Lieferung 67

Karl May

26. März 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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Der Wirth schüttelte lächelnd den Kopf und sagte:

»Warum?«

»Weil er es mir übel nehmen wird, wenn ich in Reisekleidern zu ihm komme.«

»O nein; Du irrst. Deine Kleider sind bereits vornehm. Du mußt bedenken, je besser Dein Anzug ist, desto mehr Geld wird er fordern.«

»Desto mehr? Es muß doch eine Taxe geben!«

»Die giebt es. Aber der Kreishauptmann macht sie selbst.«

»Aha! Der Himmel ist hoch und der Zaar ist weit!«

»Um Gotteswillen, Herr, sage das nicht so, daß Jemand es hört! Du könntest sehr streng bestraft werden. Der Zaar ist weit, aber das Gefängniß ist nahe!«

»Verdammtes Ruß-«

Er sprach das Wort nicht aus, murmelte einen Fluch in den Bart und fuhr dann laut fort:

»Gut, so werde ich gehen. Bis ich zurückkehre, werdet Ihr wohl mein Zimmer in Ordnung gebracht haben.«

Er brauchte gar nicht zu fragen, wohin er sich wenden solle. Der Wirth hatte, als er vorhin den Kreishauptmann nannte, mit der Hand auf das große Gebäude gezeigt, in welchem der Genannte residirte. Der Fremde schritt auf dasselbe zu und trat durch die Hauptthür ein. Da war über einer Stubenthür das wunderliche Wort »Prissutstwije« zu lesen. Das heißt auf deutsch so viel wie »Amtsstube«.

Er mußte natürlich glauben, daß er sich in dieses Zimmer zu wenden habe. Er klopfte an und trat ein. Auf einem alten Sopha saß ein langer, dürrer Mann mit einer ebenso langen, dürren Frau. Der Mann musterte den Eingetretenen, erwiderte dessen Gruß nur mürrisch und fragte:

»Zu wem willst Du?«

»Zum Kreishauptmann.«

»Schön! Was ist Dein Wunsch?«

»Meinen Paß vorzuzeigen.«

»Gieb ihn her!«

Der Fremde gab den Paß. Der Dürre öffnete und las denselben, faltete ihn wieder zu, streckte die Hand aus und sagte:

»Kostet fünf Rubel.«

Der Fremde zog den Beutel, zahlte das Geld und erhielt den Paß zurück. Dann erkundigte er sich:

»Darf ich im Gasthause wohnen?«

»Kostet zwei Rubel.«

Dieses Mal aber streckte die Frau die Hand aus und erhielt das Geld von dem Fremden, welcher dabei die Frage aussprach:

»Darf ich mir eine Gesellschaft Zobeljäger engagiren?«

»Kostet vier Rubel,« sagte die Frau, indem sie schnell die Hand wieder ausstreckte.


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Der Fremde gab ihr die vier Rubel. Ihr Mann aber entriß ihr rasch einen davon und sagte:

»Ich habe erst fünf und Du nun sechs. Ich bin der Zasjedatel, Du aber nur die Zasjedatela. Der Mann muß mehr haben als die Frau.«

Zasjedatel heißt so viel wie Beisitzer. Also war dieser Mann gar nicht der Kreishauptmann. Der Fremde schluckte seinen Aerger hinab und sagte im Tone leichten Vorwurfes:

»Du konntest mir eher sagen, daß Du nur der Beisitzer bist!«

»Warum? Auch ich habe meinen Zoll von Dir und Jedem zu verlangen. Gehe da hinein!«

Er zeigte auf eine zweite Thür, über welcher dasselbe famose Wort »Prissutstwije« zu lesen war. Der Fremde folgte diesem Gebote und trat dort ein. Als er grüßte, wendete der Herr, welcher schreibend an einem Tische saß, ihm das Gesicht zu und fragte kurz und streng:

»Zu wem?«

»Zum Isprawnik (Kreishauptmann).«

»Gut. Was willst Du?«

»Hier mein Paß!«

Er gab ihn hin. Der Beamte las und sagte:

»Zehn Rubel!«

»Herr, ich habe bereits im Vorderzimmer fünf gegeben!«

»Geht mich nichts an. Zehn Rubel, oder der Paß bleibt hier liegen!«

Wohl oder übel zählte der Fremde das Geld hin und fragte dabei:

»Ich kann doch im Gasthofe logiren?«

»Vier Rubel!«

»Ich habe da vorn schon zwei bezahlt!«

»Vier Rubel!«

Das wurde in einem so drohenden Tone gesagt, daß der Supplicant sofort zahlte, dann aber sich weiter erkundigte:

»Ich beabsichtige, eine Gesellschaft von Zobeljägern zu engagiren, um mit ihnen in -«

»Acht Rubel!« unterbrach ihn der Beamte sehr schnell.

Der Andere wollte eine zornige Bemerkung machen, erhielt aber einen solchen Blick zugeschleudert, daß ihm das Wort stecken blieb. Er bezahlte. Der Beamte gab ihm jetzt seinen Paß zurück, zeigte auf eine andere Thür und sagte:

»Geh da hinein!«

Ueber dieser Thür stand das Wort »Perednjaja«. Das heißt nämlich Vorzimmer. Jetzt konnte der Fremde sich nicht enthalten, zu fragen:

»Das ist erst das Vorzimmer? Bist Du denn nicht der Isprawnik?«

»Nein,« antwortete der Gefragte in jetzt sehr freundlichem Tone. »Ich bin nur der Obschtschestnik von Platowa, und Der, bei dem Du erst warst, ist mein Beisitzer.«

»Aber, zum Teufel, ich will ja nicht zu Euch, sondern zu ihm!«


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»Mein Söhnchen, zu ihm kannst Du nur, wenn Du bei uns gewesen bist. Sei ruhig und ärgere Dich nicht! Es ist Jahrmarkt, an welchem ein Jeder sein Geschäft machen will, Du und ich und alle Anderen auch.«

»So werde ich auch noch bei dem Isprawnik zu bezahlen haben?«

»Ja, und zwar mehr als bei uns.«

»Höre, ist das recht von Euch?«

»Sehr recht! Niemand kann auf Erden Etwas umsonst erhalten. Und nun frage nicht weiter, sonst lasse ich Dich nicht hinein zu dem Kreishauptmanne, und Du wirst ganz im Gegentheile nach Irkutsk zurückgeschickt.«

Der Fremde hielt es für gut, diesem Rathe Folge zu leisten. Er ging durch die bezeichnete Thür. Dort stand ein junger Mann in der Uniform eines gewöhnlichen Kosaken. Er schenkte ihm keine weiter Aufmerksamkeit und fragte nur:

»Wo finde ich den Isprawnik?«

Er erhielt nicht gleich eine Antwort. Der Kosak hielt das Auge wie erschrocken auf ihn gerichtet, trat zurück, fixirte ihn abermals und sagte dann:

»Florin! Ist das möglich! Du in Sibirien!«

Als der Angeredete diesen Namen hörte, erbleichte er. Das sah man sogar trotz seines Vollbartes ganz deutlich. Vor Schreck fuhr er um einige Schritte zurück, faßte sich aber sehr schnell wieder und sagte in dem gleichgiltigsten Tone, welcher ihm jetzt möglich war:

»Du verkennst mich!«

»O nein!«

»O doch! Ich kenne Dich nicht.«

»Das ist möglich. Aber desto besser kenne ich Dich. Es sind zwar Jahre vergangen, seit wir uns gesehen haben, und es mag sein, daß mein Gesicht sich verändert hat, aber Deine Züge sind so, daß man sie nie vergessen kann, wenn man sie einmal gesehen hat.«

»So, so! Wer soll ich denn sein?«

»Der Kammerdiener Florin.«

»Kammerdiener? Bei wem denn?«

»Bei dem Baron Alban von Adlerhorst.«

»Diesen Namen habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört!«

»Verstelle Dich nicht!«

»Warum sollte ich mich verstellen!«

»Vielleicht hast Du Ursache, Deine frühere Existenz zu verleugnen.«

»Höre, ich will nicht hoffen, daß Du die Absicht hast, mich zu beleidigen!«

»Das kann mir nicht einfallen.«

»Ich würde es mir auch auf das Strengste verbitten. Du trägst das Abzeichen eines Deportirten, bist also zur Strafe in ein sibirisches Regiment gesteckt worden. Es würde mich nur ein einziges Wort kosten, Deine Strafe verschärfen zu lassen. Du könntest leicht aus der zweiten Classe in die fünfte versetzt werden!«


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Die russischen Verbannten sind nämlich in fünf Classen vertheilt. Diese folgen auf einander: Aufenthalt unter Aufsicht in einer Stadt, Dienst in einem sibirischen Regimente, Colonisation, öffentliche Arbeiten, namentlich in den Bergwerken, und endlich Einstellung in eine Straf- oder Arrestantencompagnie. Die erstere Strafe ist die leichteste, die letztere aber die härteste.

Als der Fremde diese Drohung aussprach, blieb der Kosak dennoch nicht ruhig. Er antwortete:

»Und trotzdem möchte ich wetten, daß ich mich nicht irre. Es können unmöglich zwei Menschen eine solche Aehnlichkeit besitzen.«

»Was soll es anders sein, als eine Aehnlichkeit! Ich habe nicht nöthig, mit einem Strafkosaken eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber Du bist, so zu sagen, doch auch ein Mensch, und darum will ich Dir beweisen, daß Du Dich irrst. Hier ist mein Paß. Lies ihn!«

Er zog den Paß hervor und reichte ihn dem Kosaken hin, welcher ihn öffnete, ohne auf die Beleidigung, welche die soeben ausgesprochenen Worte enthielten, zu antworten. Der Paß lautete auf den Namen Peter Lomonow, Kaufmann aus Orenburg, und war von der dortigen Behörde ausgestellt und außerdem von dem militärischen Gouverneur contrasignirt. Es konnte keinen Zweifel geben. Dennoch begann der Kosak das Signalement mit der vor ihm stehenden Person zu vergleichen.

»Hier steht >zwei Vorderzähne fehlen<, und Du hast keine Zahnlücke,« sagte er. »Wie stimmt das?«

Der angebliche Kaufmann, welcher wirklich kein Anderer als der ehemalige Derwisch war, riß ihm den Paß aus der Hand und antwortete:

»Weil ich sie mir habe einsetzen lassen. Sie sind natürlich falsch. Uebrigens bist Du nicht der Kreishauptmann und hast den Paß nicht zu beurtheilen. Ich bin mit Dir fertig und frage Dich nur, ob der Isprawnik zu sprechen ist.«

»Er ist da drin. Gehe hinein!«

Das Vorzimmer hatte drei Thüren. Eine, durch welche der Kaufmann gekommen war, eine, durch welche er jetzt eintrat, und eine dritte, welche direkt in das Freie führte.

»Und er ist es dennoch! Er ist es!« sagte der Kosak für sich hin. »Was will er hier? Wo hat er sich während dieser Jahre befunden und warum verleugnet er sich?«

Er hatte keine Zeit, weiter über diesen Gegenstand nachzudenken, denn die eben erwähnte dritte Thür wurde geöffnet und es traten drei Personen ein, welche eine Beschreibung verdienen.

Voran kam ein kleiner, dicker Kerl mit schief geschlitzten Augen, hervortretenden Backenknochen und einer riesigen Bärenmütze auf dem Kopfe. Er hatte Pelzstiefel an, das Haar nach Außen gekehrt, Hosen auch aus Pelz und einen langen Rock ebenso aus Pelz. Ueber diesen Rock hatte er einen schweren Sarras geschnallt und in der rechten Hand hielt er eine gewaltige Reitpeitsche. Diese Peitsche aber schien bei ihm nicht sehr gefährlich zu sein, denn sein kleines


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Näschen zuckte außerordentlich naiv in die Welt und um seinen breiten Mund lag ein Lächeln, welches gar nicht gutmüthiger hätte sein können.

Hinter ihm trat eine Frau ein, welche ganz genau ebenso gekleidet war wie er. Auch sie hatte eine Peitsche in der Hand. Nur die Bärenmütze fehlte. Sie trug das schlichte Haar in zwei dünnen Zöpfen über den Rücken hinab, in den Ohren zwei sehr große goldene Ringe und über der Brust eine schwere, silberne Kette. Ihr Gesicht war womöglich noch gutmüthiger als dasjenige ihres Mannes. Auch war sie noch dicker als er, so daß sie sich nur mit Mühe zur Thüröffnung hereinzwängen konnte.

Hinter diesen Beiden kam oder vielmehr leuchtete und glänzte, blitzte und flimmerte es herein, so rein, so zart, so schön und herrlich wie die Morgenröthe, wenn sie mit Gold und Purpur das jungfräuliche Weiß eines Gletschers bestrahlt.

Ein Mädchen war es, hoch und stolz gewachsen, wie es unmöglich unter den eingeborenen Völkern und Stämmen Sibiriens ein weibliches Wesen geben kann.

Diese wunderbar schöne, schlanke und doch so üppig volle Gestalt trug eine ganz eigenartige Kleidung. Die kleinen Füßchen staken in langen, feingearbeiteten Schnürstiefeletten aus rothgegerbtem Leder vom Bauche des Elennthieres. Blendend weiße Strümpfe umschlossen die drallen Waden, welche man sehen konnte, weil das Röckchen nur wenige Zolle über die Kniee herabreichte. Dieses Röckchen aber bestand aus dem kostbarsten Zobel, jener seltenen und darum so theuren Art, deren glänzend schwarzes Fell sich nach jeder Richtung hin streichen läßt, ohne struppig zu werden, mit silberweiß glänzenden Grannenspitzen. Dieses silbernen Glanzes wegen werden die Thierchen Silberzobel genannt.

Ueber diesem Röckchen, dessen enger Schnitt die herrlichen, voll gerundeten Hüften deutlich erkennen ließ, umschloß ein Mieder von demselben Pelzwerk die feine Taille, vorn geöffnet und oben so weit ausgeschnitten, daß die Fülle des Busens, vom feinsten, schneeweißen Linnen bedeckt, zur verführerischen Geltung kam. Die langen Aermel dieses Mieders waren, nach orientalischer Art, nach den Händen zu immer weiter gehalten und bis oben in die Nähe der Achsel aufgeschnitten. Goldene Spangen hielten den Aufschnitt so weit zusammen, daß der weiße, verführerisch gerundete Arm wie Schnee aus dem glänzenden Dunkel des Pelzwerkes hervorleuchtete.

Um den nackten, schlank und doch kräftig auf die üppigen Schultern gesetzten Hals flimmerte ein Schmuck von viereckigen Goldplatten. Das schwarze, lange, schwere Haar war mit eben solchen Goldplatten und silbernen Ketten durchflochten, sonst aber unbedeckt. Die kleinen, rosig angehauchten Ohren waren ohne Schmuck. Dafür aber lagen um die hohe, schön gewölbte Stirn mehrere Lagen von Goldmünzen, von silbernen Kugeln zusammen gehalten, auf deren jeder ein Diamant funkelte.

Doch über das Alles blickte man gern hinweg, um das Gesicht zu schauen,


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ein Gesicht, wie die schaffende Natur es einem Menschenkinde nur unter der allerglücklichsten Constellation der Sterne einmal verleiht.

Das waren Augen, schwarz und groß, von einem mächtigen und doch dabei so milden Blicke! Es glänzte so kindlich rein aus denselben hervor, als habe noch nie ein Hauch des Zornes und des Hasses die Seele dieses außerordentlichen Mädchens getrübt. Und doch machten diese Augen auf den Beschauer den Eindruck, als ob sie so zornig und gewaltig aufleuchten könnten, daß selbst die personificirte Kühnheit von ihrem Blicke vernichtet werden müsse.

Die Wangen waren voll und doch nicht so sehr fleischig, daß dem herrlichen Profile dadurch ein Eintrag geschehen wäre. Es war, als sähe man es ihnen an, daß noch kein fremder Mund sie geküßt, nicht einmal die Spitze eines fremden Fingers sie nur leicht liebkosend berührt hätte.

Das Kinn, so zart gezeichnet, war doch kräftig geformt, auf einen kräftigen Character schließen lassend. Dazu paßte das leicht gebogene, aber nicht etwa zu scharfe, energische Näschen, welches in kein anderes, als nur in dieses Gesicht zu passen schien.

Ueber den Mund hätte selbst Correggio nichts zu sagen gewußt, aber er hätte es als ein Glück angesehen, ihn immer und immer wieder studiren zu dürfen. Es schienen Götter und Menschen zu gleicher Zeit an demselben gezeichnet und geformt zu haben, so himmlisch und so irdisch schön schlossen die vollen, ganz eigenartig gebogenen Lippen die kleinen, prächtigen Zähnchen als köstliche Kleinode ein. Wer diesen Mund sah, dem kam ganz unwillkürlich die Ueberzeugung, daß wohl der würzigste Athem demselben entströmen, nie aber ein absichtlich böses Wort ihm entfliehen könne.

Die kleine und dabei doch kräftige Hand hielt auch eine Reitpeitsche. Diese und die beiden kleinen Sporen, welche an den Stiefelchen klirrten, konnte man einem Mädchen nicht übel nehmen, welches gewöhnt ist, nur zu Pferde den heimathlichen Heerd zu verlassen.

Der Schmuck, welchen dieses entzückende Wesen trug, ließ auf einen außerordentlichen Reichthum schließen. In Sibirien circulirt fast nur papierenes Geld und noch dazu ist ein bedeutender Theil desselben gefälscht. Selbst kleinere Silberstücke sind im gewöhnlichen Verkehre selten. Man kann mit einer Silbermünze, die einen Werth von nur wenigen Kopeken hat, bei den Eingeborenen schon ziemlich viel bezahlen. Diese Leute nehmen niemals Papiergeld. Sie können meist nicht lesen, weshalb sie sehr leicht betrogen werden könnten. Darum ziehen sie lieber den Tauschhandel vor, Waare gegen Waare, dann sind sie sicher, nicht übervortheilt zu werden.

Aus diesem Grunde repräsentirte der Schmuck des Mädchens ein Capital, welches auf einen ganz bedeutenden Reichthum schließen ließ.

Aber nun vor allen Dingen die Frage: War dieses Mädchen mit den beiden dicken Leuten verwandt? Jeder hätte sofort mit einem schnellen »Unmöglich!« geantwortet, und doch -

Der kleine Mann wälzte sich lächelnd auf den Kosaken zu und sagte:

»Hast Du hier die Wache, mein Söhnchen?«


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»Ja, mein Väterchen.«

Es muß hier erwähnt werden, daß alle Völker, welche sich der russischen Sprache bedienen, gern den höflichen, freundlichen Diminutiv gebrauchen, also Väterchen, Mütterchen, Brüderchen, Schwesterchen, anstatt dem kälteren Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Zuweilen wird diese Ausdrucksweise zu oft angewendet, wobei oft sehr spaßhafte Ausdrücke zum Vorschein kommen.

»Kennst Du mich?« fragte der Dicke weiter.

»Nein, doch werde ich wohl die Freude haben, zu erfahren, wer Du bist.«

Das Gesicht des Dicken glänzte noch freundlicher, als er bereitwillig antwortete:

»Ja, mein liebes Söhnchen, diese große Freude werde ich Dir gern machen. Ich bin nämlich Bula, der Tejsch der Tungusen. Kennst Du mich nun, mein Herzchen?«

Tejsch heißt so viel wie Fürst.

Ja, Väterchen, jetzt kenne ich Dich.«

»Und nun, mein Liebling, will ich Dir auch mein Frauchen zeigen, die Fürstin. Sie heißt Kalyna. Findest Du nicht, daß dieser Name sehr richtig ist?«

Kalyna heißt >die Dicke<. Darum antwortete der Kosak:

»O, er ist sehr richtig, mein liebes Väterchen. Darf ich dem Mütterchen die Hand küssen?«

Da erglänzte das Gesicht der Fürstin vor heller Wonne. Sie wälzte sich näher, streckte ihm die Finger entgegen, welche so fett waren, daß sie dieselben gar nicht mehr zusammen bringen konnte, und flötete mit ihrem lieblichsten Tone:

»Ja, hier, mein Söhnchen, hast Du meine Hand. Drücke immerhin ein Küßchen darauf. Oder möchtest Du lieber alle Beide küssen?«

»Ja, gönne mir dieses Vergnügen!«

»Warum denn nicht, wenn man einem so netten Bürschchen so ein kleines Vergnügen machen kann, so soll man es ihm auch machen. So, mein Kindlein! Und nun wird Dir der Fürst, mein gutes Männchen, eine Frage vorlegen.«

Der Kosak hatte beide Hände der Dicken geküßt und dabei gar nicht gethan, als ob er auch die dritte Person gesehen habe. Jetzt fragte ihn der Anführer der Tungusen:

»Weißt Du vielleicht, ob das gute Kreisamtmännchen zu Hause ist?«

»Ja, Väterchen. Er ist drinnen in seinem Zimmer.«

»So werden wir einmal hineingehen. Wir sind nämlich gekommen, ihm ein Visitchen zu machen.«

»Ich muß Dich bitten, noch einen Augenblick zu warten, gutes Väterchen.«

»Warum?«

»Weil Jemand bei ihm ist.«

»Wer?«

»Ein fremder Kaufmann, welcher seinen Paß vorzeigen will.«


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»Nun gut, so warten wir. Doch hoffe ich, daß sich der Kreishauptmann nicht allzu lange mit dem Päßchen des Kaufmännchens beschäftigen werde. Ich bin zum Jahrmarkt gekommen und habe viel einzukaufen.«

»Der Isprawnik wird sich beeilen. Soll ich Dich vielleicht anmelden?«

»O nein. Stören will ich ihn nicht. Gar so eilig habe ich es nicht. Und damit uns die Zeit nicht so lang wird, werde ich Dir einmal hier mein Töchterchen zeigen, mein Herzchen, mein Juwelchen, mein weißes Lämmchen. Siehe sie Dir einmal an! Sie heißt Karparla. Ist das recht?«

Die Tungusen haben von allen Turk-Völkern die Sprache am reinsten erhalten. Kar heißt Schnee, und parlamak heißt leuchten, glänzen. Der Name Karparla also bedeutet: wie Schnee leuchten.

Die Naturvölker geben die Namen sehr oft nach in die Augen fallenden Eigenschaften der betreffenden Person. Der Fürst hätte für seine Tochter keinen bezeichnenderen Namen finden können als Karparla.

Jetzt war der Kosak gezwungen, seine Augen voll auf sie zu richten. Seine kräftige, wohlgegliederte Gestalt schien sich in die Höhe zu richten, sein Auge glänzte und seine Wangen rötheten sich. Er antwortete:

»Ja, dieser Name ist bezeichnend wie kein anderer. Du hast ihn sehr gut gewählt, Väterchen.«

Der Fürst war über dieses Lob so sehr erfreut, daß er, auf seine Tochter deutend, sagte:

»Hast Du nicht Lust, auch ihr die Händchen zu küssen?«

»Du bist voller Güte, mein Väterchen; aber was Du mir da erlaubst, das darf ich doch nicht wagen.«

»Warum nicht?«

»Das kann ich Dir nicht erklären. Ich würde die Worte nicht finden, welche nöthig wären, Dir zu sagen, warum ich es nicht darf.«

Da trat Karparla schnell auf ihn zu, reichte ihm die Rechte entgegen und sagte mit einer Stimme, deren reiner, sonorer, kräftiger Klang ihm in die tiefste Seele drang:

»Du darfst es. Aber nicht küssen sollst Du meine Hand. Das würde wie eine Unterwürfigkeit erscheinen. Sondern reichen wollen wir uns die Hände wie Bekannte, welche einander nicht vergessen haben.«

Sie ergriff seine Hand und drückte sie herzlich. Vater und Mutter blickten erstaunt auf die Tochter. Der Erstere sagte:

»Wie Bekannte? Habt Ihr Euch denn schon einmal gesehen?«

»Ja, ja,« antwortete sie, bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickend.

»Nun, was thut das, mein Seelchen! Er kann Dir trotzdem die Hand küssen, wenn es auch wie eine Unterwürfigkeit aussieht. Er ist ein gemeiner Kosak, ein Deportirter, und Du bist eine reiche, vornehme Fürstentochter. Er muß Dir also unterthänig sein, und es ist eine sehr große Ehre und Gnade für ihn, daß ich ihm erlaube, Dir das Händchen zu küssen.«


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Diese Worte hätten aus jedem andern Munde eine Beleidigung enthalten; er aber sagte das so unbefangen, so freundlich und lächelnd, und dabei blickte er so wohlwollend zu dem Kosaken hinüber, daß dieser, welcher übrigens diese unbeleckten Naturmenschen bereits kennen gelernt hatte, ihm gar nicht bös sein konnte.

Prinzessin Karparla aber sagte in einem sehr ernsten Tone:

»Er mir unterthan? Nein. Er steht mir gleich. Er ist mein Bruder.«

»Dein Bruder? Machst Du vielleicht ein kleines Scherzchen, mein Engel?«

»Nein. Ich habe mich lange, lange darnach gesehnt, ihn wieder zu sehen. Ihn heut hier zu treffen, konnte ich nicht ahnen. Höre es, Väterchen, und höre es, Mütterchen! Er ist mein Retter!«

Da stemmten Beide ihre Hände in die Seiten und riefen zu gleicher Zeit:

»Dein Retter?«

»Ja.«

Da schlugen sie zu gleicher Zeit die Hände vor Verwunderung zusammen, daß beide Peitschen auf den Boden fielen.

»Der Dich aus dem Eise gezogen hat?« fragte der Fürst im Tone des größten Erstaunens.

»Ja, er,« antwortete sie.

»Ist das nicht ein kleines Irrthumchen?«

»Nein. Ich habe ihn sogleich erkannt, als ich hier eintrat und ihn erblickte.«

»Es war doch ein Arbeiter, welcher Dich errettete, nicht aber ein Kosak!«

»So ist er indessen Kosak geworden.«

»Welch ein Wunder! Ist es denn wahr, daß Du ihr Retter bist, mein liebes Kosakchen?«

»Ja, ich bin es,« antwortete der Gefragte.

»So ist es also keine Täuschung! Du bist es! Laß Dich umarmen!«

Er zog den Kosaken an sich und schob ihn dann der Fürstin zu, mit den Worten:

»Mütterchen, drücke ihn auch an Dein Herzchen! Er hat es verdient, daß Du Dich bedankst!«

»Ja,« antwortete sie. »Komm in meine Arme, mein Söhnchen, mein Retterchen! Ich bin bereit.«

Sie öffnete die dicken Arme. Der Kosak trat hinzu und duldete es, daß sie ihm die Hände auf die Arme legte. Sie wollte ihn im überquellenden Gefühl umarmen, brachte aber die Hände nicht weiter; sie waren eben zu corpulent dazu. Sie hatte sogar die Absicht, ihn auf die Wange zu küssen, da aber ihre Gestalt einen zu großen Durchmesser hatte, so konnte sie ihn mit ihren Lippen nicht erreichen und der schallende Schmatz explodirte wie eine Wurfgranate in der Luft.


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Der Fürst war mit großem Vergnügen Augenzeuge dieser außergewöhnlichen Zärtlichkeit seiner Gattin, meinte aber jetzt in verwahrendem Tone:

»Nun darfst Du aber nicht denken, daß auch mein Töchterchen Dich umarmen und küssen soll. Das ist verboten. Sie ist ein Mädchen und eine Prinzessin. Und dazu ist sie die Verlobte des Rittmeisters, welcher der Sohn meines Freundes, des Kreishauptmännchens ist. Beide würden es nicht dulden, daß sie Dich umarmt. Sage uns lieber, wie Du so plötzlich Kosak geworden bist!«

Bei der letzteren Eröffnung hatte Karparla sich unwillkürlich abgewendet, und die Wangen des Kosaken waren blaß geworden.

»Ach! Also darum!« sagte er halblaut. »Was?«

»Ich hatte einen Fehler begangen,« fügte er schnell und lauter hinzu. »Zur Strafe dafür wurde ich in die Ssotnie gesteckt.«

»Du Armer! Aber da bist Du selber schuld. Ich werde indeß Fürbitte für Dich einlegen. Meinst Du nicht?«

»Nein. Thue es nicht.«

»Warum nicht?«

»Es würde mir nichts nützen sondern nur schaden, mein Väterchen.«

»Glaube das nicht, mein Söhnchen. Ich gelte sehr viel bei dem Rittmeister.«

Da trat Karparla auf den Kosaken zu, gab ihm die Hand und sagte:

»Willst Du auch mir nicht erlauben, für Dich zu bitten?«

»Nein.«

»Meinst Du, daß er mir, seiner Braut, die erste Bitte abschlagen werde?«

Da zog er rasch seine Hand aus der ihrigen und antwortete in beinahe schroffem Tone:

»Auf diese Weise nun gar nicht! Ich mag von ihm keine Gnade haben!«

»Das ist mir sehr unlieb. Aber vielleicht kann ich Dir eine andere Liebe erweisen, welche Du von mir annimmst. Jetzt erlaube mir, Dir einstweilen das hier zum Andenken zu geben!«

Sie zog einen Ring vom Finger und ergriff seine Hand, um ihm denselben anzustecken.

In diesem Augenblicke trat der einstige Derwisch aus dem Nebenzimmer. Er öffnete dabei die Thür so weit, daß man sehen konnte, wer sich in dem Letzteren befand, nämlich der Kreishauptmann, sein Sohn der Rittmeister, und außer ihnen noch ein Kosakenlieutenant.

Alle Drei erblickten die Gruppe.

»Bula, der Fürst!« rief der Kreishauptmann.

Während der Derwisch sich schnell entfernte, trat der Rittmeister ebenso schnell heraus und fragte:

»Was geht hier vor?«


// 1595 //

»Ich habe meinen Retter gefunden,« antwortete das schöne Mädchen.

»Ja, ihr Retterchen!« fiel der Fürst ein. »Freust Du Dich nicht! auch darüber, Rittmeisterchen?«

Der Genannte fragte, anstatt zu antworten:

»Und was ist da geschehen? Was ists mit diesem Ringe?«

»Ich habe ihm denselben geschenkt.«

»Wie? Ihm, einem Deportirten einen Brillant geschenkt? Das muß ich mir denn doch verbitten. Komm, Bursche!«

Er ergriff die Hand des Kosaken, zog ihm den Ring vom Finger, steckte denselben sich selbst an und sagte, zu Vater, Mutter und Tochter gewandt:

»Kommt herein! Hier ist kein Ort für Euch!«

Der Kosak stand vollständig regungslos da, ein Bild eiserner Disciplin, aber auch eiserner Selbstbeherrschung. Keins seiner Glieder bewegte sich. Nur um den Schnurrbart zuckte es kaum bemerkbar, und die Lider senkten sich nieder, damit der Blick seines Auges nicht verrathen möge, was in seinem Herzen vorging.

Im Vorübergehen flüsterte Karparla ihm zu:

»Gräme Dich nicht! Ich sehe Dich wieder.«

Die Thür schloß sich hinter ihr.

Jetzt kam Bewegung in den Kosaken. Er ballte die Faust und erhob sie drohend.

»Meine Stunde wird auch schlagen!« knirrschte er. »Die Ketten werden fallen, und dann - - -! Welch ein Tag! Zuerst dieser Diener der Adlerhorst! Er war es. Ich schwöre darauf! Und nun Karparla - die Verlobte des Rittmeisters! Das habe ich nicht geahnt! Welch eine Schönheit! Wie erhaben, wie rein, wie stolz und doch wie mädchenhaft! Schon glaubte ich, ihr Bild sei aus meiner Seele gewichen, und nun - nun - - o Zykyma, arme Zykyma! Wartest Du vielleicht immer noch auf den Hauptmann Orjeltschasta, welcher seinen guten deutschen Namen Adlerhorst in dieses russische Wort verwandeln mußte? Vielleicht wartest Du vergebens.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
   Am Ende Schiffer und Kahn.
Und das hat mit ihrem Singen
   Die - - Karparla gethan!«

Als der Fürst mit seiner Frau und Tochter bei dem Isprawnik eingetreten war, hatte der Letztere die Drei sehr freundlich begrüßt. Aber der Menschenkenner hätte sofort bemerkt, daß diese Freundlichkeit keine wirklich aus dem Herzen kommende sei.

Er war ein ächter Russe, lang, breitschulterig, mit niedriger Stirn, stumpfer Nase, dicken Lippen und struppigem Vollbarte. Sein Sohn war ihm sehr ähnlich. Der Rittmeister mußte seiner Hühnengestalt nach eine ungemeine Körperkraft besitzen.


// 1596 //

Der Lieutenant hatte Miene gemacht, sich zurückzuziehen, war aber durch einen Wink des Rittmeisters bedeutet worden, zu bleiben.

»Du störst gar nicht,« flüsterte ihm der Letztere zu. »Sollst sogar Zeuge sein, wie ich diesem dicken Fürsten meinen Standpunkt klarmache.«

Und sich zu dem Fürsten wendend, fuhr er laut fort:

»Höre, Väterchen, wie kannst Du denn eigentlich Karparla erlauben, einem Verbrecher ihren Ring zu schenken?«

»Er ist ja ihr Retter!« antwortete der Gefragte erstaunt.

»Du bist wohl sehr froh, ihn gefunden zu haben?«

»Sehr! Und das Mütterchen auch. Wir haben ihn vor Freude umarmt.«

»Umarmt? Auch das Mütterchen?«

»Natürlich!«

»Und Karparla wohl auch?«

»Nein, das habe ich ihr verboten.«

»So war dieses Verbot wohl nothwendig? Ohne dasselbe hätte auch sie ihn umarmt?«

Er sagte das in einem so höhnischen Tone, daß er sogar diesen kindlichen Gemüthern auffallen mußte. Der Fürst wollte antworten, doch Karparla that es rasch an seiner Stelle:

»Hättest Du Etwas dagegen gehabt?«

Sie stand stolz und hoch aufgerichtet vor ihm. Er verschlang ihre Schönheit förmlich mit seinem Blicke, ließ sich aber durch dieselbe doch nicht besiegen.

»Sehr viel sogar!«

»Mit welchem Rechte?«

»Du bist meine Braut!«

»Ich wußte kein Wort davon und habe es erst heut erfahren.«

»Es ist so zwischen uns und Deinen Eltern ausgemacht worden. Dein Väterchen hat dem Schamanen seinen Schwur gegeben und darf ihn nun nicht brechen.«

Die Schamanen sind die Priester der Tungusen und haben mehr Einfluß auf die Gewissen der Laien und selbst der Fürsten als unsere christlichen Priester auf die Glieder ihrer Gemeinden.

Das Mädchen wendete den Blick auf den Fürsten und fragte mit leiser, stockender Stimme:

»Ist das wahr, Väterchen?«

»Ja, meine Seele, mein Liebchen.«

»Warum hast Du das gethan?«

»Ich werde Dir den Grund sagen, wenn Du das Weib Deines Männchens geworden bist.«

»Und nun kann es nicht anders sein?«

»Nein. Du mußt! Du weißt, daß es ganz unmöglich ist, einen solchen Schwur zu brechen.«


// 1597 //

»Ich weiß es und werde gehorchen.«

Ihre Wimpern sanken nieder, als ob eine Thräne zu verbergen sei, und sie selbst auch sank auf einen Stuhl. Sie fühlte sich plötzlich so schwach und fuhr mit beiden Händen nach dem Herzen, als ob sie dort einen großen Schmerz empfinde.

Der Rittmeister trat einen Schritt näher herbei und sagte in zärtlich sein sollendem Tone:

»Du siehst also, Schätzchen, daß Du mir gehörst und daß schon der Blick eines solchen Hundes, wenn er ihn auf Dich richtet, ein Verbrechen ist.«

Da blickte sie schnell und zornig zu ihm auf.

»Du nennst meinen Retter einen Hund?«

»Er ist noch schlimmer als ein Hund; er ist ein Verbrecher, welcher bestraft ist.«

»Was hat er begangen?«

»Das weiß ich nicht. Niemand erfährt die That, wegen deren Einer nach Sibirien verbannt wird. Aber er ist auch bereits hier wieder in Strafe gefallen.«

»Weshalb?«

»Wegen einer Frechheit, welche ihres Gleichen sucht: Er hat Dich geküßt.«

Sie erglühte über und über.

»Mich - geküßt.«

»Ja. Schau, wie zornesroth Du wirst!«

»So ist er unschuldig bestraft worden!«

»Nein.«

»Ich weiß nichts davon, daß er mich geküßt hat.«

»Er hat es gethan. Es war ein Zeuge da.«

»Wer?«

»Ich selbst.«

Er blickte sie triumphirend an, erreichte aber grad das Gegentheil. Sie erhob sich langsam von ihrem Sitze, trat einen Schritt näher zu ihm heran und sagte:

»Du warst Zeuge, daß er mich küßte. So warst Du wohl auch in der Nähe?«

»Natürlich.«

»Als ich über den Fluß ritt und das Eis unter mir und dem Pferde brach?«

»Ja.«

»Ich hatte die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, lag ich hier bei Euch.«

»Ich habe Dich hergetragen.«

»Wer aber hat mich aus dem Flusse, unter dem Eise hervor geholt?«

»Dieser Nummer Zehn.«

»Du kanntest ihn?«


// 1598 //

»Genau.«

Er hatte ihre schnellen Fragen ebenso rasch beantwortet, ohne zu fragen, was nun darauf folgen werde. Jetzt richtete sie sich höher vor ihm empor.

»Er rettete mich und Du sahst zu?«

»Nun, er war ja da. Ich rief ihn herbei.«

»Ah, Du riefst ihn erst herbei; er hatte mich gar nicht gesehen. Und weil Du keinen Muth hattest, weil Du für Dein Leben fürchtetest, mußte er das seinige wagen?«

»Pah! Ein Deportirter!«

»Und als ich mich dann nach meinem Retter erkundigte, verleugnetest Du ihn. Du sagtest, Du hättest ihn nicht gekannt?«

»Was konnte es Dir nützen ihn kennen zu lernen! Du hattest, als er Dich an das Ufer brachte, die Augen aufgeschlagen und ihn angesehen. Damit konnte er sich begnügen.«

»Mit diesem einzigen Blick! Ich wußte nicht, daß ich ihn angesehen hatte, aber sein Bild blieb doch in meiner Seele. Ich kannte meinen Retter. Ich gab Euch Auftrag, nach ihm zu forschen. Ihr aber habt, anstatt das zu thun, ihn von mir fern gehalten. War das recht von Euch?«

»Es war ganz richtig gehandelt. Der Hund wagte es, Dich zu berühren. Er hatte Dich an das Ufer gerettet. Dort saß er im starren Schilfe. Er mochte glauben, daß er unbeobachtet sei. Er hatte Dein Mieder geöffnet, der freche Schuft - -!«

»Damit ich Athem finden möge!«

»Nein, sondern um sein verdammtes Auge an Deinem Körper zu weiden. Lieber hätte er Dich sterben lassen sollen. Es ist besser für Dich, todt zu sein, als von einem solchen Vieh begafft zu werden!«

»Nun, ich ziehe es doch vor, am Leben geblieben zu sein.«

»Das aber war noch nicht Alles. Grad als ich hinzutrat, ohne daß er es hörte, hatte er Dich auf dem Schooße und küßte Dich auf die Lippen. Ich habe ihm die Peitsche über sein Gesicht gezogen, daß sofort die Haut aufsprang. Er schnellte sich empor und sah mich einen Augenblick lang an, als ob er mich verschlingen wolle. Dann aber wendete er sich um und entfloh.«

»Er entfloh?« fragte sie. »Er, der sich zwischen die thürmenden Eisschollen stürzte, um ein unbekanntes Mädchen zu retten, welche zu retten Du zu feig warst, obgleich Du bereits damals wußtest, daß sie Deine Braut sei?«

Sie hatte das mit sehr erhobenem Tone gesagt. Sein Gesicht röthete sich, und die Adern seiner Stirn schwollen an.

»Hüte Dich, mich feig zu nennen!«

»Bist Du es etwa nicht gewesen?«

Sie standen einander gegenüber, sie mit einem Blicke voll deutlich ausgesprochener Verachtung, er mit wuthblitzenden Augen. Der Kreishauptmann wollte sie trennen; sein Sohn aber wies ihn mit einer heftigen Armbewegung zurück. Der Fürst hatte Angst bekommen. Er bat:


// 1599 //

»Kinderchens, vertragt Euch! Noch seid Ihr nicht Männchen und Weibchen. Warum wollt Ihr also jetzt bereits zanken! Das kommt später ganz von selbst!«

Und seine dicke Frau schob sich zu der Tochter heran und sagte:

»Komm zu mir, mein Liebchen! Sei doch nicht zornig. Er liebt Dich ja!«

»Er mag mir antworten!« bestand Karparla auf ihrem Willen.

»Ja, ich werde antworten,« meinte der Rittmeister zornig. »Ich soll feig gewesen sein! Ich hätte Dich gerettet, hatte es aber doch gar nicht nöthig. Dir konnte es ganz egal sein, wer Dich herauszog. Jener Mensch war da. Er konnte sich an meiner Stelle naß machen!«

»So kann er auch an Deiner Stelle auf die Belohnung Anspruch erheben!«

»Beim heiligen Andreas, meinem Schutzpatron, welche Belohnung meinst Du?«

»Hierauf brauche ich Dir nicht zu antworten.«

»Oho! Ich befehle es Dir!«

»Mir? Einer fürstlichen Prinzessin?«

»Ja, Dir! Und Du wirst mir gehorchen!«

»Nie!«

»So werde ich Dich zwingen!«

Der rohe Mensch erhob den Arm.

»Willst Du mich etwa schlagen!« rief sie, keinen Zoll breit zurückweichend.

Sie blickte ihm furchtlos in die Augen. Er besann sich, ließ den Arm wieder sinken und antwortete in höhnischem Tone:

»Nein, Dich nicht. Es giebt ja einen Prügeljungen. Vielleicht thun Dir die Hiebe weh, wenn er sie bekommt.«

Er ergriff die Glocke, läutete und rief zugleich:

»Nummer Zehn!«

Der Kosak trat ein. Er zog die Thür hinter sich zu, blieb in demüthiger Haltung stehen, und kein Zug seines Gesichtes zeigte, was er dachte oder fühlte.

»Die Prinzessin hat Dir einen Ring schenken wollen?« fragte der Rittmeister.

»Ja, Herr.«

»Du hast ihn nicht zurückgewiesen?«

»Nein, Herr.«

»Hund! Kennst Du Deine Pflicht nicht besser! Da hast Du den Lohn!«

Er nahm die Peitsche vom Tische und schlug auf den Armen los. Dieser zuckte nicht mit der Wimper; nur drehte er sich seitwärts und hielt den Arm empor, damit die Hiebe nicht sein Gesicht treffen möchten.

Die Andern standen da, ohne sich zu rühren.


// 1600 //

Dem Kreishauptmann fiel es gar nicht ein, das Verhalten seines Sohnes vor den Ohren des Kosaken zu tadeln. Der Fürst und die Fürstin getrauten sich nicht, ein Wort fallen zu lassen. Dem Lieutenant war es sehr gleichgiltig, ob ein Kosak Prügel bekam oder nicht, und Karparla - sie hatte die Arme über die Brust gekreuzt und sah ebenso zu wie die Andern. Was in ihrem Innern vorging, ließ sie nicht merken.

Jetzt war der Arm des Rittmeisters müde geworden. Er warf die Peitsche von sich und schrie:

»So! Jetzt hast Du den Lohn, und nun packe Dich hinab in den Stall!«

»Zu Befehl, Herr!« antwortete der Geschlagene demüthig und ging.

Der Rittmeister drehte sich zu Karparla um und fragte sie voller Hohn:

»Nun, wie hat es gethan?«

»Wehe nicht,« antwortete sie, ihm kalt in die Augen blickend.

»Ah! Wirklich?«

»Nein. Nur Du warst der Theil, dem es in meinen Augen schaden konnte. Sollte mir das wehe thun, so müßtest Du mir nicht so verächtlich sein, wie Du es bist. Er aber ist der Held.«

»Alle Teufel! Ein Held!«

»Ja, ein Held und ein Märtyrer. Ein Held, weil er nicht nur die Schmerzen verbiß sondern weil er sich trotz der tödtlichen Beleidigung beherrschte und sein Herz zur Ruhe zwang. Ein Märtyrer aber, weil er unschuldig für mich litt.«

Der Rittmeister stampfte mit dem Fuße auf, daß Alles erdröhnte.

»Eine tödtliche Beleidigung! Als ob ein Offizier einen Verbrecher beleidigen könnte! Und unschuldig für Dich gelitten! Er muß froh sein, daß er für Dich leiden darf. Das nächste Mal schlage ich ihn todt! Und Du sollst mich nicht daran hindern!«

»Ich hindere Dich an nichts. Was Du thust, ist mir so gleichgiltig, daß ich sogar jetzt gehe, obgleich ich weiß, daß jetzt über den Kalym verhandelt werden soll. Macht was Ihr wollt. Ich bin nicht nöthig dabei. Der einzige Kalym (Aussteuer), welchen ich ihm mitbringen sollte, ist eine Peitsche, um sie ihm alle Tage kräftig fühlen zu lassen!«

Sie hieb mit ihrer Peitsche dem Rittmeister am Gesicht vorüber und ging, ohne von jemand zurückgehalten zu werden. Vor dem Hause standen die drei Pferde, auf denen sie mit ihren Eltern gekommen war. Sie stieg auf das ihrige, gab ihm die Sporen und jagte davon.

Als sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte, sagte der Kreishauptmann zu seinem Sohne:

»Iwan, Du hast Dich zu sehr von Deinem Zorne hinreißen lassen. Du brauchtest den Kerl nicht zu peitschen.«

»Pah! Er hat es verdient!«

»Meinetwegen! Aber so Etwas thut man nicht in Gegenwart einer Dame. Sie lernt Dich hassen anstatt lieben!«


// 1601 //

»Ich werde schon dafür sorgen, daß sie Liebe zu mir findet!«

»Wie nun, wenn sie zurücktritt!«

»Zurücktreten? Das ist unmöglich.«

»Weiber sind unberechenbar!«

»Denke an den Schwur, welchen der Fürst vor dem Schamanen abgelegt hat!«

»Er hat geschworen, sie aber nicht!«

»Und dennoch ist dieser Eid auch bindend für sie. Sie muß dem Vater gehorchen. Oder meinst Du, Väterchen, daß sie Dir den Gehorsam aufsagen werde?«

Diese Frage war an den Fürsten gerichtet. Er antwortete:

»Karparla ist eine gehorsame Tochter. Sie wird thun, was ich geschworen habe. Freilich ist es mein Wunsch, daß sie nicht nur Deine Strenge sondern auch Deine Milde kennen lernt.«

»Das soll sie, denn ich hoffe, daß sie einsieht, wem das Weib Gehorsam zu leisten hat. Jetzt ist sie fort, und ich bin unnütz hier. Ihr könnt Euch besprechen auch ohne mich. Komm, Lieutenant, wir wollen einen Ritt machen!«

Die beiden Offiziere entfernten sich. Als sie draußen vor dem Hause angekommen waren, sagte der Rittmeister:

»Sie hegt ein solches Interesse für den Schuft, daß man meinen möchte, er könne einem gar gefährlich werden.«

»Du meinst doch nicht etwa in Beziehung auf Dein Leben!«

»Fällt mir gar nicht ein. Dazu hat dieser Mensch den Muth gar nicht. Ich sage Dir, wenn ich geschlagen würde wie er, ich - - ah!«

»Nun, was würdest Du machen?«

»Ich würde den Betreffenden erschießen oder auch niederstechen, ganz wie es eben paßte.«

»Auch wenn er Dein Offizier wäre?«

»Auch dann.«

»Es wäre Dein sicherer Tod!«

»Natürlich. Aber lieber todt als eine solche Schande auf mir ruhen lassen!«

Der Lieutenant blickte ihn ungläubig von der Seite an. Er mochte seinen Rittmeister besser kennen als dieser sich selbst und sagte:

»Wenn Du an seiner Stelle wärst, so würdest Du diese Beleidigung eben gar nicht als Beleidigung empfinden. Also wenn nicht in Beziehung auf Dein Leben, in welcher Weise soll er Dir dann gefährlich werden?«

»In Beziehung auf Karparla.«

»Sapperment! Du denkst - -?«

»Daß sie im Stande sei, sich in ihn zu verlieben.«

»Sie, eine Prinzessin!«

»Eine Prinzessin ist eben auch nur ein Weib. Und was hat überhaupt der Titel einer Prinzessin der Tungusen zu bedeuten!«


// 1602 //

»Du solltest nicht so von Deiner Brautsprechen.«

»Nun ja. Ich sage es auch nur gegen Dich. Sie ist außerordentlich reich. Ich würde sie schon um dessenwillen heirathen, selbst wenn sie häßlich wäre. Aber sie ist außerdem eine vollendete Schönheit, eine Schönheit, mit welcher man selbst den kaiserlichen Hof in Entzücken versetzen könnte.«

»Hm! Du hast also wirklich Feuer gefangen?« »Ich brenne; ich glühe!«

»Davon zeigt Dein Verhalten gegen sie gar nichts.«

»Ich gehöre nicht zu denjenigen Männern, welche aus Liebe in einen kleinen, hübschen Pantoffel kriechen. Ich kann lieben und doch dabei herrschen. Ich halte es, wie gesagt, für möglich, daß sie sich für diesen Nummer Zehn zu interessiren beginnt. Ich werde da gleich vorbeugen. Ich muß mir ihn aus dem Wege schaffen.«

»Auf welche Weise? Etwa durch - - -?«

Er deutete dabei auf seinen Säbel.

»Mord? Nein. Dieser Kerl ist kein Mensch mehr sondern nur noch eine Nummer. Dennoch könnte eine solche Gewaltthätigkeit mir von großem Nachtheile sein.«

»Also ihn irgendwo anders hin versetzen?«

»Auch nicht. Das dauert zu lange; das bedarf der Genehmigung des Obersten, und ehe die Berichte hin und her gegangen sind, kann mir der Kukuk längst das Ei in das Nest gelegt haben.«

»So weiß ich nicht, wie Du es anfangen willst.«

»Hm! Es giebt so kleine Zufälligkeiten, kleine Unfälle, an denen eigentlich kein Mensch schuld ist, obgleich sie sich doch ereignen. Da habe ich zum Beispiel den neu eingefangenen Hengst aus dem Tabun. Er hat noch niemals einen Menschen getragen. Was meinst Du?«

»Nicht übel!« lachte der Lieutenant. »Wollen wir einen Spazierritt machen?«

»Um Gotteswillen! Soll ich mich etwa auf die Bestie setzen? Ich danke sehr!«

»Du natürlich nicht, aber er!«

»Schön! Setze darauf, wen Du willst, aber nur mich nicht. Ich reite mit. Es giebt das ein ganz famoses Vergnügen.«

»So komm!«

Sie schritten dem Stalle zu. Dort hatten Beide ihre Pferde. Der Kosak befand sich bei denselben. Er war zur persönlichen Bedienung des Rittmeisters kommandirt. Dieser fuhr ihn an:

»Wir reiten spazieren. Sattle Dir den neuen Tabunhengst!«

Unter einem Tabun versteht man eine Heerde halb wilder Pferde. Ein solches Pferd zu reiten, welches noch niemals eine Last auf dem Rücken gefühlt hat, ist lebensgefährlich. Der Kosak verzog keine Miene, spitzte aber die Lippen leicht und ließ einen leichten Pfiff hören.

»Warum pfeifst Du!« donnerte der Rittmeister.


// 1603 //

Er stellte sich in ehrfurchtsvolle Positur und antwortete in demüthigem Tone:

»Weil ich begreife.«

»Was begreifst Du denn?«

»Warum die Herren spazieren reiten.«

»Nun, warum?«

»Weil so gutes Wetter ist. Ich glaube, es wird trotz des Hengstes nicht schlimmer werden.«

Er wollte dem Pferde seines Herrn den Sattel auflegen; dieser aber gebot ihm:

»Ich thue das selbst. Mach schnell, daß wir nicht zu warten brauchen!«

Als der Kosak fort war, lachte der Lieutenant:

»Er merkt den Braten!«

»Und ist frech genug, es uns wissen zu lassen. Ich werde so reiten, daß er den Hals bricht.«

»Pah, er wird ihn brechen, noch ehe wir die Stadt verlassen haben. Ich bin neugierig, wie er den Sattel auf das Thier bringt. Schon das allein ist lebensgefährlich.«

Und der Kosak meinte unter einem stillen Lächeln vor sich hin:

»Sollen sich verrechnet haben. Wie gut, daß mir jener alte Schamane das Kraut entdeckt hat, mit dessen Geruch man selbst das wildeste Pferd sofort gefügig macht! Und wie gut, daß ich es bereits bei diesem Hengste versucht habe und schon dreimal des Nachts mit ihm ausgeritten bin, ohne daß es Jemand bemerkte. Der Rittmeister will mich umbringen! Nun wohl, er oder ich!«

Drüben saßen die Kosaken vor ihren Hütten. Als sie sahen, daß er nach dem Stalle ging, in welchem sich das wilde Pferd befand, kamen sie eiligst herbei.

»Willst Du füttern, Brüderchen?« fragte Einer. »Nein, sondern mit dem Rittmeister ausreiten.«

»Auf diesem Hengste?«

»Ja. Er hat es befohlen.«

»So ist er - oh oh, er ist der Herr und man muß ihm gehorchen. Aber, Brüderchen, ich glaube, wir werden zwar Dich wiedersehen, Du aber uns nicht.«

Das hieß natürlich, daß man ihn todt zurückbringen werde. Er aber antwortete lächelnd:

»Man muß gehorchen. Du selbst hast es gesagt.«

Er öffnete den Stall und trat hinein. Keiner folgte. In einer Ecke zwischen zwei Brettern steckte ein kleines Büschelchen derjenigen Moosart, welche von den Tungusen Lepta genannt wird. Der Kosak nahm ein Wenig davon in den Mund, kaute es, trat zu dem Pferde, welches angebunden und an allen vier Beinen gefesselt war und blies ihm den Odem in die Nüstern. Die Augen des Thieres, welche zuvor wild gefunkelt hatten, wurden sofort sanfter. Es schnaubte wohlgefällig durch die Nüstern.


// 1604 //

Jetzt nahm er den Sattel und trug ihn hinaus vor den Stall. »Du sattelst nicht drin?« wurde er gefragt.

»Nein. Wer von Euch hat den Muth, hinein zu gehen und das Thier loszubinden?«

Sie blickten einander zögernd an. Endlich erklärten sich Zwei bereit dazu und gingen hinein.

Eben nahm der Kosak die Nogaika, welche an der Außenwand des Stalles hing, vom Nagel, als auch bereits die beiden Offiziere herbeikamen. Sie saßen auf ihren Pferden.

Die Nogaika ist die schwere, aus starken Riemen zusammengeflochtene und mit kurzem Stiele versehene Peitsche der Tabuntschiks (Hirten wilder Pferdeheerden). Ein gewandter Tabuntschik schlägt mit dieser Peitsche den stärksten Wolf mit einem einzigen wohlgezielten Hiebe todt.

»Kerl!« donnerte der Rittmeister. »Bist Du noch immer nicht im Stalle! Was lungerst Du da herum? Hinein mit Dir!«

»Darf ich nicht hier satteln?«

»Hier? Bist Du wahnsinnig!«

Da aber kam der Hengst schon aus der Thür gebraust, daß alle Anwesenden angstvoll aus einander stoben. Er galoppirte einmal rundum, bis der Kosak ihm entgegen trat. Dieser Letztere hatte das gekaute Moos unbemerkt aus dem Munde genommen und hielt es dem Thiere hin, indem er so that, als ob er es am Kopfe liebkosen wolle. Der Hengst schnaubte zwar noch einige Male unheimlich, als aber der Kosak ihm die Hand auf das Maul legte, nahm er das Moos aus derselben mit den Lippen auf und ließ sich geduldig den Sattel auf- und die Zügel anlegen. Laute Rufe der Verwunderung erschallten. So Etwas war noch niemals gesehen worden. Auch die Offiziere trauten ihren Augen kaum, als der Kosak jetzt so ruhig in den Sattel stieg, als ob er eine alte Mähre reiten wolle. Der Rittmeister trieb sein Pferd vorsichtig herbei und sagte:

»Mensch, ist das auch der Hengst?

»Herr, siehe Dir ihn an!« antwortete der Gefragte unterwürfig.

»Und er ist so lammfromm!«

»Ein Anderer dürfte es nicht wagen.«

»Warum aber darfst Du es?«

»Weil ich einen jeden Feind zu bezähmen weiß, gleichviel ob Mensch oder Thier.«

»Unverschämt! Was soll die Peitsche?«

»Ich nehme sie mit, um, wenn ich auf diesem Ritte verunglücken sollte, noch in letztem Augenblicke Dem, der daran schuld ist, mit der Nogaika das Rückgrat einzuschlagen.«

Er sagte das im höflichsten Tone und indem er seinen Vorgesetzten ganz unterwürfig anblickte. Dieser aber merkte gar wohl, wem diese Drohung galt und fragte zornig:

»Wen meinst Du?«


// 1605 //

»Den Wolf natürlich.«

»Ah, das ist Dein Glück! Ich dachte, Du hättest irgend ein menschliches Wesen gemeint. Wirf die Peitsche fort und folge uns! Er wendete sein Pferd dem Flusse zu. Der Kosak gehorchte. Er warf die Nogaika von sich und ritt hinter den beiden Offizieren her. Alle blickten ihm nach. Einer bekreuzigte sich und sagte:

»Herr, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von allem Uebel! Er hat den Teufel. Der wilde Hengst gehorcht wie ein krankes Lamm!«

Platowa liegt an der Amgha, welche sich in den Altan, einen Nebenfluß der Lena ergießt. Unweit der Stadt ist eine Furth, durch welche die Offiziere ritten. Das Wasser ging jetzt, zum Herbste, den Pferden nicht bis an den Leib. Drüben auf dem andern Ufer angekommen, setzten sie ihre Thiere erst in Galopp und dann in Carriere. Der Kosak folgte in demselben Tempo, ohne daß ihm der Hengst die geringste Schwierigkeit bereitete.

Der Rittmeister, welcher sich zuweilen nach ihm umblickte, bemerkte dies.

»Der Kerl hat den Satan im Leibe!« knurrte er. »Wie er es nur angefangen hat!«

»Auch mir ist es unbegreiflich,« meinte der Lieutenant. »Und hast Du seine Drohung gehört?«

»Die mir galt!«

»Dir das Rückgrat einzuschlagen! Der Mensch scheint also doch nicht so unbefangen zu sein, wie Du bisher angenommen hast.«

»Ich werde ihm Mores lehren. Wollen doch einmal sehen, ob der Hengst auch im Wasser so geduldig ist.«

»Wie, Du willst wieder durch den Fluß?«

»Ja, dort!«

Er deutete nach dem Ufer, welches in ziemlicher in Entfernung vor ihm lag.

»Dort ist der Fluß am tiefsten und am reißendsten. Du meinst doch nicht etwa, daß wir da hindurchreiten wollen!«

»O nein, wir nicht, sondern nur er.«

»Unter welchem Vorwande?«

»Da drüben, weit jenseits des andern Ufers, sehe ich einen Wagenzug, welcher nach der Stadt zum Jahrmarkte fährt. Er soll fragen, woher diese Leute kommen.«

»Er kommt nicht hinüber. Es ist zu gefährlich!«

»Eben deshalb! Weißt Du, es ist grad der Ort, an welchem er im vorigen Frühjahre, als das Eis zu gehen begann, Karparla aus dem Wasser holte. Sie hatte geglaubt, noch über den Fluß reiten zu können; aber das Eis brach, und sie versank zwischen die Schollen. Er mag jetzt versuchen, ob er nochmals glücklich herauskommt.«

Er lenkte nach dem Ufer ein, blieb aber sehr bald wieder halten und sagte, vorwärts deutend:


// 1606 //

»Weidet dort nicht ein Pferd am Wasser?«

»Ja.«

»Und dabei liegen Frauenkleider!«

»Ein Röckchen und ein Leibchen aus Zobel! Ach!«

»Doch nicht etwa Karparla! Sollte sie baden?«

»Warum nicht? Der Ort ist abgelegen, und das Ufer ist hoch und von Büschen eingefaßt; da kann es selbst ein Frauenzimmer wagen zu baden.«

»Aber grad an diesem gefährlichen Orte!«

»Hm! Die Tungusinnen sind ausgezeichnete Schwimmerinnen. Sie bewohnen ein Land, welches reich an Wasser, an Flüssen und Morästen ist. Es ist für sie gradezu eine Nothwendigkeit, Schwimmen zu lernen. Uebrigens ist der Fluß hier hüben nicht so reißend wie drüben.«

»Wollen einmal hin!«

»Wie? Du willst sie beobachten?«

»Ja. Ist sie schon in den Kleidern reizend, welch eine Venus muß sie erst im Bade sein! Komm!«

»Bedenke, ein Weib beobachten!«

»Sei kein Thor! Sie sieht uns nicht. Wir bleiben hinter den Büschen. Und es gewährt mir ein Vergnügen, Dir zeigen zu können, welch eine entzückende Frau ich bekomme.«

Sie ritten also dem Ufer entgegen, gar nicht daran denkend, daß der Kosak ihnen folgte, ja ihnen sogar folgen mußte, weil er gezwungen war, eine ganz bestimmte Distanz einzuhalten.

Hinter den Büschen versteckt, erblickten sie bald die schwanenweiße Gestalt der Badenden, welche sich gewandt und angstlos in entzückenden Bewegungen in der Fluth tummelte.

Auch sie war durch die Furth geritten. Sie wollte durch einen Parforceritt den Gefühlen, mit denen sie die Wohnung des Kreishauptmannes verlassen hatte, das Gleichgewicht halten. So jagte sie über die Ebene dahin. Sie wollte den widerwärtigen Gedanken, daß sie die Braut eines rohen Menschen sei, von sich werfen. Es gelang ihr nicht. Ein heiliger, jungfräulicher Zorn erfüllte ihre Seele. Die Frau dieses Mannes! Sich von ihm liebkosen lassen! Bis zum Tode bei ihm zu sein! Niemals!

Aber der Eid des Vaters, welchen er dem Schamanen gegeben hatte! Er mußte erfüllt werden. Wie war dieser Zwiespalt auszugleichen? Sie wußte es nicht. Sie sann und sann und fand doch kein Mittel.

Sie dachte an den Kosaken. Sie erkannte noch gar nicht, welchen tiefen Eindruck er auf ihre Seele, auf ihr Herz gemacht hatte; aber sie wurde innerlich ruhig bei dem bloßen Gedanken an ihn. Sie fühlte ein seelisches Wohlbehagen, ein Etwas, was sie bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Sie hätte laut aufjubeln mögen. Unwillkürlich erklang es freudig von ihren Lippen:

»Nummer Zehn! Nummer Zehn!«

Sie, die Fürstentochter, rief die Nummer eines Verbrechers, eines


// 1607 //

namenlosen, verachteten Menschen aus, und - sie schämte sich dessen nicht. Ja, sie wurde sich vielleicht gar nicht einmal bewußt, daß sie den Lüften diese zwei Worte anvertraut hatte.

Da winkten ihr rechts die glänzenden Wasser des Flusses. Dort hatte er sie gerettet. Sie lenkte hin und betrachtete sich die Stelle. Da hatte er mit ihrer erstarrten Gestalt im Schilfe gelegen, ihr die Brust geöffnet - bei diesem Gedanken legte sie sich erröthend die Hand an den vollen, herrlichen Busen. Doch zugleich zitterte ein mädchenhaftes glückliches Lächeln um ihre Lippen. Wenn auch sein Blick in dieses Heiligthum ihrer Schönheit eingedrungen war, sie brauchte sich dessen nicht zu schämen; sie war sich ihrer Vollkommenheit bewußt, ohne sich erst fragen zu müssen, ob sie auch wirklich vollkommen sei.

Und dann hatte er ihr den Odem eingehaucht und sie auf den Mund geküßt. Ihre Hand klopfte bei diesem Gedanken ganz absichtslos den Hals ihres Pferdes, als ob sie grad jetzt ein Wesen haben müsse, welches sie liebkosen dürfe.

Da aber war der Rittmeister dazu gekommen, dieser unbeschreiblich widerwärtige Mensch! Sie schlug kräftig mit der Peitsche durch die Luft. Sie hätte das gethan, wenn der Rittmeister jetzt neben ihr gehalten und also ihr Hieb ihn getroffen hätte. Sie schüttelte energisch den Kopf, daß das goldene Haargeschmeide laut erklang. Gar nicht an ihn denken! Lieber an den Andern, der für sie das Leben gewagt und sich in die eiskalte Flut gestürzt hatte, um sie zwischen und unter den wirbelnden Eisschollen hervorzuholen.

Das hier war derselbe Fluß, dieselbe Stelle, dasselbe Wasser. Aber es war nicht ein kalter Vorfrühlings- sondern ein warmer Herbsttag, ein Tag, wie ihn nur Sibirien im Herbste zeigt, wenn die Sönne noch einmal ihre ganze Wärme herniederstrahlt, um bald, vielleicht morgen schon für die Zeit der langen Wintermonate zu erkalten. In jenen Gegenden jagen sich die Jahreszeiten mit rapider Schnelligkeit.

In diesem Wasser hatte der Retter um ihr Leben gekämpft. Wie schön, sich einmal von denselben Fluthen umspülen lassen zu können! Sollte sie? Ihr Blick schweifte forschend umher. Die Stadt lag weit, weit oberhalb jener Stelle. Ringsum war kein Mensch zu sehen. Bebautes Feld, welches Menschen angezogen hätte, gab es nicht. Die Ufer lagen hoch, das Wasser tief. Sie war eine gute Schwimmerin.

Noch während ihr diese Gedanken kamen, war sie vom Pferde gesprungen und hatte begonnen, das Gewand und den Schmuck abzulegen. Bald schwamm sie in der Fluth.

Sie hatte keine Ahnung, daß indessen die beiden Offiziere herbeigekommen waren. Ganz im Vertrauen, daß sie sich mutterseelenallein hier befinde, gab sie sich der Wonne des Bades hin. Die Augen des Rittmeisters glühten förmlich zwischen den Zweigen hindurch.

»Nun?« fragte er. »Was sagst Du dazu?«

»Mensch, ich beneide Dich!«

»Nicht wahr! Sie ist herrlich!«


// 1608 //

»Aber bemerkst Du denn nicht, daß der Kosak hinter uns hält und Alles ebenso sehen kann!«

Der Rittmeister blickte sich um und sagte dann:

»Der? Erstens ist es ganz ebenso, als ob er gar nichts sehe; ein Deportirter ist kein Mensch. Und sodann hat er sich ja umgedreht. Dieser Hallunke thut wirklich, als ob er uns eine Lehre geben wolle. Schau, er reitet sogar zurück! Warte, Bursche, Du sollst mir schon selbst noch in das Wasser heut!«

»Natürlich aber jetzt noch nicht!«

»Nein. Erst muß sie heraus, denn sie darf nicht ahnen, daß - - Donnerwetter! Da kommen noch andere Lauscher! Sie kommen jedenfalls von dem erwähnten Wagenzuge.«

Er deutete nach dem jenseitigen Ufer, welchem sich drei Reiter langsam näherten, nicht ahnend, welcher unerwartete Anblick sich ihnen bieten werde. Es waren zwei dürre, unendlich lange Kerls und ein kleiner, aber außerordentlich dicker Mensch. Sie ritten auf kleinen, hagern, schwerköpfigen burätischen Pferden, welche wohl müde oder durstig geworden waren. Darum hatten sie für einige Augenblicke den Wagenzug verlassen, um den Fluß aufzusuchen und dort ihre Pferde zu tränken.

"Pass auf, was sie thun werden!"

»Paß auf, was sie thun werden!« lachte der Rittmeister. »Jedenfalls bleiben sie und lauschen!«

»Natürlich. Schau, jetzt sind sie da!«

Die drei Reiter erblickten jetzt die Schwimmerin. Sie stutzten einen Augenblick, schienen sich einige Worte zu sagen und zogen sich dann zurück.

»Ah, die kennen das sechste Gebot!« höhnte der Lieutenant.

»Ja. Aber Sie haben auch uns gesehen. Schau, was der Dicke wollen mag?«

»Er winkt nach uns herüber.«

»Ich glaube gar, er meint, daß auch wir uns entfernen sollen!«

»Natürlich! Das ist ja aus der Art und Weise, wie er winkt, zu ersehen.«

»Laß ihn winken so lange er will!«

»Jetzt droht er gar mit der Faust!«

»Mag er!«

Der kleine dicke Reiter jenseits des Flusses hob wirklich die Faust drohend empor. Dann winkte er abermals, und als auch das keinen Erfolg hatte, sah man, daß er aus dem Sattel stieg und einen langen Gegenstand von dem letzteren losschnallte.

»Donnerwetter! Eine Flinte!« sagt der Rittmeister. »Er wird doch nicht schießen wollen!«

»Er soll es wagen!«

Aber der fremde Reiter schien das für gar kein Wagniß zu hatten. Er winkte noch einmal sehr energisch. Als das nichts half, legte er das Gewehr


Ende der siebenundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk