Keine Aprilscherze, sondern Satire!


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Geschrieben von Dr. Schmitt, Vorstand des Deutschlandflunks am 02. April 2004 14:31:51:

Als Antwort auf: Re: Gojko Mitic neuer Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft geschrieben von Redaktion am 01. April 2004 22:45:16:

Ohne mich jetzt im Besitz einer allgemeingültigen Definition des Begriffes Aprilscherz zu wähnen, ist ein Aprilscherz gemeinhin eine erfundene Nachricht, deren Ziel es ist, geglaubt zu werden. Besonders gelungen ist ein Aprilscherz vor allem dann, wenn er nicht nur geglaubt wird, sondern wenn man bei genaueren Hinsehen feststellt, daß man ihn eigentlich als Scherz hätte erkennen können.

So gesehen war der Originalscherz, der übrigens nicht von mir ist (die Redaktion kann dies nachprüfen), nur mäßig gelungen, mangelte es ihm in meinen Augen schon am ersten Kriterium, nämlich an vorgetäuschter Glaubwürdigkeit. Das animierte mich zum Verfassen eines satirischen Beitrags, der sich nach außen zunächst mit drei absurden, aprilähnlichen Überschriften schmückte.

Das diese drei Beiträge nicht als Aprilscherz gedacht waren, erkennt man spätestens beim Lesen des Inhalts. Die Absurdität der Schlagzeile wird vom Nonsense des Inhalts sogar noch übertroffen, und kaum ein ausreichend informiertes vernunftbegabtes Wesen wird daher den Schlagzeilen Glauben schenken. Womit die Charakterisierung der Beiträge als Aprilscherz hinfällig wird.

Ob nun als Gesamtwerk oder drei Einzelwerke betrachtet - gemeinsamer Kristallisationspunkt der drei Beiträge ist die Meldung von der Übernahme der KMG vom KMV. Die Beiträge beschränken sich jedoch nicht darauf, allein diesen Aprilscherz zu karikieren, sondern holen weiter aus. Alles, was durch zufällige Synapsenverknüpfung aktuell ins Bewußtsein des Autors gelangt, wird dabei durch den Kakao gezogen. Es ist keine ausgefeilte Satire mit eindeutiger Stoßrichtung - eher ein irrer Galopp durch Absurdistan. Sprachlich wenig ausgefeilt, die Stilmittel nicht im richtigen Maße abgewogen, dominiert die kindische Freude des Augenblicks am Nonsense.

Der Mangel an handwerklicher Qualität und innerer Stimmigkeit bedeutet nun nicht, daß ich das ganze gedankenlos hingerotzt hätte. Manche Formulierung, manche Thematik wurde durchaus mit Bedacht gewählt, und bei näherer Betrachtung wird man auch Querverbindungen zwischen den drei Beiträgen feststellen.

Nun ist Humor weitestgehend Geschmackssache, und ich werde keinen der Humorlosigkeit zeihen, der nicht über meine Witze lacht. Aber verbieten lassen möchte ich mir sie deshalb trotzdem nicht. Bei der Satire gibt es nun neben dem Problem des Humorgeschmacks noch die Frage ausreichender Abstraktionsfähigkeit sowie die Fähigkeit, Distanz zu gewinnen, sprich: Ironie muß man erstens verstehen und zweitens vertragen können.

Was darf die Satire? Alles (außer langweilen)! Auch wenn ich keinen persönlich beleidigt habe, (Bohlen und Brice fungieren ja nicht als Individuuen, sondern als Personen der Zeitgeschichte), mag sich vielleicht der eine oder andere von einem Kakaospritzer getroffen fühlen. Ja, ich gebe zu, ich mache mich über einiges lustig- und darunter befindet sich auch der sympathische, aber unkritische May-Fan, der vielleicht lieber die Grabstätte Winnetous besuchen möchte, als eine Abhandlung aus dem literarischen Elfenbeinturm lesen will. Den gelegentlich die Sehnsucht nach der Existenz von Mays Parallelwelt befällt (ich glaube, daß ein Alter von 95 Jahren für einen Enkel Hadschi Halef Omars durchaus noch realistisch ist).

Bestimmt ist das "Absingen des Ave Maria" von der Fangemeinde eine böse Unterstellung, aber Satire lebt nun mal von Überzeichnung. Außerdem paßten die Worte der zweiten Strophe zum Thema Aprilscherz: "Es will das Licht des Glaubens scheiden, nun bricht des Zweifels Nacht herein", schließlich nahte sich gestern um 22 Uhr schon der zweite April.

Das "Ave Maria" ist nun gleichzeitig die Querverbindung zum neuen KMV-Autor Bohlen. Hier haben sich zwei gefunden, deren musikalischer bzw. literarischer Geschmack kongruent scheint und sich auch keinen mangelnden Geschäftssinn vorwerfen lassen. Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so abstrus - man bedenke, daß ein Herr Effenberg auch schon bei Rütten&Loening veröffentlichen durfte, einem Verlag, der mir mit einem anderen Profil in Erinnerung war. (Da vielleicht nicht jeder allmorgendlich an einem Bildzeitungsautomat vorbeigeht hier nochmal die Schlagzeile, die Bohlen ein Ave Maria "komponieren" ließ :"Promiluder Jeanine aus dem Big-Brother Haus: Sie strippte als Nonne verkleidet für Dieter Bohlen".)

Die Nachricht von der Übernahme der Goethe-Gesellschaft durch einen Boxstall enthält als Spiegel des Originalscherzes eine grobe, überzeichnende Gleichsetzung von Goethe und Karl May einerseits, und den Vergleich eines Verlages mit einem Boxpromoter andererseits. Das verbindende Element zu Karl May ist Faust, denn schließlich ist Old Shatterhand dank seiner Faust zu seinem Namen gekommen (die Assoziationskette Heinrich - Henry Maske - Henrystutzen ist da schon etwas spekulativer). Wo wir schon bei Fäusten sind, die meisten werden den Film "Vier Fäuste für ein Hallelujah" kennen, womit wir wieder in der Nähe des "Ave Maria" wären. Und somit schließt sich der Kreis.




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