Lieferung 49

Karl May

20. November 1886

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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Indianer zu stolz ist, seine Erregung merken zu lassen. Er als »Fürst der Bleichgesichter« durfte also nicht weniger Selbstbeherrschung zeigen.

»Willst Du mir wohl sagen, wie, wann und wo Du diese beiden Männer gesehen und getroffen hast?«

»Jetzt nicht, aber wenn der »silberne Mann« nicht mehr unter meinem Schutze steht. Jetzt bin ich sein Schirm und Schild; ich darf nicht von ihm erzählen.«

»Ich sehe ein, daß Du nicht anders kannst. Ich habe mit dem Häuptling der Apachen gesprochen. Er ist bereit, die Friedenspfeife mit Dir zu rauchen. Es ist besser, wenn Friede und Freundschaft zwischen den rothen Männern herrscht. Soll ich ihn rufen?«

»Nein.«

»Warum nicht? Wünschest Du nicht auch den Frieden?«

»Ich wünsche ihn, aber ich kann ihn jetzt noch nicht haben. Die Apachen haben mir in letzter Nacht meine Krieger getödtet. Blut um Blut, Leben um Leben, Mensch um Mensch. Wenn sie mir ebenso viele ihrer Leute geben, werde ich das Calummet rauchen.«

»Das werden sie nicht thun. Aber ich werde Dir für Deine rothen Krieger einige Bleichgesichter geben.«

Das electrisirte den Maricopa. Dieses Anerbieten war eigentlich ein unglaubbares, ein ungeheuerliches. Ein Bleichgesicht wollte seine Brüder hergeben. Aber ein weißer Gefangener ist dem Indianer lieber als zehn rothe. Darum fragte der »eiserne Mund«:

»Mein Ohr ist scharf; aber ich glaube, daß es jetzt geträumt hat. Was sagtest Du?«

»Wir haben mehrere weiße Gefangene unten im Keller; diese will ich Dir geben an Stelle der Apachen, welche Du verlangst.«

»Wie viele sind ihrer?«

Steinbach gab die Zahl an. Da rief der Rothe erstaunt:

»Und die willst Du mir geben, damit ich sie scalpiren kann!«

»Nein. Das sollst Du nicht. Du sollst sie mit Dir nehmen in die Wohnungen Deines Stammes, damit sie Dir dienen und Deine Befehle erfüllen. Sind sie Dir untreu, und begehen sie Verbrechen, dann, ja dann magst Du machen mit ihnen, was Dir beliebt.«

»So sind es nicht Freunde von Dir?«

»Nein.«

»Was haben sie Dir gethan?«

»Mir nichts. Sie sind Räuber und Mörder. Wenn sie nicht wären, so wäre auch Dein jetziger Kriegszug nicht verunglückt.«

»Willst Du mir das erklären?«

»Sie sind schuld, daß wir von Deiner Ankunft erfuhren. Einer ihrer Verbündeten sandte ihnen die Botschaft, daß Du mit einem weißen Mädchen nach dem Silbersee kommen werdest. Von ihnen habe wir es erfahren. Sonst hätten wir nichts gewußt, und Dein Ueberfall wäre Dir gelungen.«


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Da glühten die Augen des Maricopa grimmig auf. Er sagte zornig:

»Und diese Männer giebst Du mir mit?«

»Alle. Nur Einen behalte ich für mich zurück.«

»Sie sollen meine Diener sein, ja, meine Diener und es soll ihnen an nichts fehlen, an gar nichts!«

Das hieß natürlich, daß sie seine Sclaven sein würden und daß es ihnen an Allem fehlen werde.

»Rufe den Häuptling der Apachen herbei!« fuhr er fort. »Ich bin bereit, mit Euch die Pfeife des Friedens zu rauchen.«

Kurze Zeit später saßen die beiden Häuptlinge mit Wilkins, Sam und Steinbach rund um ein Feuerbecken und besprachen die Grundlagen eines ewigen Friedens zwischen den Kriegern der Apachen und denjenigen der Maricopa's. Dieser Frieden wurde abgeschlossen, mit kräftigen Handschlägen besiegelt und aus dem Calummet beraucht.

Dann machte sich eine Prozession von rothen und weißen Männern auf, um den Maricopa's die Nachricht der Versöhnung zu bringen. Sie wurde von ihnen mit aufrichtiger Freude aufgenommen; keiner aber freute sich so sehr, wie das alte, ehrliche »scharfe Beil«. Dieser Indianer ruhte nicht eher, als bis Steinbach mit ihm eine Extra-Friedenspfeife geraucht hatte.

Dabei fiel es Steinbach ein und auf, daß er Roulin, den silbernen Mann, gar nicht mehr zu sehen bekam. Als er den Alten nach ihm fragte, antwortete dieser mit einem spöttischen Achselzucken:

»Der silberne Mann ist wie der Thau.«

»Wieso?«

»Wenn die Sonne des Friedens kommt, vergeht er.«

»Meinst Du etwa, daß er nicht mehr da sei?«

»Das meine ich. Als Dein Gewehr unsere vier Krieger getödtet hatte, sah er, daß das weiße Mädchen in Eure Hände gerieth. Dann nahmt Ihr unsern Häuptling gefangen, er glaubte nun, daß unser Kriegszug verunglückt sei und daß wir uns an ihm, der der Anstifter war, rächen würden. Er ist ganz unbemerkt auf seinem Pferde davongeritten.«

Jetzt, da er das erfuhr, dachte Steinbach gar nicht daran, seine Erregung unter der Maske des Gleichmuthes zu verbergen. Er sprang von seinem Sitze empor und suchte den Häuptling der Maricopa's auf, welcher mit Sam, Wilkins und dem Häuptling der Apachen unter einem Baume saß, wo eine wiederholte Friedenspfeife den neu geschlossenen Bund zum wievielten Male bekräftigte.

Der »eiserne Mund« wollte es zunächst gar nicht glauben, daß sein weißer Verbündeter sich ohne Abschied entfernt habe. Weitere Nachforschungen ergaben aber die Richtigkeit dieser Aussage.

»Steht er nun noch unter Deinem Schutze?« fragte ihn Steinbach.

»Nein. Er hat sich aus demselben entfernt. Als er mich gefangen sah, ist er entflohen. Der Feigling ist mein Gefährte gewesen, wird es aber niemals wieder sein.«


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»Wir müssen ihm schleunigst nach.«

»Warum?« fragte Wilkins.

»Weil er uns Auskunft über Ihren Neffen und auch über Adler geben kann.«

»Ist das möglich?«

»Ganz gewiß. Ich gehe sofort zu Magda Hauser, um zu versuchen, etwas Näheres über ihn zu erfahren.«

Als er bei den beiden Mädchen eintrat, machte seine Gestalt einen gewaltigen Eindruck auf Magda. Wieder hätte er bei ihrem Anblicke den Namen Tschita ausrufen mögen, so sehr ähnlich sah sie der einstigen Sultana. Leider konnte sie ihm nicht die gewünschte Auskunft geben, weder über ihre Eltern, noch über Roulin. Das Porträt ihrer Mutter aber besaß sie. Sie hatte es an einem goldenen Kettchen an ihrem Halse hängen. Als sie das Medaillon öffnete und er den Kopf sah, fuhr er mit der Hand zum Herzen.

»Anna von Adlerhorst!« hätte er beinahe ausgerufen. Doch drängte er die Worte noch zeitig genug zurück. Es konnte ja eine Täuschung möglich sein.

Da machte Almy ihn auf ein Anderes aufmerksam. Sie fragte ihn:

»Sie suchen Herrn Adler, den einstigen Oberaufseher meines Vaters. Haben Sie ihn einmal gesehen?«

»Nein.«

»So sehen Sie sich hier meine neue Freundin an. Magda sieht ihm außerordentlich ähnlich. Als er nach dem Westen ging, ließ er mir seine Photographie als Andenken zurück. Ich werde sie Ihnen zeigen.«

Sie brachte das heilig gehaltene Bild herbei. Als er einen Blick auf dasselbe warf, war es ihm ganz so, als ob er das Porträt Hermann von Adlerhorsts erblicke, welcher sich in Constantinopel Wallert genannt hatte. Doch ließ Steinbach sich auch hiervon nichts merken.

Er begab sich wieder hinaus an den See, um mit dem »eisernen Mund« zu sprechen. Dieser war nicht mehr vorhanden. Er hatte mit der »starken Hand« und einem Apachen den Silbersee verlassen, um der Fährte des »silbernen Mannes« nachzufolgen.

So thatkräftig und schnell entschlossen war der Häuptling der Apachen. Der »eiserne Mund« hatte sich ihm sogleich angeschlossen, um ihm einen Freundschaftsbeweis zu geben und sich zugleich an Roulin zu rächen.

Jetzt nun gab es große Berathung. Nun Wilkins wußte, wo er von den beiden Verschwundenen Nachricht erhalten konnte, litt es ihn nicht länger am Silbersee. Auch er wollte Roulin nach. Steinbach hatte natürlich dieselbe Absicht. Sam, Tim, Jim und Zimmermann erklärten, daß sie sich anschließen würden.

