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 Betreff des Beitrags: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 17.12.2008, 18:19 
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Dieses Foto zeigt den aktuellen Weihnachtsmarkt in Hohenstein. Hier begann für Karl May vor 147 Jahren eine schwierige Zeit:

… und ich mußte nach dem Hohensteiner Christmarkt, um noch einige kleine Einkäufe zur Bescherung für die Schwestern zu machen. Dort traf ich einen Gendarm, der mich fragte, ob ich der Lehrer May sei. Als ich dies bejahte, forderte er mich auf, mit ihm nach dem Rathause zu kommen, zur Polizei, wo man eine Befragung für mich habe. Ich ging mit, vollständig ahnungslos. Ich wurde zunächst in die Wohnstube geführt, nicht in das Bureau. Da saß eine Frau und nähte. Wessen Frau, darüber bitte ich, schweigen zu dürfen. Sie war eine gute Bekannte meiner Mutter, eine Schulkameradin von ihr, und sah mich mit angstvollen Augen an. Der Gendarm gebot mir, mich niederzusetzen, und ging für kurze Zeit hinaus, seine Meldung zu machen. Das benutzte die Frau, mich hastig zu fragen:
»Sie sind arretiert! Wissen Sie das?«
»Nein,« antwortete ich, tödlich erschrocken. »Warum?«
»Sie sollen Ihrem Mietkameraden seine Taschenuhr gestohlen haben! Wenn man sie bei Ihnen findet, bekommen Sie Gefängnis und werden als Lehrer abgesetzt!«
– Mein Leben und Streben, S. 105f.

In der vorzüglichen Bildbiographie ›Karl May und seine Zeit‹, S. 73, schreiben die beiden Autoren Gerhard Klußmeier und Hainer Plaul:

»Der Hohensteiner Markt zur Weichnachtszeit. Wahrscheinlich am Vormittag des 25. Dezember 1861 wurde Karl May hier von einem Chemnitzer Gendarm festgehalten […].
Die in der Literatur verbreitete Darstellung, May sei beim Billardspiel im Hohensteiner Hotel ›Drei Schwanen‹ verhaftet worden, stammt von Mays ärgstem Gegner Rudolf Lebius […] und geht auf Mitteilungen von dessen Ernstthaler Gewährsmann Richard Krügel […] zurück.«


Vielleicht sollte hier in diesem Forum über die beiden Verhaftungsversionen diskutiert werden. Welche Darstellung ist korrekt?

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Das Hotel ›Drei Schwanen‹ am Hohensteiner Markt (Foto vom 13.12.2008).


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 17.12.2008, 19:14 
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Wie dem nun auch sei ("das bleibt sich gleich", hätte ich fast gesagt, aber das klänge vielleicht nach schnodderiger Provokation, die es indes keinesfalls hätte sein sollen), das Ereignis ist eines der Traumata in einer Kette zahlreicherer weiterer, die sich sozusagen als ständig wiederkehrende Begleiter durch Karl Mays Leben ziehen. Die Kolbenschläge auf den Kopf, die ebenfalls immer mal wiederkehren im Werk, symbolisieren sie, wenn man so will. Damit kannte Karl May sich aus.

Ich habe mal in einer Radiosendung so um 1978 etwas gehört, was mich sehr beeindruckt hat und mir immer wieder zu passenden Gelegenheiten einfällt, so auch jetzt zu dieser Trauma-Thematik. In der Radiosendung erzählte der Politiker Hans Katzer aus seinem Leben. Daß er nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkam, dort froh war, daß das Haus noch stand, das er suchte, und als er die Klinke drückte und durch die Tür gehen wollte, mußte er feststellen daß das Haus eben doch nicht mehr stand, sondern nur noch die Fassade. Dahinter war nichts mehr, und die Leute, die er wiedersehen wollte, offenbar tot.

Als er das erzählte, fing er an zu lachen. Als ob er einen Witz erzähle. Der Moderator fragte tonlos und einigermaßen entsetzt "Warum lachen Sie Herr Katzer", und ich habe gedacht, dumme Frage, ist doch klar daß er lacht, was soll er denn sonst machen. Das ist nicht zynisch, das ist ein Schutzmechanismus.

Die Geschichte könnte von Karl May sein, und dessen Verkraften von Traumata, die Art, damit umzugehen, ist wohl ähnlich anzusiedeln. Er hat nie den Humor, die Lebensfreude, die Lust an "Jux und Dollerei" verloren, unabhängig davon was er alles schon "um die Ohren" gekriegt hatte. Und das ist schön.

Anzeigen, Berufsverbot, Inhaftierungen, Weggeschicktwerden, Ehe-Enttäuschung, Presseschlacht, usw., usf., Karl May hat immer wieder derartig "auf die Mütze" bekommen, daß es schon beeindruckend ist.

Und daß man für so etwas letzten Endes DANKBAR (Ja !) sein kann, hat er in der "Geisterschmiede" gesehen und vermittelt. Man muß es halt aushalten können, dann sind es alles Schritte auf dem Weg in Richtung Reife und Wachstum.

Zur Frage, wo die Verhaftung geschah, kann ich nichts beisteuern, aber ich denke vielleicht ist das Vorstehende auch nicht uninteressant.


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 17.12.2008, 20:39 
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Ich dachte immer er wäre arretiert worden und bei der Polizei durchsucht worden. Daß er möglicherweise noch die Chance gehabt hat durch den Hinweis der Schulfreundin seiner Mutter die Uhr irgendwie vor der Durchsuchung verschwinden zu lassen, wußte ich überhaupt nicht. Aber obs wahr ist oder nicht, er hats ja dann nicht getan oder noch nicht mal dran gedacht. Ich in dieser Situation wäre wohl auch zu keiner Regung fähig gewesen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 17.12.2008, 20:59 
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Selbst wenn er beim Mitnehmen der Uhr ein zwiespältiges Gefühl gehabt haben sollte, beim Hinweis auf Polizei wird er nicht an die Uhr gedacht haben. Wer kommt denn auf die Idee das wegen so etwas die Polizei anrückt und einen verhaftet. Das ist ja absurd.

In Gartow gab's dann die Steigerung. Es ist um Welt und Menschen so bestellt, daß man auch, wenn man gut drauf ist und Geld verschenkt, deswegen arretiert werden kann.

(Gartow hatte ich im ersten Beitrag bei der Aufzählung einiger Traumata vergessen zu erwähnen. Für mich ein eindeutig traumatisches Erlebnis, ganz bestimmt keine 'lustige Anekdote'.)


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 17.12.2008, 21:04 
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Meine Bestürzung war unbeschreiblich. Ein einziger klarer, ruhiger Gedanke hätte mich gerettet, aber er blieb aus. Ich brauchte die Uhr einfach nur vorzuzeigen und die Wahrheit zu sagen, so war alles gut; aber ich stand vor Schreck wie im Fieber und handelte wie im Fieber.

Die Uhr verschwand, nicht wieder in der Tasche, sondern im Anzuge, wohin sie nicht gehörte, und kaum war dies geschehen, so kehrte der Gendarm zurück, um mich abzuholen. Mache ich es mit dem, was nun geschah, so kurz wie möglich! Ich beging den Wahnsinn, den Besitz der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man nach ihr suchte, gefunden. So vernichtete mich also die Lüge, anstatt daß sie mich rettete; das tut sie ja immer; ich war ein - - - Dieb!


Nach "reinem Gewissen" (die Angelegenheit betreffend) klingt das alles nicht wirklich ...


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 18.12.2008, 1:53 
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rodger hat geschrieben:
Die Kolbenschläge auf den Kopf, die ebenfalls immer mal wiederkehren im Werk, symbolisieren sie, wenn man so will.

Nicht nur "wenn man so will". Das ist so. (Und eine feine Beobachtung, btw.)


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 20.12.2008, 15:54 
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Ich bleibe bei "wenn man so will". Ich will es ja nicht auf diese eine unter mehreren möglichen oder gültigen Ebenen reduzieren.

Die drei Kolbenschläge, die mir spontan einfallen (aus Winnetou I, In den Schluchten des Balkan, Weihnacht; es gibt sicher noch mehr) sind ja bei aller Ähnlichkeit alle anders geartet; in "Balkan" komt als wesentliches Element die Nahtod-Erfahrung hinzu, in "Weihnacht" ein humoristischer Einschlag in der Art der Betrachtung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Weihnachten 1861
BeitragVerfasst: 30.1.2010, 14:52 
Ich denke, dass Karl May die Uhr nicht stehlen wollte, sondern nur über Weihnachten mitnehmen wollte um bei den Eltern, Verwandten usw. zu renommieren. "Schaut mal, ich bin jetzt Lehrer und habs schon zu was gebracht".
Verständlich. Als dann die Anzeige kam war May einfach überfordert, den Hals aus der Schlinge zu ziehen - und ein etwas schlechtes Gewissen hatte er wohl auch. Aber das spricht durchaus für ihn.


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