Lieferung 14

Karl May

20. März 1886

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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schreien, und die Anderen hatten auch ganz triftige Ursache, ihre Arbeit in aller Stille abzumachen.

Derjenige, welcher die Laterne gehabt hatte, hatte sie an die Erde niedergesetzt, ehe er den Lord angegriffen hatte. Jetzt nahm er sie wieder auf und leuchtete ihn an. Er lachte höhnisch auf und sagte:

»So, da haben wir ihn fest und nun wollen wir sehen, ob er wirklich nicht mitgeht.«

»Da ich gefesselt bin, können Sie mich freilich zwingen,« antwortete der Gefangene; »ich mache Sie aber auf die Verantwortung aufmerksam, welche Sie treffen wird.«

»Die fürchte ich nicht. Ich thue meine Pflicht. Sie sind ein Mädchenräuber.«

»Das mag bewiesen werden.«

»Der hier kann es beweisen.«

Er erhob die Laterne und leuchtete dem Einen der Beiden, welche den Engländer so heimtückisch von hinten gepackt hatten, in das Gesicht. Der Lord erkannte ihn.

»Ali Effendi!« sagte er erstaunt.

»Ja, ich bin es! Wollen Sie leugnen, daß Sie mir meine Töchter entführt haben?«

»Das wird sich finden. Aber wollen Sie leugnen, daß ich ein Engländer bin?«

»Das wird sich auch finden.«

»Und« - setzte der Gefangene hinzu - »da steht noch Einer, welcher ganz gewiß weiß, daß ich ein Franke bin.«

Er deutete auf den Fünften, auf dessen Gesicht soeben das Laternenlicht gefallen war. Es war der schiefäugige Kerl, in dessen Hütte er heute Nachmittag mit den beiden Mädchen gesessen hatte.

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete dieser.

»Das ist eine Lüge. Ich habe zwar andere Kleider an, aber mein Gesicht ist nicht zu verkennen.«

»Das Alles ist jetzt Nebensache,« erklärte Ali Effendi. »Es fragt sich nur, ob er ein Entführer ist. Kommt her, Ihr Mädchen! Gesteht die Wahrheit, dann soll Euch keine Strafe treffen. Hat er Euch geraubt?«

»Ja,« antwortete Lea.

»Was wollte er mit Euch thun?«

»Er wollte uns auf sein Schiff schaffen.«

»Das ist genug. Wir wollen ein ernstes Wort mit ihm sprechen, ehe wir ihn nach der Stadt bringen. Führt hin hinüber nach der Hütte. Ich schaffe diese ungerathenen Töchter nach Hause und komme dann nach. Er wird sich zu verantworten haben.«

Er warf den Mädchen zum Scheine einige Drohungen zu und entfernte sich mit ihnen. Der Lord wurde längs des Seeufers hingeführt bis nach der Hütte, in welcher er heute die interessante Bekanntschaft gemacht hatte. Er


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sprach unterwegs kein Wort; er sagte auch nichts, als er zur Thür hinein geschoben wurde. Er setzte sich nieder und verhielt sich zu allen Spottreden und Schmähungen so ruhig, als ob er gar nicht gemeint sei.

Es verging eine lange, sehr lange Zeit und Ali Effendi kam nicht. Die drei Polizisten machten sich sammt dem Besitzer der Hütte über den Schnaps her. Endlich, nachdem weit über eine Stunde vergangen war, kam der beleidigte Vater der Mädchen.

Die Anderen machten ihm ehrerbietig Platz. Er setzte sich dem Gefangenen gegenüber. Seine Miene zeigte mehr Betrübniß als Zorn. Er begann:

»Jetzt wollen wir Dein Geschick entscheiden. Es wird sich zeigen, ob wir Dich frei lassen oder dem Bey zum Urtheilsspruch übergeben.«

»Der Bey hat mir gar nichts zu sagen. Der englische Resident wird mich vernehmen.«

»So wirst Du vorher beweisen müssen, daß Du ein Engländer bist.«

»Das werde ich!«

»Aber ganz England wird Dich verlachen, daß Du so dumm gewesen bist, drei Mädchen zu verführen.«

»Mäßige Dich! Wer erlaubt Dir überhaupt, Du zu mir zu sagen, nachdem Du mich in Deinem Hause Sie genannt hast?«

»Ich kenne Dich nicht; ich entsinne mich nicht, Dich bei mir gesehen zu haben. Du trägst die Kleidung eines Moslem und die Gläubigen sagen Du zu einander. Du hast sehr gegen mich gesündigt, aber vielleicht verzeihe ich Dir; vielleicht lasse ich Dich frei.«

»Ah! Du bist sehr barmherzig!«

»Ja, das bin ich. Meine Töchter sind mir stets gehorsam gewesen; sie haben mir niemals Sorge, sondern stets nur Freude bereitet; jetzt aber laden sie Schande auf mein Haupt. Und warum? Weil Du sie verführt hast.«

»Oder sie mich.«

»Du bist alt und nicht der Mann, der sich verführen läßt. Du hast ihnen den Kopf verdreht und ihnen große und schöne Versprechungen gemacht. Du bist in mein Haus gekommen, um den Bau desselben und die Gelegenheit auszuspioniren.«

»Ah, die alte Schließerin hat mich verrathen!«

»Sie nicht. Allah selbst hat mich erleuchtet. Meine Töchter sind Dir gefolgt. Ich traf noch zum rechten Augenblicke ein. Ich habe erfahren, daß Du sie noch nicht berührt hast. Darum und weil sie selbst für Dich bitten, bin ich bereit, Gnade walten zu lassen, wenn Du auf die Bedingung eingehst, welche ich als Vater machen muß.«

»Laß sie hören! Vorher aber entferne die Fessel. Ich verhandle mit keinem Menschen, so lange ich gebunden bin.«

»Ich darf Dich nicht losbinden. Du hast bewiesen, daß Du ein gewaltthätiger Mensch bist, und Du hast den Kampf gelernt, den man in England Boxen nennt.«


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»Ah! Ihr fürchtet Euch vor mir! Diese Polizisten sind bewaffnet, dieser gute Eunuch auch und Du hast ein Messer und ein Pistol im Gürtel.«

»Dennoch bist Du uns gefährlich.«

»So werde ich auf keinen Vorschlag eingehen, er mag lauten oder heißen, wie er will.«

»Wenn Du klug bist, gehst Du darauf ein.«

»Nun, anhören kann ich ihn ja.«

»Wer ein Mädchen entführt, ist schuldig, so viel zu zahlen, als er Beisteuer geben würde, wenn er sie zum Weibe nähme.«

»Ah! Darauf läuft es hinaus!«

»Ja. Bist Du reich?«

»Sehr.«

»Wie viel würdest Du für ein Weib bezahlen?«

»Mehrere Millionen, wenn ich sie lieb habe.«

Ali Effendi erschrak förmlich über diese Summe. Grad die ungeheure Höhe derselben störte ihn am Allermeisten. Es wäre ihm viel lieber gewesen, wenn der Lord gesagt hätte, daß er gar nichts für ein Weib geben würde. Er fragte:

»Hast Du denn so sehr viel Geld?«

»Noch viel, viel mehr.«

»Also mehrere Millionen würdest Du für eine einzige Frau geben?«

»Ja.«

»Du hast mir aber drei Töchter entführt. Das sind dreimal mehrere Millionen.«

»Nach Deiner Rechnung ganz richtig.«

»Die wirst Du aber nicht geben!«

»Warum nicht? Ich bin ein guter Unterthan und thue, was das Gesetz verlangt. Verurtheilt mich der Richter dazu, so bezahle ich diese Millionen.«

Das kam dem traurigen Vater sehr unbequem. Er schüttelte mitleidig den Kopf und erklärte:

»So grausam bin ich nicht. Ich will viel, viel weniger verlangen. Bezahle jeder meiner Töchter fünftausend Francs, so lasse ich Dich augenblicklich frei.«

»Die gebe ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich bezahle nur dann, wenn der Richter mich verurtheilt.«

»Gieb jeder viertausend Francs.«

»Keine Centime!«

»Dreitausend!«

»Schweig! Du bemühst Dich vergeblich.«

»So will ich mit Zweitausend zufrieden sein!«

»Ich werde Dir nicht mehr antworten.«

»So willst Du nicht verständig handeln? Weißt Du, daß ich Dich zwingen kann, verständig zu sein!«


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»Zwingen lasse ich mich nicht.«

»Oho! Du befindest Dich in meiner Gewalt!«

»Nein. Ich bin arretirt. Schafft mich nach der Stadt!«

Da meinte der angebliche Eunuch zu Ali Effendi:

»Mache es kurz! Was nützen diese Winkelzüge! Ich habe keine Lust, mich lange mit ihm herumzuplagen.«

»Gut!« meinte der Genannte. »Ich will Dir sagen, Fremder, daß diese Männer nicht Polizisten sind.«

»Donnerwetter!«

»Es sind meine Verbündeten. Sie thun, was ich ihnen sage. Ich verlange zweitausend Francs für jede meine Töchter. In einer halben Stunde fordere ich Antwort. Bis dahin magst Du überlegen, was das Beste für Dich ist. Von Deiner Antwort wird es abhängen, was wir mit Dir thun.«

Erst jetzt ging dem Gefangenen ein Licht auf. Er sah sich die Leute genauer an und sagte:

»Jetzt begreife ich Euch. Diese ganze Sache war abgemacht. Ich bin in Eure Falle gegangen.«

»Ja,« nickte der Eunuch mit grimmiger Aufrichtigkeit.

»Die Mädchen waren nur die Lockvögel.«

»Das hättest Du Dir eher denken können. Nun aber weißt Du, was Dich erwartet.«

»Das weiß ich nicht, aber was Euch erwartet, das weiß ich ganz gewiß.«

»Nun, was?«

»Nichts erwartet Euch. Ihr werdet keinen Frank erhalten.«

»Das wirst Du Dir doch noch überlegen.«

»Pah! Jetzt gefallt Ihr mir erst. Ich habe mich längst gesehnt, einmal in die Hände solcher Schufte zu fallen. Jetzt ist dieser Wunsch erfüllt, und da werde ich mir doch nicht etwa den ganzen Spaß dadurch verderben, daß ich mich von Euch loskaufe. So eine schuftige Memme, wie Jeder von Euch ist, würde den Preis bezahlen, ich aber bin ein Engländer und gebe nichts.«

»Wenn das nun Dein Leben kostet!«

»Das werdet Ihr bleiben lassen. Solche Kerls, wie Ihr seid, fürchten sich vor Menschenblut. Und wenn Ihr mich mordetet, so befändet Ihr Euch bereits am frühen Morgen in der Gewalt des Bey. Ich habe auch meine Vorkehrungen getroffen, von denen Ihr aber nichts ahnt.«

Das war nicht wahr. Aber die Sicherheit, mit welcher er es vorbrachte, ebenso wie seine Furchtlosigkeit imponirten ihnen gewaltig. Sie traten zusammen, flüsterten eine Weile miteinander und dann sagte Ali Effendi:

»Wir haben uns entschieden. Von unserem Entschluß bringt uns nichts ab. Ich fordere für jede Tochter eintausend Francs.«

»Nicht mehr? Es ist doch wunderbar, daß Du nur für Deine Töchter forderst, aber nicht für diese Deine Verbündeten sorgst. Die Mädchen, welche gar nicht Deine Töchter sind, würden nichts erhalten. Ich durchschaue jetzt Alles. Ich gebe nichts, gar nichts.«


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»So mußt Du sterben!«

»Schön! Soll mich freuen, wenn es Euch glückt!«

»Ich gebe Dir die halbe Stunde Zeit, weigerst Du Dich dann noch, so stirbst Du im Wasser des Sees. Jeder wird glauben, Du seist verunglückt.«

»Das geht mich gar nichts an. Was Andere denken, das ist mir sehr gleichgiltig. Ich selbst werde es doch nicht glauben, sondern ich werde wissen, daß ich ermordet worden bin, und das ist die Hauptsache.«

Sie sahen sich an. Sie konnten das Verhalten und die Worte dieses sonderbaren Menschen nicht begreifen. Er war eben ein eigenthümlicher Charakter und ein - Engländer. Damit ist Alles gesagt. - -

Der junge Arabadschi war, nachdem er mit dem Lord gesprochen hatte, in die Stadt gelaufen. Er hatte ganz zufälliger Weise von dem italienischen Gasthause sprechen gehört, es auch gesehen und sich die Lage desselben gemerkt. Darum fand er es wieder.

Er öffnete versuchsweise die Thür des Gastzimmers und blickte hinein. Da saßen die beiden Gesuchten am Tische, in sichtlicher Aufregung, bei den Raritäten des Lords, und Wallert erzählte Normann von seiner Unterredung mit demselben. Der Arabadschi trat ein. Sie sahen ihn und sprangen augenblicklich von ihren Sitzen empor.

»Du! Du da!« rief Normann, indem er auf den treuen Diener zusprang. »Herrgott! Ist auch Tschita hier?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, glücklich lächelnd.

»Und Zykyma auch?« erkundigte sich Wallert schnell.

»Auch sie. Und Ibrahim Pascha und der Derwisch sind ebenso hier.«

»Also hat dieser Steinbach Recht gehabt. Aber sage, kommst Du zufällig her?«

»Nein, ich suchte Euch.«

»Du wußtest, daß wir hier sind?«

»Ich erfuhr es vor einigen Minuten von dem schwarzgrauen Effendi.«

»Dem Lord! Wo hast Du ihn getroffen?«

»Draußen vor der Stadt. Er ging nach dem Hafen.«

»Gott sei Dank! So hat er doch blos Scherz gemacht. Er ist nicht in der Stadt geblieben; er ist nach seinem Schiffe, jedenfalls um seine Effecten zu holen. Hast Du Zeit?«

»Für Euch immer.«

»So komm mit herauf in mein Zimmer. Hier sind wir zu sehr beobachtet, und Du sollst uns doch von jenem Abende erzählen, an welchem Ihr so plötzlich verschwunden waret.«

Die beiden Freunde rafften die zurückgelassenen Sachen des Lords zusammen und begaben sich nach oben, wo sie ungestört von dem, was ihnen so sehr am Herzen lag, sprechen konnten. Der Arabadschi erhielt vorgesetzt, was vorhanden war, rührte aber nichts an. Er hatte vollständig genug an der Freude, diese Beiden so unerwartet hier gefunden zu haben.

»Also zunächst« - sagte Normann - »ah, wir haben Dich noch gar


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nicht nach Deinem Namen gefragt. Wir müssen doch wissen, wie wir Dich nennen sollen.«

»Mein Name ist Said; das bedeutet der Glückliche, der Gesegnete.«

»Ja, Glück bringst Du uns und wir segnen Dich dafür. Das stimmt zu Deinem Namen. Nun aber erkläre uns das plötzliche Verschwinden des Pascha mit Euch Allen.«

»O, Effendi, ich hatte keine Ahnung davon und die Frauen auch nicht. Erst später haben wir Vieles begriffen, was uns unbekannt war. Der Pascha war schon am Tage draußen gewesen und hatte den Derwisch mitgebracht, den Allah verdammen möge. Sie hatten mit dem Verwalter zu thun, aber heimlich und lange. Später erfuhren wir, daß sie zusammengepackt hatten. Es ging ganz plötzlich fort, als Ihr im Garten wartetet, und wir mußten mit.«

»Konntet Ihr uns denn keine Nachricht geben?«

»Das war unmöglich.«

»Auch nicht wenigstens ein kleines Zeichen?«

»Selbst das nicht; es gab keine Zeit dazu, denn als ich auf meinem Wachtposten im Hofe erfuhr, daß Eure Anwesenheit verrathen sei, befanden sich die Häscher bereits unterwegs im Garten. Ich wollte mit, um ihnen voranzueilen und Euch ein Warnungszeichen zu geben, aber der Pascha schickte mich hinauf zu den Frauen, welche todt dalagen, ganz ohne alles Leben.«

»Todt? Herrgott! Was war mit ihnen geschehen?«

»Eben das erfuhr ich auch später. Der Pascha hatte geglaubt, daß sie sich sträuben würden, mitzugehen. Er wollte kein Aufsehen erregen und hatte auch keine Zeit, Zwang gegen Widerstand zu setzen. Da hatte ihm der Derwisch den Rath gegeben, zu einem weisen Manne zu gehen, der alle Arzneien und Mittel der Erde kennt. Von ihm hatte er ein Pulver erhalten. Wenn man dies durch ein kleines Röhrchen in ein Licht bläst, so fällt die Person, welche hinter dem Lichte steht, todt um, und erwacht erst am anderen Tage. Mit diesem Pulver war der Pascha zu den Frauen gegangen. Er hatte nur Tschita und deren Mutter getroffen und Beide todt gemacht. Zykyma war noch im Garten. Die beiden Leblosen waren in das Nebenzimmer geschafft worden, und eben als der Pascha ohne Licht zurückgetreten war, hatte Zykyma die Leiter erstiegen. Er hatte sie hereingelassen und ihr dann das Pulver in das Gesicht geblasen, so daß auch sie umfiel.«

»Ah!« nickte Normann. »Daher also der Schrei, den wir aus ihrem Munde hörten und das Aufflammen eines blitzähnlichen Lichtes.«

»Natürlich hatte sie nun kein Zeichen geben können. Sie war im Garten gewesen. Der Pascha schöpfte Verdacht und befahl, ihn zu durchsuchen. Ich aber mußte zu den leblosen Frauen, um sie nach den Sänften tragen zu helfen. Kaum fand ich Zeit, meine wenigen Sachen zu holen, so ging die Reise fort, durch die Stadt, auf das Schiff und hierher. Es war mir unmöglich, ein Zeichen zu geben. Hätte ich es dennoch versucht, so wäre es aufgefallen, und ich hätte Euch verrathen. Das aber wollte ich nicht.«

»Ganz richtig! Du hast sehr klug gehandelt. Aber wie war es mit den


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Frauen! Gott, wie müssen sie nach ihrem Erwachen erschrocken gewesen sein! So nahe der Rettung und doch wieder verloren!«

»Herr, es ist nicht zu beschreiben!«

»Wie verhielt sich Zykyma?«

»Fast wie ein Mann. Sie sprach kein Wort, weder mit dem Pascha noch mit dem Derwisch, während der ganzen Reise. Sie war nur glücklich, ihren Dolch wieder zu besitzen, um sich vertheidigen zu können.«

»War er ihr verloren gegangen?«

»Der Pascha hatte ihn ihr abgenommen, als sie ohne Besinnung gewesen war. Er glaubte nun, sie in den Händen zu haben, aber er ahnte nicht und ahnt auch noch heute nicht, daß ich ihr Verbündeter bin. Schon am ersten Tage habe ich ihm den Dolch gestohlen und ihn Zykyma wieder gebracht. Nun konnte sie sich doch wieder vertheidigen; er fürchtet das furchtbare Gift und wagt es nicht, die beiden Frauen anzurühren.«

»Also gejammert hat Zykyma nicht?«

»Nein. Es lag stumm und stolz in ihrem Herzen, aber ihre Augen waren dunkler als vorher, und ihre Zähne zerbissen die Lippen. Ich habe gefürchtet, daß sie den Pascha tödten werde, wenn sie glaubt, daß die Zeit dazu geeignet sei.«

»Es ist ihr zuzutrauen! Und Tschita?«

»Das war schlimm, sehr schlimm! Zykyma ist wie die Frau des Edelfalken, Tschita aber wie das süße Weibchen des Kolibri. Ihre Thränen sind unaufhörlich geflossen, fast hat sie sich in diesen Fluthen aufgelöst. Sie hat nach Paul Normann Effendi gejammert ohne Aufhören, und Allah macht es gnädig, daß Ihr gekommen seid, denn es hätte nicht lange gedauert, so wäre ihr Leben mit den letzten ihrer Thränen dahingeschwunden.«

»Herr, mein Heiland, so kommen wir zur rechten Zeit!« knirrschte Normann. »Aber mit diesem Pascha werde ich Abrechnung halten.«

»Das kannst Du, und das möchtest Du. Er muß sehr große Sünden auf seinem Gewissen haben. Ich möchte nur wissen, was Tschita's Mutter mit ihm hat. Es ist, als wenn er an ihr ein ganz entsetzliches Verbrechen begangen hätte.«

»Wieso?«

»Sie hatte ihn nicht gesehen bis zu dem Augenblicke, als er gekommen war, um ihrer Tochter Tschita das Pulver in das Gesicht zu blasen. Aber es ist ganz entsetzlich gewesen, als sie ihn erblickt hat. Sie ist stumm und hat doch schreien und sprechen wollen. Sie ist auf ihn eingesprungen, als ob sie ihn erwürgen wolle, und doch hat sie nicht gekonnt, da sie ja keine Hände hat. Seit dieser Zeit geht sie keinen Augenblick von ihrer Tochter fort, und wenn der Pascha sich dieser nähert, so wirft sie sich auf ihn, schlägt ihn mit ihren Armen und giebt Töne von sich wie eine Tigerin, der man die Kehle zusammenschnürt, so daß sie nicht brüllen kann.«

»Entsetzlich! Hier muß ein Geheimniß obwalten.«

»Ganz gewiß.«


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»Welches ergründet werden muß.«

»Zykyma will es ergründen. Sie giebt sich alle Mühe; ich weiß nicht, ob es ihr gelingen wird.«

»Weshalb ist der Pascha hier?«

»Ich weiß es nicht. Der Derwisch und ich, wir Beide müssen den Palast des Bey bewachen und auch den Bardo, das ist das Schloß draußen vor der Stadt, in welchem der Bey wohnt. Wir wechseln in dieser Wache ab. Früh treten wir an und erst spät am Abende kehren wir zurück.«

»Worauf müßt Ihr Achtung geben?«

»Auf die Consuln der Franken. Wir müssen aufschreiben, welcher den Bey besucht, wann er kommt und wann er wieder geht, also wie lange er bei dem Herrscher gewesen ist.«

»Kennst Du den Zweck?«

»Nein.«

»Wo wohnt der Pascha?«

»Vor der Stadt, an der Straße nach dem Bardo zu. Er hat sich ein kleines Häuschen gemiethet, dessen Besitzer nach Jerusalem gereist ist. Dort sitzt er während des ganzen Tages und auch während der ganzen Nacht, und denkt und sinnt und grübelt wie eine Spinne, die in ihrer Ecke auf Beute lauert.«

»So ist er mit den Frauen allein?«

»O nein. Er hat sich zwei Männer gemiethet, welche sie sehr streng bewachen müssen. Der Eine wacht außen am Gebäude und der Andere im Innern.«

»Und nun die Hauptsache: Wie nennt er sich hier?«

»Er nennt sich Hulam und ist Kaufmann aus Smyrna.«

»Das ist Alles, wonach wir fragen können. Hast Du uns noch Etwas zu sagen?«

»Etwas Wichtiges nicht. Wohnt Ihr stets in diesem Hause?«

»Ja, natürlich so lange wir überhaupt hier bleiben.«

»So erlaubt, daß ich komme, um Euch Nachricht zu bringen!«

»O gewiß! Wir werden es Dir sehr gut lohnen. Jetzt gehst Du nach Hause?«

»Ja.«

»Wir gehen natürlich mit!«

»Nein, nein! Das dürft Ihr nicht.«

»Warum nicht?«

»Des Nachts sind die Wächter doppelt aufmerksam und doppelt argwöhnisch.«

»Wir können den Frauen kein Zeichen geben, daß wir uns hier befinden?«

»Nein. Ich werde es ihnen sagen.«

»Thue das! Aber wir können uns doch wenigstens das Haus ansehen, um zu wissen, wo es liegt, falls uns das einmal nöthig sein sollte.«


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»Es ist dunkel, und wenn Ihr Euch so weit nähert, daß Ihr das Haus seht, so seid Ihr auch so nahe, daß Euch der Wächter merkt.«

»Wären diese beiden Wächter nicht zu bestechen?«

»Ich weiß es nicht; sie gefallen mir nicht; ich spreche gar nicht mit ihnen. Der Pascha bezahlt sie so gut, daß sie ihm leicht treu dienen können.«

»Wenn man ihnen nun noch mehr bietet, als sie jetzt von ihm bekommen?«

»Es ist möglich, daß sie dann von ihm abfallen. Um dies aber zu versuchen, muß man sich in die Gefahr begeben, von ihnen verrathen zu werden, und da ist das Wagniß größer als der Vortheil, welchen man verfolgt.«

»Da hast Du allerdings sehr Recht; aber, sollen die Frauen in Ewigkeit in dieser Hölle wohnen?«

»Ich bitte Euch, mir die Sorge zu überlassen. Ich werde bereits morgen am Vormittage zu Euch kommen, um Euch zu sagen, ob es mir möglich gewesen ist, etwas zu thun. Der Pascha ist eine giftige Schlange, welche vernichtet werden muß. Aber der Löwe, welcher diese Schlange mit einem einzigen Schlage seiner Tatze tödten kann, ist auch bereits hier in Tunis.«

»Wer wäre das?«

»Der große, stolze Effendi, welcher mit Euch vom Kirchhof in Stambul kam, als Hermann Wallert Effendi gefangen werden sollte.«

»Wie? Steinbach? Der ist hier?«

»Ich weiß seinen Namen nicht; aber ich weiß, daß er gegen meinen Herrn, den Pascha, kämpft, und daß er ihn besiegen wird.«

»Wo hast Du ihn gesehen?«

»Gestern, im Bardo. Er kam mit dem Obersten der Leibwache aus der Wüste, und Beide gingen sogleich zu Muhammed es Sadok Bey, bei welchem sie volle drei Stunden gewesen sind. Ich stand im großen Hofe des Schlosses und sah den Fremden gehen. Der Bey begleitete ihn bis an das Thor und legte ihm zum Abschied die rechte Hand auf die Schulter; das ist der große Segenswunsch, der Gruß, welchen der Bey nur einem Manne giebt, der sein Herz besitzt.«

»So scheint er Steinbach wohl zu wollen?«

»Ganz sicher; denn ich erfuhr nachher, daß der Pascha von Tunis diesem Steinbach Effendi seine beste Stute zum Ritte in die Wüste geliehen habe.«

»Das ist allerdings fast das Unmögliche. Und das Alles hast Du doch Deinem Herrn sofort erzählt?«

»Kein Wort.«

»Wirklich?«

»Es ist so, wie ich Dir sage. Ich hasse den Pascha. Ich diene ihm nur, um Zykyma aus seiner Hand zu befreien. Ich hatte mir sogar einmal vorgenommen, ihn zu tödten, da aber lernte ich Euch kennen. Ihr seid klüger und stärker und mächtiger als ich; ich überlasse Euch die Befreiung


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meiner Herrin und werde Euch dabei helfen, so viel wie es mir möglich ist.«

»Du bist ein braver Bursche. Sage es uns, wenn Du einen Wunsch, eine Bitte hast. Und jetzt hast Du uns Dein Herz ausgeschüttet, nun kannst Du essen und trinken.«

Jetzt nun langte er zu. Dabei fielen aber noch hunderte von Fragen und Antworten herüber und hinüber, von vielleicht weniger Bedeutung, für die Betheiligten aber doch von unendlichem Werthe. Als Said endlich aufbrach, war Mitternacht vorüber.

»Was wird Dein Herr sagen, wenn Du so spät kommst?« fragte Normann.

»Er wird meinen, daß ich ein sehr aufmerksamer Diener sei, denn ich werde zu meiner Entschuldigung von irgend einem Besuche erzählen, welcher so lange Zeit bei dem Bey gewesen ist.«

»Das ist klug. Kannst Du uns nicht wenigstens das Haus beschreiben, in welchem Ibrahim Pascha wohnt?«

»Wenn man von der Stadt aus nach dem Bardo geht, so liegt es rechts als das erste gleich hinter der großen, alten Wasserleitung. Es steht mitten in einem Garten, welcher von einer Mauer umgeben ist. Die Frauengemächer befinden sich oben im Giebel, welcher nach der Stadt blickt. Morgen werde ich Euch sagen, wann Ihr es Euch ansehen könnt, ohne Euch zu verrathen.«

Er ging. Als er fort war, stand Normann von seinem Platze auf, breitete die Arme aus und ließ einen Jodler hören, so kräftig und volltönig, als ob er sich vor der Thür einer Tyroler Sennhütte befinde:

»Jetzt geh i zum Seiler
   Und kaf ma an Strick,
Binds Diandl am Buckl
   Trogs überall mit!«

»Alle Wetter! Bist Du des Teufels?« lachte Wallert. »Was sollen die ehrsamen Gäste dieses afrikanischen Gasthauses von uns denken, wenn Du so schreist!«

Normann schüttelte den Kopf und antwortete:

»Wenn drob'n auf de Latscha
   Der Auerhahn palzt,
Kriegt mein Diandl a Busserl,
   Was grad a so schnalzt!«

»Mensch schweig, sonst erklärt Dich der Wirth für verrückt, und wir müssen noch heut aus dem Hause!«

Der enthusiastische Sänger nickte zwar zustimmend mit dem Kopfe, fuhr aber doch fort:

»Die Gams hat zwa Krikel,
   Der Jäger zwa Hund,
Mei Schatz hat an G'sichterl
   Wie a Semmel so rund!«


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»Nun laß mich aus! Wenn Du Tschita's Gesicht mit einer Semmel vergleichst, so behaupte nur um Gotteswillen nicht länger, ein Maler zu sein!«

»Ja, sie ist viel, viel schöner! So schön, daß mir gleich ein anderes Schnadahüpfl einfällt. Horch!

Und a frischer Bu bin i,
   Thu gern Etwas wag'n,
Und i thät um an Busserl
   Gleich an Purzelbaum schlag'n.«

Da wirklich, da wurde angeklopft; die Thür öffnete sich; die hübsche, italienische Zimmerkellnerin steckte den Kopf herein und fragte:

»Wünschen die Herren vielleicht etwas; da Sie so laut rufen?«

Wallert lachte laut auf. Normann aber trat auf sie zu, öffnete die Arme und sang:

»Juchheirassassa,
   Und wenn d'willst, will i a,
Und wenn d'willst, so sag ja,
   Denn deßweg'n bi i da.«

Da fuhr sie schnell zurück und machte die Thür zu.

»Du bist ja ganz ausgewechselt!« meinte Wallert. »Du der ernste bedächtige Mensch, verirrst Dich da in die Schnadahüpfl!«

»Habe ich etwa nicht Ursache dazu?«

»Ach freilich, ja wohl!«

»Tschita wiedergefunden! Tschita, Tschita, denke Dir, Tschita!«

Dabei faßte er den Freund unter den Armen und wirbelte ihn in dem Zimmer herum, daß Alles wackelte und krachte.

»Und Zykyma, Zykyma, die ich für meinen Bruder befreien muß! Ach, wenn doch nicht immer so viel Geduld von Einem verlangt würde!«

»Von wegen das Haus ansehen?«

»Ja. Ich lief gleich heut Abend noch hin!«

»Ich auch!«

»Wirklich? Ist's Dein Ernst?«

»Ja.«

»Na, so wollen wir?«

»Willst Du denn?«

»Und ob!«

»Gut, wir gehen!«

»Wir können ja vorsichtig sein, so daß uns kein Mensch bemerken wird.«

»Pah! Ich werde mich anschleichen wie ein indianischer Krieger, der sein Meisterstück zu machen hat. Es ist zwar schon über Mitternacht; aber man wird uns schon einlassen, wenn wir wiederkommen. Dieser Steinbach ist doch ein Teufelskerl mit dem Wink, den er uns gegeben hat. Wir sind ihm riesigen Dank schuldig, und seit ich gehört habe, daß er auch hier ist, liegt es mir in den Gliedern, als ob er sich noch größere Verdienste um uns erwerben wollte. Komm!«


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Sie waren Beide unendlich glücklich. Sie mußten ihren Jubel zurückdrängen; es galt, auf diesem Wege außerordentlich vorsichtig zu sein. Um aber nicht etwa mit Said wieder zusammenzustoßen, machten sie einen andern Weg als dieser jedenfalls eingeschlagen hatte.

Dieser war mit den leisen Schritten, welche das weiche, orientalische Schuhwerk mit sich bringt, langsam seines Weges fortgegangen. Außerhalb der Stadt angelangt, hörte er in einiger Entfernung vor sich Stimmen, deren Klang auf etwas Ungewöhnliches deutete. Er lauschte. Er sah das Licht einer Laterne aufleuchten und hörte dann die Worte:

»Ich bin Lord Eagle-nest.«

Da die früheren Worte französisch gesprochen worden waren, hatte er sie nicht verstanden. Das Wort »Lord« aber fiel ihm auf. Er schlich sich eiligst hinzu, legte sich auf den Boden nieder und war Zeuge der Arretur des Engländers.

Als dieser abgeführt wurde, folgte er den Leuten nach bis an die Hütte. Sie gingen alle hinein, und er trat an die Oeffnung, welche als Fenster diente und blickte hinein. Er sah den Lord gefesselt auf dem Boden sitzen. Unfern von ihm lehnte der schiefäugige Kerl, der wie ein geborener Schlagotodtro aussah. Die Polizeiuniformen konnte er nicht sehen. Er begriff den Vorgang zwar nicht vollständig; aber er sah den Lord in augenscheinlicher Gefahr. Das war genug für ihn. Hatte er bereits so viel Zeit versäumt, kam es auf noch eine Stunde auch nicht an. Er eilte also nach der Stadt und zwar nach dem Gasthofe. Dort erfuhr er zu seinem Erstaunen, daß die beiden Freunde trotz der späten Zeit noch ausgegangen seien.

Von ihnen hatte er Hilfe erwartet. Was nun thun? Er durfte, wenn er wirklich Hilfe bringen wollte, keine Minute versäumen. Zur Polizei also!

Er rannte nach dem Palaste des Bey, wo, wie er wußte, zu jeder nächtlichen Stunde Kawassen genug zu finden seien. Er war so klug, keinen Namen zu nennen; er wußte ja nicht, auf welche Weise der Engländer in diese gefährliche Lage gekommen sei. Er hatte drei Frauenzimmer dabei gesehen; da war es jedenfalls besser, das Wort »Lord« gar nicht auszusprechen.

Darum berichtete er nur, daß ein Mann von Mördern angefallen und nach einer Hütte in den Ruinen geschleppt worden sei, um dort abgewürgt zu werden, und bot sich der bewaffneten Macht als Führer an.

Er hatte seinen Bericht mehrere Male umständlich zu wiederholen, ehe man ihm rechten Glauben schenkte; dann aber machte sich ein Tschausch-sabtieh (Polizeifeldwebel) mit zehn seiner Untergebenen, die er bis unter die Nase bewaffnete, auf den Weg, die Mörder abzufangen.

Der Befehlshaber fing es gar nicht übel an. Er machte einen Umweg, um von der Seite zu kommen, von woher diese Leute keine Störung erwarteten. Es war ja sehr leicht möglich, daß sie einen Sicherheitsposten ausgestellt hatten.

Die Polizisten näherten sich der Hütte, ohne bemerkt zu werden. Der


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Feldwebel blickte durch die Fensteröffnung, erkannte den Gefesselten und flüsterte dann dem Führer zu:

»Es ist gut! Du hast die Wahrheit gesagt und kannst nun gehen.«

Er wollte den Ruhm der beabsichtigten Heldenthat für sich allein haben. Said seinerseits war gar nicht unzufrieden mit dieser Weisung. Er konnte zu seinem Herrn, der sicher nicht eher zur Ruhe ging, als bis er ihm Bericht erstattet hatte.