So verging der Nachmittag, der Abend und die Nacht unter dem Schmieden verschiedener Pläne. Am Morgen erhielten die Maricopa's die ihnen zugesagten Buschwhackers ausgeliefert. Diese waren nicht wenig erschrocken, als sie erfuhren, welches Schicksal ihrer wartete. Sie hatten es verdient. Sie wollten sich beschweren; sie klagten, zankten, fluchten; es half ihnen nichts.


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Die Maricopa's zogen am Nachmittage mit ihnen ab. Natürlich nahmen sie die unscalpirten Leichen ihrer gefallenen Krieger mit.

Gegen Abend kehrte der Apache, welcher die beiden Häuptlinge begleitet hatte, auf schweißtriefendem Pferde zurück und meldete, daß die beiden Genannten der Fährte Roulin's bis nach dem Campo grande gefolgt seien; dorthin sollten die Anderen nachkommen.

Nun gab es kein Halten mehr. Magda wollte zu ihren Eltern in das Todesthal. Almy wollte nicht zurückbleiben, da es sich um das Auffinden Adlers handelte. Es wurde beschlossen, die beiden Mädchen nach San Marcial zu bringen, wo sie mit der Südbahn bis nach Mohawk-Station fahren sollten, um unter dem Schutze Jims und Tims und Zimmermanns dort die Andern zu erwarten.

Von den Gefangenen war nur Einer zurückgeblieben, nämlich der einstige Derwisch, welchen Steinbach für sich behalten wollte. Er sollte von dem Förster Rothe verpflegt und bewacht werden, welcher mit seinen Verwandten am Silbersee blieb, um Sams Rückkehr daselbst abzuwarten. Natürlich war der Förster nicht allein. Es blieb eine Anzahl der Apachen da, um das Missionsgebäude zu hüten, und diese Leute schienen zuverlässig genug zu sein, so daß man ihnen Alles anvertrauen konnte, zumal kein Grund vorhanden war, irgend ein störendes oder gar feindseliges Ereigniß zu erwarten.

Am frühen Morgen bereits wurde aufgebrochen. Dann lag der Silbersee, an dessen Wasser es in der letzten Zeit so lebhaft hergegangen war, still und einsam an seinen Ufern. Gab es in seiner Nähe oder im Missionsgebäude denn wirklich solche Schätze, wie man vermuthete - -?

Bereits am Nachmittage wurde diese Einsamkeit unterbrochen. Durch den vom Norden in das Thal führenden Paß kamen drei Reiter langsam herbeigetrabt. Zwei trugen abgeschabte Jägerkleidung. Der Dritte hatte ein weniger mitgenommenes Gewand an. Auch sein Pferd war frischer und rüstiger als die anderen Thiere. Der Erste deutete auf das Wasser und sagte:

»Das ist der Silbersee, Sennor, von welchem ich sagte, daß wir vorüber müßten. Hat Eure Reise Eile?«

»Warum fragt Ihr?«

»Weil mir scheint, daß wir bald einen Regen haben werden, und ich möchte die Nacht lieber in einem Zimmer zubringen, als unter dem Himmel. Trocken bleiben ist auf alle Fälle besser, als im Regen im Walde campiren.«

»Ihr sprecht vom Zimmer. Giebt es denn hier irgend einen bewohnten Ort?«

»Natürlich. Das ist die alte, berühmte Mission am Silbersee.«

»Ah! Mönche! Das ist mein Geschmack nicht.«

»Die waren früher einmal da, sind nun aber schon längst zu den andern frommen Vätern versammelt. Was Ihr da finden werdet, sieht gar nicht nach Mönch aus, nicht einmal nach Nonne.«

»Doch nicht etwa eine junge Sennorita?«


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»Grad das und nichts Anderes. Und was für Eine! Schön wie ein Engel, fromm wie eine Heilige und verführerisch wie eine Venus.«

»Wer ist sie denn, und wie heißt sie?«

»Die eine Frage kann ich beantworten, die andere aber nicht. Sie wird allgemein die Taube des Urwaldes genannt und wohnt mit ihrem Vater unter dem Schutze der Apachen in der alten, verlassenen Mission.«

»Sie muß doch einen Namen haben.«

»Hoffentlich. Ich kenne ihn leider nicht.«

»Ist sie reich?«

»Läßt sich denken. Hier um den See herum soll mancher Schatz vergraben liegen.«

»Ist es noch weit bis zu der Mission?«

»Gar nicht. Hier biegen wir um den Felsen, und da liegt sie. Seht Ihr, da links.«

»Hm! Nicht übel. Und Ihr denkt, daß wir heut Regen bekommen?«

»Ganz gewiß. Wir haben Euch nichts zu befehlen. Ihr habt uns als Führer gemiethet und bezahlt uns gut. Wir müssen uns also nach Euern Befehlen richten. Aber wir haben doch auch auf Euer Wohl zu sehen, und wenn Ihr auf einen guten Rath hören wollt, so bleiben wir heut Nacht in der Mission.«

»Wird man uns dort aufnehmen?«

»Sehr gern. In solcher Gegend ist man froh, einen Weißen zu sehen.«

»Na, wollen es versuchen.«

Den beiden Führern war es um ein gutes Quartier, dem Herrn aber wohl meist um das Mädchen zu thun, welches man ihm als eine solche Schönheit beschrieben hatte, noch dazu unter so poetisch-geheimnißvollem Namen.

Es schien sich kein Mensch in der Nähe des Sees zu befinden. Die drei Reiter bemerkten freilich nicht die Apachen, welche hinter den Felsen saßen und den Eingang der Mission im Auge hatten. Der eine Führer klopfte. Er mußte dies wiederholt thun, ehe das Guckloch geöffnet wurde.

»Wer seid Ihr?« fragte die alte Indianerin.

»Reisende, wir kommen von Isleta und wollen nach Prescott hinab.«

»Weshalb klopft Ihr an?«

»Wir bitten um ein Quartier für die Nacht.«

»Schlaft unter den Bäumen!«

»Es wird heut regnen.«

»Hm! Seid Ihr Yankees?«

»Nein. Wir sind gute Neu-Mexikaner. Dieser Sennor aber ist aus dem Norden.«

»Ich werde fragen.«

Sie machte das Loch wieder zu.

»Sapperment!« lachte der Yankee. »War das etwa Eure Taube des Urwaldes?«


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»Spottet nicht! So häßlich dieses alte Weib ist, so schön ist die Taube.«

»Wenn sie nur auch gastfreundlicher ist!«

»Keine Sorge. Wir erhalten sicherlich aufgemacht.«

Er hatte Recht. Bereits nach kurzer Zeit öffnete die Alte das Thor und sagte:

»Reitet hier herein, geradeaus bis in den Hof!«

Sie folgten dieser Weisung. Im Hofe saß ein Indianer zu Pferde. Er that so, als ob er sich gar nicht um sie bekümmere, nahm sie aber heimlich sehr scharf in die Augen. Als sie abgestiegen waren, sahen sie einen Mann aus dem Treppeneingang treten.

»Ist das der Vater der Taube?« fragte der Yankee.

»Nein. Ich kenne ihn nicht. Habe ihn noch niemals gesehen.«

»Ja. Dieser Kerl aber war niemals da.«

Der betreffende Mann kam langsam auf sie zu, grüßte und fragte in ziemlich schlechtem Englisch:

»Ihr wollt hier übernachten, Sennores?«

»Ja.«

»Darf ich vielleicht um Euern Namen bitten?«

Diese Frage war an den Yankee gerichtet. Derselbe gab zur Antwort:

»Ich heiße Leflor.«

»Woher?«

»Hm! Ihr scheint die Manieren eines Polizeimannes zu haben.«

»Ist hier auch nothwendig, zumal jetzt. Also bitte!«

»Aus Wilkinsfield, drüben in Arkansas.«

»Sapperment! Ist das möglich?«

»Möglich? Wieso? Es ist sogar wirklich. Wie kommt es, daß Ihr Euch so sehr darüber wundert, daß ich aus diesem Orte bin?«

»Weil der Herr dieses Hauses von ebenda her ist.«

»Alle Teufel! Wie heißt er?«

»Wilkins.«

Der Yankee erbleichte. Er war ja jener Leflor, welcher Wilkins aus seiner Pflanzung vertrieben, später nach ihm gesucht, ihn aber niemals gefunden hatte. Er beherrschte sich möglichst und meinte in scheinbar gleichgiltigem Tone:

»Hoffentlich fallen wir diesem Herrn nicht beschwerlich.«

»O nein. Er ist verreist.«

»Ah! Auf wie lange?«

»Auf unbestimmte Zeit.«

»Seine Familie ist aber doch zurückgeblieben?«

»Leider nicht. Er hat nur Miß Almy, und diese ist mit ihm fort.«

»Wie schade. Ich hätte die Beiden gern begrüßt. Sind noch andere Personen aus jener Gegend da?«

»Keine einzige.«


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»Das thut mir wirklich herzlich und aufrichtig leid. Lieber möchte ich da gleich wieder fort.«

»Oho! Wenn Ihr Master Wilkins kennt, so würdet Ihr ihm willkommen sein. Darum ist es meine Pflicht, Euch ebenso willkommen zu heißen. Kommt mit herauf zu uns! Eure Diener mögen sich dort an den Indianer wenden, der für sie sorgen wird.«

»Oho, Diener!« knurrte der eine Führer, hielt es aber doch für gut, sich in die Anordnung zu fügen.

