Lieferung 103

Karl May

3. Dezember 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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»Warum denn nicht?«

»Weil mir die Herrschaften zu grob sind. Sie thun, als ob es eine Gnade und Barmherzigkeit sei, daß sie nur mit Einem reden. Adieu!«

Sie drehte sich ab, um zu gehen.

Er sah ein, daß er freundlicher sein müsse. Der Meierhof war wirklich der sicherste Aufenthalt für den Derwisch. Er durfte sich nicht abweisen lassen; darum ging er der Frau einige Schritte nach und sagte in weit höflicherem Tone:

»Aber, liebe Frau, dafür kann doch ich nicht!«

Sie sah ihn zornfunkelnd an:

»Sie nicht? Grad Sie sind der Schlimmste!«

»Pardon! Davon weiß ich kein Wort!«

»So haben Sie es vergessen. Und wie reden Sie eben jetzt wieder.«

»Aber das ist nun einmal mein Ton!«

»Der mag Ihnen gefallen, aber nicht mir. Ich muß auch mit Andern in einem andern Tone reden, als ich eigentlich habe. Sie sollten nur meinen wahren Ton einmal kennen lernen! Wenn ich den hören lasse, so reißen alle Katzen aus.«

»Sapperment! Sind Sie so eine Knallbüchse?«

»Sie brauchen gar nicht mehr lange so zu fragen, so knallt es. Weshalb haben Sie mich denn rufen lassen? Etwa, um mir solche Fragen vorzulegen?

»Nein doch, nehmen Sie nur Verstand an! Es ist ja nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Ich suche eine Wohnung.«

»Ich habe keine.«

»Sie haben eine Menge Zimmer; ich weiß es ganz genau.«

»Aber Sie will ich nicht bei mir wohnen haben. Das sage ich Ihnen aufrichtig.«

»Donnerwetter!« fluchte er. »Diese Aufrichtigkeit geht mir fast zu weit! Ich will die Wohnung ja gar nicht für mich.«

»Ach so, das ist etwas ganz Anderes. Für wen denn?«

»Für meine Cousine.«

»Ach so! Ist sie krank?«

»Körperlich weniger, aber geistig getrübt ist sie. Menschenscheu ist der eigentliche Grund ihrer Krankheit. Sie soll einsam wohnen, möglichst ungestört sein und sich in der stärkenden Landluft erholen.«

»So! Die kann mir leid thun.«

»Wollen Sie sie nehmen?«

»Erst möchte ich sie sehen.«

»Das geht nicht. Sie sehen doch ein, daß ich mit einer gemüthskranken Dame nicht nach einem Logis hausiren kann.«

»Nun gut, so mag sie kommen.«

»Schön. Zeigen Sie mir die Zimmer!«

»Wozu?«

»Nun, ich muß doch sehen, wie meine Cousine wohnen wird?«


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»Das ist nicht nöthig.«

»Was? Nicht nöthig? Ich muß doch zahlen!«

»Wie Du mir, so ich Dir! Gleiche Kerle, gleiche Röcke. Ich soll diese Cousine nehmen, ohne sie gesehen zu haben. Da werde ich ihr Zimmer geben, welche ich passend für sie halte, nachdem ich selbst mit ihr gesprochen habe.«

»Aber ich, ich soll ihr dieselben besorgen!«

»Das haben Sie gethan, bekommen aber wird sie sie von mir. Wann kommt sie?«

»Das ist noch unbestimmt. Entweder noch heut spät oder morgen am Vormittage.«

»Mir recht. Wenn sie noch heut Abend kommt und wir schlafen schon, so wecken Sie; ich stehe auf.«

»Gut. Also sind wir einig?«

»Einig aber noch nicht fertig. Bekommt die Dame vollständige Pension?«

»Ja.«

»Wie lange bleibt sie da?«

»Ist noch unbestimmt. Habe ich vielleicht Etwas anzuzahlen?«

»Ja, dreißig Mark.«

»Donnerwetter! Das ist viel.«

»So zahlen Sie nichts, und thun Sie Ihre Verwandte anderswo hin! Ich will die dreißig Mark ja nicht für mich. Es ist nur eine Anzahlung, eine Sicherstellung, daß die Kranke auch wirklich kommt und ich meine Vorbereitungen nicht umsonst treffe.«

»Hier haben Sie.«

Er legte ihr das Geld in die Hand.

»Schön!« sagte sie. »Da sind wir nun fertig und ich kann wieder in meine Küche gehen. Leben Sie wohl, Herr Schubert.«

Sie ging. Er sah ihr nach und brummte:

»Donnerwetter, ist die aber resolut! Die hat Drachenzähne im Gebisse!«

Er wendete sich zornig ab und ging. Er dachte, daß er nun nach Hause kommen werde zu der schönen, interessanten Nichte, mit welcher er ein geheimes Bündniß abgeschlossen hatte, und das stellte seine gute Laune wieder her.

Während er den Weg einschlug, welcher vom Meierhofe nach der andern Seite der Stadt führte, kamen rechts vom Bahnhofe her Zwei, die sich recht innig Arm in Arm führten, wie ein junges Liebespaar.

Es waren Sam und seine Auguste.

Ganz wie er dem Polizisten gesagt hatte, hatten sie sich erst gar nicht angesehen. Dann aber, als die Menge verlaufen war, hatten sie einander auf das Herzlichste begrüßt. Sie hatten sich nichts, gar nichts zu erzählen, denn zunächst war das Nothwendigste, sich nur recht tief in die Augen zu sehen.

Dabei aber blickte Sam auch fleißig durch das Fenster, und als er jenseits der Felder den Agenten nach der Stadt gehen sah, machte er Auguste darauf aufmerksam, daß es Zeit sei, aufzubrechen.


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»Wohin?« fragte sie.

»Nach Deiner Wohnung.«

»Ich wohne doch bei Dir?«

Sam erröthete wie ein Schulknabe.

»Gustel, das geht nicht,« meinte er.

»Warum nicht?«

»Wir sind noch nicht getraut.«

»Ach geh! Darnach fragen doch wir nicht! Wir haben keine Zeit dazu gehabt.«

»Wenn auch! Wir sind aber noch nicht getraut! Was soll die Jugend sagen, wenn das reifere Alter ihr so ein schlechtes Beispiel giebt.«

Er sagte das so ernst und meinte es auch wirklich so ernst, daß Auguste lachen mußte.

»Sam,« meinte sie, »wer Dich so sprechen hört, der hört Dir den berühmten Prairiejäger nicht an.«

»Jäger hin, Jäger her! Ich bin aus Herlasgrün, wo die gute Lebensart zu Hause ist. Brautleute gehören nicht in ein Logis zusammen.«

»Aber in Amerika sind wir zusammen gereist!«

»Das war da drüben, also etwas ganz Anderes. Nein, Du bekommst Deine Kabine für Dich, wo Du mit dem Reibeisen und der Kaffeekanne hantieren kannst, wie es Dir beliebt. Bei mir wärst Du viel zu sehr genirt. Ich habe geistige Arbeit.«

»Du? Geistige?«

»Ja.«

»Was denn für welche?«

»Ich bin Criminalgendarm geworden.«

»Unsinn!«

»Höre, ich mache niemals Unsinn! Als Braut mag Dir so ein diplomatischer Fehlgriff noch einmal hingehen. Als Frau aber bekämst Du entweder die Knute oder die Bastonnade - Eins von Beiden. Du könntest Dir wählen, was Dir das Liebste ist.«

»Danke sehr! Thue nur nicht so bärbeißig. Du bist doch der Erste, den ich in den Pantoffel bekomme. Wer soll denn vor Dir Respect haben!«

Sie befanden sich bereits unterwegs. Er blieb stehen, stemmte die Hände in die Seiten und sagte:

»Jetzt hört Alles auf! Ich habe mich mit dem grauen Bären herumgebalgt, den Büffel gejagt und mich mit allen möglichen Wilden herumgehauen; ich habe mich mit sibirischen Majors und Kreishauptmännern herumgezankt und bin stets siegreich gewesen, und jetzt, jetzt - - -«

»Jetzt bist Du still! Verstanden!« fiel sie ein.

»Ja doch, ja! Aus Liebe, aus reiner Liebe!«

»Natürlich! Das will ich mir auch ausgebeten haben! Hast Du denn schon ein Logis für mich?«

»Ja. Da drüben auf dem Meierhofe.«


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»Dort? So weit?«

»Es ist nur eine halbe Stunde von der Stadt.«

»Nur! Wo wohnst denn Du?«

»Dort, am andern Ende.«

»So weit von mir! Was soll ich denn eigentlich da draußen?«

»Dich erholen, Herz.«

»Von was?«

»Vom Wiedersehen. Das hat mich so sehr angegriffen, daß Du Dich erholen mußt, weil ich keine Zeit dazu habe.«

»Du bist und bleibst Eulenspiegel!«

»Mag sein; aber ich meine es gut.«

»Davon sehe ich nichts. Du kannst mich nicht sehr lieb haben, da Du mich so weit aus der Stadt verbannst.«

»Gustel, schmolle nicht! Es geschieht aus dem allerbesten Grunde. Ich will Dir eine große Freude machen.«

»Ists wahr?«

»Das versteht sich.«

»Welche denn?«

»Du wirst neben einem so richtigen Leib- und Hauptspitzbuben wohnen.«

»Das ist die Freude?«

»Ja.«

»Ich danke!«

»Höre erst weiter. Ich habe Dir doch von dem Derwisch Osman erzählt - - -?«

»Ich kenne ihn. Ich habe ihn ja am Silbersee gesehen, wo er sich aber anders nannte.«

»Du, den haben wir!«

»Ah! Wo denn?«

»Bei der Parabel.«

»Unsinn! Mit Dir ist wirklich kein verständiges Wort zu reden.«

»Weil ich vor lauter Glück über Dich gleich närrisch werden möchte.«

»Viel fehlt nicht, so bist Du es schon!«

»Drum eben mußt Du mir Verschiedenes zu Gute halten. Also diesen Derwisch haben wir endlich. Er ist hier gefangen. Er wird aber wieder ausreißen, und dann sollst Du neben seiner Stube wohnen.«

»Sam, Du bist doch ganz confus!«

»Das glaube wer will, ich aber nicht.«

»So höre doch nur! Er ist hier gefangen; er wird aber ausreißen, und nachher soll ich neben seiner Stube wohnen! Ist das nicht das verrückteste Zeug, was ein Menschenkind nur reden kann!«

»Es ist die allergescheidteste Rede, die ich jemals gethan habe. Höre mich nur an!«

Indem sie Arm in Arm langsam vorwärts schritten, erzählte und erklärte er ihr die Vorkommnisse der letzten Zeit.


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Sie hing mit ihrem Blicke an seinen Augen. Er erzählte so schlicht und einfach, und doch hörte ihr Scharfsinn aus Allem heraus, daß eigentlich er der Hauptheld gewesen sei, er, der einfache, anspruchslose Mann.

Ihr Herz schwellte vor Stolz. Sie dachte an ihre Jugendzeit, da sie diesen braven Menschen verschmäht und hinausgetrieben hatte in die weite Welt. Sie fühlte ganz und gar jugendlich. Sie war voller Liebe, Reue und Schmerz, und als er geendet hatte, legte sie die Arme um ihn, drängte ihren Kopf an sein Herz und weinte laut auf.

»Gustel, Auguste!« rief er erschrocken. »Was ist denn das? Ist das der Lachkrampf oder die Maulsperre? Ich kenne das nicht.«

Da riß sie sich von ihm los, stemmte die Arme in die Seiten und brach mitten unter bittern Thränen in ein schallendes Gelächter aus, in welches Sam aus allen Kräften mit einstimmte.

So standen sie eine ganze Weile lachend mitten im freien Felde, und wenn eins aufgehört hatte, so fing das Andre wieder von vorn an.

Sam blieb eben bei seiner Eigenart; er faßte Alles von einer Seite an, wo ein Anderer keine Handhabe gefunden hätte. Er liebte nicht die übermäßige Sentimentalität und hatte den Schmerzensausbruch der Braut auf seine radicale Weise sofort zum Schweigen gebracht.

Dann, als das Gelächter endlich verstummt war, erklärte er Augusten, was von ihr gefordert werde.

»Willst Du es thun?« fragte er.

Sie schwieg.

»Oder fürchtest Du Dich vor dem Kerl?«

»Fürchten? Fällt mir nicht ein.«

»Ich gebe Dir für alle Fälle einen Revolver. Du hast ja drüben in Amerika gelernt, eine solche Waffe ganz vortrefflich zu gebrauchen.«

»Ich fürchte mich vor diesem Menschen auch ohne Revolver nicht; aber da man nicht weiß, was unerwartet geschehen kann, ist es allerdings besser; wenn ich einen Revolver habe.«

»Also Du stimmst bei?«

»Ja.«

»Ich glaubte, Du hättest keine Lust, weil Du nicht antwortetest.«

»Ich überlegte nur, ob er mich nicht noch von drüben her kennen würde.«

»O nein. Er hat Dich ja nur ganz vorübergehend gesehen.«

»Wann kommt Steinbach?«

»Uebermorgen. Vielleicht morgen schon.«

»Wäre es da nicht besser, Ihr wartetet bis er kommt? Er hat wohl am Ende andere Ansichten als Ihr.«

»Nein, gewiß nicht. Ich kenne ihn zu genau. Die Ereignisse drängen. Sie würden uns aus der Hand schlüpfen, wenn wir warten wollten, bis Steinbach kommt. Also fürchte Dich vor dem Kerl nicht. Ich kann freilich nicht nach dem Meierhofe kommen, da der Derwisch sogleich Verdacht schöpfen


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würde, wenn er mich erblickte. Wo wir wohnen, weißt Du nun. Kommt Etwas vor, was wir schnell wissen müssen, so schickst Du uns einen Boten.«

»Wen denn?«

»Du wirst wohl einen Bediensteten kennen lernen, dem Du so Etwas anvertrauen kannst, und magst Dich übrigens auch getrost an die Meierin wenden.«

»Ist sie eingeweiht?«

»Nein. Sie weiß nicht, daß sie eine verkleidete Mannsperson beherbergen wird. Sie weiß aber, daß sie Dir vertrauen darf. Wenn Du Deine Sache gut machst, bereite ich Dir zum Lohne eine Ueberraschung, die gar nicht größer sein kann.«

»Was ists denn?«

»Ich habe Dir Etwas aus Sibirien mitgebracht.«

»Was?«

»Das darf ich eben nicht sagen, sonst ist es mit der Ueberraschung aus.«

»Hm! Soll ich rathen?«

»Meineswegen.«

»Einen Zobelpelz.«

»Nein. Das wäre schade um das viele Geld.«

»O, Du bist ja reich!«

»Diese Pelze sind nur für Fürstlichkeiten. Für Dich genügt ein Filzrock für elf Mark.«

»Sam! Und da hast Du mich lieb?«

»Gustel, willst Du eitel werden?«

»Nein. Du hast Recht. Aber was soll ich nun weiter rathen?«

»Ach, sei still! Wenn Du so weiter fragst, bekommst Du es am Ende doch noch heraus, und das soll doch nicht sein, sonst fällt mir die ganze Freude in den Brunnen. Laß uns lieber nach der Meierei gehen. Die haben uns eine ganze Stunde lang hier auf dem Felde stehen sehen und werden gar nicht wissen, was sie von uns halten sollen.«

Sie waren wirklich bemerkt worden, und zwar auch von der Meierin selbst. Als diese den dicken Sam erblickte, ahnte sie, daß er Derjenige sei, den sie zu erwarten habe.

Sein volles, joviales Gesicht gefiel ihr sofort, und als sie dann Augusten in das Auge blickte, war ihr diese auch sofort sympathisch.

»Grüß Gott, dicke Frau!« sagte Sam. »Wie geht es mit dem Athem?«

Sie war nämlich fast ebenso dick wie er. Sie lachte über den sonderbaren Gruß und antwortete sofort:

»Danke schön! Wenn ich den Ihrigen noch mit habe, blase ich die Welt über den Haufen.«

»Das hört man gern. Der Athem ist die Hauptsache; denn wenn der aufhört, nachher ist auch alles Andre aus. Ist die Ernte gut ausgefallen?«

»Wir sind zufrieden.«


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»Freut mich, denn ich möchte Ihnen meine Herzallerliebste da in die Kost geben.«

»Bedarf die Dame so viel, daß Sie sich gleich nach der Ernte erkundigen?«

»Weiß nicht. Warten wir es ab. Ich thue es nur zur Probe. Brauchen Sie zu viel für sie, heirathe ich mir eine Andere.«

»Sam!« rief Auguste vorwurfsvoll.

»Schon gut, Herzchen! Weißt schon, daß es ohne Dummheit bei mir nicht abgeht. Also, grad heraus gesagt, könnte ich für diese Dame hier bei Ihnen eine Wohnung bekommen?«

»Ist Ihr Name Barth?«

»Ja.«

»Dann steht die Wohnung bereit.«

»Ich bin also angemeldet. Sehr gut. Aber wissen Sie, eine gewisse Person darf nicht erfahren, daß ich hier gewesen bin.«

»Weiß schon und werde schweigen. Wollen Sie sich die Zimmer ansehen?«

»Wird wohl nicht nöthig sein. Ich weiß, daß man bei Ihnen gut aufgehoben ist. Sagen Sie uns lieber den Preis!«

»Von dem Preise reden wir, wenn Sie ausziehen. Kommen Sie nur. Sie müssen sich unbedingt umschauen.«

Das war freilich ein ganz anderes Verhalten als dem Agenten gegenüber. Es war ihr anzusehen, daß ihr die jetzigen Zwei willkommen waren. Sie mußten mit ihr in das Haus.

Auguste blieb gleich da wohnen. Ein Knecht wurde nach dem Bahnhofe geschickt, um ihre Effecten zu holen. Dann kehrte Sam allein nach der Stadt zurück.

Kurz vor derselben promenirte der Polizist auf und ab. Als er Sam erblickte, winkte er ihn seitwärts und meldete:

»Man soll uns Beide nicht beisammen sehen, darum habe ich Sie hier vor der Stadt erwartet, da ich wußte, daß Sie auf der Meierei seien.«

»Ist denn Etwas geschehen?«

»Freilich!«

»Wohl etwas Wichtiges?«

»Ja. Es ist ein neuer Plan besprochen worden.«

»Alle Teufel! Ohne mich?«

»Man hofft, daß Sie demselben Ihre Zustimmung geben.«

»Den Teufel werde ich! Aber zustimmen nicht!«

»Hören Sie nur erst, was man beschlossen hat!«

»Nichts brauche ich zu hören. Wer ohne mich beschließt, mag auch ohne mich handeln; ich aber thue auch was ich will.«

»Ich glaube, Sie sind zornig!«

»Natürlich! Wundert Sie das?«

»Eigentlich, ja.«


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»So! Man ändert meine Bestimmungen um, ohne mich nur um ein Wort zu fragen, und wenn ich darüber zornig werde, so wundern Sie sich noch? Das ist sehr gut!«

Er war wirklich aufgeregt. Das sah man ihm an.

»Beruhigen Sie sich nur,« bat der Polizist. »Geändert ist nicht sehr viel daran. Es hat sich Etwas zugetragen, was eine sofortige Besprechung verlangte, und da Sie nicht zu Handen waren, so mußte man sich ohne Sie behelfen. Eine Mißachtung gegen Sie aber hat nicht vorgelegen.«

»So! Was ist denn geschehen?«

»Sie haben doch meine Schwester auf dem Bahnhofe aussteigen sehen?

»Ja.«

»Der Plan ist gelungen. Sie hat den Agenten in der Residenz beobachtet und ist mit ihm in demselben Coupee gefahren. Die Hauptsache aber ist, daß er sich sterblich in sie verliebt hat.«

»Das ist ihm nicht zu verdenken, denn sie ist ein sehr hübsches Mädchen, fast ebenso hübsch wie meine Auguste.«

»O bitte!« lächelte der Polizist. »Sie hat sich gestellt, als ob sie Normanns Feindin sei.«

»Sehr klug.«

»Da hat er ein solches Vertrauen zu ihr gefaßt, daß er sie als Verbündete engagirt hat.«

»Sapperment!«

»Ist das nicht wichtig?«

»Außerordentlich!«

»Er will ihr Alles erzählen.«

»Der Esel.«

»Sie soll ihm helfen.«

»Der Dummkopf.«

»Jedenfalls erfahren wir nun die Details von den Plänen, welche die Kerls ausführen wollen.«

»Natürlich, nämlich wenn Ihre Schwester auch fernerhin so klug handelt wie bisher.«

»O haben Sie um diese keine Sorge. Die ist schlauer, als ich es bin. Sie hat mich schon oft ausgestochen.«

»Also was ist denn nun beschlossen worden?«

»Verschiedenes. Ich möchte nicht lange hier stehen, damit man uns nicht sieht, und habe auch noch Anderes vor. Wollen Sie nicht zu Normann's gehen? Man wartet auf Sie.«

»Der Agent sieht mich ja hineingehen.«

»Der Eingang ist ja von der anderen Seite, und am Tage kann er sich doch nicht einstellen und vor aller Augen aufpassen, wer beim Nachbar ein- und ausgeht.«

»Das ist richtig. Also zu Normanns. Adieu!«


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Sam begab sich zu dem Maler. Er brauchte keine Sorge zu haben, von dem Agenten beobachtet zu werden. Dieser hatte ganz Anderes zu thun.

Als er von der Meierei zurückgekehrt war, hatte er geglaubt, Lina daheim zu finden; aber sie war nicht da, und die Wittwe meldete, daß sie zu Normanns sei, um die Ankunftsvisite zu machen.

Nun, diese Visite konnte doch keine Ewigkeit währen!

Aber sie dauerte dennoch lang, denn nach dem, was man von Lina erfuhr, war eine eingehende Berathung nothwendig gewesen, zu welcher sogar der Schloßverwalter, der Kastellan gezogen wurde.

Die Folgen dieser Berathung sollte der Agent sehr bald an sich erfahren, aber ohne es zu ahnen. Er lag im offenen Fenster, blickte hinaus, rauchte dazu eine Cigarre und wartete mit Ungeduld auf Lina's Rückkehr. Er mußte ihr Kommen von diesem Fenster aus bemerken.

Endlich, endlich kam sie.

Sie that, als ob sie ihn gar nicht bemerkte; aber unter seinem Fenster blieb sie stehen, blickte mit einem vollen, sonnigen Lächeln zu ihm empor und fragte:

»Auf mich gewartet?«

»Mit Schmerzen.«

»Konnte nicht eher.«

»Wann sehen wir uns?«

»Wohl bald?«

»Ich bitte darum!«

»Soll ich zu Ihnen?«

»Wenn es möglich ist, ja.«

»Gut, baldigst.«

Sie trat unten ein, und er schloß sein Fenster und zog sich in die Stube zurück.

Es war ihm so fremdartig zu Muthe. Es wirbelte ihm im Kopfe, als ob er zu viel Wein oder zu heißen Grog getrunken hätte.

»Ist das Liebe?« fragte er sich.

Aber er zögerte mit der Antwort. Er befühlte seinen Puls. Er besah sich im Spiegel. Er schüttelte den Kopf und brach endlich in den Ruf aus:

»Himmeldonnerwetter! Ich bin verliebt, vollständig vernarrt in diese Lina!«

Er schritt nachdenklich hin und her, blieb dann plötzlich stehen und fragte:

»Ob sie aber auch mir gut ist? Allemal! Das geht ja aus ihrem Verhalten hervor. Sie liebt mich auch!«

Da erscholl es kichernd hinter ihm:

»So heirathen Sie sie doch!«

Er fuhr erschrocken herum. Lina stand vor ihm. Sie hatte - ohne anzuklopfen, natürlich aus Absicht - leise die Thür geöffnet und war eingetreten, ohne von ihm bemerkt zu werden.

»Alle Wetter!« rief er. »Sie da!«


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»Wie Sie sehen. Sie riefen mich ja herauf.«

Er sah halb verlegen und halb zornig aus. Der Zorn, überrascht worden zu sein, behielt schließlich die Oberhand.

»Haben Sie geklopft?« fragte er.

»Natürlich.«

»Und die Thür geöffnet, ohne daß ich antwortete!«

Da verflog ihr Lächeln und ihre Züge wurden ernst.

»Herr Polizeirath, erlauben Sie, daß nun ich Sie einmal frage! Haben Sie zu mir gesagt, daß ich herauf kommen soll?«

»Ja.«

»Haben Sie mein Klopfen gehört?«

»Nein.«

»Weil Sie laut redeten. Weil ich aber Ihre Stimme hörte, glaubte ich, der Ruf gelte mir und Sie hätten mein Klopfen gehört. Trage da etwa ich eine Schuld?«

»Nein.«

»Anstatt von Ihnen höflich empfangen zu werden, brüllen Sie hier, daß Sie auch geliebt werden. Bin ich vielleicht daran schuld? Gewiß nicht. Und doch fahren Sie mich zornig an wie ein Schulmädchen, welches eine Dummheit begangen hat. Das bin ich freilich nicht gewöhnt. Es ist nicht gut, wenn man als Dame Herrenbesuch macht. Das sehe ich jetzt ein. Adieu!«

Sie wollte nach der Thür. Er aber eilte herbei, ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

»Lina, wollen Sie -«

»Bitte!« unterbrach sie ihn. »Ich heiße nur für Verwandte Lina, nicht aber für unhöfliche Leute. Mein Familienname ist derjenige meiner Tante, also Berthold!«

Er fuhr förmlich zurück bei dem Tone, in welchem ihm diese Berichtigung zu Theil wurde.

»Fräulein Berthold!« rief er vorwurfsvoll.

»Herr Polizeiinspector!«

»Warum mir diese Kränkung?«

»Kränkung? Wieso?«

»Ich durfte Sie doch vorher Lina nennen.«

»Davon weiß ich nichts! Habe ich Ihnen meine Erlaubniß gegeben?«

»Allerdings nicht.«

»Sie scheinen also zu träumen und sich im Traume Dinge einzubilden, welche gar nicht vorhanden sind. Daß Sie im Traume sogar sprechen, habe ich soeben gehört. Sie sprachen davon, daß Sie geliebt werden.«

Er wurde roth vor Scham. Sie mußte ja ahnen, daß er sie gemeint hatte. Um wenigstens eine Ausrede zu probiren, sagte er in etwas kräftigerem Tone:

»Wollen Sie mich beleidigen? Ich bin nämlich Dichter-«


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»Ach, Dichter?«

»Ja!!!«

»Wie aber hängt das mit unserm Thema zusammen?«

»Sehr innig. Der Dichter muß nämlich hören, was er dichtet. Darum sagt er es sich laut her.«

»Aber was ich Sie sagen hörte, reimte sich ja gar nicht!«

»Das schadet nichts. Der Reim kommt später hinan, wenn die Zeilen zerschnitten worden sind und paarweise zusammengesetzt werden.«

Es kostete ihr unendliche Mühe, ernsthaft zu bleiben. Der Reim kommt hinan - die Zeilen werden zerschnitten - das war ja eine Ausdrucksweise, aus welcher sich der unumstößliche Beweis ziehen ließ, daß der Agent von der Dichtkunst aber auch nicht das Allermindeste verstand.

»So, so!« nickte sie nachdenklich.

»Welchen Stoff haben Sie denn bearbeitet?«

»Die Untreue der Venus.«

»Ach so. Wem wurde sie denn untreu?«

»Natürlich ihrem Manne, dem Vulkan.«

»Davon habe ich noch gar nichts gehört. Hat er sich scheiden lassen?«

»Nein. Das segensreiche Institut der Ehescheidung war damals noch nicht vorhanden. Er wird ihr also verziehen haben, nachdem er ihr unter vier Augen einige intime Erklärungen gegeben hat.«

»Ich bitte dringend, das Gedicht lesen zu dürfen, sobald Sie den letzten Reim hinangemacht haben.«

»Sehr wohl! Wird mir ein Vergnügen sein, zu beweisen, daß nicht nur Schiller gedichtet hat.«

»O, der Beweis ist schon längst erbracht. Es dichteten auch noch einige andere Menschen außer ihm, zum Beispiel ein gewisser Goethe, ein sogenannter Dante, ein Petrarca und Andere.«

»Ja, ja, das sind aber vergangene Dichter, verschwundene Größen. Die Gegenwart ist die Hauptsache. Doch, das gehört nicht hierher. Wir haben Anderes zu thun. Vor allen Dingen sagen Sie mir, ob Sie mir verziehen haben?«

»Ich sollte eigentlich nicht!«

»Warum nicht?«

»Wer gegen eine Dame so ungezogen sein kann, der verdient keine Nachsicht.«

»Es war, in der Ekstase der Dichtkunst!«

»So, dann mag es für diesmal noch verziehen sein. Ein anderes Mal aber wird es keine Gnade geben.«

»Ich bin wirklich ganz und gar untröstlich. Es war gar nicht so gemeint. Aber, wollen Sie sich nicht setzen.«

Er führte sie zum Sopha, auf welchem sie in leichter, graziöser Haltung Platz nahm; er selbst setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe.


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»Also Sie waren bei Normann's,« begann er. »Wie wurden Sie empfangen?

»Sehr freundlich, man wollte mich gar nicht sobald wieder fort lassen. Hätte ich nicht gewußt, daß Sie warteten, so wäre ich noch länger geblieben!«

»A propos, weiß Ihre Tante, daß Sie wieder heim sind?«

»Ja.«

»Und wohl auch, daß Sie sich bei mir befinden?«

»Allerdings.«

»Sapperment! Was sagt sie dazu?«

»Was soll sie dazu sagen?«

Das klang so erstaunt, daß der Agent noch viel erstaunter meinte:

»So betrachtet Sie das Leben wohl idyllisch?«

»Natürlich.«

»Ach so! Sonst ist es jungen Damen von alten Tanten verboten, unverheirathete Herren zu besuchen.«

»Pah! Sie sind Wittwer, und meine Tante achtet Sie. Bei Ihnen droht keinem Mädchen irgend eine Gefahr.«

Das war wieder kein Compliment für ihn. Darum begann er sogleich:

»Sprechen wir lieber von Normann's. Was haben Sie erfahren?«

»Daß sie sich wohl befinden.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Sie müssen aber doch in dieser langen Zeit über irgend Etwas gesprochen haben?«

»Ganz richtig!«

»Was war das?«

»Verschiedenes! Politik, Weltgeschichte, Saat und Ernte und Anderes auch!«

»Ich glaubte, werthvollere Dinge zu hören. Sie hätten fragen sollen!«

»Wegen der Polygamie?«

»Ja.«

»Was denken Sie! Kann ich so mit der Thür in's Haus fallen? Ich hätte mich ja sogleich verrathen.«

»Das ist richtig. Man hätte Ihnen vielleicht niemals wieder Etwas mitgetheilt.«

»Also habe ich geschwiegen. Ich werde ja öfter wieder hinüber gehen, und da erfahre ich jedenfalls Etwas. Vielleicht habe ich auch heut noch irgend Etwas gehört, es aber einstweilen vergessen. Es fällt mir aber wohl wieder ein, wenn wir nur hübsch bei diesem Gegenstande bleiben. Sie wollten mir ja noch viel mehr erzählen, wurden aber unterbrochen, da wir an dem Bahnhofe ankamen.«

»Nicht, daß ich wüßte!«


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Er sagte das in sehr gleichgiltigem Tone. Sie aber ließ sich nicht irre machen.

»Leugnen Sie nicht! Sie mußten noch ganz Außerordentliches in petto haben, nach der Art und Weise, wie Sie sich ausdrückten.«

»Hm, vielleicht.«

»Von einem Vielleicht kann da gar keine Rede sein. Oder haben Sie ganz plötzlich Ihr Vertrauen zu mir verloren?«

»Nein, gewiß nicht. Aber im Coupee befand ich mich unter dem ersten Eindrucke Ihrer Persönlichkeit. Ich war wie berauscht.«

»Und jetzt sind Sie ernüchtert?«

»Nein, das will ich nicht sagen. Aber ich empfinde nicht nur, sondern ich denke auch.«

»Und was denken Sie?«

»Daß ich vielleicht doch unvorsichtig gewesen bin.«

»So! Sie meinen zu aufrichtig gegen mich gewesen zu sein?«

»Ja.«

»Nicht, daß ich wüßte. Was Sie mir gesagt haben, ist wohl längst schon vergessen, und was davon etwa noch vorhanden ist, das will ich zu vergessen suchen. Dann ist's grad so gut, als ob Sie mir nichts gesagt hätten!«

»Das sagen Sie. Aber solche Sachen lassen sich nicht vergessen.«

»Sehr leicht sogar. Man muß nur an Etwas denken, was interessanter ist.«

»Sind Sie so unbeständig?«

»Unbeständig? O nein. Ich lasse nur das fallen, was ich mir nicht merken will.«

»Ebenso leicht vermögen Sie wohl auch einen Menschen zu vergessen?«

»Warum nicht. Wenn er beginnt, fade zu werden, denke ich nicht mehr an ihn.«

»Ah, dann muß ich mich hüten, fade zu sein.«

»Wenn, Sie wollen, daß ich mich in Gedanken mit Ihnen beschäftigen soll, ja!«

»Das aber ist eben Unbeständigkeit.«

»O nein. Wenn ich gestern Kartoffeln aß und nun heut eine andere Speise habe, so ist das nicht Unbeständigkeit, sondern die Abwechslung, welche die Natur erfordert. Wenn ich eines Menschen überdrüssig werde, suche ich mir einen interessanteren. Das ist Naturgesetz.«

»Wo bleibt da die Treue in der Liebe?«

»Wer spricht denn von Liebe?«

»Sie doch!«

»Sie träumen oder - dichten wieder. Sie sprechen von der Unbeständigkeit im Allgemeinen. In der Liebe versteht sich die Treue ganz von selbst.«

»Ach so! Sie würden also ihrem Manne treu bleiben, selbst wenn er fade würde?«


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»Selbstverständlich.«

»Das ist eine hohe Tugend!«

»Pflicht ist keine Tugend. Aber wir kommen wieder von unserem Thema ab. Oder wollen wir es lieber fallen lassen?«

»Ja.«

»Gut, wie Sie wünschen. Freilich kam ich zu Ihnen, weil ich glaubte, Sie wollten mir die versprochenen Mittheilungen machen. Da dieselben unterbleiben, so ist meine Gegenwart unnütz.«

Sie erhob sich vom Sopha. Aber schon stand er vor ihr und vertrat ihr den Weg.

»Fräulein, so war es nicht gemeint. Zu Mittheilungen, wie Sie verlangen, gehört ein ganz beispielloses Vertrauen. Wenn Sie es mißbrauchten, wäre meine ganze Existenz vernichtet.«

»Halten Sie mich für so eine Harpye?«

»Nein. Aber beweisen Sie mir, daß Sie wirklich Normann's Feindin sind.«

»Das kann ich Ihnen ja nicht beweisen.«

»O doch!«

»Nur dann, wenn Sie mir Vertrauen schenken. Dann helfe ich Ihnen gegen Normann's.«

»Schon vorher können Sie es beweisen.«

»Wodurch?«

»Dadurch, daß Sie mir sagen, wodurch Normann Sie so schwer beleidigte.«

»Das - das soll ich sagen?«

»Ja.«

»Fast unmöglich!«

»Fällt es Ihnen so schwer?«

»Schwerer als Sie denken.«

Sie trat an das Fenster und blickte sinnend hinaus. Er sah ihren vollen Busen auf und nieder wogen. Es mußten stürmische Gefühle sein, welche ihn bewegten. Dann wendete sie sich mit einem raschen Ruck zurück und sagte:

»Wohlan, ich will aufrichtig sein. Es fällt auf mich ja kein Schimmer eines falschen Lichtes, denn ich bin nicht Schuld daran.«

Er setzte sich wieder nieder und sagte:

»Was werde ich hören?«

»Nichts weiter, als das alte Lied - und wem es just passiret, dem bricht das Herz entzwei.«

»Ach, Untreue?«

»Ja, ich will es Ihnen nur gestehen, ich war Normann's Braut.«

»Seine Braut waren Sie? Seine Braut?«

»Leider!«

»Der Schändliche.«

»Dieses Wort ist noch viel zu wenig. Ich kann nichts sagen, und ich


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mag nichts sagen, denn es ist eben in Worten nicht auszudrücken. Er reiste nach der Türkei. Als er zurückkehrte brachte er diese beiden Geschöpfe mit. Ich war vergessen.«

»So müssen Sie doch wissen, daß sie Türkinnen sind!«

»Nein. Er gab sie für Deutschösterreicherinnen aus.«

»Der Lügner. Ich weiß ganz genau, woher er sie hat!«

»Das muß ich erfahren, damit ich es ihm in das Gesicht schleudern kann!«

Sie ballte die Hände und knirrschte mit den Zähnen. Er aber fragte:

»Sie hatten sich nichts zu Schulden kommen lassen?«

»Gehen Sie hinüber und fragen Sie ihn. Er wird sagen, daß ich rein und frei von jeder Schuld sei!«

»Desto schändlicher!«

»Er sagte, seine Liebe sei erloschen, daher halte er es für gerathen, daß wir uns trennen möchten.«

»Schändlich! Und doch besuchen Sie ihn?«

»Ihn? Was fällt Ihnen ein?«

»Sie gehen ja hinüber!«

»Nicht zu ihm, sondern zu den beiden Frauen, welche nicht wissen, daß ich seine Braut war.«

»Ach so!«

»Und, ahnen Sie nicht, warum ich diese Besuche trotz alledem fortsetze?«

»Nun?«

»Weil sich endlich doch einmal die Gelegenheit zur Rache finden könnte, ach, Rache!«

Sie ging in der Stube auf und ab. Ihre Erregung war ungeheuer. Das sah er ihr an. Aber ihre Aufregung erhöhte ihre Schönheit um das Doppelte.

»Fräulein,« rief er aus, »ist es wirklich Ihr Wunsch, sich zu rächen?«

»Sie fragen noch!«

»Ja, ich frage noch. Das weibliche Herz ist ein sonderbares, schwaches Ding. Heut will es sich rächen, und morgen blutet es vor Erbarmen.«

»Das meinige nicht.«

Sie spielte die Zornige ausgezeichnet.

»Fräulein,« rief er aus. »Wissen Sie, durch wen Sie Rache finden können?«

»Nun, doch nur durch Sie.«

»Ja, nur durch mich. Ich habe Ihnen gesagt, daß Tschita und Zykyma entführt worden seien?«

»Das sagten Sie.«

»Nun, der Türke, der Mann dieser Beiden ist da!«

»Ah! Unmöglich.«

»O, ganz gewiß.«


// 2464 //

»Ein Türke hier? Den muß ich sehen!«

»Sie werden ihn nicht erkennen. Er geht europäisch gekleidet.«

»Trägt er auch einen europäischen Namen?«

»Er heißt einfach Abraham und sagt, er sei Bankier in Kairo.«

»Tschita und Zykyma wurden aber doch in Constantinopel geraubt!«

»Ganz recht. Mir scheint, er hat einen falschen Namen angenommen, um die Beiden nicht aufmerksam zu machen.«

»Leicht begreiflich. Wie lautet denn der wirkliche Name?«

»Wer weiß es! Die beiden Türkinnen müssen es wissen.«

»Was aber will er hier?«

»Er will ganz dasselbe wie Sie, Rache.«

»Das mag er bleiben lassen!«

»Warum?«

»Hier ist er ohnmächtig.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Oder was könnte er thun?«

»Vielerlei!«

»Pah, vielerlei. Was denn? Etwa Normann verklagen wegen der Entführung?

»Das wäre unnütz.«

»Was sonst? Ihn niederschießen? Das wäre ein Mord, der bestraft wird.«

»Ein Mord, nein, das nicht. Aber wie nun, wenn er sich seine beiden Frauen wieder holte?«

Lina fuhr empor.

»Alle tausend Teufel! Das, ja das ist ein Gedanke!« rief sie aus.

»Nicht wahr?«

»Das wäre der Rede werth!«

»Ein kühner und köstlicher Gedanke!«

»Und eine herrliche Rache!«

»Aber schwer auszuführen!«

»Schwer? Wieso?«

»Wie sind die beiden Weiber fortzubringen?«

»Wohin sollen sie?«

»Nach der Türkei.«

»So weit, ah, so weit! Dann kann Normann, der Ungetreue, sie nicht wieder bekommen!«

»Nicht wieder sehen würde er sie.«

»Welche Rache, welche Strafe für ihn und für sie! Dieser kostbare Gedanke wird mich nicht schlafen lassen.«

»Ja, auch mir raubt er die Ruhe.«

»Ihnen? Warum?«

»Weil ich über seine Ausführung nachdenke und doch das Richtige nicht treffen kann.«


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»Weil Sie ein Mann sind.«

»Glauben Sie, daß Sie weiter kommen würden?«

»Gewiß.«

»Auf welche Weise?«

»Auf die leichteste von der Welt. Sind Sie denn mit dem Türken bekannt?«

»Sogar befreundet, so befreundet, daß er erwartet, ich werde ihm bei Ausführung seiner Rache helfen.«

»Thun Sie das, thun Sie das! Ach, wenn auch ich helfen dürfte!«

»Wollen Sie denn?«

»Wie gern, wie gern! Das wäre ja eben meine Rache.«

»Nun, so helfen Sie doch!«

»Das sagen Sie; aber ob der Türke damit einverstanden ist, das fragt sich.«

»Sofort, sofort! Ich brauche es ihm ja nur zu sagen.«

»So sagen Sie es ihm! Aber schnell, denn es ist Gefahr im Verzuge.«

»Wieso denn?«

»Es sind Dinge passirt, welche die Rache des Türken unmöglich machen und ihn sogar in Gefahr bringen können.«

»Vorhin sagten Sie, daß Sie nichts wüßten?«

»Ich hatte es vergessen, und ich wußte ja auch nicht, daß dies damit zusammenhängt.«

»Was ist es denn?«

»Verschiedenes. Ich will - -«

Sie wurde unterbrochen. Es klopfte. Als der Agent öffnete, stand das Dienstmädchen draußen und meldete:

»Dieser Brief wurde abgegeben.«

»Von wem?«

»Durch einen Kofferträger.«

Sie entfernte sich.

Der Agent betrachtete kopfschüttelnd das Papier, die Schrift und das Siegel. Das Erstere war ein zusammengelegter Vierteltheil eines Conceptbogen. Die Schrift stammte jedenfalls von einer sehr ungeübten Hand, war aber orthographisch richtig abgefaßt. Und das Siegel war mit einem sehr großen Aufwande von Packlack hergestellt; als Petschaft hatte man einen alten, nicht mehr giltigen großen Kupferfünfpfenniger gebraucht.

Die Adresse lautete:

»Herrn Polizei-Inspector Schubert,
                                                       hier.«

Die Adresse war also richtig. Der Brief galt ihm. Er öffnete und las:

     »Sehr geehrter Herr!
Soeben erfahre ich genau, wann es mir möglich sein wird, Ihren Wunsch zu erfüllen. Um sieben Uhr wird es dunkel. Kommen Sie halb


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acht an das Pförtchen; da wird der Mann herauskommen. Aber bringen Sie ja den bewußten Wechsel mit, sonst lasse ich ihn nicht los.
     Der Betreffende.

Postscriptum: Verbrennen Sie diesen Brief, damit er nicht zum Verräther werden kann; das wäre sehr schlimm!

Also vom Schließer kam der Brief. Das war ja eine sehr gute Nachricht! Der Agent war so sorgfältig, daß er sofort ein Streichholz nahm, den Brief anbrannte und in den Ofen steckte, und er selbst blieb dabei kauern, bis er sich überzeugt hatte, daß nur noch die dunkle Asche vorhanden war. Auch diese blies er zu Staub auseinander.

Er ahnte freilich nicht, daß seine Feinde den Inhalt dieses Briefes ebenso gut kannten wie er. Er war verfaßt worden als eine Folge der veränderten Disposition, welche getroffen worden war.

»So!« sagte er. »Wieder Etwas weg von der Welt, was nicht in sie gehört.«

»Ein Geheimniß?« fragte Lina.

»Ja.«

»Auch für mich ein solches?«

»Na, Ihnen kann ich es anvertrauen, da es sich auf unsere Angelegenheit bezieht.«

»So! Deutlicher können Sie es mir nicht sagen?«

»Nein. Jetzt noch nicht. Erst muß ich Thaten von Ihnen gesehen haben; dann werden Sie mein volles Vertrauen besitzen.«

»Also immer noch Mißtrauen?«

»Nein. Ich bin der Zuversicht, daß Sie es ehrlich meinen; aber ich bin gezwungen, vorsichtig zu sein. Wenn es sich nur um mich handelte, so würde ich ohne Rückhalt zu Ihnen sprechen.«

»Gut! Handeln Sie, wie Sie wollen; ich werde auch thun, was mir beliebt.«

»Das klingt ja wie eine kleine Drohung.«

»O nein. Es muß nur ein Jeder das Recht haben, nach seiner eigenen Weise vorsichtig zu sein.«

»Sie sind doch eine kleine Teufelin!«

»Gewiß nicht. Aber wenn Sie das Recht besitzen, geheimnißvoll gegen mich zu sein, nehme ich dasselbe Recht natürlich auch für mich in Anspruch. Wie Ihnen von mir Gefahr drohen kann, so ist es auch möglich, daß Sie mir gefährlich werden können. Also noch einmal: Gleiche Brüder, gleiche Kappen!«

»Meinetwegen! Wenn Sie nicht anders wollen! Nun aber sagen Sie mir, was Sie drüben noch erfahren haben!«

»Eben das werde ich nun nicht sagen.«

»Sapperment! Das ist ja gerade die Hauptsache!«

»Freilich.«

»Und ich muß es also wissen!«

»Müssen Sie? Das thut mir leid.«


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»Sie dürfen doch nicht so hart sein!«

»Gerade so hart wie Sie. Aber ich will Ihnen wenigstens zeigen, daß ich doch noch ein besseres Herz besitze als Sie. Ich werde Ihnen nur einige kleine Andeutungen geben: Es sind Personen angekommen, für welche sich der Türke höchlichst interessiren wird. Es sind Bekannte von Constantinopel. Wenn sie ihn erblicken, so ist er verloren.«

»Donnerwetter! Sagen Sie doch, wer es ist!«

»Fällt mir nicht ein! Ich werde das nur dem Türken sagen.«

»Warum denn diesem nur?«

»Habe meine Absichten. Sie sehen, daß ich auch meine Heimlichkeiten haben will.«

»Sie sind wirklich nicht gut gegen mich!«

»Und Sie nicht besser gegen mich.«

»Aber indessen kann die Gefahr über uns hereinbrechen!«

»Sehr möglich! Sogar wahrscheinlich!«

»Daran sind Sie schuld! Also reden Sie doch!«

»Dringen Sie nicht in mich. Es würde vergeblich sein. Ich rede nur zu dem Türken.«

»Himmelsakkerment, haben Sie einen harten Kopf! Sie bringen mich ganz aus der Fassung! Ich werde irr und weiß nicht, was ich thun soll.«

»Ein Polizei-Inspector wird irre?«

»Ists bei Ihrem Verhalten ein Wunder? Nehmen Sie doch Verstand an! Sie versetzen mich in eine wahrhaft beängstigende Lage. Was ist geschehen? Reden Sie doch!«

»Kein Wort werde ich sagen, kein einziges! Ich denke, daß es Ihnen nicht schwer sein wird, mir eine Zusammenkunft mit dem Türken zu vermitteln.«

»Es bleibt mir freilich nichts Anderes übrig, als Sie mit dem Pascha zusammen zu bringen. Kennen Sie den Berg rechts von der Stadt, gegenüber dem Schloßberge?«

»Warum sollte ich nicht; er ist ja groß genug.«

»Es befindet sich eine kleine Lichtung oben mit Bänken, von denen aus man eine weite Fernsicht genießt.«

»Ich weiß es. Ich war oft dort oben.«

»Richten Sie es ein, daß Sie in einer Stunde oben sind.«

»Was soll ich dort oben?«

»Ich werde den Pascha mitbringen.«

»So will ich gehen, um mich zum Ausgange vorzubereiten.«

»Und auch ich breche sofort auf.«

Sie ging in ihre Wohnung und paßte auf. Nach kaum fünf Minuten ging der Agent fort, und sie eilte hinüber zu Normanns, um diese von dem Erfolge der Unterredung zu benachrichtigen.

Schubert begab sich nach dem Hauptplatze, an welchem die Morgen- und Abendconcerte stattfinden. Er erblickte den Gesuchten nicht.

Ein langer, hagerer Kerl stand vor einem Baume und las das an den-


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selben geklebte Plakat. Er war ganz in grau gewürfelten Stoff gekleidet und trug auch einen ebensolchen Hut. Ein riesiger Klemmer saß auf seiner kleinen Stulpnase. Dieser Mann, der einem Jeden auffallen mußte, war zweifelsohne ein Engländer.

Der Agent wendete sich ab. Zu anderer Zeit hätte er sich für diesen originellen Fremden interessirt und ihm einige Aufmerksamkeit gewidmet. Jetzt aber war keine Minute dazu vorhanden.

Er ging nach dem Pavillon, in welchem er sich zum ersten Male mit dem Pascha getroffen hatte, und wirklich, da saß derselbe.

Der Türke schien erst vor ganz kurzer Zeit eingetreten zu sein, denn er hatte sein Getränk noch gar nicht angerührt. Als er den Agenten sah, ging ein Zug der Aufmerksamkeit über sein Gesicht.

Schubert schritt langsam an ihm vorüber und sagte dabei leise:

»Schnell hinauf zum Rendezvous! Es giebt Wichtiges zu hören.«

Dann setzte er sich nebenan und verlangte ein Glas Thee. Glücklicher oder vielleicht auch unglücklicher Weise waren nur sehr wenige Gäste vorhanden, deren Aufmerksamkeit sehr bald nach der Thür gezogen wurde. Nämlich der lange Engländer trat ein und schaute sich um.

Als der Pascha ihn erblickte, zuckte er zusammen. Hätte nicht der Vollbart sein ganzes Gesicht bedeckt, so hätte man sehen können, daß er leichenblaß wurde.

Lord Eagle-nest - denn dieser war es - kam langsam näher und setzte sich nieder. Der Pascha wendete sich halb ab, drehte aber nun dem Lord gerade das Profil zu, diejenige Ansicht, bei welcher seine characteristischen Züge viel leichter zu erkennen waren als en face.

Der Lord wurde aufmerksam. Er schlürfte langsam an dem Weine, den er sich hatte geben lassen, und betrachtete den Pascha mit immer wachsendem Erstaunen.

Die anwesenden Gäste bemerkten gar wohl die Energie, mit welcher der Brite den Türken fixirte. Es war klar, daß irgend Etwas erfolgen werde.

Und wirklich, da ließ der Graukarrirte seinen riesigen Klemmer von der Nase fallen, zog eine Karte aus der Tasche, trat an den Tisch des Türken und sagte:

»Mein Herr, hier meine Karte. Bitte um die Ihrige!«

Das war weder höflich noch grob gesprochen, sondern einfach im Tone ruhiger Aufforderung. Der Pascha konnte sich nicht weigern. Er stand ebenfalls auf, zog seine Karte hervor und tauschte dieselbe gegen diejenige des Engländers aus. Der Letztere las:

»Abraham Effendi, Bankier aus Kairo.«

Der Lord schüttelte verächtlich den Kopf und sagte so laut, daß Alle es hörten:

»Haben wir uns nicht einmal gesehen?«

»Vielleicht in Kairo, mein Herr?« antwortete der Türke, der sich alle Mühe gab, ruhig zu erscheinen.


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»O nein, in Kairo nicht, denn dort giebt es gar keinen Bankier Abraham Effendi.«

»Mein Herr!« brauste der Türke auf.

»Schon gut! Ich bin Lord Eagle-nest und bestätige hiermit mit meinem Ehrenworte, daß es in Kairo keinen Bankier dieses Namens giebt. Ihre Karte enthält also eine Lüge.«

»Wollen Sie mich beleidigen!«

»Nein! Lord Eagle-nest kann Sie ebenso wenig beleidigen, wie Sie seine Ehre anzutasten vermögen. Lassen Sie die Absicht fahren, in welcher Sie hierher gekommen sind! Es läuft nicht immer so gut ab wie die früheren Male! Leider darf ich meinen Wein nicht austrinken, da ich nicht Gast sein kann unter einem Dache, unter welchem so ein Kerl wie Sie sind, sitzt.«

Er warf ein Zehnmarkstück auf den Tisch und schlenderte in langsamer Behaglichkeit zur Thür hinaus.

Dieser Auftritt hatte ein ungeheures Aufsehen erregt. Es stand zu erwarten, daß die Kunde davon sich binnen einer Viertelstunde im ganzen Ort verbreitet haben werde.

Die Gäste ließen ihre Augen nicht von dem Pascha, neugierig, was dieser unternehmen werde.

Er behauptete mit vieler Mühe seine Fassung und winkte den Wirth herbei, welcher Zeuge dieses Auftrittes gewesen war.

»Wer war denn dieser Mensch?« fragte er.

»Auf der Karte steht Lord Eagle-nest.«

»Der ist er auch.«

»Wirklich? Ein richtiger Lord?«

»Ein Lord, Pair von England und Besitzer ungezählter Millionen.«

»Aber wie kommt dieser mir völlig unbekannte Herr dazu, mich, einen völlig Unschuldigen, zu insultiren?«

»Das weiß ich leider nicht, mein Herr. Es steht nun bei Ihnen, wie Sie sich zu dieser allerdings großartigen Beleidigung verhalten werden.«

»Zunächst nehme ich an, daß der Herr entweder geistig gestört ist, was bei Engländern zuweilen vorkommen soll, oder sich geirrt hat. Eine absichtliche Provocation erscheint als ausgeschlossen. Die Entschuldigung und Ehrenerklärung wird also nicht ausbleiben. Verweigert man mir diese aber, nun, dann wird die Sache freilich zu einer cause célèbre Ihres Badeortes werden. Die Beleidigung wäre ja geradezu blutig.«

Hierauf bezahlte er und ging. Er wendete sich dem Wege nach der Höhe zu, auf welchem der Agent ihm sehr bald folgte. Sie hüteten sich aber, neben einander zu gehen und trafen erst oben zusammen, nachdem sie sich überzeugt hatten, daß Niemand zugegen sei.

Lina war noch nicht da.

Der Pascha befand sich in einer geradezu unbeschreiblichen Stimmung. Wuth, Scham, Rache und alle diesen verwandten Regungen kochten in seinem


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Innern. Er hatte die Hände über die Brust gekreuzt, trat dem Agenten mit blitzenden Augen entgegen und fragte zischend:

»Haben Sie sich den Kerl genau angesehen?«

»Natürlich! Den hätte man ja gar nicht übersehen können, selbst wenn der beispiellose Ueberfall unterblieben wäre.«

»Er muß sterben!«

»Schön!« nickte der Agent zustimmend.

»Unbedingt sterben! Und bald!«

»Das liegt nur an Ihnen. Senden Sie ihm Ihren Bevollmächtigten!«

»Meinen Bevollmächtigten? Meinen Sekundanten etwa? Ist das Ihr Ernst?«

Diese Frage wurde im Tone des allerhöchsten Erstaunens ausgesprochen.

»Natürlich ist es mein Ernst.«

»So sind Sie ebenso dumm wie dieser Lord!«

»O bitte!«

»Ja, ebenso dumm. Er würde sich ja weigern, sich mit mir zu schlagen.«

»Er müßte, wenn er seine Ehre nicht verlieren wollte, einen triftigen Grund angeben.«

»Er würde mich für ehrlos erklären.«

»Das ist allerdings der triftigste Grund, den es geben kann. Nur fragt es sich, ob er es zu beweisen vermag.«

»Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, den Beweis zu erbringen.«

»Mit Erfolg?«

»Leider wohl nicht ohne Erfolg!«

»Verdammt! Das ist eine dumme, eine sehr dumme Geschichte. Er war also wirklich dieser englische Lord?«

»Ja. Ich erkannte ihn gleich.«

»So hat Lina auch ihn mit gemeint.«

»Welche Lina?«

»Eine Bekannte von mir, welcher wir vertrauen dürfen. Sie hat eine Rache gegen die Normanns und will uns einige Warnungen zugehen lassen. Darum habe ich sie hierher bestellt. Sie muß aller Augenblicke kommen.«

»Wie?« fragte der Pascha. »Ein Frauenzimmer haben Sie eingeweiht? Ohne meine Erlaubniß!«

»Eingeweiht nicht. Sie will Ihnen Einiges mittheilen, jedenfalls auch von dem Lord. Sie sagte es mir und ich bestellte sie hierher. Das ist Alles.«

»Aber wenn sie mit mir reden will, muß sie doch von mir und wohl gar auch von meinen Absichten gehört haben. Sie muß wissen, wer ich bin.«

»Das Letztere weiß sie vielleicht. Ich habe mich versprochen. Sie denkt, daß Sie ein Pascha sind, kennt aber den Namen nicht. Und was das Erstere betrifft, so habe ich ihr nur einige ganz unbestimmte und allgemeine Andeutungen gemacht.«


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Der Pascha schien nicht sehr erbaut von den Mittheilungen seines Verbündeten zu sein. Er machte ein ziemlich verdrießliches Gesicht und fragte:

»So! Also versprochen haben Sie sich! Da geben Sie mir keinen guten Begriff von Ihrer Klugheit und Vorsicht.«

»Verzeihung! Selbst der klügste und vorsichtigste Mensch läßt sich einmal ein Wort entschlüpfen, welches er lieber zurückbehalten hätte.«

»Aber wenn er einen solchen Auftrag übernommen hat, wie der Ihrige ist, dann ist doppelt Vorsicht nöthig. Wir können nicht nur mit der Polizei, sondern sogar mit dem Strafrichter in Conflict kommen. Darum ist die äußerste Zurückhaltung nothwendig. Sie aber haben das vergessen.«

»Nein, ich habe es beachtet. Gerade weil unsere Angelegenheit eine so überaus schwierige ist, muß ich bemüht sein, sie uns möglichst zu erleichtern. Und diese Erleichterung finden wir durch die betreffende Dame.«

»Wissen Sie das so genau?«

»Sehr sicher sogar!«

»Ist Ihnen der Character dieser Dame so genau bekannt, daß Sie für sie garantiren können?«

»Ja.«

»Wie lange kennen Sie dieselbe?«

Der Agent hätte sehr gern eine lange Zeit angegeben, aber er mußte befürchten, daß diese Unwahrheit entdeckt werde, darum antwortete er der Wahrheit gemäß:

»Allerdings erst heut ists, daß ich sie zum ersten Male gesehen und gesprochen habe.«

»Was? Seit heute? Da wollen Sie sie kennen und sogar für sie garantiren!«

»O, es giebt eben Menschen, die man sofort und beim ersten Zusammentreffen durchschaut.«

»In gewöhnlichen Verhältnissen will ich das vielleicht gelten lassen.«

»Warum nicht hier?«

»Weil unsere Sache eine gefährliche ist.«

»Sie müssen bedenken, daß sie für mich ganz ebenso gefährlich ist wie für Sie!«

»Meinetwegen! Sie haben also Etwas für sich gewagt, aber das berechtigt Sie noch nicht, auch für mich zu wagen.«

Da wurde der Agent, welcher bisher in sehr höflichem Tone gesprochen hatte, unwillig:

»Donnerwetter!« rief er aus. »Sie dürfen mich nicht wie einen Anfänger behandeln! Ich bin Polizeibeamter und habe stets gewußt, was ich thue. Wenn Sie Ihre Angelegenheit in meine Hände legen, so verlange ich auch, daß Sie mir vertrauen und nicht an Dem, was ich thue, herummäkeln.«

»Ah! Sie werden grob!«

»Ists ein Wunder? Was werden Sie allein vermögen, wenn ich aus Aerger zurücktrete!«


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»Das thun Sie nicht!«

»Oho, ich thue es; darauf können Sie sich verlassen! Ich habe in Ihrem Interesse gehandelt und keinen Tadel verdient.«

Der Pascha sah wohl ein, daß er ohne die Mitwirkung dieses Mannes sein Ziel wahrscheinlich nicht erreichen werde, aber er dachte an seinen Rang, seine Stellung, seinen Reichthum und glaubte, sich nicht von einem Manne mit fraglicher Existenz anschnauzen lassen zu dürfen. Darum antwortete er, nun auch seinerseits in erhobenem Tone:

»Ich glaube nicht, großen Schaden zu haben, wenn Sie zurücktreten.«

»Da sind Sie im Irrthum!«

»Wohl nicht, denn die Sache ist bereits so eingefädelt, daß ich sie von jetzt an selbst auszuführen vermag.«

»Möglich! Vielleicht engagiren Sie sich einen Anderen, der Ihnen helfen soll.«

»Wahrscheinlich.«

»Nun, wir haben uns bereits über diesen Punkt ausgesprochen. Ich würde mir das natürlich nicht gefallen lassen.«

»Sie könnten nichts dagegen thun.«

»Da beurtheilen Sie mich falsch. Wenn ich einen Baum pflanze und groß ziehe, bis er geblüht hat, so laß ich ihn keinem Anderen gezwungenermaßen über, der dann die Früchte erntet.«

»Was würden Sie thun?«

»Ich würde als Ihr Gegner auftreten, das will ich Ihnen aufrichtig sagen.«

»Das ist allerdings eine große Aufrichtigkeit!«

»Aus welcher Sie erkennen können, daß ich ein offener und ehrlicher Verbündeter bin.«

»Sie würden wohl gar die Polizei auf mich aufmerksam machen?«

»Wahrscheinlich.«

»Nun, das wäre für Sie ebenso gefährlich wie für mich. Sie müßten sagen, daß Sie mein Verbündeter gewesen sind.«

»Aber ich würde erklären, daß ich mich nur scheinbar mit Ihnen verbunden habe, um Sie auf den Leim zu führen.«

»Glaubt man Ihnen das?«

»Allemal. So Etwas kommt im Leben eines Polizisten sehr oft vor.«

»Aber Sie haben bereits Sachen unternommen, welche gegen das Gesetz sind.«

»Das kann ich verantworten.«

»Hm!« brummte der Pascha ungläubig.

»Und, wenn Sie für mich befürchten, ist es denn nothwendig, daß ich mich decouvrire? Ich kann gegen Sie auftreten, ohne mir eine Blöße zu geben.«

»Wie denn?«

»Anonym.«


Ende der einhundertdritten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk