Re: Apatschen


Karl-May-Forum


Geschrieben von Joachim Franz am 26. März 2004 20:55:27:

Als Antwort auf: Re: Apatschen geschrieben von Ekkehard Bartsch am 26. März 2004 01:34:14:

Ich denke man sollte nicht den Fehler machen, mit der zeitlichen Einordnung der Romane lasse sich eine reibungslose chronologische Reihenfolge aufstellen. Dafür haben May und seine Bearbeiter zu viele Fehler eingebaut. Aber selbst wenn sich die Romane nicht widerspruchsfrei hintereinander chronologisch auflisten lassen, heißt das nicht, das sie zeitlos seien.
Sie behaupten ja, dass "die Geschichten in einem gewissermaßen zeitlosen Raum" spielen

So ganz zeitlos sehe ich die Wildwestromane beim besten Willen nicht. Die Lebenssituation der Indianer um 1860 war nun wirklich eine andere als nach 1880. In diesen Jahrzehnten hat der Westen der USA durch Bekämpfung der Indianer und Besiedlung eine starke Wandlung durchgemacht.
Man braucht die Romane noch nicht mal all so aufmerksam zu lesen, um zu spüren, dass die Besiedlung des Westens noch ziemlich in den Anfängen steckte. Nach 1880 stellte die Besiedlung des Westens dagegen keine Gefahr durch Indianer dar, sieht man mal von ein paar Indianern ab, die aus Reservaten geflohen sind. Die Zahl der Indianer war stark dezimiert, die Büffel fast ausgerottet, die Besiedlung erfolgte schon per Eisenbahn, weniger mit Wagenkolonnen. Dieses Bild gibt Karl Mays Westen noch nicht wieder.
Dass man die letzten beiden Jahrzehnte des 19. Jh. für die Datierung endgültig vergessen kann, geht ja schon durch Winnetous Tod in der Erzählung "Im fernen Westen" hervor, die May 1883 veröffentlich hat. Da sind es bis 1874 gerade noch 9 Jahre.

Auf Jahreszahlen hat er sich zeitlich erst viel später in seiner Leserkorrespondenz festgelegt, als er - gezwungen durch die damals aufgebaute Fiktion der realen Erlebnisse und der Gleichsetzung des Ich-Erzählers mit dem Autor - auf konkrete Fragen immer konkretere Antworten geben musste. Da kamen dann halt die vierzehn Jahre der Freundschaft mit Winnetou zustande (1860-1874), die er in den Büchern selbst nie behauptet hat.

Das stimmt natürlich. Die Angabe des genauen Todesdatums Winnetous und die Festlegung auf 14 Jahre Bekanntschaft mit ihm dienen dazu, Authentizität zu schaffen, wo Fiktion herrscht. Die Frage wird aber auch erlaubt sein, ob die Daten 1860 und 1874 so völlig willkürlich sind, wie Zahlen, die bei der Lotterie gezogen werden. Was spricht denn dagegen, dass May seine Amerikaromane zeitlich in diesen Rahmen (zumindest ungefähr) setzten wollte. Wenn May hier und da historische Ereignisse in die Romane einfließen lässt, passen sie in diesen Zeitraum. Die zeitliche Einordnung eines Romans durch den Autor ist ja an sich nichts Verwerfliches.

Karl Mays Geschichten spielen außerhalb der historischen Ereignisse, es sind "Wildträume, gleichsam reißende Märchen"

Schön gesagt, aber stimmt das für die Wildwestromane uneingeschränkt? Wenn ein Leser im Forum, wie geschehen, die Frage stellt, wann spielt Winnetou 1, kann man dann wirklich antworten, der Roman könnte ebenso so gut im 18. oder 20. Jahrhundert spielen, wie um das Jahr 1860? Karl May wusste sehr genau wann und wo eine Eisenbahn gebaut wurde, und dass er mit dem Thema Landvermessung den beabsichtigten Bau der Transkontinentalen Eisenbahn ins Spiel bringt, der bereits vor dem Bürgerkrieg geplant wurde.

Ob es damals noch umherstreifende Indianerstämme gab, ob der Henrystutzen noch eine Wunderwaffe blieb (nachdem die Winchester bereits in ganzen Armeen eingeführt worden war), mag für den Historiker von Interesse sein, nicht aber für den Romanleser.

Wenn das stimmt, würde der Karl May-Leser wenig Interesse für Indianer und den Wilden Westen zeigen. Möglicherweise ist die Mehrzahl der Leser tatsächlich an der Beschreibung und Stimmigkeit des historischen Kontextes desinteressiert, aber sicherlich nicht jeder. Den meisten Wildwestromanen Mays ist trotz allem Unrealismus der Handlung, ein realistisches zeitliches und geographisches Umfeld nicht abzusprechen. Wären sie denn damals sonst für wahre Reiseerlebnisse gehalten worden?

Die von Kurt Altherr erstellte Daten-Liste richtet ihr Augenmerk nur auf historische Fakten, und da bleibt die innere Stimmigkeit auf der Strecke.

Das liegt daran, dass Karl May und seine Bearbeiter die Reihenfolge der Erzählungen nicht fehlerfrei mit den historischen Fakten in Einklang bringen konnten. Eine genaue Einordnung JEDER Erzählung in ein BESTIMTES JAHR ist sicherlich nicht möglich. Der Sinn einer solchen Liste ist zweifelsohne fraglich.

Um eine lückenlose Zeitenfolge zu erstellen, müssten zusätzlich auch noch alle Geschichten einbezogen werden, die von Karl May hier und da erwähnt, als Romanhandlung aber nie ausgeführt wurden.... Wenn das alles auch noch in die Handlungs-Chronologie hinein sollte, käme man restlos ins Hintertreffen.

Selbst wenn man nur die Haupthandlung nehmen würde, die zahlreichen Reisen von Deutschland nach Amerika und sonst wohin in die Welt eingerechnet, würde ein Person vermutlich über dreißig Jahre benötigen, um das alles zu erleben. Das in den Romanen nebenbei Erwähnte ändert daran auch nicht mehr viel. Wenn man die Erzählungen aber als Fiktion betrachtet, sollte man keine Schwierigkeiten damit haben, das alles in einen kleinen zeitlichen Rahmen zu setzen, selbst wenn Karl May doppelt soviel Romane geschrieben hätte.

Ich fände es sinnvoll, diese konkreten Jahreszahlen [sechziger / siebziger Jahre des 19.Jh.] künftig durchweg fallenzulassen und für denjenigen Leser, der solch eine zeitliche Einordnung braucht, lediglich zu vermerken, die Handlung spiele "in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ich sehe darin allerdings keinen Sinn. Nur weil angeblich der historische Hintergrund keinen interessiert, können wir Winnetous Tod doch nicht sonst wohin setzen. Wie können wir sicher sein, dass Karl May sich bei Nennung der Jahreszahlen 1860 und 1874 nichts weiter gedacht hat, als den Leser zu täuschen? Selbst wenn man OS und W theoretisch bis zu fünfzig Jahre Zeit gibt, miteinander durch die Prärie zu reiten, was wird damit gewonnen? Haben wir dann in diesem fast zeitlosen Raum endlich den Platz, alle Erzählungen doch reibungslos hintereinander in eine Reihe zu bringen? Ohne Berücksichtigung historischer Fakten selbstverständlich. Dann könnten wir uns endlich der Vorstellung hingeben, dass das alles doch mehr als Fiktion gewesen war, und die Abenteuer doch hätten möglich sein können. Hätte Karl May doch nur auf die 14 Jahre (1860-74) noch 36 drauf gepackt. Nein, ich brauch diesen zeitlichen Raum wirklich nicht.

Viele Grüße
J. F.






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