu folgen, in welchem wir uns befanden. Mein Gesicht schien jetzt einen Ausdruck zu haben, der Halef nicht gefiel, denn dieser sah mich, während wir neben einander gingen, forschend an und sagte dann:

»Du lächelst abermals und doch ist es kein Lächeln. Du lächelst zwar sehr deutlich, aber innerlich. Habe ich recht?«
======================
1) Schicksal.

»Ja,« nickte ich.

»So sag: Was kommt dir spaßhaft vor?«

»Deine Ungnade.«

»Die ist ganz und gar nicht lächerlich. Ich meine doch, daß du mich kennst, Sihdi!«

»Ja, ich kenne dich!«

»Nun? Weiter? Was willst du sagen?«

»Dein Grimm will oft die ganze Welt verschlingen. Dann aber schleicht sich heimlich und leise dein gutes Herz heran, um diese ganze Welt verzeihend zu umarmen!«

»So! Also so stark und so schwach bin ich in deinen Augen?«

»Ja, aber nicht so, wie du es meinst, sondern umgekehrt: schwach im Grimme und stark in deiner Güte.«

»Höre, Sihdi, ich will nicht mit dir streiten. Ich streite ja überhaupt nie mit dir, weil ich dir sonst zeigen müßte, daß du immer und immer unrecht hast. Und diese Kränkung will ich dir ersparen, denn ich bin dein wahrer Freund, und liebe dich. Aber dieses Mal muß ich dir doch sagen, daß du dich in mir täuschest. Es wird meinem Herzen nicht einfallen, geschlichen zu kommen, um hinter meinem Rücken meinen Grimm in Liebe zu verwandeln. Du denkst nie so scharf und empfindest nie so tief wie ich!


Ist er nicht großartig, dieser Halef?


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:07 
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Ja, dieser Halef ist großartig. Du aber auch, lieber Fritz, bei der Mühe, die du dir mit deinen Beiträgen machst. Toll!!


Zuletzt geändert von Kurt Altherr am 30.10.2008, 13:40, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:18 
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rodger hat geschrieben:
Denken und Verstand sind kümmerliche Hilfsmittel, derer man sich notgedrungen bedient.

Man kann Dinge SEHEN, ohne Psychologiebücher, ohne Statistiken, ohne Hintergrundwissen usw. Man kann auch mit völlig falschen Ansätzen alles zerreden und gedanklich bezugslos (ohne sich dieser Bezugslosigkeit bewusst zu sein) im luftleeren Raum herumirren.

Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.

(Albert Einstein)


Mit Verlaub und der vorher ausgesprochen Bitte um Entschuldigung.

Was Sie da vorbringen sind Rückzugsgefechtsargumente, die man sehr oft dann einsetzt, wenn man merkt, dass man der rationellen und vernünftigen Argumentation des Gesprächspartners nichts anderes mehr entgegenzusetzen hat.

Ohne die langen Berechnungen und logischen Vernunftsoperationen hätte Einstein seine Erkenntnisse nicht unter die Leute gebracht.

Es gibt keine Instanz über der Vernunft. Man kann von allen Menschen verlangen, dass sie die Gebe der Vernunft, die sie besitzen, anwenden. Auf die Dauer kann der Vernunft und der Erfahrung nichts widerstehen.
Sigmund Freud


Brechen wir also ab.


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:22 
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Kurt Altherr hat geschrieben:
Toll!!


Ja, er (FritzR) findet schöne Stellen. Weiter so !

:mrgreen:

Aber ansonsten ist er, mit Verlaub und der vorher ausgesprochen Bitte um Entschuldigung, ein (darf man Quatschkopf schreiben ? Nein ? Dann lass' ich es ...)

FritR hat geschrieben:
Brechen wir also ab.


Taten wir bereits. Aber wenn er schöne Zitate bringt, bin ich gerne dabei.

:wink:


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:34 
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Kurt Altherr hat geschrieben:
Ja, dieser Halef ist großartig. Du aber auch, lieber Fritz, bei der Mühe, die du dir mir deinen Beiträgen machst. Toll!!


Dies lese ich mit großer Freude! Danke, lieber Kurt!

Zeigt es doch, dass meine Art*, mit Karl-May-Texten umzugehen, nicht bloß Widerwillen und Ablehnung hervorzurufen imstande ist.

Beste Grüße Fritz

* Man hat nicht umsonst eine philologische Ausbildung hinter sich gebracht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:45 
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Hallo Fritz,

mit deinen Beiträgen erschließt sich Karl May für mich noch einmal gänzlich neu.

Auch die kontroversen Diskussionen die Du mit Rüdiger führst, sind für mich sehr reizvoll zu lesen.

Und Rüdiger ist in Sachen Karl May ja auch nicht ohne.

Viele Grüße
Kurt


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:49 
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FritzR hat geschrieben:

* Man hat nicht umsonst eine philologische Ausbildung hinter sich gebracht.


Das sind die schlimmsten ... (natürlich nicht Philologen grundsätzlich. Aber die verständnisfreien unter ihnen, und die, die sich auf ihre Ausbildung etwas einbilden. Diese beiden Gruppen pflegen sich übrigens beträchtlich zu überschneiden.)

:lol:

(Auch dazu gibt es eine hübsche Stelle im 'Silberlöwen' ...)


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 13:56 
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rodger hat geschrieben:
FritzR hat geschrieben:

* Man hat nicht umsonst eine philologische Ausbildung hinter sich gebracht.


Das sind die schlimmsten ... (natürlich nicht Philologen grundsätzlich. Aber die verständnisfreien unter ihnen, und die, die sich auf ihre Ausbildung etwas einbilden. Diese beiden Gruppen pflegen sich übrigens beträchtlich zu überschneiden.)

(darf man Quatschkopf schreiben ? Nein ? Dann lass' ich es ...)


Kommen Sie denn wirklich garnicht ohne diese persönlichen Anspielungen und Unterstellungen aus?
Meines Erachtens zeugt das von Minderwertigkeitskomplexen. Die gewaltig kompensriert werden müssen.

Definitiv mein letztes Wort an Sie! Und bitte vermeiden auch Sie künftige Begegnungen.

Fritz


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 14:28 
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[quote="FritzRIst er nicht großartig, dieser Halef?[/quote]

Betrachten wir ohne Nebengeplänkel Halefs Entwicklung weiter.

Ein Sprung zurück:

Er war nämlich aufgesprungen und nun eifrig damit beschäftigt, die Kleidungsstücke so eilig anzulegen, als ob sein ganzes Heil in der vollständigen Umhüllung seines kleinen, schmächtigen, aber außerordentlich sehnen- und nervenstarken Körpers bestehe. Ich folgte nun seinem Beispiele, wenn auch in langsamerer und bedächtigerer Weise.

»So!« sagte er, als er fertig war. »Jetzt bin ich wieder Hadschi Halef Omar, aber weiter nichts. Der berühmte Krieger und Scheik der Haddedihn werde ich erst dann wieder sein, wenn ich mein Pferd und meine Waffen wieder habe. Aber wehe dann allen denen, welche fähig gewesen sind, einen solchen Verrat und Bruch der Gastfreundschaft an uns zu verüben! Ich werde über sie Gericht halten wie der Erzengel Midschaïl 1), dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist! Ich werde weder Gnade noch Güte walten lassen! Ich werde so hart sein wie der Kieselstein am Ufer des Tigris und so unnachgiebig wie der Grimm, der sich im Magen eines hungrigen Löwen regt. Ich werde sie packen, wie der schwarze Panther seine Tatzen in das Genick der Kameelstute schlägt, und ich werde sie festhalten, wie das Krokodil seine Beute nie aus den Zähnen läßt! Ihre Qualen werden größer sein als die Qualen aller Höllen, die es giebt, und wenn sie vor Schmerzen stöhnen, wie der Hammel unter der Hand des Schlächters stöhnt, so werde ich lächelnden Mundes dabeisitzen und mich freuen, daß sie der wohlverdienten Strafe nicht entgangen sind!«
Das klang schrecklich genug. Wer ihn nicht kannte, der konnte allerdings glauben, daß er in voller Ueberzeugung spreche.


Zwei Sprünge vor:

Mich beschäftigte der Gedanke an Halef außerordentlich. Mir erschienen seine Wangen jetzt noch tiefer als vorher eingefallen. Ich sah sie bald sich entfärben, bald dunkler werden. Oder bildete ich mir das nur ein? Seine Augen blickten jetzt matt und starr, und gar nicht lange, so schienen sie in ungewöhnlichem Glanz zu strahlen. Auch hierin konnte ich mich täuschen, doch nicht darin, daß er zuweilen tief und seufzend Atem holte, was ich bei ihm noch nie bemerkt hatte. War seine Frage nach dem Sterben einer Vorahnung entsprungen, daß eine schwere Krankheit die fleischlosen, gierigen Hände nach ihm ausstrecke? Fast erschrak ich, denn grad als mir dieser Gedanke kam, wendete er mir sein Gesicht zu und sagte:

»Sihdi, ich komme mit meiner Frage noch einmal: Wie denkst du über das Sterben?«

»Wir haben das ja schon besprochen,« antwortete ich.

»Nein, noch nicht!«

»Wieso?«

»Du hast mir nicht geantwortet. Du warst so klug, wie du immer bist, wenn du meinst, daß ich nach etwas frage, was ich noch nicht verstehen kann. Dann antwortest du mir dadurch, daß du mich selbst antworten lässest. Aber ich wollte doch nicht hören, was ich denke, sondern wie du denkst.«

»Lieber Halef, frage nicht jetzt nach solchen Dingen; es ist nicht Zeit dazu.«

»Warum?«

»Muß ich dir das erst erklären? Was weiß der Mensch vom Sterben? Und wenn er ja darüber nachdenken, oder gar darüber sprechen will, so soll er das in stiller, geräuschloser Stunde thun, in welcher er nicht von dem Leben abgehalten wird, seine Gedanken mit dem Sterben zu beschäftigen. Sei gut, lieber Halef, und laß jetzt diese Frage fallen!«

»Sei gut, lieber Halef! O, Sihdi, wenn du in dieser Weise zu mir sprichst, so könnte ich nicht nur vom Sterben sprechen, sondern selbst und wirklich sterben -- für dich, aus Liebe, ja, aus Liebe! Wenn doch alle, alle Menschen nur in diesem Tone zu einander sprechen wollten!«

»Alle?«

»Ja, Sihdi!«

»Auch die guten mit den bösen?«

»Ja, auch; denn dann würden die einen vielleicht durch die anderen gerettet werden!«

»Ist das dein Ernst?«

»Ja.«

»Hm!«

»Wieder dieses "Hm!" Hinter diesem Brummen steckt stets etwas, was ich begangen habe. Wahrscheinlich auch jetzt. Ich bitte, es mir nicht vorzubrummen, sondern deutlich zu sagen!«

»Denke an den Erzengel Midschaïl, dem das Schwert der Rache in die Hand gegeben ist! Wer wollte so streng Gericht halten wie er?«

»Hm!«

»Ah, wer brummt jetzt? Ich oder du? Wer wollte weder Gnade noch Güte walten lassen?«

»Hm!«

»Wer wollte wie ein Kieselstein oder wie ein hungriger Löwe sein?«

»Hm!«

»Ein schwarzer Panther, ein Krokodil? Wer wollte alle Qualen der Hölle spenden und sich dann lächelnden Mundes über diese Qualen freuen? Kennst du vielleicht den Mann?«

»Hm!«

Er hatte bei jedem »Hm!« den Kopf immer tiefer sinken lassen. Ich fuhr fort:

»Und jetzt wünscht ganz derselbe Mann, daß alle, alle Menschen nur im Tone der Liebe zu einander sprechen möchten, auch die guten zu den bösen, weil die letzteren dadurch vielleicht gerettet werden könnten!«

Da hob er den Kopf mit einem schnellen Ruck empor, wendete mir das liebe, liebe Gesicht wieder zu und rief aus, indem ein helles seelengutes Lächeln darüberflog:

»Vergieb, Sihdi! Dieser Mann, dieser Mensch, dieser Kerl, dieser Dummkopf ist der größte Esel, den es nur geben kann! Glaubst du das?«

»Nein!«

»So streite ich mich mit dir! Du kennst nämlich deinen Halef nicht!«

»O doch!«

»Nein, noch lange nicht! Auch ich habe ihn nicht gekannt, bis -- bis -- bis ich einmal ganz plötzlich den anderen kennen lernte.«

»Den anderen?«

»Ja. Hältst du es für möglich, daß ein Mensch aus zwei Personen bestehe?«

Ich sah erstaunt zu ihm hinüber. Welch eine Frage!

»Ja, da schaust du mich groß an!« fuhr er fort.

»Verzeihe mir, daß ich dir bisher die große, wichtige Entdeckung verschwieg, welche ich an mir gemacht habe! Ich bestehe aus zwei ganz ähnlichen und doch unendlich verschiedenen Wesen. Das eine ist gut, das andere schlimm. Beide zusammen heißen Hadschi Halef; stehen sie einander aber kämpfend gegenüber, so ist das schlimme der Hadschi und das gute der Halef. Verstehst du mich?«

»Ja.«

Jetzt war er es, der mich prüfend ansah.

»Du verstehst mich? Sonderbar! Kämpft es etwa auch in dir so wie in mir?«

»Ja, in jedem Menschen. Aber Millionen schenken diesem inneren Kampfe keine Aufmerksamkeit, und darum sterben sie, ohne es zum Sieg zu bringen.«

»Das will ich aber! Ich will siegen, darum kämpfe ich! Kein Mensch bemerkt das, und selbst du hast es nicht bemerkt. Es lebt einer in mir; der ist, als ob er von Allahs Himmel stamme, so freundlich, so gütig, so edel, so aufopfernd, so geduldig. Das ist dein Halef, den du liebst. Und es lebt einer in mir, der nicht vom Himmel stammt, denn er ist stolz, trotzig, unvorsichtig, alles übertreibend, prahlerisch, jähzornig, unversöhnlich, rachsüchtig. Das ist der Hadschi, der dir nicht gefällt und den du meinst, so oft dein "Hm!" sich hören läßt. Du wirst vielleicht fragen, warum ich den guten als den Halef und den schlimmen als den Hadschi bezeichne; aber wenn ich dir sage, daß Halef ein Mann und Hadschi ein Titel ist, so wirst du mich verstehen.«

Für diejenigen, welche es noch nicht wissen, diene die Bemerkung, daß der Anhänger des Islam dann zum Hadschi wird, wenn er eine der heiligen muhammedanischen Städte der Pilger besucht und dort alle seine religiösen Obliegenheiten erfüllt hat. Ein Hadschi in vollstem Sinne ist der, welcher in Mekka, Medina und vielleicht gar noch in Jerusalem zum Besuch der Omarmoschee gewesen ist. Für den Westafrikaner aber genügt es auch schon, das dort für heilig geltende Kaïrwan besucht zu haben.

Halef hatte nach seinen letzten Worten eine kurze Pause gemacht. Dann fuhr er fort:

»Als du mich damals in der Sahara kennen lerntest, war ich ein junger[,] unerfahrener und doch sehr eingebildeter Mensch. Ich nannte mich Hadschi, obgleich ich kein Recht hatte, diesen Titel zu führen. Du freilich durchschautest mich und lächeltest über diesen falschen Hadschi, der noch nie an einem der heiligen Orte gewesen war. Ich nannte sogar meinen Vater und auch meinen Großvater Hadschis, obgleich sie noch nicht einmal Kaïrwan im Lande Tunis gesehen hatten. Das war nicht nur eine Lüge, sondern sogar eine Uebertreibung der Lüge bis auf meine Vorfahren zurück. Ich war eitel und ruhmsüchtig; ich prahlte; ich wollte mehr sein, als was ich war, und aus dieser Unwahrheit entsprangen alle anderen Fehler, welche sich über dein "Hm!" zu ärgern pflegen. Darum habe ich den schlimmen Kerl, der in mir steckt und mir so viel zu schaffen macht, den "Hadschi" genannt. Begreifst du mich jetzt, Sihdi?«

»Sehr gut, mein lieber Halef.«

»Und dieser "Hadschi" ist dir bekannt?«

»Wahrscheinlich besser, als du denkst.«

»So hoffe ich, daß dir auch der andere, der gute Kerl in mir bekannt ist, den ich mit meinem Namen, also mit "Halef" bezeichne. Denn dieser hat mir immer wieder zurückzuholen, was der andere mir von deiner Liebe und deiner Achtung raubt. Diese beiden so verschiedenen Wesen wohnen in mir und streiten sich unaufhörlich nicht nur um den Besitz meiner Persönlichkeit, sondern sogar um jedes meiner Worte und um jede meiner Thaten. Wer von ihnen zuerst dagewesen und wer dann später gekommen ist, der Hadschi oder der Halef, das kann ich nicht sagen, denn ich habe damals nicht aufgepaßt. Seit einiger Zeit aber beobachte ich sie sehr genau, und da bemerke ich, daß sie eigentlich gar nicht zu einander gehören und doch unendlich schwer von einander zu unterscheiden sind. Aber bemerkt habe ich doch, daß der Halef die Wahrheit liebt und von dem andern nichts, gar nichts wissen will, während aber im Gegenteile der Hadschi sich oft die größte Mühe giebt, mich zu belügen und zu betrügen, indem er sich stellt, als ob er der Halef sei. Darum habe ich diesem Hadschi schon hundertmal die Gastfreundschaft in mir gekündigt; aber er hat keinen Gehorsam und kein Ehrgefühl; er bleibt, wo er ist, und wenn ich ihn einmal vorn zur Thüre meines Zeltes hinausgeworfen habe, so ist er im nächsten Augenblicke hinten unter der Leinwand schon wieder zu mir und in mich hineingekrochen. Sihdi, wenn ich den Kerl fassen könnte! Leider aber ist mir das nicht möglich! Er hat weder vor mir noch vor andern Leuten Angst, und es giebt nur einen, vor dem er sich fürchtet.«

»Wer ist das?«

»Das bist du. Ja, du! Vor dir scheint er einen ungeheuren Respekt zu haben, aber weniger vor deiner Gestalt, als vielmehr vor deinen Augen. Erst seitdem ich dies bemerkt habe, weiß ich, daß es Augen giebt, welche der Warnung, und wieder andere, welche der Verführung dienen. Ich habe sehr oft schon in Augen gesehen, bei deren Blick dieser Hadschi sofort zu prahlen und zu übertreiben beginnt. Aber wenn du mich anschaust, weiß du, so ernst und doch so lächelnd, da kann er gar nicht anders, da ist er sofort still. Er schämt sich vor dir; ja er flieht vor dir. Wie das nur kommen mag? Kannst du es mir erklären?«

»Vielleicht. Er flieht nämlich nicht vor mir, sondern vor dem guten Halef in dir. Dieser ist es ja, den ich lieb habe, und wenn die Liebe mein Auge auf dich richtet, ruft sie ihn wach und steht ihm bei, den andern zu besiegen. Das ist ein Rätsel des menschlichen Seelenlebens, welches du nicht lösen kannst. Versuche also nicht, ihm nachzuforschen!«

»Diese Warnung ist gar nicht nötig, denn du weißt ja, daß ich kein Freund von Rätseln bin. Aber über die beiden in mir wohnenden Wesen möchte ich doch gar so gern ins Reine kommen.
Fassung der KMG S. 107ff

Es ist doch überaus fein von May gemacht, wie er da deine "harmlos-unbesonnen" Halef seine eigenen psychologischen Einsichten finden lässt, die er später so formuliert: Nicht Einzelwesen ist der Mensch, ...

