Lieferung 2

Karl May

24. Dezember 1885

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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muhamedanische Damen beobachten. Ich schlich mich also vorsichtig näher, von Baum zu Baum und erblickte endlich einen offenen Tummelplatz, welcher von weiblichen Gestalten belebt war. Die Damen hatten die verunzierenden, sackförmigen Oberhüllen abgelegt und bewegten sich in den leichten Hausgewändern, welche die Schönheit der Formen so gut hervortreten lassen.«

»Hm! Wie bei Tschita.«

»Na, gut! Bald hing mein Auge nur noch an Einer. Ich sage Dir - doch, ich kann eben nichts sagen; kurz und gut, sie war ein herrliches Wesen, voller Anmuth und Zierlichkeit, und doch eine Juno von Plastik und Körperfülle. Besonders fielen mir die kleinen Füßchen auf und das weiße, köstliche Händchen, an welchem ein Solitär blitzte, wie ich genau sah, als sie mir einmal näher kam, ohne zu ahnen, daß ein Franke hinter dem starken Baumstamme verborgen sei. Ich war so enthusiasmirt, daß ich das Versteck erst verließ, als sie aufbrachen und zu den Wagen gingen, welche am Rande des Haines gewartet hatten. Ich mußte einen Umweg einschlagen, holte aber dann doch die Wagen ein. Als ich an ihnen vorüberging, wurde das Gespann derselben scheu. Der Führer wurde niedergerissen, und die beiden dummen Thiere rannten mit dem Wagen davon, ich natürlich hinterher. Die Insassinnen schrieen natürlich aus Leibeskräften um Hilfe. Es gelang mir, das eine Thier zu fassen. Ich bin nicht von herkulischen Gliedern, aber Du weißt, daß ich eine Muskelstärke besitze, welche man mir nicht zutraut. Ich brachte die Ochsen zum Stehen. Die Gardinen des Wagens hatten sich gelüftet, so daß also Retter und Gerettete sich gegenseitig erblicken konnten. Ich grüßte und wollte mich entfernen; da aber streckte die Eine der Verhüllten ein feines, weißes, köstliches Händchen aus dem Mantel mir entgegen, und eine süße Stimme sagte:

»Du bist ein Franke; nimm meinen Dank nach der Sitte Deiner Heimath!«

An diesem Händchen blitzte der Solitär. Ich küßte es ein - zwei - drei - erst beim dritten Male entzog sie es mir unter dem leisen Kichern der Andern. Später trennten sich die Wagen in der Stadt. Ich hatte nicht auffällig beobachten wollen, wurde also irre und konnte die Wohnung der Betreffenden nicht erspähen.«

»Jammerschade!«

»Vorgestern nun war ich im Bazar der Musselinhändler. Ich kaufte mir eine Kleinigkeit. Da trat eine Verhüllte herein, um sich Proben vorlegen zu lassen. Das war ganz dieselbe Stimme und auch ganz dasselbe Händchen mit dem Diamantringe. Natürlich konnte ich nicht mit ihr sprechen. Gestern kam ich, da ich sie im Gewühl verloren hatte, auf den Gedanken, wieder nach dem Bazar zu gehen. Kaum war ich eingetreten, so kam auch sie.«

»Ah! Sie interessirt sich also für Dich!«

»Ich empfand eine Freude, eine Wonne, ein Glück, wie ich es Dir gar nicht beschreiben kann. Ich habe die Seligkeit eines solchen Gefühls gar nicht für möglich gehalten. Das Herz besitzt wirklich Tiefen, welche man selbst noch


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gar nicht kennt. Dir wird es mit Tschita ganz ebenso ergangen sein?«

»Natürlich. Eine Schilderung ist da nicht nur überflüssig, sondern gradezu ein Unsinn. Worte können eben an die Göttlichkeit der Liebe unmöglich reichen. Aber, bitte, weiter! Ich bin ganz außerordentlich gespannt. Hast Du diesesmal mit ihr gesprochen?«

»Ja. Freilich kostete es mich eine nicht ganz unbedeutende Ausgabe, um den Kaufmann für einige Augenblicke bis in den letzten Winkel seines Locales zu entfernen. Da wir Beide jetzt Gütergemeinschaft haben, so befürchte ich, daß Du über diese Ausgabe zornig sein wirst.«

»Fällt mir nicht ein. Ich habe Dir ja gesagt, welche Summe ich von dem Lord erhielt. Weiter!«

»Du bist die Rose vom Thale der süßen Wasser?« flüsterte ich ihr leise zu.

»Nein,« antwortete sie.

»O doch!«

»Nein, nein!«

»Laß mich auf einen Augenblick Dein Antlitz sehen!«

»Du bist kühn, Fremdling!«

»Ich kam nur Deinetwegen hierher. Eine Ahnung sagte mir, daß auch Du kommen werdest. Ich werde Dir heute folgen, um zu sehen, wo Du wohnst.«

»Um Allah's willen, thue das nicht.«

»Ich werde es unterlassen, wenn Du wiederkommen willst.«

»Ich komme.«

»Dürfte ich doch einmal mit Dir sprechen! Sei barmherzig. Meine Seele schmachtet nach Dir!«

In diesem Augenblicke kam der Kaufmann wieder herbei. Wir hatten unsere Worte ganz leise und in fliegender Eile gewechselt, und doch war die Zeit zu kurz gewesen. Ich hatte keine bestimmte Antwort erhalten. Ich konnte nicht bleiben, ich mußte bezahlen und gehen. Draußen aber beim Nachbar blieb ich stehen, mir scheinbar die ausgelegten Waaren betrachtend. Da trat auch sie heraus. Sie erblickte mich und ging nun ganz hart an mir vorüber.

»Komme nicht nach!« flüsterte sie mir dabei zu.

Jetzt mußte ich hinter ihr her, und im Vorübergehen raunte ich ihr zu:

»Wenn Du mir morgen sagst, wo ich Dich treffen kann!«

Und als ich dann stehen blieb und sie an mir vorüber ließ, antwortete sie:

»Ich werde es Dir sagen.«

Also hielt ich Wort und folgte ihr nicht. Natürlich war ich außerordentlich gespannt, ob nun auch sie Wort halten werde, und wirklich, sie kam. Aber der Kaufmann hatte Lunte gerochen, er gab uns keine Gelegenheit, ein Wort zu sprechen. Sie aber hatte sich darauf vorbereitet. Sie ließ so, daß


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ich es sehen mußte, einen Zettel fallen. Natürlich entfiel mir nun mein Taschentuch, und ich hob Beides auf.«

»Was enthielt der Zettel?«

»Hier ist er. Lies!«

Hermann schob dem Freunde den Zettel hin. Darauf stand in lateinischen Lettern aber türkischer Sprache:

»Hermann Wallert Effendi. Komm heute um zehn Uhr nach dem großen Begräbnißplatz zwischen Mewlewi Hane und Topdschilar Keui. Ich bin in der Ecke nach Nordwest unter dem Epheu.«

»Was! Sie kennt Deinen Namen? Das heißt den Namen, den Du hier führst?«

»Nicht wahr, räthselhaft?«

»Aeußerst. Doch das wird sich aufklären. Um zehn Uhr ist nach türkischer Zeitrechnung zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Du willst in Frauenkleidern gehen?«

»Nein. Eine Frau allein, über den Meeresarm setzen und dann den weiten Weg bis zum Begräbnißplatze, das würde auffallen. Wir besuchen einfach den Kirchhof und nehmen aber den Anzug mit. Geht es ohne Gefahr, so bleibe ich in dieser meiner Kleidung; ist es aber gerathener, so ziehe ich dort den Frauenanzug an. Der Begräbnißplatz gleicht einem Walde. Da giebt es allemal eine verborgene Ecke, um sich dort unbemerkt umkleiden zu können.«

»Auf alle Fälle halte ich Wache. Wenn wir jetzt aufbrechen, kommen wir grad' kurz vor der angegebenen Zeit hin. Denkst Du nicht?«

»Ja. Rollen wir also den dünnen Anzug wie ein Plaid zusammen; dann läßt er sich ganz unauffällig an einem Riemen tragen.«

Bereits nach einigen Minuten saßen sie in einem Kaik, um sich über das goldene Horn setzen zu lassen.

Diese Kaiks sind lange, schmale, sehr leicht und schnell rudrige Boote, in denen man meist nur nach orientalischer Gewohnheit, das heißt mit untergeschlagenen Beinen sitzen kann. Der Kahn, welchen die beiden Freunde nahmen, war für mehrere Personen eingerichtet und zufälliger Weise der einzige, den es hier an dieser Stelle des Ufers gab.

Eben tauchten die beiden Kaiktschi, wie die Ruderer genannt werden, ihre Ruder in das Wasser, um vom Lande zu stoßen, als ein Mann mit beschleunigten Schritten sich näherte. Er winkte, zu warten. Als er die Landestelle erreicht hatte, fragte er:

"Würden Sie mir gestatten einzusteigen?"

»Meine Herren, würden Sie mir wohl gestatten, mit einzusteigen? Ich wünsche, überzufahren, und dies ist nur der einzige Kaik, den ich in diesem Augenblick hier sehe.«

Er trug einen vollständig türkischen Anzug. Darum wunderten sich die Beiden beinahe, daß er seine Bitte im reinsten Französisch ausgesprochen hatte. Seine hohe, breitschulterige Gestalt ließ auf eine große Körperkraft schließen. Sein Anzug war mit echten Borden verziert, und aus seinem Gürtel sahen


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die goldbesetzten Kolben zweier Pistolen und der mit edlen Steinen ausgelegte Griff eines Messers. Er schien also reich zu sein. Man konnte ihn auf vielleicht dreißig Jahre schätzen. Sein Gesicht war bleich, aber nicht von einer krankhaften Farblosigkeit. In den großen, dunklen Augen lag Geist und Leben, und ein starker, sehr gut gepflegter Schnurrbart gab ihm ein kriegerisches Aussehen. Der Fremde konnte als ein seltenes Beispiel männlicher Schönheit gelten. Er trug keine Handschuhe, und so sah man am kleinen Finger seiner rechten Hand einen Solitär von bedeutender Größe glänzen. Dieser Diamant allein repräsentirte ein nicht unbeträchtliches Vermögen.

Seine Bitte wurde natürlich erfüllt. Er stieg ein. Das Boot schien sich unter dem Gewichte seiner Person tiefer in das Wasser zu senken.

Während der Fahrt wurde kein Wort gesprochen, aber es war zu bemerken, daß der Blick des Fremden eigenthümlich forschend auf Hermann Wallert ruhte.

Als sie jenseits ankamen, hatte er bereits eine Börse gezogen und bezahlte die Kaiktschi's. Wallert wollte eine Einwendung dagegen erheben, doch der Andere wies sie mit einer energischen Handbewegung ab.

Das Boot hatte so angelegt, daß Normann und Wallert zuerst aussteigen mußten. Eben als der Letztere den Fuß an das Land gesetzt hatte, trat ein wie ein gewöhnlicher Arbeiter gekleideter Mensch an ihn heran und fragte:

»Bist Du Wallert Effendi?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, darüber erstaunt, daß dieser unbekannte Türke seinen Namen kannte.

»Ich habe Dir zu sagen, daß Du Dich in Acht nehmen sollst.«

Er wollte sich entfernen; aber Wallert ergriff ihn schnell beim Arme und erkundigte sich:

»Wo soll ich mich in Acht nehmen?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht auf dem Kirchhofe.«

»Wer läßt es mir sagen?«

»Sie!«

Er riß sich los und lief davon. Das war befremdend!

Der als Türke Gekleidete war hinter Wallert ausgestiegen. Er hatte das kurze Gespräch gehört, obgleich der geheimnißvolle Bote nicht die Absicht gehabt hatte, laut zu sprechen. Es zuckte wie ein fröhliches Lächeln über sein schönes Angesicht. Er trat näher an Wallert heran und sagte:

»Entschuldigung, mein Herr, wenn ich mich zum zweiten Male an Ihre Güte wende, nachdem ich Sie bereits einmal belästigt habe. Dieser Mensch nannte einen deutschen Namen. Ist es der Ihrige?«

»Ja. Ich heiße Wallert.«

»So sind Sie ein Deutscher?«

»Allerdings.«

»Dann mache ich mir das Vergnügen, Sie als Landsmann zu begrüßen. Darf ich mich Ihnen vorstellen?«


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Sie waren keineswegs am Ufer stehen geblieben, sondern langsam fortgeschritten. Der Sprecher griff in ein kleines, goldgesticktes Saffiantäschchen, welches an seinem Gürtel hing, und zog eine Karte heraus, welche er Wallert gab. Auf derselben war der einfache Name »Oskar Steinbach« zu lesen.

Wallert verbeugte sich und stellte Normann vor. Alle Drei begrüßten sich durch einen herzlichen Händedruck.

»Wer hätte in Ihnen einen Deutschen vermuthen dürfen,« meinte Normann. »Sie tragen sich wie ein Stocktürke.«

»Ich pflege mich den Gewohnheiten und Gebräuchen desjenigen Landes, in welchem ich mich befinde, anzubequemen.«

»Ah, so reisen Sie viel?«

»Ja. Ich habe das Schicksal des ewigen Juden, nirgends Ruhe zu finden.«

Bei diesen Worten glitt es wie ein Schatten über seine Züge, doch fuhr er sogleich in munterem Tone fort:

»Landsleute sollen sich nicht nur kennen lernen, sondern sich auch einander zur Verfügung stellen. Ich thue das hiermit.«

»Danke herzlich!« antwortete Wallert in seiner einfachen aber vornehmen Weise. »Wir sind Ihnen natürlich ebenso verbunden. Vielleicht will es der Zufall, daß wir uns wieder begegnen.«

»Der Zufall? Wollen Sie es diesem überlassen? Der Mensch soll Herr seines Geschickes sein. Ich hänge mit vollstem Herzen und mit ganzer Seele an dem Vaterlande und fühle mich erfreut, wenn ich in der Ferne ein Kind der heimathlichen Erde erblicke. Darum soll der Zufall keine Geltung haben. Ich bin hier vielleicht bereits besser eingewurzelt als Sie. Sollten Sie in die Lage kommen, irgend einer Hilfe, eines Freundes zu bedürfen, so haben Sie die Güte, sich nach dem alten Kutschu Piati zu bemühen. Dort dürfen Sie nur den Pferdeverleiher Halef nach meinem Namen fragen.«

»Das klingt ja sehr geheimnißvoll!« lächelte Normann.

»Ist aber sehr einfach. Noch einfacher freilich wäre es wohl, wenn Sie mir jetzt erlauben wollten, an Ihrem gegenwärtigen Spaziergange theilzunehmen.«

Er sagte das so unbefangen, als ob es sich von selbst verstehe; aber in seinem Augenwinkel bildete sich dabei ein kleines Fältchen, aus welchem die Schalkhaftigkeit blickte.

Die beiden Freunde befanden sich in einer kleinen Verlegenheit. Sie konnten den liebenswürdigen Landsmann unmöglich mitnehmen, wollten ihm aber die ebenso höfliche wie wohlgemeinte Bitte auch nicht abschlagen. Er fühlte das sofort heraus und fügte daher, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu:

»Ich habe keineswegs die Absicht, Ihnen meine Person aufzuzwingen, aber ich empfinde das Gefühl, daß Sie meiner vielleicht bedürfen werden.«

»Welchen Ursprung könnte dieses Gefühl haben?«

»In dem Menschen, welcher mit Herrn Wallert sprach. Ich glaube, gehört zu haben, daß Sie gewarnt worden sind.«

»Die Warnung gehörte wohl an eine andere Adresse,« versuchte Wallert, auszuweichen.


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»O, der Mensch nannte doch Ihren Namen. Sie sollen sich in Acht nehmen, und zwar auf dem Kirchhofe. Der Warner nannte das Wort »sie«; sein Auftrag stammt also von einer weiblichen Person. Das ist hier gefährlich. Der Abendländer hat die Gewohnheit, den Orient in romantischem Lichte zu sehen; leider aber zerfällt diese Romantik bei näherer Betrachtung in gewöhnlichen Staub und es bleibt nichts zurück, als die Gefahr, welcher der Fremde verfällt, weil er entweder von derselben gar keine Ahnung hat oder doch wenigstens ihre Größe unterschätzt. Ich darf Sie natürlich nicht bitten, mich in Ihre Geheimnisse einzuweihen, aber ich erlaube mir wenigstens, Sie zu fragen, ob Sie bewaffnet sind.«

»Man geht hier ja nie unbewaffnet aus.«

»So bedienen Sie sich nöthigenfalls nicht eines Schießgewehrs. Eine Pistole macht zu viel Lärm. Ein Messer ist da viel vortheilhafter. Es arbeitet im Stillen, und man kann sich in Sicherheit bringen, bevor Andere bemerken, daß man gezwungen war, sich zu vertheidigen.«

»Ach, auf so bösem Wege gehen wir nun freilich nicht!«

»O! Hm!« lächelte Steinbach nachdenklich. »Bitte, wollen Sie mir gestatten, mir Ihre Wohnung zu notiren?«

Wallert nannte und beschrieb sie ihm. Als er sich die Notiz in sein Taschenbuch gemacht hatte, machte er eine sehr höfliche aber doch einigermaßen gönnerhafte Verbeugung und sagte:

»Es soll mich freuen, Sie wiederzusehen. Ich betrachte einen jeden Landsmann, so lange er mir nicht feindlich gegenübergetreten ist, als Freund, und Freunde pflegt man ja doch nicht zu vergessen. Leben Sie wohl, meine Herren!«

Er wendete sich ab und schritt weiter, einem nahen Gebäude zu, hinter welchem er verschwand. Dort aber hemmte er seinen Schritt. Sein Gesicht nahm einen ernsten, sinnenden Ausdruck an. Er flüsterte vor sich hin:

»Wo habe ich nur ganz genau dieselben Gesichtszüge gesehen, welche dieser Wallert hat? Ich habe sie gesehen, das ist gewiß und zwar unter eigenthümlichen, ungewöhnlichen Umständen. Ich fühle das, obgleich es mir augenblicklich unmöglich ist, mich zu erinnern. Diese beiden jungen Leute scheinen einem Abenteuer nachzugehen und Abenteuer sind hier immer mit mehr oder weniger Gefahr verbunden, besonders wenn eine weibliche Person dabei die Hand im Spiele hat. Sie haben unbedingt eine Heimlichkeit vor. Einen Landsmann weist man nicht so unmotivirt ab. Sie wollten mich nicht bei sich haben und doch interessire ich mich für sie auf eine nicht ungewöhnliche Weise. Ich erfahre da einmal wieder, wie schnell man für ganz fremde Personen eingenommen werden kann. Ich werde Ihnen doch unbemerkt folgen. Es ist mir ganz so, als ob sie mich sehr gut brauchen könnten!«

Die beiden Freunde schritten der Mauer entlang, welche sich von dem Palaste Constantins hinab nach Jeni Bagtsche zieht. Dort liegt der Kirchhof, welcher das Ziel ihres Spazierganges war.

