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 Betreff des Beitrags: Eine Büffeljagd
BeitragVerfasst: 29.10.2008, 21:52 
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Ich will jetzt eine Jagd beschreiben, die Herr M'Kenzie mit einer Anzahl seiner Leute ohne Indianer veranstaltete und an der ich teilnahm. Er hat innerhalb des Forts einen geräumigen Eiskeller, worin er das Büffelfleisch lange Zeit frisch aufbewahrt; geht der Vorrat zur Neige, so besteigt er sein Lieblings-Büffelpferd (das heißt dasjenige Pferd, das am besten zur Büffeljagd abgerichtet ist), nimmt seine leichte kurze Flinte, die sich am bequemsten im vollen Jagen laden läßt, und geht mit fünf oder sechs seiner Leute nicht auf die Jagd, sondern >nach Fleisch<.

So zogen wir denn auch eines Morgens aus, nämlich die Herren M'Kenzie, Chardon, Baptiste Defonde, Tullock, ich und noch einige andere, deren Namen ich nicht weiß. Vier oder fünf Mann erhielten noch den Befehl, uns mit ebenso vielen einspännigen Wagen zu folgen, um die erlegten Büffel nach Hause zu schaffen. Wir setzten über den Fluß und hatten einige englische Meilen im Galopp zurückgelegt, als wir von einem Hügel aus eine Büffelherde von vierhundert bis fünfhundert Stück erblickten, die sich hier gewiß vollkommen sicher glaubten und von denen einige grasten, andere lagen und schliefen. Wir näherten uns ihnen bis auf eine englische Meile, machten halt, und Herr Chardon >warf die Feder<, um zu sehen, woher der Wind komme (ein Gebrauch, der immer beobachtet wird); dann begann das >Aus kleiden<, das heißt, jeder entledigte sich und sein Pferd aller unnötigen Gegenstände, die bei der Jagd hinderlich sein konnten: Hüte, Röcke und Kugelsäcke wurden abgelegt, die Ärmel aufgestreift, ein Tuch um den Kopf, ein anderes um den Leib gebunden, die Patronen zurechtgemacht und in die Westentasche gesteckt oder ein halbes Dutzend Kugeln in den Mund genommen usw. Dies währte etwa zehn bis fünfzehn Minuten, und nachdem nun der Anführer den Jagdplan vorgelegt hatte, die Flinten geladen und die Ladestöcke in die Hand genommen waren, ritten wir alle in einer Front und im langsamen Schritt vorwärts.

Die Pferde sind hier sämtlich auf diese Jagd eingeübt und scheinen mit demselben Enthusiasmus daran teilzunehmen wie ihre Reiter. Während des Auskleidens und Ladens zeigten sie die größte Ungeduld, und als wir uns der Herde näherten, schienen sie alle von der Jagdlust begeistert zu sein, denn selbst der trägste Gaul stolzierte mit elastischem Schritt, einer biß auf die Stange, spitzte die Ohren und richtete seine funkelnden Augen auf das Wild, während er unter dem Sattel seines Reiters zitterte.

Auf diese Weise ritten wir vorsichtig und schweigend weiter. und waren den Büffeln bis auf etwa zehn oder fünfzehn Ruten nahe gekommen, als sie uns erblickten, kehrtmachten. und in Masse davonliefen. Nun ging es vorwärts (und vorwärts müssen alle, denn niemand würde in einem solchen Augenblick sein Pferd zurückhalten können), und dahin flogen wir über die Prärie, in eine Wolke von Staub gehüllt. M'Kenzie war der vorderste und verschwand bald in dem Staub. Ich hatte einen großen Stier entdeckt, dessen Schultern über die ganze Herde hervorragten, und drängte mich durch, um an seine Seite zu kommen. Ich ging nicht nach >Fleisch<, sondern nach einem >Siegeszeichen<; ich wollte seinen Kopf und seine Hörner. Ich jagte durch die über die Ebene hinstürmende Herde, von allen Seiten gedrängt und gestoßen, so daß ich oft nicht wußte, ob ich auf einem Büffel oder auf meinem Pferd saß, bis ich endlich an die Seite meines Stiers gelangte und ihm einen Schuß beibrachte.

Ich sah den Blitz von mehreren Flinten, hörte aber keinen Knall. Chardon hatte einen stattlichen Stier verwundet und wollte eben zum zweiten Mal schießen; beide waren, ebenso wie wir, in vollem Rennen und dicht vor mir, als der Stier sich plötzlich umwandte und das Pferd auf die Hörner nahm, so daß Chardon einen Froschsprung über den Büffel hinweg machte und fast unter den Hufen meines Pferdes zu Boden fiel. Ich ritt so schnell als möglich zu ihm zurück; er lag noch am Boden, der Büffel neben ihm, mit den Beinen nach oben, und quer über demselben das Pferd. Ich stieg sogleich ab; indes hob sich Chardon auf den Händen empor, Augen und Mund voll Staub, und suchte seine Flinte, die an dreißig Schritte weit von ihm lag. »Um Himmels willen, seid Ihr verletzt, Chardon?« -»Nein, nein, ich glaube nicht. Oh, das bedeutet nichts, Herr Catlin, das ist nichts Neues – aber das ist hier ein verdammt harter Boden.« Bei diesen Worten wurde der arme Mensch ohnmächtig, erhob sich jedoch nach wenigen Augenblicken wieder, nahm seine Flinte und ergriff sein Pferd beim Zügel, das mit Gestöhn aufstand, den Staub abschüttelte – und wir waren alle wieder auf dem Platz, mit Ausnahme des Stiers, der das traurigste Schicksal hatte.

Ich sah mich nun nach der fliehenden Herde und unseren Gefährten um, allein von beiden war nichts zu sehen als die Staubwolke, die sie hinter sich gelassen hatten. Dagegen erblickte ich in geringer Entfernung zur Rechten meinen großen Stier, der sich auf drei Beinen so schnell wie möglich von diesem gefährlichen Boden zu entfernen suchte. Ich galoppierte auf ihn los, und sogleich kehrte er sich kampffertig gegen mich; er schien sehr gut zu wissen, daß er mir nicht entgehen könne, und wollte daher sein Leben so teuer wie möglich verkaufen.

Ich fand, daß mein Schuß ihn etwas zu weit nach vorn getroffen, eine Schulter zerschmettert hatte und in der Brust steckengeblieben war; bei seiner großen Masse war es ihm daher unmöglich, auf mich loszuspringen. Ich näherte mich ihm bis auf wenige Schritte, nahm mein Skizzenbuch heraus, legte meine Flinte quer über den Sattel und begann ihn zu zeichnen, indem ich es dem Scharfsinn meines Pferdes überließ, mich außer dem Bereich der Gefahr zu halten. Er stand ganz still, während aus seinen Augen die größte Wut blickte. Ich ritt rund um ihn herum und zeichnete ihn in verschiedenen Stellungen; einmal legte er sich nieder, und ich zeichnete ihn in dieser Lage; dann warf ich meine Mütze nach ihm, worauf er sich wieder erhob und wieder gezeichnet wurde. Auf diese Weise erhielt ich einige unschätzbare Skizzen dieses wutblickenden Untieres, das von meiner Zeichnung gewiß nichts ahnte.

Niemand kann sich einen Begriff machen von dem Blick eines solchen Tieres; ich fordere die ganze Welt auf, mir ein anderes Tier zu nennen, das einen so entsetzlichen Blick hat wie ein großer Büffelstier, der verwundet ist und sich, vor Wut aufschwellend, zum Kampf umwendet – seine Augen sind blutrot, seine lange zottige Mähne hängt bis auf den Boden – das Maul steht offen, und er stößt Ströme von Dampf und Blut aus Maul und Nase aus, wenn er sich bückt, um auf seinen Angreifer loszuspringen.

Während ich ruhig zeichnete, kamen M'Kenzie und seine Gefährten, ihre erschöpften Rosse am Zügel führend, von der Jagd zurück, und hinter uns vier oder fünf Wagen, um das Fleisch nach Hause zu schaffen. Alle versammelten sich um mich und meinen Stier, den ich durch einen Schuß in den Kopf tötete. Wir setzten uns auf die Erde, jeder zündete seine Pfeife an und erzählte seine Heldentaten. Ich selbst wurde herzlich ausgelacht, weil ich als Neuling einen alten Stier getötet hatte, dessen Fleisch ungenießbar war.


Woran erinnert mich das?


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 Betreff des Beitrags: Re: Eine Büffeljagd
BeitragVerfasst: 9.11.2008, 12:00 
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An "Winnetou I"?


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 Betreff des Beitrags: Re: Eine Büffeljagd
BeitragVerfasst: 9.11.2008, 20:18 
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Kurt Altherr hat geschrieben:
An "Winnetou I"?


Gernau; an die erste Büffeljagd des Greenhorns mit Sam Hawkens.

Der obige Text stammt von George Catlin; Die Indianer Nordamerikas, Bd. 1, S. 25 ff.

May hat Catlin - so vermutet Heinz Neumann, Karl May und George Catlin: Eine Hypothese: M-KMG, Nr. 6, 1970 - wohl schon als Seminarist oder in einer Haftanstalt gelesen. Eine spätere Ausgabe Catlins befindet sich in Mays Bibliothek.

Gruß Fritz


Zuletzt geändert von FritzR am 9.11.2008, 20:48, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Eine Büffeljagd
BeitragVerfasst: 9.11.2008, 20:26 
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Beiträge: 560
Ich schalte jetzt mal den Besserwissercode ein, Fritz und sage, dass er Sam Hawkens heisst.

Viele Grüße
Kurt


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 Betreff des Beitrags: Re: Eine Büffeljagd
BeitragVerfasst: 9.11.2008, 20:51 
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Registriert: 29.9.2008, 2:03
Beiträge: 136
Kurt Altherr hat geschrieben:
Ich schalte jetzt mal den Besserwissercode ein, Fritz und sage, dass er Sam Hawkens heisst. Viele Grüße
Kurt


Danke! Schon korrigiert. Aber dann bitte auch "heißt". :)

Ich bin leider erst jetzt auf Gabriele Wolffs Beitrag zu May und Catlin gestoßen, die meine Entdeckung bei der Catlin-Lektüre schon JbKMG 1985, S. 348f bekannt machte.

Besser spät als nie!

Gruß Fritz


Zuletzt geändert von FritzR am 9.11.2008, 20:59, insgesamt 1-mal geändert.

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