Mit Kara Ben Nemsi durch den Orient - 2004 und anno 1976


Karl-May-Forum


Geschrieben von Thomas Schwettmann am 13. April 2004 14:13:21:

Als Antwort auf: Re: Der einseitig bekannte May geschrieben von rodger am 03. April 2004 23:35:53:

Hallo zusammen,

Karlheinz Eckardt ist alles in allem ein sehr schönes, informatives und anekdotisches Buch über seine vielen Reisen auf den Spuren Karl Mays durch die Welt des Orients gelungen. Es liest sich sehr kurzweilig - jedenfalls wenn man das Vorwort hinter sich hat. Denn da sticht einem zunächst der schon von Rodger benannte ärgerliche Fehler - das erste Auftreten Kara Ben Nemsi ist natürlich in 'Giölgeda padischanün' (1880), der Hausschatzfassung von 'Durch die Wüste' - sofort ins Auge. Selbstverständlich muß nicht jeder enthusiastische Kara-Ben-Nemsi-Leser oder ein auf die Grammatik achtener Lektor in der Bibliographie Mays bewandert sein, aber man sollte doch meinen, daß dem einem oder andere Verantwortlichen im KMV ein solch fundamentaler Schnitzer noch vor der Drucklegung auffallen sollte, zumal mit besondernen Fleiß bei jedem Karl-May-Zitat auf den jeweiligen GW-Band hingewiesen wird.

Die Reisen auf der Fährte Kara Ben Nemsis führen hauptsächlich in die orientalische Mittelmeerregion: Es geht nach Tunesien und Algerien, nach Ägypten und Palästina. Nach einen Abstecher nach dem fernen Ceylon, führt er den Leser durch Syrien und den Libanon, sowie schließlich nach dem Tor zum Orient, dem großartigen Istambul. Kurdistan, Irak und Iran sowie den Balkan spart Autor bei seiner Spurensuche weitgehend aus, was angesichts der sich dort seit den neunziger Jahren zunehmend bleihaltigeren Luft wohl kein Wunder ist.

Es ist empfehlenswert, bei Lektüre des Buches einen Atlas zur Hand zu haben, denn Karten gibt es bis auf die wenig detailierten obligatorisch beigefarbigen Übersichtskarten hinter dem Einbanddeckel nicht. Relativ gute Dienste leistet hier etwa der KMV-Karl-May-Atlas von Hans-Henning Gerlach, in dem man - neben den Übersichtskarten - immerhin stilisierte historische Stadtpläne von Edirne, Istambul, Bursa, Babylon, Jerusalem, Beirut, Damaskus, Akko, Mossul, Bagdad, Alexandrien, Kairo, Gizeh und Mekka sowie die Grundrisse einiger der dortigen Moscheen findet, die einem die Orientierung durchaus erleichtert.

Zu Tunis, der ersten Station von Eckhardts Reise, gibt es jedoch im KMV-Atlas keinen detaillierte Stadtplan. Ein wenig hilft zwar die Umgebungskarte - etwa wenn man Eckardt Anmerkung zu Mays 5-Kilometer-Spaziergang von Tunis nach Bardo nachvollziehen will - doch Karthago etwa ist auf dieser Karte seltsamerweise gar nicht eingezeichnet, von einem detallierten Plan dieser historischen Stätte ganz zu schweigen.

'Mit Kara Ben Nemsi durch den Orient' ist übrigens nicht etwa der erste Versuch, auf der Fährte des 'Sohnes der Deutschen' zu wandeln. So erschien z.B. 1930 im KMV der Band 'Von Kairo nach Bagdad und Stambul - Auf den Spuren Karl Mays durch den Orient' von Dr. Konrad Guenther, und 1976 gab Randolph Baumann den Sammelband 'Auf den Spuren von Karl May - Reisen zu den Stätten seiner Bücher' heraus. Und so ist es auch reizvoll, das neue Buch mit den älteren Reiseerfahrungen zu vergleichen.

Da wäre etwa die Überquerung es Schotts el Dscherid. Diese gelang Autor Josef Nyarys in den 70ern nur halbwegs, da der Damm damals - was zumindestens in jenen Jahren im Winter üblich zu sein schien - inmitten des Schott im Wasser versank. Und auch schon damals buchten anscheinend zahlreiche Karl-May-Fans auf der nahen Insel Djerba - mittlerweile leider in erster Lnie bekannt durch den terroristischen Bombenanschlag - einen 'Ein Tag in der Wüste'-Ausflug. Deshalb ist es vielleicht bei derartigen jahrzehntelangen touristischen 'Durch die Wüste'-Pilgerfahrten nicht vollens verwunderlich, wenn Eckhardt von einigen Tunesiern vor Ort zu berichten weiß, die nicht nur Karl May und Kara Ben Nemsis Abenteuer in der Salzwüste kennen, sondern auch fest davon überzeugt sind, daß der sächsische Autor einst wirklich am Schott gewesen war.

Auch zu Kairwan und Algier, den nächsten größeren Stationen der Spurensuche, wünschte man sich Karten, die einem diese erwürdigen alten Städte und ihre wichtigsten Gebäude näher bringen könnten: Wie verläuft etwa die Stadtmauer der heiligen Stadt, oder wo ist ihre große Moschee zu finden? Und wo sind in Algier die Bastion des Kaiserfortes oder die Festung Mersa Edduben, von denen Karl May berichtete, und wo liegt das Gewirr enger Gassen, in denen sich Eckhardts Reisegruppe die finsteren Blicke der Einheimischen zuzog?

Nach den Ausflügen in die nördlichen Randgebiete der Sahara folgt die klassische ägyptische Nilfahrt: Es geht dabei den Fluß aufwärts von Kairo über Luxor nach Assuan - dem Agatha-Christi-Leser fällt zu dieser Reise natürlich auch noch Buch und Film von 'Der Tod auf den Nil' ein. Eckardt zitiert dabei u.a. aus einem Brief Mays an seinen Freund Plöhn, in welchem er behauptet, er habe das Rätsel des Memnongesangs gelöst. Freilich dürfte er das Wissen darum aber kaum - wie es der Autor andeutet - mit ins Grab genommen haben, denn diese Mär dürfte doch wohl eher zur Kategorie der Flunkereien á la 'Besuch bei Halef' und 'Goldfelder auf Ceylon' gehören.

Während Eckhardt bei seiner Nilfahrt nicht über Assuan hinauskommt, fehlt in dem Spurenband von 1976 dagegen eine Reise durchs das Land der Pyramiden, dafür besuchte Peter Dünnebier damals den weiter südlich gelegenen Sudan und berichtete in den Kapiteln zu 'Der Mahdi' und 'Die Sklavenkarawane' von heulenden Derwischen aus Omdurman und von Flußtrommeln am weißen Nil in Malakal, erzählte vom wirklichen Achmed Mohammed und sprach mit dessen Urenkelin Magboula Eltaly el Mahdi, verfolgte die Spur der fiktiven Brüder Schwarz und ihres Kollegen Pfotenhauer und verglich diese mit den realen Afrika-Forschern Edmund & Oskar Brehm und deren Begleiter Dr. Vierthaler.

Das gelobte Land hat in den fiktiven Erlebnissen Kara Ben Nemsis kaum eine Rolle gespielt, doch hat er dasselbe während seiner großen Crientreise von 1899/1900 gleich zweimal besucht, einige Gedanken zu seinen Reisen nach Jerusalem schrieb er dabei in seinem Reisetagebuch nieder. Karlheinz Eckardt berichtet dazu ergänzend auch von dem Besuch des deutschen Kaisers im Jahre 1898, für den seltsamerweise ein Teil der Stadtmauer am Jaffator abgerissen wurde. Die im Text erwähnte Zitadelle dürfte dabei das als Burg bezeichnete Gebäude auf der Atlas-Karte sein.

Anschließend geht es nach Ceylon. Auch hier ist der KMV-Atlas leider nur eine ungefähre Orientierungshilfe, einen Plan von Colombo beispielsweise gibt es dort nicht. Schludrigerweise fehlt außerdem auf der speziellen Ceylon-Karte gar die Inselgruppe der ehemaligen, nun halb versunkenen Adamsbrücke, die lediglich auf der südindischen Übersichtskarte abgebildet ist. In Eckhardts Buch hingegen verwirrt zwar nicht der Vergleich vom röhrenden Hirschen über den Wohnzimmersofa mit Mays 'Himmelgedanken'-Lyrik - da mag der Mann durchaus recht haben - sondern daß die zwar lyrisch beschriebenen aber ohne jedes Versmaß formulierten Empfindungen während eines Sonenaufgangs in Ceylon als Beispiel für diese Lyrik eingestuft wird.

1976 ging es auch noch 'Durchs wilde Kurdistan', wo Autor Herman Schraefer in den Bergen einen kurdischen - je nach Betrachtungsweise - Freiheitskämpfer oder Terroristen traf, der sich in jenen Zeiten einerseits mit den Irakern und andererseits mit den damals noch vom Schah regierten Iranern herumschlug ... oder besser gesagt, herumschoß. Anschließend führte diesen Autor die Spur von 'Bagdad nach Stambul', wobei er, wie auch Eckhardt, Damaskus und das Ruinenfeld von Baalbek besuchte, letzteres wie auch Palmyra wurde aber wiederum leider nicht mit einer Karte im KMV-Atlas bedacht, was man besonders angesichts des dortigen unterirdischen Gängelabyrintes bedauert.

Glücklicherweise gibt es aber einen schönen Plan von Damaskus. Beim Vergleich von Reisebeschreibung und Karte muß man allerdings auf einige unterschiedliche Schreibweisen achten, so entspricht etwa der Amz Palast des Asad Pascha bei Eckardt dem Esad Pascha Han in Gerlachs Atlas. Die 'gerade Straße' ist dort gar nicht benannt, doch ist sie aufgrund ihrer namengebenden Eigenschaft natürlich leicht zu finden. Auch sind auf dem Plan nicht alle alten Stadttore verzeichnet: das Bab es Salam, das Friedenstor, das ehemalige, nun abgetragene Bab es Bija sowie das südöstliche Bab Kaisan und das Bab es Saghir, das kleine römische Tor, sind nicht markiert - demgegenüber findet sich auf der Karte im Süden ein Bab esch Scharur, welches Eckardt wiederum nicht erwähnt.

Nach einer Fahrt durch den libanesischen Zedernwald bildet das Kapitel über Istambul den Abschluß von Eckardts Buch. Der Autor zeigt sich dabei merklich fasziniert vom einstigen Bzyanz und oströmischen Konstantinopel, von dieser euro-orientalischen Metropole am Bosporus, und schwelgt in ihren achitektonischen Wahrzeichen wie der Hagia Sophia, der Sulemanije- wie der blauen Moschee, dem Tokapi-Museum, dem Leanderturm oder dem maybekannten Turm von Galata.

Karl May zog bei seiner Orientreise in Istambul in das 'Pera Palace Hotel', welches allerdings lieber mit Agatha Christie wirbt. Die Kriminalautorin ließ ihre Protagonisten ja auch gelegentlich aus ihrer englischen Heimat hinaus: Einmal weilte Miss Marple in der Karibik, der Mann im braunen Anzug schiffte sich nach Südafrika ein, und an der französischen Mittelmeerküste tummeln sich auch jede Menge Mörder. Bevorzugtes Reiseziel von Poirot & Co war aber natürlich der Orient. Und im Gegensatz zu May schrieb Christe nur von solchen exotischen Ländern, die sie wirklich besucht hatte. Vielleicht merkt man dies vorallem daran, daß die Schriftstellerin, die mit zweiter Ehe mit dem Archeologen Max Mallowen verheiratet war, diese 'Exotic' kaum beschreibt; für sie war der Orient, den sich May mühselig durch geographische Beschreibungen näherte, so selbstverständlich, daß sie wohl gar nicht auf die Idee kam, darauf mit langen Beschreibungen näher einzugehen.

Jedenfalls ist es interessant, daß Agatha Christie neben Bagdad und Babylon auf ihren archeologischen Expeditionen gerade auch solche antiken Orte wie Ninive, Ur oder Nimrud gesehen hat, die auch durch Sir David Lindsays Gehirn geistern - die Tradition englischer Ausgrabungen im Zweistromland reicht eben tief ins 19. Jahrhundrt zurück. Bilder, Dokumente und ein paar 'Fowling Bulls' dieser Ausgrabungs-Reisen gibt es etwa im Buch 'Agatha Christie und der Orient' zu sehen, welches 2000 als Begleitbuch zu einer Ausstellung in Essen erschien und dem Leser nebenbei auch jene Länder und Leute an Euphrat und Tigris näher bringt, die in Eckhardt Buch ausgespart bleiben.

'Das Land der Skipetaren' findet ebenfalls keinen Platz in Eckhardts Buch, doch gelang es 1976 dem Autor Nyary - derselbe, dem die Durchquerung des Schotts versagt geblieben war - in das seinerzeit noch hermetisch abgeriegelte, streng kommunistische und antireligiöse Albanien einzureisen. Seinerzeit wurden den Einreisenden die Hosen mit weiten Schlag abgenommen und dem Fotografen gar die über die Ohren gewachsenen Haare von den Sklapiraten zwangsabgeschnitten, aber auch Frauen mit Mini- oder Maxiröcken hatten nichts zu lachen und mußten in jenen Zeiten Devisen gegen Einheits-Midimode aus China eintauschen. Im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte verloren mit der Veränderung von Haar- und Beinmode solche Zwangsmethoden natürlich immer mehr an Abschreckung (schließlich trachtet heutzutage ein Großteil der männlichen Bevölkerung mittlerweie danach, seine Geburtsfrisur - sei sie nun kahl oder von kurzen, gelartig verklebten Haaren gewesen - möglichst lebenlang zu konservieren), sodaß sich infolgedessen auch dieser Landstrich nicht länger vor dem Rest der Menschheit verschließen konnte.

Thomas Schwettmann




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