Leflor war außerordentlich erschrocken gewesen; jetzt aber freute er sich königlich, hier eingekehrt zu sein. Er hatte den Aufenthalt des so lange Gesuchten kennen gelernt und hoffte, auch außerdem von dieser Entdeckung zu profitiren. Es kam nun, da er einmal seinen Namen und Wohnort genannt und beide unmöglich wieder ableugnen konnte, darauf an, daß sich Niemand hier befand, der sein Verhältniß zu Wilkins genau kannte.

Er folgte dem Manne nach oben in eine Stube, wo zwei Frauen und ein junger Bursche saßen.

»Ich bringe Euch hier einen guten Freund von Master Wilkins,« sagte er zu ihnen, »der gekommen ist, ihn zu besuchen. Noch heut Morgen, Herr Leflor, hättet Ihr ihn angetroffen. Das läßt sich aber nun nicht ändern. Ich selbst bin eigentlich Gast hier. Ich heiße Rothe und war Förster drüben in Deutschland. Hier ist mein Sohn, meine Frau und meine Schwägerin, welche - ah, da fällt mir ein, daß Sam Barth ja auch in Wilkinsfield gewesen ist. Kennt Ihr ihn?«

»Ja,« antwortete Leflor erschrocken.

»Nun, das freut uns. Er ist nämlich der Bräutigam meiner Schwägerin.«

»Jedenfalls befindet er sich hier?«

»Nein. Er war hier, ist aber heut mit Master Wilkins, Jim und Tim und Steinbach fort.«

»Jim und Tim -?« entfuhr es Leflor.

»Ja. Kennt Ihr auch die?«

»Sehr gut. Nanntet Ihr da nicht auch einen Steinbach?«

»Ja. Er kam hierher, um einen gewissen Adler zu suchen, der in Wilkinsfield Oberaufseher gewesen ist. Vielleicht habt Ihr auch diesen gekannt?«

»Er war mein bester Freund.«

»Seht, seht! Wie sich das so trifft. Na, setzt Euch nieder und macht es Euch bequem. Wir werden den Abend recht gemüthlich verplaudern.«

Leflor nahm Platz und erfuhr nach einigen Fragen, daß er eine Entdeckung nicht zu fürchten habe. Es befand sich kein Mensch hier, der ihm hätte gefährlich werden können. Nun erst überkam ihn ein außerordentliches Wohlbehagen. Er kam sich vor wie ein Dieb, welchem der Hausherr nicht nur alle Schätze zeigt, sondern auch den Ort, an welchem sich die Schlüssel dazu befinden.

Die Frauen entfernten sich, um das Abendessen zu bereiten. Indessen ergingen die drei Andern sich in einem sehr animirten Gespräche, im Verlaufe


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dessen Leflor ganz unauffällig den Förster examinirte und dessen ganze Erlebnisse erfuhr. Ebenso bekam er die Erlebnisse der letzten Tage erzählt.

»Aber wo sind denn diese Leute alle hin, welche heute abgereist sind?« fragte er schließlich.

»Das weiß man nicht. Nur die beiden Häuptlinge, welche voran sind, wissen die Richtung. Die jungen Damen sind nach Mohawk-Station, wo sie warten, bis die Männer zu ihnen stoßen. Diese aber sind eben jenem Musjöh Roulin nach. Man hat mich nicht eingeweiht. Ich weiß nur das, was ich ganz zufällig gehört habe. So viel aber ist sicher, daß sie einen jungen Wilkins und jenen Adler suchen.«

Jetzt wurde das Essen aufgetragen. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der ehrliche Förster, ob auch das Essen für den Gefangenen fertig sei. Die Frage wurde bejahend beantwortet.

Für Leflor konnte jede Kleinigkeit hier von Nutzen werden.

Ein Gefangener hier, das war sehr auffällig. Er fragte also wie nur so nebenbei:

»Es giebt hier Gefangene? Wohl Indianer?«

»O nein; er ist ein Weißer.«

»Doch nicht. Hat er eine Strafe abzusitzen?«

»Was Sie meinen! Als ob wir hier ein Bezirksgericht oder so Etwas hätten! Nein, nein; das ist sehr einfach Privatangelegenheit. Der Kerl wollte hier mit einbrechen und wurde mit den Andern festgehalten.«

»Ich denke, sie sind Alle den Maricopa's ausgeliefert worden, wie Ihr vorhin erzähltet?«

»Alle, nur dieser Eine nicht. Mit ihm scheint Steinbach etwas ganz Besonderes vorzuhaben, vielleicht weil er ein Bote jenes Walker gewesen ist.«

»Walker?«

Er wollte es blos fragen, schrie aber den Namen in seiner Erregung laut auf. Dabei fuhr er mit der Hand unwillkürlich nach seiner Brusttasche. Dort steckte ein Brief, welcher folgendermaßen lautete:

    »Macht Euch sofort auf und kommt zu mir. Ich habe Euch Wichtiges zu sagen. Ich nenne mich jetzt Robin und wohne bei Prescott, Arizona, in den Mogollon-Bergen. Jedermann weist Euch zu mir.
    Walker.«

Der Förster blickte Leflor erstaunt an. Er fragte:

»Das klang ja, als ob es Euch erschreckt hätte.«

»O nein. Warum?«

»Weil Ihr so laut riefet.«

»Davon habe ich keine Ahnung. Wer mag denn wohl dieser Walker sein, der solche Spitzbuben hierher schickte?«

»Ein schöner Kerl!«

Und nun erzählte er Alles, was er von Sam Barth, Jim und Tim über den Genannten erfahren hatte. Zuletzt bemerkte er noch:


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»Und denkt Euch nur, der Kerl, den Walker geschickt hat, ist noch dazu ein alter Bekannter von mir!«

»Unmöglich! Das wäre ja ein reines Wunder.«

»Beinahe. Der Kerl nannte sich hier Bill Newton, ist Derwisch und Mörder in der Türkei gewesen, und war vorher unter dem Namen Florin Kammerdiener des Herrn, dessen Förster ich war.«

»Wunderbar! Dieser Mann ist interessant. Er mag wohl ein rechtes Spitzbubengesicht haben?«

»So ziemlich. Seid Ihr vielleicht so Etwas, was man einen Psycholog nennt?«

»Jawohl.«

»Nun, wenn Ihr ihn Euch einmal ansehen wollt, so kann es ja geschehen.«

»O, sehr gern!«

»Ich werde ihm das Essen hinuntertragen. Ihr könnt mitgehen, wenn es Euch beliebt.«

Er nahm einen großen Schlüssel vom Nagel und ging mit Leflor nach der Küche, wo er ein Stück Fleisch und ein Gefäß mit Wasser holte. Dann stiegen Beide die zwei Treppen in den Keller hinab. Es verstand sich ganz von selbst, daß Leflor sich die Oertlichkeit auf das Genaueste einprägte. Der Schlüssel, welchen der Förster trug, schloß die Thür. Rothe öffnete diese und trat hinein. Als er das Essen hingelegt hatte, sagte er zu dem Gefangenen:

»Bursche, stehe einmal auf! Dieser Herr will Dich ansehen.«

Der Gefangene gehorchte nicht, erhielt aber einige derbe Stöße, so daß er endlich aufstand.

»Da, Master Leflor, guckt Euch einmal das Gesicht an. So sieht ein Hallunke aus, der Spitzbube, Derwisch, Mörder und Kammerdiener gewesen ist.«

»Wie war sein eigentlicher Name?«

»Florin.«

»So ist er wohl ein Franzose?«

»Freilich.«

»Sprecht Ihr auch französisch, Förster?«

»Kein Wort.«

»Schade darum! Sonst könntet Ihr ihm in seiner Muttersprache die Meinung sagen; ungefähr so: tü seras soweé!«

Diese Worte bedeuten >Du wirst gerettet werden<. Der gute Förster ahnte das nicht. Er hatte die Aussprache dieser drei Worte »tü seras soweé« ein Wenig verstanden und antwortete:

»A Sauvieh? Ja, das ist er. Da drückt sich der Franzose ganz richtig aus. Na, sein Brod ist ihm gebacken. Er wird vergiftet und ausgestopft wie ein Uhu, wenn Steinbach wiederkommt. Ich mag nicht in seiner Haut stecken.«

Er schloß wieder zu und kehrte mit Leflor in die Stube zurück. Dort


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hing er den Schlüssel wieder an denselben Nagel, was Leflor sehr wohl bemerkte.

Dieser Letztere ließ es sich nun angelegen sein, Etwas über die Art und Weise, in welcher das Haus bewacht wurde, zu erfahren. Der Förster theilte ihm aufrichtig mit, daß im Hofe zwei Indianer, im Hause selbst aber Keiner postirt seien. Draußen, grad gegenüber dem Thore hatten drei Apachen ihren Posten. Hiermit konnte sich der Yankee zufrieden geben. Er schützte bald Müdigkeit vor und bat, ihm sein Zimmer anzuweisen.

»Zimmer anweisen!« lachte der Förster. »Ihr redet, als ob Ihr Euch in einem Hotel befändet. Hier giebt es zwar viele Räumlichkeiten, aber äußerst wenig Möbels. Eigentlich könnte ich Euch nur eine leere Stube geben; da Ihr aber ein guter Freund von Master Wilkins seid, so sollt Ihr hier blieben. Ihr könnt da auf dem Kanapee schlafen. Das ist ein seltener Genuß im fernen Westen.«

»O, ich will Euch nicht berauben oder vertreiben!«

»Das thut Ihr gar nicht. Wir schlafen nicht hier, sondern in zwei Kammern am Ende des Corridors.«

Auch das war beruhigend. Die Förstersfamilie verabschiedete sich, und nun befand Leflor sich allein. Es konnte nicht besser passen. Der Förster schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, ihm Alles ganz und gar mundrecht zu machen.

Zunächst unternahm er nichts. Aber als Mitternacht nahe war und draußen ein Sturm sich erhob, welcher ein leises Geräusch im Innern des Hauses gar nicht hörbar werden ließ, da nahm er den Schlüssel von der Wand und schlich sich hinaus und hinab in den Keller. Natürlich ging dies nicht sehr schnell. Er hatte die Indianer zu fürchten, traf aber glücklicher Weise auf kein Hinderniß. Auch die Thür, hinter welcher der Gefangene steckte, öffnete sich geräuschlos. Er trat ein.

»Wollt Ihr mich befreien?« fragte der Gefangene.

»Ja, kommt heraus. Ihr geht mit mir hinauf in meine Stube.«

»Sind wir da sicherer?«

»Ich denke es.«

Der Derwisch kam heraus und Leflor schloß die Thür wieder zu. Dann nahm er den Andern bei der Hand, um ihn zu führen. Sie gelangten unbemerkt und glücklich oben in der Stube an, wo Leflor natürlich kein Licht brannte. Er hing den Schlüssel wieder an seinen Ort, führte den Gefangenen nach dem Kanapee und setzte sich neben ihn.

»Gewiß sendet Euch Walker?« fragte der Derwisch.

»O nein. Ich rette Euch aus freien Stücken.«

»Wie käme das? Ich kenne Euch nicht. Wenigstens schien es mir bei dem geringen Lichtscheine, als ob ich Euch noch niemals gesehen habe.«

»Ich Euch auch nicht. Aber doch interessire ich mich sehr lebhaft für Euch. Ich lernte vor Jahren Walker, den Ihr nanntet, kennen; ich machte ein Geschäft mit ihm und jetzt will ich ihn wieder aufsuchen. Hier einkehrend,


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hörte ich, daß man Euch eingesperrt habe, weil Ihr ein Bote Walkers seid. Darum beschloß ich, Euch zu retten.«

»Gott sei Dank oder meinetwegen auch allen Teufeln! Ihr befreit mich da aus einer verzweifelten Lage. Ich hatte hier nichts als den Tod zu hoffen, und zwar was für einen! Ich werde Euch ewig dankbar sein. Diesem Steinbach aber werde ich es heimzahlen und zwar baldigst.«

»Ihr liebt ihn wohl nicht?«

»Kein Mensch kann so gehaßt werden wie er von mir!«

»Hm! Auch ich habe ihm meine Liebe gewidmet!«

»Ists möglich! Auch Ihr?«

»Ja; dieser Mensch scheint sich um Alles zu bekümmern, was ihm nichts angeht. Er kam in meine Gegend und schnüffelte da herum, bis er einen Grund fand, hierher zu gehen und mich in ungeheuren Schaden zu bringen.«

»So sind wir also Gesinnungsgenossen?«

»Leidensgefährten.«

»Und können Verbündete werden, wenn es Euch recht ist. Ihr scheint ein guter situirter Mann zu sein und ich bin arm, aber ich versichere Euch, daß meine Hilfe nicht zu verachten ist.«

»Glaube es gern und nehme sie an. Wir wollen uns über diesen Steinbach hermachen, wie die Meute über den Wolf. Wüßte ich nur, wo er hin ist!«

»Er wird Walker aufsuchen. Es ist ihm verrathen worden, daß ich Walkers Bote bin; das ist für ihn Grund genug dazu.«

»Auf alle Fälle muß er vor Steinbach gewarnt werden.«

»Ich muß fort, dies zu thun.«

»Nicht so schnell. Wie wollt Ihr nach Prescott?«

»Alle Teufel! Ich habe kein Pferd.«

»Und ich kann Euch keins verschaffen, wenigstens hier nicht. Wir reiten von hier aus über Silver-City nach Casa grande und Phönix -«

»O weh! Und nach Prescott wollt Ihr?«

»Freilich. Ich habe zwei Führer.«

»Schöne Kerls! Die betrügen Euch um wenigstens drei Tagereisen. Oder sollten sie den Weg über das Gebirge wirklich nicht kennen! Ah, wenn Ihr mit mir gehen könntet! Wir haben ja das gleiche Ziel.«

»Vielleicht läßt es sich möglich machen.«

»Warum nicht? Ich habe da einen Gedanken. Wann reitet Ihr ab?«

»Kurz nach Tagesanbruch.«

»Und ich gehe natürlich eher fort. Vor dem Spätvormittag wird man mein Verschwinden gar nicht bemerken. Ich gehe also ganz gemüthlich nach Silver-City zu. Ihr kommt später nach. In zwei Stunden werdet Ihr einen Bergsturz erreichen, welcher interessant anzusehen ist. Ihr steigt ab, um ihn Euch zu betrachten, und Eure Führer werden auch absteigen. Ich halte mich versteckt, ergreife den günstigen Augenblick und reite mit den beiden Pferden der Führer davon. Ihr werft Euch natürlich sofort auf Euer Pferd, um mich


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zu verfolgen. Dann werden diese braven Kerls auf Euch warten; wir Beide aber reiten in aller Gemüthlichkeit nach Prescott zu Walker. Wie gefällt Euch dieser Plan?«

»Er ist ausgezeichnet. Ich erhalte einen besseren Wegweiser und Ihr kommt nicht nur zu einem Pferde, sondern sogar zu zweien.«

»So möchte ich mich jetzt aufmachen. Es ist gar nicht mehr lange bis zum Tagesgrauen.«

»Wie wollt Ihr hinaus?«

»Durch das Thor jedenfalls nicht.«

»Das ist ja verschlossen und im Hofe halten zwei Indianer Wache.

»Also muß ich hier zum Fenster hinab.«

»Ganz gut. Ich gebe Euch mein Lasso dazu.«

»Und könntet Ihr mir nicht ein Messer borgen? Es ist möglich, daß ich mich meiner Haut zu wehren habe.«

»Ihr sollt es erhalten. Nehmt Euch aber auch da draußen in Acht, daß Ihr nicht erwischt werdet. Dem Thore gegenüber steht auch ein Indianerposten.«

»Keine Sorge! Bin ich einmal außerhalb des Gebäudes, so soll mich nicht so leicht Jemand ergreifen. Also bitte, binden wir das Lasso hier an das Tischbein, damit nicht Ihr Euch unnöthig anzustrengen habt. Und nun das Fenster auf! Er ließ sich hinab. Leflor zog sein Lasso zurück und machte das Fenster wieder zu.

Des andern Morgens früh punkt neun Uhr geschah zweierlei: Als der Förster um diese Zeit in den Keller kam, war der Gefangene fort - und dort am Bergsturze warteten die beiden armen Führer, daß Leflor ihnen die Pferde zurückbringen werde. Sie warteten vergebens. -

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II. Im Thale des Todes.

Prescott, der Hauptort von Yavahai County im nordamerikanischen Staate Arizona war zur Zeit, da die uns bekannten Personen dort handelnd auftraten, noch Sitz der Territorialbewegung. Man hatte in der Nähe reiche Gold- und Silberlager entdeckt, und durch diese Entdeckung war, wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt, eine Menge fraglicher und fraglichster Existenzen herbeigezogen worden.

Diese problematischen Subjecte waren sehr schwer zu überwachen, unmöglich aber zu regieren, obgleich, wie gesagt, die Regierung ihren Sitz im Orte hatte. Es kamen fast täglich Dinge vor, welche sich mit dem Gesetze nicht in Einklang bringen ließen. Die Gewalt ging vor Recht und die Verschlagenheit und Verworfenheit siegte noch über die Gewalt. Wer sich erhalten wollte, mußte Eins von Beiden sein, gewaltthätig oder hinterlistig.

