Re: Diamant


Karl-May-Forum


Geschrieben von Ralf Großkurth am 16. November 2003 03:41:35:

Als Antwort auf: Re: Diamant geschrieben von Kurt Altherr am 15. November 2003 23:15:35:

Hallo, Kurt! (ich lerne ... ;-) )
Hallo, alle anderen!

Ich darf mir erlauben, einige deiner Zeilen zu zitieren und zu kommentieren:

Du schreibst:
[...] Bei May fand ja nachträglich eine Anpassung und Straffung seiner Texte in die heutige allgemeine Sprach- und Schreibform statt [...]

Die Umwandlung von "recognosciren" in "erkunden" wird vermutlich wirklich die Wenigsten stören, und sie ist auch weder Werk noch Intention des Autors abträglich. Auch, wenn aus einem "... gieb mir ..." ein "...gib mir..." wird, ist daran nichts auszusetzen.
Ob eine "Straffung" - letztlich ja nichts anderes, als eine willkürliche Streichung nach für den Leser nicht mehr nachzuvollziehenden Prinzipien - dem Werk allerdings immer gut tut, kann nun durchaus diskutiert werden.
Es gibt auf diese Frage auch mit Sicherheit keine allgemeingültige Antwort, sondern nur subjektive Antworten.

Du schreibst:
[...] Letztlich rechtfertigte ja auch der Verkaufserfolg die Bearbeitungen des KMV. [...]

Genau das ist der Trugschluss, welcher leider auch durch ständiges Wiederholen nicht richtiger wird. Wie irgendwo in den Foren zu diesem Thema bereits einmal ausgeführt wurde (ich weiß leider nicht mehr, von wem dieses Beispiel stammt), haben wir leider nicht die Möglichkeit, den Verkaufserfolg der Bearbeitungen in unserer Welt mit jenem in einer Parallelwelt zu vergleichen, in welcher Karl May dann bis heute ohne Streichungen und Umformungen verlegt worden wäre.
Für diese These spricht im Gegenteil ebenso wenig (oder, je nach Betrachtungsweise, ebenso viel) wie für die These, der Verkaufserfolg gründe sich auf die Faszination, welche Karl Mays Werke *trotz* Bearbeitung noch auszustrahlen in der Lage sind.

Du schreibst:
Ich kann nur immer wieder Prof. Roxin zitieren, der darauf hinwies, dass jeder Zugang zum Originaltext Mays hat, wenn er dies wünscht zu lesen.

Auch hierzu ist zu bemerken, dass genau diese Unterstellung von einer völlig irrigen Annahme ausgeht, nämlich, ein jeder Leser von Karl May wisse überhaupt, dass es Bearbeitungen gibt und wo und wie man an die "Originalfassungen" gelangen könne. Und selbst, wenn man das unterstellt, dann würde dieses Argument mit knapper Not erst seit ca. 10 Jahren zutreffen, sprich, seitdem wir über die Möglichkeiten des Internets verfügen.
Denn letztlich finden wir nur hier alle Mosaiksteine, welche uns in die Lage versetzen, die "Originale" aus den unterschiedlichsten Veröffentlichungen herauszufinden. Dies einem Leser (und sei es auch mit der Hilfe der gutmütigsten Bücherei) ohne elektronische Hilfsmittel zuzumuten, ist schlicht hanebüchen. Nicht einmal die Mehrzahl der "Fans" würde sich dieser Aufgabe stellen - zumindest nicht mit Erfolg.
Es ist also mit dem "Zugang" so sein eigenes Ding. Mag sein, dass Prof. Roxin diesen Zugang hat oder hatte, nachdem er 30 (?) Jahre an der Spitze der KMG (?) stand.

Gestatte mir bitte einen Exkurs:
Nehmen wir an, wir seien ein begeisterter Karl May-Leser, welcher bei der letzten Zugfahrt in der Zeitung davon las, die meisten Bücher von Karl May seien bearbeitet und daher nicht mehr original zu nennen.
Also verwendet er seinen Samstagvormittag darauf, die Buchhandlung seines Vertrauens aufzusuchen, und äußert folgende Bitte: "Guten Tag! Ich hätte gern die Karl May-Bücher, die nicht bearbeitet worden sind!"
Übergehen wir die zunächst fragenden Gesichter der Büchereiangestellten. Nehmen wir weiterhin an, dass nach eifrigem Blättern in den entsprechenden Listen (mit den entsprechenden Zettelnotizen), eine Liste von Veröffentlichungen erstellt wurde. Vielleicht gelingt es, "In Mekka" recht schnell auszuschließen. Spätestens bei den "Lieferungsromanen" wird das Unterfangen aber, gelinde gesagt, mühsam werden.
Und selbst, wenn wir unterstellen, dies könne alles zu einem für beide (der Buchhändler möchte ja schließlich auch noch etwas verkaufen, und im schlimmsten Fall befinden sich dann auch noch andere Kunden im Laden) befriedigenden Ergebnis gebracht werden, dann erhebt sich wohl die Frage, wie hoch die Prozentzahl derer sein mag, welche sich diesen Tort anzutun bereit wären.
Exkurs Ende.

Ich denke, dieses Beispiel, in welchem wir ja das Wissen um Bearbeitungen schon unterstellt haben, verdeutlicht hinreichend, *was* zum Verkaufserfolg der KMV-Bände geführt hat und noch weiter führt.

Du schreibst:
Dazu kommt auch, dass frühere Originaltext-Verfechter, wie Dr. Jürgen Wehnert, heute für den KMV munter Textbearbeitungen vornehmen.

Bitte nimm es mir nicht übel, Kurt, aber dieses Argument ist nicht nur keines, sondern wäre auch sonst als völlig fehlerhaft zurückzuweisen. Mit der gleichen Begründung wäre ein straffällig Gewordener freizusprechen. Ganz nach dem Motto (ich übertrage es einmal): " Dazu kommt, dass frühere Gesetzesvertreter, wie Richter XY, heute munter Straftaten unternehmen."

Außerdem geht es ja nicht um den reinen Tatbestand der Bearbeitung als solcher, als darum, dass diese Bearbeitung nach Möglichkeit "verheimlicht" wird.
Die ganze Diskussion entzündet sich doch lediglich daran, dass es seit Beginn der Tätigkeit des Karl May-Verlages offensichtlich gängige Praxis war, die Bearbeitungen (wenn überhaupt) nur zu nennen, wenn es sich einmal um "Rückbearbeitungen" handelte. Was letztlich auch keinen Informationsgehalt in sich trägt, da damit immer noch nicht klar ist, was, wie, wo und warum, und in welchem Maße "rückbearbeitet" wurde.
Ich habe es an anderer Stelle hier bereits ausgeführt, in meinen Augen hat sich der Karl May-Verlag damit selbst in eine denkbar ungünstige Situation manövriert.
Man kann offenbar nicht mehr so richtig weitermachen wie bisher, dazu ist die Diskussion in der Öffentlichkeit bereits zu lautstark (ja, auch das Internet ist ein Teil Öffentlichkeit). Man kann auch nicht so richtig zurück, denn das würde bedeuten, nicht nur 90 Jahre Verlagstradition, sondern auch 90 Jahre Familientradition als fehlerhaft zu kennzeichnen.
Also entschließt man sich zu einem Mittelweg, was menschlich mehr als verständlich, und den Verantwortlichen in dieser verfahrenen Situation auch kaum vorwerfbar ist. Zumindest nicht, wenn wir uns gedanklich in die gleiche Situation versetzen.
Ob es dem halbinformierten Käufer gefällt, ist die Frage.

Zusammenfassend: Es gibt eine Menge von Gründen dafür, warum sich die Bearbeitungen verkaufen lassen. Nicht alle dieser Gründe bedeuten, es handele sich bei den Bearbeitungen um "Verbesserungen", auch wenn der KMV selbstverständlich ein starkes ökonomisches Interesse daran hat, es so darzustellen.

Es grüsst zu nächtlicher Stunde,
Ralf Großkurth





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