Lieferung 5

Karl May

16. Januar 1886

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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voran der Lord mit Regenschirm und Fernrohr und hinter ihm der Steuermann, die Hände in den Hosentaschen und den Südwester tief im Nacken.

Es war nicht schwer, den Palast zu finden. Der Eingang zu demselben war schmal. Einfahrten giebt es selbst bei solchen Palästen nicht. Innerhalb der Thür lag eine Strohmatte, auf welcher ein sonnverbrannter Kerl saß.

»Was wollt Ihr?« fragte er, natürlich türkisch.

»Wer bist Du?« fragte der Lord, natürlich englisch.

»Halt! Nicht herein! Ich bin der Kapudschi!«

Bei diesen Worten stellte er sich ihnen entgegen.

»Smith, haben Sie ihn verstanden?« fragte der Lord.

»Nein. Nur das Wort Kapudschi habe ich gehört. Was mag es zu bedeuten haben.«

»Hm! Wer weiß es!«

»Kapudschi? Sollte etwas an ihm kaput sein? Vielleicht der Verstand?«

»Möglich. Zurechnungsfähig sieht mir der Kerl nicht aus. Gehen wir weiter!«

Aber der Kapudschi, das heißt Thürsteher oder Thorwärter, blieb im Wege stehen und sagte:

»Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?«

»Smith, ich glaube, dieser Mann will uns nicht passiren lassen. He?«

»Es hat den Anschein so.«

»Nehmen Sie ihn doch ein Wenig auf die Seite!«

»Sehr gut. Den muß ich aber sanft anfassen, sonst tropft ihm die Seele zu den Pantoffeln hinaus.«

Er streckte den gewaltigen, muskulösen Arm nach dem Kapudschi aus, faßte ihn an der Brust, hob ihn empor, über sich selbst und den Lord hinweg und setzte ihn dann hinter sich nieder, so daß nun vor ihnen die Passage frei war.

So Etwas war dem Türken im ganzen Leben noch nicht widerfahren! Erstens diese Unverfrorenheit, ihm, dem wichtigen Menschen, gegenüber, und zweitens diese Riesenstärke, diese Elephantenkraft, mit der man ihn von hinten nach vorn gelangt hatte! Er vermochte kein Wort zu sagen. Er stand da, mit weit offenem Munde und blickte den Beiden nach, wie sie weiter schritten.

»Der war bei Seite geschafft«, meinte der Steuermann behaglich. »Wenn der Pascha uns nicht mehr Mühe macht, so ist es jammerschade, daß ich mitgegangen bin. Es ist ärgerlich, sich auf eine Walkerei gefreut zu haben, aus welcher dann nichts wird!«

Sie gelangten in den Hof. Dort standen mehrere Schwarze, welche bei dem Anblicke des Engländers laute Rufe der Verwunderung ausstießen. Einen so gekleideten Menschen hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen.

»Wo ist Ibrahim Pascha?« fragte der Lord einen dieser Leute.

Der Gefragte verstand nicht die Frage, wohl aber den Namen. Er deutete nach einer breiten Stiege, an deren Pfeilern zwei dicke Eunuchen lehnten, die den Lord aus ihren unförmlichen Gesichtern so anglotzten, wie ein Nilpferd irgend eine ihm unbekannte Erscheinung anstarrt.


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»Macht Platz!« befahl ihnen der Brite.

Seine Worte hatten den Erfolg, daß sie stehen blieben und die Mäuler noch weiter aufsperrten.

»Wollen gleich Abhilfe schaffen!«

Bei diesen Worten faßte der Steuermann mit der Rechten den Einen, mit der Linken den Andern, drehte sich wie ein Kreisel blitzschnell mehrere Male um seine eigene Axe und ließ sie dann plötzlich los. Beide wurden weit fortgeschleudert, Dieser dahin und Jener dorthin, wo sie noch eine Strecke weit im Sande fortkugelten.

Natürlich erhoben sie mit ihren quiekenden Stimmen einen außerordentlichen Lärm, und die Anderen stimmten alle ein. Die beiden Urheber dieses Concerts aber stiegen ruhig die Treppe empor und gelangten auf eine Art von Galerie, in welche mehrere Thüren mündeten. Die eine derselben wurde grad jetzt aufgerissen, und mit einem lauten Fluche trat der Pascha heraus, um sich nach der Ursache des ungewöhnlichen Lamentos zu erkundigen. Er erblickte den Lord und - machte es wie seine Dienerschaft: Er riß Mund und Augen auf, so weit es nur möglich war.

»Guten Morgen,« grüßte der Lord. »Sprechen Sie englisch?«

»Nein,« antwortete er französisch.

Darum fuhr der Lord in dieser letzteren Sprache fort:

»Welche Sprache außer der türkischen sprechen Sie am geläufigsten?«

»Französisch und deutsch.«

»Ah, deutsch? Hm! Oh! Sprechen wir also deutsch! Aber natürlich nicht hier! Ich bitte, uns in Ihr Empfangszimmer zu führen.«

Der Pascha konnte sich noch immer nicht mit dem Gedanken befreunden, daß dieser Engländer sich hier vor ihm blicken lasse. Doch öffnete er die Thür und trat mit den Beiden ein. Sie befanden sich jetzt in einem mit allem orientalischen Luxus ausgestatteten Raum, in welchem der Besitzer des Palastes sich eben dem Genusse des süßen Nichtsthuns hingegeben hatte. Er ließ sich auf ein schwellendes Kissen nieder, forderte die Beiden aber nicht auf, Platz zu nehmen.

Er hatte seine Fassung wieder gewonnen und musterte den Lord mit einem Blicke, in welchem es wie von Haß, Verachtung und allem Aehnlichen glitzerte und leuchtete.

Der Brite seinerseits bemerkte dies sehr wohl, machte sich aber keinen Pfifferling daraus. Er betrachtete sich das finstere Gesicht des Pascha eine kleine Weile und sagte dann:

»Sie werden wohl gern wissen wollen, was ich eigentlich bei Ihnen will?«

»Natürlich!« antwortete der Gefragte kurz.

»Nun, es ist gar nicht etwas sehr Wichtiges. Ich habe nur Etwas gekauft, was ich Ihnen zeigen will.«

»Wenn Sie mich nur deshalb in meiner Arbeit stören, so konnten Sie Ihren Besuch unterlassen.«

»Arbeit? Hm! Ich sehe nichts, was darauf hinwies, daß Sie sehr beschäftigt gewesen sind. - Heut früh traf ich einen Handelsmann, welcher mir eine Uhr zum Kaufe anbot.«


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»Eine Uhr? Ah! Sie haben sie gekauft?«

»Ja.«

»Was ist es für eine?«

»Eine goldene, von sehr guter Arbeit, mit Diamanten besetzt und mit einem Wappen versehen.«

»Haben Sie sie mit?«

»Vielleicht.«

»Vielleicht? Sie werden doch wissen, ob Sie die Uhr einstecken haben! Darf ich sie einmal sehen?«

»Ja. Warum nicht! Hier ist sie.«

Er zog sie aus der Tasche und gab sie dem Pascha hin. Dieser warf einen Blick darauf und sagte:

»Sie ist es, sie ist es! Ich danke Ihnen!«

Er steckte sie ein. Der Lord sah dies sehr ruhig mit an, bemerkte aber lächelnd:

»Sie sagten eben, daß ich gar nicht nöthig gehabt, Sie zu stören. Jetzt aber scheinen Sie ganz befriedigt zu sein.«

»Natürlich. Ich konnte doch nicht wissen, daß Sie die Uhr meinen, welche mir gehört.«

»Ihnen? Da gehen Ihre Ansichten nicht sehr parallel mit den meinigen. Ich denke vielmehr, daß diese Uhr mein Eigenthum ist.«

»O nein. Sie gehört mir; sie ist mir gestern Abend gestohlen oder vielmehr geraubt worden.«

»Was Sie da sagen! Ich habe sie gekauft und bezahlt.«

»Das geht mich gar nichts an. Wer einen gestohlenen Gegenstand kauft, der verliert natürlich den Preis, welchen er dafür gegeben hat.«

»Meinen Sie! Das ist höchst unangenehm!«

»Es kann noch viel unangenehmer werden. Es ist ja sehr leicht möglich, daß ein Verdacht auf Sie fällt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, Sie befinden sich im Besitze eines geraubten Gegenstandes. Können Sie beweisen, daß Sie auf rechtmäßige Weise in seinen Besitz gekommen sind?«

»Das sollte mir wohl nicht schwer fallen. Aber können Sie beweisen, daß die Uhr Ihnen gehört hat?«

»Sehr leicht.«

»Ich bin neugierig, wie Sie das anfangen würden.«

»Sehr einfach. Ich beschreibe die Uhr, die ich jetzt noch gar nicht geöffnet habe. Sie können nachsehen, ob Alles genau stimmt.«

»Das ist allerdings ein schlagender Beweis. Also wollen Sie sie mir einmal beschreiben?«

»Ja. Hier öffnen Sie das Werk und sehen Sie nach. Zunächst also repetirt sie. Stimmt das?«

Er hatte dem Lord die Uhr in die Hand gegeben und erwartete nun, daß dieser sie öffnen und dann antworten werde. Der Engländer aber steckte sie


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in die Tasche und machte dabei ein Gesicht wie Einer, der sich herzlich freut, einen Andern überlistet zu haben.

»Nun, wollen Sie nachsehen?« fragte der Türke ungeduldig.

»Das ist nicht nöthig. Ich habe sie bereits angesehen. Ja, sie repetirt.«

»Das Wappen befindet sich auf der Innenseite der Kapsel?«

»Ganz richtig!«

»Aber so nehmen Sie sie doch heraus! Was soll sie in Ihrer Tasche?

»Stecken bleiben soll sie da. Das ist doch sehr einfach.«

»Oho! Sie werden jedenfalls meine Uhr nicht in Ihrer Tasche behalten wollen!«

»Grad das will ich. Sie haben sie vorhin eingesteckt, und jetzt habe ich dasselbe gethan. Ich freue mich außerordentlich, in Ihnen einen so klugen Mann kennen gelernt zu haben.«

»Herr, ich soll doch nicht etwa annehmen, daß Sie mich beleidigen wollen!«

»Fällt mir gar nicht ein! Es ist kein großes Vergnügen und auch keine große Kunst, einen Türken zu beleidigen.«

»So geben Sie meine Uhr heraus!«

»Sie werden sie erhalten, sobald der Richter entschieden hat, wessen Eigenthum sie eigentlich ist.«

»Der Richter wird auch erfahren wollen, wie sie in Ihre Hand gekommen ist!«

»Durch Kauf!«

»Wie beweisen Sie das?«

»Sie scherzen! Ich möchte den Richter kennen lernen, welcher es wagen wollte, einem Lord von Altengland einen solchen Beweis abzuverlangen! Was ich sage, das gilt und damit pasta! Vielleicht aber müssen Sie nachweisen, ob die Uhr Ihr rechtmäßiges Eigenthum ist. Verstehen Sie?«

»Natürlich ist sie es!«

»Daran zweifle ich.«

»Herr!«

»Ja, ich wiederhole es; daran zweifle ich, und zwar sehr. Diese Uhr ist ein altes, sehr werthvolles Familienstück und hat sich im Besitze einer adeligen deutschen Familie befunden. Wie ist sie in Ihre Hand gelangt?«

»Habe ich das etwa Ihnen zu beantworten?«

»Ja wohl. Ich bin nämlich ein Glied dieser Familie. Ich heiße Eagle-nest, zu deutsch Adlerhorst, und die Uhr trägt nicht nur unser Wappen, sondern sogar die Buchstaben des Namens Alban von Adlerhorst.«

Der Pascha gab sich Mühe, die Unruhe, welche sich seiner bemächtigt hatte, zu beherrschen. Er antwortete:

»Ich begreife Sie nicht. Was geht mich Ihre Familie an. Ich habe weder von Eagle-nest noch von Adlerhorst Etwas gehört.«

»Aber Sie haben eine Uhr, welche dieser Familie gehört! Wie sind Sie in den Besitz derselben gelangt?«


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»Das habe ich Ihnen nicht zu sagen!«

»Nicht? Ich werde Ihnen beweisen, daß Sie es mir sagen werden! Die Glieder dieser Familie sind verschwunden. Diese Uhr ist eine Spur, welche ich verfolgen werde, und da ist es mir gleich, ob ich dabei auf einen Pascha oder auf einen Kesselflicker stoße!«

Da erhob sich Ibrahim Pascha von seinem Sitze. Seine Brauen zogen sich drohend empor, und seine Augen blickten zornig auf. Er trat auf den Lord zu und sagte:

»Hoffentlich wissen Sie, wo Sie sich befinden!«

»Ja, bei Ihnen.«

»So vergessen Sie nicht, wer ich bin!«

»O, daran denk ich grad sehr!«

»Ich bin ein gläubiger Anhänger des Propheten und Sie sind ein Giaur, den ich eigentlich gar nicht bei mir empfangen sollte. Ich habe hier zu gebieten, und wer sich hier befindet, der hat zu gehorchen.«

»Etwa ich auch?«

»Ja, Sie auch!«

»Verteufelt, verteufelt! Nun, so befehlen Sie also gefälligst einmal!«

»So geben Sie die Uhr heraus.«

»Entschuldigen Sie, daß ich dazu ganz und gar keine Lust habe!«

»Ich werde Sie zu zwingen wissen!«

»Daran glaube ich nicht.«

»Sie sollen sogleich sehen.«

Er klatschte in die Hände. Hinter ihm öffnete sich ein Vorhang, durch welchen ein Sklave eintrat, ein langer, starker Kerl von kräftigem Aussehen.

»Der Mann da hat eine Uhr von mir eingesteckt; nimm sie ihm wieder!« befahl der Pascha.

Das Gesicht des Lords glänzte vor Freude. Er hatte zwar den in türkischer Sprache gegebenen Befehl nicht verstanden, sah aber den Kerl auf sich zutreten und ahnte, was geschehen solle.

»Gieb die Uhr!« meinte der Sklave, indem er die Hand nach ihm ausstreckte.

Da aber trat der Steuermann vor. Ein Griff, und er hatte den Sklaven bei der Taille; er hob ihn empor, trat an den Vorhang und schleuderte ihn da hinaus wie eine Puppe, mit welcher ein Kind spielt.

»Recht so, Steuermann!« lachte der Lord. »Sie sehen jetzt, Pascha, in welcher Weise wir mit uns reden lassen. Wollen Sie noch mehr von mir wissen?«

»Ich werde Sie festnehmen lassen!«

»Da fragen Sie nur vorher den Vertreter der Königin von Großbritannien um gütige Genehmigung! Vorher aber bitte ich Sie, mir gefälligst zu sagen, ob Sie vielleicht einmal in Deutschland waren?«

»Was geht das Sie an!«

»Sehr viel. Ich möchte nämlich zu gern wissen, ob Sie mit einem Adlerhorst zusammengetroffen sind.«


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Dies brachte den Pascha auf eine scheinbar sehr wohlgelungene Ausrede:

»Ich traf allerdings einmal einen Deutschen, welcher sich so oder ähnlich nannte.«

»Wo?«

»Im Seebade, in Monaco.«

»Ah, in dieser Spielhölle!«

»Ja. Er hatte leidenschaftlich gespielt und dabei Alles verloren. Zuletzt setzte er die Uhr, die ihm allein noch übrig geblieben war, und ich gewann sie.«

Der Lord lächelte sehr listig, blickte ihn von der Seite an und nickte anerkennend:

»Sie sind ein Pfiffikus, ein großer Pfiffikus!«

»Was meinen Sie?«

»So gleich auf diesen Einfall zu kommen! Das könnte wohl erklären, wie Sie in den Besitz der Uhr gekommen sind; leider aber hat man in Berlin ein sehr gutes Sprichwort, welches lautet: Es jinge wohl, aber es jeht nicht. Ausgesonnen haben Sie sich die Sache gut, aber geglaubt wird sie nicht.«

»Herr, pochen Sie nicht zu sehr auf Ihre Nationalität! Ich dulde keine Beleidigung, und wenn Sie tausendmal ein Engländer sind!«

»Schön! Das ist sehr deutlich gesprochen, und so will ich ebenso deutlich antworten. Sie nannten sich einen rechtgläubigen Anhänger des Propheten; ich aber möchte doch nicht darauf schwören, daß Sie ein geborener Türke sind. Sie haben eine ausgesprochen französische Physiognomie; Sie sprechen ausgezeichnet Französisch und Deutsch; Sie befinden sich im Besitze deutscher Uhren - - verteufelt, verteufelt!«

»Ich bin sehr geneigt, Sie für vollständig verrückt zu halten, Mylord!«

»Dagegen habe ich ganz und gar nichts. Wir sprechen überhaupt so, als ob wir gar nichts von einander hielten. Ein Lord ist ein großer Kerl, und ein Pascha ist es auch; wir aber verkehren mit einander, wie ein paar Packträger, welche sich Feindschaft geschworen haben. Ich hoffe, daß dieser interessante Verkehr nicht so schnell abgebrochen werde. Was aber die Uhr betrifft, so meinen Sie wirklich, daß Sie sie von einem Deutschen gewonnen haben?«

»Ja.«

»So, so! Sehr geistreich ist diese Finte nicht; das muß ich Ihnen in aller Aufrichtigkeit sagen. Es ist ja ganz und gar unmöglich, daß Sie die Uhr von ihm gewonnen haben können!«

»Warum?«

»Wenn ein Spieler kein Geld mehr hat und darum anstatt des Geldes irgend einen Gegenstand setzt, so ist es Sache der Spielbank, diesen Einsatz anzunehmen oder nicht. Also kann nur die Bank die Uhr gewonnen haben, nicht aber Sie!«

»Und ich habe Sie dann der Bank abgekauft!«

»Vorhin hatten Sie sie gewonnen, und jetzt haben Sie sie gekauft. Das ist die richtige Art und Weise, sich Glauben und Vertrauen zu erwerben. Nein.


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Ich bin Lord Eagle-nest und lasse mich nicht täuschen. Uebrigens wird sich die Bank dieses Falles noch erinnern. Solche Vorkommnisse werden notirt, und ich bin sehr gesonnen, mich zu erkundigen.«

»Thun Sie, was Ihnen beliebt. Eins aber sage ich: Ich werde jetzt sofort zu dem Vertreter Englands gehen und mich über die Art und Weise beschweren, wie ein Unterthan dieses Landes den Paschas des türkischen Reichs seine Besuche abstattet!«

»Daran thun Sie sehr recht. Ich billige das so vollkommen, daß ich mich sogar erbiete, Sie zu begleiten. Es ist besser, wir erscheinen Beide zugleich, damit die Angelegenheit vereinfacht wird.«

»Ich zweifle wirklich an Ihrer Zurechnungsfähigkeit. Wäre dies nicht der Fall, so würde ich anders mit Ihnen sprechen. Ihr ganzes Auftreten ist grad so wie Ihr Aeußeres im höchsten Grade Bedenken erregend. Sie haben mich beleidigt; Sie haben sich an meinem Diener vergriffen; ich werde mir dafür die nöthige Genugthuung geben lassen.«

»Recht so. Bis dahin aber wollen wir uns Lebewohl sagen.«

»Ich sehe mich gezwungen, die Uhr in Ihrer Hand zu lassen, obgleich sie mein Eigenthum ist.«

»Und ich sehe mich gezwungen, sie mitzunehmen, weil sie das Eigenthum meines Verwandten ist. Uebrigens stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Meinen Namen kennen Sie. Meine Yacht ankert im Hafen. Dort bin ich zu finden. Allah behüte Sie oder behüten Sie Allah; es ist mir Alles recht. Kommen Sie, Steuermann!«

Sie gingen.

»Verfluchter Kerl!« brummte der Pascha grimmig in den Bart. »Ob er wohl von meiner Geburt und von meinen Verhältnissen etwas ahnt! Daß mir auch grad diese Uhr abgenommen und von ihm gekauft werden mußte! Der hiesige Boden beginnt, mir unter den Füßen warm zu werden!«

Der Lord stieg mit dem Steuermann die Treppe hinab. Unten im Hofe standen die Schwarzen, jetzt aber blieben sie nicht im Wege stehen, sondern sie stoben eiligst auseinander, als sie die Beiden erblickten.

In dem Eingange saß der Thorwärter. Er erhob sich eiligst, als sie kamen und drückte sich möglichst an die Mauer. Er wollte die Muskelkraft des Seemannes nicht zum zweiten Male kennen lernen.

»Was sagen Sie zu diesem Pascha?« fragte draußen der Lord seinen Begleiter.

»Der Kerl hat ein wahres Spitzbubengesicht.«

»Ganz richtig! Und welch eine Unterhaltung! Was ich ihm gesagt habe, hätte ich keinem wirklichen Moslem, keinem echten Alttürken gegenüber wagen dürfen. Der Kerl kommt mir je länger, desto mehr verdächtig vor. He? Wie?«

Jetzt mußten sie einem kleinen aber glänzenden Zuge ausweichen. Vier Träger brachten eine kostbare Sänfte, welcher zwei Vorläufer mit weißen Stäben in den Händen voranliefen. Die Vorhänge der Sänfte waren geschlossen, so


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daß man nicht sehen konnte, wer sich drinnen befand. Die Leute rannten in schnellem Tempo vorüber.

»Das muß ein vornehmer Kerl gewesen sein,« bemerkte der Steuermann.

»Oder eine Vornehme. Es ist doch auch möglich, daß eine türkische Lady dringesessen hat.«

»Ich denke, daß dann Verschnittene nebenher gelaufen wären.«

Er hatte Recht. Die Person, welche in der Sänfte saß, war eine männliche. Die Träger hielten vor dem Thore des Palastes Ibrahim Paschas. Der Türke stieg aus und schritt langsam und in gravitätischer Haltung nach dem Hofe. Als er in denselben trat, wurde er von den Schwarzen erblickt.

»O Allah! Der Großvezier!« rief Einer, der ihn erkannte. Er warf sich sofort demüthig zur Erde und die Andern thaten dasselbe.

Den Titel Großvezier trug früher der Oberbefehlshaber der Truppen. Jetzt versteht man darunter den Ministerpräsidenten.

Daß er in dieser Weise kam, mußte ganz besondere Gründe haben! Gewöhnlich bewegt sich dieser Allerhöchste aller Würdenträger mit eben solchem Pompe wie der Großherr selbst auf den Straßen. Er hatte jedenfalls die Absicht, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Als er über den Hof schritt, stieß er einen der da liegenden Sklaven mit dem Fuße an und fragte:

»Hund, ist Dein Gebieter daheim?«

»Ja, o Herr!« antwortete der Gefragte, doch ohne den Kopf auch nur um einen Zoll zu erheben. Dem Großvezier direct in das Gesicht zu sehen, wäre ein sehr strafbares Verbrechen gewesen.

»Eile und sage ihm, daß ich komme.«

Der Sclave erhob sich blitzschnell von der Erde und schoß davon. Der Vezier folgte langsam. Der Pascha kam ihm eiligst entgegen und verneigte sich so tief, daß er mit dem Gesichte fast den Boden berührte.

»Allah segne Deinen Eintritt, o Vezier!« grüßte er. »Er gebe Dir tausend Jahre und glückliche Erfüllung aller Deiner Wünsche!«

»Erhebe Dich und führe mich!«

Ibrahim führte ihn nicht in das Gemach, in welchem er mit dem Lord gesprochen hatte, sondern in ein anderes, viel einfacher ausgestattetes. Das hatte einen guten Grund. Der türkische Beamte zeigt niemals gern seinen Reichthum, obgleich es noch nicht lange her ist, daß der Sultan sein einziger Erbe ist. Starb ein Beamter, so wurde er vom Großherrn beerbt; die Verwandten erhielten nichts.

Der Großvezier ließ sich auf ein Kissen nieder und zog ein kostbares Bernsteinmundstück aus der Tasche. Dies war das Zeichen, daß er eine Pfeife haben wolle. Ein Sclave brachte einen Tschibuk, und der Minister schraubte höchst eigenhändig das Mundstück an. Als dann der Tabak in Brand gesteckt war, sagte er zu dem Pascha, welcher noch demüthig vor ihm stand:

»Setze Dich zu mir und genieße auch die Gabe Allahs. Die Wölkchen des Tabaks erquicken die Seele und stärken den Verstand. Ich habe mit Dir zu sprechen.«


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Das war eine große Freundlichkeit, und der Pascha beeilte sich, ihr nachzukommen. Als dann die Tabakswolken sich duftend durch einander mischten, nahm der Vezier einen Schluck des von einem Sklaven knieend dargebrachten Kaffees und sagte:

»Mein Kommen hat Dich überrascht. Niemand darf es ahnen, daß ich bei Dir bin, und Du wirst zu keinem Menschen davon sprechen!«

»Befiehl, o Vezier, und ich lasse mir die Zunge aus dem Halse schneiden!«

»Das werde ich Dir nicht befehlen; so grausam bin ich mit keinem meiner Sklaven, viel weniger mit einem so treuen Diener, wie Du bist. Dein Vater Melek Pascha hat sich große Verdienste um das Wohl des Sultanats erworben, und Du bist in seine Fußtapfen getreten. Es stehen Dir große Ehren offen, nachdem Du die Prüfung bestanden hast. Ich komme, um Dich in die Verbannung zu schicken.«

Der Pascha erschrak; er wurde kreidebleich im Gesichte.

»Herr, ich bin mir keiner Schuld bewußt!« stammelte er.

