O diese Herren Bearbeiter!


Karl-May-Forum


Geschrieben von Thomas Schwettmann am 12. Mai 2004 13:00:37:

Thomas Schwettmann am 12. Mai 2004 13:00:37:

Als Antwort auf: O diese Herren Bearbeiter! geschrieben von Joachim Wöbking am 11. Mai 2004 10:26:22:

Hallo zusammen!

In ihrer Antwort zu "Präriebeschreibungen bei Sealsfield, May & Reid" schrieb Rehkitz über ihre 'Prärie am Jacinto'-Ausgabe: "Außer den Dialogen von Morse mit den Zuhörern fehlt aber auch alles, was mit der politischen Situation von Texas zu tun hat."

Das erinnert ntürlich ein wenig an 'Winnetou und der Scout', wo die Bearbeiter Augustin & Hansen den Ku-Klux-Klan in Texas außen vorließen, und das, obwohl die Anzahl der Leser, die dieses Buch lesen, ohne bereits vorher die 'Winnetou II'-Fassung zu kennen, doch wohl sehr gering sein dürfte. Warum also dann dieser Eingriff, wenn sowie fast jeder Leser weiß, daß die Männer in den Kaputzen vom KKK sind? Subtiler war da schon die Benennung eines bei May anonymen Apachen in den 'Raben' Tchishuki. Dennoch frage ich mich auch hier, warum? Bearbeiterstolz, eine Eigenkreation untergebracht zu haben?

Zwar vermag ich das Bearbeitungsargument für Jugendausgaben oder zur Textglättung aus ökonomischen Gründen durchaus nachzuvollziehen - dabei ist allerdings zu bemängeln, daß da nicht immer ausreichend gekennzeichnet wird - doch erschließt sich mir selbst unter diesem Aspekt der Sinn mancher Bearbeitung überhaupt gar nicht.

Das gilt vorallem dann, wenn man extra betont, daß nicht bearbeitet wurde, wie etwa im Nachwort von 'Old Firehand' zu lesen. Danach sollten dort höchst Rechtschreibung, Zeichensetzung und offensichtliche Fehler berichtigt werden. Na gut, daß unter diesen Aspekt aus den Rapahos die Arapahos und aus den Yankatous die Yanktons wurden, sehe ich ja noch ein (obwohl dabei im Falle der bösen Yankatous dann nicht mehr erkennbar ist, daß in Mays Schreibweise die Vokalfolge des bösen Parranoh mitschwingt, von dem Yankatou-Häuptling Scha-tun-ga natürlich eine Figurenkopie ist). Wieso aber wurde etwa der Anfang von 'Leilet' verändert? Da liest man im Original: Es war um die Zeit, in welcher die egyptische Sonne ihre Strahlen mit der gesteigertsten Gluth (...) [ebenso im Nachdruck 'Die Rose von Kahira', laut Kopie in der KM-Bibliographie], dagegen im Firehand-Band: Es war um die Zeit, wo die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit der höchsten Glut (...) Abgesehen davon, daß dies der Aussage des Nachwortes völlig widerspricht, verkauft man doch keinen Buch mehr, wenn man 'gesteigertsten' durch 'höchsten' ersetzt.

Natürlich wird und wurde nicht nur bei Karl May herumgedoktort. Vor einiger Zeit beschäftigte ich mich etwa mit dem 'Waldläufer', und zeigte im KM+Co-Forum, daß die im KMG-'Waldläufer'-Sonderheft von Hanswilhelm Haefs aufgestellte These, daß die Füllner-Übersetzung möglicherweise gar kein Quelltext für Mays Bearbeitung wäre, so nicht stimmt (Leider hatten die beiden Autoren eines diesbezüglichen KM+Co-Heftbeitrages, welcher mich zur Überprüfung dieser Überlegung anregte, diese Überzeugung nachgeplappert - ein Beleg für die verpasste Chance * einer Verifizierng, die Dank der Internetpräsenz des Füllner-Textes völlig unkompliziert gewesen wäre). So schrieb Karl May z.B. die Charakterisierung Falkenauges fast wortwörtlich bei Füllner ab. [* Wortwahl der Autoren]

Dennoch überzeugte mich aber auch die Argumentation Haefs bezüglich der Hoffmann-Übersetzung als weitere Primärquelle. Um die Sachlage besser beurteilen zu können, versuchte ich also eine Hoffmann-Übersetzung zu finden. Ich fand schließlich eine schöne großformatige Ausgabe von 1921, die ich mir ausleihen konnte [Und welche übrigens seltsamerweise bei dem Füllner-Internet-Text fälschlicherweise als 'Quellennachweis' genannt wird]. Was aber konnte ich da lesen:

Nach einer Übertragung von Julius Hoffmann. Und noch deutlicher am Schluß des Buches: Eine stilistische Überprüfung, die sich als notwendig erwies, haben wir mit aller Schonung vorgenommen. Für kritische Textanalysen also wiederum ungeeignet, weiß man doch nicht, wo und warum da notwemndigeweise herumgeschont wurde. Davon kann man sich allenfalls eine Ahnung verschaffen, wenn man die wenigen Beispiele, die Haefs in seinem Sonderheft bringt, mit der geschonten Bearbeitung vergleicht. Und kommt dann zu vertrauten Ergebnissen:

Originaltext, S. 5/6: (...) hatte das sonnenverbrannte Gesicht eines Seemannes. Dunkle Augenbrauen beschatteten seine schwarzen Augen, welche feurig aus ihren Höhlen hervorblitzten. Ehrgeiz und Rachsucht sprachen daraus, und ein Zug bitteren Hohnes spielte um seine Lippen. Seine Kleidung war die eines spanischen Marine-Offiziers.

Bearbeitung, S. 11: (...) hatte das sonnenverbrannte Gesicht eines Seemanns. Dunkle Brauen beschatteten seine schwarzen Augen, die feurig aus den Höhlen hervorblitzten. Ehrgeiz und Rachsucht sprachen daraus, und ein Zug bitteren Hohnes spielte um seine Lippen. Seine Kleidung war die eines spanischen Marineoffiziers.

Originaltext, S. 25: (...) nahmen sie ihre Stellung ein, und lehnten sich, ein Knie auf den Boden gestämmt, den Karabiner in der Hand und das Messer zwischen den Zähnen, mit dem Rücken an einander an.

Bearbeitung, S. 24: (...) nahmen sie ihre Stellung ein, und lehnten sich, ein Knie auf den Boden gestemmt, die Büchse in der Hand und das Messer zwischen den Zähnen, mit dem Rücken aneinander.

Originaltext, S. 1o5: Und in der That zeigten sich nun andere, furchtbarere Jäger auf dem großen Kampfplatze, der in diesen herrenlosen Wüsteneien dem ersten Besten geöffnet ist.

Bearbeitung, S. 79: Und in der Tat zeigten sich nun andere, furchtbarere Jäger auf dem großen Kampfplatze, der in diesen herrenlosen Wüsteneien dem ersten besten geöffnet ist.

Originaltext, S. 134: (...) ohne Zweifel ist er einer von diesen Schlingeln

Bearbeitung, S. 95: (...) ohne Zweifel ist er einer von den Halunken

Originaltext, S. 141: "Don Fabian, um Himmelswillen, meinen Carabiner her! Es ist der Schwarzvogel, der sich todt stellt und sich von der Strömung forttragen läßt!"

Bearbeitung, S. 101: "Don Fabian, um Himmels willen, meine Büchse her! Es ist der Schwarzvogel, der sich totstellt und sich von der Strömung forttragen läßt!"

Originaltext, S. 155: Sein Gesicht, das mit scheußlichen Malereien bedeckt und durch den Schmerz verzerrt war, den er nicht zeigen wollte, seine feurigen und wilden Augen ließen ihn wie eines der blutdürstigen Götzenbilder aus den barbarischen Zeiten erscheinen.

Bearbeitung, S. 109: Sein Gesicht, mit scheußlichen Malereien bedeckt und durch den Schmerz verzerrt, den er nicht zeigen wollte, sowie seine feurigen Augen ließen ihn wie ein blutdürstiges Götzenbilder aus den barbarischen Zeiten erscheinen.

Originaltext, S. 158: In demselben Augenblicke erschien der Canadier wieder über der Oberfläche des Wassers mit triefenden Haaren und mit flammrothem Gesicht (...)

Bearbeitung, S. 118: In demselben Augenblicke erschien der Kanadier wieder über der Oberfläche des Wassers mit triefenden Haaren und mit feuerrotem Gesicht (...)

Immerhin, wenn es bei der geschonten 'stilistische Überprüfung' zu keinen wirklichen Textstreichungen oder -ergänzungen, sondern nur zu Wortänderungen in der oben zitieren Art gekommen ist, sollte man sich schon ein ungefähres Bild von dem Hoffmannschen Original machen können. So ist etwa das Nachgeschehen, daß sich bei Füllner auf drei Kapitel erstreckt, in einem kurzen Schluß zusammengefaßt. Wäre dies auch schon in Hoffmanns Urtext - der ja von Haefs als durchaus gestrafft charakterisiert ist - so, könnte man etwa Mays völligen Verzicht auf diese abschließenden Textpassagen nachvollziehen, ohne Roland Schmids Vermutung zu strapazieren, Mays Bearbeitung wäre am Ende gekürzt, weil sonst das Buch zu lang geworden wäre und er deshalb gewissermaßen gezwungen war, abzubrechen.

Meine Schlußfrage wäre deshalb, ob vielleicht jemand zufällig weiß, ob diese Ausgabe von 1921 (Propylaen-Verlag, Berlin; mit Steinzeichnungen von Max Slevogt) im Umfang gegenüber Hoffmanns Original wesentlich verändert wurde.

Thomas Schwettmann

PS: Das Kurioseste an der Quelldiskussion Füllner und/oder Hoffmann könnte freilich auch sein, daß sich Hoffmann selber bei Füllner bedient haben könnte. Jedenfalls kann man zu diesen Eindruck gelangen, wenn man z.B. die Textstelle mit der Landung der Schmuggler in der Biskaya in beiden Übersetzungen miteinander vergleicht (nur müßte man dazu eigentlich natürlich den Original-Hoffmamm nehmen). Jedenfalls erwartet man bei unabhängigen übersetzungen doch eher eine stärkere Abweichung in der Wortwahl, als es hier der Fall ist.

Füllner-Übersetzung (S. 15/16):
Dieses Mal gelangte ein abgemessener Ton, wie ihn die Ruder, welche vorsichtig die Oberfläche des Wassers spalten, und das leise Knirschen der Ruderbolzen (Nägel zur Bestigung des Ruders) hervorbringen, zu seinen Ohren.
- Endlich sind wir da! sagte Pepe mit einem Seufzer der Befriedigung.
Ein schwarzer, beinahe unsichtbarer Punkt erschien am Horizonte, wurde dann schnell größer und bald zeigte sich ein Boot, eine leichte Schaumfurche hinter sich.
Pepe hatte sich eiligst der Länge nach auf die Erde geworfen, aus Furcht, daß sein Schatten vom Boote aus bemerkt werden mochte; aber von der hohen Stellung aus, welche er einnahm, konnte er nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesichte verlieren. Bald sah er es anhalten mit unbeweglichen Rudern, wie ein Seevogel, welcher in der Luft schwebt, um die Stelle zu wählen, wohin er stürzen will; dann nahm es plötzlich wieder seine Bewegung auf gegen das Ufer der Bucht wieder auf.
- Macht keine Umstände, sagt der Soldat, thut, als ob Ihr zu Hause wäret.
Wirklich schien die Ruderer vor jeder Störung sicher zu sein, denn einige Stunden später knirschten die Sandsteine des flachen Ufers unter dem Kiele des Bootes.

bearbeitete Hoffmann-Übersetzung (S. 10):
Diesmal gelangte ein abgemessener Ton an sein Ohr, wie Ruder, die vorsichtig in das Wasser eingetaucht werden, ihn hervorbringen. Ein schwarzer Punkt wurde größer und größer und es zeigte sich ein Boot, eine leichte Schaumfurche hinter sich ziehend. Bald sah Jose es anhalten mit unbeweglichen Rudern, wie ein Seevogel, der in der Luft schwebt, um sich auf seine Beute zu stürzen; dann nahm es plötzlich seine Bewegung gegen die Bucht wieder auf. Einige Sekunden später knirschten die Steine des flachen Ufers unter dem Kiele des Bootes.

Dazu schließlich noch im Vergleich die May-Bearbeitung, der hier trotz vergleichbarer Textverknappung jedenfalls nicht nur Hoffmann folgt, wofür nicht nur Füllners Phrase Oberfläche des Wassers, sondern vorallem das geschwächte Knarren der Dullen als Äquivalent für das Knirschen der Ruderbolzen spricht, welches aus der Hoffmann-Übersetzung nicht abgeleitet werden kann:
Da drang ein schwaches Geräusch über die Oberfläche des Wassers bis zu ihm, und einige Augenblicke später unterschied er deutlich das leise Rauschen umwundener Ruder und das geschwächte Knarren der Dullen, an denen sich die Ruderstangen rieben. Ein schwarzer Punkt rang sich durch den Nebel, wurde von Sekunde zu Sekunde größer und enthüllte sich schließlich als ein Boot, dem eine weiße Schaumfurche folgte. Es hielt nach dem Ufer der Bucht und landete.



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