Damit will ich diesen Faden abbrechen. Mögen meine Über- und Darlegungen nicht umsonst gewesen sein.

Gruß Fritz


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 Betreff des Beitrags: Re: Frauen klatschen in die Hände vor Freude etc, Männer, um zu
BeitragVerfasst: 30.10.2008, 15:03 
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Registriert: 29.9.2008, 1:03
Beiträge: 136
[quote="FritzRDamit will ich diesen Faden abbrechen. Mögen meine Über- und Darlegungen nicht umsonst gewesen sein.[/quote]

Doch noch ein Zitat, weils gar so schön ist.

Da fühlte ich Halefs tastende Hand, welche meinen Arm berührte und an demselben niederglitt. Er ergriff meine Rechte, nahm sie in seine beiden Hände und lehnte seinen Kopf an meine Seite. So saß er längere Zeit still und unbeweglich. Mir war es, als ob seine Hände ungewöhnlich warm seien.

»Sihdi!« erklang es leise.

»Halef!« antwortete ich ebenso.

»Siehst du die Sterne dort oben?«

»Ja.«

»Man meint, daß das der Himmel sei. Ob euer oder unser Himmel?«

»Meinst du, es gebe verschiedene Himmel, mein guter Halef?«

»Nein. Und wenn! Hätte Allah zehn Himmel, und mir wäre der höchste von ihnen bestimmt. Und hätte der Gott der Christen auch zehn Himmel, und für dich sollte der unterste sein. Weißt du, was ich thäte?«

»Nun?«

»Ich verzichtete auf meinen obersten und ginge mit dir in deinen niedrigsten. Er würde für mich doch der höchste sein, denn wo die Liebe wohnt, da ist die schönste und beste Seligkeit. Wäre ich dir willkommen, Sihdi?«

»Kannst du ungewiß hierüber sein, Halef?«

»Nein. Ich bin wie ein Kind, welches gern den Vater sagen hört, daß er es liebt!«

»So sage ich es dir von ganzem Herzen!«

»Ich danke dir! Ich dachte soeben nach --- über dich und über mich. Meinst du, daß wir Freunde seien?«

»Gewiß! Bessere kann es gar nicht geben!«

»Ich denke aber anders.«

»Wie?«

»Solche Freunde, wie wir sind, kann es ja gar nicht geben. Wir sind mehr, viel mehr als Freunde. Es giebt kein Wort dafür. Wenn wir uns als Menschen lieben, welche beide ein gutes und ein nicht gutes Wesen in sich haben, so sind wir Freunde. Aber wenn wir die Liebe nur der beiden guten Wesen in uns meinen, so ist das mehr als Freundschaft; das muß doch wohl der Himmel sein! Das ist es, was ich dachte, und was ich dir sagen wollte! Ich kann dein Gesicht nicht erkennen; aber sag, lächelst du vielleicht?«

»Nein. Ich bin sehr ernst, aber glücklich ernst.«

»Und ich bin so weich. Woher das wohl kommen mag? Sag: Wenn ich dich hier verlassen müßte, um zu sterben, würde ich dich dann wohl auch noch sehen können?«

»Halef! Wie kommst du zu dieser Frage?«
»Das weiß ich nicht. Sie kam mir auf die Zunge und wollte ausgesprochen sein; da habe ich es gethan. Es spricht jemand in mir vom Tode. Ob es der Halef oder der Hadschi ist, das weiß ich nicht; aber ich werde --- Horch!«
Fassung KMG S. 117ff

Gruß Fritz


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