Reinhold Wolff

Ansprache anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel
für Richard Plöhn und Wilhelmine Beibler am Grabmal
Karl Mays am 22. 5. 1998 auf dem Friedhof in Radebeul.

  

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn ich heute - in Vertretung des Vorstandes - eine von der Karl-May-Gesellschaft gestiftete Gedenktafel am Grabmal Karl Mays der Öffentlichkeit übergebe, die in Zukunft an dieser Stelle darauf hinweisen soll, daß hier, in der gleichen Grabstätte, einst auch Richard Plöhn und Wilhelmine Beibler ruhten - der erste Ehemann und die Mutter Klara Mays -, so hat dies eine Vorgeschichte, und verbindet sich damit eine Absicht, die wenigstens einer kurzen Erläuterung bedürfen.

Photo D. Schober

Prof. Wolff

Denn es wäre selbstverständlich keine ausreichende Begründung, wollten wir nur darauf hinweisen, daß die Namen, die wir damit wieder auf der Grabstätte anbringen, dort schon einmal standen: daß wir sozusagen in restaurativer Absicht nur wiederherstellen, was schon einmal war. Es ist, wie vieles bei Karl May, viel komplizierter, und reicht tief hinein in die Privatsphäre Mays, die zu seinen Lebzeiten und auch später für die unzähligen Leser hinter der phantastischen Traumwelt seiner Bücher und Erzählungen verschwand. Und es verweist andererseits auch sehr nachdrücklich darauf, wie sehr der "Erfolgsautor", der "Volksschriftsteller", verschlungen von Millionen Lesern, selbst Teil und Opfer des kollektiven Schicksals, und wie noch das scheinbar Privateste seiner Biographie selbst ein Stück allgemeiner Geschichte wird.

Rekapitulieren wir dazu kurz einiges aus der Geschichte dieses Mausoleums, wie sie Hans-Dieter Steinmetz vorbildlich und liebevoll, in umfassender Würdigung aller erreichbaren Quellen, im 25. Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft von 1995 [1] dargestellt hat. Die Idee zu der Grabstätte, vor der wir uns befinden, entsteht, wie wir alle wissen, spontan während eines nächtlichen Besuchs auf der Akropolis zu Athen. Karl May hat für den letzten Abschnitt seiner großen Orientreise das Ehepaar Richard und Klara Plöhn, spätere May, und seine erste Frau Emma in Italien abgeholt, und ist mit ihnen über Alexandrien, Kairo, Palästina und die Levante nach Istanbul gereist. In Istanbul hat man Klara Plöhns 36. Geburtstag gefeiert: sie ist bei weitem die Jüngste der Reisegesellschaft, May selbst ist 58. Man ist dann weitergereist nach Athen und macht nun, in der Nacht vor der Abreise, genauer: in der Nacht des 14. Juli 1900, einen nächtlichen Ausflug und Abschiedsbesuch auf die Akropolis.

"Zauberhaft spielte der Mondenschein in den Trümmern, die sich zu beleben schienen", heißt es dazu in Mays Reisetagebuch, und weiter: "Lange verweilten wir. Auf den Stufen des Nike-Tempels begeisterte uns Klara für den Gedanken, diesen Tempel nachbilden zu lassen und ihn zum Andenken an diese Zeit auf dem heimischen Friedhof zu erbauen und uns alle darin zur letzten irdischen Rast betten zu lassen." [2] Klaras spontane Idee wird, zumindest in dieser Nacht, offenbar ebenso spontan von allen andern akzeptiert, was nur so zu verstehen ist, daß sie damit einen Wunsch nach Einklang und Harmonie ausspricht, der, zumindest in dieser Nacht ("zum Andenken an diese Zeit"), die Seelen aller vier Beteiligten erfüllt. "Gemeinsam sollte die Gruft uns dienen, Freundschaft verband die verwandten Seelen", erinnert sich noch die 80jährige Klara May in einer Ergänzung ihres Testaments [3] an die Situation.

Verständlich ist dies wohl, nicht nur aus der Ausnahmesituation der Reise und einer phantastischen Nacht, denn es gibt vielfältige, auch unterschwellige Beziehungen zwischen diesen vier Reisenden. Richard Plöhn, der Radebeuler Fabrikant, ist neben dem Deidesheimer Kommerzienrat Emil Seyler seit vielen Jahren Mays einziger Freund und Vertrauter. May ist, auch in den "Jahren wachsenden Ruhms" seit Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts "einsam wie je" [4], und hat nur bei diesen beiden Freunden "einen Winkel Wirklichkeit gefunden, in dem er sich frei bewegte", wie Hans Wollschläger [5] dies in seiner Karl-May-Biographie einmal formuliert hat. Die beiden Frauen, Emma und Klara, sind in die Familienfreundschaft mit einbezogen und eng miteinander befreundet. Karl Mays Ehe mit Emma, seit langem in Verfall, mag durch die lange Trennung der Orientreise, "der ersten der 20 Ehejahre", einen, wenn auch nur temporären Gefühlsaufschwung erlebt haben, wie schon Hans Wollschläger vermutete. [6] Und schließlich: Klara Plöhn, die Frau des Freundes, wird 3 Jahre später Mays Frau sein - auch dies sicher schon in jener Nacht auf der Akropolis nicht ohne Einfluß auf die latenten Beziehungen zwischen den 4 Beteiligten.

Aber der Zauber jener Nacht verfliegt schnell: Plöhn ist seit langem nierenkrank und stirbt im folgenden Jahr, und auch Mays Ehe zerbricht definitiv in den darauffolgenden Jahren. Zunächst aber nimmt das Ehepaar May Klara Plöhn, die schon zu Plöhns Lebzeiten Mays Sekretärin geworden war und seine Leserpost erledigt hatte, nach dessen Tod in der Villa "Shatterhand." auf. [7] Sie leidet ganz offensichtlich unter dem Verlust, und May macht ihr den einst miteinander geträumten Traum der gemeinsamen Grabstätte zum Geschenk. Sie planen das nachgerade gewaltige Unternehmen gemeinsam und führen es gemeinsam durch.

Das Grabmal wird die Summe von ca. 44 000 Goldmark verschlingen und damit wesentlich kostspieliger sein als der Kauf der Villa "Shatterhand." mit den beiden Grundstücken an der später so genannten "Karl-May-Straße" [damals Kirchstraße]. Als Baumeister und Architekt fungiert der Radebeuler Paul Ziller, der zuvor mit seinem Bruder Ernst lange Jahre im Gefolge des ersten griechischen Königs Otto I. von Wittelsbach in Athen tätig war: die beiden haben u.a. Heinrich Schliemanns Haus in Athen und dessen Athener Grabmal gebaut, und Paul Zillers Entwurf des Radebeuler Grabmals ist eine geschickte, den gegebenen Verhältnissen angepaßte Variation des Athener Nike-Tempels. Das Relief im Innern des Mausoleums fertigt Selmar Werner, dessen Karriere May damit ganz wesentlich fördert. Der für das Grabmal verwendete Marmor stammt aus Siena. Plöhn wird 1902 in die Grabstätte umgebettet, und ein Jahr später ist auch das Relief Selmar Werners fertiggestellt.

Es ist ein großes, und das erste gemeinsame Unternehmen, das Karl May und Klara Plöhn miteinander durchführen, und es fällt biographisch in die Phase der endgültigen Trennung Karl Mays von Emma May, literarisch in die Zeit des Ausgreifens ins symbolistische Spätwerk: Anfang 1902 stehen Emma May und Klara Plöhn noch gemeinsam für Selmar Werners Relief Modell, im Sommer des gleichen Jahres wird Band III von Im Reich des Silbernen Löwen fertiggestellt, im Herbst wird während einer gemeinsamen Reise von Karl May, Emma und Klara auf der Südtiroler Mendel das Ende der Ehe von Emma und Karl May besiegelt. Anfang 1903 läßt May sich von seiner ersten Ehefrau scheiden und heiratet kurz darauf Klara Plöhn. Der Traum jener Nacht in Athen ist endgültig zerstoben und ersetzt durch eine, wie es scheint, solide Zweierbeziehung, die May in den letzten, schweren 10 Jahren seines Lebens stützt.

Von der Idee von einst hat sich May denn auch längst innerlich distanziert. Schon während der gemeinsamen Arbeit am Grabmal, das nun eigentlich ein Grabmal für Richard Plöhn geworden ist, wünscht er für sich und Klara ein Grab im Garten seines Hauses, ohne jeden Prunk. [8] Und als 1909 Klaras Mutter Wilhelmine Beibler stirbt, wird sie ganz selbstverständlich in der nun sehr distanziert wahrgenommenen Grabstätte beigesetzt. Aus dem Traum von der grenzenlosen Harmonie jener Nacht in Athen ist ein gut bürgerliches Familien-Doppelgrab geworden, das an der linken Seitenwand die Aufschrift "Familie Plöhn" trägt, und an der anderen die Aufschrift "Familie May".

Aber das Grabmal wird noch einmal seinen Charakter grundlegend verändern, als nach Karl Mays Tod aus der bürgerlichen Familiengrabstätte innerhalb weniger Jahre ein Weihe-Tempel für Karl May wird: Anlaß für das, was die DDR-Behörden viel später verdrossen den "früheren und heute noch bei einem Teil der Bürger vorhandenen Kult um die Persönlichkeit Karl Mays" nennen werden. [9] Als Karl May 1912 stirbt, versucht Klara May zunächst, seinen letzten Willen nach einer Bestattung im Garten seines Hauses zu vollziehen. Als diesem Wunsch deutsche Behörden-Grundsätze entgegenstehen, wird Karl May doch in der Grabstätte beigesetzt. Und seine Witwe, die hinfort ihr Leben der Pflege seines Ansehens und auch, nennen wir das Wort ruhig noch einmal, des Kultes um seine Person widmen wird, erkennt dann schnell, daß dieses Grabmal hierfür der geeignetere Platz ist, sei er doch, anders als der verschlossene Garten des Hauses, allen zugänglich: "Einem jeden müsse es möglich sein, an sein Grab treten zu können. Er dürfe nicht hinter verschlossenen Türen ruhen." [10] Und es sind in der Folge in der Tat Unzählige, die zu diesem Grab pilgern werden.

Der nächste direkte Eingriff in die Gestaltung des Grabmals liegt, so will mir scheinen - und auch das von Steinmetz ausgebreitete Material stützt diese Interpretation sehr gut -, in der Konsequenz dieser Entwicklung: einer Entwicklung vom Familiendoppelgrab zur Kultstätte für Karl May. Im Herbst 1938 hat eine Dresdener Firma im Auftrag von Klara May Ausbesserungsarbeiten am Grabmal ausgeführt; wenig später, im Sommer 1939 [11], erteilt Klara May, nun selbst 75 Jahre alt, den Anschlußauftrag, die beiden Inschriften "Familie Plöhn", bzw. "Familie May", sowie auf der linken Seite die Namen und Geburtsdaten von Richard Plöhn und Wilhelmine Beibler entfernen - eben jene Inschriften, an die wir heute mit unserer Gedenktafel erinnern.

Im Frühjahr 1940 wird, nach kriegsbedingten Schwierigkeiten, die Änderung vollzogen. Klara May begründet diesen offenbar schon lange vorher [12] gefaßten Entschluß später in Briefen mehrfach [13] damit, daß sie immer wieder danach gefragt worden sei, in welchem Verhältnis die beiden unbekannten Personen zu Karl May stünden, ob sie Figuren in seinen Romanen entsprächen [14], usw., und es besteht wenig Anlaß, an dieser Begründung zu zweifeln, auch wenn sie sicher nur der leichter verständliche und quasi "vorzeigbare" Teil der Begründung ist: die Entfernung der Namen des ersten Ehemanns und der Mutter drücken keine Distanzierung aus gegenüber den beiden "allen - außer mir - gleichgültigen" Personen [15], jenen "mir einst lieben Menschen" [16], wie Klara May auch später nicht müde wird zu versichern, sondern tragen einer Entwicklung Rechnung, an der Klara May seit langem beteiligt war, und bringen diese Entwicklung zu einem endgültigen, deutlich sichtbaren Abschluß. Durch die Tilgung der beiden Namen wird aus dem bürgerlichen Familiengrab nun endgültig und ausschließlich das Karl-May-Mausoleum, nur dem Gedächtnis an Karl May, und wenige Jahre später Klara May gewidmet.

Die Machthaber von damals aber, und damit beginnt der letzte, tragischste Teil der Geschichte, bezweifeln diese Begründung sehr wohl und sehen wenig später in der Tilgung der Inschriften eine "beabsichtigte, grobe Irreführung der Öffentlichkeit, wenn nicht gar eine arglistige Täuschung" [17], einen Akt der Täuschung gegenüber der nationalsozialistischen Obrigkeit nämlich. Was war geschehen? Anfang 1942 hatte der damalige Oberbürgermeister von Radebeul die Idee, den 100. Geburtstag des populären Schriftstellers am 25. Februar mit großem Eclat zu begehen: Feierstunden an allen Radebeuler Schulen, eine zentrale Feierstunde im Festsaal der Hans-Schemm-Schule, ein Empfang in der Villa "Shatterhand." und eine Ehrung am Grabe sind vorgesehen, und dies alles unter massiver Teilnahme nationalsozialistischer Parteigrößen. Der Gauleiter und Reichsstatthalter von Sachsen hat Feiern in allen sächsischen Schulen angeordnet. Die Einladungen sind verschickt, die Planungen abgeschlossen, als etwa 10 Tage vor dem 25. Februar eine Denunziation "aus der Einwohnerschaft" [18] ergeht, der im Mausoleum Karl Mays bestattete Richard Plöhn sei Halbjude gewesen, und Klara May habe "zur Verschleierung dieses Tatbestandes" [19] die Inschriften entfernen lassen. Der Skandal ist groß, es entfaltet sich hektische Aktivität. Am 16. Februar wird Klara May von 2 Beauftragten des Oberbürgermeisters aufgesucht und so unter Druck gesetzt, daß sie zustimmt, noch vor dem 25. Februar Richard Plöhns Leiche entfernen zu lassen. Außerdem erpressen die Boten des Oberbürgermeisters einen erheblichen Betrag zur Finanzierung eines Schwimmbades der Stadt und legen ihr darüber hinaus nahe, das Museum der Stadt zu übertragen. Als sich herausstellt, daß die übergeordneten Behörden infolge der Kriegssituation keine Exhumierungen genehmigen, werden die gesamten, in die Wege geleiteten Feierlichkeiten "unvorhergesehener Umstände wegen" [20] kurzfristig abgesagt.

Klara May aber hat hinfort das Wohlwollen der nationalsozialistischen Behörden verloren: als 1944 die Frau des Dresdner Architekten Hammitzsch, immerhin Hitlers Halbschwester und mit Klara May persönlich befreundet, der Stadt Radebeul vorschlägt, Klara May anläßlich ihres 80. Geburtstags zur Ehrenbürgerin von Radebeul zu ernennen (und die Stadtverwaltung diesem Wunsch zunächst nicht abgeneigt scheint [21] ), interveniert der Gauleiter und Reichsstatthalter persönlich. Selbst Euchar A. Schmidt, der Verleger, gerät 1942 in den Strudel und ist dem Verdacht der Mitwisserschaft an Klara Mays "subversiver Handlung" ausgesetzt: es gibt, von Hans-Dieter Steinmetz dokumentiert, eidesstattliche Erklärungen von Klara May wie den Mitarbeitern des Karl-May-Verlags, die versuchen, Schmidt von diesem Verdacht zu entlasten. [22]

Ton und Inhalt von Klara Mays Briefen aus dieser Zeit geben beredtes Zeugnis von der Verwirrung, Verstörtheit und von den Ängsten der fast 80jährigen, die in diesen Tagen auch einen leichten Schlaganfall erleidet und hinfort an einem Arm behindert ist. Wir Heutigen können uns wohl kaum mehr vorstellen, was das Wort "Rassenschande" damals bedeutete - die Vorstellung der Besudelung des zweiten Ehemannes Karl May, mit dem Klara sich seit vielen Jahren tief identifizierte, mit eingeschlossen. Aber zumindest ist auch heute noch nachvollziehbar, wie tief der ganze Vorgang der abgesagten Gedächtnisfeiern sie treffen mußte, bezog sie doch seit langem, seit 30 Jahren, einen großen Teil ihres Selbstgefühls und Selbstbewußtseins auch aus der öffentlichen Verehrung Karl Mays.

Vor diesem Hintergrund muß man sicher auch verstehen, was dann in der Folge geschieht, also nach den Tagen des Skandals, als eigentlich alles schon ausgestanden und vorbei scheint. Zunächst, am 28. Februar 1942, also ganz zeitnah zu den angedeuteten Ereignissen, bemüht sich Klara May über das Leipziger Standesamt um Informationen über ihre Schwiegermutter aus erster Ehe, die sie nie kennengelernt hat. Die Erkundigungen bleiben ergebnislos, und erscheinen rückblickend wie ein eher verzweifelter Versuch, den Realitätsgehalt der vor dem 25. Februar geäußerten antisemitischen Vorwürfe zu überprüfen. Etwa eine Woche später, am 7. März 1942 verfügt Klara May in einem offiziellen Zusatz zu ihrem Testament, man möge bei ihrem Tod "gelegentlich meiner Beisetzung diese beiden, mir einst lieben Menschen, herausnehmen und auf dem Radebeuler Friedhof bestatten. Damit K.M. allein mit mir die Gruft teilt." [23]

Kurz darauf erwirkt dann Klara May tatsächlich die Erlaubnis zur Exhumierung und anschließenden Einäscherung der beiden Leichen. Die Entnahme der Särge aus dem Grabmal erfolgt am Morgen des 28. April 1942, die Einäscherung im Krematorium Dresden-Tolkewitz am gleichen Tag; die Beisetzung der beiden Urnen im Urnenhain Tolkewitz am 13. Mai 1942, "wohl im Beisein Klara Mays." [24] Und es geht, man muß immer wieder darauf hinweisen, immer um die beiden Toten, um Richard Plöhn und um ihre Mutter Wilhelmine Beibler, auch im Gedränge um die antisemitische Hetze im Umkreis des 25. Februar 1942, so daß bis zuletzt eine sehr langfristige Grundkomponente dieser Entscheidung sichtbar bleibt: "Damit K.M. allein mit mir die Gruft teilt."

Aber selbstverständlich liegt - zu diesem Zeitpunkt - der Schwerpunkt der Motivation für die Exhumierung der beiden Leichen in den grauenvollen antisemitischen Umständen des 25. Februar 1942. Selbstverständlich lassen sich über Klara Mays Gründe für diese - gegenüber der Tilgung der Namen auf dem Grabmal sehr viel weitergehende - Entscheidung nur Mutmaßungen anstellen. Mag sein - und dies wäre ein sehr verständliches Motiv -, daß die 78jährige alte Dame dies alles einfach nicht noch einmal erleben wollte. Wahrscheinlicher ist, daß sie das Andenken an Karl May für alle Zeiten von dieser Bedrohung - denn als solche muß sie den Vorgang empfunden haben - abtrennen wollte. Immerhin war für die wenigsten im Frühjahr 1942 erkennbar, daß das 1000jährige Reich, zu dieser Zeit Herr über fast ganz Europa, den Großteil seiner Jahre hinter sich hatte: das Regime und mit ihm seine Ideologie schienen - lange vor Stalingrad - auf Triumph und Dauer angelegt.

Wer, wie Klara May, in der Verwaltung und Pflege des Werks und Nachruhms von Karl May lebte und daraus auch einen Teil seiner eigenen Daseinsberechtigung ableitete - und ich formuliere das ohne jedes Werturteil, einfach als Sachverhalt -, für den muß die Vorstellung, Karl Mays Grab als ganz wesentlichen Ort der Karl-May-Verehrung von der offiziellen Ideologie quasi für alle Zeiten tabuisiert zu sehen, wirklich schrecklich gewesen sein. Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang eine Äußerung Klara Mays in einem Brief an den Pfarrer von Radebeul vom 1.4.1942, in dem sie um Überlassung eines andern Begräbnisplatzes für Richard Plöhn und Wilhelmine Beibler auf dem Friedhof von Radebeul bittet und dessen Stil die emotionale Verwirrung spiegelt, in der sie sich noch immer befindet:

"Der eigenartige Zwischenfall, der anläßlich des 100 Geburtstages meines Mannes Karl May an mich heran trat, der zwar gesetzlich keine Bedeutung hat, veranlaßt mich aber die Konsequenzen zu ziehen und meinen Mann Karl May, ein für alle Male vor derartigen Vorkommnissen zu schützen, und zwar dergestalt, daß die Gruft für ihn allein bleibt. / Er gehört der Öffentlichkeit, gehört Deutschland, und jeder Deutsche soll ohne Hemmungen an sein Grab treten können". [25]

Und auch der Grund für den Zeitpunkt dieser Bitte wird, in Anspielung auf die Ereignisse um den 25. Februar 1942, abschließend benannt: "... da bei meinem hohen Alter und der mir auferlegten Aufregungen mit meinem Ableben zu rechnen ist, ich aber diese Sache noch in Ordnung bringen wünsche." [26]

"Jeder Deutsche soll ohne Hemmungen an sein Grab treten können": daß dies nicht Klara Mays Hemmungen waren im Zusammenhang mit Richard Plöhn, hat sie in einer Vielzahl der von Steinmetz dokumentierten Äußerungen immer wieder klar gemacht. So etwa, wenn sie immer wieder darauf hinwies, daß es sich um ihr "einst liebe Menschen" [27] gehandelt habe, oder indem sie, in merklicher Kritik, den ganzen Vorgang charakterisiert, "die Sache [mute an] wie ein toller Streich". [28] Hans-Dieter Steinmetz kommt in seiner nun schon vielfach erwähnten Arbeit denn auch zu dem Urteil, "daß Klara May nur äußeren Zwängen nachgab, unglücklich darüber war und Richard Plöhn bis zuletzt ein ehrendes Gedenken bewahrte". [29]

Freilich realisierte sie dabei wohl gleichzeitig auch einen lange gehegten Plan, von dem schon die Rede war: das Bild Karl Mays in aller Ausschließlichkeit mit diesem Grabmal zu verbinden, das natürlich dann seit dem 5. Januar 1945 auch ihr eigenes war - ausschließlich das Karl Mays und das ihre, wie sie sich das seit langem gewünscht hatte.

Ich komme zum Ende, und ich hoffe, es ist deutlich geworden, was wir mit dem Anbringen dieser Erinnerungstafel verbinden. Es kann nicht darum gehen, Verhalten, das tief in der Vergangenheit liegt, zu beurteilen oder gar zu schelten: wer nie unter den Bedingungen der Diktatur leben mußte, sollte ohnehin schweigen, wenn es darum geht, das Verhalten von Menschen unter solchen Bedingungen zu beurteilen - oder gar zu verurteilen.

Worum es geht, ist etwas anderes. Als die Teilnehmer des Karl-May-Kongresses in Dresden im Jahr 1993 zu diesem Grab pilgerten und dabei natürlich in vielen Gesprächen auch viel von der Geschichte des Grabes die Rede war, sagte mein Freund Harald Eggebrecht, von dem, wie ich denke, die Idee zu dem stammt, was wir heute hier tun, ganz spontan: „Hier fehlt etwas!". Und in der Tat: die Erinnerung an die beiden Namen, die einst auch auf diesem Grab standen, führt tief hinein in die persönliche und in die politische Dimension des Phänomens Karl May. Von der persönlichen Dimension war zu Anfang die Rede, von der politischen Dimension dann sehr viel ausführlicher in der Folge. Der "Volksschriftsteller", der "Erfolgsschriftsteller", dessen Leserschaft Ausmaße erreicht wie die Karl Mays, ist nie nur Privatmann, und seine Existenz ist, im eigentlichen Wortsinn, stets auch eine öffentliche. Die Umstände, an die hier erinnert wird, sind skandalöser Natur, aber der Skandal liegt, schwer entwirrbar und schon eine Generation später nur mit großer Mühe rekonstruierbar, in der deutschen Geschichte.

Es muß aber erinnert werden: denn wer vergißt, was war, wird nicht verstehen, was ist. Dieses Erinnern ist unsere Absicht, und dazu soll die von der Karl-May-Gesellschaft gestifteten Gedenktafel dienen.

Ich habe zum Abschluß zu danken all denen, die daran mitgewirkt haben, daß wir die Gedenktafel heute der Öffentlichkeit übergeben können:

Ich enthülle jetzt die Tafel und verlese den angebrachten Text. Er lautet:

Zur Erinnerung an Richard Plöhn (1852 - 1901) und Wilhelmine Beibler
(1837 - 1909), die bis 1942 auch in dieser Gruft ruhten.

Gewidmet von der Karl-May-Gesellschaft.

Ich danke Ihnen.

Reinhold Wolff


[1] Hans-Dieter Steinmetz. "Karl Mays Grabmal in Radebeul". Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 25. Husum: Hansa-Verlag 1995, S. 12-92. - Die hier wiedergegebene Rede zur Enthüllung der Gedenktafel am Grabmal Karl Mays am 22.Mai 1998 auf dem Friedhof in Radebeul, die für den Druck mit entsprechenden Quellenangaben versehen wurde, stützt sich in einem solchen Umfang auf die in langjähriger Recherche entstandene Arbeit von Steinmetz, daß nur wörtliche Zitate und Quellenangaben von besonderer Bedeutung gekennzeichnet wurden. - Der Stil der öffentlichen Rede wurde für den Druck und diese Internetfassung etwas abgemildert, und die Rede wird hier in der ursprünglich konzipierten Länge wiedergegeben, die für den offiziellen Anlaß aus Zeitgründen gekürzt werden mußte.

[2] Steinmetz, "Grabmal", S. 14.

[3] Steinmetz, "Grabmal", S. 65.

[4] Hans Wollschläger. Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1965, S. 56.

[5] Wollschläger, May, S. 57.

[6] Wollschläger, May, S.82.

[7] Steinmetz, "Grabmal", S. 20.

[8] Steinmetz, "Grabmal", S. 33f.

[9] Steinmetz, "Grabmal", S. 70.

[10] Steinmetz, "Grabmal", S. 56.

[11] Steinmetz, "Grabmal", S. 61.

[12] Steinmetz, "Grabmal", S. 61.

[13] Vgl. z.B. Steinmetz, "Grabmal", S. 56.

[14] Steinmetz, "Grabmal", S. 54.

[15] Steinmetz, "Grabmal", S. 61.

[16] Vgl. Steinmetz, "Grabmal", S. 53.

[17] Steinmetz, "Grabmal", S. 49.

[18] Steinmetz, "Grabmal", S. 45.

[19] Zit. n. Steinmetz, "Grabmal", S. 49.

[20] Zit. n. Steinmetz, "Grabmal", S. 48.

[21] Steinmetz, "Grabmal", S. 64.

[22] Steinmetz, "Grabmal", S. 61f.

[23] Zit. n. Steinmetz, "Grabmal", S. 53.

[24] Steinmetz, "Grabmal", S. 60.

[25] Zit. n. Steinmetz, "Grabmal", S. 57.

[26] Steinmetz, "Grabmal", S. 58.

[27] Vgl. Fußnote 22.

[28] Zit. n. Steinmetz, "Grabmal", S. 56.

[29] Steinmetz, "Grabmal", S. 60.


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