Es versteht sich ganz von selbst, daß an einem Minen- oder Goldgräber-


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orte die Schnapsschänken und Spielhäuser wie Pilze aus dem Boden wuchsen. Sie alle, alle waren verrufen. Eine einzige nur erfreute sich eines einigermaßen guten Leumundes, und der Wirth dieser Venta war - nicht einmal ein Wirth, sondern eine Wirthin, eine Frau oder, die Wahrheit zu sagen, eine alte Jungfer.

Eine bedeutende Strecke vor der Stadt lag diese Venta, und zwar an dem Wege, welcher nach Cerbat und Fort Mohave führte. Das Gebäude war aus unbehauenen Steinen aufgeführt, bestand aus dem Parterre und dem Dachraume mit zwei kleinen Giebelstuben und hatte hinten einen Stall, an der Giebelseite nach Norden aber einen sogenannten Corral, eine starke Plankenumzäumung für allerhand Thiere, meist Pferde und Maulthiere.

Ueber der Thür zu dem Hause war ein breites, hohes Schild angebracht. Es zeigte eine weibliche Figur mit Büchern, einer Weltkugel, einer Palette und einem Winkelmaße in den Händen und darunter war in großen Buchstaben zu lesen:

»Venta zur gelehrten Emeria.«

Nämlich die Wirthin hieß Emeria, Sennorita Emeria. Sie hatte ihren Kopf in die Wissenschaften gesteckt und ihr Herz an den Branntwein gehängt; beide waren da stecken und hängen geblieben. Trotz dieser letzteren Liebhaberei war sie ein resolutes, respectirtes Frauenzimmer. Sie trank nämlich sehr oft, nie aber zu viel, und da ihr Kopf nur der Kunst und Wissenschaft gehörte, so fand der Schnaps in demselben keinen Platz, sie war nie betrunken. Desto öfters aber setzte er sich in ihrem Herzen fest. Geschah dies, so dachte sie an ihre erste und einzige Liebe und weinte ihr bittere, nach Branntwein duftende Thränen nach.

Außer vielen anderen Eigenthümlichkeiten hatte sie besonders die eine, daß sie jeden Gast auf seinen gelehrten Standpunkt prüfte; nach diesem richtete sich ihr Verhalten. Sie hatte früher einmal Erzieherin werden wollen und zwei Jahre lang über drei oder vier Büchern gesessen. Aus diesen hatte sie sich eine ihrer Meinung nach beispiellose Weisheit geschöpft, und nun war sie stets bereit, mit Jedwedem ein gelehrtes Tournier einzugehen. Wie es eigentlich um ihr Wissen stand, das ahnten Wenige; noch Wenigere wußten es; sie aber ahnte es selbst nicht einmal.

Heute saß ihre sehr lange, sehr dürre, scharf und spitz gezeichnete Gestalt am Tische, eine große Klemmbrille auf der Nase, ein Buch vor sich, daneben rechts ein Stück Thon zum Modelliren und links die Zeichnung einer oberschlächtigen Oel- und Getreidemühle. Sie studirte. Das heißt, sie nickte halb im Traume vor sich hin und that zuweilen einen Schluck aus dem kleinen Fläschchen, welches in einer Höhlung des Modellirthons steckte.

Sie war bisher allein gewesen; jetzt aber öffnete sich die Thür und ein junger, hübscher, muthwillig dreinblickender Bursche trat ein. Das war Petro, ihr Peon oder Reitknecht, der aber nebenbei auch alles Andere war. Und das war er, weil er sich ihre ganz besondere Zuneigung erworben hatte. Und diese


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hatte er erlangt, weil er alle ihre gelehrten und verblüffenden Fragen sofort, ja blitzschnell auf eine noch viel gelehrtere und verblüffendere Weise beantwortete. Er hatte sich da ihre ganz besondere Anerkennung erworben und - stand sich sehr wohl dabei. Sie merkte gar nicht, daß er sich nur lustig über sie machte.

»Was befehlen Sennorita zum Abendessen?« fragte er.

»Jetzt noch nichts, ich will erst abwarten, welche Temperatur wir am Abende haben. Die Temperatur steht nämlich in innigster Wechselbeziehung zu der menschlichen Bauchspeicheldrüse -«

»Leberwürmern, schneidenden Winden und schleimigem Stuhlgange,« fiel er sofort mit der Sicherheit eines Professors der Pathologie ein.

Sie blickte überrascht auf.

»Das ist sehr richtig, besonders das von den Winden. Diese hängen ganz besonders von der Temperatur ab. Sie stehen in umgekehrtem Verhältnisse zur Außenwelt. Wind muß ja sein, ist draußen keiner, so geht er im Innern des Menschen. Wie viele Grade haben wir heute?«

»Zwanzig nach Reaumur.«

»Wieviel macht das nach Celsius?«

»Fünfundzwanzig.«

»Stimmt! Und nach Fahrenheit?«

»Siebenundsiebzig.«

»Stimmt wieder. Ich finde, daß Du eine sehr gute Lebensanschauung hast und Dir die Zahlen sehr gut merkst. Doch gehe jetzt. Dort kommt ein Gast, den ich noch nicht kenne. Ich muß ihn prüfen, ob er würdig ist, in meinem Hause eine Erquickung zu genießen.«

Petro ging. Draußen schüttelte er lächelnd den Kopf und murmelte:

»Jetzt hat sie die halbe Flasche leer und ist liebesselig. Wehe dem Gaste, welcher da kommt.«

Der Betreffende schien keine Ahnung von dem Empfange zu haben, welcher seiner wartete. Er kam mit rüstigen Schritten herbei. Noch in jugendlichem Alter stehend, machte er einen sehr guten Eindruck. Kräftig gebaut, gab er seinen Bewegungen eine unbewußte Eleganz, welche in dieser Gegend wohl selten zu sehen war. Doch trug er ganz gewöhnliche Kleidung von dunkelblauem Tuche, Jacke, Hose und Weste, dazu bis an die Knie reichende Schaftstiefel und einen breitrandigen schwarzen Filzhut. Die Uhr, welche sich in der Weste befand, war an einer einfachen Gummischnur befestigt, was auf den einfachen Sinn des jungen Mannes schließen ließ, doch trug er an dem kleinen Finger der rechten Hand einen massiven Goldring mit einem höchst werthvollen Diamanten. Ein Kenner hätte es seinen Augen vielleicht angesehen, daß er gewohnt sei, eine Brille zu tragen. Die Stiefel waren beschmutzt und der Anzug sah staubig aus. Der Mann hatte wohl einen weiten Fußweg zurückgelegt.

Er grüßte Petro kurz aber leutselig und blieb dann vor dem Eingange stehen, um für einige Augenblicke das sonderbare Schild zu studiren. Dann trat er in die Gaststube.

»Buenos dias - guten Tag!« grüßte er.


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Emeria saß wieder auf ihrem Stuhle. Sie that, als ob sie den Eintretenden weder bemerkt, noch gehört habe.

»Buenos dias!« wiederholte er.

Auch jetzt antwortete sie nicht. Er setzte sich an einen Tisch. Da er glauben mochte, daß sie schwer höre, so sagte er zum dritten Male und zwar mit sehr erhobener Stimme:

»Buenos dias, Sennora!«

Da erhob sie sich langsam, drehte sich ebenso langsam nach ihm um, rückte ihre Klemmbrille zurecht, betrachtete den jungen Mann eine ganze Weile und sagte dann in verweisendem Tone:

»Ihr wißt wohl nicht, in welcher Weise man zu grüßen hat, Sennor?«

Er lächelte leise und antwortete ruhig:

»Bisher habe ich geglaubt, es zu wissen.«

»Nein, Ihr wißt es nicht!«

»So werde ich Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr die Güte haben wolltet, es mich zu lehren.«

»Warum laßt Ihr meinen Titel weg?«

»Ach so! Verzeiht! Aber als ich zum dritten Male grüßte, habe ich es wieder gut gemacht, indem ich den Titel hinzufügte.«

»Es war falsch.«

»Das sollte mir leid thun.«

»Ich bin nicht Sennora, sondern Sennorita.«

»Da seht Ihr mich ganz trostlos. Aber ich konnte wirklich nicht wissen, daß Ihr nicht Frau, sondern noch Jungfrau seid.«

»Ihr konntet Euch erkundigen!«

»Da habt Ihr Recht und ich bitte abermals um Entschuldigung.«

»Ich kann es nicht anhören, wenn das starke Geschlecht um Verzeihung und Entschuldigung bittet. Es ist das so unmännlich.«

»Ich glaube nicht, daß unsere Stärke darin bestehen soll, rücksichtslos und grob zu sein!«

»Und doch seid Ihr Beides selbst jetzt noch!«

»Wieso?«

Er hatte bisher freundlich und heiter gesprochen, jetzt aber zeigte sich auf seiner Stirn eine kleine Falte.

»Ihr sprecht mit einer Dame und bleibt doch auf Eurem Stuhle sitzen, obgleich Ihr seht, daß ich, die Dame, vor Euch aufgestanden bin!«

»Aber erst, nachdem ich dreimal gegrüßt hatte!«

»Ihr hattet falsch gegrüßt; da mußte ich sitzen bleiben, um Euch zu strafen.«

Jetzt stand er langsam auf und griff wieder nach seinem Hute.

»Mich zu strafen?« sagte er. »Sennorita, Ihr scheint Eure Stellung ganz zu mißverstehen. Ihr seid in keiner Weise meine Vorgesetzte; auch komme ich nicht, um Euch zu begrüßen, sondern um Euch eine Erquickung abzukaufen, die ich genießen will und bezahlen werde.«


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»Das ist ganz gut, aber wer mir nicht gefällt, der bekommt nichts.«

»Nun, ich muß annehmen, daß ich Euch nicht gefallen habe und also nichts bekommen werde. Adios, Sennorita!

Er wendete sich nach der Thür; aber bereits in demselben Augenblicke stand sie zwischen derselben und ihm. Sie streckte ihm abwehrend alle ihre langen, weit auseinandergespreizten Finger entgegen und gebot ihm:

»Halt! Ihr habt zu bleiben! Noch habe ich Euch nicht entlassen. Erst muß ich erfahren, ob Ihr würdig seid, eine Erquickung von mir einzunehmen.«

»Wie wollt Ihr das erfahren?«

»Indem ich Euch examinire.«

»Und Ihr meint, daß ich mir dies gefallen lasse?«

»Ja, Ihr müßt! Seht her!«

Sie drehte den Schlüssel um und zog ihn ab, so daß er durch das offene Fenster hätte springen müssen. Dann stemmte sie die eine Hand auf den Tisch, die andere in die Seite und fragte ohne alle Einleitung:

»Wie kann man sich mittels eines Garnknäuels aus der Quadratur des Zirkels herausfinden?«

»Ihr meint wohl aus dem Labyrinth?«

»Nein. Ihr wißt es also nicht. Weiter! Warum liegt die Sahara in Afrika?«

»Alle Wetter!« lachte er. »Wer das beantworten könnte!«

»Ihr nicht, wie ich bemerke. Weiter! Welcher Unterschied ist zwischen der Madonna von Rafael und dem großen Einmaleins?«

Er trat einen Schritt zurück. Es begann, ihm angst zu werden. Sie nickte verächtlich und sagte:

»Auch das nicht. Also noch die letzte Frage: In welchem Verhältnisse steht Kants Philosophie zu den Eisenbahnfahrplänen der neueren Zeit?«

»Hoffentlich in gar keinem!«

»Seht, nicht einmal eine so tief in das Verkehrsleben einschneidende Frage könnt Ihr beantworten. Ich kann Euch nichts verkaufen, weder Porter noch Schnaps, noch sonst Etwas.«

»Das habe ich doch bereits gesagt. Darum bitte ich Euch, wieder aufzuschließen.«

Sie blickte ihn lange an. Ihr ernstes Auge wurde immer milder, der sonst so eigenthümlich irre Blick lebensvoller. Dann sagte sie freundlich:

»Und doch kann ich Euch nicht so von mir gehen lassen. Ihr habt die Probe nicht bestanden; aber in Eurem Gesichte ist so etwas Gutes und Liebes. Es ist mir, als ob wir liebe und gute Bekannte wären, und darum sollt Ihr haben, was Ihr verlangt. Emeria Garezzo examinirt zwar streng, richtet aber voller Nachsicht.«

Als sie diesen Namen nannte, zuckte ein undefinirbares Etwas über das Gesicht des Fremden. Er fuhr sich mit der Hand nach der Stirn, als ob er sich auf irgend Etwas besinnen müsse; sein Schnurrbart kräuselte sich unter


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einem leisen Lächeln, dann ging sein Auge in einem tiefen, fast pietätvollen Blicke über die Gestalt der Wirthin weg und nun antwortete er:

»Ja, Sennorita, gebt mir ein Glas Wasser mit Zucker darin.«

»Das ist Kindertrank, aber nicht für Männer!

»Mir aber heut das Allerliebste!«

»Gut, Ihr sollt es haben; ich gebe es sonst keinem Menschen; aber weil Ihr das - das - das Unbeschreibliche im Gesicht habt, so sollt Ihr das Zuckerwasser bekommen.«

Sie schloß die Thür wieder auf, ging hinaus und brachte bald das Zuckerwasser herein. Als sie es vor ihn hinsetzte, erklärte sie:

»Wasser und Zucker verhalten sich nämlich zu einander wie ein Hydrooxygengasmiskroskop zu einem Faß voll saurer Gurken; einzeln für sich sind Beide zu gebrauchen, thut man aber das Erstere in des Letztere, so ist nichts zu gebrauchen. Was seid Ihr?«

»Goldsucher,« antwortete er zögernd, als ob er sich vorher überlegen müsse, welche Antwort er geben solle.

»Das habe ich mir gedacht. Die Goldsucher sind stets ohne Wissenschaft und Schule. Ihr seid ein so junger, hübscher Sennor. Schade um Euch! Habt Ihr denn gar nichts gelernt?«

Es zuckte fast schalkhaft über sein Gesicht, als er antwortete:

»Nur ein Bischen zeichnen.«

»So! Was zeichnet Ihr denn?«

»Köpfe nach dem Leben und nach der Phantasie.«

»Nun, ich bin Künstlerin, nämlich Dichterin, Componistin, Malerin und Bildhauerin; auch mime ich. Ich werde sehen, was Ihr leistet. Da habt Ihr Bleistift und Papier. Zeichnet mir einmal einen Kopf.«

Er zog das Blatt zu sich heran und griff zum Bleistift. Fast in demselben Augenblick gab er Beides wieder zurück. Es war, als habe er nur einen Strich gemacht, so schnell war er fertig. Sie ergriff das Blatt, warf einen Blick darauf, ließ es sinken und starrte den Fremden sprachlos an. Erst nach einer langen, langen Weile kam es mühsam über ihre Lippen:

»Mein Gott! Das ist Er - Er - Er, so, wie er vor mir stand, als er mich in die Geheimnisse des Dalai Lama und des Melonenpflanzens einweihte. Ja, das ist er, wie er leibt und lebt. Das ist seine Stirn, seine Nase, sein edles Profil. Er ist so gut, so genau getroffen, daß er sprechen könnte, wenn er wollte. Sagt einmal, Sennor, ist diese Zeichnung ein Phantasiestück oder nicht?«

»Nein. Die Phantasie hat mir nicht den Stift geführt. Ich habe nach dem Leben gezeichnet.«

»Nach dem Leben! Also doch! Ihr kennt ihn?«

»Ich habe das Original dieses Portraits gesehen.«

»Mein Gott, welch ein Zufall! Endlich, endlich werde ich Etwas von ihm zu hören bekommen!«


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»Macht Euch keine allzu großen Hoffnungen, Sennorita. Ich habe ihn gesehen; weiter aber kann ich doch auch nichts von ihm sagen.«

»Aber seinen Namen kennt Ihr?«

»Ja.«

»Er heißt Heulmeier?«

»Nein.«

»Nicht? So wäre er es nicht? So wäre es nur ein wunderbares Naturspiel, eine außerordentliche Aehnlichkeit!«

»Vielleicht ist er es dennoch.«

»Aber wenn er anders heißt!«

Der junge Mann schien nicht ganz genau zu wissen, wie er antworten solle. Gar zu sehr mit ihrem Gegenstande beschäftigt, bemerkte sie dies gar nicht. Auch beachtete sie den Blick nicht, den er auf sie warf. Es lag viel Bedauern, Mitleid und Theilnahme in demselben. Endlich, erst nach einer Pause, antwortete er:

»Wenn auch die Namen verschieden sind, so ist doch vielleicht die Person dieselbe.«

»Schwerlich. Ist Derjenige, den Ihr gesehen habt, Professor?«

»Nein. Er ist Minister.«

»Und wie heißt er?«

»Er ist ein Graf von Langendorff.«

»So ist er es nicht. Heulmeier und von Langendorff ist zu verschieden, und mein Geliebter ist Professor geworden, nicht aber Minister. Wie ist denn Euer Name?«

»Günther.«

»Ist dies nicht ein Vorname?«

»Ja. Er wird aber auch oft als Familienname gebraucht.«

»Und Ihr seid ein Deutscher?«

»Gewiß.«

»So seid Ihr ein Landsmann von ihm und könnt bei mir so viel Zuckerwasser trinken, wie Ihr nur wollt. Die Goldgräber haben nicht viel Geld übrig. Entweder finden sie nichts oder sie vergeuden das Gefundene schnell, wenn sie im Geschäft glücklich gewesen sind. Habt Ihr Geld?«

»Nun, ich besitze so viel, daß ich einstweilen wohl nicht Noth zu leiden brauche.«

Er sagte das lächelnd.

»Einstweilen, ja, das sagt genug. Ich will Euch ein kleines Honorar zuwenden. Wollt Ihr mir dieses Portrait ablassen?«

»Sehr gern.«

»Wie viel verlangt Ihr dafür?«

»Nichts. Ich schenke es Euch.«

»Oho! Ihr redet da aus einem großen Geldbeutel!«

»Ich sage ja, daß es einstweilen zureicht.«

»Nun, ich will mich nicht mit Euch zanken. Ich nehme also den Kopf


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an und danke Euch für das Geschenk. Hoffentlich ist es mir erlaubt, Euch einen Gefallen dafür zu erweisen. Ihr kommt doch öfters zu mir?«

»Möglich.«

»Bei wem wohnt Ihr denn?«

»Ich wohne noch gar nicht. Ich stehe erst im Begriff, mir ein Logis zu suchen.«

»Ihr werdet schwerlich eins finden, wo Ihr allein wohnen könnt. Diese Gegend ist jetzt so von Goldsuchern überfüllt, daß man froh ist, mit Mehreren sein Bett zu theilen.«

»Das bin ich freilich nicht gewöhnt. Auch wollte ich nicht gern in der Stadt selbst wohnen.«

»Außerhalb derselben? Wo denn?«

»Nun, aufrichtig gestanden, kam ich in der Hoffnung zu Euch, hier ein Logement zu finden.«

»Da habt Ihr Euch getäuscht. Ich habe keine Wohnung für Fremde. Und selbst wenn ich ein Zimmer übrig hätte, so würde ich es meinen Grundsätzen zu Folge nur an Einen vermiethen, welcher meine Fragen beantworten kann. Ihr aber habt mir auf alle vier nicht eine einzige Antwort gegeben. Dies ist die Venta zur gelehrten Emeria und ich darf meinem Hause und meiner Firma keine Schande machen.«

»So muß ich mich fügen, obgleich ich dachte, daß ich vielleicht in einem Giebelstübchen bei Euch Platz finden könnte.«

»Nein; da habt Ihr Euch getäuscht. Von wem wißt Ihr überhaupt, daß ich ein Giebelstübchen habe?«

»Von Sennor Robin.«

Sie machte eine Bewegung der Ueberraschung.

»Robin?« sagte sie. »Es giebt nur einen Sennor dieses Namens und dieser wohnt draußen in den Mogollon-Bergen. Meint Ihr vielleicht diesen?«

»Ja.«

»Er ist ein Bekannter von Euch?«

»Ich traf ihn zufällig; aber er schickte mich zu Euch. Er meinte, ich brauche Euch nur seinen Namen zu nennen, so würdet Ihr mir das Giebelstübchen geben.«

»Hm! Das ist etwas Anderes. Ich habe Rücksichten auf ihn zu nehmen, und wenn er Euch zu mir geschickt hat, so werde ich Euch allerdings nicht fortweisen. Wollt Ihr Euch das Logis einmal ansehen, ob es Euch gefällt?«

»Ich bitte um die Erlaubniß dazu.«

»So kommt!«

Sie schritt voran und führte ihn eine Treppe empor, wo sie eine Thür öffnete. Da gab es einen kleinen, zwar dürftig ausmöblirten, aber ziemlich traulichen Raum. Günther sah ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, einen Spiegel und einen Schrank. Dies war Alles, was man hier inmitten eines wilden Landes verlangen konnte. Er erklärte, daß ihm das Stübchen gefalle und daß er es behalten werde, wenn sie es ihm vermiethen wolle. Sie meinte:


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»Um Robins willen und weil Ihr mir den Kopf gezeichnet habt, sollt Ihr es haben. Beabsichtigt Ihr vielleicht, bald einzuziehen?«

»Wenn Ihr erlaubt, so bleibe ich gleich da.«

»Hm! Wo habt Ihr Eure Sachen?«

»Ich habe einstweilen nur das, was ich auf dem Leibe trage, Sennorita.«

»Na, da werdet Ihr vielleicht so ein Luftikus sein, wie sie jetzt hier gang und gäbe sind. Ihr werdet mich doch nicht etwa in Unannehmlichkeiten bringen?«

»Nein, gewiß nicht. Ihr dürft Vertrauen zu mir haben. Die Miethe zahle ich Euch pränumerando und was ich genieße, berichtige ich stets sofort.«

»So mag es gelten. Ein Goldsucher ist kein Graf oder Herzog; Bedienung werdet Ihr also nicht verlangen. Uebrigens, wenn Ihr trotzdem eine Frage oder sonst ein Bedürfniß habt, so wendet Euch an meinen Peon Petro oder an die Magd Henriettina. Ich habe keine Zeit. Eine so vielseitige Gelehrte und Künstlerin, wie ich bin, hat jede Minute den Musen und den Göttern der vielen Wissenschaften zu widmen.«

Es wurde nun noch der Betrag der Miethe festgesetzt und da Günther sich mit demselben sofort einverstanden erklärte und ihn auch gleich bezahlte, so war diese Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit sehr schnell geordnet. Die Wirthin kehrte in das Gastzimmer zurück und Günther begann, es sich im Zimmer wohnlich zu machen.

Er zog eine dicke Brieftasche hervor und breitete den Inhalt derselben auf dem Tische aus. Hätte Sennorita Emeria dabei stehen und mit zählen können, so würde sie den Besitzer einer so außerordentlich hohen Summe wohl anders als bisher beurtheilt haben.

Sie hatte sich wieder auf ihren Platz gesetzt und ein Gefäß mit Wasser und einen Hader zu sich genommen. Sie wollte nach der Zeichnung, welche sie von Günther erhalten hatte, den Kopf des Geliebten aus Thon formen. Sie arbeitete sehr fleißig. Ein Kopf wurde fertig, aber was für einer! Dabei wischte sie sich die mit Thon beschmierten Hände sehr oft ab und zwar nicht an den Hader, welcher doch dazu dienen sollte, sondern an das schwarze Kleid, welches sie trug. In dem Eifer und der Anstrengung fuhr sie sich mit den Fingern auch in das Gesicht, in das Haar, und so kam es, daß sie in kurzer Zeit einen Anblick bot, der auch einen ernsthaften Mann zum Lachen gebracht hätte.

Da ging die Thür auf und es trat Jemand ein. Sie nahm sich nicht die Zeit, sich umzusehen; sie glaubte, daß es ihr Peon sei, bis endlich eine heisere, unangenehme Stimme sagte:

»Na, was ist denn das für ein Verhalten! In einer Venta hat man sich doch um die Gäste zu bekümmern!«

Jetzt drehte sie sich um. Der Mann hatte sich gleich auf den ersten, besten Stuhl gesetzt. Sein Aussehen war nicht sehr Vertrauen erweckend.

»Was höre ich!« sagte sie. »Ihr raisonnirt?«

»Ja. Ich habe das Recht dazu!«


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»Das Recht? Wieso?«

»Ich komme als Gast und kein Mensch bekümmert sich um mich.«

»Seid froh, daß dies so ist, denn wenn ich mich um Euch bekümmern wollte, so wäre es doch nur in der Weise, daß ich Euch aus dem Hause werfen ließ.«

»Oho! Das geschieht nicht so leicht! Ehe Ihr mich hinauswerft, will ich erst ein Glas Branntwein trinken!«

»Könnt Ihr ihn bezahlen?«

»Das geht Euch nichts an!«

»Nichts? So! Wenn Ihr das denkt, so macht nur gleich, daß Ihr hinauskommt. Ich werde mich wohl überzeugen können, ob ich auch Zahlung erhalte.«

»Na, so überzeugt Euch! Hier!«

Er zog einen Silberpeso aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch.

»Das ist etwas Anderes,« sagte sie. »Zahlen könnt Ihr also. Dennoch aber fragt es sich, ob Ihr den Branntwein erhaltet.«

»Warum denn?«

»Erst müßt Ihr beweisen, daß Ihr es werth seid.«

Er verstand sie nicht und blickte sie erstaunt an. Sie aber trat näher und stemmte beide Hände in die Seiten. Dabei beachtete sie gar nicht, daß sie eben in jeder Hand ein Stück gekneteten Thon hielt, den sie nun an die schwarze Taille schmierte. Sie warf sich in eine möglichst imponirende Positur und fragte:

»Wie viele Nebenmonde hat der Uranus?«

Der Gefragte blickte sie an, als ob er sagen wollte, daß er sie für übergeschnappt halte.

»Na, Antwort!« drängte sie.

»Donnerwetter! Wer ist denn dieser Krinus oder Urimus oder Urian?«

»Das wißt Ihr nicht?«

»Nein. Ich kenne weder ihn noch seine Monde. Jedenfalls geht mich der Kerl auch gar nichts an.«

»Gut! Weiter! Wie alt wurde der größte Feldherr der Karthager, ehe er starb?«

»Unsinn! Wie alt ist er denn wohl nachher noch geworden, als er gestorben war?«

»Sennor,« sagte sie in verweisendem Tone, »beleidigt meine Würde nicht! Ich stehe vor Euch als Dame, Gelehrte, Künstlerin und Examinatorin. Sagt mir jetzt weiter, in welcher Beziehung die Planimetrie mit der Witterungskunde verwandt ist!«

»Mir ganz gleich. Auf diese Verwandtschaft gebe ich nicht das Geringste!«

»Also auch nicht! Nun viertens: Warum nennt man eine gewisse Klasse der Affen Meerkatzen?«

Da fuhr er von seinem Sitze auf und rief:


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»Himmeldonnerwetter! Wollt Ihr mich etwa auch zum Affen machen? Was weiß ich von Meerkatzen! Jedenfalls sehe ich jetzt in diesem Augenblicke die allererste und die seid Ihr selbst!«

Das war eine Beleidigung, welche sie nicht dulden durfte. Sie fuhr mit ihren thonigen Fingern auf ihn zu und schrie:

»Was sagt Ihr? Ich eine Meerkatze? Hat man bereits einmal so Etwas gehört? Die gelehrte Emeria eine Meerkatze! Das muß ich bestrafen!«

»Na, habe ich denn Unrecht?« lachte er. »Wenn die Gelehrtheit darin besteht, daß man sich mit Lehm beklext, so kann ich das auch. Uebrigens weiß ich gar nicht, wie ich dazu komme, von Euch nach Dingen gefragt zu werden, von denen ich gar keine Ahnung habe. Gebt mir meinen Schnaps! Weiter verlange ich nichts.«

»Ihr bekommt keinen!«

»Warum nicht?«

»Ihr seid ein Ignorant und ein solcher bekommt von mir keinen Tropfen Wasser, viel weniger Schnaps.«

»Ignorant? Was ist das? Meint Ihr etwa Elephant? Wenn Ihr Eure Gäste in dieser Weise beschimpfen wollt, so könnt Ihr lange feil halten, ehe sie wieder bei Euch einkehren. Hätte ich das gewußt, so wäre ich sicher nicht zu Euch gekommen; aber da Sennor Robin mir sagte, daß ich zu Euch gehen solle, so habe ich es gethan, natürlich ohne alle Ahnung, daß Ihr mich erst für einen Affen und dann sogar für einen Elephanten halten würdet!«

Das beruhigte sie.

»Von Sennor Robin redet Ihr? Der hat Euch geschickt?«

»Ja.«

Das ist etwas Anderes. Da sollt Ihr einen Schnaps erhalten, obgleich Ihr mir den Beweis schuldig geblieben seid, daß Ihr als Gast in die Venta der gelehrten Emeria paßt.«

Sie holte den Schnaps. Als sie ihm das Glas hinsetzte, bemerkte sie:

»Uebrigens ist es eigen. Während einer Stunde seid Ihr der Zweite, den mir Sennor Robin schickt.«

»So? Ist der Erste bereits da?«

»Ja.«

»Das wollte ich erfahren. Deshalb komme ich her. Ich soll Euch nämlich fragen, ob ein gewisser Sennor Günther, ein Deutscher, bei Euch vorgesprochen habe.«

»Das hat er.«

»Und habt Ihr ihm ein Logis gegeben?«

»Ja, auf die Empfehlung von Sennor Robin.«

»Schön! So ist Alles in Ordnung. Ich glaube, Sennor Robin wird bald selbst kommen, um sich für die Aufmerksamkeit zu bedanken, welche Ihr ihm erweiset. Es ist wahr, ein Wirth oder eine Wirthin muß sich die Gäste durch Gefälligkeit verbinden. Daher kann ich mich nicht begreifen, daß Ihr die


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Eurigen in der Weise empfangt, wie Ihr es mit mir gemacht habt. Thut Ihr das etwa mit einem Jeden?«

»Ja.«

»Unmöglich!«

»Ich werde Euch gleich zeigen, daß es wirklich so ist. Seht Ihr den Reiter, der auf meine Venta zukommt?«

Der Gast blickte zum Fenster hinaus und antwortete:

»Ja, ich sehe ihn. Dieser Mann muß einen langen und beschwerlichen Ritt hinter sich haben. Er ist ganz bestaubt und sein Pferd hinkt und kann kaum mehr fort.«

»Er wird bei mir einkehren und Ihr sollt sehen, daß ich ihn ebenso scharf examinire wie Euch.«

»Na, das ist drollig! Warum aber thut Ihr das?«

»Im Interesse meines Rufes.«

»So bin ich neugierig, wie er es aufnehmen wird.«

Er setzte sich in erwartungsvoller Haltung wieder auf seinen Platz nieder.

Der neue Ankömmling war kein Anderer als Roulin, von den Indianern der »silberne Mann« genannt. Er kam von dem Silbersee, wo er entflohen war. Er band sein Pferd draußen an, kam herein und grüßte. Der andere Gast erwiderte den Gruß. Die Sennorita saß wieder an ihrem Tische und modellirte. Sie nahm von ihm keine Notiz.

»Seid Ihr der Wirth oder ein Gast?« fragte Roulin den Mann.

»Ich bin ein Gast. Die Sennorita dort ist die Wirthin.«

»Bitte, Sennorita, ist hier Wein zu bekommen?«

»Ja, der ist zu bekommen,« nickte sie, ohne sich aber nach ihm umzudrehen.

»Bringt mir eine Flasche!«

Jetzt stand sie auf, drehte sich ihm zu und betrachtete ihn aufmerksam. Dann antwortete sie:

»Zu bekommen ist er; wer ihn aber bekommt und wer nicht, darüber behalte ich die Entscheidung natürlich mir vor.«

Er blickte sie ganz erstaunt an und fragte dann:

»Bin ich denn nicht in einer Venta?«

»Ja, da seid Ihr.«

»Da bekommt man doch wohl, was man bezahlt?«

»Gewöhnlich. Meine Venta aber ist eine ungewöhnliche. Ich bin die gelehrte Emeria und bediene nur solche Leute, welche mir bewiesen haben, daß sie in den Wissenschaften und Künsten zu Hause sind.«

Er tippte sich mit dem Finger an die Stirn und meinte:

»Bei Euch ist es wohl hier nicht richtig?«

»Das laßt nur meine eigene Sorge sein! Jetzt werde ich Euch einige Fragen vorlegen.«

»Wie es Euch beliebt! Nur bitte ich, es kurz zu machen. Ich habe Durst und Hunger!«


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»Dem Geiste ist Nahrung noch nothwendiger als dem Körper. Also sagt mir gefälligst, wer die meisten egyptischen Pyramiden erbaut hat!«

»Das kümmert mich wenig!«

»Ach so! Welche Sprache hat man wohl vor der Erbauung des Thurmes zu Babel gesprochen?«

»Spanisch und Englisch jedenfalls nicht!«

»Nein. Da habt Ihr Recht. Aber ich will nicht eine negative, sondern eine positive Antwort und die könnt Ihr mir doch nicht geben. Also weiter! Welche Aehnlichkeit ist zwischen der Buchdruckerkunst und einem neuen, amerikanischen Bratofen?«

»Donnerwetter! Das scheint lustig zu werden!«

»Ist aber sehr ernst gemeint. Also nun die letzte Frage, Sennor! Warum giebt der Karpfen keinen Fischthran?«

»Das ist seine Sache, nicht aber die meinige!«

»So mag es auch nicht Eure Sache sein, wem ich meinen Wein einschänke. Ihr bekommt also nichts!«

»Hört, Sennorita, Ihr seid jedenfalls verrückt! Ich lasse mir wohl Etwas gefallen, aber was zu toll ist, das ist zu toll. Es wird doch wohl nicht von Eurem Examen abhängen sollen, wer bei Euch Etwas bekommt oder nicht!«

»Grad darauf kommt es an!«

»Hat denn dieser Sennor hier auch ein Examen gemacht?«

»Natürlich!«

»Und hat er es bestanden?«

»Leider nicht. Er hätte nichts erhalten, aber da er von Sennor Robin geschickt worden ist, so habe ich eine Ausnahme gemacht und ihm gegeben, was er verlangte.«

»Sennor Robin? Ah, meint Ihr den, welcher da draußen in den Bergen wohnen soll?«

»Ja; es giebt keinen Zweiten hier.«

»Nun, so könnt Ihr mir auch meinen Wein geben. Ich bin ein Freund und Geschäftsverbündeter von ihm.«

»Das müßtet Ihr beweisen.«

»Ich gebe Euch mein Wort darauf.«

»Das genügt mir nicht. Ihr seid hier fremd und ich kenne Euch nicht.«

»Donnerwetter! Wollt Ihr mich für einen Lügner erklären?«

»Nein. Ich verlange nur Beweise. Wie ist Euer Name?«

»Roulin.«

»Den habe ich noch nicht gehört.«

»Aber ich!« sagte da der andere Gast. »Sennor, seid Ihr der Roulin, der da unten im Todesthale wohnt?«

»Ja.«

»Nun, so bezeuge ich, daß Ihr wirklich ein Geschäftsfreund von Sennor


Ende der neunundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen - Deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk