Lieferung 3

Karl May

2. Januar 1886

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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»Soll noch Jemand mit überfahren?«

»Ja, eine Dame,« antwortete der Lord sehr ernsthaft.

»Das wäre interessant! Sie meinen natürlich eine abendländische Dame?«

»Nein, eine Türkin, die wir heut Abend entführen werden.«

»Ah, ist es das! Es kam nämlich ein verschleiertes Frauenzimmer hierher und sagte mir, daß Lord Eagle-nest kommen und sie hier erwarten werde. Ich solle ihm sagen, daß die Entführung heut unmöglich sei.«

»O weh! Hat sie keine andere Zeit genannt?«

»Nein.«

»Auch keine Adresse? Ihren Namen, ihre Wohnung?«

»Nein.«

»Da schlage der Teufel drein! Wie unvorsichtig von ihr! Wie kann ich sie entführen, wenn ich nicht weiß, wer sie ist und wo sie wohnt! Nun sitzt sie in ihrem Harem, fängt Grillen und kann nicht heraus! Schade, jammerschade! Es war eine Schönheit, eine große, eine pikante Schönheit. Ihr Händchen duftete so eigenthümlich, halb nach Cigarre und halb nach Ricinusöl und einem Tropfen Bergamottengeist. Das war vielversprechend, denn der Cigarrengeruch deutet auf einen festen Charakter und der Ricinusölduft auf ein weiches, elastisches Gemüth. So fällt Einem die schönste Freude in den Brunnen.«

Er senkte den Kopf und schüttelte ihn langsam und mißmuthig hin und her.

Als sie am jenseitigen Ufer ausgestiegen waren und den Weg nach ihrer Wohnung einschlugen, strich der junge Mensch an ihnen vorüber, welcher Wallert gewarnt hatte. Normann erkannte ihn sofort wieder und hielt ihn am Arme fest.

»Halt!« sagte er. »Du bist uns einmal entwichen, wirst es aber nicht zum zweiten Male.«

Der Betreffende mochte vielleicht neunzehn Jahre alt sein. Er trug sich, wie bereits gesagt, wie ein gewöhnlicher Arbeiter, doch hatte es beinahe den Anschein, als ob dies eine Verkleidung sei. Er lächelte den Maler freundlich aber selbstbewußt an und fragte ihn:

»Willst Du mich halten?«

»Ja.«

»Du wirst es nicht können, wenn ich es nicht will!«

»Du giebst doch zu, heut dort drüben mit diesem Herrn gesprochen zu haben?«

»Ja.«

»Wer hatte Dich gesandt?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Hier, nimm!«

Normann zog ein Geldstück aus der Tasche und reichte es ihm hin; der Türke aber trat zurück und sagte:

»Herr, beleidige meine Seele nicht! Ich nehme kein Bakschisch. Ich thue, was mir die Herrin befiehlt; aber ich thue es, weil sie es will, nicht um Geld.«

Da reichte Wallert ihm die Hand hin und sagte:


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»Das ist brav von Dir. Jetzt kenne ich Dich wieder. Du warst mit im Thale der süßen Wasser, als Dein Gespann scheu wurde?«

»Ja, ich war es. Du hieltest die wüthenden Stiere auf und errettetest die Herrin aus großer Gefahr. Sie hat Dir ihre Hand gezeigt und ich danke Dir auch!«

»Darfst Du von ihr mit mir sprechen?«

»Nein.«

»Sie hat es Dir verboten?«

»Sie gebot mir, Dich zu warnen; aber sie befahl mir, weiter nichts zu thun.«

»Wie konnte sie mich warnen lassen? Wußte sie von dem Streiche, den man mir spielen wollte?«

»Ich kann und darf nichts sagen.«

»Auch ihren Namen nicht?«

»Nein.«

»Wo sie wohnt?«

»Das sollst Du niemals erfahren.«

Da rötheten sich Wallert's Wangen. Grad das reizte seinen Widerstand.

»Ich werde es doch erfahren!« sagte er.

»Du wirst nie wieder von ihr hören. Sie will es so!«

Da meinte Normann zu dem Boten:

»Laß Dir Etwas sagen, mein Freund! Wenn Du zu Zykyma kommst, dann grüßte sie von - - -«

»Allah! Du kennst den Namen!« rief der Türke.

»Ja, ich kenne ihn. Sage ihr, daß wir nach dem Kirchhofe der Juden spazieren und an der Mauer sein werden.«

»Beim Propheten! Thut das nicht! Es könnte Euer Leben kosten und auch noch dasjenige anderer Leute!«

»Willst Du uns verrathen?«

»Dann würde ich auch die Herrin verrathen und das thue ich nicht.«

»So haben wir nichts zu besorgen. Höre, was ich Dir sage! Man hat uns in eine Falle gelockt. Ich muß erfahren, wie das geschehen konnte. Davon gehe ich nicht ab. Wir werden also am Abende draußen beim Wasser erscheinen. Was Du thun willst, das ist Deine Sache, wir werden auch zu handeln wissen.«

»Du kennst den Herrn nicht. Er ist grausam. Er würde Euch nicht schonen, wenn er bemerkte, daß Ihr sein Haus umschleicht.«

»Er hat uns schädigen wollen. Wir werden ihn auch nicht schonen, wenn er uns in die Hände geräth. Das ist es, was ich Dir zu sagen habe. Vielleicht gelingt es, mit Deiner Herrin zu sprechen.«

»Das ist unmöglich. Das Wasser ist tief und breit; die Mauern sind hoch; die Thüren fest und die Wächter werden niemals öffnen.«

»Auch nicht mit dem Schlüssel des Goldes?«


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»Nein. Sie fürchten die Strenge des Herrn. Er würde sie verschwinden lassen aus dem Lande der Lebendigen.«

»Darfst Du denn mit Deiner Herrin sprechen?«

»Nein, denn ich bin kein Verschnittener; aber zuweilen darf ich heimlich die Sonne ihres Angesichts schauen und ihre leise Stimme hören. Sie hat mir das Leben gerettet und ich lausche dafür nun ihren Wünschen, um dieselben zu erfüllen.«

»Du bist gut und treu. Gehe in Allahs Namen heim. Wir werden uns wiedersehen.«

»Nicht eher, als bis die Herrin es will!«

»Sage ihr, daß hier mein Freund das Leben wagen wird, um sie zusehen und mit ihr zu sprechen. Sie mag thun, was sie für gut hält, er aber wird auf die Stimme seines Herzens hören.«

Der Bote entfernte sich, indem er in eine Seitengasse einbog; die Drei gingen in die Wohnung der beiden Freunde. Dort angekommen, blickte der Lord sich um, Wallert aber fragte Normann:

»Ich bin auf das Freudigste überrascht, daß Du den Namen und die Wohnung kennst, nach denen ich so vergeblich geforscht habe. Woher weißt Du Beides?«

Normarm theilte ihm seine Unterredung mit Steinbach mit; dies erhöhte nur den Eindruck, welchen dieser auf die Freunde gemacht hatte.

»Jetzt möchte ich aber nur wissen, mit wem Du im Bazar der Musselinhändler gesprochen hast,« sagte der Maler.

»Wohl nicht mit ihr!«

»Du meinst, mit dem Kerl, welcher sich heute als Frauenzimmer sehen ließ?«

»Jedenfalls. Wer kann in dieser verteufelten Umhüllung einen weiblichen Körper von einem männlichen unterscheiden!«

»Aber der Solitär! Der Diamantring! Sie trug ihn und er hatte ihn auch, wie Du sagst.«

»Das ist das Räthsel. Aber ich werde es lösen. Ich sage Dir, daß ich Deine Worte wahr machen werde, Du magst sie im Ernst oder im Scherz gesagt haben. Ich gehe heut Abend hinaus und sollte es auch nur sein, um zu recognosciren.«

»Recognosciren?« fragte der Engländer. »Unsinn! Fällt keinem Menschen ein, zu recognosciren!«

»Was denn?«

»Recognosciren ist zu wenig. Heraus muß sie, heraus, sie mag wollen oder nicht.«

»Wenn sie nicht will, bleibt sie eben drin!« lachte der Maler.

»Oho! Ich will eine Entführung! Ich will sie, und ich werde sie fertig bringen, so glänzend, daß die größten Componisten sich um das Recht streiten werden, eine Oper darauf zu componiren. Dann erscheine ich mit ihr in eigener Person auf der Bühne. Ich singe den Heldentenor und sie singt den Verlobungsdiscant oder den Hochzeitssopran mit allen möglichen Läufern


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und Trillern. Man soll mich kennen lernen und auch sie, wenn sie nämlich schön genug ist, sich neben mir sehen zu lassen!«

Die beiden Freunde stimmten herzlich lachend in seine gute Laune ein. Doch meinte der Maler sehr bald wieder ernsthaft:

»Es ist vor allen Dingen nöthig, daß Du Dich prüfst, lieber Hermann. Hat ihr Anblick nur vorübergehend auf Dich gewirkt, so wäre es ja lächerlich, tolle Wagnisse zu unternehmen. Ist aber der Eindruck, den sie machte, ein tiefer, ein dauernder, so bin ich der Allerletzte, der Dich darob schmähen möchte. Ich habe hier ja auch erfahren, was Liebe ist und bin bereit, mit Dir durch Dick und Dünn zu gehen.«

»Ja, ich auch,« fiel der Lord ein. »Ich gehe sogar viel lieber durch Dick als durch Dünn mit Ihnen. Auch ich weiß nun, was Liebe ist; ich habe sie hier kennen gelernt und darum reiße ich Alles um, was sich mir in den Weg stellt.«

»Sie haben hier die Liebe kennen gelernt?« fragte Normann. »Hier in Constantinopel?«

»Ja. Da draußen vor dem Friedhofe unter den Olivenbäumen. Als ich ihr das süße Händchen küßte, da zuckte so ein Stoß durch meine Seele, ein Stoß, grad als ob mich mit dem Knaufe einer Reitpeitsche - - -«

Er hielt mitten in seiner Erklärung inne. Sein Mund blieb weit geöffnet und seine Augen waren mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf Wallert's Hand gerichtet.

»Weiter, weiter!« sagte Normann.

»Alle tausend Himmel und Wolken - - -!« entfuhr es endlich dem Engländer.

»Was giebt es? Was haben Sie?«

»Herr Wallert, haben Sie eine Zwillingsschwester?«

»Warum diese Frage?«

»Eine Zwillingsschwester, die in London in der Paulskirche beim Blasebälgetreter gewesen ist und sich jetzt hier in Constantinopel entführen lassen will?«

»Nein.«

»Nicht? Welch eine Aehnlichkeit! Ihre Hand gleicht nämlich ganz genau derjenigen, welche mir die Holde reichte. Sie hatte auch so eine kleine, allerliebste Narbe auf der oberen Seite des Mittelfingers, wie von einer Blatter oder einer kleinen Verletzung. Während des Handkusses erblickte ich das Närbchen sehr genau. Und der Ring, der Ring! Genau auch so!«

»Sie täuschen sich!«

»Nein, nein! Ich habe doch meine Augen!«

»Dann ist es ein Zufall.«

»Anders ist es nicht zu erklären. Ich befinde mich förmlich in Aufregung. Ich muß meinen Gefühlen Luft machen, muß irgend Eine entführen, ganz egal, Welche! Darum schlage ich vor, wir machen uns heut Abend auf und versuchen, diese Zykyma über die Mauern herüber zu bringen. Nicht?«


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»Nicht so sanguinisch!« meinte der Maler. »Solche Sachen wollen gute Weile haben und reiflich überlegt sein. Bei einer Entführung ist auch die Zustimmung Derjenigen nöthig, welche entführt werden soll.«

»Zustimmung? Unsinn! Das Mädchen wird gar nicht gefragt, sondern angefaßt, aufgeladen und fortgeschafft. Eine Entführung mit Einwilligung ist keine Heldenthat.«

»O, sie ist auch mit der Einwilligung schwierig und gefährlich genug. Was thun Sie mit einer Person, welche gegen ihren Willen entführt worden ist?«

»Hm! Na, was thun Sie denn mit Einer, welche eingewilligt hat, Master Normann?«

»Heirathen natürlich!«

»Das können Sie ja mit der Andern auch thun!«

»Wenn sie nicht will?«

»Pah! Wir alle Drei sind hübsch genug. Ich möchte das Mädchen sehen, welches Einen von uns nicht haben möchte!«

»Selbst wenn Sie Recht hätten, müßten wir Diejenige, um welche es sich handelt, erst fragen. Wir dürfen nicht unüberlegt handeln.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Wir befinden uns ja hier, um zu überlegen. Kennen Sie den Ort, wo das Haus steht?«

»So genau nicht, wie es nöthig wäre. Auf dem Judenkirchhof bin ich gewesen und habe dabei das betreffende Haus wohl auch gesehen. Das ist aber Alles.«

»Und das Wasser? Die beiden Bäche, welche sich an der Gartenmauer vereinigen? Sind sie breit?«

»Das weiß ich nicht. Mir ist nur bekannt, daß das Wasser bei den alten Kanonenschmiedereien in den Hafen mündet.«

»Sapperment! Wenn das Wasser breit genug wäre!«

»Was wäre da?«

»Ich habe einen herrlichen Gedanken. Ich ließ meine Dampfyacht heizen; wir führen bis an das Grundstück, legten an der Mauer an, kletterten hinüber, holten das Mädchen und dampften dann zurück, irgend wohin, wo man uns nicht erwischen könnte.«

Die beiden Andern lachten und Wallert meinte:

»Sie stellen sich die Entführung freilich sehr bequem vor. Doch bleiben wir ernst. Ich habe die feste Absicht, heut hinaus zu gehen und mir wenigstens die Gegend anzusehen.«

»Gut, ich gehe natürlich mit,« sagte der Capitain. »Aber wir müssen uns doch dazu vorbereiten?«

»In wiefern?«

»In wiefern? Welche Frage! Wenn wir so gehen, wie wir hier sind, da sehen wir einen Bach und eine Mauer, über welche wir nicht können, weiter nichts. Wir müssen uns also etwas mitnehmen, was als Brücke dienen kann und eine Leiter dazu.«

»Die Leiter könnte ja zugleich als Brücke benutzt werden.«


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»Richtig! Also nur die Leiter! Von der Mauer aus können wir uns dann den Garten und das Haus ansehen.«

»Sehr schön, Mylord! Wir nehmen also eine Leiter auf die Schultern und traben mit derselben durch die Straßen, um die Leute aufmerksam zu machen, daß wir irgendwo einbrechen wollen. Nein. Das geht nicht. Wir werden heut zunächst nur recognosciren. Bevor wir uns nicht mit Zykyma in Verbindung gesetzt haben, können wir ja überhaupt gar keinen Entschluß fassen. Und um zu recognosciren, bedarf es nicht dreier Personen. Da ist eine genug.«

»Was! Ich soll vielleicht nicht mit?«

»Je weniger Personen, desto unauffälliger ist die Sache.«

»Meinetwegen! Aber ich bin nach Constantinopel gekommen, um ein Mädchen aus dem Harem zu holen, und da werden Sie mir doch nicht zumuthen, daß ich Andern dieses Vergnügen überlasse. Nein, ich gehe mit!«

»Aber, bedenken Sie!«.

Er warf ihm einen bezeichnenden Blick zu.

»Was soll ich bedenken?«

»Ihr Aeußeres.«

»Mein Aeußeres? Sakkerment, ist das etwa zu einer Entführung nicht geeignet?«

»So nicht. Ihre Gestalt - - -«

»Meine Gestalt ist lang genug, um über eine Mauer zu klettern und im Harem einzusteigen.«

»Ihre Kleidung.«

»Was haben Sie gegen meinen Anzug? Soll ich etwa in Tricots gehen oder in Badehosen?«

»Das verlangt kein Mensch, mein bester Sir; aber Sie werden zugeben, daß Ihr Anzug zu auffällig ist. Sie könnten sich nur dann bei so Etwas betheiligen, wenn Sie sich anders kleideten.«

»Nun gut, so kleide ich mich eben anders.«

»Damit man nicht sofort den Engländer in Ihnen erkennt.«

»In Ihnen würde man aber auch sofort den Franken erkennen. Ich kann also auch Ihnen rathen, einen türkischen Anzug anzulegen.«

»Sie haben gar nicht Unrecht. Das ist aber auch wieder ein Grund, daß nicht wir alle Drei heut Abend gehen.«

»Warum?«

»Wir müßten drei Anzüge kaufen.«

»Natürlich! Handelt es sich etwa um das Geld?«

»Wir sind keine Millionärs.«

»Aber ich bin einer. Verstanden? Ich habe gesagt, daß ich tausend Pfund Sterling bezahle, wenn Sie mir eine Entführung aus dem Serail oder aus dem Harem ermöglichen. Dabei versteht es sich also ganz von selbst, daß ich alle dabei erforderlichen Ausgaben auf mich nehme. Ich hoffe, daß Sie einverstanden sind?«

»Wir haben keinen Grund, Ihnen da zu widerstreben.«


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»Gut, es werden also drei Anzüge gekauft; aber was für welche?«

»Einfache, ganz einfache. Wir müssen uns so kleiden, daß wir keine Aufmerksamkeit erregen.«

»Ganz meine Ansicht. Ich schlage also vor, wir gehen gleich jetzt nach dem Kleiderbazar, um diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Dann machen wir uns sogleich auf den Weg nach dem Judenkirchhofe.«

»Ist nicht indessen einmal Ihre Anwesenheit an Bord nöthig?«

»Nein. Mein Capitain weiß, woran er ist. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu unbestimmter Zeit zurückkehren werde. Am Liebsten käme ich erst dann, wenn ich eine Türkin mitbringen könnte. Also, gehen wir!«

Sie brachen auf.

Als sie aus dem Hause traten, war der Engländer der Vorderste. Er zog den Fuß zurück und blieb innerhalb der Thür stehen.

»Hole der Teufel den Kerl!« brummte er.

»Welchen Kerl?« fragte Normann.

»Diesen Derwisch. Da drüben steht er wieder und gafft hier an dem Hause in die Höhe.«

»So möchte ich nur wissen, in welcher Absicht er uns beobachtet.«

»Wollen wir ihn fragen?«

»Er wird sich hüten, es zu sagen.«

»Den Kerl sollte ich in London auf der Spionage erwischen! Ich jagte ihm den Regenschirm durch den Leib. Wollen wir es uns gefallen lassen?«

»Was können wir dagegen thun?«

»Oho! Ich bin ein Engländer und habe keine Lust, mir von einem heulenden Derwische auf den Stiefeln herumtreten zu lassen. Ich werde ihm zu verstehen geben, daß er seine Augen da aufsperren soll, wo ich mich nicht befinde. Passen Sie auf, was ich machen werde!«

Der Derwisch stand allerdings nicht ohne Absicht hier. Wie bereits erwähnt, war ihm schon am Tage der Name der englischen Yacht aufgefallen. Er hatte ja aus diesem Grunde den Lord nicht aus den Augen gelassen. Indem er diesem folgte und ihn beobachtete, hatte er bemerkt, daß er zu dem Sklavenhändler gegangen war, zu welchem sich dann auch Normann, der Begleiter des Lords, begeben hatte. Der Derwisch hielt es für nöthig, zu erfahren, was Normann sei und was er bei dem Händler wolle. Darum trat er bei Letzterem ein und klopfte an dieselbe Thür, durch welche der Maler eingelassen worden war.

Als der Händler ihn bemerkte, öffnete er sofort die Thür. Die Derwische stehen im Geruche der Heiligkeit und werden, wenigstens in den unteren Volksklassen, stets mit Ehrfurcht behandelt.

»Sei willkommen!« sagte Barischa. »Hast Du mir einen Befehl Allahs zu überbringen?«

»Nein. Ich komme in einer andern Angelegenheit. Bist Du gegenwärtig reich an schönen Sklavinnen?«

»Ich habe immer die schönsten, welche Du in Stambul treffen kannst. Willst Du Dir einen Harem gründen?«


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»Nein. Du weißt, daß mein Orden mir dies verbietet. Aber ich habe von einem hohen Herrn den Auftrag erhalten, ihm eine Sklavin zu suchen, an welcher sich sein Auge erfreuen kann. Darum komme ich zu Dir.«

Das war nicht wahr; aber er erhielt dadurch Gelegenheit, mit dem Alten zu sprechen und sich in dessen Hause umzusehen.

»Ist dieser Herr reich?«

»Sehr. Er rechnet stets nach goldenen Beuteln, nicht nach silbernen.«

»Verbietet Dir nicht Dein Orden, das Angesicht eines Weibes zu sehen?«

»Meine Augen gehören nicht mir, sondern Dem, für welchen ich die Sclavin betrachte; nicht ich sehe sie also, sondern er ist es, der sie sieht.«

»So kannst Du mir folgen. Ich werde Dir Alle zeigen, welche vorhanden sind.«

Er wurde in ein größeres Zimmer geführt, wo die Mädchen versammelt waren. Er betrachtete sie mit innerem Vergnügen, behielt aber eine sehr ernste, würdevolle Miene bei. Er hatte geglaubt, Normann hier zu finden und fragte sich im Stillen, wo derselbe wohl stecken möge. Er vermuthete, daß wohl noch mehr Mädchen vorhanden seien, bei denen er den Gesuchten finden werde. Darum sagte er, als er sämmtliche Sklavinnen mit dem Blicke eines Kenners betrachtet hatte, zu dem Händler:

»Sind das Alle, welche Du hast?«

»Ja.«

»Das bedaure ich sehr.«

»Warum?«

»Der Pascha, welcher mich sendet, hat mir genau beschrieben, wie Diejenige sein muß, welche er kaufen würde. Unter diesen hier befindet sich aber keine solche.«

»Wie soll sie denn sein?«

»Ich habe nicht die Erlaubniß erhalten, von dem Mädchen des Herrn zu sprechen. Wenn Du weiter keine Mädchen hast, so muß ich gehen.«

Der Händler überlegte einen Augenblick; dann sagte er:

»Ist dieser Pascha wirklich sehr reich?«

»Sehr. Er erfreut sich der ganz besonderen Gnade des Großherrn, der ihn mit Ehren und Kostbarkeiten überhäuft.«

»Ist er geizig?«

»Nein. Er hat eine offene Hand.«

»So will ich Dir sagen, daß ich allerdings noch eine Sklavin besitze, eine einzige. Sie ist die Allerschönste, welche ich jemals gehabt habe und ich wollte sie dem Großherrn anbieten.«

»Allah segne den Padischah! Aber warum soll grad er diese Sklavin haben? Besitzt er nicht bereits die besten aller Länder? Soll ein Anderer sich nicht auch eines schönen Weibes erfreuen?«

»Du vergißest, daß der Großherr am allerbesten bezahlt. Er handelt niemals einen Para vom Preise ab.«


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»Du hast Recht. Er handelt niemals. Entweder er bezahlt, was verlangt wird, oder er bezahlt gar nichts. Wenn ihm die Sklavin gefällt und er Dir den Preis nicht giebt, kannst Du ihn nicht beim Kadi verklagen. Hast Du das noch nicht erfahren?«

»Bereits einige Male.«

»So thue, was Dir Dein Verstand gebietet. Zeige mir die Sklavin, damit ich wenigstens sehen kann, ob ich zu meinem Pascha von ihr sprechen darf.«

»Ich werde Dich zu ihr führen. Aber warte draußen, bis ich zurückkehre; ich werde sie benachrichtigen.«

Er ging und der Derwisch kehrte einstweilen in die vordere Stube zurück. Dort befand er sich, als Normann gezwungen war, die Geliebte zu verlassen. Beide betrachteten sich im Vorübergehen mit nicht gerade sehr freundlichen Blicken. Als dann der Händler wiederkam, fragte der Derwisch:

»Kaufen auch Franken Sklavinnen?«

»Nein, nur Anhänger des Propheten haben die Erlaubniß, die Freuden der Seligkeit bereits auf dieser Erde zu genießen.«

»Aber Du siehst doch Ungläubige bei Dir!«

»Zuweilen. Sie kommen aus verschiedenen Gründen. Warum fragst Du?«

»Ich sah den Franken gehen, welcher jetzt bei Dir war.«

»Er befand sich bei der Sklavin, welche ich Dir zeigen werde.«

»Hat er sie gesehen?«

»Ja.«

»Etwa gar entschleiert?«

»Er mußte sie ohne Schleier sehen.«

»Ist das möglich? Hat Allah Dir den Verstand genommen, daß Du eine Sclavin, deren Anblick einen Pascha erfreuen soll, den Augen eines solchen Hundes preis giebst?«

»Ich weiß, was der Prophet und das Gesetz mir gebietet; aber ich muß die Vortheile meines Geschäftes berücksichtigen. Die Sclavin ist für den Großherrn bestimmt. Er kann nicht kommen, sie zu betrachten, und so wollte ich ihm ihr Bildniß senden. Dieser Franke ist ein Maler, welcher das Bild anfertigt.«

»Es ist dennoch eine Sünde, ihm zu erlauben, das Angesicht einer Tochter des Propheten zu sehen.«

»Sage mir, ob ein Thier, ein Hund ein Weib ansehen kann, ohne daß es eine Sünde ist!«

»Das ist keine Sünde.«

»Nun, dieser Christ ist ja auch nur ein Hund.«

»Diese Entschuldigung will ich gelten lassen. Aber, darf der Maler mit der Sclavin sprechen?«

»Kein Wort; ich habe den Wächter bei ihnen stehen.«

»So will ich nicht berücksichtigen, daß das Auge eines Unberufenen auf ihr geruht hat. Zeige sie mir!«

Der Händler führte ihn in das Zimmer, in welchem Normann sich vorher


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befunden. Tschita saß noch auf dem Divan, doch hatte sie den Schleier vor das Gesicht genommen. Der Derwisch konnte das Portrait nicht sehen, da der Maler es verhüllt hatte.

»Erhebe Dich vor dem Manne der Frömmigkeit, und entferne den Schleier!« gebot der Händler.

Tschita stand auf und enthüllte ihr Angesicht. Das Auge des Derwisches fiel auf sie. Er stieß einen lauten Ruf aus und wich zurück. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer außerordentlichen Ueberraschung. Fast schien es, als ob er sogar erschrocken sei. Es kostete ihm sichtlich eine bedeutende Anstrengung, seine vorherige Gleichgiltigkeit wieder zu zeigen.

Tschita erröthete. Das Gesicht dieses Menschen war ihr widerwärtig. Sie ließ den Schleier wieder über ihr Gesicht fallen; aber der Derwisch trat schnell zu ihr und hob den Schleier wieder auf.

»Was sagst Du von ihr?« fragte der Händler.

»Sie ist so, wie der Pascha sie wünscht. Wirst Du mir erlauben, sie zu prüfen?«

»Thue es.«

Der Derwisch befühlte die Arme, die Schultern und den Busen der Sclavin; er umspannte die Taille, ließ sich ihre Zähne zeigen, kurz er behandelte sie ganz wie eine Waare, welche man ungenirt untersuchen kann. Sie war bleich, sehr bleich geworden, doch wagte sie nicht, ungehorsam zu sein; aber als er sich von ihr wendete, benutzte sie dies sofort, aus dem Zimmer zu entfliehen.

Die dunklen Augen des Derwisches brannten förmlich. Es glühte in ihnen ein Feuer, welches selbst dem Händler auffallen mußte. Darum fragte dieser:

»Sie hat Dir gefallen?«

»Ja. Ich werde dem Pascha empfehlen, sie zu kaufen. Woher hast Du sie erhalten?«

»Von jenseits des Kaukasus.«

»Hast Du selbst sie dort geholt?«

»Nein. Sie wurde zu Schiffe nach Stambul gebracht. Einer meiner Agenten hatte sie gekauft.«

»Wie ist ihr Name?«

»Tschita.«

»Heißt sie wirklich so?«

»Ich kenne keinen anderen.«

»Wer ist ihr Vater, und wie heißt der Ort, in welchem sie geboren wurde?«

»Ich weiß Beides nicht. Der Agent sagte, er dürfe es mir nicht sagen.«

»Sonderbar! Also der Christ hat sie gesehen, und ihr Bildniß gemalt! Wo ist es?«


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»Hier. Es ist noch nicht ganz fertig, aber trotzdem außerordentlich ähnlich.«

Er entfernte die Hülle, und der Derwisch betrachtete das Portrait.

»Ja,« meinte er, »es ist ihr ganz ähnlich. Sage mir den Preis, welchen Du forderst!«

»Von dem Großherrn würde ich fünf Beutel in Gold verlangen.«

»Er würde sie Dir entweder voll geben oder gar nichts. Ich biete Dir vier Beutel, welche Du sofort empfangen wirst, ohne daß man einen Piaster abhandelt.«

»Hast Du Auftrag, mir diese Summe zu nennen?«

»Nein; aber ich weiß, daß der Pascha so viel bezahlen wird, wie ich biete.«

»Er mag selbst kommen. Wenn er Tschita kaufen will, muß ich mit ihm selbst sprechen. Er kann sie nicht allein erhalten, sondern er muß ihre Mutter auch nehmen.«

»Warum?«

»Weil die Sclavin ohne ihre Mutter sterben würde. Dann müßte ich das Geld zurückbezahlen.«

»Wie kann eine Sclavin sterben, weil sie die Mutter nicht bei sich hat!«

»Tschita würde es thun. Ich kenne sie. Sie mag ohne ihre Mutter nicht leben. Sie würde nicht allein von hier fortgehen.«

»Man wird sie zwingen.«

» Dann tödtet sie sich ganz gewiß. Sie hat es gesagt, und was sie sagt, das thut sie.«

»Das erschwert den Handel sehr.«

»Nicht so sehr, wie Du denkst. Es soll ja für die Mutter gar nichts bezahlt werden.«

»So ist sie wohl alt?«

»Nicht sehr, wohl aber unbrauchbar. Sie ist stumm.«

»Das ist gut. Ein Weib, welches nicht sprechen kann, hat doppelten Werth. Allah hat das gewußt, als er sie ohne Sprache schuf.«

»O, sie ist nicht stumm geboren. Man hat ihr die Zunge ausgeschnitten.«

Da ging ein blitzschnelles Zucken über das Gesicht des Derwisches; doch faßte er sich gleich wieder und sagte:

»Das thut man zuweilen dort, wo die Schwarzen wohnen. Die Mutter dieser Sclavin aber kann doch nicht etwa eine Negerin sein?«

»Nein. Sie ist eine Weiße.«

»Warum also hat man sie so verstümmelt?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht erfahren können.«

»Ist sie sonst brauchbar? Kann sie kochen, braten?«

Der Blick des Sprechers war mit Spannung auf den Händler gerichtet. Dieser antwortete:


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»Sie vermag leider keine Arbeit zu thun, da sie keine Hände hat. Auch diese sind ihr genommen worden.«

»Allah 'l Allah! Sie muß eine große Verbrecherin sein, da man sie zu einer solchen Strafe verurtheilt hat. Aber ihre Tochter gefällt mir, und so will ich dem Pascha rathen, auch die Mutter zu behalten. Er wird sich entschließen, Beide zu kaufen, wenn Du mir erlauben wolltest, ihm das Bild zu zeigen.«

»Du willst es mitnehmen? Ich kenne Dich nicht.«

»Willst Du Dich an Allah versündigen? Glaubst Du, daß ein Sohn meines heiligen Ordens Dich um ein Bild bestehlen werde?«

»Das glaube ich nicht. Kann ich erfahren, welcher Herr es ist, zu dem Du es bringen willst?«

»Ibrahim Pascha, der Sohn des Kurden Melek Pascha.«

»Den kenne ich. Er ist der Liebling des Sultans. Du sollst das Bild erhalten. Ali, der Eunuch, mag es Dir dahin tragen, wohin Du es haben willst, und es mir dann wieder bringen.«

Damit hatte der Besuch des Derwisches eigentlich ein Ende. Er hatte hier mehr gefunden, als er gesucht hatte, unendlich mehr; aber er vergaß trotzdem nicht, was ihn hergeführt hatte. Er meinte im Tone der Unbefangenheit:

»Der Prophet hat verboten, daß der Gläubige sich ein Bildniß seines Körpers und Gesichtes anfertigen lasse. Dieses Bild wird also vernichtet werden müssen.«

»Dann muß Ibrahim Pascha es bezahlen. Der Franke fertigt es mir nicht umsonst an.«

»Ich werde vielleicht mit diesem Maler sprechen. Kannst Du mir sagen, wo er wohnt?«

»Hart neben dem Inger Postan-Platz in Pera. Sein Wirth ist ein Grieche und heißt Miledas.«

»Ich werde ihn erfragen. Also gieb mir den Eunuchen mit. Vielleicht kommt der Handel schnell zu stande.«

Der Derwisch war ganz aufgeregt, nur daß er es sich nicht merken ließ. Er verzichtete darauf, den Weg zu Fuß zurückzulegen; das hätte sehr lange gedauert. Er nahm am nächsten Platze zwei Esel, einen für sich und einen für den Eunuchen, und ritt, so schnell ihnen der Treiber zu Fuße folgen konnte, über die Perabrücke hinüber nach Altstambul, wo Ibrahim Pascha seinen Palast hatte.

Der Pascha begleitete zwar kein directes Staatsamt; aber sein Vater war ein hoher Würdenträger gewesen. Das hatte man nicht vergessen, und so kam es, daß der Sohn sich in höheren Kreisen eines nicht unbedeutenden Einflusses rühmen konnte. Es war bekannt, daß er neben seinem großen Reichthum eine ganze Anzahl der schönsten Frauen besaß, um welche man ihn im Stillen beneidete.

Leider aber fühlte er sich nicht so glücklich, als man es hätte denken sollen. Und das hatte seine Gründe. Ueber einen dieser Gründe dachte er


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eben nach, als er allein in seinem Zimmer saß, das lange Rohr der Wasserpfeife in der Hand und vor sich das goldene Kaffeebret mit der kleinen Tasse von der ungefähren Größe eines halben Eies.

Er wurde gestört. Ein schwarzer Diener trat ein, neigte sein Haupt fast bis zur Diele herab und wartete nun der Anrede seines Herrn.

»Hund!« knurrte dieser. »Habe ich nicht gesagt, daß ich allein sein will! Soll ich Dich peitschen lassen!«

Zu seiner Entschuldigung nannte der Sclave einen Namen:

»Osman, der Derwisch.«

Das finstere Gesicht des Herrn nahm sofort einen weniger grimmigen Ausdruck an.

»Was ist's mit ihm?« fragte er.

»Er bittet um die Gnade, Dein Angesicht sehen zu dürfen, Pascha.«

»Er mag hereinkommen. Aber horche nicht, Schakal, sonst lasse ich Dir die Ohren abschneiden!«

Der Schwarze ging und der Derwisch kam.

Der Letztere zeigte keineswegs die Demuth des Ersteren. Er hatte zwar draußen seine grünen Pantoffel ausgezogen, beugte sich aber nicht um einen Zoll aus seiner stolzen, aufrechten Haltung. Nur als er das verhüllte Bild, welches er in den Händen trug, gegen die Wand lehnte, mußte er sich bücken. Keineswegs aber that er dies aus Unterwürfigkeit gegen den Pascha.

»Was bringst Du da?« fragte er.

»Eine Ueberraschung.«

»Weißt Du nicht, daß es für den wahren Gläubigen keine Ueberraschung giebt! Allah bestimmt die Schicksale des Menschen, und was er sendet, muß in Ruhe und Ergebenheit entgegengenommen werden.«

»Und doch sendet Allah zuweilen eine Gabe, welche der Mensch für unmöglich gehalten hätte.«

»Bei Allah ist Alles möglich. Also sag, was Du bringst.«

»Ein Bild.«

»Wie? Ein Bild? Bist Du ein Christ geworden?«

»Nein. Ein Christ hat es gezeichnet. Erlaubst Du, daß ich es Dir zeige, Herr?«

»Blicke Dich um! Darf ich hier ein Bildniß sehen, das Werk eines Ungläubigen?«

Er deutete nach den Wänden, deren himmelblauer Grund mit goldenen Koransprüchen verziert war. Der Islam erlaubt nur Arabesken, Ornamente und fromme Sprüche. Bilder verbietet er.

»Hältst Du mich für einen untreuen Anhänger des Propheten?« fragte der Derwisch. »Was ich Dir bringe, darfst Du betrachten. Ich will sehen, ob es für Dich wirklich keine Ueberraschung giebt. Blicke her!«

Er zog den Schleier von dem Bilde. Der Blick des Pascha fiel auf das Portrait. Er stieß eine lauten Schrei aus und sprang so hastig von


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seinem Kissen auf, daß er das Kaffeebret eine ganze Strecke weit von sich fortschleuderte und die kostbare Phiole der Wasserpfeife zerbrach.

»O Himmel! O Hölle!« stieß er hervor. »Sehe ich recht?«

»Kennst Du sie?« fragte Osman.

»Anna von Adlerhorst!«

»Sie ist es nicht!«

»Schweig! Das ist ihr Gesicht, ihr Mund, ihr goldenes Haar! Das ihre Augen, die wunderbaren Sterne, für deren Blick ich meine Seligkeit gegeben hätte, wenn er mir hätte leuchten mögen!«

»Und doch ist sie es nicht. Es ist das Bild ihrer Tochter.«

»Ihrer Tochter! Wie ist das möglich?«

»Könnte jenes deutsche Weib jetzt so sehen? Wäre sie jetzt so jung?«

»Nein, nein. Du hast Recht. Aber wie kann es ein Bild ihrer Tochter geben, hier in Stambul?«

»Ich kann es mir auch nicht erklären. Aber es ist dennoch sicher, daß diejenige, deren Bild Du hier erblickst, die Tochter derjenigen ist, welche Deine Liebe verachtete, und zugleich die Tochter des ungläubigen, deutschen Hundes, welcher Deinen Vater tödtete.«

»Ja, es muß so sein; es kann nicht anders sein. Das kann nur das Bildniß einer Ad - - einer verfluchten Adlerhorst sein. Aber wo ist das Original? Wo ist es?«

Der Derwisch weidete sich an dem Eindrucke, welchen das Portrait hervorgebracht hatte.

»Nun, Herr, giebt es Ueberraschungen?« fragte er.

»Ja, ja; das ist eine, und zwar eine große! Antworte!«

»Willst Du dieses Bild kaufen?«

»Ist es zu verkaufen?«

»Ja.«

»Dann kaufe ich es. Ich bezahle, was dafür gefordert wird, sogleich, sogleich!«

Er gab sich gar keine Mühe, seine Aufregung zu verbergen. Er bemerkte den höhnischen Blick der Derwisches nicht; er sah überhaupt nichts, nichts als das Bild.

»Es soll fünf Beutel in Gold kosten.«

»Fünf Beutel? Bist Du toll? Das sind fast neuntausend deutsche Thaler!«

»Vielleicht erhältst Du es auch für vier Beutel, wenn Du sofort bezahlst.«

»Ein Bild kann doch nicht so viel kosten!«

»Und doch sagtest Du, daß Du sogleich bezahlen werdest, was gefordert wird!«

»Konnte ich einen solchen Preis für möglich halten?«

»Allerdings nicht. Ich habe aber eine Beruhigung für Dich. So viel soll nämlich das Bild mit dem Originale kosten.«

»Mit dem Originale? Also ist es hier in Stambul?«


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»Ja.«

»Meinst Du etwa eine Sclavin?«

»Eine tscherkessische Sclavin bei dem Händler Barischa, den Du ja auch kennst.«

»Wie kommt die Tochter dieser - dieser - - als Sclavin nach der Stadt des Großherrn?«

»Das ist ein Geheimniß, welches wir wohl noch ergründen werden. Sie soll verkauft werden, und zwar nebst diesem Bilde und ihrer Mutter.«

»Ihrer Mutter?« fragte der Pascha, indem er vor Erstaunen einen Schritt zurückwich. »Ist Anna da?«

»Anna?« lachte der Derwisch in fast diabolischer Weise. »Du nennst sie Anna! War sie so sehr Deine Freundin?«

»Nein, nein! Aber antworte!«

»Ja, sie ist da, stumm und ohne Hände.«

»O Allah! Hast Du sie gesehen?«

»Nein. Sie soll mich nicht eher sehen, als bis sie sich in unserer Gewalt befindet. Dann wird ihr Entsetzen um so größer sein.«

»Wie aber bist Du auf den Gedanken gekommen, zu dem Verkäufer der Sclavinnen zu gehen?«

»Ich folgte einem Engländer, welcher bei Barischa war. Der Mensch sah schrecklich aus. Seine ganze Kleidung bestand aus viereckigen grauen und schwarzen Flecken, und er hieß auch Adlerhorst.«

»Wie? Ein Engländer hatte diesen deutschen Namen?«

»Er hatte ihn in englischer Sprache. Ein Dolmetscher erklärte es mir. Durch diesen Namen wurde ich aufmerksam gemacht und ging hinter ihm her.«

Er erzählte nun das ganze Erlebniß. Der Pascha hörte dem Berichte mit größter Aufmerksamkeit zu und sagte dann im Tone des Eifers:

»Ich kaufe sie; ich kaufe sie natürlich! Ich werde sogleich zu dem Händler reiten, obgleich ich keine Zeit habe; denn ich muß hinüber nach dem Kirchhof - - ah, das weißt Du noch gar nicht. Ich muß Dir auch ein Bild zeigen.«

»Wie? Auch Du hast Bilder?«

»Ein einziges.«

»Du, ein gläubiger Moslem!«

»Ich brauche es heut noch um den Mann zu erkennen; dann verbrenne ich es oder lasse es ihm heimlich wieder in seine Wohnung legen, damit er nicht bemerkt, daß es weg gewesen ist. Die Schickungen Allah's sind wunderbar. Hier ist das Bild; ich trage es bei mir. Kennst Du den Mann?«

Er zog eine Photographie aus der Tasche und hielt sie dem Derwische vor die Augen. Jetzt ging es dem Letzteren genau so, wie vorhin dem Pascha. Er wich zurück und rief im Tone des Erschreckens:

»Alban von Adlerhorst! Den sendet der Teufel!«

»Ist er es?«

»Ja.«

»Nein!«


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»Ja doch! Er ist es!«

»Er ist es nicht. Könnte dieser Mensch jetzt so jung sein?«

»Nein. Du hast Recht! Uebrigens ist er ja todt.«

»Ja; er ist zur Hölle gefahren und zu allen Geistern der Verdammniß. Fluch über ihn!«

»So ist dieser hier sein Sohn!«

»Ich denke es auch. Aber er trägt einen anderen Namen.«

»Das ist leicht möglich. Wo ist er?«

»Hier in Stambul.«

»So möge uns Allah beschützen!«

»Er weiß ja nichts von uns.« 

»Wie kamst Du zu diesem Bilde?«

»Ich habe es mir stehlen lassen. Das Original wird heut noch im Gefängnisse sitzen, und ich werde Sorge tragen, daß dieser Hund die Freiheit nie wieder erblickt.«

»Warum?«

»Er hat es auf meinen Harem abgesehen.«

»Was sagst Du? Ist das die Wahrheit?«

»Ja. Vor Kurzem fuhren einige meiner Frauen mit ihren Freundinnen nach dem Thale der süßen Wasser. Dort gingen die Thiere des Wagens durch, in welchem Zykyma, mein Lieblingsweib, saß. Ein Franke kam dazu und hielt die Stiere an. Sie reichte ihm die Hand zum Danke, die er küßte.«

»Das hat das Weib eines Pascha gethan, eines rechtgläubigen Anhängers des Propheten?«

»Ja,« antwortete der Pascha grimmig. »Du warst dabei, als ich Zykyma kaufte. Du hast sie nicht gesehen. Sie ist die Krone meines Harems; aber sie ist ein Teufel. Ich darf sie nicht berühren.«

»Das soll ich glauben, Herr?«

»Es ist so. Ein Mann darf nicht von seinen Frauen sprechen; aber Du bist mein Helfer und Vertrauter; Du kannst es wissen und wirst darüber schweigen. Zykyma hat einen kleinen Dolch, dessen Spitze vergiftet ist. Damit wehrt sie mich ab. Es soll sie nie im Leben ein Mann berühren.«

»Nimm ihr den Dolch!«

»Kann ich? Ich darf es nicht wagen, meine Hand nach demselben auszustrecken. Der kleinste Riß mit der Spitze, nur in die Haut, genügt, daß der Getroffene in wenigen Sekunden todt zur Erde fällt. Dieser Dolch stammt von einer Insel, auf welcher wilde Menschen leben, weit jenseits des Landes Indien noch.«

»So befiehl Anderen, ihr die Waffe abzunehmen!«

»Ich habe es befohlen; aber keiner der Verschnittenen und keine der Dienerinnen hat den Muth, diesem Befehle zu gehorchen. Ich habe sie peitschen lassen, vergebens. Sie lassen sich lieber todtschlagen, als daß sie an dem fürchterlichen Gifte sterben wollen -«


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»Man mag warten, bis sie schläft!«

»Da kann Niemand zu ihr. Sie schließt sich ein. Sie ist die Tochter eines Häuptlings; sie ist einmal in der Hauptstadt der Russen gewesen und hat da Vieles gesehen, was die Frau eines Moslem eigentlich nicht gesehen haben sollte. Darum hat sie auch diesem fremden Hunde ihre Hand gereicht und sie sich küssen lassen. Der Hund soll in alle Höllen stürzen! Ich erfuhr es wieder und wurde aufmerksam. Sie ist schön, sehr schön. Sie kann einen Franken verführen. Sie ging nach dem Bazar der Musselinweber und traf mit ihm bei einem Händler zusammen. Ich hatte sie beobachten lassen. Sie durfte nicht wieder fort. An ihrer Stelle aber schickte ich meinen weißen Verschnittenen nach dem Bazar. Ich sann darüber nach, warum der Fremde mein Weib wieder erkannt haben mochte. Er hatte nur ihre Hand gesehen; an dieser nur konnte er sie erkennen, also an dem Ringe, den sie trug. Ich fand einen Vorwand, ihn ihr abzufordern, und steckte ihn dem Verschnittenen an. Es gelang. Der Fremde hat sich überlisten lassen und ist zu einem Stelldichein mit Zykyma verführt worden. Er kommt zwei Stunden vor dem Untergange der Sonne nach dem Kirchhof von Mewlewi Hane, wo ich ihn ergreifen lassen werde. Die Polizisten sind bereits dort.«

»Ihm geschieht sein Recht. Er darf keine Gnade finden. Wie aber hast Du sein Bild erlangt?«

»Ich hatte befohlen, ihm zu folgen. Ich wollte natürlich seine Wohnung erfahren. Ich erfuhr sie und bestach den Wirth, welcher ihm heimlich das Bild wegnahm. Der Wirth ist ein Grieche und heißt Miledas.«

»Wie? Miledas? Wohnt er etwa in der Nähe von Inger Bostan?«

»Ja, ganz nahe dabei.«

»Welch ein Zusammentreffen! Dort wohnt auch der Maler, welcher dieses Bild gefertigt hat.«

»Allah! Ein Maler wohnt bei ihm, das weiß ich. Er nennt sich Wallert und der Maler heißt Normann; das sind zwei deutsche Namen. Ob Bruder und Schwester von einander wissen?!«

»Nein.«

»Wie vermuthest Du das?«

»Der Bruder würde sie sofort den Händen des Händlers entreißen. Weißt Du überhaupt, ob er selbst seinen eigentlichen Namen kennt?«

»Er kennt ihn, darf ihn aber nicht nennen. Aber die Zeit vergeht. Sprechen wir später noch darüber. Jetzt eile ich zu dem Händler, um die Sclavin zu kaufen. Ich werde satteln lassen. Geh Du voraus, ihm zu sagen, daß ich komme.«

»Soll ich dort bleiben, bis Du kommst?«

»Ja. Du sollst ja aufmerken, daß Alles in Ordnung verläuft. Der Händler wird die Tochter mit der Mutter hinausschaffen in mein Haus am Wasser. Du folgst ihnen unbemerkt, um zu sehen, ob Beide richtig abgeliefert werden. Dann begleitest Du ihn hierher, um Zeuge zu sein, daß er das Geld erhält. Jetzt geh!«


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»Und das Bild?«

»Das bleibt hier!«

Der Derwisch entfernte sich. Als er fort war, trat der Pascha an das Porträt, betrachtete es einige Zeit und murmelte dann vor sich hin:

»Anna von Adlerhorst! Ich trug einen Himmel im Herzen. Du schufst eine Hölle daraus. Ich habe mich gerächt, fürchterlich gerächt. Der Schluß meiner Rache aber soll jetzt erst kommen: Du sollst Zeugin sein, wie Deine Tochter, Dein Ebenbild, meine Sclavin ist und mir die Liebe geben muß, die Du mir versagtest!«

Er hüllte das Bild wieder ein und gab dann die nöthigen Befehle. Einer der Diener mußte hinaus nach dem Hause an den Bächen, damit man sich dort auf den Empfang der neuen Sclavin vorbereite.

Als er dann bei Barischa von dem Pferde stieg, empfing dieser ihn mit sklavischer Unterwürfigkeit.

»Hat der Derwisch Dir gesagt, was ich will?« fragte er.

»Ja, o Pascha. Möge Dein Auge Wohlgefallen finden an der Blume, welche Du pflücken willst!«

»Weiß sie bereits von mir?«

»Kein Wort.«

»Sie darf auch nichts wissen. Sie würde Dir vielleicht nicht gehorchen. Wenn sie mir gefällt und ich sie kaufe, so hast Du sie und ihre Mutter an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen, den der Derwisch Dir beschreiben wird. Du lockst sie hinaus, indem Du zu ihnen sagst, Du würdest sie nach dem Thale der süßen Wasser spazieren fahren. Auf diese Weise umgehst Du alle Schwierigkeiten, welche sie Dir machen könnten. Auch verbiete ich Dir, irgend einem anderen Menschen zu sagen, wer sie gekauft hat.«

»Dürfen es die anderen Sklavinnen erfahren?«

»Nein.«

»Aber mein Eunuch wird es erfahren.«

»Auch er darf es nicht wissen. Ich befehle es! Jetzt nun will ich sie sehen.«

Er wurde in das Zimmer geführt, wo der Maler zu arbeiten pflegte, und der Eunuch holte Tschita. Als der Pascha das schöne Mädchen erblickte, konnte er sein Entzücken kaum bemeistern.

»Sie ist schöner, tausendmal schöner, als ihre Mutter war!« dachte er.

Bei der Mühe, welche er sich gab, gelang es ihm, kalt zu erscheinen. Er schüttelte abweisend den Kopf und sagte, so daß sowohl Tschita als auch der Eunuch es hören konnten:

»Man hat sie mehr gelobt, als sie verdient. Ich kann sie nicht gebrauchen.«

Dann ging er. In dem vorderen Zimmer aber blieb er bei dem Händler stehen und sagte:

»Höre meinen Willen! Ich gebe Dir vier Beutel in Gold für das Mädchen und einen Beutel in Silber für das Bild, keinen Para mehr.


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Im anderen Falle magst Du versuchen, ob der Padischah Dich bezahlt. Willst Du?«

»Wann erhalte ich das Gold?«

»Sogleich, nachdem Du die beiden Frauen abgeliefert hast. Der Derwisch wird Dich zu mir begleiten, wo das Geld schon jetzt bereit liegt.«

»So nimm sie hin, Herr! Du wirst niemals ein Weib sehen, welches schöner ist als dieses Mädchen.«

Somit war der Handel abgeschlossen. Der Pascha überließ sein Pferd dem Derwisch und begab sich an das Ufer, um sich in einem Kaik nach der andern Seite übersetzen zu lassen, wo Wallert gefangen genommen worden war. Er kam dort noch vor demselben an.

Der alte Mädchenhändler hatte ein sehr gutes Geschäft gemacht. Er freute sich darüber, verbarg jedoch diese Freude, als er zu Tschita zurückkehrte. Er machte vielmehr ein zorniges Gesicht, indem er sagte:

»Jetzt konntest Du einen vornehmen Herrn erhalten und die Gebieterin eines hohen Pascha werden. Aber Du machst ein Gesicht, daß er sofort zurückgeschreckt ist. Bist Du krank?«

»Nein.«

»Und doch bist Du krank. Deine Wangen sind blaß. Hast du Schmerzen?«

»Nirgends.«

»Um so schlimmer. Wenn man blaß ist und trübselig, ohne wirkliche Schmerzen zu empfinden, so ist es sehr gefährlich. Ich glaube, Du mußt Luft und Sonnenschein haben. Hast Du einmal vom Thale der süßen Wasser gehört?«

»Wo die Frauen spielen?« fragte sie rasch.

»Ja, den Ort meine ich.«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Möchtest Du einmal hin?«

»O, gern, so gern!«

Ihre Augen strahlten vor Entzücken.

»Nun, so will ich einen Wagen miethen. Du sollst hinausfahren.«

»Heut? Jetzt, Herr?«

»Ja, jetzt sogleich.«

»Allah danke es Dir! Wer fährt noch mit?«

»Niemand. Die Andern sind nicht krank.«

»O, Eine ist doch krank, sehr krank, nämlich meine Mutter. Willst Du nicht die Gnade haben, zu erlauben, daß ich sie mitnehmen darf?«

»Ich will Dir die Freude machen, hoffe aber, daß Du um so munterer bist, wenn wieder ein Käufer kommt.«

Das gab natürlich eine außerordentlich freudige Aufregung. Der Eunuch ging, um eine Araba zu bestellen, einen zweiräderigen Wagen, von Ochsen gezogen, in welchen Mutter und Tochter stiegen, ohne zu ahnen, daß sie nicht wieder zurückkommen würden.


// 68 //

Die Vorhänge des Wagens wurden fest zugezogen. Niemand sollte die kostbare Perle sehen, welche er enthielt. Der Händler schritt nebenher und der Derwisch kam in einiger Entfernung stolz hinterher geritten, gefolgt von den erstaunten Blicken der ihm Begegnenden, die noch nie in ihrem Leben einen Derwisch vom Orden der Heulenden auf einem so guten und kostbar gesattelten Pferde gesehen hatten.

Der Weg ging durch Sankt Dimitri und Piali Pascha. Als sie den letzteren Stadttheil hinter sich hatten, ritt Osman voran. Er wollte der Erste sein, der Mutter und Tochter empfing und sich an dem Schrecke der Beiden weiden konnte.

Der Bote des Pascha war bereits dagewesen und die Haremsdienerinnen hatten Alles zum Empfange bereit gemacht. Kurze Zeit darauf knarrte der Wagen zum geöffneten Thore herein und hielt in dem Hof.

»Steigt aus!« gebot der Händler. »Wir sind an Ort und Stelle.«

Das ganze, dem Pascha gehörige Grundstück bildete ein spitzwinkeliges Dreieck, an dessen beiden langen Seiten die zwei Bäche flossen, die sich in dem spitzen Winkel vereinigten. Hart am Wasser, also von diesem bespült, hoben sich die wohl sechs Ellen hohen, starken Mauern empor. In derjenigen Mauer, welche die dritte Seite bildete und also von dem einen bis zum andern reichte, befand sich das Eingangsthor, aus starkem, mit Eisen beschlagenem Holze gearbeitet und mit schweren Riegeln und Schlössern versehen.

Durch dieses Thor gelangte man in den Hof und von diesem aus in das Gebäude, hinter welchem dann der dreieckige Garten lag, der mit schattigen Bäumen bepflanzt und mit schön blühendem Buschwerk verziert war.

Also in diesem Hofe hielt der Wagen. Die beiden Frauen stiegen aus. Tschita blickte sich befremdet um und sagte zu dem Händler:

»Ich denke, wir fahren nach dem Thale der süßen Wasser?«

»Ja, das thun wir auch,« antwortete er unter einem befriedigten Lächeln.

»Das kann doch hier nicht sein!«

»Nein. Ich habe Euch vorher hierhergebracht, um Euch zu Frauen zu führen, welche mitfahren werden. Seht dort den Mann! Folgt ihm hinauf in die Gemächer. Er wird Euch die Frauen zeigen, welche mitfahren werden. Ich warte hier, bis Ihr wieder kommt.«

Das beruhigte das Mädchen. Sie nickte ihrer Mutter aufmunternd zu und wendete sich mit ihr nach der Thür, unter welcher der erwähnte Mann stand.

Er hatte ein hageres, keineswegs Vertrauen erweckendes Gesicht und in seinem Gürtel steckte eine Peitsche, das sichere Zeichen, daß er hier eines vorragenden Amtes waltete. Er betrachtete die Nahenden mit scharfen Augen, trat zur Seite, um sie einzulassen und sagte:

»Ich bin der Stellvertreter des Pascha, der Verwalter dieses Hauses. Ihr habt Euch das zu merken!«

Das fiel Tschita auf. Sie antwortete:

»Das geht uns nichts an. Wir haben mit Dir nichts zu schaffen. Wo sind die Frauen, welche wir besuchen sollen?«


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»Folgt mir!«

Sein Gesicht hatte während ihrer Worte einen schadenfrohen Ausdruck angenommen. Er wendete sich kurz um und schritt mit ihnen voran, durch einen Gang, welcher nach einem Innenhof führte. In der Mitte desselben befand sich ein Wasserbassin, von steinernen Sitzen umgeben. Der Hof wurde nicht durch Mauern, sondern durch einen viereckigen Säulengang gebildet, auf welchem das Stockwerk ruhte. Die mit dichten Holzgittern versehenen Fensteröffnungen bewiesen, daß sich da die Frauengemächer befanden.

Es befand sich kein Mensch in dem Hofe. Der Mann führte sie über denselben hinweg nach einer schmalen Holztreppe, welche nach oben führte. Dort öffnete er eine Thür und trat mit ihnen ein. Da stand ein dicker Neger mit fettem, schwammigem Gesichte und außerordentlich wulstigen Lippen, der sich vor dem Manne verneigte. Der Letztere deutete mit der Hand auf ihn und sagte:

»Das ist Omar, von jetzt an Euer Wächter, welchem Ihr zu gehorchen habt. Er wird mir berichten, ob er mit Euch zufrieden ist.«

Tschita blickte ihn durch die Schleieröffnung erstaunt an.

»Unser Wächter?« fragte sie. »Dem wir zu gehorchen haben? Höre ich recht?«

»Ich wiederhole mein Wort nie. Wenn Ihr noch nicht wißt, woran Ihr seid, so kommt hier Einer, der es Euch sagen wird.«

Er deutete nach einer Thür, durch welche in diesem Augenblicke der Derwisch eintrat. Er hatte die Worte des Verwalters gehört und sagte zu dem Mädchen:

»Wie es scheint, hat Euch Barischa noch gar nicht gesagt, weshalb Ihr Euch hier befindet?«

Sie erkannte in ihm Den, welcher heute bei dem Händler gewesen war und ihr Zusammensein mit dem Maler gestört hatte.

Hatte sie schon aus diesem einen Grunde keine Veranlassung, ihm wohlgesinnt zu sein, so machte der lauernde, höhnische Ausdruck seines Gesichtes einen doppelt unangenehmen Eindruck auf sie.

»Er hat es mir gesagt,« antwortete sie.

»Es scheint nicht so.«

»Wir sollen hier Frauen abholen, um mit ihnen nach dem Thale der süßen Wasser zu gehen.«

»So hat er Euch getäuscht. Ihr werdet nicht an die Wasser gehen, sondern hier bleiben. Dieses Haus gehört dem mächtigen Ibrahim Pascha, welcher Euch gekauft hat.«

»Gekauft - - -?« hauchte sie, im höchsten Grade erschrocken.

»Ja. Das mußt Du doch wissen. Er war vorhin bei Dir, um Dich anzusehen.«

»Der! Ich habe ihm doch nicht gefallen!«

»Das war Scherz. Ihr werdet von jetzt an hier wohnen.«

»O Allah!«


// 70 //

Sie lehnte sich an die Wand, um nicht zusammenzubrechen. Dieser Schlag kam so unvorbereitet, so ungeahnt, daß er sie mit doppelter Stärke traf. Ihre Mutter trat schnell zu ihr und zog sie an sich.

»O Mutter, Mutter!« erklang es trostlos.

Die Angeredete konnte kein Wort des Trostes, der Beruhigung sagen; ihr fehlte ja die Zunge. Sie ließ einen rauhen, unartikulirten Laut hören, welcher wohl als ein Ton des Mitleids gelten sollte.

Der Derwisch trat an sie heran und bohrte den Blick in die Schleieröffnung der Bedauernswerthen, als ob er durch diese dichte Hülle sehen wolle und sagte:

»Alte, Du wirst Dich nicht wundern, daß ich Euch hierher gebracht habe. Du kennst ja Ibrahim Pascha, welcher damals noch Ibrahim Effendi genannt wurde.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Lüge nicht!«

Sie schüttelte abermals.

»Du lügst. Gestehe wenigstens, daß Du mich kennst!«

Sie gab dasselbe verneinende Zeichen.

»Oh, ich verstehe Dich! Du willst mir den Triumph der Rache verkürzen. Du bist schlau, aber Deine Schlauheit hilft Dir nichts. Meine Rache ist doch gelungen.«

Und zu dem Verwalter und dem Neger gewendet, fügte er hinzu:

»Dieses alte Weib ist voller Bosheit und Tücke. Gebt ihr nicht nach; verwöhnt sie nicht durch unzeitige Nachsicht. Laßt ihr die Peitsche fühlen, wenn sie widerstrebt!«

»Ungeheuer!« rief Tschita.

»Schimpfe immer!« lachte er. »Grad dieser Zorn beweist mir, daß mein Pfeil getroffen hat. Ich werde Euch wohl nicht mehr wiedersehen, denn Ihr tretet in den Harem ein; aber ich bin überzeugt, daß Ihr sehr oft an mich denken werdet. Lebt Beide wohl!«

Er ging, der Verwalter mit ihm. Draußen klirrten die Riegel vor der Thür. Die Beiden waren eingeschlossen.

"Allah!" weinte Tschita.

»O Gott, o Gott! O Allah!« weinte Tschita, indem sie den Kopf an die Brust der Mutter legte.

Diese zog die Tochter mit ihren verstümmelten Armen noch inniger an sich. Der Schwarze aber öffnete eine andere Thür, deutete da hinein und sagte mit einer fetten, quiekenden Stimme:

»Geht! Ich werde Euch Eure Gemächer anweisen!«

Als sie diesem Befehle nicht sofort folgten, zog er die Peitsche, welche auch er im Gürtel hatte, schwang sie drohend und warnte:

»Gehorcht sofort, sonst folgt sogleich die Strafe!«

Da wankten die Beiden hinaus in den Gang, auf welchen die Thür führte. Der Schwarze schob sie weiter und weiter bis in ein Zimmer, in welchem sich nichts befand als einige an den Wänden liegende Kissen.


// 71 //

»Hier habt Ihr zu warten, bis ich Euch weiter bringe,« sagte er. »Nehmt die Schleier fort. Ich muß Euch betrachten, damit ich Euch kennen lerne.«

Sie gehorchten. Als er das schöne Angesicht des Mädchens erblickte, zog ein unendlich widerliches, fast thierisches Grinsen über sein Gesicht. Er legte ihr die Hand an das Kinn und sagte:

»Du bist hübsch, sehr hübsch. Wenn Du dem Pascha gern gehorchst und Dir mein Wohlgefallen erwirbst, wirst Du vielleicht das ganze Haus beherrschen. Lege auch den Mantel ab!«

Jetzt wendete er sich zu der Mutter. Das Gesicht derselben war von Blatternarben zerrissen.

»Welch ein Contrast!« rief er aus. »Wenn der Gebieter Dich erblickt, wird er vor Schreck krank werden und ich erhalte die Bastonnade. Er darf Dich gar nicht sehen. Ich muß Dich verbergen und werde Dir in einem andern Theile des Hauses eine Kammer zur Wohnung geben. Du gehörst nicht dahin, wo die Schönheit und die Liebe herrscht. Folge mir!«

Er wendete sich nach der Thür.

»Halt!« sagte Tschita. »Sie ist meine Mutter!«

»Das weiß ich!«

»Ich trenne mich nicht von ihr!«

»Du wirst gehorchen. Vorwärts, Alte!«

Tschita legte beide Arme um die Mutter und rief:

»Sie bleibt hier oder ich gehe mit!«

»Du bleibst und sie geht! Siehst Du die Peitsche?«

»Du wirst es nicht wagen, zu schlagen!«

»Ich werde schlagen. Noch bist Du nicht die Lieblingsfrau des Pascha. Du bist keine Gebieterin, sondern eine Sclavin, welche ich züchtigen darf. Ihr werdet also Beide die Peitsche schmecken, wenn Ihr nicht gehorcht. Ihr habt gehört, was der Derwisch sagte. Also Du magst Dich hier niedersetzen und vorwärts mit der Alten!«

Er streckte die Hand nach der Mutter aus, welche aber vor ihm zurückwich. Da riß er ihr den Mantel vom Leibe, damit er besser zielen und treffen könne und holte mit der Peitsche zum Schlage aus.

Das war für Tschita zu viel. Ihre Mutter mißhandeln lassen? Nein! Ein furchtbarer Zorn bemächtigte sich ihrer; sie fühlte einen ungeahnten Muth in sich und warf sich auf den Eunuchen.

»Katze! Willst Du beißen?«

Mit diesen Worten stieß er sie von sich und richtete die Peitsche nun gegen sie, kam aber nicht dazu, den Hieb auszuführen, denn unter der Thür erschien Hilfe: Zykyma, welche mit einem raschen Schritte herbeitrat, von ihm unbemerkt und ihm von hinten die Peitsche aus der Hand riß.

»Hund, Du willst schlagen?« herrschte sie ihn an. »Das sollst Du bleiben lassen! Hier, nimm selbst!«

Er hatte sich zu ihr umgewendet und erhielt in diesem Augenblicke einen solchen Hieb über das Gesicht, daß er einen lauten Schmerzensschrei ausstieß


// 72 //

und, die Hände an die getroffene Stelle haltend, gegen die Wand taumelte. Dort blieb er stehen, ohne ein Wort zu wagen.

Zykyma machte in ihrer Schönheit, welche durch ihre gegenwärtige gebieterische und drohende Haltung noch hervorgehoben wurde, einen mächtigen Eindruck auf die beiden Bedrängten.

Sie war eines jener dunklen, üppigen Wesen, welche nur im Orient geboren werden können. Wie sie so da stand, ganz in rothe Seide gekleidet, das aufgelöste, reiche Haar über die Schultern herab fast bis auf den Boden wallend, mit blitzenden Augen und doch erhobener Peitsche, schien sie zur Königin geboren zu sein.

Ihre feinen, rosig angehauchten Nasenflügel zitterten unter der Erregung des Augenblicks; ihre Lippen hatten sich leise geöffnet, um die kleinen, schmalen, leuchtenden Zähnchen durchblicken zu lassen, und das eine, außerordentlich niedliche, nackt in einem seidenen Pantöffelchen steckende Füßchen war drohend vorgeschoben, als wolle sie sich auf den Neger werfen.

»Hat er Euch bereits geschlagen?« fragte sie mit ihrer kräftigen, aber ungemein wohlklingenden Stimme.

»Noch nicht; er wollte,« antwortete Tschita.

»Seid Ihr die beiden Neuen?«

»Das weiß ich nicht. Wir kamen hierher, um Frauen zur Spazierfahrt abzuholen. Da hörten wir, daß Ibrahim Pascha mich gekauft habe.«

»So seid Ihr es. Warum antwortet die Andere nicht?«

»Sie kann nicht. Man hat ihr die Zunge herausgeschnitten.«

»O Allah! Und was sehe ich da! Sie hat keine Hände!«

»Man hat sie ihr abgeschnitten. Sie ist meine Mutter.«

Ein unendliches Mitleid glänzte aus Zykyma's Augen, als sie auf die Verstümmelte zutrat, ihr die Hand auf die Schulter legte und dabei sagte:

»Habe keine Angst mehr! Du stehst unter meinem Schutze. Du Arme! Man ist grausam gegen Dich gewesen, grausamer als Panther und Tiger sind. Und dieser Feigling wollte Dich schlagen? Ah, er soll sofort den Lohn erhalten!«

Zwei rasche Schritte zum Neger hin. Sie holte aus, und Hieb um Hieb sauste und klatschte auf ihn nieder, ohne daß er es wagte, zu fliehen oder Widerstand zu leisten.

»So,« sagte sie dann. »So wird es Dir stets ergehen, wenn Du es wagst, Eine dieser Beiden nur mit einem Worte zu beleidigen. Du bist weder Mann noch Weib, sondern nur ein feiges, verächtliches Geschöpf. Du wagst Dich nur an Schwache und Wehrlose, armseliger Sklave eines ebenso armseligen Herrn. Wer hat Dir befohlen, gegen diese Beiden die Peitsche zu gebrauchen?«

»Der Derwisch und der Verwalter,« wimmerte er.

»So werde ich mit diesem Letzteren ein ernstes Wort reden. Sage ihm, daß er sich vor mir in Acht nehmen soll. Wo werden diese meine Freundinnen wohnen?«

»Drüben auf der vorderen Seite des Hofes.«


Ende der dritten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen - Deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk