Lieferung 6

Karl May

23. Januar 1886

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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tiefsten Töne des Himmels wiederspiegelt. Und dabei funkelte und schimmerte es in diesen Augen, als seien sie von goldenen Fäden durchzogen und mit mikroskopischen Diamanten bestreut, welche in electrischer Beleuchtung funkelten.

Auch die Andere hatte den Schleier abgenommen. Sie war dunkel, schön, sehr schön. In ihren Augen lag eine innige, ruhige, selbstbewußte Wärme. Es glänzte aus ihnen: Ich bin schön und will glücklich machen. Das weiche und dichte Haar schmiegte sich innig an die hohe, blüthenreine Stirn und floß nun in Wellen über die vollen Schultern herab. Wahrlich, auch diese war entzückend!

»Also welche ist es?« fragte die Blonde, während tausend Schalke neckisch über ihr Gesicht flogen.

Er fühlte sich von so viel Schönheit geradezu übermannt. Er antwortete schnell und ohne Bedenken:

»Du bist es, Du selbst! Keine Andere kann es sein.«

»Warum keine Andere?«

»Tausende preisen die Schönheit Emineh's, und Abertausende schwören, daß sie von keiner Anderen erreicht werde. Dir nur ist Keine gleich, folglich bist Du Emineh.«

Da glitt ein mildes, liebenswürdiges Lächeln über das Antlitz der Andern; sie nickte der Blonden freundlich zu:

»Schau, das Urtheil ist gefällt! Keine von Beiden gab zu, die Schönere zu sein; nun aber ist es entschieden.«

»O, auch Du bist schön,« sagte er, »so schön, wie ich noch keine gesehen habe. Du darfst mir nicht zürnen!«

»Ich zürne Dir nicht. Wenn man von Emineh so viel erzählt, so wirst Du vielleicht auch vernommen haben, daß ihr Herz frei von solchen Regungen ist.«

Er erschrak und fuhr um einen Schritt zurück.

»Allah! Höre ich recht?« fragte er.

»Was hast Du gehört?«

»Du bist die Prinzessin? Du?«

»Ja, ich bin sie.«

»Dann sei barmherzig, sei gnädig!«

Er wollte das Knie vor ihr beugen; da aber legte sie ihm schnell die Hand auf den Arm und sagte:

»Nicht so, nicht so! Du bist ein Mann, und ein Mann soll sich nicht vor einem fremden Weibe beugen. Du hast mich nicht beleidigen wollen; Du hast die Wahrheit gesagt. Die Freundin ist schöner; sie ist himmlisch schön, und ich bin irdisch schön. Das ist der Unterschied. Wunderst Du Dich nicht darüber, daß zwei Frauen mit einem Manne in dieser Weise von Schönheit sprechen?«

»Was Engel thun, ist nie zu verwundern!«

»Du bist so höflich, daß man Dich für einen Franken halten könnte.


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Du hast uns gepriesen, und darum kann ich auch Dir sagen, daß Du ein Mann bist, wie ich noch keinen gesehen habe. Du hast das Aussehen eines Helden und doch das Lächeln eines Kindes. Es kann für Viele gefährlich sein, Dich anzublicken. Darf ich jetzt nun die Botschaft des Großherrn hören?«

»Es ist so schwer, von ihr zu sprechen. Ist Dir noch nichts darüber mitgetheilt worden?«

»Ich habe gehört, daß der Vicekönig von Egypten mich zur Sultana begehrt, und daß ein unbekannter geheimnißvoller Fremder sich in Stambul befindet, um diesen Wunsch des Khedive der Erfüllung entgegenzuführen. Bist Du der Fremde?«

»Ich bin es.«

»Darf ich Deinen Namen erfahren, Dein Vaterland und den Rang, der Dir verliehen ist?«

»Ich bitte Dich, mir zu erlauben, darüber zu schweigen. Gestatte mir lieber dafür, Dir dies zu überreichen.«

Er zog ein kostbares Etui aus dem Gürtel und gab es ihr.

»Von wem ist es?« fragte sie.

»Von dem, welcher Allah ewig danken würde, wenn es ihm gelänge, Dein Herz zu gewinnen und zu besitzen.«

»Soll ich es wohl jetzt öffnen?«

»Ich soll Dich sogar bitten, es in meiner Gegenwart zu thun.«

Sie nahm den Inhalt heraus. Es war das reich mit Diamanten geschmückte Elfenbeinportrait des Vicekönigs von Egypten. Sie betrachtete es lange, lange Zeit. Eine leise, schöne Röthe zog langsam und erwärmend über ihr schönes Angesicht.

»Hat der Künstler gut getroffen?« fragte sie.

»Ganz genau, und ohne zu schmeicheln.«

»Wie gefällt Dir dieser Kopf?«

Bei diesen Worten reichte sie das Portrait der Andern hin. Diese betrachtete es und antwortete:

»Die Züge sind sehr sympathisch und erwecken Vertrauen.«

»Das habe auch ich gefühlt. Wie sind doch die Frauen des Abendlandes zu beneiden, welche nach der Stimme ihres Herzens zu wählen vermögen! Wir hingegen sind fast willenlos und müssen den Befehlen gehorchen, welche über den Besitz sowohl unsers Körpers als auch unserer Seele, unserer Gefühle entscheiden. Und doch sind wir nicht schlechter als unsere Schwestern im Abendlande. Auch wir denken und fühlen; auch wir wünschen und wollen; auch wir können lieben oder hassen und verachten; auch wir haben die Fähigkeit, glücklich oder unglücklich zu sein! Wie oft schon habe ich allen meinen Muth und Widerstand aufbieten müssen, um nicht verschenkt oder verkauft zu werden wie ein leb- und willenloser Gegenstand!«

Das klang so bitter, so klagend. Wie aufrichtig war sie, hier im Harem, einem fremden Manne gegenüber, der sich sogar geweigert hatte, ihr seinen Namen zu nennen. Er fühlte sich zu ungetheilter Hochachtung hingerissen, mit


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welcher sich ein aufrichtiges Mitleid mischte. Mehr aus Theilnahme, als um eines diplomatischen Vortheiles willen sagte er:

»Vielleicht hast Du sehr bald wieder gegen einen ähnlichen Angriff zu kämpfen.«

»Das wolle Allah verhüten! Hast Du so etwas vernommen?«

»Ja. Doch ist es gegen die Sitte und gegen die Gesetze des Harems, davon zu sprechen.«

»Es ist auch gegen die Gesetze des Harems, daß Du hier Einlaß gefunden hast. Nun Du da bist und mein Angesicht schauen durftest, darf ich Dich auch ersuchen, mir zu sagen, was Du gehört hast.«

»Der Großvezier will Deine Hand verschenken.«

»Der? An wen?«

»An den Bei von Tunis.«

»An Muhammed es Sadok Bei? Scherzest Du?«

»Es ist Wahrheit.«

»Der Bei ist ja alt und hat viele Frauen.«

»Was fragt ein Großvezier darnach!«

Sie war bleich geworden. Ihr Busen arbeitete heftig unter der Bewegung, welche sich ihrer bemächtigt hatte. Dann nach einer Weile reichte sie ihm die Hand und sagte:

»Ich danke Dir! Ich hatte keine Ahnung von dieser Absicht des Veziers. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, und ich wünsche, Dir dankbar sein zu können.«

Er zog das warme, zuckende Händchen an seine Lippen. Er hatte die Hand einer Sultanstochter berühren dürfen. War das möglich?!

»Hast Du den Auftrag, eine Antwort von mir zu bringen?« fragte sie weiter.

»Der Vicekönig will sich nur an Dein Herz wenden; wann dieses aber sprechen wird, konnte er nicht wissen.«

»Er ist edel. Ich habe Briefe von ihm gelesen; ich kenne seinen Character, ohne daß er es ahnt. Du sollst eine Antwort erhalten. Komm mit!«

Sie wendete in einen Seitengang ein. Er folgte, noch immer zwischen den Beiden schreitend. Hinter einem Bosquet bog sich der Weg nach rechts. Als sie um die Ecke lenkten, faßte Emineh seinen Arm.

»O Allah! Wir sind verloren!« rief sie aus.

Sie wollte eiligst zurück, die Andere auch. Er aber hielt Beide fest und sagte:

»Um Gott! Bleibt, bleibt! Wenn wir fliehen, kommt er uns nach!«

Nämlich grad vor ihnen, kaum zehn Schritte entfernt, hatte mitten im Wege ein Leopard gestanden und sich, so bald er sie erblickte, wie zum Sprunge auf die Erde gelegt. Steinbach concentrirte seine ganze Willenskraft im Auge und blickte das Thier scharf an. Dabei fragte er:

»Ist er gezähmt?«

»Ganz wenig. Er muß aus dem Kiosk entkommen sein, wo er angekettet wurde.«


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»Wo ist dieser Kiosk?«

»Da links hinter den Büschen.«

Das Thier trug ein eisernes Halsband mit einem Ringe. Die Kette fehlte.

Die beiden Frauen standen wie festgebannt. Emineh zitterte; ihre Gefährtin aber hielt das Auge mit dem Ausdrucke unbewußten Vertrauens auf Steinbach gerichtet. Es war ihr, als könne ihr in der Nähe dieses Mannes mit der reckenhaften Gestalt niemals ein Unheil widerfahren.

»Bleibt stehen, es mag geschehen, was da will!« bat er.

Er schritt langsam und grad auf den Leopard zu, ohne den Blick von den Augen desselben zu wenden. Dabei zog er den Dolch mit der Rechten aus dem Gürtel.

Das Thier erhob den Hinterkörper, peitschte mit dem Sehwanze die Erde und stieß ein kurzes Brüllen aus.

»Allah, hilf, hilf!« hauchte Emineh.

"Er ist ein Held!"

»Er ist ein Held; er kennt keine Furcht!« sagte ihre Begleiterin, wobei sie natürlich Steinbach meinte.

Dieser stand jetzt vor dem Leopard, welcher drohend pfauchte und knurrte. Sein Blick senkte sich wie ein stechender Pfeil in das schillernde, rollende Auge des wilden Thieres. Der Augenblick der Entscheidung war da. Wer wird Sieger sein, Mensch oder Thier? Der Erstere, denn der Leopard wendete den Kopf zur Seite; er konnte Steinbachs Blick nicht mehr ertragen.

Im Nu hatte er seine Finger um das eiserne Halsband gelegt. Das Thier zischte ihn grimmig an, leistete aber keinen Widerstand, sondern ließ sich nach dem Kiosk führen, wo am starken, steinernen Pfeiler die Kette hing. Der Querhalter derselben, welcher im Ringe des Halsbandes gesteckt hatte, war durch irgend eine zufällige Veranlassung aus demselben heraus geglitten.

Steinbach hing das Thier wieder an.

Er wußte, daß es sich auf ihn stürzen werde, sobald er den Schritt nach rückwärts wenden werde. Darum that er, als die Kette befestigt war, einen weiten, blitzschnellen Sprung nach der Thür, und grad zur rechten Zeit, denn in demselben Augenblick war der Leopard nachgesprungen, wurde aber, da die Kette nicht so weit reichte wie Steinbachs Riesensprung, zu Boden gerissen, und stieß da ein solch fürchterliches Geheul aus, daß der ganze Kiosk zu zittern und zu wanken schien.

Die Frauen standen noch da, wo er sie verlassen hatte.

»Allah sei Lob und Dank!« rief Emineh. »Als jetzt das Thier zu brüllen begann, glaubte ich Dich verloren.«

Die Andere sagte nichts; aber ihr Blick war in aufrichtiger Bewunderung auf ihn gerichtet.

»Ich habe ihn angehängt; wir können weiter gehen.«

Aber grad diese Ruhe, dieses völlige Beiseitschieben der Heldenthat steigerte die Bewunderung der Beiden. Nach kurzer Weile blieb Emineh stehen, deutete auf eine Gebüschgruppe, bei welcher eine Ruhebank stand, und sagte:

»Wartet da! Ich kehre bald zurück.«


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Sie entfernte sich, und die Beiden schritten nach der Bank. Sie setzte sich nieder; er blieb vor ihr stehen. Sie hob das herrliche Auge zu ihm empor und sagte:

»So wie Du bist, habe ich mir einen Mann gedacht.«

»Und so wie Du bist, ich mir ein Weib. Du bist herrlich und entzückend, wie aus Allahs Himmel herabgestiegen. Zürne mir nicht, daß ich Dir dies sage! Ich bin ein fremder Mann, der verschwinden wird. Ich habe einen Blick in die Seligkeit geworfen und werde dies niemals vergessen.«

»Du wirst Andere sehen und die Einsame im Harem zu Stambul bald vergessen.«

»Nie, nie! Mein Wünschen und Wollen, mein Leben kann Dir gleichgiltig sein; aber ich habe Dich erblickt und bin Dein Eigenthum. Meine Seele, mein Herz gehört Dir: ich werde nur noch im Gedanken an Dich leben und athmen. Ich thue keinen Schwur, denn ich bin ein Mann, dessen Wort als Schwur gilt; aber ich sage Dir, daß mein Mund nie die Lippen eines Weibes berühren wird. Ich werde einsam leben und einsam sterben. Allah hat es so gewollt.«

Da stand sie auf, legte ihm die Spitzen ihrer Finger auf die Achseln, blickte ihm still und stumm in die Augen und zog dann die Rose, welche sie am Busen befestigt hatte, aus dem Heftel.

»Du hast Recht,« sagte sie leise. »Allah gebietet, und wir müssen gehorchen. Nimm diese Rose und denke mein! Mein Leben wird so einsam sein wie das Deine.«

Da blitzten seine Augen auf.

»Was höre ich!« sagte er. »Rede! Sprich! Bist Du ein Weib des Großherrn?«

»Nein.«

»Eine Tochter?«

»Auch nicht.«

»Oder eine Schwester, Verwandte?«

»Bitte, frage nicht!«

»O, ich muß fragen; ich muß, muß! Hast Du einen Bräutigam, dem Du bestimmt bist?«

»Ja.«

»Liebst Du ihn?«

»Nein.«

»Hat Dein Herz für einen Andern gesprochen?«

»Nein. Nun aber frage nicht weiter!«

Sein Athem ging hörbar; sein Gesicht hatte sich geröthet, und seine beiden Fäuste lagen ganz unwillkürlich an den Kolben der Pistolen.

»Nein, ich werde nicht fragen, aber ich werde handeln,« antwortete er. »Die Liebe ist wie der Blitz, der vom Himmel kommt; er ist da, und Keiner kann ihm widerstehen. Allah ist es, der sie sendet, und ihm muß der schwache


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Mensch gehorchen. Du bist ein Weib, aber Dein Herz ist stark. Wirf Alles, Alles bei Seite, und sage mir, ob ich Dich wiedersehen kann.«

Auch ihr Auge leuchtete auf. Es überkam sie wie eine Gewalt, der sie nicht zu widerstehen vermochte.

»Warum willst Du mich Wiedersehen?« fragte sie.

»Weil ich Dir gehöre: weil Dein Leben und mein Leben nur ein Leben sind; weil meine Seele verschmachten wird ohne Dich. Ich habe noch nie geliebt. Jetzt ist es zum ersten Male über mich gekommen, und zwar mit einer Allmächtigkeit, gegen welche kein menschlicher Wille und keine menschliche Macht und Kraft anzukämpfen vermag.«

»Willst Du mich entführen?«

»Ja.«

»Dein Leben wagen?«

»Ja. Habe ich es vorhin einer Bestie wegen gewagt, so würde ich es für Dich millionenmal hingeben!«

»Aber Du kennst mich nicht!«

»Ich liebe Dich, also kenne ich Dich. O bitte, antworte schnell, schnell, ehe die Prinzessin kommt!«

»Nun gut! Du sollst mich Wiedersehen.«

»Wann?«

»Wünschest Du bald?«

»Ja bald, so bald wie möglich! Sage mir, daß Du mit mir gehen willst jetzt gleich, so reiße ich die Mauer ein und nehme Dich am hellen Tage mit mir fort!«

Es war ein mächtiges, übermächtiges Gefühl, welches so plötzlich über ihn gekommen war. Er befand sich wie in einem Rausche, in einem taumelartigen Zustande.

»Das ist unmöglich,« sagte sie.

»Ich mache Alles möglich, Alles; nur sage mir, wann ich Dich Wiedersehen soll!«

In ihren Augen glitzerte es wieder wie Goldfäden und Diamantenflimmer, und um den schönen, üppigen Mund zuckte ein halb begeistertes, halb schelmisches Lächeln, als sie antwortete:

»Soll es vielleicht noch heute sein?«

»Ja, heut, noch heut! Ich bitte Dich um Allahs willen!«

»Nun wohl! Komm heut, wenn die Dämmerung so dicht geworden ist, daß man auf zwanzig Schritte Entfernung keinen Menschen erkennen kann. Geh' hier am Harem vorüber, am hinteren Thore des Gartens, welches nach Tarlabachi führt.«

»Kannst Du hinaus?«

»Ja.«

»Allah sei Dank! Du hast einen Schlüssel?«

»Nein; aber es wird mir geöffnet werden.«

»Und wenn ich Dich aber nicht treffe, nicht sehe?«


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»Ich bin da; ich warte auf Dich am Thore.«

»Oh! Ist es denn so sehr leicht, aus dem Serail und dem Harem des Sultans zu entkommen?«

»Für mich ist es nicht schwer. Frage jetzt nicht weiter.«

»Du wirst diesen Ort hier nicht wiedersehen. Ich nehme Dich mit; ich sende Dich noch während der Nacht von Stambul fort und eile Dir dann nach, um mich nie wieder von Dir zu trennen.«

Er hatte in seiner Begeisterung ihre beiden Hände ergriffen. Sie ließ ihm dieselben, sagte aber:

»So nicht! Das geht nicht! Ich kann heut noch nicht fort.«

»Warum nicht?«

»Es giebt jetzt nicht die Zeit, es zu sagen. Ich höre Schritte. Emineh kehrt zurück. Fasse Dich! Laß nichts merken, und dämpfe das Feuer Deiner Augen! Du findest mich am Thore; das ist genug!«

Er hatte nur noch Zeit, ihre Hände zu küssen und einen leisen, aber jauchzenden Jubelton auszustoßen, so sahen sie Emineh um die Ecke des Weges biegen. Beide waren schnell auseinander getreten und nahmen die Mienen und Stellungen zweier Menschen an, welche sich über etwas Gleichgiltiges unterhalten haben.

Es schien, als ob die Prinzessin dennoch die Beiden vorher schon mit einem Blick erreicht habe. Oder hatte sie vielleicht schon früher bemerkt, daß der erste Anblick der Beiden eine augenblickliche Sympathie erzeugt habe. Er war ja ganz entzückt gewesen, als er die Freundin unverhüllt erblickt hatte, und war der Ansicht gewesen, daß sie die Prinzessin sei. Kurz und gut, die Sultanstochter warf den Beiden einen leuchtenden, verständnißinnigen Blick zu. Doch war dies Alles, was sie sich gestattete. Sie reichte Steinbach ein länglich geformtes, kleines Etui entgegen und sagte:

»Dies ist meine Antwort für Denjenigen, in dessen Auftrage Du zu mir gekommen bist. Nicht Worte sind es, welche ich Dir mitgebe; aber wenn er den Inhalt erblickt, wird er wissen, was ich meine.«

Steinbach verbeugte sich tief, drückte nach orientalischer, höflicher Sitte den empfangenen Gegenstand an Stirn und Brust und antwortete:

»Ich bin der geringste Deiner Diener und werde Deinem Befehle gehorchen. Der, welcher mich zu Dir sandte, wird Dein Geschenk höher halten als sein Königreich. Allah gebe Dir so viele glückliche Stunden, wie die Sonne Strahlen hat!«

»Ich danke Dir! Wer solch einen Boten sendet, wie Du bist, der kann versichert sein, eine gute Antwort zu erhalten. Du hast das Raubthier bezwungen und uns also das Leben gerettet. Allah hat Dich zwischen mich und den Tod gestellt. Ich werde das nie vergessen. Und damit auch Du Dich zuweilen an diese Stunde erinnerst, nimm diesen Ring. Er mag Dir ein Zeichen sein, daß Prinzessin Emineh Dir wohlgesinnt ist und Dich stets willkommen heißen wird, wo auch immer wir uns wiederfinden werden.«


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Sie zog einen kostbaren Smaragdring von ihrem Mittelfinger. Er trat einen Schritt zurück und sagte:

»Ich bin nicht werth einer solchen Gnade! Wie darf ein armer Sterblicher es wagen, dieses Kleinod anzunehmen!«

»O, eine Sultana darf es Dir schenken, ohne befürchten zu müssen, dadurch arm zu werden!«

Sie lächelte ihm dabei so herzlich entgegen, daß er am Allerliebsten das Knie vor ihr gebeugt hätte.

»Verzeihe!« bat er. »Ich weiß, daß Du über Millionen gebietest. Nicht der Preis dieses Steines entzückt mich, sondern es verwirrt mich die Größe seines Werthes, den er dadurch besitzt, daß Du ihn an Deiner Hand trugst.«

»Ich wiederhole, daß Du die Höflichkeit eines Abendländers besitzest.«

»Meinst Du, daß der Morgenländer nicht höflich sei?«

»Er ist es mehr als der Franke, denn er ist aufrichtig höflich, während der Abendländer dabei schmeichelt.«

»Allah ist mein Zeuge, daß ich keine Schmeichelei sagte!«

»Ich glaube es Dir; ich scherzte ja nur, und darum hoffe ich, daß Du dieses Andenken nicht zurückweisest.«

»Ich gehorche!«

Er wollte nach dem Ringe fassen. Sie aber schüttelte lächelnd das schöne Haupt und sagte:

»Nein, nicht so! Laß mich selbst sehen, ob ich den Finger finde, an welchem Du ihn tragen kannst.«

Sie ergriff seine Hand, um die Stärke der Finger zu prüfen. Fast erstaunt blickte sie von dieser Hand empor in sein Gesicht.

»Du bist betroffen?« fragte er.

»Beinahe! Ich sehe Dich so hoch, so stark und stolz vor mir, und doch besitzest Du eine Hand fast von der Kleinheit eines Frauenhändchens. Wie konnte diese weiche Hand es wagen, den Leoparden anzufassen! Schau, ich glaube nicht, daß Du meinen Ring an einem Deiner Finger tragen könntest!«

»Ich hätte ihm an einer Kette eine Stelle an meinem Herzen gegeben.«

»Das darfst Du nicht. Dort darfst Du nur ein Kleinod tragen, welches Dir von der Hand Derjenigen, welcher Dein Herz gehört, anvertraut wird. Der Ring paßt ganz genau an den kleinen Finger. Da soll er seine Stelle finden. Kommst Du einst wieder in die Nähe von Emineh und hast Du einen Wunsch an sie, so zeige ihr diesen Ring. In der Erinnerung an den heutigen Tag wird sie ihr Ohr gern Deiner Bitte öffnen.«

Sie dachte bei diesen Worten wohl nicht, daß dies recht bald geschehen könne. Auch er selbst war fern von diesem Gedanken. Er sagte in frohem Tone:

»Dieses Tages werde ich mich stets als des glücklichsten meines Lebens erinnern. Allah hat heut seine Gnade wie eine Sonne über mir leuchten lassen, und selbst wenn nun tiefes Dunkel folgte, würden diese Strahlen noch den letzten Augenblick meines Lebens erhellen.«


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Sein Auge schweifte dabei mit einem unwillkürlichen und unbewachten Blicke von Emineh weg und hinüber auf deren erröthende Gefährtin. Darum hob die Prinzessin warnend den Finger und fragte lächelnd:

»Solltest Du mich mit dem Bilde der Sonne meinen?«

»Ja.«

»Nicht eine Andere?«

»Kann es in Deiner Gegenwart und neben Dir eine Andere geben, welche man vor Deinem Angesichte mit dem leuchtenden Gestirn des Tages vergleichen dürfte?«

»Jetzt sollte ich Dir zürnen, denn Du bist in diesem Augenblicke nicht aufrichtig, sondern Du hast die Höflichkeit der Abendländer, welche der Einen sagen, was die Andere hören soll. Und da Du also wie ein Franke handelst, so will ich Dich auch nach der Sitte der Franken verabschieden. Hier ist meine Hand, welche eigentlich kein Mann berühren sollte. Ich bin mit Dir zufrieden. Geh mit Allah, der Dich geleiten und schützen möge in allen Fährnissen und Sorgen des Erdenlebens.«

Er beugte sich nieder und zog die Spitzen der kleinen schneeweißen Finger an seine Lippen. Dann verneigte er sich auch vor der Andern und wollte sich nun zum Gehen wenden. Da aber sagte Emineh:

»Halt! Willst Du der Einen die Höflichkeit versagen, welche Du der Andern widmest? Weißt Du nicht, daß dies eine schwere Beleidigung für sie sein würde?«

Sie nickte der Freundin aufmunternd zu. Diese fühlte sich durchschaut; ihr wunderbar schönes Gesicht erglühte, so daß sie sich unwillkürlich zur Seite wendete. Doch reichte sie ihm ihr Händchen dar und sagte:

»Also hier, auf hohen Befehl!«

Er hatte seine Hand bereits ausgestreckt; da aber zog er sie rasch wieder zurück und sagte:

»Auf Befehl? Willst Du mir ein Almosen geben? Ich würde es zurückweisen!«

Er stand aufrecht vor ihr, so stolz, so männlich schön. Sie sah es, obgleich die in ihr Gesicht aufwallende Gluth ihr den Blick verdunkeln wollte. Es überkam sie eine allgewaltige Regung, welcher sie augenblicklich gehorchte, ohne zu fragen, ob dies auch klug und gerathen sei: Sie streckte ihm anstatt vorher der einen Hand jetzt alle beide entgegen und antwortete:

»O Allah, ein Almosen! Da sieh, daß ich Dir gern alle Beide zum Gruße gebe!«

Jetzt griff er blitzschnell zu und zog eins dieser kleinen wie aus Alabaster geformten und doch so sammetweichen Händchen nach dem andern an seine Lippen. Es war ihm, als fluthe ein leiser aber beglückender und bis in die kleinste tiefste Faser dringender galvanischer Strom von ihr zu ihm herüber. Er behielt, sich selbst vergessend, diese Hände länger in den seinigen und legte seine Finger fester um sie, als es die bloße Höflichkeit erfordert hätte. Ging es ihr ebenso wie ihm? Er fühlte ihren Gegendruck; dann aber entzog


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sie sie ihm. Das Blau ihrer Augen hatte einen tieferen, feuchten Ton angenommen; ihre feinen, rosig angehauchten Nasenflügel zitterten leise, und um die granatblüthenfarbenen Lippen zuckte eine tiefempfundene Seelenerregung, deren sie kaum Herr zu werden vermochte.

Nun wendete er sich ab und schritt von dannen, dahin, wo er den Engländer zu treffen vermeinte. Die Beiden blickten ihm nach, bis er hinter dem dichten, mit Blumen besäeten Bosquet verschwunden war.

»Das war ein Mann!« sagte die Prinzessin halblaut, wie zu sich selbst.

»Bei seinem Anblicke denkt man sogleich an die Märchen von tausend und einer Nacht.«

»Oder an unsere berühmtesten Sultane und Kalifen. So wie er muß der starke Omar ausgesehen haben!«

»Oder der mächtige Khalid, welcher das Schwert des Propheten genannt wurde. Es konnte ihm keiner widerstehen, und er kämpfte stets dem Heer voran, im dichtesten Knäuel der Feinde.«

»Meinst Du damit, daß diesem hier auch Niemand zu widerstehen vermöge?« fragte Emineh, indem ein schalkhaftes, aber aufrichtiges und wohlwollendes Lächeln über ihr Gesicht glitt.

»Daß er tapfer ist und kühn sogar, das haben wir ja gesehen. Er besiegte den Leoparden mit dem bloßen Blicke.«

»Nur den Leoparden?«

Das Auge der Fragerin war mit eigenthümlich forschender Innigkeit auf das Gesicht der Freundin gerichtet. Diese senkte die langen, seidenen Wimpern, so daß ihr Auge in deren Schatten lag, und antwortete:

»Ich verstehe Dich nicht.«

»O Du Liebe, wie willst Du Dich mir verbergen! Warum willst Du zweifeln, daß ich in Deiner Seele lesen kann? Ich will Dir das Beispiel der Aufrichtigkeit geben und Dir gestehen, was ich sonst Keiner sagen würde. Wenn ich nicht bereits liebte, so würde mein Herz keinem Andern gehören als diesem fremden, stolzen, schönen, geheimnißvollen Manne. Meine Seele würde ihm entgegengeflogen sein, obgleich ich die Tochter des Padischah bin und nicht weiß, welchen Namen er trägt und welcher Ort seine Kindheit gesehen hat.«

Diese Worte ermuthigten ihre Gefährtin. Sie hatte erfahren, was sie nicht geahnt hatte. Darum fragte sie im Tone theilnehmenden Erstaunens:

»Wie? Ist es wahr? Du liebst?«

»Ja, meine Liebe. Dir will ich es gestehen.«

»Und ich wußte nichts!«

»Weißt Du nicht, daß man das Allerheiligste der Moschee und aller Tempel nicht Jedem öffnet! Aber in Dein Herz will ich mein Geheimniß legen. Ja, ich liebe, ich liebe mit meiner ganzen Seele. Und weil ich es Keinem und Keiner sagen durfte, ist diese Liebe so mächtig, so allgewaltig geworden. Ich bekam einst ein Buch in französischer Sprache in die Hand. Es enthielt allerlei Gedichte von französischen und auch fremden Dichtern. Darunter war


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eins, welches die Liebe verglich mit dem Feuer, mit der heißen Kohle, und ich - - -«

Da fiel die Andere schnell ein:

»Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß,
Wie heimliche Liebe, von der Niemand was weiß.«

»Wie, Du kennst diese Verse?«

»Ja. Ich habe Dir diese Worte in arabischer Sprache gesagt, in welcher sie sich leider nicht reimen.«

»In welcher sind sie gedichtet?«

»In deutscher.«

»Verstehest Du diese?«

»Ja.«

»Das ist wieder eine neue Entdeckung, welche ich an Dir mache. Du verstehst Deutsch, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte. Hätte ich es früher gewußt, so hätte ich Dich längst gebeten, meine Lehrerin zu sein.«

»Du wolltest die deutsche Sprache kennen lernen?«

»Ja. Wunderst Du Dich darüber?«

»Ist es nicht zum Verwundern? Eine türkische Sultana will Deutsch lernen!«

Das Gesicht der Prinzessin war ernst geworden. Sie blickte nachdenklich zu Boden und antwortete:

»Es wird Zeit, daß sich sogar der Orientale mit dieser Sprache befaßt. Wir halten den Islam für den allein rechten Glauben, und ich als Muhammedanerin will an dieser Säule nicht zu rütteln wagen. Wir verschmähen es, uns mehr, als unumgänglich nöthig ist, mit dem Abendlande zu befassen, und doch sind wir in so mancher Beziehung von den Engländern, Franzosen und Russen in Abhängigkeit gesetzt. Wir haben schon längst begonnen, die Sprachen dieser drei Nationen zu studieren; aber was bringen uns diese Leute? Der Engländer ist ein Krämer; er kommt zu uns, um uns auszusaugen, wie er es mit allen Völkern thut. Der Franzose überschwemmt uns mit Parfüms und schönen Redensarten, ohne uns wirklichen Nutzen zu schaffen. Der Russe ist ein Barbar, welcher uns in demüthigender Aufrichtigkeit sagt, daß er einfach kommt, um uns abzuschlachten. Alle nennen den Türken den kranken Mann, keiner aber bringt die echte Arznei, welche ihm Heilung geben könnte. Ein Einziger aber ist aufrichtig: der Deutsche. Er wirkt liebreich, still, ohne Geräusch, aber mit Ueberlegung und siegreicher Energie. Er ist stark und mild zugleich. Er kommt als Freund und bietet Das, was er selbst in so hohem Grade besitzt: Intelligenz ohne Ueberhebung. Wie lange wird es währen, so wird er den Platz erringen, welcher ihm gebührt, und dann wird er an unsere Thür klopfen, um uns von den Blutegeln zu befreien, denen allein wir die Schwäche zu verdanken haben, über welche man spottet.«

Sie hatte schnell gesprochen, mit ungewöhnlicher Erregung.

»Du bist beinahe begeistert!« bemerkte die Freundin.

»Begeistert? Nein, sondern zornig. Und dieser Zorn ist ein heiliger, ein


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wohlgegründeter. Blicke in die Geschichte unseres Reiches zurück. War der Türke nicht einfach, nüchtern, stark, wahrheitsliebend, tapfer, muthig, gerecht und treu? Man sagt, daß er dies heut nicht mehr sei. Wenn diese Behauptung die Wahrheit enthält, wer ist Schuld daran? Steige hinab in die Hefe des Volkes! Wer sind die Betrüger, die Lügner, die Feigen? Welcher Abstammung sind sie? Sind sie Türken? Nein. Von allen Seiten sind wir von Feinden umringt. Aber, dort in Nordwesten ist ein Mann erstanden, der uns die Hand zur Hilfe bietet. Ihm können wir vertrauen - seine Sprache möchte ich verstehen. Und darum freut es mich, daß Du ihrer mächtig bist. Von heut ab wirst Du meine Lehrerin in der Sprache des Landes Germania sein. Willst Du?«

»Wie gern, wie so sehr gern! Ich konnte doch nicht ahnen, daß Du Dich in diesem Grade für Deutschland interessirst.«

»Warum nicht?«

»Du, die Gebieterin eines Harems! Du, eine türkische, eine orientalische Sultana!«

»Ja, man meint, daß die Bewohnerinnen des Harems sich nur mit Putz, Schmuck, Tand und Klatsch beschäftigen, und man hat ja in den meisten Fällen Recht; aber grad weil ich eine Sultana bin, werde ich das Weib keines Anderen als eines Fürsten sein, und darum habe ich die Augen geöffnet, um zu sehen, wo Andere nicht sehen, wo selbst berufene Männer ihre Augen schließen oder sich mit der goldenen Binde verschließen lassen. Bin ich das Weib eines Regenten, so werde ich alle meine Liebe und meinen ganzen Einfluß aufbieten, daß er sein Volk glücklich mache. Und dieser Fürst ist - ist - - ah, jetzt erst bemerke ich, wie weit wir von unserem Thema abgekommen sind. Jetzt erst gelange ich zu ihm zurück, von welchem ich ausgegangen bin. Wir sprechen ja von meiner Liebe!«

»Deren Gegenstand ich so gern erfahren möchte.«

Sie waren langsam weiter geschritten, Arm in Arm und freundlich an einander geschmiegt. Diese Beiden wunderschönen Frauen gaben in ihren weißseidenen, orientalischen Gewändern ein Bild, welches man eben nur innerhalb der Mauern eines Harems zu bewundern vermag.

»Ahnst Du es nicht?« fragte Emineh.

»Wie könnte ich?«

»O, wir haben ja von ihm gesprochen!«

»Wann?«

»Heut, vorhin. Er sandte mir sein Bild.«

»Allah '1 Allah! Der Vicekönig?«

»Ja.«

»Welch ein Zufall!«

»Das ist kein Zufall. Es giebt keinen Zufall. Der Moslem weiß, daß Allah Alles bestimmt. Im Buche des Lebens ist jede That, jedes Ereigniß seit Ewigkeit verzeichnet. Allah will es; Allah hat es befohlen, daß mein Herz grad Den liebe, welcher mich zum Weibe begehrt.«


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»Kennst Du ihn denn?«

»Ja. Es war vor zwei Jahren, als er sich hier in Stambul befand. Wir feierten den Ramadan, und er hatte keine Privatwohnung erhalten, sondern er wohnte mit dem Großherrn in dessen Palaste. Beide saßen oft bei einander, um über Das zu sprechen, was ihnen das Wichtigste sein mußte: Das Wohl des Landes, das Glück des Volkes. Ich befand mich hinter dem Gitter und hörte Alles. Der Vicekönig sprach so gut; er zeigte sich so edel; ich sah und erkannte, daß Allah ihn mit den schönsten Gaben, welche ein Mann besitzen soll, ausgestattet habe, und ich fühlte, daß mein Herz ihm gehöre. Seit jener Zeit bin ich Diplomatin gewesen.«

»Ah, ich verstehe Dich!«

»Ja. Man spricht von den Intriguen der Harems. Es ist wahr, daß es solche giebt. Aber was ich erreichen wollte, das ist gut. Wir kämpfen oft von unserer Abgeschiedenheit aus gegen die Männer, welche zwar an der Spitze des Volkes stehen, aber gegen das Glück der Unterthanen handeln. Ich habe meinen ganzen Einfluß angestrengt, um Das zu erreichen, was heut geschehen ist: Er hat mir sein Bild geschickt, und ich werde seine Sultana sein.«

»O Allah! Wie gönne ich Dir das! Wie freue ich mich, daß Du glücklich bist!«

»Ja, ich bin glücklich, sehr glücklich!«

»Und ich wußte von Alledem gar nichts! Du warst so ernst, so gleichgiltig, als Du mit seinem Boten sprachst, als dieser Dir sein Bild zeigte.«

»Meinst Du, daß ich einem Fremden Gelegenheit geben werde, in mein Herz zu blicken? Ich habe innerlich gejubelt, während ich äußerlich nichts von meiner Freude merken ließ. Das Herz ist das richtige Heiligthum; es ist der Harem, dessen Leben, dessen Vorgänge kein Unberufener jemals schauen darf. Was wird er denken, was wird er sagen, wenn er mein Bild erblickt?«

»Er hat Dich nicht gesehen?«

»Wann und wo sollte er mich gesehen haben! Du sprichst nicht wie eine Tochter des Morgenlandes, sondern Du redest wie eine Abendländerin, welche ihr Gesicht einem Jeden schauen lassen darf.«

Die Freundin blickte vor sich nieder. Es ging ein eigenthümliches Regen über ihre sonnenhellen Züge, fast so, als ob sie sagen wolle: »O, wenn Du wüßtest!« Sie brachte es fertig, in unbefangenem Tone zu sagen:

»Ob es wohl wirklich eine Sünde ist, sich von einem Manne anschauen zu lassen?«

»Meine Antwort auf diese Frage hast Du bereits gehört oder vielmehr gesehen.«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Nicht? Habe ich vorhin nicht mein Gesicht diesem Fremden gezeigt? Hast Du nicht ganz dasselbe gethan? Allah hat der Frau in ihrer Schönheit eine Macht geschenkt, und was Allah giebt, das soll man in Weisheit gebrauchen. Unsere Mollah's aber verdammen uns zum Gegentheile, zur Entsagung, welche gegen Allahs Willen und also gegen die Natur ist. So lange wir in Harems ab-


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geschlossen bleiben wie schädliche Geschöpfe, mit Denen Niemand in Berührung kommen darf, und so lange wir unser Gesicht unter dem Schleier verbergen müssen, als ob wir uns desselben zu schämen hätten, so lange werden wir auch gezwungen sein, auf die heiligen Rechte zu verzichten, auf welche wir als Menschen Anspruch haben. Als Fürstin werde ich mein Gesicht nicht verhüllen. Ich werde es vielleicht nicht öffentlich zeigen; Diejenigen, mit denen ich als Weib eines Herrschers in Berührung komme, sollen nicht denken müssen, daß ich eine bezahlte Sclavin bin, welche nur dem Einen gehört, welcher sie für schnödes Geld erhandelte.«

»Wird er das erlauben?«

»Er wird es!« antwortete sie in bestimmtem Tone.

»Was werden seine andern Frauen sagen!«

»Seine andern Frauen? Er wird keine andern Frauen haben, nicht eine, nicht eine einzige!«

»Wie gern gönne ich Dir dieses größte Glück des orientalischen Weibes, die einzige Frau zu sein! Aber es ist so schwer, es zu erreichen.«

»Nein, ist im Gegentheil sehr leicht. Es giebt ein Mittel, ein einziges, und dieses Mittel heißt Liebe. Ich werde Den, dem mein Herz gehört, so mit meiner Liebe umgeben und umschweben, daß keiner seiner Gedanken einer Andern gehören kann. Die Liebe ist die größte Macht der Erde; ja, die Liebe ist selbst Allmacht. Frage nach Jahren, und Du wirst zur Antwort erhalten, daß ich nicht nur seine Sultana, sondern sein Weib, seine Frau sein werde. Unsere Herzen und Seelen sollen verbunden sein, daß sie ein einziges Wesen, ein einziges Dasein bilden. Das ist mein Vorsatz, mein Wille. Daß es leicht zu erreichen ist, würdest Du sofort erkennen, wenn auch in Deinem Herzen der Tag des größten irdischen Glückes angebrochen wäre, der Tag der Liebe. Und vielleicht ist dies der Fall, denn - - o Dein Arm zuckt, und Du erröthest! Habe ich Recht?«

»Ich habe noch Keinen gekannt, dem ich zu Eigen sein möchte in der Weise, wie Du es meinst.«

»Noch nicht? Auch heut nicht, jetzt nicht?«

Diese Frage klang so liebevoll eindringlich, daß es unmöglich war, eine Unwahrheit zu sagen. Sie antwortete:

»Ich weiß es nicht. Es ist mir so eigenthümlich, so unbeschreiblich zu Muthe!«

»Grad so wie mir, als ich die Lauscherin machte und dabei mein Herz verlor. Ich habe Dir gesagt, daß mein Herz, wenn es nicht schon entschieden hätte, diesem Fremden entgegengeflogen wäre. Willst Du mir nicht anvertrauen, was das Deine thut?«

»Es - es fliegt nicht,« antwortete sie lächelnd.

»Aber es klopft!«

»Das hat es früher auch gethan, stets und immer, so lange ich lebe.«

»Es hat ja gar nicht nöthig, zu fliegen.«

»Ich weiß nicht, wie ich antworten soll. Es ist mir ganz so, als ob


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mein Herz überhaupt nicht mehr fliegen könne, als ob es nie wieder frei sein werde, als ob es vielmehr ganz und gar gefangen sei.«

»Also doch! Ich sah es, als Eure Blicke sich in einander tauchten oder vielmehr, als sie sich völlig in einander verloren. Er stand vor Dir, ganz ohne Bewegung und Wort, und Du holtest so viel Athem, so tief und lang, als seist Du soeben aus einer langen Ohnmacht, aus einer schweren Bewußtlosigkeit erwacht. Ich liebe selbst, und darum begriff ich, daß auch für Dich die Entscheidung gefallen sei. Aber wer mag er sein?«

»Wer das wüßte!«

»Ein gewöhnlicher Mann ist er nicht, sonst wäre ihm nicht die große, seltene Erlaubniß geworden, nach hier zu kommen und mich sehen zu dürfen.«

»Jedenfalls ein Egypter.«

»Das glaube ich nicht. Ich kenne die Namen und die äußern Eigenschaften aller hervorragenden Männer in Kairo. Ein Mann wie er aber wurde mir noch nicht geschildert. Trüge er nicht orientalische Kleidung und hätte er nicht die erwähnte Erlaubniß erhalten, so möchte ich ahnen, daß er ein Franke sei.«

»Hast Du Gründe dazu?«

»Nur Ahnung; aber Du weißt, daß die Vermuthungen einer Frau oft leichter das Richtige treffen als die scharfsinnigsten Berechnungen eines Mannes. Jedenfalls aber werde ich ja wohl bald erfahren, wer er ist. Und dann bist Du die Erste und Einzige, der ich es mittheile.« -

Der, von welchem sie sprachen, hatte jetzt nun das Serail verlassen. Als er ihren Augen entschwunden war, hatte er den Hauptgang aufgesucht, in welchem der Oberwächter mit dem Engländer zurückgeblieben war.

Er hörte bereits von Weitem einen Lärm, wie er hier im Garten des Serail wohl nicht in der Regel war. Es ertönten laute Ausrufe in englischer Sprache, denen immer ein lautes Gelächter folgte. Jetzt bog Steinbach um die Ecke, und da erblickte er eine Gruppe, über welche er auch sofort lachen mußte.

Auf einer Bank saß in höchst gravitätischer Haltung der Oberwächter. Vor ihm stand entblößten Hauptes der Lord. Neben demselben bewegten sich mehrere der schwarzen Haremswächter in den possierlichsten Sprüngen. Der Eine von ihnen hatte den hohen Cylinderhut des Briten auf dem eingefetteten Wollkopfe; der Andere trug den aufgespannten, karrirten Regenschirm über sich, und der Dritte hatte gar den Rock des Lord angezogen und stolzirte in demselben wichtig hin und her. Dabei schnitten diese Drei Gesichter, wie eben nur ein Schwarzer eine solche Fratze fertig bringen kann. Gegenüber diesen Genannten hatte eine ganze Anzahl verschleierter Frauen Posto gefaßt. Die eine Hälfte von ihnen ergötzte sich an der beschriebenen Maskerade, während die Andern das Fernrohr des Lords erobert hatten und sich Mühe gaben, sich im Gebrauche desselben zu versuchen. Es ging aus einer schönen Hand in die andere noch schönere, doch war es nicht leicht, damit zu manipuliren, da diese


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Hände sich nicht entblößen durften, sondern unter der Hülle bleiben mußten und es auch verboten war, den Schleier vom Gesicht zu entfernen.

Steinbach kam dem Engländer wie ein Erlösender. Er rief ihm schon von Weitem entgegen:

»Himmelsakkerment! Eilen Sie, mir aus der Klemme zu helfen, sonst zieht mich diese Menschheit noch vollständig aus. Das sind ja die wahren Seeräuber!«

»Na, wie können Sie es denn so weit kommen lassen?«

»Kommen lassen? Was will ich thun? Diese verteufelten Frauenzimmer sind neugierig wie die Meerschweinchen. Die Eine wollte sich den Hut ansehen und die Andere den Regenschirm. Ich mußte Alles hergeben und zuletzt gar den Rock ausziehen. Sie wollten nämlich wissen, wie ich unter demselben beschaffen sei.«

»Erzählen Sie später. Jetzt vor allen Dingen wollen wir uns einmal in Respekt setzen.«

Er wendete sich an den Oberwächter:

»Mensch, was fällt Dir ein? Soll ich den Kislar Aga ersuchen, Dir die Bastonnade geben zu lassen?«

»Verzeihe, Herr,« entschuldigte sich der Genannte. »Er ist ja nur ein Franke!«

»Und Du bist ein Neger, ein Sklave, welcher Allah danken muß, wenn er einen Franken anschauen darf. Schaffe schnell Ordnung, sonst sorge ich dafür, daß Du wochenlang nicht auf den Sohlen gehen kannst, sondern elendiglich auf den Knieen rutschen mußt.«

Da zog der Oberwächter die Peitsche aus dem Gürtel. Sie knallte seinen Untergebenen auf die Rücken. Ein mehrstimmiges Wehegeschrei erscholl. Die Geschlagenen suchten heulend das Weite, und auch die Frauen zogen sich so schnell zurück, daß im nächsten Augenblick kein Mensch mehr zu sehen war, selbst der Oberwächter nicht, welcher den Fliehenden nachgeeilt war. Diese hatten nämlich in ihrer Angst ganz vergessen, die annectirten Gegenstände zurückzulassen.

»Was sagen Sie dazu!« zürnte der Lord. »Ist man hier wie unter Menschen?«

Steinbach lachte. Er konnte keine andere Antwort geben. Es zeigte sich nämlich, daß selbst das Hemde des Lords, der sich natürlich in Hemdsärmeln befand, aus grau und schwarz großkarrirtem Flanell bestand.

»Was, Sie lachen auch?« fragte er.

»Ist das zum Verwundern?«

»Natürlich! Ich dächte nicht, daß ein solches Lachen sich mit der Würde, welche ich zu beanspruchen habe, sehr gut vereinbaren läßt.«

»Aber bitte, betrachten Sie doch diese Würde!«

»Donnerwetter! Sie gucken meinen Kopf so verdächtig an. Aergern Sie sich etwa über meine Glatze?«

»Nein, gar nicht.«


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»Worüber denn?«

»Ueber die Glatze nicht, aber über die Haare, welche die Schuld an ihr tragen, da sie ausgegangen sind.«

»Hole Sie der Teufel! Ich denke, in Ihnen einen Freund kennen gelernt zu haben, und nun entpuppen Sie sich von einer Seite, welche ganz und gar nicht geeignet ist, mir Bewunderung und Sympathie einzuflößen. Ich weiß hier gar nicht, ob ich verrathen oder verkauft bin!«

»Sie sind Keins von Beiden, verehrter Herr,« antwortete Steinbach jetzt ernst und in besänftigendem Tone. »Ich denke, daß Sie selbst die ganze Schuld an der Situation tragen. Diese guten Leute hier haben noch niemals einen Mann von Ihren hervorragenden Eigenschaften gesehen, und da ist es -«

»Sakkerment! Wollen Sie mich etwa foppen? Hervorragende Eigenschaften?«

»Ja. Bitte, bedenken Sie doch Ihre ungewöhnliche Länge. In Folge derselben sind Sie doch hervorragend.«

»Meinetwegen! Aber was hat dies damit zu thun, daß ich hier ausgeplündert werde, als ob ich unter lauter Kaffern und Hottentotten gerathen sei?«

»Ich wiederhole, daß man hier noch keinen solchen Menschen gesehen hat; man hat Sie näher kennen lernen wollen und ist also auf den Gedanken gekommen, Sie auf das Speciellste zu untersuchen.«

»Jawohl! Es ist zu verwundern, daß man nicht gar auf die Idee gekommen ist, mich zu seciren und anatomisch zu zerstückeln. Da sind sie hin, in alle zweiunddreißig Winde! Ah, da kommt wenigstens der Eine gehumpelt, um mir meinen Hut zu bringen! Was thue ich mit dem Kerl?«

»Geben Sie ihm ein Bakschisch!«

»Ein Bakschisch? Sie meinen doch eine Ohrfeige, eine Maulschelle so aus Herzensgrund?«

»Bewahre! Das wäre hier höchst gefährlich.«

»Also wirklich ein Geschenk, ein Trinkgeld? Dafür, daß sie mich in meine sämmtlichen Bestandtheile zerlegt haben? Verkehrte Welt!«

Er zog aber doch den Beutel. Der Schwarze aber näherte sich furchtsam; er traute dem Landfrieden nicht. Als ihm aber der Brite das Geldstück entgegenhielt und dabei das Wort Bakschisch aussprach, da war er mit der Schnelligkeit des Blitzes da. Der Lord nahm mit der Linken seinen Hut entgegen und legte ihm mit der Rechten das Geschenk in die Hand. Dabei ergriff er aber die Gelegenheit, die schwarzen Finger mit einem raschen Griffe zu erfassen und sie mit solcher Gewalt zusammenzupressen, daß der Neger laut aufbrüllte und dreifach schneller verschwand, als er gekommen war.

Nach und nach kamen auch die Andern herbei, welche sich mit dem fremden Eigenthum in so unsichere Sicherheit gebracht hatten. Sie alle erhielten ein Trinkgeld, das bedeutendste aber der Oberwächter. Diesem reichte auch Steinbach ein Bakschisch, und dies schien so sehr nach der Erwartung des Empfängers ausgefallen zu sein, daß dieser sein fettes, schwammiges Negergesicht noch einmal


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so breit zog, als es von Natur war. Er begleitete die Beiden unter tiefen Bücklingen bis hinaus und sogar noch an den Schildwachen vorüber.

Während sie sich an das Ufer begaben, schimpfte der Lord weiter über die Behandlung, welche ihm widerfahren war, doch konnte man ihm unschwer ansehen, daß es ihm mit seinem Zorne nicht sehr ernst sei.

»Konnte man eine solche Behandlung im Harem des Großherrn erwarten? Nein!«

»Harem? Da waren wir ja gar nicht!«

»Nicht? Wo denn?«

»Im Serail, oder vielmehr im Garten des Serail. Harem heißen die inneren Gemächer, in welchen die Frauen wohnen.«

»Ganz egal! Die Weiber waren da und haben mich weidlich ausgelacht.«

»Vielleicht nur angelacht!«

»Angelacht? Hm! Das ließe ich mir eher gefallen! Also angelacht nur, anstatt ausgelacht! So scheint es, als ob ich einen guten Eindruck auf sie gemacht habe!«

»Natürlich!«

»Schön! Das söhnt mich mit der Behandlung, welche ich mir gefallen lassen mußte, vollständig aus. Sakkerment! Haben diese Weiber Augen!«

»Haben Sie diese Augen gesehen?«

»Nein, aber gefühlt, förmlich gefühlt. Das blitzte nur so durch den Schleier hindurch. Ob man wohl so eine Frau entführen könnte?«

»Schwerlich!«

»Ach, was schwerlich! Ich bin Engländer! Verstanden, he, wie! Ich habe Geld! Was braucht es mehr dazu?«

»Und wenn es gelänge, was hätten Sie erwischt?«

»Nun was denn? Eine Tauchergans oder eine Krikente doch nicht etwa, sondern eine Sultansfrau.«

»Nein. Was Sie gesehen haben, waren keine wirklichen Frauen, sondern jedenfalls nur untergeordnete Persönlichkeiten.«

»Sakkerment! Ich glaubte, es mit wirklich angetrauten Weibern zu thun zu haben.«

»Auch ich hatte die Ansicht, daß die Verschleierten, die uns begegneten, Haremsgebieterinnen seien; aber als ich sah, wie sie sich mit Ihnen beschäftigten, ließ ich diese Ansicht sogleich fallen. Es waren Dienerinnen. Wie kamen Sie denn dazu, sich Ihrer Garderobe zu entledigen?«

»Nun, diese Rotte Korah versammelte sich nach und nach um mich. Ich wurde betrachtet und angegafft. Dann nahm mir so ein Wächter plötzlich den Hut vom Kopfe und zeigte ihn den Weibern hin. Sie hatten ihn wohl betrachten wollen.«

»Es ist ein schweres Verbrechen, einem Muhammedaner den Kopf zu entblößen. Bei Ihnen aber haben sie sich keine Bedenken gemacht.«

»Das bezahle ihnen der Teufel. Als diese Weiber den Hut bekamen, riefen sie alle - - na, wie war doch nur gleich das Wort!«


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»Schabka?«

»Nein. Was bedeutet das Wort?«

»Hut.«

»Nein. Es klang ganz anders, so ungefähr wie Schule, Stuhle oder ähnlich.«

»Ah, Sie meinen Lule?«

»Ja, Lule; so war es. Was heißt das?«

»Lule heißt Röhre.«

»Röhre? Dieses Volk! Man sollte sie bei den Haaren nehmen! Aber so ganz dumm sind sie doch nicht. Ich mußte in Deutschland zuhören, daß man meinen Hut eine Angströhre nannte. Wir haben also da ganz denselben Vergleich. Dann kam der Regenschirm an die Reihe. Sie rissen ihn immer auf und zu und riefen dabei ein Wort, das klang fast wie Compagnie.«

»Vielleicht Kapany?«

»Ja, richtig! Was bedeutet das?«

»Mausefalle.«

»Himmelheiliges - -! Jetzt hört Alles auf! Mein Regenschirm eine Mausefalle! Aber es kam noch viel schlimmer. Sie wollten jedenfalls sehen, wie ich unter dem Oberleder beschaffen sei, und darum zogen sie mir rechts und links so lange an den Aermeln, bis sie glücklich den Rock herunter hatten. Was sie dazu brüllten, das habe ich mir nicht gemerkt; jedenfalls ist es lauter dummes Zeug gewesen. Und dann das Fernrohr! Ich verstand zwar nicht, was sie sagten, aber ich zog das Rohr gehörig aus und hielt es dem Oberwächter an die Nase. Dieser blickte hindurch und schien ganz erfreut zu sein; aber begreifen kann ich nicht, warum er dabei immer nach dem Sultan jammerte.«

»Das hätte er gethan?«

»Ja. Er rief nach dem Sultan oder nach einer Sultana.«

»Vielleicht sagte er saltanatly.«

»Ja, ja! Ein ly war noch dran; jetzt besinne ich mich.«

»Dieses Wort bedeutet so viel wie herrlich oder prächtig.«

»Ach so! Er ist also zufrieden gewesen! Freut mich sehr. Er gab das Rohr weiter. Diese Kerls und Weiber aber nahmen es verkehrt. Ich wette mit, daß sie gar nichts gesehen haben. Sie wollten sich einander durch das Rohr anblicken. Sie haben nicht das Mindeste erkannt, und doch behauptete Jede, die es an das Auge hielt, daß sie ein ganzes Schock Personen sehe.«

»Wieso?«

»Sie riefen nur immer: ein Schock, Schock, Schock!«

»Ah, so!« lachte Steinbach. »Sie haben sich jedenfalls verhört. Das Wort heißt nicht schock sondern tschok.«

»Möglich. Was bedeutet es?«

»Nichts, gar nichts.«

»Sapperment! Dann sind Sie also nicht so dumm, wie ich dachte. Eigentlich hat die Geschichte mir bedeutenden Spaß gemacht, obgleich ich es


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nicht merken ließ. Aber ich war doch froh, als Sie endlich kamen. Aber wie steht es denn? Haben Sie Eine gesehen?«

»Ja.«

»Wohl auch mit ihr gesprochen?«

»Gewiß.«

»Es ist aber wohl auch eine Dienerin gewesen?«

»Nein. Es war eine Sultana.«

»Sie Glückspilz! War sie schön?«

»Schöner noch als die Venus!«

»Na, ich danke! Man sagt doch, Venus soll ein Bischen geschielt haben?«

»Das ist wahr. Die griechische Götterlehre berichtet dies, und die Göttin der Liebe wird auch oft als schielend abgebildet; aber dieses Schielen ist so ganz unbedeutend, daß man es nicht nur kaum bemerkt, sondern daß es sogar dem Gesichte einen eigenthümlichen, herzgewinnenden Reiz verleiht.«

»Was mich betrifft, so wird wohl Keine durch das Schielen mein Herz gewinnen. Ich liebe nur Augen, welche in gerader Richtung sehen. - Aber hier ist das Wasser. Fahren wir wieder?«

»Ja. Es giebt keinen andern Weg. Ich muß nach Altstambul hinüber, wieder in das Serail, zu dem Kislar-Aga.«

»Wenn ich diesen Kerl doch auch nur kennen lernen könnte! Ist das nicht möglich?«

»Wohl kaum.«

»Das ist unangenehm! Durch diesen Mann kann man zu der schönsten Gelegenheit kommen, die Frau eines Pascha oder eines Ministers zu entführen.«

»Noch viel leichter aber könnten Sie um Ihren Kopf kommen. Was haben Sie jetzt vor?«

»Ich muß nach meiner Yacht, wo die beiden jungen Freunde mich schon längst erwarten.«

Sie stiegen ein und ließen sich zurückrudern. Keiner von Beiden bemerkte, daß ein Schwarzer ihnen in einem einrudrigen Kaik folgte und sie nicht aus dem Auge ließ. Steinbach hätte es vielleicht bemerkt, wenn seine Aufmerksamkeit nicht auf einen andern und sehr interessanten Gegenstand gerichtet gewesen wäre. Er hatte nämlich das Etui herausgenommen und geöffnet, um nach dem Inhalte zu sehen. Er hielt dies für keine Indiscretion, da das Etui ja nicht verschlossen war und die Geberin also wohl angenommen hatte, daß der Ueberbringer es wohl untersuchen werde.

Es enthielt eine höchst kostbare Agraffe jener Art, mit welcher man die Federzierde eines Turbans zu befestigen pflegt, und bildete ein ovales Medaillon von einem Hauptdurchmesser von zwei Zollen. In dem Medaillon befand sich das prächtig getroffene Brustbild der Prinzessin Emineh. -

Als diese Letztere an der Seite ihrer schönen Freundin mit Steinbach gesprochen hatte, war es von ihnen unbemerkt geblieben, daß ihnen, aber hinter den Bosquets versteckt, ein junger, gewandter Neger folgte, der keine ihrer


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Bewegungen aus dem Auge ließ. Er war nur mit einer rothen Hose und dergleichen Weste bekleidet. Die Art, wie er sich Schritt für Schritt weiter schlich, um den Belauschten zu folgen, hatte etwas Schlangen-, Katzen- oder überhaupt Raubthierähnliches. Und den Augen eines Raubthieres gleich rollten auch die seinigen in ihren Höhlen. Es war ihm anzusehen, daß er alle Sinne anstrengte, um so viel wie möglich zu erlauschen.

Als dann Steinbach mit dem Engländer das Serail verließ und der sie begleitende Oberwächter wieder in das Vorzimmer trat, fand er dort den Neger seiner wartend.

»Was thust Du hier, Parsdschi?« fragte er ihn.

Pars heißt Leopard und Parsdschi Wächter des Leopard. Der Neger schien vor dem gewaltigen Oberaufseher nicht sehr große Angst zu haben. Er antwortete unbefangen:

»Ich muß Dir sagen, daß ich hinunter in die Schlächtereien will.

»Brauchst Du wieder Fleisch? Du hast erst gestern welches geholt!«

»Der Großherr hat verboten, seinem Lieblinge faulendes Fleisch zu geben. Wenn ich nicht gehorche, so wird er mir den Kopf nehmen. Ich muß also täglich frisches Futter holen.«

»So gehe. Ich werde den Wachen befehlen, Dich passiren zu lassen.«

Dies geschah, und der Raubthierwärter begab sich an das Wasser. Er sah Steinbach und den Engländer einsteigen und nahm eins der Kaiks, welche hier für den Gebrauch der Serailbewohner stets bereit lagen. Er folgte ihnen und gab sich dabei Mühe, ihnen ja nicht aufzufallen. Er hielt sich so nahe, als nothwendig war, sie bei dem nun folgenden Gewühl des Hafens nicht aus dem Auge zu verlieren. Er sah das Kaik an der Yacht des Engländers halten, wo der Letztere an Bord stieg. Steinbach ließ sich weiter rudern und landete an derselben Stelle, an welcher er mit dem Lord eingestiegen war. Von da begab er sich nach dem Serail, wieder verfolgt von dem Neger.

Dieser Letztere beruhigte sich nicht damit, den Fremden in das Palais des Sultans gehen zu sehen. Er wartete vielmehr und hatte die Genugthuung, ihn nach kurzer Zeit wieder heraustreten zu sehen. Steinbach ging ahnungslos an dem Spion vorüber, ließ sich nach Divan-hane übersetzen und ging von da aus nach dem alten Kutschu Piati, wo er bei dem Pferdehändler Halef eintrat.

Das war die Adresse, welche er gestern Normann und Wallert angegeben hatte.

Bis hierher war ihm der Neger gefolgt. Jetzt kehrte derselbe um, doch begab er sich nicht an den Ort des Ufers zurück, an welchem er sein Kaik gelassen hatte, sondern er lenkte nach Pera, der Vorstadt der Franken, ein, ging an dem russischen Botschaftshotel vorüber, nach dem bekannten Grabe Bonnevals, kam von da aus an die hintere Seite des russischen Hauses und trat in eine Spelunke, in welcher es Kaffee zu kaufen gab.

Es saßen mehrere Gäste hier, lauter Weiße. Der Neger hätte es nicht wagen dürfen, sich bei ihnen niederzusetzen. Er hatte es auch gar nicht nöthig, denn der Wirth gab ihm einen Wink und führte ihn in ein Cabinet, welches


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hinter der eigentlichen Gaststube lag. Dort befand sich Niemand. Der kleine Raum war behaglicher eingerichtet als der größere.

»Befiehlst Du Kaffee und Tabak?« fragte der Wirth in einem Tone, dessen Höflichkeit einem Sklaven und Verschnittenen gegenüber auffällig war.

»Ja und schnell!« lautete die selbstbewußte und herrische Antwort.

»Bleibst Du allein?«

»Nein. Du mußt dem Herrn den verabredeten Wink geben.«

Der Wirth entfernte sich und der Raubthierwärter nahm in einer Art und Weise, als ob er ein vornehmer Herr sei, auf dem farbigen, weichen Teppiche Platz. Bald brachte der Kaffeewirth den braunen Trank und einen Tschibuk und meldete, daß er das Zeichen gegeben habe.

Als der Neger sich wieder allein befand, rauchte und trank er mit dem Behagen eines Kenners, eines Gourmands, welcher die liebe Gottesgabe sehr wohl zu schätzen weiß. Als sich aber bald darauf die Thür wieder öffnete, sprang er in großer Eile vom Teppiche auf, um den Eintretenden demüthig zu begrüßen.

Dieser war ein halb europäisch, halb orientalisch gekleideter Mann in vorgeschrittenen Jahren, von dessen Gesichte wegen eines starken Vollbartes und des tief hereingezogenen Fez kaum mehr als die Nase und die beiden stechenden Augen zu sehen waren.

»Bleib sitzen!« sagte er kurz.

Er nahm, als der Neger gehorchte, diesem gegenüber Platz, griff aus der Tasche ein silbernes Tabaketui heraus, rollte sich eine Cigarrette, brannte sie mit Hilfe eines Zündholzes an und sagte dann, als er einige Züge gethan hatte:

»Du trafst grad den letzten Augenblick. Ich wollte einen Gang thun. Hast Du eine Neuigkeit?«

Der Neger riß den Mund weit auf, nickte einige Male hastig zustimmend und antwortete:

»Eine große Neuigkeit!«

»Ja, wie gewöhnlich! Du übertreibst, um einen guten Preis zu erhalten, und dann stellt es sich heraus, daß es nichts gewesen ist.«

»O nein, Herr! Diese Neuigkeit ist wirklich groß und wichtig.«

»Nun, viel Wichtiges kannst Du nicht bringen. Wir haben außer Dir einen Zweiten engagirt, welcher im Serail für uns aufpaßt, und der hat bessere Augen als Du. Du kannst uns nichts sagen, was wir nicht bereits von ihm wissen.«

»O! Allah! Einen Andern habt Ihr neben mir? Und der hat bessere Augen?«

»Ja.«

Da lachte der Schwarze höhnisch auf.

»Bessere Augen? Und doch ist er mit Blindheit geschlagen!«

»Wieso?«

»Du meinst, ich bringe Dir eine Neuigkeit aus Altstambul?«


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»Natürlich.«

»So meinst Du, daß ich mich noch dort befinde?«

»Natürlich.«

»Und Euer Aufpasser soll bessere Augen haben als ich! Er hat Euch noch nicht gesagt, daß ich gar nicht mehr in Altstambul bin? Ihr wißt das gar nicht, und er weiß es auch nicht!«

»Wie? Du bist nicht mehr dort?«

»Nein.«

»Wo denn?«

»Frage Deinen neuen Aufpasser, welcher so gute Augen hat! Gieb ihm das Geld, welches Du mir verweigerst! Vielleicht erfährt er auch, was ich erfahren habe. Dann aber ist es zu spät. Dann ist der Mann verschwunden.«

»Welcher Mann?«

»Nun, Derjenige, auf welchen ich bisher aufgepaßt habe.«

»Teufel! Er will verschwinden?«

»Ja. Er hat eine Haremsbewohnerin heimlich kennen gelernt, welche er heut entführen will.«

»Das hast Du Dir wohl ausgesonnen?«

»Nein. Ich habe ihn belauscht. Ich weiß Alles.«

»Da hast Du Dich getäuscht. Dieser Mann kann nicht von hier fort. Er hat so Wichtiges zu thun, daß es ihm nicht einfallen kann, einer Sklavin wegen plötzlich Stambul zu verlassen.«

»So weißt Du das besser als ich, und es ist nicht nöthig, daß ich Dich länger belästige. Lebe wohl!«

Er erhob sich von seinem Sitze und that, als ob er gehen wolle. Das lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Andern. Er winkte ihm gebieterisch zu und sagte:

»Bleib! Nun ich einmal da bin, sollst Du mir auch sagen, was Du erfahren hast.«

»O, meine Augen sind ja schwach. Wer weiß, was ich gesehen habe. Du sagst ja selbst, daß ich mich irre.«

»Ich vermuthete es; aber Du wirst bleiben und mir Rede und Antwort stehen.«

Das klang im Tone des Befehls. Den Schwarzen ärgerte das. Er machte eine wegwerfende Geberde und antwortete:

»Bleiben werde ich? Nein, sondern gehen werde ich. Ich höre, daß Du glaubst, mit mir reden zu können wie mit Deinem Diener oder Sklaven. Ich bin der Diener des Padischah, aber nicht der Deinige; ich kann kommen und gehen, wie es mir beliebt.«

»Das bestreite ich nicht,« sagte der Andere einlenkend. »Ich meinte es gar nicht so, wie Du es aufgenommen hast. Bleibe hier und sprich. Ist Deine Nachricht wirklich von Werth, so soll sie Dir gut bezahlt werden.«

»So werde ich mich wieder setzen, und Du sollst erkennen, daß meine Augen ebenso scharf sind, wie diejenigen anderer Leute. Hättest Du mich jetzt


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gehen lassen, so würdest Du Denjenigen, den Du mir zur Beobachtung übergeben hast, hier niemals wiedersehen.«

»Er will also wirklich fort? Weißt Du, wohin?«

»Nein. Aber daß er fortgehen wird, weiß ich genau. Und Diejenige, mit welcher er fliehen will, kenne ich.«

»Wer ist es? Wessen Sklavin?«

»Es ist keine Sklavin, sondern eine wunderbar schöne Haremsgebieterin.«

»Also eine Entführung!«

»Ja.«

»Ah, Gott sei Dank! Das ist gut! Das ist eine Veranlassung, ihn zu ergreifen und zu bestrafen. In wessen Harem will er eindringen?«

»In denjenigen des Großsultans.«

»Mensch! Bist Du irrsinnig!«

Bei diesen Worten war der Sprecher von seinem Sitze aufgesprungen, so sehr war er von der Nachricht frappirt.

»Ich habe alle meine Gedanken und Sinne in Ordnung. Er war im Harem des Padischah, und ich habe ihn gesehen und gehört. Er hat ihre Hände geküßt und auch die Hände der Prinzessin Emineh.«

»Himmel! Welch eine Nachricht, wenn sie Wahrheit enthielt. Aber es kann nicht wahr sein. Emineh befindet sich ja im Serail von Beschiktasch!«

»Und ich bin auch dort.«

»Du? Also wirklich nicht mehr im großen Serail?«

»Nein. Der Großherr hat in Beschiktasch einen Leoparden, dessen Wärter ich bin.«

»Ich habe von diesem Thiere gehört. Er soll in einem Gartenkiosk eingesperrt sein?«

»So ist es. Ich habe den Leoparden zu füttern, und er hat sich bereits so sehr an mich gewöhnt, daß ich ihn angreifen darf. Fremde aber würde er zerreißen. Wenigstens dachte ich so bis heut.«

Der Verbündete des Schwarzen stand noch immer aufrecht da. Sein Gesicht drückte eine ungeheure Spannung aus. Fast war es, als ob in diesem Augenblicke ihn nicht nur die Worte des Thierwärters beschäftigten. Er ging einige Augenblicke lang mit sich zu Rathe; dann fragte er, indem er seine Augen mit lauerndem Ausdrucke auf den Neger richtete:

»Hast Du einmal den Namen Gökala gehört?«

»Gökala? Allah! Du kennst sie?«

»Du auch, wie ich höre?«

»Ja, ich kenne sie, ich kenne sie genau.«

»Wer ist sie?«

»Sie ist die schönste Rose im Garten des Padischah, der leuchtendste Stern am Himmel seines Harems, der schönste Diamant unter den Edelsteinen seines Schatzes.«

»Woher kennst Du sie?«


Ende der sechsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen - Deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk