Präriebeschreibungen bei Sealsfield, May & Reid


Karl-May-Forum


Geschrieben von Thomas Schwettmann am 10. Mai 2004 15:52:14:

Thomas Schwettmann am 10. Mai 2004 15:52:14:

Als Antwort auf: Re: Der Held wird zu oft gefangen geschrieben von Rehkitz am 06. Mai 2004 13:47:11:

Hallo zusammen, hallo Rehkitz!

> Aber diese Beschreibung ist sogar in der gekürzten Fassung drin. [Re: Der Held wird zu oft gefangen]

Meinst du mit 'gekürzter Fassung' eine echte gekürzte Version oder die Auszugsfassung 'Die Prärie am Jacinto' (gibt es z.B. als Reclam-Heftchen)? Dort fehlen lediglich eingeschobene Kommentare der Zuhörer, die Erzählung selber, die Morse im Kajütenbuch zum besten gibt, ist vollkommen ungekürzt, also auch die Beschreibung der texanischen Blumenprärie. Hier mal ein kleiner Ausschnitt für eventuelle Neugierge, welche die Erzählung noch nicht kennen:

In der Richtung, in der wir ausgeritten, waren die Gräser häufiger, die Blumen seltener gewesen; die Prärie, durch die ich jetzt ritt, bot aber mehr einen Blumengarten dar - einen Blumengarten, in dem kaum mehr das Grün zu sehen war. Der bunteste rote, gelbe, violette, blaue Blumenteppich, den ich je geschaut, Millionen der herrlichsten Prärierosen, Tuberosen, Dahlien, Astern, wie sie kein botanischer Garten der Erde so schön, so üppig aufziehen kann. Mein Mustang vermochte sich kaum durch dieses Blumengewirre hindurchzuarbeiten. Eine Weile staunte ich diese außerordentliche Pracht an, die in der Ferne erschien, als ob Regenbogen auf Regenbogen über der Wiese hingebreitet zitterten - aber das Gefühl war kein freudiges, dem peinlicher Angst zu nahe verwandt. Bald sollte diese meiner ganz Meister werden. Ich war nämlich wieder an einer Insel vorbeigeritten, als sich mir in der Entfernung von etwa zwei Meilen ein Anblick darbot, ein Anblick so wunderbar, der alles weit übertraf, was ich je von außerordentlichen Erscheinungen hierzulande oder in den Staaten je gesehen.

Ein Koloß glänzte mir entgegen, eine gediegene, ungeheure Masse - ein Hügel, ein Berg des glänzendsten, reinsten Silbers. Gerade war die Sonne hinter einer Wolke vorgetreten, und wie jetzt ihre schrägen Strahlen das außerordentliche Phänomen aufleuchteten, hielt ich an, in sprachlosem Staunen starrend und starrend, aber, wenn mir alle Schätze der Erde geboten worden wären, nicht imstande, diese außerordentliche, wirklich außerordentliche Erscheinung zu erklären. Bald glänzte es mir wie ein silberner Hügel, bald wie ein Schloß mit Zinnen und Türmen, bald wieder wie ein zauberischer Koloß - aber immer von gediegenem Silber und über alle Beschreibung prachtvoll entgegen. Was war das? In meinem Leben hatte ich nichts dem Ähnliches gesehen.

Diese dichte, atmosphärische Beschreibung geht dann noch über einige Seiten weiter, u.a. gibt es da speziell für Rehkitze auch Rudel von Hirschen, die mich mit ihren treuen Augen unschuldig-naiv anschauten, aber neben dieser Würdigung der geweihten Fauna liest man natürlich auch noch weitere eindrucksvolle Schilderungen der überreichen Flora, so etwa auch: Gegen Süden erschien (die Prärie) womöglich noch zauberischer. Lichte - golden und blau gewirkte Schleier umhingen da die entfernteren Inselgruppen, ihnen zeitweilig ein dunkles Bronzekolorit verleihend, das wieder in der nächsten Minute durch einen leichten Luftzug in die hellste Farbenpracht aufflammte. Wie siegend brachen bei jedem solchen Luftzuge die Strahlen der Sonne diese himmlischen Schleier durch, und die kolossalen Baummassen schienen mit dem Luftstrome heranzuschwimmen, zu tanzen durch die unglaublich transparente Atmosphäre. Ein unbeschreiblich glorioser Anblick! Vor mir der endlose Wiesen- und Blumenteppich mit seinen Myriaden von Prärierosen, Tuberosen und Mimosen, dieser so lieblich, sinnig-zarten Pflanze, die, sowie ihr in ihre Nähe kommt, mit ihren Stengeln und Blättern sich aufrichtet, euch gleichsam anschaut und dann zurückschrickt, so sichtbar zurückschrickt, daß ihr staunend anhaltet und schaut, gerade als ob ihr erwartetet, sie würde euch klagen, diese seltsame Pflanze! Ehe die Hufe meines Mustangs oder seine Füße sie berührten, schrak sie schon zurück; in der Entfernung von fünf Schritten sah ich sie schon aufzucken, mich gleichsam scheu, verschämt, vorwurfsvoll anblicken und dann zusammenschrecken. Der Stoß nämlich, den der Pferde- oder Menschentritt verursacht, wird der Pflanze durch ihre langen, horizontal liegenden Wurzeln mitgeteilt, die, erschüttert, auch Stengel und Blätter zucken machen.

So einen Überschwang in der - zudem noch recht detailierten - Schilderung der Natur findet man bei Karl May so gut wie gar nicht, und insbesondere seine Präriebeschreibungen kommen vergleichsweise recht karg daher. Meist erschöpften sich seine Angaben darin, daß die Prärie aus Büffelgras besteht, oder daß sich die 'rolling prairie' als weite, wellenförmige und ozeangleiche Ebene darstellt. Das gilt selbst für 'Winnetou I', wo ein Satz wie: (...) und wir hatten nun immerfort die ebene Prärie vor uns, welche erst strauchig war und dann nur Rasen, erst noch grünen und später verdorrten, zeigte. schon das weitestgehende zu der Thematik ist.

In der Botanik etwas detailierter zeigt sich May da schon in 'Deadly Dust/Winnetou III': Die Prairie wurde nach und nach ebener und zeigte hier und da ein kleines Nuß- oder Wildkirschengesträuch (...).
Das höchste der Gefühle findet sich hingegen in 'Auf der See gefangen': Jene weiten Prairieen Nordamerika's, welche sich westlich vom »Vater der Ströme,« dem Missisippi, bis an den Fuß des Felsengebirges und von dem jenseitigen Abhange derselben wieder bis an die Küste des stillen Weltmeeres erstrecken, haben nicht blos in physikalischer Beziehung mancherlei Aehnlichkeiten mit den unendlichen Fernen, welche die Wogen des Oceanes erfüllen. Es bieten sich zu einem Vergleiche zwischen den Weiten der Savanne und den oceanischen Strecken Punkte dar, welche nicht in äußeren Verhältnissen liegen und von denen einer der bedeutendsten in dem Eindrucke zu suchen ist, welchen die See sowohl als auch die Prairie auf Denjenigen macht, der sich einmal von der heimischen Scholle losgerissen hat, um entweder auf längere Zeit die Fluthen der See zu pflügen oder auf dem Rücken eines guten Pferdes die abenteuervollen Hinterländer der Vereinigten Staaten zu durchstreifen.

Weiter unten findet sich gar noch eine Beschreibung einer blühenden Landschaft: Sodann erreichte man die offene Prairie, welche, von gelbblühendem Helianthus bedeckt, sich wie ein prachtvoller Teppich nach allen Seiten hin erstreckte und in einer weiten, unendlichen Ebene sich gegen den graugefärbten Horizont verlief. In ähnlicher Form kann man dies auch anfangs der 'Old Firehand'-Novelle lesen: (...)
und noch immer ließ sich keine Senkung der mit gelbblühendem Helianthus übersäeten Ebene wahrnehmen.

Für seine Verhältnisse beschreibt Karl May die verschiedenen Formen der Prärie am ausführlichsten in 'Der Sohn des Bärenjägers', wo anfangs jedes der ursprünglichen vier Kamerad-Kapitel diesen Landschaftsformen jeweils ein Absatz gewidmet ist. Und so liest man dort - jenseit der zitierten Helianthus-Ebenen einmalig im Werk - auch kurz etwas über die Blumenprärie:

Unterdessen hatte die Sonne den Zenith erreicht gehabt und war dann langsam tiefer gesunken. Es war zwar sehr heiß, aber es wehte ein erfrischender Windhauch über die Prairie, und der von Myriaden von Blumen durchwirkte Büffelgrasteppich zeigte noch lange nicht die braune, verbrannte Farbe des Herbstes, sondern sein frisches Grün erquickte das Auge, und die über die weite, weite Ebene zerstreuten, in Form von einzelnen riesigen Kegeln sich erhebenden Felsenberge wurden von den schräg herabfallenden Strahlen der Sonne in brillanter Weise beleuchtet und glänzten auf ihren westlichen Seiten in glühender Farbenpracht, welche nach Osten hin sich in immer tiefere, dunklere Töne verlief.

Das war's dann aber auch, noch ehe die Handlung richtig beginnt, heißt es: Während sie bisher durch die richtige Blumenprairie gekommen waren, tauchte jetzt hier und da ein Gebüsch auf, erst vereinzelt, dann in zusammenstehenden Gruppen. Auf den weiteren Weg zum Yellowstone hin gibt es dann keine Blumen mehr.

Für Karl May dürfte übrigens der Einfluß einiger Bücher von Thomas Mayne Reid ungleich größer gewesen sein als der von Sealsfields 'Cajütenbuch'. Und so gibt es auch in Rids Roman 'Die Scalpjäger' einige ausführlichere Präriebeschreibungen, wobei die Farbenpracht der Prärieblumen ebenfalls gepriesen wird:

Auffällig ist hier die stereotype Verwendung des Wortes Schauplatz sowie des Schlußsatzes Das ist die XY-Prairie (auch auf der Folgeseite). Und obwohl May von Reids eigentlichen Präriebeschreibungen nichts in seine 'Geographischen Predigten' übernahm, hat er diese beiden Phrasen in dem Kapitel 'Berg und Thal' ebenso benutzt, sodaß hier eine - mindestens unbewußte - Beeinflussung durch den Roman des Iren recht wahrscheinlich erscheint (wobei eine seinerzeitige Kenntnis Mays von den 'Scalpjäger' bereits schon im Jahre 1875 aufgrund des konkreteren Einflußes auf 'Old Firehand' sowieso evident ist):

1300 bis 1700 Meter hoch über dem Meere liegt die Gobi, d.i. die große Wüste.
(...) und mit unerbittlicher Gewalt zieht die Wjuga, der Schneesturm, alles Lebende hinunter in das erstarrende Grab.
Das ist die Schamo.
Von der Ostküste des atlantischen Oceanes an bis zu den Bergwänden des Nilthales erstreckt sich die Wüste Sahara,
(...)
»Die Oase, seht, dort liegt sie; Allah kerim! Dank sei dem Herrn.« - Das ist die Sahara.
Hat der Wanderer den bevölkerten Osten der Vereinigten Staaten verlassen und den Mississippi, den »Vater der Ströme« überschritten, so betritt sein Fuß den Schauplatz jenes Verzweiflungskampfes, in welchem der Indianer seine letzten Pfeile gegen die Vertreter einer blutgierigen und rücksichtslosen Civilisation entsendet.
Von den Ufern des Illinois sich bis an den Mississippi erstreckend, und von da an bis zu einer Höhe von 500 Metern ansteigend, rollt sich die wohl 30,000 Quadratmeilen umfassende Prairie bis an den Fuß des Felsengebirges und tritt sogar über dasselbe hinüber auf das Jagdgebiet der Apachen, Navajoes und Athabaskah's.
(...)
Das ist die Prairie mit dem dunkelsten ihrer Bilder.

Im Gegensatz dazu zum Abschluß aus 'Old Surehand III' noch die Prärie mit einem der hellsten von Mays Bildern: Wenn wir, uns umwendend, rückwärts blickten, lag im Osten die weite Prairie wie ein endloser, flimmernder See tief, tief zu unsern Füßen. Die Bäche rauschten um uns wie zu Schaum gewordenes, flüssiges Silber dahin; Frau Flora stieg, gekleidet in ihr reich nuanciertes, grünes Sammetgewand und ihr Haupt mit Gold gekrönt, stolzen Schrittes zu den erhabenen Scheiden und Kuppen des Gebirges empor.

Ende



Antworten:


Karl-May-Forum