»Eine eigenthümliche Begegnung,« meinte Wallert. »Scheint es Dir nicht auch so?«


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»Ganz gewiß. Dieser Mann macht einen bedeutenden Eindruck. Nicht nur seine Gestalt ist eine königliche, sondern man steht da unbedingt vor der Ahnung, daß man es mit einem ungewöhnlichen Geiste zu thun habe. Dieses dunkle Auge hat wirklich die Macht, in das Innere Anderer zu dringen.«

»Er hat uns sofort durchschaut. Warum theilte er uns seine Adresse nicht mit? Warum sagte er uns nicht, was er ist und was er hier thut?«

»Hm! Er verglich sich mit dem ewigen Juden. Vielleicht haben wir es mit einem geistreichen Abenteurer, mit einer neuen Auflage von Cagliostro, Casanova oder Graf von Saint Germain zu thun.«

»Diesen Eindruck macht er nicht. Ah, schau Dir doch einmal die Gestalt an, welche dort an der Wasserleitung hinschreitet! Wenn das nicht ein Engländer ist und zwar ein höchst verrückter, lasse ich mich fressen.«

Da, wo die Wasserleitung aus Ederne Kapussi kommt, um nach dem Wege von Rodosto zu führen, lief eine lange, hagere Gestalt. Sie war nur von hinten zu sehen, doch erkannte man sehr deutlich, daß Cylinderhut, Rock, Hose und Fußbekleidung aus einem sehr auffälligen, grau und schwarz gestreiften Zeuge bestand. Mit demselben Stoffe war auch der riesige Regenschirm überzogen, welchen der Mann trug und auf dem Rücken hing an einem Riemen ein langes Rohr, welches eher einer alten Donnerbüchse als einem Telescop glich.

»Ah, wie kommt der Mensch hierher?« meinte der Maler lachend. »Gestatte mir, daß ich Dir Deinen Cousin vorstelle, Lord Eagle-nest!«

»Wie! Das ist er?«

»Wie er leibt und lebt.«

»Dann ist es allerdings wahr, was ich von ihm gehört habe. Er ist verrückt.«

»Nicht verrückt, aber ein Sonderling.«

»Du sprachst vom Vorstellen! Wir können ihn ja grad jetzt gar nicht gebrauchen.«

»Das weiß ich. Ich stelle ihn Dir also nur aus der Ferne vor. Du wirst ihn ja bald genug Auge in Auge zu sehen bekommen. Dort verschwindet er hinter den Bäumen. Wir aber biegen rechts ab, um zum Thore zu gelangen.«

Der Kirchhof umfaßt ein sehr weites, bedeutendes Areal und hat mehrere Thore, welche als Ein- und Ausgänge dienen. Es war der Haupteingang, durch welchen sie traten. Dort stand ein ernster Türke, welcher sie mit mißtrauischen Augen betrachtete. Als sie an ihm vorübertraten, erhob er die Hand und sagte:

»Halt! Ich bin der Wächter dieses Ortes. Ihr seid Franken?«

»Ja,« antwortete der Maler. »Das siehst Du doch wohl an unserer Kleidung.«

»Ich sehe es. Ich habe die Pflicht, Euch zu warnen.«

»Wovor denn?«

»Es ist eigentlich gegen das Gesetz des Propheten, daß Ungläubige die Stätte betreten, an welcher die Bekenner des Islam dem ewigen Leben ent-


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gegenschlummern. Aber der Großherr hat in seiner unendlichen Güte gestattet, daß auch die Franken eintreten dürfen, um zu sehen, wie die wahrhaft Frommen ihre Abgeschiedenen ehren. Doch ist ihnen dabei gar Mancherlei verboten.«

»Schön, mein Freund! Was aber ist uns verboten?«

»Wenn Ihr es wissen wollt, muß ich es Euch sagen.«

»Natürlich! Ich denke, wir müssen es sogar wissen?«

»Natürlich! Aber meine Zeit ist kostbar und wenn ich meine Stimme erhebe, um zu Euch zu sprechen, so seid Ihr verpflichtet, meine Güte mit Dankbarkeit zu lohnen.«

»Ah! Du willst ein Bakschisch?«

»Ja.«

Bakschisch heißt so viel wie Trinkgeld. Es ist dasjenige Wort, welches man im Orient am Oeftersten zu hören bekommt. Normann zog eine Münze vor und gab sie ihm. Sie mochte groß genug sein, denn der Wächter nickte vergnügt und sagte dabei:

»Euer Verstand ist groß und Euer Herz ist voller Einsicht; darum will ich Euch nicht mit den zahlreichen Verordnungen quälen, welche Ihr eigentlich wissen müßtet, sondern Euch nur Zweierlei sagen: Wenn Ihr einen Gläubigen am Tage beten seht, so achtet seine Andacht, ohne ihn zu stören. Und wenn Ihr an die Abtheilung der Frauen kommt, so schließt Eure Augen und wendet Euch von dannen, denn für Euch sind die Schönheiten unserer Weiber und Töchter nicht vorhanden. Wer gegen diese Verordnung sündigt, der hat eine strenge Strafe zu erleiden.«

Er wendete sich ab.

»Das wußten wir vorher!« lachte Normann. »Es war nur auf das Trinkgeld abgesehen. Der Gute ahnt nicht, daß wir gerade gekommen sind einer dieser verbotenen Schönheiten wegen. Also nach Nordwest müssen wir uns wenden. Epheu soll es dort geben. Werden sehen!«

Sie schlugen einen Weg ein, welcher zwischen den Gräbern und Cypressengruppen in der angegebenen Richtung führte. An diesem Wege stand eine Bank, eine Seltenheit auf einem orientalischen Kirchhof. Auf derselben saß ein reich gekleideter Türke, welcher die Kommenden mit scharfem, stechendem Blicke musterte.

»Schau den Kerl!« sagte Wallert. »Dieses Gesicht kannst Du Dir merken. Vielleicht hast Du einmal einen Räuberhauptmann, einen Massenmörder oder überhaupt einen schrecklichen Menschen zu malen.«

»Ja, der hat eine Galgenphysiognomie, ein wirkliches Mephistophelesgesicht. Und wie er uns anschaut! Gerade so, als ob er hier säße, um auf uns aufzupassen.«

Sie schritten vorüber. Sie bemerkten nicht, daß der Genannte unter einem befriedigten Nicken seines Kopfes leise vor sich hinflüsterte:

»Der Eine ist's - der Blonde. Auf ihn paßt die Beschreibung ganz genau. Aber er kommt nicht allein. Warum bringt er den Anderen mit?


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Dieser ist vielleicht der Maler, mit dem er die Wohnung theilt. Gut! So werden wir also zwei Missethäter ergreifen, anstatt nur einen!«

Er erhob sich von der Bank und folgte den Beiden langsam bis nach einer Baumgruppe, unter welcher eine Anzahl bärbeißig aussehender Männer stand.

»Habt Ihr die beiden Franken gesehen, welche hier vorübergingen?« fragte er.

»Ja, o Herr!« antwortete Einer.

»Der Kleine von ihnen war es. Ihn sollt Ihr ergreifen. Hilft ihm der Andere, so nehmt Ihr auch ihn fest. Zwei von Euch gehen nach dem Eingange der Epheulauben und warten des Zeichens, welches verabredet worden ist. Sobald es gegeben ist, treten sie ein und ergreifen ihn. Die Anderen mögen die Ausgänge besetzen für den Fall, daß es ihm doch gelingen sollte, aus den Lauben zu entkommen. Ich kehre jetzt zu meiner Bank zurück.«

Die Freunde waren auch an der Baumgruppe vorübergekommen. Sie hatten die Männer bemerkt.

»Das sind Polizeisoldaten,« sagte der Maler. »Mir kommt dies sehr auffällig vor.«

»Mir auch. Was wollen sie hier?«

»Zufällig sind sie jedenfalls nicht da. Sie können unmöglich die Absicht haben, die Seelen der Abgeschiedenen zu arretiren. Darum steht zu vermuthen, daß sie es auf eine Person abgesehen haben, die noch nicht abgeschieden ist.«

»Sapperment! Etwa auf mich?«

»Man sollte es nicht für möglich halten. Aber mir klopft das Herz. Ist das eine Ahnung, oder nur die Folge unseres bösen Gewissens? Vielleicht wäre es besser, das Abenteuer ganz aufzugeben.«

»Fällt mir nicht ein! Ich muß sie sehen, ich muß mit ihr sprechen. Ich verzichte nicht!«

»Da hat man es! Erst hast Du über mich den Kopf geschüttelt und nun kann ich ihn über Dich schütteln, nämlich den meinigen. Aufrichtig gestanden, sehe ich jetzt auch noch gar keine Veranlassung, zu verzichten. Die Anwesenheit dieser Polizisten wird uns mahnen, doppelt vorsichtig zu sein. Freilich, die Warnung da unten am Wasser! Das ist immerhin bedenklich.«

»Sollte sie zurückgehalten worden sein, weil man ihre Absicht entdeckt hat?«

»Pah! Wie sollte man sie entdeckt haben!«

»Vielleicht hat sie zu einer Mitbewohnerin des Harems davon gesprochen.«

»Das wäre unvorsichtig!«

»Aber doch sehr möglich. Diese hat es verrathen. Und nun will man mich in flagranti ertappen.«

»Diese Vermuthung hat allerdings Einiges für sich. Wenn Deine Ahnung richtig ist, so hätte Deine Angebetete Gelegenheit gefunden, Dich heimlich warnen zu lassen.«

»Es scheint so zu sein.«

»Nun, es ist besser, wir machen uns auf den schlimmsten Fall gefaßt;


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tritt er nicht ein, so ist es um so besser. Also nehmen wir an, diese Polizisten sind nur Deinetwegen da, so wissen sie ganz sicher, was Du hier willst.«

»Natürlich!«

»Sie werden Dir also nach dem Kirchhofswinkel folgen, wohin Du bestellt bist, um Dich dort zu ergreifen.«

»Donnerwetter! Das wäre eine verteufelte Sache. Der Muhammedaner versteht keinen Spaß, wenn es sich um ein hübsches Frauengesicht handelt. Wir haben zwar unseren Gesandten, aber - aber - hm!«

»Ah, ich vermuthe, Deine Liebe wird kühler?«

»O nein! Die Gefahr kann mich nicht abschrecken, der Einladung zu folgen. Aber vorsichtig werde ich sein. Weißt Du, Paul, man kann mich doch nicht ergreifen, ohne mich vorher zu beobachten -«

»Das ist gewiß.«

»Nun, Gleiches mit Gleichem! Wenn sie kommen, um mich zu beobachten, so beobachte Du sie. Du wirst sogleich sehen, daß sie es auf mich abgesehen haben, und in diesem Falle giebst Du mir ein Zeichen.«

»Schön! Worin soll das Zeichen bestehen?«

»In einem Pfiffe.«

»Das ist nicht zuverlässig. Vielleicht pfeifen diese Kerls auch. Ueberhaupt weiß ich ja gar nicht, ob ich Dir so nahe sein kann, um Dich durch einen Pfiff zu warnen. Wollen erst einmal die Oertlichkeit recognosciren. Im schlimmsten Falle werden wir uns möglichst unserer Haut wehren.«

»Na, ergreifen lasse ich mich nicht. Du weißt, daß ich mich vor einigen Gegnern nicht fürchte, obgleich ich nicht riesenhaft gebaut bin, und zudem habe ich Messer und Revolver - da, da ist die erwähnte Ecke.«

Sie hatten den Ort erreicht, der im Briefe angegeben worden war. Von der Ecke aus war die eine Mauer außerordentlich dicht mit Epheu bewachsen. Die Ranken desselben waren über Stützen gezogen und bildeten eine ganze Anzahl zusammenhängender Lauben, unter denen man an heißen Tagen wohlthätigen Schutz vor der Sonne fand. Aber welche der Lauben war gemeint?

»Es ist jedenfalls nicht verboten, hineinzugucken,« sagte Normann. »Siehe einmal nach, ob Du Deinen Engel irgendwo erblickst, dann werden wir -«

Er hielt inne, denn gerade vor ihnen erschien eine schlanke, aber tief verhüllte Frauengestalt zwischen dem grünen Blätterwerke. Sie legte die Hand auf die Brust und trat wieder zurück.

»Das ist sie, das ist sie!« sagte Wallert, sofort ganz begeistert.

»Erkennst Du sie denn?«

»Ja, ja,«

»O, diese Frauen sehen in ihren sackartigen Umhüllungen einander höchst ähnlich!«

»Sie ist es. Ich schwöre darauf.«

»Gut. So gehe. Aber nimm Dich in Acht. Theile ihr vorläufig nichts von mir mit. Weißt Du, hier giebt es eine solche Menge von Aas-


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geiern, daß der Schrei eines solchen gar nicht auffallen kann. Sehe ich, daß die Polizisten es auf Dich abgesehen haben, so ahme ich den schrillen Schrei dieses Vogels nach, zweimal hinter einander. Dann weißt Du, woran Du bist und kannst entfliehen.«

»Aber wohin?«

»Im Inneren der Lauben, immer an der Mauer hin. Vielleicht findest Du dabei Zeit, das Frauengewand anzuziehen. Hose, Mantel und Frauenturban, das über Deine fränkischen Kleider anzulegen, erfordert ja nur eine Minute. Den Schleier darüber und kein Mensch wird eine Hand nach Dir ausstrecken.«

»Und sie, soll ich sie verlassen!«

»Pah! Du kannst sie ja nicht jetzt am hellen, lichten Tage entführen! Und wenn man Dich nicht bei ihr findet, so kann man ihr auch nichts thun. Also vorwärts! Spring nur immer frisch hinein, das Wasser wird so tief nicht sein. Ich warte dann in der Nähe des Haupteinganges auf Dich. Jetzt aber werde ich beginnen, Deine Vorsehung zu sein.«

Normann kehrte eine kleine Strecke zurück. Dort gab es ein Grab, an welchem eine Traueresche stand, welche ihre Zweige bis auf die Erde über und um den Hügel herabgesenkt hatte. Sie war so dicht belaubt, daß man gar nicht durch die Blätter zu sehen vermochte. Der Deutsche schob mit den Händen einige der Zweige auseinander und bemerkte, daß diese dichte Blätterkuppel ein ganz herrliches Versteck bildete. Er sah sich um. Er war jetzt vollständig unbemerkt und - husch, kroch er hinein.

Er legte sich auf den ziemlich eingesunkenen Hügel. Der Ort war für seine Absicht geradezu wie geschaffen. Wenn er mit der Hand nachhalf, so konnte er nach allen Richtungen blicken, ohne daß man ihn bemerkte.

Er wartete, lebhaft gespannt, ob sich eine Gefahr nahen werde oder nicht. - Sie nahte allerdings.

Nach bereits kurzer Zeit hörte er Schritte. Er machte eine kleine Oeffnung zwischen den Zweigen und blickte hinaus. Da standen zwei der Polizisten hinter einer großen Cypresse. Von der Epheulaube aus konnten sie nicht gesehen werden; aber er sah es ihren Blicken und Gesticulationen an, daß sie es auf dieselbe abgesehen hatten. Der Eine von ihnen zog einige lederne Riemen aus der Tasche und steckte sie sich in den Gürtel.

»Ah!« dachte Normann. »So ist es also doch wahr. Sie wollen ihn gefangen nehmen. Hier sind Zwei, die Anderen werden die verschiedenen Ausgänge besetzt haben. Ich werde also das Zeichen geben.«

Er ließ zweimal den Schrei des Aasgeiers erschallen. Es gelang ihm so vortrefflich, die Stimme dieses Vogels nachzuahmen, daß die beiden Polizisten die Köpfe nach allen Richtungen drehten, um das Thier zu erblicken.

Seit Wallert in die Laube getreten war, waren nicht mehr als fünf Minuten verflossen. Es vergingen wenigstens noch ebenso viele, dann ertönte von der Laube her ein Pfiff. Die beiden Polizisten sprangen hinzu und hinein.


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»Himmelelement!« murmelte Normann. »Jetzt bin ich neugierig, wie es abläuft. Haben sie ihn, ist es ihm nicht gelungen, meiner Warnung zu folgen!«

Er brauchte nicht lange zu warten, so erschien die Frauengestalt unter dem Eingange. Der Schleier war beseitigt. Normann sah ganz deutlich das Gesicht.

»Alle Wetter!« fuhr er fort. »Das ist ja gar kein Mädchen. Das ist ein Knabe, jedenfalls so ein Verschnittener, der nur Mädchenformen hat. Wirklich, man hat es auf Hermann abgesehen gehabt. Möge er glücklich fort sein. Jetzt muß ich mich auch salviren. Finden sie mich hier, so merken sie jedenfalls, daß ich den Wächter gemacht habe, und dann geht es mir schlecht. Ich werde mich so heimlich durch die Anlagen pürschen wie ein Indianerhäuptling durch den Urwald. Wo aber sind die zwei Polizisten? Jedenfalls sind sie im Inneren der Lauben längs der Mauer fort, denselben Weg, den Hermann geflohen sein wird. Da säuselt der Liebliche vorüber. Könnte ich ihr einen Fußtritt oder einen tüchtigen Faustschlag geben, so würde ich mich freuen!«

Der verkappte Knabe hatte den Schleier wieder vor das Gesicht gelegt und ging vorüber dem Ausgange zu.

Normann überzeugte sich, daß sein Versteck jetzt unbeobachtet sei, und kroch heraus. Nach allen Seiten spähend, schlich er sich zwischen Platanen, Akazien, Cypressen, Trauerweiden und allerlei Sträuchern, mit denen die Gräber bepflanzt waren, weiter, um ja von dieser Ecke so weit wie möglich fortzukommen. Dabei gelangte er an einen breiten, offenen Gang, welcher nicht zu vermeiden war. Er lugte vorsichtig hinaus. Da erblickte er einen Polizisten, welcher von rechts daherkam. Links stand ein Zweiter, welcher auf den Ersteren zu warten schien.

»Soll ich zurück, damit sie mich nicht sehen?« fragte er sich. »Nein! Einmal muß ich mich doch sehen lassen, und da ist es besser, ich thue es gleich. Man kann mir nichts nachweisen und ich brauche also keine Angst zu haben. Also jetzt, nehmen wir eine fromme Maske vor!«

Er entblößte den Kopf und kniete an dem Grabe nieder, bei welchem er stand. Es lag ganz nahe am Rande des Weges. Er hörte die Schritte des Polizisten, that aber gar nicht, als ob er sie vernehme.

Der Mann blieb stehen. Er erkannte Den, den er suchen sollte, und war ganz erstaunt, ihn, den Christen, hier am Grabe eines Muhammedaners beten zu sehen. Er wartete eine kleine Weile, dann fragte er:

»Was thust Du hier?«

Normann wendete schnell den Kopf, als ob er erschrocken sei, und antwortete:

»Siehst Du das nicht?«

»Ich glaube gar, Du betest!«

»Natürlich bete ich!«

»Aber das darfst Du nicht!«

»Warum?«


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»Die Andacht eines Ungläubigen schändet die Ruhestätte des Gläubigen. Was hast Du überhaupt hier auf dem Kirchhofe zu suchen?«

»Bist Du vielleicht der Wächter desselben?«

»Nein. Aber Du siehst, daß ich Khawaß (Polizist) bin!«

»Das sehe ich; aber was habe ich damit zu schaffen? Gehe Du Deines Weges und ich wandle den meinen!«

»Das magst Du thun, wenn es Dir gelingt. Vorher aber werde ich Dich zu dem Pascha bringen.«

»Zu welchem Pascha?«

»Du wirst es sehen. Komm!«

»Soll das ein Befehl sein?«

»Ja. Geh hier voran! Ich habe keine Zeit!«

»Weißt Du auch, was es heißt, einen Franken zum Gehorsam zu zwingen? Was habe ich gethan, daß Du es wagst, mit mir wie mit einem Verbrecher zu sprechen?«

»Der Pascha mag es Dir sagen. Gehe jetzt!«

Normann weigerte sich natürlich nicht, dem Gebote Folge zu leisten. Er wurde zu der Bank geführt, auf welcher der Türke mit dem Spitzbubengesicht saß - jedenfalls der Pascha, von welchem der Polizist gesprochen hatte. Ein wenig zur Seite stand der Knabe, welcher die Frauenumhüllung abgelegt hatte. Normann erkannte ihn sogleich wieder. Als der Pascha ihn erblickte, zogen sich seine Brauen finster zusammen.

»Warum nur diesen?« fuhr er den Polizisten an. »Wo ist denn der Andere?«

Der Gefragte kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich fast bis zur Erde und antwortete:

»Dein unwürdigster Diener hat nur ihn gesehen und ihn festgenommen. Meine Kameraden werden auch den Anderen sehen und ergreifen.«

»So passe auf Diesen auf, damit er uns nicht entkommt!«

Der Polizist stellte sich neben Normann. Dieser trat vor und sagte:

»Man hat mich gezwungen, hierher zu gehen. Wer bist Du und wer giebt Dir das Recht, mir Zwang anzuthun?«

»Schweig!« fuhr ihn der Pascha an.

»Ich werde nicht eher schweigen, als bis ich weiß, weshalb man sich an mir vergreift!«

»Du weißt es, Hund, Verführer!«

»Wie? Du schimpfest mich? Gut, ich gehe, damit Du nicht wegen Beleidigung des Unterthanen eines mächtigen Herrschers bestraft werdest.«

Er wendete sich zum Gehen; aber der Polizist ergriff ihn am Arme und der Pascha brüllte ihn an:

»Wage es nicht, zu entfliehen! Wenn Du noch einen Schritt thust, so lasse ich Dich binden!«

Normann wollte antworten, schwieg aber, als sein Auge auf einen Mann fiel, den er hier nicht erwartet hatte. Nämlich Lord Eagle-nest kam in diesem


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Augenblicke zum Thore herein und stieg, als er den Maler erblickte, in langen, eiligen Schritten, wie ein riesiger Storch herbei. -

Als Wallert in die Laube getreten war, hatte das vermeintliche Mädchen in einer Ecke derselben gestanden. Dort hingen die Zweige des Epheus in so langen und reichen Festons hernieder, daß man sich vollständig hinter denselben verbergen konnte.

»Komm hierher!« flüsterte sie ihm zu. »Da kann man uns nicht entdecken.«

Er folgte dieser Aufforderung und ließ sich von ihr unter die Zweige ziehen, wo ein trauliches Halbdunkel herrschte. Sie hatte seine Hand ergriffen. Er hielt ihre Finger fest und fühlte und erblickte den Brillantring, welchen er so wohl kannte. Sie war es also.

Und doch überkam ihn ein gar eigenthümliches Gefühl. Es war ihm gar nicht so, wie es Einem in der Nähe der Geliebten sein soll.

»Wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist!« flüsterte sie, indem sie sich an ihn schmiegte.

Dieses Flüstern fiel ihm auf. Warum sprach sie nicht lauter? Sie waren ja allein. Sie brauchte ja nicht gerade so laut zu sprechen, daß man es meilenweit hörte!

»Wie lange bist Du bereits hier?« fragte er in ziemlich kaltem Tone.

»Ueber eine Stunde. Mein Herz sehnte sich nach Dir. Fast befürchtete ich, daß Du nicht kommen werdest.«

»O, Du konntest sicher darauf rechnen.«

»Nicht alle Franken haben den Muth, sich einer solcher Gefahr auszusetzen. Du hast doch meinen Brief keiner anderen Person gezeigt?«

»Keiner. Wer hat ihn geschrieben?«

»Ich selbst.«

»So verstehst Du dich auf die Schrift der Franken?«

»Es wird uns jetzt vieles Fränkische gelehrt. Aber warum bist Du nicht allein gekommen?«

»Mein Freund begleitete mich, ohne zu wissen, was ich hier auf dem Friedhofe -«

Er hielt inne, denn eben jetzt hatte Normarm das verabredete Zeichen gegeben.

»Was horchst Du?« fragte sie. »Ein Geier ließ sich hören. Was wolltest Du sagen?«

»Ich wollte sagen, daß wir uns in Gefahr befinden.«

»O nein! Fürchtest Du Dich?«

»Für mich kenne ich keine Furcht, wohl aber für Dich.«

»Ich habe keine.«

»Aber Du bist ja verloren, wenn man mich hier bei Dir findet.«

»Wer soll uns finden?«

»Die Khawassen, welche draußen unter den Bäumen standen.«

»Hast Du sie gesehen? O, die haben wir nicht zu fürchten.«


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»Doch! Ich muß Dich schnell verlassen. Sehe ich Dich wieder auf dem Bazar der Musselinhändler?«

»Ja, aber nur, wenn Du jetzt da bleibst.«

»Ich kann nicht. Mein Leben ist in Gefahr und das Deinige auch. Lebe wohl!«

Er hatte bis zu diesem Augenblicke noch nicht ein einziges liebevolles Wort gesagt oder eine zärtliche Bewegung gemacht. Jetzt wollte er fort; sie aber hielt ihn mit der Hand unter fühlbarer Anstrengung ihrer Kräfte fest und sagte in dringlichem Tone:

»Wenn Du mich lieb hast, so bleibe!«

Sie legte ihre Finger noch fester um sein Handgelenk und streckte auch die andere Hand unter dem Mantel hervor. Ein verirrter, heller Sonnenstrahl brach durch den Epheu und fiel auf ein kleines, metallenes Pfeifchen, welches sie in der Hand hielt. Beim Anblicke dieses Gegenstandes wurde es Wallert klar, woran er war. Er durfte sie weder pfeifen noch rufen lassen. Sie hatte ihn hierher gelockt; er brauchte keine Rücksicht auf den Umstand zu nehmen, daß das weibliche Geschlecht das zartere genannt wird. Er faßte ihre Hand, welche die Pfeife hielt.

»Verrätherin! Das gelingt Dir nicht!«

Bei diesen Worten fuhr er ihr mit der anderen Hand unter den Gesichtsschleier und legte ihr die Finger um den Hals. Ein kräftiger Druck, ein Röcheln - sie verlor den Halt und sank auf den Boden nieder.

»Ein so herrliches Geschöpf und doch eine so niederträchtige Verrätherin!« dachte er.

Er entfernte den Schleier um wenigstens ihr Gesicht noch schnell zu sehen, fuhr aber betroffen zurück.

»Alle Teufel! Eine Mannsperson! Ah, gut, sehr gut! Hier, Kerl, hast Du noch einen Schlaftrunk!«

Er schlug ihm die Faust an die Schläfe; der Verkleidete hatte bereits wieder Luft geschöpft und wollte die Augen öffnen, jetzt aber verlor er das Bewußtsein.

Wallert blickte sich um. Die Nachbarlaube war leer; die nächste auch. Er entfernte sich dorthin. In der vierten oder fünften Laube gab es eben so dicke Epheugehänge wie in der ersten. Er steckte sich dahinter. Man konnte hier ganz gut vorübergehen, ohne ihn zu bemerken.

Er nahm den Riemen von der Schulter und schnallte den Frauenanzug los. Die weiten Pumphosen waren schnell angelegt und unten zugebunden. Darüber kam der Mantel, die turbanartige Kopfbedeckung und zuletzt der Schleier. Jetzt verließ er das Versteck, schritt nur noch durch die Nachbarlaube und trat aus dieser in das Freie hinaus.

Da stand, gar nicht weit von ihm, ein Polizist mitten auf dem Wege, doch mit dem Gesicht abgekehrt. Schnell huschte Wallert zwischen die Sträucher hinein und gelangte auf einen Seitenweg, welcher nach dem Hauptgange führte.


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Der Flüchtling erreichte denselben und schritt von da in aufrechter, würdevoller Haltung langsam dem Thore zu.

Dort an demselben stand der Wächter mit einem Polizisten. Keiner von Beiden ließ es sich einfallen, die weibliche Gestalt aufzuhalten oder ihr auch nur ein fragendes Wort vorzulegen. Wallert kam also glücklich hinaus und wendete sich schleunigst einem nahe liegenden Olivengarten zu, um unter dem Schutze von dessen Bäumen die Kleider wieder abzulegen.

Er war aber noch nicht weit gekommen, so kam unter den erwähnten Bäumen die schwarz und grau carrirte Gestalt des Lords hervor.

»Wunderschön!« lachte Wallert. »Ich werde mich dem Herrn Cousin vorstellen, aber freilich ganz anders als ich es vor Kurzem noch vermuthete.«

Sie kamen einander entgegen.

»Good day, Mylord - Guten Tag, Lord!« grüßte er.

Der Lord blieb stehen, ganz starr vor Erstaunen, sich von einer Türkin gegrüßt zu hören und noch dazu in seiner Muttersprache, der englischen.

»Good day, Sir!« wiederholte Wallert.

»Your servant! How do you do - Ihr Diener! Wie geht es Ihnen?« entfuhr es ihm.

Er merkte gar nicht, wie dumm es eigentlich war, diese Worte auszusprechen.

»Ich danke,« antwortete Wallert mit Fistelstimme. »Sind Sie bereits lange von London fort?«

»Sehr! Wo haben Sie mich dort gesehen?«

»In der Paulskirche.«

»Bei welcher Gelegenheit?«

»Sie traten während des Orgelspieles die Blasebälge.«

Der gute Lord riß den Mund auf, so weit er konnte.

»Ich -«

»Ja.«

»Sie irren! Sie scheinen mich für einen Anderen zu halten!«

»O nein. Sie sind Lord Eagle-nest.«

»Der bin ich allerdings; aber die Blasebälge habe ich noch niemals in Bewegung gesetzt.«

»Nicht? Ich hätte geglaubt, es beschwören zu können.«

»Aber, Mylady, Sie sind Engländerin?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Ich bin eine Türkin und wollte Sie bitten, mich aus meinem Harem zu entführen.«

»Verteufelt, verteufelt! Sind Sie schön und jung?«

»Beides.«

»Bitte, zeigen Sie mir einmal Ihr Gesicht!«

»Nicht eher, als bis ich Sie den Meinigen nennen darf. Beim ersten Kusse sollen Sie sehen, daß Sie gar keine Schönere entführen konnten.«


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»Beim ersten Kusse? Verteufelt, verteufelt! Sind Sie verheirathet oder ledig? Soll ich Sie Ihrem Manne entführen oder Ihrem Vater?«

»Meinem Vater. Es hat mich noch kein Mann berührt. Sie sollen der Erste sein, der mich umarmen darf.«

»Wirklich? He? Wie? Wie aber steht es mit der Entführung? Wo wohnen Sie und wann soll ich kommen?«

»Das wird Ihnen Herr Normann sagen.«

»Normann? Sapperment! Meinen Sie den Maler?«

»Ja.«

»Was! Sie kennen ihn?«

»Ich weiß, daß Sie miteinander eine Türkin entführen wollen; darum freue ich mich, daß ich Sie hier treffe. Sie können das Nöthige gleich mit ihm besprechen. Ich warte auf Sie Beide.«

Der Engländer wußte nicht, ob er wache oder träume. Da kam ihm die Entführung aus dem Serail ja geradezu entgegengelaufen. Er fragte:

»Gleich mit ihm besprechen? Wo denn?«

»Da auf dem Friedhofe, wo er sich befindet. Sie werden ihn bald sehen. Sagen Sie ihm, daß ich unten am Wasser auf ihn warten werde, da, wo wir ausgestiegen sind. Wenn Sie ihn mitbringen, können wir zu Dreien in dem Kaik überfahren.«

»Was! Ueberfahren? Ich auch mit?«

»Versteht sich.«

»Wohin denn?«

»In meine Wohnung.«

»Verteufelt, verteufelt! Geht das rasch! Und von dort sollen wir Sie entführen?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, ja.«

»Ob ich die Güte haben will! Na, da brauchen Sie gar nicht erst zu fragen. Aber, mein schönes Kind, dann wäre es ja viel klüger, Sie blieben gleich jetzt bei mir! Warum erst wieder in Ihre Wohnung und dann Sie entführen?«

»Nun, sonst wäre es ja keine Entführung!«

Der Engländer starrte sie betroffen an und sagte dann:

»Ah, ja! Daran habe ich gar nicht gedacht! Sie haben Recht, vollständig Recht. Ich will Sie ja entführen! Aber wenn wir Beide dabei wirken, ich und der Maler, wer kriegt Sie dann? Er oder ich?«

»Sie wechseln ab. Eine Woche er und eine Woche Sie.«

»Verdammt!« meinte der Carrirte. »Das ist nun freilich nicht nach meinem Geschmacke.«

»So machen Sie es schmackhafter, ganz wie Sie wollen. Sie können sich ja mit ihm besprechen.«

»Gut, das lasse ich mir eher gefallen! Also ich werde ihn jetzt auf dem Friedhofe treffen, um ihm zu sagen, daß er dahin kommen soll, wo Sie ausgestiegen sind?«


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»Ja, so ist es.«

»Und dann werden Sie mit uns Beiden überfahren, um sich entführen zu lassen?«

»Sehr gern!«

Die kleinen Augen blitzten vor Freude durch die Gläser der mächtigen Hornbrille. Er blinzelte der Türkin höchst vertraulich zu und fragte:

»Könnte man denn da nicht etwas auf Abschlag erhalten?«

»Was denn?«

»Nun, eine Umarmung ungefähr.«

»Sie verlangen zu viel!«

»Einen Handkuß. Das ist doch bescheiden!«

»Ja, den lasse ich mir eher gefallen.«

»Also bitte!«

Er nahm den Regenschirm in die linke Hand und streckte die rechte verlangend aus.

»Nicht so schnell! Wir müssen uns vorher überzeugen, ob wir unbemerkt sind.«

»Keine Angst! Ich sehe Niemand. Es ist kein Mensch in der Nähe, keine Seele. Also bitte, Ihre Hand!«

Da streckte Wallert seine Hand aus den Falten hervor und sagte:

»Es ist der erste Handkuß, den ich von einem Manne erhalte. Möge er Ihnen gut bekommen!«

Der Carrirte küßte die Hand zwei-, dreimal und sagte dann:

»Sie machen mich zum glücklichsten Sterblichen. Auch ich erfahre erst jetzt, wie ein Händekuß schmeckt.«

»Nun, wie schmeckt er, Mylord?«

»Ganz unvergleichlich! Es läßt sich dieser Geschmack nicht mit Worten beschreiben. Wie herrlich muß da erst ein Kuß auf Ihre Granatlippen sein! Ich brenne vor Verlangen, dies kennen zu lernen.«

»So eilen Sie, den Maler zu holen! Je schneller Sie jetzt handeln, desto eher kommen Sie zum herrlichen Ziele. Leben Sie wohl, Mylord!«

Sie wendete sich um und verschwand in langsamem Gange und selbstbewußter Haltung unter den Bäumen. Er war stehen geblieben und blickte ihr nach, bis sie verschwunden war.

»Zum herrlichen Ziele!« wiederholte er entzückt. »Ja, die entführe ich, diese und keine Andere! Dieser Gang, diese Haltung! Diese Manier, diese Stimme und dieses zarte Händchen. Verteufelt, verteufelt! Die herrliche Tschita des Malers Normann kann nicht so schön sein wie diese Türkin! Mein muß sie werden, mein, mein, mein! Und wenn man sie hundertmal in einen Sack steckt und in das Meer wirft und ersäuft, ich hole sie mir alle hundertmal wieder heraus! Was wird der Maler sagen! Ich muß sogleich zu ihm.«

Er wendete sich dem Friedhof zu. Als er den Eingang desselben passirte, erblickte er sofort den Gesuchten und schritt direct auf ihn zu.

»Siehe da, Master Normann,« sagte er. »Gut, daß ich Sie treffe!


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Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, über welche Sie staunen werden.«

Er streckte ihm die Hand entgegen, erhielt aber dabei von dem Polizisten einen Stoß.

»Geri tschek!« gebot der Mann.

Der Brite blickte den Maler erstaunt an und fragte:

»Wie war das? Geri und Schecke? Was will dieser Kerl von mir?«

»Er sagte geri tschek! Das heißt: geh zurück!«

»Was! Das klänge ja gerade, als ob man mir hier etwas befehlen wolle!«

»So ist es auch. Das ist ein Polizist.«

»Was mache ich mir aus der Polizei?«

»O, o! Ich bin Gefangener.«

»Sie? Nicht möglich! Weshalb?«

Sie hatten englisch gesprochen. Der Pascha hatte ihnen schweigend zugehört. Jetzt sagte er zu dem Lord, und zwar auf englisch, wenn auch in gebrochener Aussprache:

»Was haben Sie mit meinem Gefangenen zu schaffen?«

»Geht Sie das etwas an?«

»Ja. Ich bin hier der Befehlende. Wer sind Sie?«

»Ich bin Lord Eagle-nest. Verstanden!«

»Verstanden, ja! Aber das geht mich ebenso wenig an, wie Sie sich aus der Polizei machen. Entfernen Sie sich!«

»Oho! Spricht man so mit einem Peer von Großbritannien und Irland! Ich werde mir Genugthuung zu verschaffen wissen und - ah, wer ist das?«

Die Thüre zum Wächterhäuschen hatte sich geöffnet und Steinbach trat heraus. Er mochte sich bereits seit längerer Zeit im Inneren befunden und die Vorgänge von da aus beobachtet haben. Er kam herbei, nickte dem Maler freundlich zu und wendete sich dann fragend an den Pascha:

»Warum ist der Mann gefangen?«

»Was geht das Dich an?«

»Vielleicht mehr als Dich!«

»Allah '1 Allah! Kennst Du mich?«

»Ja, Du bist Ibrahim Pascha, der Sohn von Melek Pascha.«

»So wirst Du wissen, daß man mir zu gehorchen hat.«

»Deine Diener haben Dir zu gehorchen, sonst aber kein anderer Mensch!«

»Das wagst Du, mir zu sagen? Wer bist Du?«

»Du kennst mich nicht?«

»Nein.«

»So höre meinen Namen!«

Er neigte sich zu dem Sitzenden nieder und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Der Pascha erhob sich sofort von der Bank. Sein Gesicht legte sich in höfliche Falten; er machte eine Verbeugung und sagte:


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»Verzeihe, daß ich das Glück noch nicht hatte, Dein Angesicht zu sehen! Ich ließ mir heute eine Abtheilung Polizisten geben, um eine Schmach zu bestrafen, welche meinem Hause widerfahren sollte.«

Der geheimnißvolle Deutsche lächelte ihm überlegen in das Gesicht und fragte:

»Welche Schmach meinst Du?«

»Man wollte mir mein Lieblingsweib verführen.«

»Wer wollte das thun? Dieser Mann?«

Dabei deutete er auf Normann.

»Nein, er nicht, aber sein Freund.«

»Er nicht? Und doch hast Du ihn ergreifen lassen?«

»Er ist mit ihm gekommen. Er ist mitschuldig.«

»Kannst Du das beweisen?«

»Ich beschwöre es!«

»Wo ist sein Freund?«

»Wir suchen ihn.«

»Und wo ist Dein Weib?«

»Daheim im Harem.«

»Ich denke, man hat sie verführen wollen!«

»Ja, man wollte es.«

»Wo denn? Hier?«

»Ja.«

»Und sie ist nicht da? Sie ist nicht gekommen?«

»Nein. Sie weiß nichts davon.«

»Ah! Man hat sie hier verführen wollen; sie aber weiß nichts davon und sie ist gar nicht gekommen! Wo hast Du Deine Gedanken? Wenn sie nicht da ist, kann sie nicht verführt werden und es kann also auch kein Mensch polizeilich festgenommen werden.«

Der Pascha hatte ein solches Argument nicht erwartet. Er zog die Brauen zusammen und legte die Stirn in Falten. Der Zorn regte sich in ihm.

»Der Freund dieses Menschen heißt Wallert,« sagte er. »Er hat mit meinem Weibe gesprochen, draußen im Thale der süßen Gewässer. Ich habe es erfahren und ihm an ihrer Stelle einen Brief geschrieben, um ihn hierher zu bestellen. Er ist gekommen. Ich legte diesem Sclaven Frauenkleider an; er sollte für das Weib gehalten werden. Wallert hat mit ihm in der Laube gesteckt. Er hätte es gethan, auch wenn es wirklich mein Weib gewesen wäre. Ich suche ihn und werde ihn festnehmen. Er soll seine Strafe bekommen!«

»Ja, bestraft muß der Schuldige werden. Aber das ist nicht er, sondern Du bist es.«

»Ich? Beim Propheten, das darf mir Niemand sagen!«

Er hatte die Hand an seinen Gürtel gelegt. Steinbach machte jetzt ein ernsteres Gesicht und sagte:

»Nimm die Hand vom Gürtel! Das kann ich nicht vertragen. Du sagst, Wallert habe Dein Weib verführen wollen; das ist nicht wahr, das ist


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unmöglich , da sie gar nicht hier gewesen ist. Du hast vielmehr ihn verführen wollen, um ihn zu verderben. Du hast ihn hierher gelockt, also bist Du es, welcher Strafe verdient hat. Du hast mein Angesicht noch nicht gesehen. Es pflegt mild und freundlich zu sein. Verursache ja nicht, daß es sich in zornige Falten lege. Ich will Dir keinen Befehl geben, aber ich rathe Dir, nach Hause zu gehen und an Klügeres zu denken, als daran, unschuldige Fremdlinge in das Verderben zu stürzen. Kommen Sie, Normann. Kommen Sie, Lord Eagle-nest! Wir haben hier nichts mehr zu suchen.«

Er wendete sich scharf ab und schritt zum Thore hinaus. Der zurückbleibende Pascha ballte die Fäuste und brummte ihm einige Worte nach, welche nicht wie Segenswünsche klangen.

Als die Drei draußen vor dem Thore angekommen waren, blieb Steinbach stehen und fragte lächelnd den Maler:

»Nun, hatte ich nicht Recht, als ich sagte, daß Sie meiner Hilfe sehr bald bedürfen würden?«

»Wer konnte das ahnen!«

»Daß Sie sich in Gefahr befanden? Das war doch sehr leicht zu ahnen.«

»Nicht das meine ich, sondern daß Sie uns hier zu helfen vermöchten.«

»Ach so! Nun, ich freue mich, daß ich auf den Gedanken gekommen bin, Ihnen zu folgen. Glauben Sie mir: Wer in die Hände Ibrahim Paschas fällt, der hat alle Ursache, zu klagen. Seien Sie froh, so losgekommen zu sein!«

»Aber Wallert! Der befindet sich noch im Friedhofe!«

»Nein. Er ist bereits fort.«

»Ah, Gott sei Dank! Haben Sie ihn gesehen?«

»Ja. Sagen Sie ihm, daß ich ihn an den Stiefeletten erkannt habe. Ich stand in der Wohnung des Wächters, als er durch das Thor entkam. Er hat viel gewagt. Hat er Ihnen Alles mitgetheilt?

»Ja, Alles.«

»Hat er gewußt, um wessen Frau es sich handelt?«

»Nein. Er hat sie für ein Mädchen gehalten.«

»Das ist sie auch. Der Pascha hat sie noch nicht berühren dürfen. Es liegen da sehr eigenthümliche Verhältnisse vor, über die ich nicht sprechen will. Wo hat er sie gesehen?«

Normann erzählte in aller Kürze, was er vom Freunde erfahren hatte. Steinbach nickte dann und sagte:

»Also ihren Namen kennt er nicht?«

»Nein.«

»Er soll ihn wissen. Sie heißt Zykyma. Das würde zu Deutsch heißen, die Blüthe des Oleanders.«

»Könnte man wohl erfahren, wo dieser Ibrahim Pascha wohnt?«

»Warum oder wozu?« fragte Steinbach lächelnd.

»Nur so!«


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»Pah! Ihre Gedanken sind leicht zu errathen. Sie wünschen zu wissen, wo er wohnt, um zu erfahren, wo sie zu finden ist. Aber dabei könnten Sie sich verrechnen. Sie wohnt nämlich nicht bei ihm.

»O weh!«

»Gerade das Gegentheil von o weh! Und da ich mich für Sie interessire, so will ich Ihnen den Ort, wo sie sich aufhält, beschreiben. Kennen Sie vielleicht den Judenkirchhof jenseits des Stadttheiles Khalidschi Oghli?«

»Ja.«

»Es giebt da zwei Wasser, welche sich vereinigen, um dann dem Hafen zuzufließen. Gerade in dem Winkel, welcher durch ihre Vereinigung gebildet wird, steht ein Haus, mitten in einem Garten gelegen. Dort hält der Pascha den werthvollsten Theil seines Harems verborgen.«

»Und diese Zykyma auch?«

»Ja. Aber denken Sie an keinen Verkehr mit ihr oder gar an eine Entführung. Die Mauern des Gartens sind unübersteiglich und stoßen an zwei Seiten an das Wasser. Uebrigens hält der Pascha sehr streng Wache. Ich warne Sie!«

»Danke! Aber, Herr Steinbach, woher wissen Sie das Alles?«

»Ganz zufällig.«

»O nein. Sie sind ein Anderer, als Sie scheinen!«

»Denken Sie? Hm!«

»Wenn ich sehe, daß ein Pascha Ihnen gehorcht, so muß er doch wohl unter Ihnen stehen.«

»Dieser Schluß kann immerhin falsch sein!«

»Oho!« meinte da der Lord. »Mich, einen Lord von Altengland, hat dieser Türkenhund behandelt wie eine Feldmaus. Sobald aber Sie kamen, gab er klein zu. Sie sind kein Weichensteller oder Windmüllerlehrjunge, sondern etwas ganz Anderes. Haben Sie nicht vorhin meinen Namen genannt?«

»Ja.«

»Woher kennen Sie mich?«

»Ich hatte das Vergnügen, Sie in London zu sehen.«

»Wo? Bei wem?«

Steinbach zuckte die Achseln und antwortete:

»Vielleicht sprechen wir später einmal hiervon. Jetzt aber muß ich mich verabschieden. Es dämmert stark und in dieser Gegend bricht die Nacht schnell herein. Gute Nacht also, meine Herren. Grüßen Sie mir Herrn Wallert!«

Er wendete sich scharf ab und bog rasch um die nächste Friedhofsecke.

»Ein geheimnißvoller Mann!« sagte der Maler.

»Werden das Geheimniß ergründen! Also mich hat er auch gesehen! Vielleicht auch in der Paulskirche bei den Blasebälgen.«

»Wie kommen Sie auf diese Bälge?«

»Weil vorhin - ah, Sapperment, Herr Normann, mir ist etwas passirt, worüber Sie sich freuen werden!«


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»Sagen Sie mir zunächst, wie Sie hier nach dem Kirchhof kommen, Mylord!«

»Nun, auf diesen meinen Beinen!«

»Das kann ich auch ohne Ihre Antwort wissen!«

»Nun ja. Sie wissen, daß ich etwas beabsichtige, ich meine natürlich eine Entführung. Da habe ich gehört, daß die türkischen Damen die Kirchhöfe gern besuchen, daß sie sogar dort ihre Gesellschaften und Klatschgevatterschaften feiern. In Folge dessen kam ich hierher, um mich nach Einer umzusehen, welche ich entführen könnte.«

»So, so! Ihre Mühe ist natürlich vergeblich gewesen?«

»Oho! Was denken Sie von mir!«

Er stellte sich in Positur und nahm eine Miene an, wie ein römischer Triumphator gehabt haben würde.

»Also doch etwas gefunden?« fragte der Maler ungläubig.

»Ja.«

»Wo?«

»Dort, rechts, unter den Bäumen.«

»Da hätte ich horchen mögen!«

»Ja wohl! Da hätten Sie Ihr blaues Wunder gehört. Wir sind nämlich einig.«

»Wer sind diese Wir?«

»Na, wer denn anders als ich und sie.«

»Sie? Ein Weib?«

»Nein.«

»Also ein Mann?«

»Sapperment! Machen Sie keine dummen Witze! Unter einem Weibe verstehe ich ein verheirathetes Subject weiblichen Geschlechts. Das aber ist die Betreffende nicht; sie ist unverheirathet, ein Mädchen.«

»Hopphopp!« meinte der Maler, dem es nicht recht glaubhaft erscheinen wollte, daß der Lord hier eine solche Bekanntschaft gemacht habe.

»Zweifeln Sie etwa?«

»O nein! Haben Sie sie gesehen?«

»Herrgott! Ich werde sie doch sehen, wenn ich sie spreche und mit ihr verabrede, daß ich sie entführen soll.«

»Ach so! War sie hübsch?«

»Die reine Venus, obgleich ich ihr Gesicht nicht gesehen habe.«

»Nicht? Und doch wissen Sie, daß sie eine Venus ist?«

»Ja. Ich durfte ihr die Hand küssen.«

»Dann sind Sie freilich sehr schnell avancirt. Wissen Sie den Namen?«

»Nein.«

»Die Wohnung?«

»Auch nicht.«

»Ich denke, Sie wollen Sie entführen!«

»Natürlich!«


// 48 //

»So müssen Sie ja wissen, wo sie wohnt!«

»Das ist wahr; bis jetzt weiß ich sie nicht; aber sie wird uns jetzt hinführen.«

»Uns? Wer ist das?«

»Das sind natürlich wir, Sie und ich.«

»Ach so! Jetzt will sie uns in ihre Wohnung führen?«

»Ja; sie hat es mir versprochen.«

»Wo treffen wir sie denn?«

»Da, wo Sie ausgestiegen sind. Sie will da warten.«

Jetzt begann im Kopfe des Malers eine Ahnung zu dämmern. Er machte ein höchst gespanntes Gesicht und fragte:

»Wie kamen Sie denn mit ihr zu sprechen?«

»Sie kam aus dem Friedhof und ging nach den Oliven zu. Ich begegnete ihr und da grüßte sie mich englisch. Ich fragte sie, ob sie mich kenne und da behauptete sie, mich in der Paulskirche gesehen zu haben, wo ich während des Orgelspiels die Blasebälge getreten habe.«

Jetzt konnte sich Normann nicht länger halten. Er brach in ein lautes, herzliches Lachen aus. Das ärgerte den Engländer. Er stieß mit dem Regenschirm zornig auf die Erde und fragte:

»Was feixen Sie denn? Ich denke nicht, daß eine Entführung etwas Lächerliches ist. Man riskirt doch allemal ein Stückchen Haut dabei!«

»Allemal! Also Sie haben ihr die Hand geküßt?«

»Ja. Und was für ein Händchen! Sie war eine richtige, echte Türkin. Das sah ich daraus, daß sie keinen Begriff von einer wirklichen, ordentlichen Ehe hatte. Sie machte mir den Vorschlag, daß wir Beide, nämlich Sie und ich, uns in sie theilen sollten, nachdem wir sie entführt haben würden. Jeder sollte sie immer acht Tage als Frau haben.«

Normann brach abermals in ein lautes Lachen aus.

»Ja, jetzt können Sie lachen,« meinte der Lord; »dagegen habe ich nichts, denn das kommt mir selbst ungemein spaßhaft vor. Aber ich habe da wahrhaftig die Hauptsache vergessen. Sie trug mir nämlich auf, daß Ihr Freund - - ah, dieser Deutsche, der ein Pascha zu sein scheint, sagte doch auch, daß Ihr Freund sich entfernt habe!«

»Ja; wir treffen ihn am Wasser. Kommen Sie!«

Als sie an das Ufer kamen, hielt ein Kaik da, in welchem Wallert wartend saß. Seine Augen leuchteten lustig auf, als er den Engländer erblickte. Normann stellte Beide einander vor. Der Lord nahm den Deutschen sehr genau in Augenschein und sagte dann:

»Wunderbar! In meiner Galerie habe ich das Porträt eines Verwandten, dem Sie sehr genau gleichen. Aber bitte, Herr Normann, der Kaiktschi will doch schon fort!«

»Soll er nicht?«

»Nein. Sie wissen ja, auf wen wir warten.«

Wallert gab sich Mühe, eine unbefangene Miene zu zeigen und fragte:


Ende der zweiten Lieferung - Fortsetzung folgt.



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