Re: Apatschen


Karl-May-Forum


Geschrieben von Ekkehard Bartsch am 26. März 2004 01:34:14:

Als Antwort auf: Re: Apatschen geschrieben von Kurt Altherr am 24. März 2004 21:02:11:

Es ist doch eine unerschöpfliche Spielwiese, diese Diskussion um "die Handlungszeit der May-Erzählungen" - und das seit über achtzig Jahren, seit Franz Kandolf im Karl-May-Jahrbuch 1923 seinen gleichnamigen Aufsatz veröffentlichte. Später (um 1943) erkannte er freilich die Unmöglichkeit, solch eine lückenlose und befriedigende Chronologie zu erstellen und schrieb seinen satirischen Text "Der Teufel der Zeitenfolge" (abgedruckt in der Festschrift "75 Jahre Karl-May-Verlag" 1988, S. 64-66). In seinem Begleittext relativiert Roland Schmid dort zwar Kandolfs Feststellung gleich wieder mit dem Hinweis, dass er "in vieler Hinsicht nicht wörtlich verstanden werden will", aber letzten Endes muss man Kandolfs Stoßseufzer doch zustimmen.

Es ergibt sich die grundsätzliche Frage, warum man denn überhaupt die fiktiven Reiseerzählungen in eine Zeitfolge - mit genauen Jahresangaben - bringen muss. May selbst hat nur an ganz wenigen Stellen, vorwiegend in der "Scout"-Geschichte in "Winnetou II", auf reale geschichtliche Ereignisse Bezug genommen (Sezessionskrieg, Ku-Klux-Klan, auch Winnetous Ritt im Auftrage von Benito Juarez). Ansonsten spielen die Geschichten in einem gewissermaßen zeitlosen Raum. Auf Jahreszahlen hat er sich zeitlich erst viel später in seiner Leserkorrespondenz festgelegt, als er - gezwungen durch die damals aufgebaute Fiktion der realen Erlebnisse und der Gleichsetzung des Ich-Erzählers mit dem Autor - auf konkrete Fragen immer konkretere Antworten geben musste. Da kamen dann halt die vierzehn Jahre der Freundschaft mit Winnetou zustande (1860-1874), die er in den Büchern selbst nie behauptet hat. Die entsprechenden Angaben im Nachwort von "Winnetou III" sind Einfügungen der Bearbeiter, ebenso wie an gleicher Stelle die Erwähnung des Apatschenhäuptlings Geronimo. In Karl Mays Erzählungen tritt keiner der historischen Indianerhäuptlinge auf (lediglich am Anfang des "Bärenjägers" nennt Wohkadeh mal den Mandan-Häuptling Mah-to-toh-pah). Sicher hätte Karl May Gelegenheit gehabt, Ereignisse wie die furchtbaren Massaker amerikanischer Soldaten an den Indianern hineinspielen zu lassen, wie sie z.B. in dem erschütternden Buch von Dee Brown "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" nachzulesen sind. Er hat es nicht getan, und Soldaten gibt's bei ihm (in "Surehand I" und "Silbersee") nur in leicht karrikierter Form.

Bereits in den dreißiger Jahren und dann in allen Nachkriegs-Ausgaben hat der Karl-May-Verlag - meistens auf der Impressum-Seite seiner Bücher - Jahresangaben zur Handlungszeit der Erzählungen vermerkt. Wenn's darin heißt "sechziger / siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts", so muss dies jetzt durchweg korrigiert werden, denn mittlerweile ist ja das "vorige" nicht mehr das 19., sondern das 20. Jahrhundert! - Ich fände es sinnvoll, diese konkreten Jahreszahlen künftig durchweg fallenzulassen und für denjenigen Leser, der solch eine zeitliche Einordnung braucht, lediglich zu vermerken, die Handlung spiele "in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts". Dann bliebe es jedem Leser offen, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Dann wäre es gleichgültig, ob diese oder jene Eisenbahnlinie in diesem oder jenem Jahr schon fertig war oder nicht. Dann spielte es auch keine Rolle mehr, welcher Indianerstamm in welchem Jahr in welches Reservat gepfercht wurde. Und ob die Mescaleros wirklich jahrzehntelang unangefochten in ihrem Pueblo am Rio Pecos leben durften. Karl Mays Geschichten spielen außerhalb der historischen Ereignisse, es sind "Wildträume, gleichsam reißende Märchen", wie Ernst Bloch sie genannt hat. Warum soll man diese Träume in eine Realität zwängen, die dann ohnehin vorn und hinten nicht stimmt?

Wenn man sich von dem Gedanken löst, den Ich-Erzähler mit dem Autor Karl May und seinen Lebensdaten gleichzusetzen, wenn man auch die historischen Ereignisse der Eroberungsgeschichte Nordamerikas beiseite läßt (die Karl May ja, wie gesagt, bewusst ausgeklammet hat), dann werden die Geschichten selbst in sich viel stimmiger. Dann kann man sich - aus dem heutigen Abstand von 130 bis 140 Jahren spielt es ohnehin keine so große Rolle - auch die Handlungszeit bis in die siebziger und achtziger Jahres des 19. Jahrhunderts hinein denken. Ob es damals noch umherstreifende Indianerstämme gab, ob der Henrystutzen noch eine Wunderwaffe blieb (nachdem die Winchester bereits in ganzen Armeen eingeführt worden war), mag für den Historiker von Interesse sein, nicht aber für den Romanleser. Die innere Stimmigkeit der Geschichte ist viel wichtiger, und daran hapert es, wenn man sich auf exakte Jahreszahlen festlegt.

Die von Kurt Altherr erstellte Daten-Liste richtet ihr Augenmerk nur auf historische Fakten, und da bleibt die innere Stimmigkeit auf der Strecke. So reiten bei ihm 1868 im "Schwarzen Mustang" und 1869 im "Ölprinz" Hobble-Frank und Tante Droll schon als dicke Freunde durch die Prärie, obwohl sie sich erst volle fünf Jahre später im "Schatz im Silbersee" 1874 kennenlernen. Da spielen "Geist des Llano estacado" und "Old Surehand I" im gleichen Jahr (1866), obwohl der "Old Surehand"-Roman ausdrücklich - mit etlichen Jahren Abstand - an die "Llano estacado"-Geschichte anknüpft (Bd. 14, Fehsenfeld, S. 166). Auch die Rolle des jungen Komantschen Shiba-bigk ist völlig unglaubwürdig, wenn beide Geschichten im gleichen Jahr spielen. Und dass Old Shatterhand sich in der "Deadly dust"-Geschichte in "Winnetou III" so tollpatschig benimmt und den Llano-Geiern in die Falle läuft, ist mit der Jahreszahl 1870 auch unglaubwürdig, wenn er bereits vier Jahre vorher souverän kreuz und quer durch den Llano reitet. May selbst erwähnt in "Surehand I" (Bd. 14, Fehsenfeld, S. 151) sogar ausdrücklich, dass dieses Abenteuer später spielt als die Llano-Geschichte in "Winnetou III".

Merkwürdig ist auch, wenn im "Sohn des Bärenjägers" und "Geist des Llano estacado", von Kurt Altherr auf 1865/66 datiert, von Kandolf auf 1864, die Beteiligten dauernd vom 'Nationalpark' sprechen, obwohl das Yellowstonegebiet erst 1872 zum Nationalparkt erklärt wurde. Falls aber demnach die Geschichte frühestens auf 1872 zu datieren ist, kommt man beim "Old Surehand" bereits auf Mitte der siebziger Jahre...

Um eine lückenlose Zeitenfolge zu erstellen, müssten zusätzlich auch noch alle Geschichten einbezogen werden, die von Karl May hier und da erwähnt, als Romanhandlung aber nie ausgeführt wurden. Ein paar Beispiele:
1) Die Vorgeschichte zum "Sohn des Bärenjägers", wo Old Shatterhand im Yellowstone-Gebiet Sioux-Indianer besiegt hat.
2) Die Erlebnisse mit einer Reisegruppe, die dann von Sioux-Ogellallah zerstreut wurde (erwähnt auf der ersten Seite von "Winnetou III")
3) Die Befreiung von Kasimir Timpe und seinen Gefährten durch Old Shatterhand und Winnetou aus den Händen der Upsarokas (erwähnt zu Beginn des "Schwarzen Mustang").
4) Das im Llano-estacado-Kapitel von "Satan und Ischariot III" erwähnte zurückliegende tragische Abenteuer von Old Shatterhand und Winnetou.
5) Old Shatterhands Besuch der Mormonenstadt Salt Lake City (erwähnt in Winnetou III, Fehsenfeld, S. 101)
Und noch manches mehr. Wenn das alles auch noch in die Handlungs-Chronologie hinein sollte, käme man restlos ins Hintertreffen. Deshalb mein Vorschlag: Wer Spaß daran hat, für sich selbst solche Gedankenspiele über die Handlungszeit der 'Reiseerzählungen' aufzubauen, mag sich gern weiter auf dieser Spielwiese tummeln. Kritisch wird es, wenn ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit solcher Spiele erhoben wird.

Gruß an die Runde!
Ekkehard Bartsch






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