Da von einem eigentlichen Fenster keine Rede war, das dazu bestimmte Loch vielmehr offen stand, so hörte der Webel jedes Wort, welches im Innern gesprochen wurde. Soeben sagte Einer, den er nicht sehen konnte:

»Jetzt ist die halbe Stunde vorüber. Also sag, was Du beschlossen hast!«

Der Gefangene antwortete nur dadurch, daß er einen verächtlichen Blick nach der Richtung warf, aus welcher die Stimme erschollen war.

»Giebst Du tausend Franken für eine jede meiner Töchter oder nicht?«

»Nein!«

»Du unterzeichnest Dein Todesurtheil!«

»Hätte ich nur meine Hände frei, so wollte ich etwas Anderes zeichnen, nämlich Euch, Ihr Schurken!«

»Ganz wie Du willst! Anstatt nachzugeben, beleidigst Du uns. Du sagst, daß wir gar nichts empfangen würden; aber wir werden uns wenigstens das nehmen, was Du bei Dir trägst. Sucht ihn aus!«

Der Lord sprang vom Boden auf, obgleich seine Hände gefesselt waren. Der Schiefäugige faßte ihn beim Arme; aber der Engländer schleuderte ihn von sich ab und trat ihm mit dem Absatze so auf den Unterleib, daß er zusammenbrach.

»Erstecht ihn! Erschießt ihn! Schlagt ihn todt! « erklangen die zornigen Rufe im Innern.

Da aber krachte die Thür unter den Kolbenstößen zusammen, und zehn geladene Läufe waren zu sehen.

Die Insassen der Hütte stießen einen mehrstimmigen Ruf des Schreckens aus; der Engländer aber sagte ruhig:

»Hm! Ja! So Etwas lag mir in den Gliedern. An das Ersäufen habe ich gar nicht geglaubt.«

Der Webel trat unter dem Schutze der Waffen seiner Leute herein. Er musterte die Anwesenden und sagte erstaunt:

»Du hier, Jacub Asir? Zu welchem Zwecke machst Du solche Spaziergänge?«

Diese Frage war an den sogenannten Ali Effendi gerichtet. Der Webel hatte gehört, daß die Leute sich der französischen Sprache bedienten, und seine Frage also auch in derselben ausgesprochen. Das ist gar nicht zu verwundern, da sich das tunesische Militär fast meist aus Franzosen rekrutirt. Der Engländer hatte die Frage verstanden.

»Jacub Asir?« rief er. »Ist das der Name dieses Mannes hier?«


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»Ja,« bestätigte der Polizist.

»Er heißt nicht Ali Effendi?«

»Der? Das sollte er wagen! Will der Kerl etwa gar ein Effendi sein?«

»Ja. Mir gegenüber hat er sich für einen Juwelenhändler ausgegeben und sich Ali Effendi genannt.«

»Hund von einem Juden! Das wagst Du!«

»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!«

»Nicht? Ich brauche gar keinen Beweis! Du hast heut gelbe Pantoffel an und einen rothen Fez auf dem Schädel, elender Hallunke, wer erlaubt Dir, die Kleider eines Moslem zu tragen!«

»Es ist ein Versehen, ein reines Versehen!«

»Ein Versehen? Bei Dir ist so Etwas kein Versehen, sondern das Zeichen, daß Du irgend einen Streich ausgeführt hast. Und Ihr drei Hallunken, woher habt Ihr den Polizeirock? Euch Gauner kenne ich. Haben sich diese Menschen etwa für Polizisten ausgegeben?«

»Ja,« antwortete der Engländer. »Sie haben mich arretirt und hierher geschafft.«

»Weshalb?«

»Dieser Mann behauptet, ich hätte seine drei Töchter entführt.«

»Drei Töchter! Welch eine Bosheit, welch eine Lüge! Dieser jüdische Giaur hat gar keine Töchter, sondern er beherbergt Dirnen, welche er verkauft. Mit ihnen legt er seine Schlingen. Wir haben es längst gewußt; aber er war zu schlau, sich fangen zulassen. Heut aber ist er uns in die Hände gelaufen, und wir werden ihn nicht wieder loslassen. Bindet ihn; bindet ihn zunächst mit demselben Stricke, mit welchem er diesen Mann gebunden hat.«

»Das dürft Ihr nicht! Das könnt Ihr nicht! Ich bin unschuldig!« jammerte der Jude.

»Gebt ihm Eins aufs Maul, wenn er nicht still ist! Und bindet auch die Anderen!«

Sie Alle betheuerten ihre Unschuld und brachten die unsinnigsten Beweise vor. Der Webel aber antwortete:

»Eure Ausreden helfen Euch nichts. Ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, daß dieser Mann für jedes von drei Mädchen tausend Francs geben sollte, und weil er es nicht that, sollte er getödtet werden. Das ist mir genug. Wer aber bist Du?«

»Ich bin ein Engländer,« antwortete der Lord, an den diese Frage gerichtet war.

»Ein - Engländer? In dieser Kleidung?«

Man sah und hörte es ihm an, daß er es nicht glaubte.

»Er lügt, er ist kein Engländer,« rief der Jude, welcher hoffte, dadurch seine Lage zu verbessern.

»Kannst Du beweisen, daß Du einer bist?« fragte der Polizist.

»Ja.«


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»Womit?«

»Das brauchen diese Kreaturen nicht zu wissen. Mein Name ist zu gut für sie. Komm mit heraus vor die Thür; so will ich es Dir beweisen. Vorher aber siehe Dir diesen Ring hier an.«

Er zog seinen Siegelring und gab ihm denselben zur Ansicht.

»O Allah!« rief der Mann. »Ein Diamant von solcher Größe! Du mußt reich, sehr reich sein, fast so reich wie der Engländer, welcher heut mit seiner Yacht im Hafen angekommen ist.«

»Wer sagt Dir, daß er so reich sei?«

»Zwei Männer im italienischen Hause, welche von ihm sprachen. Ich hatte ihnen ihre Pässe zu bringen.«

»Wohl Normann Effendi und Wallert Effendi?«

»Ja. Kennst Du sie?«

»Sie sind ja mit meiner Yacht gekommen. Ich bin jener Engländer, von dem sie gesprochen haben.«

»So bist Du wohl in incognito spazieren gegangen?«

»Ja, ich thue das sehr gern.«

»Nun, da bedarf es keiner Beweise weiter. Du bist recognoscirt und kannst gehen, wohin Du willst. - Alle tausend Teufel!« fügte er erschrocken hinzu, da ihm einfiel, daß er ja den Lord noch immer dutzte. »Bitte um Verzeihung, Mylord! Ich war einmal in dieses dumme Du hineingerathen. Also Sie können gehen, doch bitte ich um das Versprechen, sich zu stellen, falls Sie Ihr Zeugniß gegen diese Bande ablegen sollen.«

»Ich werde mich stellen. Aber ehe ich gehe, will ich Ihnen doch ein kleines Andenken hinterlassen.«

Er zog seine Börse und gab einem jeden Polizisten ein Goldstück, dem Webel aber fünf. Sie starrten ihn an, eine ganze Zeit. Eine solche Generosität war ihnen noch niemals vorgekommen. Dann aber brach ein heller Jubel los. Der Anführer aber salutirte und rief mit Emphase:

»Ja, ja, Sie sind der Lord! Sie können kein Anderer sein! Nur ein Engländer, der mit einer Yacht spazieren fährt, kann so ein Bakschisch geben! Allah gebe Ihnen ein Leben, zehntausend Jahre lang! Diese Hunde hier aber werden wir dahin bringen, wohin sie gehören. Sie werden sofort die Bastonnade empfangen, und ich verspreche Ihnen, daß sie womöglich bereits früh beim Tagesgrauen gehenkt werden sollen!«

Das war nun freilich sehr überschwänglich, bewies aber einen außerordentlich guten Willen. Dieser schien auch schnell in Thaten überzugehen, denn als der Engländer sich nun entfernte, vernahm er noch eine längere Zeit hindurch aus der Hütte her laute Schmerzensschreie, welche jedenfalls nicht durch eine sehr zarte Behandlung der Gefangenen hervorgerufen wurden.

Am Seeufer blieb er stehen, blickte unschlüssig nach links und nach rechts, schüttelte brummend den Kopf und sagte zu sich selbst:

»Verteufelt, verteufelt! Das war eine fatale Geschichte! Ging mir bald an das Leben! Möchte nur wissen, wem ich diese Rettung zu verdanken


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habe! Na, ich werde es morgen erfahren und den Betreffenden belohnen. Wenn alle Entführungen in dieser Weise ablaufen, so können meinetwegen alle Harems zu Schwartenwurst zerhackt werden, ich beiße sicher nicht hinein! Jetzt aber will ich machen, daß ich nach Hause komme! Ich habe die Ruhe nöthig!«

Er wanderte dem Hafen entgegen. Bald aber blieb er stehen, schlug sich mit der Hand an die Stirn und sagte:

»Das geht aber nicht! Ich bin blamirt! Auf das Schiff kann ich nicht. Dort warten sie auf die drei Mädels, und wenn ich allein komme, so lachen sie mich aus! Ich werde also lieber nach dem italienischen Hause gehen.«

Er drehte sich um und schritt stracks der Stadt entgegen. Noch aber hatte er die ersten Häuser derselben nicht erreicht, so blieb er abermals kopfschüttelnd stehen.

»Verteufelt, verteufelt! Ist das eine dumme Geschichte! Dort darf ich mich auch nicht sehen lassen! Da habe ich diesem Master Wallert gegenüber mit der dreifachen Entführung so dick gethan. Und statt zu entführen, bin ich beinahe eingeführt, das heißt eingesteckt oder eingesperrt worden. Wallert hatte mit seiner Warnung Recht. So ein junger Mensch ist doch heut zu Tage gescheidter als ein Alter. Früher war das ganz anders. Da waren die Alten dümmer als wir Jungen. Also auf dem Schiff bin ich blamirt und im Gasthofe bin ich blamirt. Wo laß ich mich nun lieber auslachen, hier oder dort? Ich werde mir das doch ein Bischen überlegen. Vielleicht gehe ich weder auf die Yacht noch nach dem Gasthause. Hier ist ein schöner, breiter Fahrweg. Die Sterne funkeln so schön, viel heller als es heute in meinem Kopfe gefunkelt hat; die Luft ist so rein und lau. Ich gehe ein Bischen spazieren, damit ich auf andere Gedanken komme.«

Er befand sich auf der nach dem Bardo führenden Straße und schlenderte langsam auf derselben hin. Er stieß hier und da ein zorniges Brummen oder Knurren aus. Er war im höchsten Grade mit sich unzufrieden, bis ihm ein Gedanke kam:

»Ja, so ist es, so! Ich habe zu abgeschlossen gelebt und bin deshalb ein ganz dummer Kerl geblieben. Steinreich und seelensgut, aber unerfahren, ungewandt im Leben. Ich habe auf meinem Geldsacke gesessen und bin also nichts als eben auch ein alter Sack geworden, ohne geistige Proportionen und intellectuelle Gliederung. Hols der Teufel! Das muß anders werden! Und was giebt es da für ein Mittel? Na, was denn anders als eine Heirath, so eine richtige Gemüthsheirath. Ich brauche eine Frau, welche mich derb in die Schule nimmt, die mir die Motten und Marotten gehörig ausklopft, aber das Alles in Liebe und mit Verstand, nicht etwa mit dem Besenstiel und dem Nudelholz. Es muß eine Frau sein, welche Einem mit Liebe um den Bart streicht, aber sich doch nicht fürchtet, wenn es nöthig ist, dem Manne einmal die Wahrheit auf der sanften Flöte vorzublasen. Nur auf dem Rumpelbasse darf sie mir nichts vorbrummen oder gar auf der Clarinette vorschmettern.«


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In diesem Gedanken ging er weiter; er hing ihm nach, und zwar mit innerem Vergnügen, so daß er gar nicht auf die Gegend achtete, in welcher er sich befand. Und endlich blieb er stehen, erhob den Arm wie zum Schwur und rief so laut, als ob er sich vor einer zahlreichen Versammlung befinde, der er diesen Entschluß amtlich mittheilen müsse:

»Ja, hört es Alle, Alle: Ich heirathe, ja, ich heirathe!«

»Wen denn?« erklang es hart vor ihm.

Der Lord ließ den Arm erschrocken sinken. Aus dem Dunkel der Nacht tauchte eine männliche Gestalt vor ihm auf und trat zu ihm heran. Der Engländer hatte französisch gesprochen, der Andere auch, und doch trug dieser Letztere, wie der Erstere sah, orientalisches Gewand.

»Wer hat hier zu fragen?« meinte der Lord.

»Ich. Das hören Sie ja.«

»Freilich höre ich es. Aber mit welchem Rechte fragen Sie?«

»Nun, allerdings nur mit dem Rechte der Neugierde. Da Sie so laut ausschreien, daß Sie heirathen wollen, so wollte ich gern wissen, wen.«

»Das geht Sie nichts an.«

»Da haben Sie freilich Recht. Aber sie tragen unsere Kleidung und sprechen doch französisch.«

»Sie ebenso.«

»Na ja. Ich bin nämlich ein Franzose.«

»Ich auch.«

»Halte es aber für besser, mich der hiesigen Tracht zu bedienen.«

»Ich ebenso.«

»Also sind wir Landsleute! Was sind Sie denn?«

»Schiffer.«

»Ah so! Matrose?«

Dem Lord war diese Antwort ganz zufällig in den Mund gekommen. Er hielt es nicht für nothwendig, die Wahrheit zu sagen. Darum erklärte er weiter:

»Matrose eigentlich nicht. Ich habe einen Kahn und rudere die Leute vom Hafen nach der Stadt.«

Er hatte sich während seines Spazierganges, um die Phantasie anzuregen, eine Cigarre angebrannt. Jetzt entfernte er die Asche, hielt sein Gesicht nahe an dasjenige des Unbekannten und that einige kräftige Züge. Dadurch wurde das Gesicht des Andern beleuchtet, während der Lord vorsichtiger Weise seine Hand so gehalten hatte, daß der spärliche Lichtschein nicht auf das seinige fallen konnte. Der Angeleuchtete trat rasch zurück und sagte in unwilligem Tone:

Der Angeleuchtete trat rasch zurück.

»Was thun Sie da?«

»Ich leuchte Sie an,« antwortete der Gefragte trocken.

»Das ist nicht nöthig.«

»O doch! Man will doch sehen, mit wem man spricht.«

Sein Ton war ein unbefangener, doch war das nur erkünstelt, denn er war eigentlich im höchsten Grade betroffen. Er hatte einen Menschen erkannt,


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welchem hier und in dieser ungewöhnlichen Stunde zu begegnen, eigentlich ein merkwürdiges Ereigniß war, nämlich den Derwisch Osman. Das eigenartige Gesicht desselben war gar nicht zu verkennen, obgleich er nicht die Kleidung der Derwische trug. Natürlich nahm der Lord sich in Acht, nicht selbst auch erkannt zu werden. Vielleicht war es möglich, etwas von ihm zu erfahren.

»Sie haben aber doch nichts davon, wenn Sie auch mein Gesicht sehen,« meinte der Derwisch. »Ich bin Ihnen doch unbekannt.«

»Freilich. Uebrigens habe ich Ihr Gesicht, trotzdem ich es erleuchtete, nicht sehen können. Eine Cigarre ist leider keine Fackel.«

»Zu welchem Zwecke spazieren Sie denn eigentlich hier herum?«

»Hm! Aus unglücklicher Liebe.«

»Was heißt das?«

»Na, sie mag mich nicht.«

»Ach so? Wer ist sie denn?«

»Die Tochter eines anderen Schiffers. Weil ich Christ bin, hat sie mir einen Korb gegeben.«

»Und nun laufen Sie in finsterer Nacht herum und fangen Grillen? Das hilft zu nichts.«

»Freilich, freilich! Was soll ich aber sonst fangen?«

»Es gäbe schon etwas Anderes zu fangen, wenn Sie nur wollten.«

»Was denn?«

»Ein Bakschisch, ein gutes Bakschisch.«

»Ein Schiffer ergreift jede Gelegenheit, ein Trinkgeld zu verdienen. Soll ich Sie irgend wohin rudern?«

»Nein. Es ist etwas Anderes. Haben Sie Zeit?«

»Wie lange?«

»Ein Stündchen ungefähr.«

»Wenn es nicht länger ist, so stehe ich zur Verfügung.«

»Schön. Aber ich muß vorher wissen, ob Sie verschwiegen sind.«

»Unsereiner muß das ja sein.«

»Gut, so kann ich Ihnen mein Geheimniß mittheilen.«

Er trat näher und sagte in vertraulichem Tone:

»Ich habe nämlich auch Eine.«

»Eine? Cigarre? So, so!«

»Unsinn! Ich meine eine Geliebte.«

»Ach so! Sie mag Sie wohl auch nicht?«

»Im Gegentheile, sie mag mich; aber es hat dennoch seine Schwierigkeiten. Sie ist nämlich auch Muhammedanerin. Vom Heirathen kann natürlich da keine Rede sein; aber so ein Bischen tändeln und schameriren - Sie verstehen mich?«

»Sehr gut.«

»Sind Sie Frauenliebhaber?«

»Und ob!«


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»So bin ich vielleicht im Stande, Ihnen Trost und Ersatz zu bieten. Nämlich die Meinige ist in einem Harem.«

»Donnerwetter!«

»Es sind eine ganze Menge der allerschönsten Mädchens da. Das wäre wohl auch etwas für Sie!«

»Ich bin auf der Stelle dabei, auf der Stelle!«

»Die Schöne hatte mich für heute bestellt. Ich sollte über die Mauer steigen und in den Garten kommen. Ich stellte mich auch ein, vor einer halben Stunde. Aber denken Sie sich mein Pech: Die Mauer war zu hoch!«

»Das ist allerdings sehr dumm!«

»Nun sitzt sie drinnen im Gartenhause und ich bin hausen. Ich mußte gehen und traf da glücklicher Weise auf Sie. Sie sind ungewöhnlich lang.«

»Ah, ich verstehe!«

»Ja. Wenn ich Ihnen auf die Schulter steige, so kann ich ganz gut hinüber. Wollen Sie mir helfen?«

Der Lord vermuthete natürlich, daß es sich nicht um ein Liebesabenteuer, sondern um irgend eine Schurkerei handle. Er freute sich außerordentlich, den Schuft hier getroffen zu haben und von ihm zum Vertrauten gewählt zu werden. Doch hielt er es für klug, sich dies nicht merken zu lassen, sondern die Einwilligung vielmehr zögernd zu geben. Darum antwortete er:

»Hm, etwas Angenehmes ist es nicht.«

»Wieso?«

»Ich helfe Ihnen hinüber und während ich dann auf Sie warten muß, befinden Sie sich da drin im Gartenhause im siebenten Himmel. Das ist ärgerlich.«

»Ah, Sie verlangen auch ein Stück Himmel?«

»Natürlich.«

»So sehr natürlich ist das nun freilich nicht. Die Meinige ist bestellt. Aber Sie weiß doch nicht, daß ich Sie mitbringe. Wie kann da noch eine Zweite da sein! Uebrigens werden Sie ja für das Warten entschädigt. Denken Sie doch an das Trinkgeld, welches ich Ihnen versprochen habe!«

»Ach so! Ja, das ist wahr. Wie viel bieten Sie?«

»Wie viel verlangen Sie für die Stunde?«

»Das möchte ich lieber Ihnen überlassen.«

»Gut. Ich gebe zwei Franken.«

»Zwei? Donnerwetter, müssen Sie da reich sein. Ich wollte einen halben Franken verlangen.«

»So sehen Sie also, daß ich sehr gut bezahle. Nun sagen Sie, ob Sie einwilligen.«

»Ja, natürlich! Zwei Franken! Da mache ich mit. Und wenn Sie mir gar versprechen, daß ich so Eine aus dem Harem bekommen soll, da gehe ich durch das Feuer.«

»Sie sollen Eine haben, aber für heute ist es nicht möglich. Sie müssen warten bis morgen; da gehen wir zusammen wieder hin.«


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»Einverstanden. Aber nun sagen Sie mir auch, wer und was Sie sind, da Sie es ja von mir wissen.«

»Das ist eigentlich nicht nöthig. Bei Haremsliebschaften giebt es immer Gefahr, und da ist es besser, wenn man sich gar nicht kennt. Uebrigens bin ich nicht hier wohnhaft. Ich bin Tourist und nehme dieses kleine Abenteuer mit, um eine Erinnerung an Tunis zu haben. Diese einheimische Kleidung habe ich natürlich nur angelegt, um nicht als Ausländer erkannt zu werden, wenn man mich ertappt und ich also zur Flucht gezwungen sein sollte.«

»So sind Sie eigentlich wohl ein vornehmer Herr?«

»Ja. Doch kommen Sie!«

»Wird die Schöne denn bis jetzt gewartet haben?«

»Gewiß. Sie hat mir versprochen, eine volle Stunde auf mich zu warten. Aber wie kommen Sie als Franzose dazu, hier auf dem See Bahira Kahnführer zu sein? Das ist doch eigentlich befremdend.«

»Ganz und gar nicht! Es giebt ja Franzosen hier wie Sand am Meere.«

»Das ist freilich wahr. Folgen Sie mir!«

Er schritt voran, von der Straße links ab.

Da lagen die dunklen Massen eines umfangreichen Gebäudes oder vielmehr eines ganzen Complexes von Häusern. Es fuhr dem Engländer durch den Sinn, ob dies vielleicht der Bardo sein möge, die Residenz des Bey von Tunis.

Der Derwisch führte ihn an der tiefen Seitenfläche dieser Gebäude hin, dann eine lange, lange Mauer entlang und, als diese zu Ende war, rechts um die Ecke derselben eine bedeutende Strecke hin. Dann blieb er stehen, deutete empor und sagte leise:

»Hier ist die Stelle. Grad hier liegt hinter der Mauer das Gartenhaus.«

Der Lord blickte an der Mauer empor und sagte dann:

»Ja, Sie allein können da nicht hinüber. Wenn Sie aber auf meine Achseln steigen, so ist es leicht.«

»Dazu habe ich sie eben mitgenommen.«

»Jetzt aber sehe ich, daß ich eigentlich nicht zu warten brauche, bis Sie zurückkommen.«

»Warum nicht?«

»Die Mauer ist ja gar nicht so hoch, daß Sie mich auch nachher brauchen. Sie können ganz gut herabspringen.«

»Denken Sie! Ah, das ist köstlich! Hören Sie, guter Freund, mit besonderer Weisheit und Pfiffigkeit sind Sie wohl nicht ausgerüstet?«

»Was soll das bedeuten?«

»Nun, es gehört doch gar nicht viel Gehirn dazu, um einzusehen, daß ich Sie brauche, um auch von drüben auf die Mauer kommen zu können.«

»Ach so! Das ist ja wahr. Drüben können Sie doch auch nicht allein hinauf.«


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»Also! Sie müssen mit hinüber in den Garten.«

»Aber wie ist das möglich? Wenn ich Ihnen hinauf geholfen habe, kann ich doch nicht auch hinauf. Dazu bin ich nicht lang genug.

»Da habe ich ein gutes Mittel bei mir. Eine Leiter kann ich nicht mit mir schleppen. Ich hatte gehofft, eine schadhafte Stelle der Mauer zu treffen, wo das Emporklettern möglich sein werde. Leider aber war dies nicht der Fall. Um aber für sonstige Eventualitäten ausgerüstet zu sein, nahm ich wenigstens einen Strick mit. Ich habe ihn mir um die Hüften gebunden. Sie helfen mir hinauf und nehmen dann das eine Ende des Strickes fest in die Hände. Ich klettere drüben an demselben hinab und halte dann so fest, daß Sie hier hinaufklettern und drüben hinabspringen können. Ganz auf dieselbe Weise kommen wir später wieder herüber. Nun werden Sie einsehen, daß Sie mit hinüber müssen, weil ich sonst ja gar nicht wieder heraus könnte.«

»Aber Sie haben da eine Tasche mit, wie ich sehe!«

»Es stecken einige Geschenke für die Geliebte drinnen. Also, wollen wir beginnen?«

»Ja. Ich werde die Hände hinten falten und Sie treten da hinein, dann auf die Achseln. Kommen Sie!«

»Da muß ich Ihnen meine Tasche zum Halten geben. Ich ziehe sie dann an dem Stricke empor. Aber seien Sie höchst vorsichtig damit. Es sind einige Kleinigkeiten drin, welche sehr leicht zerbrechen. Ich würde sonst beschämt sein, denn zerbrochene Dinge macht man nicht zum Geschenk.«

Er setzte die Tasche höchst leise und vorsichtig auf die Erde, stieg dann dem Engländer auf die Hände, welche dieser fest zusammenhielt und von da auf die Achseln desselben. Nun befand er sich so hoch, daß die obere Kante der Mauer ihm nicht ganz bis an die Brust reichte. Es war ihm also sehr leicht, hinauf zu kommen. Er setzte sich rittlings oben fest und sagte:

»Jetzt binde ich mir den Strick von der Taille und lasse ihn hinab, damit Sie die Tasche daran befestigen.«

Der Lord hatte dieselbe schon ergriffen; es galt ja, zu erfahren, was sich in derselben befand. Sie hatte keinen Bügel, sondern war oben offen. Er griff hinein und fühlte einen ziemlich langen und starken Holzbohrer, einen runden Wickel, den er für eine Rolle feinen Drahtes hielt, mehrere Nadeln von der Gestalt der Haarnadeln, nur länger und auch stärker, eine Blechkapsel in Form einer viereckigen und kaum einen Zoll hohen Schachtel und noch einige Gegenstände, über deren Natur und Zweck er nicht so schnell klar werden konnte.

»Na, da kommt der Strick,« flüsterte es von oben herab. »Befestigen Sie ihn an die Henkel. Aber sehr vorsichtig, damit Sie mir um Gotteswillen nichts zerbrechen.«

Die Tasche wurde in die Höhe gezogen.

Der Inhalt der Tasche wußte von sehr großer Wichtigkeit sein, da der Derwisch gar so sehr ängstlich war. Der Lord that so, wie ihm befohlen worden war. Die Tasche wurde emporgezogen und dann meinte der Derwisch:

»Da haben Sie den Strick wieder! Halten Sie ihn fest, ich klettere


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daran hinab. Wenn Sie dann merken, daß ich drüben fest halte, klettern Sie hinauf.«

So geschah es. Nach wenigen Augenblicken schon saß der Lord oben. Am Stricke hinabzuklettern, war ihm freilich nicht möglich, da er ihn ja nun fallen lassen mußte. Er legte sich quer mit dem Vorderleibe auf die Mauer, die Beine nach dem Garten gerichtet, rutschte langsam tiefer, bis er nur noch mit den Händen an der Mauerkante hing, und ließ sich dann fallen. Es war ein Sprung von nicht zwei Ellen Höhe; er erreichte den Boden ganz glücklich.

»Da bin ich,« sagte er. »Was nun weiter?«

»Weiter nichts, als daß Sie hier warten, bis ich wiederkomme. Ich gehe hier in den Kiosk.«

Der Kiosk, zu deutsch Gartenhaus, stand ganz in der Nähe. Man konnte ihn trotz der Dunkelheit deutlich sehen. Da er nicht hoch war und von einigen dicht belaubten Bäumen beschattet wurde, hatte der Lord ihn von außerhalb nicht bemerken können, trotzdem das kleine Gebäude sich nicht weiter als nur zehn Schritte von der Mauer befand.

»Steckt sie denn drin?«

»Ja.«

»Da hätte sie ja herkommen können!«

»Sie hat gar nicht bemerkt, daß ich komme.«

»Hm! Wenn ich sie mir doch einmal ansehen könnte!«

»Was Ihnen einfällt! Eine Haremsbewohnerin läßt sich doch nur von dem Geliebten ansehen. Morgen oder übermorgen, wenn wir wiederkommen, können Sie die Ihrige betrachten, die sie mitbringen wird.«

»Ja, wenn Sie wirklich Eine mitbringt!«

»Dafür werde ich sorgen.«

»Schön! Halten Sie Wort!«

»Was ich verspreche, das halte ich auch. Also bleiben Sie hier stehen, und seien Sie vorsichtig, daß Sie nicht etwa erwischt werden!«

»Sapperment! Es wird doch Niemand kommen!«

»Es giebt allerdings Gartenaufseher hier, doch glaube ich nicht, daß es einem von ihnen einfallen wird, die Runde zu machen. Sollte dennoch Jemand kommen, so legen Sie sich auf den Boden nieder, um nicht gesehen zu werden. Bedenken Sie, wenn man Sie erwischt, so kann auch ich nicht wieder hinaus!«

Er schlüpfte mit unhörbaren Schritten fort. Der Lord lauschte ein kleines Weilchen. Die tiefe, nächtliche Stille blieb von keinem Laute gestört.

»Sonderbares Abenteuer!« dachte er. »Dieser Hallunke hat kein Mädchen da drin. Er bezweckt etwas ganz Anderes. Wozu hat er den Bohrer? Wozu sind Draht und Nadeln bestimmt? Was befindet sich in der Blechkapsel? Ich werde doch nicht hier stehen bleiben, sondern einmal lauschen. Vielleicht bemerke ich Etwas. Aber ich werde sehr vorsichtig sein müssen.«

Er legte sich auf den Boden nieder und kroch auf Händen und Füßen nach dem Gebäude hin. Dort angekommen, lauschte er mit angestrengtem Gehör, aber ohne allen Erfolg. Er befand sich an der hinteren Seite des kleinen


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Gebäudes, welches nur aus Holz bestand. Sollte er um die Ecke kriechen, um den Eingang zu erreichen? Nein, das durfte er nicht. Der Derwisch hätte ihn bemerken können und dann seinerseits Argwohn gefaßt. Er blieb also liegen. Und das war gut, denn nach einiger Zeit vernahm er grad da, wo sich sein Kopf befand, ein leises, eigenthümliches Geräusch. Es war jedenfalls mit dem Bohrer verursacht. Er legte das Ohr an die Stelle, und hielt dann die Hand daran. Richtig! Jetzt fühlte er die Spitze des Instrumentes, welche diesseits durch das Holz drang. Der Derwisch hatte ein Loch gebohrt.

Zu welchem Zwecke? fragte sich der Lord.

Der Bohrer wurde zurückgezogen, und als der Engländer von Neuem und vorsichtig tastete, fühlte er, daß der ihm bekannte dünne Draht erschien und von dem Derwisch durch das Loch gesteckt wurde. Dieser Letztere schob so lange von innen, bis sich viele Ellen des Drahtes außen befanden, dann hörte er auf.

»Eine Drahtleitung!« sagte der Lord zu sich. »Wozu? Hat er etwa eine gefährliche Absicht? Ich muß aufpassen.«

Er lauschte wieder. Da vernahm er leise Schritte. Der Derwisch hatte den Kiosk verlassen. Der Lauscher hatte kaum Zeit, einige Schritte weit zurückzukriechen, so war der Andere bereits da, um an der Stelle, wo sich das Loch befand, niederzukauern. Was er da that, konnte der Lord nicht sehen.

Nach einigen Minuten schlich sich der Derwisch wieder in das Gebäude zurück. Schnell kroch der Engländer hin und untersuchte die Stelle mit den Fingern. Der Draht war nieder zur Erde gelenkt und da mit Hilfe einer der erwähnten Nadeln festgesteckt worden. Er hatte von da aus dann eine genügende Länge, um bis zur Mauer und über diese hinweggeführt zu werden.

»Jetzt errathe ich, was er will,« dachte der Lord. »Dieser Mensch will das Gartenhäuschen in die Luft sprengen. Aber auf welche Weise? Der Sprengstoff befindet sich jedenfalls in der Kapsel. Der Draht aber ist doch keine Lunte; er brennt nicht. Sollte es mit Elektrizität geschehen? Aber ein Derwisch und Elektrizität! Das paßt ja gar nicht zusammen. Was will ein solcher Kerl davon verstehen!«

Es war sehr gut, daß er aufmerkte, denn nach bereits sehr kurzer Zeit kam der Genannte wieder und setzte seine heimliche Arbeit fort. Der Engländer war schnell zurückgewichen, blieb ihm aber, immer auf der Erde liegend, so nahe, daß er ihn so leidlich beobachten konnte, wenn er auch nicht die einzelnen Bewegungen zu sehen vermochte. Richtig! Der Beobachtete befestigte den Draht an mehreren Stellen bis hin zur Mauer in den Boden. Jetzt war es für den Lord Zeit, sich zurückzuziehen. Er kroch an der Mauer entlang bis hin zur Stelle, wo er hatte warten sollen. Es war nicht weit dorthin. Nach kurzer Frist kam der Derwisch.

»Nun, haben Sie etwas Verdächtiges bemerkt?« fragte er.

»Nein. Es ist Niemand gekommen. War sie da?«

»Ja. Sie hatte eben fortgehen wollen. Sie hatte bereits sehr lange gewartet und konnte nicht länger bleiben. Darum bin ich so rasch wieder da.«


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»Haben Sie mit ihr von mir gesprochen?«

»Ja. Ich mußte ihr erzählen, auf welche Weise ich über die Mauer gekommen war.«

»Nun, wie steht es?«

»Gut. Sie bringt Eine mit.«

»Wann?«

»Morgen Abend. Wir sollen um Mitternacht kommen.«

»Das ist gut. Das giebt Ersatz für die Andere, die so dummer Weise mich nicht mag. Gehen wir?«

»Noch nicht gleich. Wir haben noch Etwas zu thun. Nämlich dieses gescheidte Mädchen hatte einen sehr guten Gedanken. Das Aufeinandersteigen ist gefährlich. Es giebt eine bessere Weise, über die Mauer zu kommen, nämlich mit einer Strickleiter.«

»Was hilft es uns, wenn wir eine Strickleiter mitbringen? Wir müßten doch herüber, um sie zu befestigen. Und wenn wir einmal herüber sind, so brauchen wir sie ja nicht. Das ist klar.«

»O, nicht wir, sondern die Mädchen werden die Leiter befestigen.«

»Ach so? Wir werfen sie ihnen herüber?«

»Nein. Ich habe da so ein Stückchen ganz dünnen Draht, um ihn in den Mauerritzen feststecken zu können. Diesen Draht führen wir hier an der Mauer empor und drüben wieder hinab. Verstanden?«

»Hm! Ja.«

»Das klingt ja recht bedenklich.«

»Es ist mir Einiges nicht klar. Wir sollen draußen die Strickleiter an den Draht befestigen?«

»Ja. Die beiden Mädchen ziehen sie dann an demselben zu sich herüber.«

»Aber der Draht steckt ja fest.«

»Blos einstweilen. Die Nadeln werden natürlich entfernt, wenn wir ihn gebrauchen. Jetzt aber müssen wir ihn anstecken, weil er doch nicht lose über die Mauer gelegt werden kann, da man ihn sonst ja leicht bemerken könnte. Verstehen Sie das nun?«

»Ja, jetzt ist mir die Sache klar.«

»So kommen Sie. Ich habe bereits eine Probe gemacht. Einige Schritte von hier geht es am Besten.«

Warum es Draht sein mußte, und warum dieser nicht hier, sondern grad dort, einige Schritte entfernt, befestigt werden mußte, das vergaß er zu erklären. Er hielt seinen Begleiter für dumm. Er hatte ihn heute nothwendig gebraucht; morgen brauchte er ihn nicht mehr, denn da war ja bereits geschehen, was er beabsichtigte. Wenn dieser dumme Mensch nur bis dahin schwieg, so war ja Alles gut, so unglaublich auch das Märchen war, welches er ihm erzählte.

Jetzt wurde der Draht an der Mauer emporgezogen, mit einigen Nadeln in die Ritzen befestigt, und dann stiegen sie empor, um ihn drüben herabzulassen


Ende der vierzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen - Deutsche Helden

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