»Ich spreche auch nicht davon, daß Du die Verbannung verdient habest; ich sende Dich fort, weil Du uns da größere Dienste leisten kannst als hier. Da Dir aber mein Wohlwollen gehört, so will ich Dich vorher fragen, ob Du vor einem Opfer nicht zurückschrickst.«

»Befiehl, und ich gehorche.«

»Das habe ich erwartet. Giebt es Bande, welche Dich hier in Stambul festhalten?«

»Nein.«

»So wird das Opfer, welches ich fordere, nicht zu groß sein; denn das Bewußtsein, Deine Pflicht zu erfüllen und dafür reichlich belohnt zu werden, wird Dir die Entfernung von hier erleichtern. Ehe ich Dir aber sage, um was es sich handelt, will ich Deine Ansicht kennen lernen. Deine bisherige Thätigkeit hat Dir Gelegenheit gegeben, unsere auswärtigen Beziehungen kennen zu lernen. Liebst Du England?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Der Engländer ist niemals der Freund eines Andern. Er ist ein Krämer, welcher keinen andern Zweck kennt als den, die Nationen für sich auszubeuten.«

»Du magst Recht haben. Liebst Du den Franzosen?«

»Ich hasse ihn nicht. Er gleicht einem putzsüchtigen Weibe, welches sich für die Schönste hält und sich doch schminken und pudern muß, um jung zu erscheinen.«

»Und der Deutsche?«

»Der Deutsche ist ehrlich, schlägt sich aber gern mit seinen eigenen Brüdern herum und hat darum keine Zeit, Andern seine Stärke zu zeigen.«

»Er wird diese Gelegenheit vielleicht sehr bald bekommen.

Was ich Dir mittheile, ist ein Geheimniß, von dem Niemand etwas ahnen darf. Der Franzose beabsichtigt, mit dem Deutschen Krieg anzufangen.«

»Er mag sich hüten!«


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»Er verläßt sich auf seine Bundesgenossen. Er glaubt, daß Rußland und Italien ihm helfen werden. Das ist es, was mir Sorge macht. Ich habe grad gegenwärtig Rußland, welches sonst unser schlimmster Feind ist, gar nicht zu fürchten; desto schärfer aber muß ich auf die Finger Italiens sehen. Der Franzose hat dem Italiener einen Preis, einen hohen Preis für die zu erwartende Hilfe versprochen. Kannst Du Dir denken, worin dieser Preis bestehen soll?«

»Ich vermuthe es. Aber soll sich der Großherr abermals eine Provinz seines Reiches nehmen lassen?«

»Du hast richtig gerathen.«

»Es handelt sich um Tunis.«

»Ja. Die ganze Nordküste Afrikas gehörte uns. Zuerst verweigerte uns Marokko den Gehorsam. Sodann nahmen uns die Franzosen Algier weg. Jetzt versprechen sie Tunis an Italien. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß geheime Verhandlungen mit dem Bei von Tunis gepflogen werden. Er wünscht, um selbstständig zu werden, daß Italien Tripolis nehme. Er verschwört sich gegen uns; darum ist es mir ganz nothwendig, zu erfahren, welche Abmachungen getroffen werden.«

»Wie willst Du dies erfahren?«

»Durch Dich.«

»O Allah! Wäre ich nur allwissend!«

»Das brauchst Du nicht zu sein. Du hast nur nöthig, Deine Augen und Deine Ohren offen zu halten.«

»So meinst Du, daß ich eine heimliche Sendung übernehmen soll?«

»Ja. Ich will Dich nach Tunis schicken, und Du sollst dort sehen und horchen und mir Alles, was Du erfährst, wahrheitsgetreu mittheilen.«

»Das wird schwer, vielleicht unmöglich sein.«

»Warum?«

»Man wird einem Pascha des Großherrn nichts erfahren lassen. Man wird sich von mir zurückziehen und mich mit der allergrößten Vorsichtigkeit behandeln.«

»Das wird man nicht; denn Du sollst nicht als Pascha dort leben, sondern als Einer, der in Ungnade gefallen ist und also alle Veranlassung hat, dem Großherrn zu zürnen und sich auch an mir zu rächen.«

»Deine Weisheit ist groß; sie sinnt auf Mittel, an welche ich niemals denken würde!«

»Dieses Mittel zeugt von keiner allzu großen Weisheit. Laß Dich das Wort nicht verdrießen, aber Du wirst als unser Spion thätig sein, und das ist ein Mittel, welches so alt ist wie die Weltgeschichte.«

»So soll ich einen andern Namen annehmen?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Das werden wir noch bestimmen. Deine Papiere müssen darauf lauten. Du wirst nicht Pascha, sondern nur ein Effendi sein.«


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»Warum nicht lieber etwas Anderes, ein Handwerker oder Kaufmann?«

»Ein solcher hat keinen Zutritt bei dem Bei von Tunesien; Du aber mußt in seine Nähe kommen, wenn Du unseren Zweck erreichen willst. Ein Effendi ist ein Beamter oder ein Gelehrter, welcher sehr leicht in die Nähe eines Fürsten, eines großen Herrn gezogen werden kann.«

»Wann soll ich fort?«

»Es eilt. Du sollst heimlich fort, noch während der nächsten Nacht. Ich werde für eine Schiffsgelegenheit sorgen, welche Dich direct nach Tunis bringt.«

Der Pascha machte ein etwas nachdenkliches Gesicht. Es gab doch Einiges, was ihm eine so schnelle Abreise als nicht so erwünscht erscheinen ließ. Der Vezier bemerkte es und fragte:

»Deine Gedanken scheinen nicht froh zu sein. Theile mir mit, was Dich betrübt. Ist es mir möglich, so werde ich Dir Deine Wünsche gern erfüllen.«

»Herr, ich habe ein - - Haus!«

»Ein Haus? Ah, ich vermuthe, daß Du nicht das Haus meinst, sondern die innersten Gemächer desselben, nämlich den Harem. Ist es nicht so?«

»Deine Gedanken treffen stets das Richtige; sie gehen niemals irre.«

»Hast Du Dein Herz an eine Deiner Sklavinnen geschenkt? Man weiß ja, daß Du die schönsten Mädchen Stambuls besitzest.«

»Das Weib ist gemacht, das Herz des Mannes zu erfreuen. Wem ein schönes Auge leuchtet, der thut seine Pflicht mit doppelt regem Eifer.«

»Du hast Recht. Darum habe ich nichts dagegen, wenn Du vielleicht wünschest, einige Deiner Sklavinnen mitzunehmen.«

»Wird es nicht auffallen, daß ein Effendi mehrere Frauen besitzt, ein einfacher Gelehrter?«

»Ich kenne Effendi's, welche mehrere Frauen haben. Wie viele wünschest Du mitzunehmen?«

»Nur zwei.«

»So ist keine Gefahr dabei. Du kannst ja sagen, daß sie Deine Schwestern seien oder auch, die Eine sei Deine Schwester und die Andere Dein Weib. Ich habe mit Dir gesprochen und Du bist bereit. Ich werde jetzt zu dem Großherrn gehen, und dann die Minister alle versammeln lassen, um mit ihnen zu berathen. Dann sollst Du Deine Instructionen erhalten. Die Hand des Großherrn wird sich für Dich aufthun, damit es Dir an Nichts fehle, was Du brauchst. Wenn unser Plan gelingt, so werde ich auch jenen geheimnißvollen Fremden besiegen, welcher alle meine Absichten durchkreuzt und dem ich doch meinen Zorn nicht fühlen lassen darf, weil er sich der ganz außerordentlichen Gnade des Großherrn erfreut.«

»Du meinst jenen Menschen, welcher sich vor den Leuten Oskar Steinbach nennt?«

»Ja.«

»Er ist ein Deutscher.«


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»Denkst Du? Ich möchte es bezweifeln. Er ist der private Abgesandte irgend eines Monarchen. Sein eigentlicher Name, seine Abstammung, die Aufträge, welche er überkommen hat, alles das ist in das tiefste Geheimniß gehüllt. Ich hasse ihn, obgleich ich ihm diesen Haß nicht zeigen darf. Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn einige Male gesehen, erst gestern wieder. Er beleidigte mich; er maßte sich eine Macht über mich an und wagte es, meine Absichten zu durchkreuzen. Ich mußte es ruhig geschehen lassen.«

»Es wird die Zeit kommen, in welcher wir über ihn lachen werden. Jetzt aber scheide ich. Befiehl Deinen Leuten, meine Anwesenheit hier geheim zu halten.«

Er verabschiedete sich mit gnädiger Miene. Unten schritt er an den Sklaven, die sich wieder vor ihm zu Boden geworfen hatten, vorüber, ohne sie zu beachten. Die Sänftenträger hatten gewartet; er stieg auf und ließ sich im Trabe nach der Serail bringen.

Als er dort ausstieg und zwischen den zwei Eingangsthürmen hineinschritt, begegnete ihm Der, von welchem er soeben mit dem Pascha gesprochen hatte - Steinbach.

Dieser grüßte ihn, aber nicht so unterwürfig, wie ein Muhammedaner und Türke. Er verneigte sich nur und sagte dabei:

»Möge Dein Tag ein glücklicher sein, o Vezier!«

»Der Deinige sei so lang wie ein Jahr,« antwortete der Angeredete und ging weiter, ohne sich verneigt zu haben.

Ein leises, selbstbewußtes Lächeln hatte sich auf das männlich schöne, kräftig gezeichnete Gesicht Steinbachs gelegt. Er ging nach der Sophienkirche und von da aus den langen graden Weg hinab, welcher nach Baksche Kapussi an das Ufer führt.

Dort lagen eine ganze Menge Kaiks zum Gebrauche bereit. Er wollte einsteigen, aber da fiel sein Blick auf die sonderbare Gestalt des englischen Lords. Dieser saß vor einem Kaffeehause, welches an der tiefen Einbuchtung lag, an welcher sich das alte Zollamt befindet. Auch er hatte den Andern erblickt und winkte ihm. Steinbach folgte diesem Winke und ging hin zu ihm.

»Guten Morgen, Master!« grüßte der Lord erfreut. »Sehr gut, daß ich Sie sehe. Ich befinde mich hier ganz so wie Simson unter den Philistern.«

»Wieso?«

»Weil ich diese verteufelte Sprache nicht verstehe. Ich kenne nur die beiden Worte Allah und Bakschisch, Gott und Trinkgeld, weiter nichts. Und das ist doch nicht hinlänglich. Sehen Sie nicht, wie es mir ergangen ist?«

»Wie denn?«

»Nun, habe ich denn Etwas zu trinken hier?«

Er deutete dabei auf den runden Stein, welcher als Tisch diente und vor welchem er auf einem niedrigeren Stein gesessen hatte. Dieser Tisch war leer.

»Haben Sie sich nichts bestellt?«


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»O ja. Ich habe das Wort Kaffee zehntausendmal ausgesprochen, aber keinen bekommen.«

»Kaffee ist nicht arabisch und nicht türkisch. Sie müssen Kawuah sagen.«

»Also Kawuah! Schön! Und was heißt Tasse?«

»Kiasse.«

»Und eins?«

»Die Zahl eins heißt bir.«

»Sehr gut! Also - bir Kiasse Kawuah!«

»So ungefähr.«

»Ja, man wird immer gescheidter. Die Kerls, welche da herumsitzen und Maulaffen feilhalten, erhielten sofort Kaffee und auch Tabakspfeifen. Ich aber habe das Wort Tabak gebrüllt, daß es mir um meine Lunge angst und bange geworden ist, doch Niemand wollte mich verstehen. Der Teufel hole diese schwarzen Kellner!«

»Hier heißt es nicht Tabak, sondern Tütün.«

»Tütün? Albernes Wort! Was heißt denn eigentlich Pfeife?«

»Tschibuk.«

»Und bir heißt eins; also - bir Tschibuk Tütün!«

»Nein. Der Gebrauch ist anders. Wenn Sie eine Pfeife Tabak haben wollen, müssen Sie sagen - bir lüle tütün.«

»Bir lüle tütün! Danke, Master. Jetzt kann es losgehen. Trinken Sie eine mit?«

»Ja.«

»Aber lassen Sie mich bestellen!«

»Sehr gern; versuchen Sie es!«

»Also zuerst - bir Ka-Ka-Kawasse - -!«

»Um Gotteswillen! Da bringt man Ihnen ja einen Polizisten. Es heißt nicht Kawasse, sondern Kiasse.«

»Verteufelt, verteufelt! Und sodann - bir tüle lütün!«

»Nein, sondern bir lüle tütün.«

»Ob lüle tütün oder tüle lütün, das konnte dem Volke doch ganz egal sein. Der Teufel mag eine so unsinnige Sprache behalten! Und bir heißt hier eins. Unter Bier verstehe ich doch etwas ganz Anderes, und da trinkt man nicht blos eins, sondern mehrere. Es wird wohl am Besten sein, wenn Sie bestellen.«

»Das denke ich auch,« lachte Steinbach.

In Folge dessen erhielten sie zwei Tassen Kaffee und zwei frisch gestopfte Pfeifen nebst Holzkohlenfeuer. Der Lord schmauchte behaglich und betrachtete sich das bewegte Panorama, welches sich vor seinen Augen entfaltete. Steinbach aber hielt den Blick vorzugsweise auf den Engländer gerichtet und zwar mit einem Ausdrucke, welcher von mehr als nur einer gewöhnlichen Theilnahme zeugte.

So hatten sie eine kleine Weile schweigend dagesessen, da legte der Lord seine Pfeife fort und sagte:


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»Was so ein Türke dumm ist! Man sollte es gar nicht für möglich halten!«

»Was denn?«

»Wo die Natur Alles so reichlich giebt, da sollte der Mensch doch zugreifen, um es auch reichlich zu genießen. Aber es ist grad entgegengesetzt. Hier wächst der Tabak und hier wächst auch der Kaffee. Aber nun sehen Sie sich einmal diese Tassen an, so groß wie ein Fingerhut, und diese Tschibuks, deren kleinen Kopf man in zehn Minuten zwanzigmal ausrauchen kann. Ganz ebenso ist es auch mit den Mädchens.«

»Wieso auch mit diesen?«

»Nun, der Türke darf doch Mehrere heirathen, und ich habe gehört, daß sie gewöhnlich nur Eine nehmen. Ist das nicht so dumm, daß man es gar nicht begreifen kann? Ich würde so ungefähr zwischen sieben- und achthundert heirathen, zumal sie so schön sind.«

»Haben Sie welche gesehen?«

»Na, und ob!«

»Wann?«

»Gestern, beim Sklavenhändler.«

»Ach so! Und sie haben Ihnen gefallen?«

»Und wie! Da war zum Beispiel eine Schwarze, die hatte einen Mund wie Zinnober, Zähne wie eine Spitzmaus, wolliges Haar wie ein Pudel, Augen wie Karfunkel und ein Näschen, na, ein Näschen, fast so niedlich wie die meinige da. Und angeschaut hat sie mich! Die hatte es ganz und gar auf mich abgesehen!«

»Eine Weiße wäre mir doch lieber!«

»Natürlich! Ich hole mir auch keine Andere als nur eine Weiße.«

»Holen?«

»Ja. Ach, Sie wissen es noch nicht? Ich will nämlich Eine entführen.«

»Sapperment!«

»Nicht wahr, das ist kühn?«

»Allerdings. Wie sind Sie denn auf diesen Gedanken gekommen, Mylord?«

»Durch Mozart.«

»Das begreife ich nicht. Sie meinen doch den Componisten?«

»Na freilich! Sehen Sie, das ist die eigentliche Ursache.«

Er zog das Textbuch hervor und reichte es ihm hin.

»Ach so,« lachte Steinbach; »diese Oper hat Ihnen gefallen, und nun wollen Sie auch eine Entführung bewerkstelligen!«

»So ist es.«

»Verbrennen Sie sich nur die Finger nicht!«

»Sind diese Mädchen denn gar so heiß?«

»Die Sache ist gefährlich. Was wollen Sie denn mit der Entführten anfangen?«

»Das weiß ich noch nicht genau. Ich nehme sie mit nach London. Was dann geschieht, wird sich finden. Vielleicht heirathe ich sie; vielleicht auch schenke


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ich sie einem Andern. Gestern hätte ich beinahe Eine erwischt. Da draußen am Kirchhofe; sie hat mich aber schmählich im Stiche gelassen. Ich habe nur einen Handkuß davongetragen. Das ist aber doch wenigstens ein Anfang. Bei der Nächsten mache ich es anders. Heut Abend vielleicht.«

»Was ist da, heut Abend?«

»Hm! Da holen wir Eine.«

»Wo denn?«

»Wo? Das darf ich nicht sagen.«

»Wer holt sie denn?«

»Ich und die beiden Andern, nämlich Normann und Wallert.«

»Wollen Sie etwa hinaus in den Harem von Ibrahim Pascha?«

»Wird nicht verrathen!«

»Ich kann nicht in Sie dringen. Geben Sie sich aber nur nicht mit gefährlichen, unüberlegten Geschichten ab!«

»Gefährlich? Pah! Ich suche ja grad eben die Gefahr! Und unüberlegt? Trauen Sie mir alten Kerl etwa keine Ueberlegung zu? Da thäten Sie mir leid! Aber schau, was für ein großer Kahn ist das?«

»Das ist ein großherrlicher Kaik.«

»Da sitzen ja Frauen drin! Vier, sechs, acht!«

»Frauen des Sultans.«

»Was! Die dürfen auch spazierenfahren?«

»Ja, natürlich verschleiert.«

»Donnerwetter! Wer da einmal so den Zipfel wegnehmen dürfte! Der Sultan sucht sich doch ganz gewiß nichts Häßliches aus.«

»Natürlich hat er die Schönsten.«

»Sakkerment! Wo stecken sie denn?«

»An verschiedenen Orten. Es wohnen welche im Serail, welche in Beschiktasch, welche in Tolmabachtsche und auch noch anderswo.«

»Und die bekommt kein Mensch zu sehen?«

»Kein einziger. Bedient werden sie von Eunuchen, deren Oberster der Kislar Aga ist.«

»Was heißt das?«

»Kislar heißt Mädchen und Aga Herr. Beides zusammen heißt also der Herr oder der Gebieter der Mädchen.«

»Alle Wetter! Da möchte ich Kislar Aga sein!«

»Danke sehr!«

»Warum?«

»Erstens ist er Sclave.«

»Hm!«

»Zweitens muß er ein Schwarzer sein.«

»Pfui Teufel!«

»Und drittens ist er eben auch Eunuch. Aber trotz alledem ist sein Posten der höchste im Serail. Er steht im gleichen Range mit dem Großvezier.«


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»Tausche aber doch nicht mit ihm! Also ein Anderer bekommt die Frauen nicht zu sehen?«

»Nein. Es wäre unbedingt sein Tod. Nur in ganz besonderen und außerordentlichen Fällen ist eine Ausnahme möglich; aber das ist höchst selten.«

»Wann zum Beispiele?«

»Wenn ein anderer Herrscher beabsichtigt, eine der Töchter oder Schwestern des Sultans zu heirathen. Dann wird es seinem Abgesandten wohl unter Umständen gestattet, das Angesicht der Betreffenden zu sehen und auch mit ihr zu sprechen, damit er seinem Herrscher Bericht erstatten kann.«

»So wollte ich, ich würde von Einem geschickt!«

»Wünschen Sie das nicht! Es ist eine böse, schwierige und verantwortliche Sache. Wenn dem Gesandten das Mädchen gefällt, seinem Herrn aber nicht, so ist nichts sicherer, als daß er in Ungnade fällt. Ich weiß ein Wort davon zu sprechen.«

»Sie? Wieso?«

»Weil ich Eine suchen soll.«

»Wirklich? Für wen?«

»Davon kann ich natürlich nicht sprechen.«

»Pah! Sie scherzen!«

»Ich spreche im Ernst.«

»Wäre es wirklich Ernst, so würden Sie sich sehr hüten, davon zu reden.«

»Es hat kein Mensch eine Ahnung davon, nur zu Ihnen erwähne ich diese Angelegenheit.«

»Warum denn grad zu mir, he?«

»Weil ich zu Ihnen ein besonderes Vertrauen habe.«

»Sehr verbunden. Hat dieses besondere Vertrauen vielleicht auch besondere Gründe?«

»Insofern, als Ihre Erscheinung eine besondere ist, ja.«

»Meine Erscheinung eine besondere? Nicht übel ausgedrückt! Sie reden echt diplomatisch, das heißt doppelzüngig. Man kann da annehmen, mein Aeußeres sei besonders schön, oder auch ganz besonders häßlich!«

»Wählen Sie, was Ihnen beliebt!«

»So will ich das Häßlich wählen. Ich bin überzeugt, damit das Richtige zu treffen. Aber bleiben wir bei unserer Angelegenheit, welche mich sehr interessirt! Also Sie dürfen den Harem des Sultans besuchen?«

»Ja.«

»Um sich die Mädchens anzusehen, von denen Sie eins wählen sollen?«

»Nein; so ist es freilich nicht gemeint. Man wird mir doch die Prinzessinnen nicht etwa vorführen, wie man es mit kaufbaren Sklavinnen thut. Nein. Es handelt sich vielmehr um eine bestimmte Dame, die Prinzessin Emineh. Sie wird mir ihr Gesicht sehen lassen, damit ich meinem Auftraggeber berichten kann, wie sie mir gefallen hat.«

»Alle Wetter! Könnte ich dabei sein!«


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»Das geht nicht. Man macht bereits eine ganz außerordentliche Ausnahme, indem man mir erlaubt, die Züge einer Sultanstochter zu sehen.«

»Dürfte ich nur wenigstens ihre Gestalt sehen!«

»Leider geht das nicht!«

»Ihren Gang, ihre Haltung!«

»Da wird nicht viel zu bemerken sein. Diese Damen stecken in ihrer sackartigen Hülle, welche schuld ist, daß Eine genau so wie die Andere sieht.«

»Wenn ich nur wenigstens ihre Stimme hören könnte!«

»Sie sind wirklich ganz passionirt auf Türkenmädchen!«

»Ja, das ist wahr. Können Sie mich nicht mitnehmen?«

»Hm!«

»Ich könnte dann wenigstens die Gebäude sehen, in denen die Schönheiten stecken.«

»Liegt Ihnen denn gar so viel daran?«

»Das versteht sich! Denken Sie sich, wenn ich nach London zurückkehre und sagen kann, daß ich im Harem des Sultans gewesen bin! Welch ein Aufsehen! Ich werde natürlich nicht erzählen, daß ich keins der süßen Geschöpfe erblickt habe.«

»Hm! Wenn ich nur wüßte - - -

Er war noch unschlüssig. Er mochte an die Verantwortlichkeit denken, welche er auf alle Fälle auf sich nahm. Um ihm Lust zu machen, fügte der Lord hinzu:

»Und die Freude dieser Prinzessinnen! Ihr großes Entzücken!«

»Worüber denn?«

»Na, über mich!«

Da lachte Steinbach laut auf, warf einen Blick auf die karrirte und karrikirte Gestalt des Lords und antwortete:

»Unrecht haben Sie nicht. Die Damen haben ganz sicher noch keinen Mann von Ihrer Art gesehen.«

»Also nehmen Sie mich mit.«

»Ehe ich mich dazu entschließen kann, muß ich doch einmal nachsehen.«

Er zog zwei Pergamentblätter aus der Tasche.

»Was ist das?« fragte der Lord.

»Die Bescheinigung des Sultans und auch des Kislar Aga, daß man mir den Zutritt in Beschicktasch erlauben und mich mit Prinzessin Emineh sprechen lassen soll.«

»Ah! Zeigen Sie her! So etwas habe ich noch nie gesehen. Also vom Sultan? Und von dem Obersten der Haremswächter? Das ist sehr interessant. Das muß ich lesen, unbedingt lesen!«

Steinbach gab ihm die beiden Documente. Der gute Lord zog, als er sie erblickte, das Gesicht unendlich lang.

»Was ist denn das für eine Schrift?«

»Türkisch.


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»Hole Sie der Teufel! Wie kann ich das lesen! Bitte, lesen Sie mir es vor!«

»Sie verstehen es auch nicht!«

»So übersetzen Sie es mir!«

Steinbach that es. Als er fertig war, nickte der Lord befriedigt und sagte:

»Also Zutritt in den Garten und freie Bewegung in demselben; Zusammentreffen mit der Prinzessin und Entschleierung derselben. Nicht übel! Ich will Ihnen etwas sagen: Nehmen Sie mich getrost mit! Ich werde mich sehr anständig betragen und die Prinzessin weder küssen noch umarmen. Sie setzen mich in irgend einen Winkel oder eine Ecke, und da bleibe ich sitzen, so lange Sie es wünschen.«

»Nun, ich will es wagen. Der Wortlaut dieser zwei Schriftstücke ist so gehalten, daß man Sie wohl nicht zurückweisen wird.«

»Allah il Allah, allüberall Allah! Ich danke Ihnen, danke sehr! Wann geht es los?«

»Wann haben Sie Zeit?«

»Gleich jetzt! Sogleich natürlich!«

»Gut! So brechen wir auf.«

»Ist es weit?«

»Nein. In zehn Minuten sind wir dort.«

Sie bezahlten den Kaffee und Tabak und setzten sich in ein Kaik, wo Steinbach befahl, nach Dolmabachtsche zu fahren und bei den Bädern zu halten.

Dort liegt des Sultans Serail mit einem Harem, mitten in einem großen Garten. Es giebt da zwei große Eintrittsthore, eins in der Gartenmauer und das andere in der vorderen Mauereinfassung. Die beiden Männer wählten das Letztere. Zwei Soldaten standen dort Wache und fragten nach ihrem Begehr. Steinbach verlangte nach dem Kollajydschy-Baschi, welches Wort zu Deutsch Oberaufseher bedeutet.

Das Thor wurde geöffnet, und sie durften eintreten. Sie befanden sich in einem Vorhof, wo man nichts als rundum fensterlose Mauern erblickte. Die einzige Unterbrechung wurde von einer schmalen Thür gebildet, auf welche der eine Posten stumm deutete. Sie schritten auf dieselbe zu und traten ein. Es war ganz dunkel in dem engen Gange, in welchem sie sich befanden. Sie sahen Niemand, aber eine quiekende Fistelstimme klang ihnen entgegen:

»Zu wem wollt Ihr?«

»Zum Oberaufseher.«

»Was wollt Ihr bei ihm?«

»Das geht Dich nichts an, Du Hund!«

Steinbach wählte diese grobe Antwort, weil er wußte, daß dies bei diesem verschnittenen Haremswächter mehr Eindruck machen werde, als die größte Höflichkeit.

»Kommt herein!«


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Es wurde eine Thür geöffnet, und sie traten in ein rundum mit Holzgittern versehenes Zimmer, in welchem sich kein Mensch befand. Bald aber hörten sie ein Geräusch. Der Lord sagte:

»Sehr interessant! Zwischen diesen Gittern komme ich mir vor wie ein eingesperrtes wildes Thier.«

»Löwe etwa oder Tiger!« lächelte Steinbach.

»Nein, sondern Pavian.«

»Sie scheinen ein sehr ausgesprochenes Bewußtsein Ihrer persönlichen Vorzüge zu besitzen. Man beobachtet uns. Man will erst im Stillen taxiren, für wen oder was man uns zu halten hat.«

Er hatte Recht. Das Geräusch wiederholte sich, indem es sich entfernte. Es war der leise, weiche, schlürfende Schritt eines Menschen. Doch dauerte es nicht lange, so sprang ein Theil des Gitterwerkes auf und eine lange, ganz in grüne Seide gekleidete Gestalt trat ein. Diese Seide bildete einen formlosen Ballen, aus welchem unten zwei Pantoffel und oben ein schwarzes Negergesicht herausblickte. Die wulstigen Lippen öffneten sich, und mit der gewöhnlichen überschnappenden Stimme der Eunuchen fragte der Mann:

»Ihr wollt zu mir?«

»Bist Du der Kollajydschy-Baschi?«

»Ja.«

"Warum grüsst Du uns nicht?"

»Sklave Deines Herrn, warum grüßest Du uns nicht?«

»Ich kenne Euch nicht!«

»Weißt Du nicht, daß sich nur Personen, welche das Wohlwollen des Großherrn besitzen, nach diesem Orte wagen! Kannst Du lesen?«

»Ja.«

»Prinzessin Emineh befindet sich unter Deiner Obhut?«

»Was geht das Dich an! Wie darfst Du nach einer der Töchter des Herrschers fragen!«

»Ich will sie sehen und sprechen.«

»Allah sei Dir gnädig! Sprechen willst Du sie?«

»Ja.«

»Und sogar auch sehen?«

»Ja.«

»Etwa ohne Schleier?«

»Natürlich! »Bist Du etwa aus dem Joludan entsprungen?«

Dieses Wort bedeutet Irrenhaus.

»Hier, lies!« antwortete Steinbach kurz, indem er ihm das eine Pergament hingab.

Der Schwarze erblickte das Siegel des Großherrn. Er ergriff das Pergament, legte es an Stirn und Brust, verbeugte sich bis zum Boden herab und las es dann. Als er fertig war, fixirte er Steinbach scharf und sagte:

»Du mußt ein sehr vornehmer Effendi sein, daß man Dir eine solche Gnade erweist!«


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»Wer ich bin, das geht Dich nichts an. Du hast zu gehorchen. Ich habe nicht Zeit, auf Dich zu warten.«

»Auch Deine Rede ist diejenige eines vornehmen Mannes. Verzeihe, daß ich Euch nicht begrüßte! Ich kann es auch jetzt noch nicht thun, nicht eher, als bis Du bewiesen hast, daß dieses Pergament Dir wirklich gehört.«

»Wie habe ich das zu beweisen?«

»Durch einen ganz ähnlichen Befehl des Kislar Aga. Ich habe hier ihm mehr zu gehorchen, als selbst dem Sultan.«

»Hier lies!«

Die Ceremonie des Verbeugens wiederholte sich. Dann aber, als der Aufseher die Zeilen gelesen hatte, gab er die Pergamente zurück, senkte den Kopf, so tief er konnte, und sagte:

»Dein Leben sei ohne Ende, und Dein Fuß schreite stets auf dem Wege des Glückes! Jetzt weiß ich nun, daß ich Dir zu gehorchen habe. Prinzessin Emineh befindet sich hier. Soll ich sie benachrichtigen?«

»Frage nicht lange, sondern thue es! Wie kann sie von mir wissen, wenn Du es ihr nicht meldest.«

»Du wirst Dich in den Garten begeben. Wo aber soll dieser Andere auf Dich warten?«

»Er wird mit mir gehen.«

»O Allah! Du wirst nicht auf diesem Befehle beharren. Von ihm stand auf den Pergamenten ja nicht ein Wort geschrieben.«

»Aber es stand da, daß Du mir zu gehorchen habest.«

»Soll er etwa das Angesicht der Prinzessin auch sehen, so wie Du?«

»Nein. Er soll sich nur im Garten umblicken dürfen. Er wird fern bleiben, wenn ich mit ihr spreche.«

»Dann darf ich Dir gehorchen. Aber er möge bedenken, daß man mir den Kopf abschlägt, wenn er das Angesicht einer unserer Frauen erblickt.«

»Er wird seine Augen schließen; aber die Frauen werden die ihrigen offen halten. Ist bereits einmal ein Franke hier im Harem gewesen?«

»Wie kannst Du so fragen!«

»So haben die Frauen wohl noch keinen solchen Mann gesehen. Du wirst ihnen sagen, daß sie in den Garten gehen sollen, um ihn zu betrachten.«

»Zu welchem Volke gehört er?«

»Zu den Inglis.«

»Ist er ein Fakir?«

Dieses Wort bedeutet Bettler.

»Nein,« antwortete Steinbach. »Warum glaubst Du, daß er ein Fakir sei?«

»Weil sein Gewand aus lauter verschiedenen Flecken zusammengesetzt ist.«

»Es sind keine Flecken. Ueberzeuge Dich. Dieser Herr ist ein sehr reicher Mann und gehört zu den Paschas seines Landes. Er ist so wenig wie ich gewöhnt, auf die Erfüllung seiner Wünsche zu warten. Beeile Dich also!«


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Der Aufseher zog sich zurück. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er wiederkehrte. Er meldete:

»Herr, die Blumen des Harems befinden sich bereits im Garten, und man erwartet Euch.«

»So laß uns ein!«

»Aber bedenkt, daß ich Euch nicht allein lassen darf. Ich selbst werde Euch begleiten.«

»Davon steht auf den Pergamenten nichts.«

»Es ist so meine Instruction.«

»Nach Deiner Instruction habe ich mich gar nicht zu richten. Sie hat nur für gewöhnliche Vorkommnisse Geltung; mein Besuch aber ist ein außerordentliches Ereigniß. Ich kann nicht dulden, daß Du bei mir bist.«

»Ich darf nicht anders.«

»Was, Du Hund! Soll ich Dir zur Bastonnade verhelfen! Meinst Du, daß ich Dir hören lassen werde, welche Geheimnisse ich mit der Prinzessin zu besprechen habe! Willst Du etwa Dinge erfahren, welche der Großherr selbst seinen Ministern nicht mittheilt!«

»Herr, verzeihe; daran hatte ich nicht gedacht, und Du hast Recht. Aber diesen Pascha der Engländer muß ich begleiten. Von ihm steht nichts auf den Pergamenten. Ich muß der Wächter seiner Augen sein.«

»Dagegen habe ich nichts. Also vorwärts!«

Jetzt endlich war die Vorverhandlung zu Ende. Der Schwarze führte die Beiden durch einen schmalen, dunklen Corridor nach einem Innenhofe, aus welchem man in den Garten gelangte.

Obgleich die Bewohnerinnen des Harems von der Außenwelt abgeschlossen leben und außerhalb ihrer absperrenden Mauern nur tief verhüllt erscheinen, hatte doch der Ruhm von Prinzessin Emineh's Schönheit sich weithin verbreitet. Man nannte sie, wenn von einem weiblichen Engel die Rede war, und die öffentlichen Erzähler nannten ihre Vorzüge her, sprachen ihren Namen aus und fügten stets hinzu: »die Herrlichste der Allerherrlichsten der Frauen.«

Später brachten sogar illustrirte abendländische Blätter ihr Bildniß, welches alle Beschauer mit Bewunderung erfüllte und eins dieser Journale schrieb dabei:

»Die Gemahlin des egyptischen Vicekönigs Taufik Pascha, Prinzessin Emineh, verdient unser Interesse in weit hervorragenderem Sinne, als es sonst bei orientalischen Frauen der Fall ist. Die Prinzessin stammt aus dem vornehmsten Geschlechte, denn sie ist die Tochter des türkischen Sultans El Hamid Pascha, des Urenkels des Begründers der egyptischen Dynastie, und wurde ihrem Gemahle im Jahre 1873 angetraut. Er lernte sie so schätzen und lieben, daß sie die Alleinherrscherin in seinem Hause geworden ist, da er aus Liebe zu ihr auf alle weiteren Frauen und Sklavinnen verzichtet.

»Sie schenkte ihm bisher zwei Söhne und zwei Töchter, welche in europäischer Weise erzogen werden. Diese geistvolle, schöne Fürstin, welche sich ganz nach europäischer Mode kleidet, hat auch dem orientalischen Nichtsthun entsagt


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und sich eine bedeutende Bildung angeeignet. Sie hat eine strenge Etiquette an ihrem Hofe eingeführt, die sie mit Anmuth handhabt, und ist eine treue Beratherin ihres Gatten, den sie in den gefahrvollsten Tagen auf keinen Augenblick verläßt.

»Alle, die das Glück hatten, in ihre Nähe zu kommen, bewunderten nicht blos ihre herrliche, üppige Gestalt, ihren blendend weißen Teint, ihre schönen, braunen Augen und Haare, sondern ebenso auch ihre königliche Haltung und ihre anziehende Conversation. Sie verdient, kurz gesagt, die hohe Verehrung und treue Liebe, welche ihr der Vicekönig weiht, und die ausgezeichnete Stellung, welche ihr vom Schicksal zugewiesen worden ist.« - -

Es verstand sich ganz von selbst, daß Steinbach höchst gespannt auf sein Zusammentreffen mit dieser berühmten Prinzessin war.

Als er mit dem Engländer und dem Oberwächter in den Hof trat, erblickte er eine ganze Menge schwarzer Haremswächter, welche da standen, ihn auf das Ehrfurchtsvollste zu begrüßen, jedenfalls aber auch zu dem Zwecke, ihn und vor allen Dingen auch den Engländer streng im Auge zu behalten.

Der Garten war groß. Süßer Blüthenduft zog durch die Lüfte; hohe dichtkronige Bäume spendeten ihren Schatten, und die herrlichsten Blüthen erfreuten das Auge des Beschauers. Dazu murmelten zahlreiche Springbrunnen ihre heimlichen Melodien und befeuchteten die Luft, damit sie die athmende Brust doppelt erquicke.

»Gar nicht übel hier,« sagte der Lord. »Ich wollte, ich wäre Sultan. Ich blieb gleich hier bei meinen Frauen und käme niemals wieder fort. Wo mögen sie nur stecken!«

Sie schritten langsam, von dem Schwarzen gefolgt, einen breiten Kiesweg hinab. Es war keine menschliche Seele zu sehen, aber leise, fast unhörbare Laute erregten Steinbach's Aufmerksamkeit.

»Zu sehen ist freilich Niemand,« sagte er; »aber hören Sie nichts, Mylord?«

»Hm, Etwas, ja.«

»Nun, was denn?«

»Es klingt grad wie ein unterdrücktes Kichern und Lachen, wenn wir an einem der Büsche vorübergehen.«

»So ist es. Sie haben sich nicht getäuscht.«

»Ich glaube, die Frauen stecken hinter den Sträuchern.«

»Ganz sicher.«

»Und lachen über - über - - - hm!«

»Nun, über wen werden sie denn wohl lachen?«

»Natürlich über mich,« antwortete er sehr aufrichtig. »Das freut mich königlich. Es ist das viel besser, als wenn sie über mich weinen müßten. Ich muß also ein ganz famoser Kerl sein! Schau, dort unten kommen Einige!«

Es kamen ihnen jetzt einige Verhüllte entgegen. Man konnte von ihrem Körper nicht das geringste sehen. Selbst das unter dem Schleier hervorblickende Auge war nicht zu erkennen.


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»Aladscha!« sagte Eine im Vorübergehen.

»Was bedeutet dieses Wort?« fragte der Lord.

»Scheckig.«

»Sie meinen also mich!«

Aus einem Seitenpfade bogen zwei Andere ein. Sie blieben stehen, um die Männer vorüber zu lassen.

»I-a buruna! Nassyl dschewitzly!« hörte man dabei die Eine zur Andern sagen.

»Was meinte Die?« fragte der Engländer.

»Lassen wir das lieber!«

»Warum?«

»Es ist besser, wir lassen sie reden!«

»Natürlich lassen wir sie reden; aber wissen will ich doch, was sie sagen. Also heraus damit. Das Letzte klang wie Schwitzen oder so ähnlich. Ich schwitze doch nicht.«

»Nein; sie sagte: Welch ein Näschen! Wie ein Nüßchen!«

»Ja,« lachte der Lord. »Ich habe freilich ein allerliebstes, niedliches und zierliches Näschen. Ich glaube, ich mache den ganzen Harem unglücklich. Ich verdrehe den Weibern den Kopf, und nachher wollen sie von ihrem Sultan nichts mehr wissen.«

»Halt!« sagte jetzt der Oberwächter hinter ihnen. »Dort kommt die Prinzessin. Herr, Du magst zu ihr gehen; dieser Engländer aber bleibt hier bei mir zurück. Ich werde über ihn wachen, daß ihm kein Leid geschieht.«

Das war nun freilich ganz anders gemeint. Er wollte vielmehr aufpassen, daß der Lord kein Unheil anrichte. Er hatte mit der Hand nach einem Kreuzwege gedeutet, von welchem her sich zwei Frauen langsam näherten. Steinbach schritt ihnen entgegen. Was ihm noch nie begegnet war, das begegnete ihm jetzt: er fühlte sein Herz klopfen.

Die Beiden waren nicht so verhüllt wie die Andern, sondern sie trugen die Kleidung, welche sie jedenfalls in ihren Gemächern zu tragen pflegten, weite Hosen, Pantöffelchen ohne Strümpfe und ein vorn offen stehendes, kurzes Jäckchen. Diese Stücke bestanden aus weißer, feiner Seide und waren mit kostbarer Goldstickerei versehen. Beide waren ganz gleich gekleidet, wie zwei Zwillingsschwestern, und ihre Gesichter waren verhüllt.

Er musterte sie bereits von Weitem. Er erblickte volle, herrliche Formen, elastische Bewegungen, kleine Füßchen und Händchen. Beide waren fein und dennoch rund und voll gegliedert, doch war die Eine um ein Weniges höher als die Andere.

Jetzt war er ihnen nahe. Er kreuzte die Arme über der Brust und verbeugte sich tief nach orientalischer Weise.

»Bist Du der Mann, welchen wir hier erwarten?«

Die Längere hatte das gesprochen. Er hatte noch niemals in seinem ganzen Leben einen solchen Wohllaut der Stimme gehört. Das klang so voll


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und doch so weich, so glockentönig und doch auch wieder wie weicher, sympathischer Aeolsharfenklang.

»Ich bin es,« antwortete er.

»So komm mit und tritt in unsere Mitte.«

Sie hatten mit verschlungenen Armen vor ihm gestanden; jetzt ließen sie einander los, so daß er Platz zwischen ihnen fand. Sie kehrten langsam nach der Richtung zurück, aus welcher sie gekommen waren.

Es war heller Tag, und dennoch befand er sich ganz wie im Traum. Er hatte die Empfindung eines Menschen, welcher vom Himmel träumt und dem darob vor Entzücken und Seligkeit das Herz zerspringen möchte.

Hier, im Haremsgarten des Großsultans, zwischen zwei unbeschreiblich schönen, entzückenden Frauengestalten! War das denn wirklich wahr? War es möglich!

Sie sprachen nicht. Sie schienen zu erwarten, daß er das Gespräch beginne. Die Größere hatte eine aufgeblühte Theerose in den kleinen, fleischigen, warmtönigen Händchen, die Andere drehte eine rothe, volle Nelke zwischen den schönen, wie aus der Hand des Bildhauers hervorgegangenen Fingern.

Die weichen, seidenen Hemden blickten unter dem offenen Jäckchen hervor. Er sah, wie sich unter den ruhigen Athemzügen die entzückenden Formen hoben und senkten. Ein feiner, unbestimmbarer Duft ging von Beiden aus. Wahrlich, Muhammed hatte ganz Recht, daß er den Ort der Seligen mit schönen Frauen und Huri's bevölkerte.

Da schien ihnen das Schweigen doch zu lange zu dauern. Die Trägerin der Rose sagte:

»Sind die Männer alle so schweigsam wie Du?«

Sie hatte schon vorhin nicht türkisch, sondern arabisch gesprochen. Er antwortete in derselben Sprache:

»Ja, alle.«

»Und doch habe ich gehört, daß sehr Viele Freunde des Sprechens sind.«

»Dann sind Sie keine Männer.«

»Dein Urtheil ist streng, aber Du magst Recht haben; hat der Großherr Dir eine Botschaft anvertraut?«

»Ja, doch nicht an zwei, sondern nur an Emineh, die schönste der Königstöchter. Welche von Euch ist sie?«

»Errathe es!«

Sie nahm den Schleier ab. Dieser hatte eine fast unbändige Fülle heller Locken festgehalten, die nun weit über das alabasterglänzende Weiß ihres unverhüllten, herrlichen Nackens herabfielen. Ein solches Gesicht hatte er noch nie gesehen; es war gar nicht zu beschreiben. Es war als habe Gott aus Schnee, Morgenroth und Sonnengold eine Frauengestalt geformt, ihr den Odem der ewigen Liebe eingehaucht und sie nur auf die Erde gesandt, um alle Herzen und Sinne wonnetrunken zu machen. Das herrlichste waren die Augen. Sie waren von jenem tief gesättigten Blau, welches man nur dann bemerkt, wenn an sonnenhellen Tagen kurz vor dem Abendrothe ein krystallreines Wasser die


Ende der fünften Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen - Deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk