Lieferung 69

Karl May

9. April 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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schleichen wir uns fort und bringen ihn, wenn es uns gelingt, ihn zu befreien, mit zu Euch.«

»Nein, nicht zu uns. Man könnte Euch mit ihm bemerken. Es soll möglichst Niemand wissen, daß wir die Hand bei dieser Sache im Spiele haben. Seine Spur darf nicht aufgefunden werden. Führt ihn lieber an einen verborgenen Ort, um uns dann zu benachrichtigen. Ich lasse ihn dann sogleich durch einige unserer Reiter sofort in Sicherheit bringen.«

»Gut, so soll es geschehen. Gehen wir jetzt?«

»Ja. Batjuscha und Matuschka (Väterchen und Mütterchen) haben ausgetrunken. Kommt!«

Sie bezahlten ihre kleine Zeche und gingen.

Der Kosakenunteroffizier, welcher den Verbannten Nummer Zehn arretirt hatte, war indessen wiedergekommen. Er hatte Karparla mit den Augen fixirt, als ob er ihr Etwas zu sagen hätte. Jetzt, als sie mit ihren Eltern und den drei Jägern aufbrach, ging er hinaus, eine Strecke weit fort, wo es dunkel und einsam war, und wartete dort. Als sie kamen und an ihm vorüber wollten, trat er an sie heran und sagte:

»Verzeihe mir, Schwesterchen, daß ich Dich störe! Ich habe Dir Etwas zu sagen.«

»Was?«

»Einen Gruß.«

»Von wem?«

»Von Nummer Zehn. Eigentlich darf ich das nicht, denn er ist Verbannter und Gefangener. Aber wir Alle haben ihn lieb, und der Rittmeister ist ein böser Mann. Es wird nicht gefährlich sein, wenn ich Dir seinen Gruß ausrichte.«

»O nein. Ich danke Dir, Brüderchen.«

»Ich soll Dir Dank sagen, daß Du so gut mit ihm gewesen bist. Er würde noch tausendmal in das Wasser springen, wenn er Dir damit einen Gefallen thun könnte. Auch bei dem guten, dicken Väterchen läßt er sich bedanken. Er bittet Euch aber, Euch seinetwegen nicht in Schaden zu bringen.«

»Wie meint er das?«

»Er meint, daß Ihr für ihn bitten werdet, und das will er nicht. Er ist nur Kosak, aber ein stolzer Mann, der es sehr bedauern würde, wenn Ihr die Absicht hättet, Euch durch eine Fürbitte bei dem Rittmeister zu erniedrigen.«

»Kommst Du wieder mit ihm zusammen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Morgen am Vormittag. Ich habe ihn da nach Irkutsk zu transportiren.«

»So sage ihm dann, daß ich seinen Wunsch erfüllen werde.«

»Ich werde es ihm gern sagen. Hast Du vielleicht noch Etwas auszurichten?«

»Nein.«


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»So schlafe wohl, Schwesterchen!«

Er wollte sich entfernen. Sam aber hatte in die Tasche gegriffen und ein Geldstück hervorgezogen. Er reichte es ihm hin und sagte:

»Hier hast Du Etwas für Wodka (Schnaps).«

In einem Lande, wo ein Pfund besten Rindfleisches drei Kopeken, also vier Pfennige kostet, ist das Baargeld sehr selten. Der Unteroffizier war also über ein so rares Geschenk hoch erfreut.

»Väterchen,« sagte er, »Du bist ein sehr nobler Herr. Man merkt es, daß Du der Haus-, Hof-, Leib- und Geheimsecretär eines berühmten Mannes bist. Ich bin nun bereits achtzehn Jahre Soldat und habe noch kein Trinkgeld erhalten. Du aber bist noch nicht achtzehn Jahre lang hier, sondern erst einen halben Tag und giebst mir doch bereits Etwas für Wodka. Der Himmel schenke Dir dafür so viel Fässer voll Wodka, daß Du täglich von früh bis abends trinken kannst, Du und Deine Nachkommen, bis in das hundertste und tausendste Glied!«

»Da müßte der Himmel eine Schnapsbrennerei für meine Familie anlegen, zu welcher mehrere Millionen Rubel Anlagecapital erforderlich wären. Ich bin zufrieden mit täglich nur einem Faß. Der Gefangene hat wohl nichts zu trinken?«

»Welche Frage! Er bekommt weder zu essen, noch zu trinken.«

»Und er steckt im schlimmsten Gefängnisse?«

»Ja, im allerschlimmsten. Eigentlich ist es besser als alle anderen, weil er auf dem Werg sehr weich ruhen kann. Das Schlimmste aber ist es deshalb, weil eine Flucht unmöglich ist.«

»Wieso?«

»Weil er in der Ognie sztuczna steckt.«

»Was ist das?«

»Das Feuerwerkshaus, im welchem die Stoffe auf bewahrt werden, welche zur Beleuchtung dienen: Talg, Oel, Dochte und auch Pech, Theer, Sägespäne und Werg zu Fackeln. Es ist nur auf sechs Holzsäulen gebaut. Man kann also unten hindurchblicken. Da würde die Wache die Flucht sofort bemerken.«

»Sie würde ihn wohl nicht entlaufen lassen?«

»Nein. Es stehen zwei Mann dort, welche den Befehl haben, scharf aufzupassen und ihn sofort zu erschießen, wenn er einen Fluchtversuch wagen wollte.«

»Das wird nicht geschehen. Das Gefängniß ist ja verschlossen.«

»Ja. Es hat eine Thür mit einer Krampe und einem Vorstecker. Leider aber ist daneben ein Loch, so daß man also auch herauslangen und von innen öffnen kann. Damit er das nicht benutzen soll, haben wir ihn an einen Balken angebunden. Jetzt aber muß ich fort. Ich habe ein kleines Täubchen im Saale, welches auf mich zum Tanze wartet.«

Er ging und auch die Anderen setzten ihren Weg fort. Sam konnte besser russisch verstehen als sprechen. Er mußte Jim und Tim die Worte des Unteroffiziers übersetzen.


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»Nun, was meinst Du?« fragte dann Jim.

»Daß es gelingen wird.«

»Ja, das denke ich auch.«

»Trotz der scharf geladenen Gewehre der beiden Wächter!«

»Pah! Auf solche Blasrohre gebe ich nicht das Geringste. Mit einem Dutzend solcher Kerls würden wir fertig werden, und es sind doch nur Zwei. Freilich wäre es weit besser, wenn wir List anwenden könnten. Unsere Gestalten verrathen uns. Du bist zu dick und wir sind zu lang.«

»Wir werden zunächst recognosciren und dann sehen, was zu machen ist.«

Sie erreichten das Jahrmarkts-Zeltlager und traten in die Jurte des Tungusen. Es brannte rundum kein Feuer mehr, und da die Nacht stockfinster war, machte es den drei gewandten und erfahrenen Jägern gar keine Mühe, sich heimlich wieder aus dem Lager zu entfernen.

Jim machte den Führer, weil er wußte, wo das Feuerwerksgebäude lag. Es war glücklicher Weise vor dem Orte, hinter den Wohnungen der Kosaken im Freien errichtet, und zwar, wie der Unteroffizier gesagt hatte, auf sechs hölzernen Säulen. Doch konnte man den Boden leicht mit der ausgestreckten Hand erreichen.

Als die Drei in die Nähe des Gebäudes gekommen waren, ließ Sam die beiden langen Brüder zurück, um zu recognosciren. Er legte sich auf den Boden nieder und kroch auf das Gebäude zu. Es war so dunkel, daß man einen Menschen auf zehn Schritte hin kaum noch erkennen konnte.

Die beiden Wächter hatten es sich bequem gemacht. Sie saßen unter dem Gebäude und sprachen mit einander so laut, daß man sie bereits von Weitem hören konnte. Und von wem sprachen sie? Von dem Gefangenen, obgleich dieser sich gerade über ihnen befand und jedes Wort verstehen mußte.

Sam kroch ganz nahe an sie heran. Unter dem Gebäude war es womöglich noch finsterer als im Freien. Sie hätten ihn nicht sehen können, selbst wenn sie sich nach ihm umgedreht hätten. Dennoch bemerkte er, daß eine kurze Leiter angelegt war. Er hatte eben die Augen eines nordamerikanischen Trappers.

Im Verlaufe ihres Gespräches hatte er einige Male Mühe, das Lachen zu verbeißen. Zwar verstand er nicht ein jedes einzelne Wort, aber der Sinn war ihm vollständig begreiflich.

Man muß wissen, was für ein treuherziger, gutmüthiger, kindlicher, abergläubischer und auch - dummer, einfältiger Mensch der sibirische Kosak ist, um sich in seine Anschauungen hineindenken zu können.

»Ja, wenn es ihm gelänge, auszureißen, so würden wir Jeder hundert Knutenhiebe erhalten,« sagte der Eine.

Der Andere langte mit der Hand nach hinten, um sich bei dem Gedanken an die Hiebe den Rücken zu reiben - vielleicht wußte er aus Erfahrung, wie so Etwas schmeckt - und antwortete:

»Glücklicher Weise kann er nicht fort. Er ist angebunden.«

»Wenn er aber die Stricke zerreißt!«


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»So erschießen wir ihn.«

»Er sollte mir freilich leid thun.«

»Mir auch. Ich würde vorher zu ihm sagen: >Brüderchen, bleib da und binde Dich wieder an, wir müssen sonst auf Dich feuern. Entkommen lassen dürfen wir Dich nicht wegen der Knute, die wir erhalten würden. Also nimm Verstand an, bedenke, was Du thust, und kehre wieder um!< So würde ich sagen und -«

»Und ehe Du damit fertig wärst, wäre er bereits verschwunden!«

»Meinst Du? Er wird doch wahrhaftig stehen bleiben, wenn ich mit ihm spreche!«

»Ein Flüchtling bleibt nicht stehen, selbst wenn der Zaar mit ihm spräche.«

»Das ist schlimm, sehr schlimm! Wir müßten also schießen, ohne ihn vorher warnen zu dürfen.«

»Freilich!«

»Hoffentlich bleibt er ruhig stecken.«

»Das denke ich auch. Er ist ja ein verständiger Kerl, der sich nicht um das Leben oder uns unter die Knute bringen wird. Freilich - hm, das wäre noch viel schlimmer, hm!«

»Was?«

»Wenn er nicht selbst ausriß, sondern wenn es Anderen einfallen sollte, an -«

»An seiner Stelle auszureißen?«

»Brüderchen, Du bist ein Dummkopf! Es kann kein Mensch für einen anderen ausreißen. Ich meine vielmehr, daß es irgend Jemandem einfallen könnte, ihn zu befreien.«

»Himmel! Welch ein Gedanke!«

»Nicht wahr!«

»Ja. Es wird doch Keiner -«

»Das wäre sehr bös. Was sollten wir da thun!«

»Das weiß ich nicht, Brüderchen.«

»Ich auch nicht. Sollten wir es dulden?«

»Auf keinen Fall. Wir sind ja hier, den Gefangenen zu bewachen.«

»Also sollen wir uns wehren?«

»Dazu haben wir keinen Befehl.«

»Oder sollen wir gar Denjenigen erschießen, welcher ihn befreien will?«

»Kein Mensch hat das gesagt. Der Befehl, welchen wir erhalten haben, lautet, den Gefangenen zu erschießen, wenn er einen Fluchtversuch machen sollte. Das ist klar.«

»Aber wenn Andere den Fluchtversuch machen und ihn fortschleppen -«

»So muß Einer von uns Beiden sofort zum Rittmeister laufen und ihn wecken, um zu erfahren, was geschehen soll.«

»Könnten wir das nicht jetzt schon thun?«


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»Brüderchen, auch Du bist ein großer Dummkopf! Es ist ja noch gar Niemand hier, um den Gefangenen zu befreien!«

»Ah, das ist wahr. Du hast Recht. Machen wir uns also keine Sorgen. Ich bin überhaupt sehr überzeugt, daß Alles sehr gut ablaufen wird.«

»Warum?«

»Weil heute der glücklichste Tag im Jahre ist. Weißt Du schon, daß es glückliche und unglückliche Tage giebt?«

»Das habe ich schon als Kind gewußt. Es giebt besondere Tage, an denen man nichts unternehmen darf, weder säen, noch ernten, keine Reise antreten, keinen Kauf abschließen, keinen Proceß beginnen - gar nichts, gar nichts.«

»Richtig! Die drei unglücklichsten Tage sind der erste März, weil da Sodom und Gomorrha untergegangen ist, der erste August, weil da der Teufel vom Himmel heruntergeworfen wurde, und der erste December, weil an diesem Tage sich Judas Ischarioth erhenkte. Ebenso giebt es drei glücklichste Tage; der allerglücklichste aber ist der heutige, der Tag des heiligen Iwan Wassiljewitsch.«

»Warum ist der der glücklichste?«

»Das weißt Du nicht?«

»Nein.«

»Nun sehe Einer an! Brüderchen, Du bist wirklich kein gewöhnlicher Dummkopf, sondern ein sehr ausgezeichneter. Heute ist doch der Tag des Schatzhebens!«

»Was Du sagst!«

»Ja, ich weiß es genau. Meine Großmutter hat einen gehoben.«

»War er groß?«

»Ungeheuer groß! Es waren viele tausend Millionen Rubel.«

»Und dennoch bist Du ein so armer Kosak!«

»Dummkopf! Sie hat ihn nicht ganz heraus gebracht. Sie ist so unvorsichtig gewesen, zu sprechen. Es sind gewisse Worte vorgeschrieben. Etwas Anderes darf man bei Leibe nicht sagen, sonst verschwindet Alles wieder mit einem furchtbaren Donnerschlag.«

»Kennst Du diese Worte?«

»Ja, sehr genau. Meine Großmutter hat sie mir gesagt und ich lernte sie auswendig. Aber nur Sonntagskinder sind im Stande, Schätze zu heben.«

»Ich bin an einem Sonnabende geboren!«

»Ich auch!«

»Du, wenn wir einen Schatz fänden!«

»O heilige Theodosia! Ich würde ihn nicht lange liegen lassen!«

»Ich auch nicht.«

»Würdest Du Dich nicht fürchten?«

»Fällt mir gar nicht ein! Wer kann sich denn vor einem Schatz fürchten!«

»Aber vor den Geistern?«


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»Auch nicht. Ein Geist, der mir einen Schatz zeigt, der ist jedenfalls ein sehr guter Geist.«

»Richtig! Ich habe niemals in der Nacht des Tages Iwan Wassiljewitsch geschlafen, sondern ich habe stets im Freien gesessen bis zum Anbruch des Morgens. Man kann ja nicht wissen, ob man einen Schatz sieht. Darum habe ich mich auch heute sofort zur Wache gemeldet. Meine Großmutter hat mir das anbefohlen. Weil ihr Schatz wieder verschwunden ist, wird mir einmal einer erscheinen, da ich ein Sonntagskind bin.«

»O, das sollte etwa heute passiren, da auch ich eins bin!«

»Das ist immerhin möglich.«

»Wie aber geht es denn dabei her, wenn Einem ein Schatz erscheint?«

»Das hat mir meine Großmutter deutlich beschrieben. Zuerst läßt sich. ein Licht sehen -«

Von welcher Farbe?«

»Das ist sehr verschieden. Je dunkler das Licht, also zum Beispiel dunkelgrün, desto weniger beträgt der Schatz. Ein helles, gelbes Licht ist das Beste, weil gelb auf Gold deutet. Sodann erscheint der Geist.«

»In welcher Gestalt?«

»Auch dies ist sehr verschieden. Meiner Großmutter ist er als Ljaguschka (Frosch) erschienen. Je größer das Thier ist, desto größer ist der Schatz. Der Ljaguschka meiner Großmutter war zweimal so groß wie meine Pelzmütze und hat gequakt, daß man es sehr weit hören konnte. Sie meint, daß mir der Geist auch einmal als Frosch erscheinen werde. Die Thierart pflegt nämlich sich bei Familiengliedern gleich zu bleiben.«

»Ah! Wenn uns heute ein Ljaguschka erschiene!«

»Am Liebsten ein recht großer!«

»Weiter!«

»Nun muß man dem Geiste langsam nachgehen, bis zur Stelle, an welcher er verschwindet.«

»Aber sprechen darf man nicht?«

»Jetzt darf man noch reden. Man kann sogar den Geist nach verschiedenen Dingen fragen.«

»Und er antwortet?«

»Ja, natürlich mit der Stimme desjenigen Thieres, in dessen Gestalt er erscheint. Zuweilen aber, wenn man nämlich ein recht sehr glückliches Sonntagskind ist, spricht der Geist auch in menschlichen Worten. Auf der Stelle, wo er verschwindet, findet man die Erde bereits aufgegraben. Das hat der Geist gethan, zum Zeichen, daß hier der Schatz liegt.«

»Und da muß man graben?«

»Natürlich!«

»Und wohl sogleich?«

»Sofort, weil mit Tagesanbruch der Schatz wieder verschwindet. Aber von dem Augenblicke an, daß man zu graben anfängt, darf kein anderes Wort als nur allein die Beschwörungsformel gesagt werden, mag auch passiren, was


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da wolle, sonst geht der Schatz verloren. Bei meiner Großmutter war der Schatz bereits aus dem Erdboden heraus, da wurde sie gerufen; sie vergaß sich und antwortete; da versank der Kasten mit einem Gekrach, als ob die Erde auseinander bräche.«

»Also Du kennst die Formel?«

»Ja.«

»O, wenn ich sie hören könnte.«

»Ich habe darüber geschwiegen. Dir aber will ich sie mittheilen, denn es ist ja möglich, daß uns heute ein Geist erscheint. Man hat, während man hackt und schaufelt, immer halb laut vor sich hin zu sagen:

An diesem Platz
Da liegt ein Schatz.
Ich hol' ihn 'raus,
Schaff ihn nach Haus.
Ihr lieben Geister,
steht mir bei;
Ich halte Euch mit Wodka frei!

Das hat man immerfort zu sagen, bis der Schatz heraus ist, dann fällt das Loch ganz von allein wieder zu, so daß kein Mensch sehen kann, was hier geschehen ist. Von diesem Augenblicke an kann man wieder alles Mögliche sprechen.«

»Trinken denn die Geister Wodka?«

»Natürlich!«

»Das habe ich noch gar nicht gewußt.«

»Eben weil Du ein so großer Dummkopf bist, Brüderchen. Die Geister stecken doch in der Erde, wo sie den Schatz bewachen. In der Erde ist es kalt und feucht. Ist es da ein Wunder, wenn sie sich erkälten und den Schnupfen kriegen?«

»Das ist wahr.«

»Darum muß man ihnen den Schatz mit Wodka bezahlen.«

»Wie bekommen sie ihn denn?«

»Man muß sieben mal sieben Tage lang gerade um Mitternacht eine Maaß voll Schnaps auf die Stelle gießen, wo sich der Schatz befand.«

»Hat das Deine Großmutter auch gethan?«

»Nein, weil ihr Schatz wieder niedersank.«

»Ich wäre bereit, alle Nächte ein ganzes Faß des besten Wodka zu opfern, wenn mir heute ein Geist erschiene.«

»So viel darf man nicht geben, denn auch die Geister werden betrunken und zwar viel leichter als der Mensch, weil sie nicht so oft Branntwein bekommen. Im Rausche dann könnten sie allerlei Dummheiten machen, vielleicht gar den Schatz wieder holen, um abermals Wodka zu verdienen. Man muß sie also kurz halten und ihnen nur so viel geben, daß sie sich den Magen erwärmen.«


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Mehr wollte Sam nicht anhören. Sein Plan stand fest. Er kroch zu den Gefährten zurück und sagte:

»Laßt Euch nicht stören, wenn Ihr das Licht eines Streichholzes aufflammen seht und einen Frosch quaken hört!«

»Was ist es mit dem Frosche?«

»Ich habe keine Zeit zu einer langen Erklärung. Die beiden Wächter sollen einen Schatz graben. Sie sitzen unter dem Gebäude. Schleicht Euch vorsichtig hin. Sobald sie fort sind, komme ich, und dann holen wir den Gefangenen heraus.«

Er ging fort und machte einen Bogen, bis er sich in einer Entfernung von ungefähr dreihundert Schritten, das Gesicht den Wächtern zugekehrt, dem Gebäude gegenüber befand. Dort zog er sein Messer und begann, die Erde in einem ungefähr drei Ellen langen und zwei Ellen breiten Vierecke einige Zoll tief aufzugraben. Dann kroch er auf das Gebäude zu, zog ein Streichholz hervor und nahm die Mütze ab. Wenn er die Mütze nahe an die Erde hielt und das Hölzchen unter ihr entzündete, konnte man ihn selbst nicht sehen, und es hatte den Anschein, als ob der Lichtschein aus der Erde empordringe.

Jim und Tim hatten ihn nicht recht begriffen, doch merkten sie gar wohl, daß er die Wächter von ihrem Posten fortlocken wolle, indem er ihnen einen Schatz in Aussicht stelle. Wie er auf diesen Gedanken gekommen sei und auf welche Weise er ihn ausführen wolle, das wußten sie nicht. Sie konnten nichts Anderes thun, als seiner Weisung Folge zu leisten.

Darum näherten sie sich, gerade so wie er kriechend, dem Gebäude und blieben beinahe genau an derselben Stelle liegen, an welcher Sam vorher gelegen hatte. Aus diesem Grunde verstanden auch sie jedes Wort des Gespräches, welches die Kosaken führten.

»Zu welcher Zeit pflegen denn die Geister zu erscheinen?« fragte der Eine.

»Beinahe stets um Mitternacht.«

»Du, das wäre jetzt so ziemlich die richtige Zeit. Ich glaube, es ist Mitternacht.«

»Das meine ich auch. Also Du würdest Dich nicht fürchten?«

»Keinen Augenblick!«

»Ich auch nicht. Ich würde dem Geiste nachgehen, wie man einem jungen, hübschen Mädchen nachläuft, welches man küssen will. Darum wollte ich, daß - Du, da - da - da - da - i - i - i - i - ist ein Li - li - li - li - licht!«

Er hatte den Arm des Anderen ergriffen, hielt ihn krampfhaft fest und brachte die letzten Worte nur stotternd hervor. Trotz seiner Versicherung, daß er sich nicht fürchten würde, lief es ihm kalt wie Eis auf dem Rücken hinab.

Sie starrten in den Lichtschein.

Dem Anderen ging es ebenso. Er starrte erschrocken in den scheinbar unterirdischen Lichtschein und sagte, indem auch seine Stimme stockte:

»I-i-ist das et-et-etwa der Ge-gei-geist?«

»Wahr-sche-sche-schein-lich.«

»Heiliger Iwan Wassiljewitsch! Dort hockt ein mächtiger Frosch!«


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»Ein Fro - ro - ro - ro - rosch!«

»Der Fro - ro - ro - ro - rosch De - De - De - Deiner Gro - ro - ro - ro - roßmutter!«

»Ja, das i - i - i - ist er.«

»Aber viel grö - rö - rö - rößer!«

»Er ist gewa - wa - wa - wachsen. Das sind nun fast achtzig Jahre her. Die Geisterfrö - rö - rösche wachsen doch a - a - auch!«

»Das ist mö - mö - mö - möglich.«

»Quaaaaak!« ertönte es da vor ihnen.

»Horch! Hörst Du es?«

»Ja.«

»Er quakt.«

»Er ruft uns.«

»Sollen wir ihm folgen?«

»Fürchtest Du Dich etwa?«

»Nein. Du?«

»Keine Spur!«

»So komm!«

Sie standen auf. Aber Jeder von ihnen bemerkte, daß ihm die Kniee zitterten, hütete sich aber natürlich, es zu sagen. Vielmehr schnitt der Enkel jener berühmten Großmutter ganz bedeutend auf, indem er versicherte:

»Ich bin so kaltblütig, als wenn es ein ganz gewöhnlicher Frosch wäre.«

»Und ich bin so ruhig, als sähe ich eine Kröte da vor mir.«

»Ich folge ihm, und wenn er mich eine Meile weit fortführen sollte!«

»Und ich liefe hinterher, selbst wenn es in die Hölle ginge!«

»Lästere nicht! Das darf man nicht. Komm!«

Sie ergriffen einander bei den Händen.

»Du, Du zitterst ja!«

»Unsinn! Du zitterst, und da denkst Du, ich bin es. Warum sollte ich zittern? So ein Geist ist mir ganz Schnuppe, ist mir ganz Frosch. Vorwärts!«

Der Geist sprang mit froschähnlichen Bewegungen zurück. Sie folgten langsam.

»Quaaaak!« machte er es und blieb halten.

Sofort hielten auch sie an.

»Schau, wie groß er ist und wie dick!«

»Desto besser. Der Schatz muß ungeheuer sein! Wollen wir auf ihn sprechen?«

»Ja.«

»Du natürlich!«

»Nein, versuche Du es!«

»Nein, Du! Es ist ja der Frosch Deiner Großmutter!«

»Meinetwegen.«

Und einen kleinen Schritt vortretend, fragte er mit bebender Stimme:


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»Bist Du ein Thier?«

»Quaaaak!« antwortete es, indem dieses gedehnte »aaaa« in die Höhe gezogen wurde, als ob Einer Nein sage und dabei den Kopf schüttele.

»Nicht. Wohl ein Geist?«

»Quack!« klang es kurz, wie ein festes Ja.

»Willst Du uns einen Schatz zeigen?«

»Quack!«

»Sollen wir Dir folgen?«

»Quack!«

»Wird es uns vielleicht schaden?«

»Quaaaaak!« antwortete es verneinend.

Dann sprang die Erscheinung weiter, und sie folgten ihr weiter und immer weiter. Endlich blieb er wieder halten. Der Enkel der Großmutter hatte jetzt Muth gewonnen. Er fragte:

»Wo liegt der Schatz?«

»Quack!«

Das klang wie ein kategorisches »Hier«. Und zur Bekräftigung that der Frosch einen hohen Satz in die Luft und dann einen sehr lauten Plumps auf die Erde zurück.

»Sollen wir da nachgraben?«

»Quack!«

»Und wir werden den Schatz finden?«

»Quaaaak-quak-quack-quack-quarrrrk!«

Das klang, als ob ein Frosch, der am Teichesrande sitzt, zum Abschied seine Stimme noch einmal hören läßt und dann in dem Wasser verschwindet. So auch hier: Der Geisterfrosch verschwand im Dunkel der Nacht.

Sie gingen langsam vorwärts. Ihre Pulse klopften fast hörbar. Als sie die Stelle erreichten, wo sie ihn zum letzten Male gesehen hatten, bückten sie sich nieder, um die Erde zu untersuchen.

»O Du heiliger Stanislaus Theophilus! Es ist ein Loch!«

»Ja, ein großes Loch!«

»Graben wir?«

»Natürlich!«

»Womit?«

»Mit den Säbels?«

»Nein; das dauert zu lange. Gleich da drüben ist das Gärtchen des jungen Alex Philippowitsch, in dessen hinterster Ecke Hacke und Schaufeln liegen, wie ich genau weiß. Ich gehe, sie zu holen.«

»Wo bleibe ich? Hier?«

»Ja, Du darfst nicht von der Stelle weichen, sonst fällt das Loch wieder zu. Bete, wenn ich fort bin, den Spruch. Und wenn ich zurückkehre, wird kein anderes Wort gesprochen, als eben nur dieser Spruch.«

Er ging, und der Andere begann, den Spruch zu murmeln. Bald kam


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der Erstere zurück. Er brachte die erwähnten Werkzeuge, und nun begannen die Beiden zu arbeiten, daß ihnen der Schweiß von den Stirnen troff.

Bereits war das Loch eine Elle tief oder wohl gar noch tiefer, da bemerkten sie in der Richtung der Stadt einen Lichtschein, welcher sich ihnen näherte. Sie begannen, bange zu werden. Das Licht kam näher und näher. Zwei Männer waren es, deren einer eine Laterne trug. Da Glas dort selten ist, so war die Laterne aus geöltem Papier gemacht.

Unglücklicher Weise kamen diese Männer gerade auf die Stelle des Schatzes zu. Jetzt standen sie vor den beiden Arbeitenden, welche jetzt nicht nur vor Anstrengung, sondern auch vor Angst schwitzten, denn die zwei Männer waren - der Kreishauptmann und sein Sohn, der Rittmeister.

»Donnerwetter!« rief der Letztere. »Was geht hier los?«

Keine Antwort.

»Was Ihr hier macht, frage ich!«

»Ich hol' ihn 'raus!« murmelte es.

»Wen denn?

»Ihr lieben Geister, steht mir bei!«

»Alle Teufel! Ich selbst werde Euch beistehen!«

»Ich halte Euch mit Wodka frei!«

Dabei arbeiteten sie im Schweiße ihres Angesichtes weiter. Sie waren Beide der Meinung, daß diese zwei Männer nicht wirklich ihre Vorgesetzten, sondern Truggebilde seien, hervorgebracht von den bösen, neidischen Geistern, welche ihnen den Schatz nicht gönnten.

»Wodka?« sagte der Rittmeister. »Ja, den sollt Ihr bekommen. Aber nicht aus der Flasche, sondern auf diese Weise.«

Er zog die Knute und begann, die Rücken der in dem Loche Arbeitenden aus allen Kräften zu bläuen. Diese aber nahmen die Hiebe geduldig hin, hackten und schaufelten weiter, und murmelten ihre Beschwörung dazu. So wehe ihnen die kräftigen Hiebe auch thaten, die Beiden ertrugen die Schmerzen und hörten nicht auf, zu arbeiten, bis der Arm des Rittmeisters erlahmte. Er ließ ihn sinken und donnerte sie zornig an:

»Habt Ihr denn kein Gefühl, Ihr Hallunken? Wollt Ihr heraus aus dem Loche!«

»Schaff sie heraus!« murmelte der Eine. »Ja, heraus sollt Ihr, und zwar sofort!«

»An diesem Platz -« sagte der Andere.

»Kerl, was faselst Du!«

»Da liegt ein Schatz -«

»Ein Schatz? Ja, den sollt Ihr bekommen, nämlich mit der Knute, vollwichtig ausgezahlt und dazu - ah! Beim heiligen Cyprianus, jetzt wird es mir klar, was sie thun. Ahnst Du es, Vater?«

»Nein,« antwortete der Kreishauptmann.

»Nicht? Der Schuft hat es ja soeben gesagt. Ein Schatz soll hier liegen. Einen Schatz wollen sie heben! Dazu graben sie hier ein Loch, an-


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statt auf ihrem Posten zu bleiben. Kerls, wer hat Euch denn das weiß gemacht? Ihr seid ja so dumm, daß es Einen eigentlich erbarmen müßte!«

Das war dem Einen doch zu viel. Für dumm wollte er nicht gelten. Er fiel aus seiner Rolle. Er dachte nicht daran, daß er nicht sprechen dürfe, und antwortete:

»Dumm? Nein, Väterchen, dumm sind wir nicht, sondern im Gegentheile sehr klug.«

Da stieß der Andere einen Laut des Schreckes aus und rief:

»O heilige Veronica! Nun ist Alles verloren. Dieser Mensch hat gesprochen.«

Jetzt erkannte sein Kamerad, welch einen Fehler er begangen hatte. Er ließ die Hacke, welche er in der Hand gehabt hatte, sinken und meinte in jammerndem Tone:

»Mein Himmel! Was habe ich gethan?«

»Geplaudert hast Du! Kannst Du Dein Maul denn nicht halten! Du sagst, Du seiest nicht dumm, sondern sehr klug, und nun hast Du bewiesen, daß es keinen alberneren Menschen giebt, als Du bist!«

»Hast Recht, Brüderchen, sehr Recht!«

»Ich wollte, daß der Teufel käme und führte Dich durch alle Lüfte! Heute war der richtige Tag. Jahrelang habe ich auf den Frosch meiner Großmutter vergeblich gewartet. Heute endlich erschien er uns, und wie groß, wie groß war er! Millionen liegen hier, ganz gewiß, ganz gewiß, denn je größer der Frosch, desto größer der Schatz. Ich habe mir den Rücken wund schlagen lassen, ohne zu muksen, und nun war's doch vergeblich. Du hast geschwatzt und der Schatz ist wieder gesunken.«

»Vielleicht kommt er über's Jahr wieder in die Höhe!«

»Er wird sich hüten. So bald erscheint mir der Frosch nicht wieder. Was bin ich doch für ein unglückseliger Mensch. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich das viele, viele Geld erhalten, denn Nichts auf der Welt hätte mich zum Reden gebracht.«

»Vielleicht doch, Brüderchen.«

»Nein, nein! Da aber mußt Du Kameel bei mir sein, und nun ist Alles, Alles aus!«

Die beiden Vorgesetzten hatten dieses kurze Zwiegespräch nicht unterbrochen; jetzt aber sagte der Rittmeister:

»Du irrst Dich! Es ist noch nicht Alles aus, sondern die Hauptsache wird nun erst beginnen, nämlich die Strafe für Euer Verhalten. Ich werde Euch in Fesseln legen lassen. Spießruthen müßt Ihr laufen, Ihr Hallunken!«

Da sprangen die Beiden aus der Grube heraus und knieten vor ihm nieder.

»Väterchen, das wirst Du nicht thun!« rief der unglückliche Enkel der ebenso unglücklich gewesenen Großmutter.

»So? Ich werde es nicht thun? Wer oder was soll mich denn davon abhalten?«


// 1645 //

»Wir haben unsere Strafe ja bereits erhalten. Mein Rücken ist von Deiner Knute so wund, daß die Kleider ankleben.«

»Das freut mich, das freut mich sehr. Aber es ist noch nicht genug, es ist nur ein kleiner Vorgeschmack von dem, was noch kommen wird.«

»Du lieber Heiland! Das werden wir nicht aushalten, mein gutes Väterchen!«

»Das sollt Ihr auch nicht. Ich lasse Euch peitschen, bis Ihr todt zusammenbrecht. Ihr seid Deserteure.«

»Nein, das sind wir nicht. Wir sind noch da, wir sind nicht fort. Es ist uns gar nicht eingefallen, zu entweichen.«

»Aber Euern Posten habt Ihr verlassen. Und wenn ich Euch das aus übergroßer Barmherzigkeit verzeihen wollte, so müßte ich Euch doch wegen Eurer Dummheit bestrafen. Schatzheben wollen sie! Sollte man so Etwas denken! Sie glauben an einen Schatz! Vielleicht sogar an Geister, welche ihn bewachen!«

»Ja, daran glauben wir, Väterchen.«

»So! Also wirklich! Ihr Strohköpfe Ihr! Es giebt keine Geister und keine Schätze.«

»Es giebt welche. Wir haben diesen Schatz brennen sehen, ganz deutlich.«

»In Eurem Hirn hat es gebrannt! Eure Dummheit ist in Flammen aufgegangen.«

»O nein. Das kannst Du glauben. Und den Geist haben wir nicht nur gesehen, sondern wir haben mit ihm gesprochen, und er antwortete uns auf unsere Fragen.«

»Ah, einen Geist haben sie gesehen! Es wird immer toller! Und gesprochen haben sie mit ihm! Wie sah er denn aus?«

»Wie ein Frosch.«

»Ein schöner Geist! Und was sagte er denn?«

»Er sagte Quaaaak.«

»Ein sehr geistreicher Geist! Natürlich konnte er als Frosch nichts Anderes sagen. Wo habt Ihr Kerls denn Eure Gewehre?«

»Sie liegen dort, wo wir standen.«

»Schön, sehr schön! Also auch die Waffen habt Ihr von Euch geworfen! Das macht den Fall doppelt strafbar. Ich werde Euch prügeln lassen, bis Ihr gerade auch so geistreich redet wie Euer Geisterfrosch! Wir kommen, um uns zu überzeugen, daß der Gefangene sich in festem Gewahrsam befindet; Ihr sollt das Gefängniß bewachen, und anstatt dies zu thun, grabt Ihr nach einem Schatze. Indessen kann der Gefangene über alle Berge sein!«

»Das kann er nicht, mein gutes Väterchen. Er ist ja angebunden!«

»Das wäre noch ein Glück für Euch. Wir werden jetzt nach ihm sehen. Wehe Euch, wenn nicht Alles in Ordnung ist. Ihr bleibt hier stehen, bis wir wiederkommen. Dann werde ich bestimmen, was mit Euch zu geschehen hat. Also keinen Schritt weicht Ihr von hier! Verstanden?«


// 1646 //

»Keinen Schritt, Väterchen, bis Du wiederkommst. Wir werden Dir gehorchen.«

Der Rittmeister ging mit seinem Vater nach dem Feuerwerkshause. Dort sahen sie die Gewehre liegen.

»Entflohen ist er also nicht,« meinte der Kreishauptmann. »Wäre er herabgestiegen, so hätte er sich sicherlich der Gewehre bemächtigt, denn für ihn als Flüchtling wären sie vom allerhöchsten Werthe gewesen. Wir brauchen also gar nicht hinauf.«

»O doch! Sehen muß ich ihn. Weiden will ich mich an seinem Anblicke!«

»Was hast Du davon?«

»Das ist eine Seelenqual, welche wir ihm bereiten, eine Verschärfung seiner Strafe. Er hat gesagt, daß er Offizier gewesen sei, daß er ein Edelmann sei. Wenn das wahr ist, so wird ihm unser Anblick Schmerzen bereiten. Also komm!«

Sie hatten nicht laut gesprochen, damit der Gefangene sie nicht hören könne. Jetzt nun stiegen sie die Leiter empor, voran der Rittmeister und hinter ihm sein Vater, welcher die Papierlaterne trug. Der Erstere befühlte, als er oben angekommen war, den Verschluß der Thür.

»Ist Alles in Ordnung?« fragte der Kreishauptmann.

»Ja; aber das beweist noch nichts. Er kann trotzdem entflohen sein.«

»So mach auf.«

Der Rittmeister zog den Vorstecker aus der Krampe, schob die Thür auf und trat hinein. Ein kleines Geräusch erscholl, fast wie das unterdrückte Aufstöhnen eines Menschen.

»Was hast Du? Was giebt es?« fragte der Vater des Offiziers. »Nichts. Komm nur!« antwortete es von innen.

Er bemerkte nicht, daß es nicht die Stimme seines Sohnes sei, und folgte diesem. -

Während die beiden Wachtposten nach dem Schatze gegraben hatten, hatte der dicke Sam Barth sich auf einem Umwege zu seinen beiden Gefährten geschlichen, welche unter dem Feuerwerkshause auf ihn warteten.

»Was spielst Du denn für eine Comödie mit ihnen?« fragte ihn Jim, als er bei ihnen ankam.

»Eine höchst scherzhafte. Die Kerls glauben nämlich, ich sei ein Geist gewesen, noch dazu ein Geisterfrosch. Habt Ihr das famose Quaken nicht gehört?«

»Freilich. Und das Licht haben wir auch gesehen.«

»So dumm wie diese Menschen kann man wirklich nur in Sibirien sein. Wir haben vollkommen Zeit, den Gefangenen in aller Ruhe und Gemächlichkeit heraus zu holen.«

»Wenn Du Dich nur nicht etwa täuschest!«

»O nein. Sie werden graben, bis zum frühen Morgen. Sie werden Schweiß


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vergießen literweise und natürlich nichts finden. Indessen ist der eigentliche Schatz, den sie zu bewachen haben, verschwunden.«

Er erzählte ihnen nun das Gespräch, welches er belauscht hatte, und nun waren auch sie überzeugt, daß sie sich gar nicht zu beeilen brauchten.

»Steigen wir alle Drei hinauf?« fragte Tim.

»Das ist nicht nöthig,« antwortete Sam. »Ihr bleibt unten und haltet Wache. Man weiß niemals, was geschehen kann. Ich bin ganz sicher, daß keine Störung eintreten wird, aber wenn der Teufel sein Spiel hat, so kann doch eine Ueberraschung über uns kommen. Also paßt scharf auf.«

Er stieg empor, zog den Vorstecker heraus, machte die Thür auf und trat hinein.

»Nummer Zehn!« fragte er halblaut.

»Hier,« antwortete es aus ziemlicher Entfernung.

»Wo steckst Du?«

»Hier an der Wand. Wer ist's?«

»Dein Freund. Weißt Du, der kleine Dicke, der Dich in Schutz genommen hat.«

»Das ist eine große Ueberraschung. Ich bin hier an den Balken festgebunden.«

»Werde Dich gleich losmachen. Aber es ist so dunkel hier, wie in einem Bärenmagen. Es liegt mir doch nichts im Wege, worüber ich stolpern und fallen könnte?«

»Nein. Der Weg ist frei.«

»Schön. Ich komme.«

Er ging der Richtung nach, aus welcher er die Stimme des Kosaken gehört hatte, und hielt die Hände vor, bis er den Gesuchten fühlte.

»So, hier bin ich. Und nun will ich Dich sogleich losbinden.«

»Nein, das darfst Du nicht.«

»Nicht? Warum?«

»Man würde morgen merken, daß Jemand bei mir gewesen ist.«

»O nein. Man wird nur bemerken, daß Du nicht mehr hier bist.«

»Wie? Meinst Du etwa, daß ich fliehen soll?«

»Natürlich!«

»So bist Du gekommen, mich zu befreien. Das ist äußerst lobenswerth von Dir, aber ich darf von dieser Güte keinen Gebrauch machen.«

»Donnerwetter! Du machst doch Spaß?«

»Nein. Es ist mein Ernst.«

»So bist Du der größte Esel, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Nimm mir das nicht übel, aber wahr ist es.«

»Nenne mich, wie Du willst. Dir werde ich es nicht übel nehmen, denn ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst.«

»Ja, ich meine es gut, und darum hoffe ich, daß Du mit mir gehen wirst.«

»Ich kann nicht.«


// 1648 //

»Warum?«

»Aus mehreren Gründen. Zunächst würde der Verdacht, mich befreit zu haben, auf Dich fallen und Du hättest die Folgen zu tragen.«

»Aus diesen Folgen würde ich mir gar nichts machen. Euer braver Kreishauptmann ist ein Schafskopf ersten Ranges. Er kann mir nicht den mindesten Respect einflößen. Uebrigens kann mir kein Mensch nachweisen, daß ich hier gewesen bin.«

»Hm! Werden die beiden Posten nicht auf den Gedanken kommen? Du bist dick und der Frosch war auch so dick.«

»Sapperment! So weißt Du also, wie ich sie überlistet habe?«

»Ja. Sie sprachen doch so laut, daß ich ein jedes Wort verstand. Und als sie sich entfernt hatten, hörte ich es unter mir flüstern. Ich glaube, Deine beiden Gefährten sind unten.«

»Sie sind es.«

»Das dachte ich mir. Ich hörte einige Worte, welche sie halblaut sagten, als die Wächter fort waren. Es war englisch.«

»Verstehst Du denn das?«

»Ja.«

»Alle Teufel! Ein sibirischer Kosak, welcher englisch versteht! Alle Achtung vor Dir!«

»Es ist kein Wunder. Ich bin kein Kosak, überhaupt kein Asiat und auch kein Russe.«

»So? Was denn?«

»Ein Deutscher.«

»Himmeltausend - pst, pst! Jetzt hätte ich beinahe so laut geschrieen, daß die Posten es hören konnten. Ist's möglich, ist's möglich! Ein Deutscher!«

Da er das in deutscher Sprache sagte, fiel der Kosak in entzücktem Tone ein:

»Mein Gott! Du bist auch einer?«

»Ja. Wofür hast Du mich gehalten?«

»Für einen Engländer oder Amerikaner.«

»Dummheit! Amerikaner mit so einem Bäuchlein, wie ich habe, sind verteufelt selten. Nein, nein! Sollte man so Etwas für möglich halten! Und ein Deportirter bist Du? Wie kann man einen Deutschen nach Sibirien verbannen!

»Ich war russischer Offizier.«

»Das ist etwas Anderes. Also Offizier! Da werde ich mir das Du sofort abgewöhnen. Und nun, da Sie mein Landsmann sind, müssen Sie los! Sie dürfen sich nicht weigern, jetzt mit mir zu gehen.«

»Wie gern möchte ich, wie unendlich gern! Aber es ist kaum daran zu denken. Ich lechze nach Erlösung, nach Befreiung, aber ich kenne die Verhältnisse Sibiriens. Wenn ich fliehe, so muß ich in den unwegbaren Sümpfen dieses Landes ersticken, wenn man mich nicht ergreift, in welchem Falle mein Loos ein doppelt schreckliches sein würde.«


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»Pah! Sie werden weder ersticken noch wieder ergriffen werden.«

»O doch. Jetzt ist noch Herbst. Eine Flucht aus Sibirien kann nur im Winter gelingen, wenn der Frost die unendlichen Einöden wegsam gemacht hat.«

»Das weiß ich auch. Aber Sie werden bis dahin ein Asyl finden.«

»Vielleicht. Aber - aber - hm! Ich sehne mich, wie bereits gesagt, nach Erlösung, und doch giebt es Etwas, was mich hier festhält.«

»So? Sonderbar! Was ist das?«

»Fast schäme ich mich, es Ihnen zu sagen.«

»So! Nun, so will ich es Ihnen ersparen, denn ich kann mir ohnedies denken, was Sie meinen.«

»Wirklich?«

»Ja. Sie meinen nämlich - Karparla. Habe ich richtig gerathen?«

»Ja. Lachen Sie mich aus!«

»Fällt mir gar nicht ein. Auch ich habe so eine Karparla, nur daß sie einstweilen Auguste oder Gustel heißt. Uebrigens ist diese Karparla ein so entzückendes Geschöpf, daß ich es wohl begreife, wie selbst ein Deutscher um ihretwillen hier in dieser unglücklichen Gegend verbleiben könnte. Aber meinen Sie wirklich, daß Sie Etwas davon haben werden?«

»Ja.«

»Aber was? Meinen Sie, daß sie Ihre Frau werden könne?«

»Nein. Ein Verbannter darf sich ohne die Einwilligung seiner Aufsichtsbehörde nicht verheirathen. Und diese Erlaubniß würde ich niemals bekommen.«

»Besonders, da der Rittmeister sie heirathen wird.«

»Der wird sie nicht bekommen.«

Er sagte dies im Tone so fester Ueberzeugung, daß Sam warnend meinte:

»Sie können sich da doch vielleicht irren.«

»Nein. Ehe ich zugäbe, daß er diesen Engel bekäme, würde ich ihn tödten.«

»Was hätten Sie davon? Den Tod! Keinesfalls aber dürfte dadurch die Hoffnung wachsen, daß sie die Ihrige werden könne.

»Das ist richtig. Ich will aber in Ihrer Nähe sein, so lange es möglich ist.«

»Sapperment, das sollen Sie doch auch! Die schöne Prinzessin will Sie durch Tungusen über die Grenze bringen lassen.«

»Hat sie das gesagt?«

»Ja.«

»Sie kommen also nicht aus Ihrem eigenen Antriebe, mich zu befreien?«

»Aus eigenem Antriebe und zugleich auf Karparla's Wunsch.«

»Dann wäre also eine Hoffnung vorhanden, daß ich glücklich entkommen kann. Wenn die Tungusen sich meiner annehmen, so ist mir geholfen.«

»Gut, daß Sie das einsehen. Fort also von hier! Wo sind Ihre Fesseln?«


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»Halt! Noch einen Augenblick! Ich möchte doch lieber hier bleiben und erst später entweichen.«

»Warum denn?«

»Wegen der beiden Kameraden, welche mich zu bewachen haben. Wenn ich ihnen entfliehe, geht es ihnen traurig.«

»Das darf Sie nichts kümmern.«

»O doch. Ich mag sie nicht unglücklich machen.«

»Sie sind ein wunderlicher Heiliger. Und das läßt sich sehr gut begreifen, da Sie ein Deutscher sind. Auch ich habe so ein dummes, weiches Gemüth. Heute aber dürfen Sie nicht auf die Stimme Ihres Herzens hören, denn eine solche Gelegenheit zur Flucht bietet sich Ihnen nicht wieder.«

»Sehr bald, sehr bald sogar. Ich werde dem Rittmeister entfliehen, ihm selbst, so daß er sich nicht an einem Andern rächen kann. Ich ergreife die erste Gelegenheit, wenn ich auf dem wilden Tabunhengste sitze. Da holt mich kein Verfolger ein.«

»Diese Hoffnung ist vergebens. Sie werden dieses Pferd wohl niemals wieder reiten, denn morgen werden Sie forttransportirt.«

»Gott! Transportirt? In die Bergwerke vielleicht! Ists wahr?«

»Ja. Ich weiß es genau.«

»Dann freilich bleibt mir keine Wahl. Ich gehe also jetzt mit Ihnen, obgleich ich die beiden armen Teufel herzlich bemitleide, denn -«

Er hielt inne, denn vom Eingange her ertönte es leise in englischer Sprache:

»Pst! Macht doch rasch! Es kommen Leute. Keine Minute ist zu verlieren.«

»Jim, Du bists,« antwortete Sam. »Warte.«

Er eilte nach der Thür. Dort stand Jim auf der Leiter. Sam sah dort, wo die beiden Posten bisher gehackt und geschaufelt hatten, den Schein der Laterne, und zugleich ertönte die laute, zornige Stimme des Rittmeisters.

»Sapperment, das ist der Rittmeister,« sagte er.

»Ja. Er kommt jedenfalls, um nach dem Gefangenen zu sehen. Schnell also herab mit demselben.«

»Fällt mir nicht ein. Das geht gar nicht an.«

»Warum denn nicht?«

»Wenn seine Flucht schon jetzt entdeckt würde, so könnte man ihn sehr leicht ergreifen. Nein. Mir kommt ein prachtvoller Gedanke. Hole schnell Tim herauf!«

»Unsinn! Soll man uns hier erwischen?«

»Frage nicht, sondern mach rasch, rasch!«

»Na, wenn Du es partout haben willst, so wollen wir unsere Köpfe mit in diese Schlinge stecken.«

Er stieg rasch hinab und kam dann mit Tim wieder herauf.

»So!« meinte Sam. »Schnell herein. Ich will die Thür verschließen.«

Wie bereits erwähnt, befand sich neben der Thür ein Loch, durch welches


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man hinausgreifen und den Vorstecker in die Haspe schieben konnte. Sam that dies. Dann lachte er leise vor sich hin und sagte:

»Welch eine Ueberraschung, wenn sich, anstatt daß der Gefangene fort ist, vier hier befinden. Das giebt einen Jux.«

»Den wir aber dann bezahlen müssen,« brummte Jim.

»Fällt uns nicht ein.«

»Nun, so sag, was Du eigentlich vor hast!«

»Das erräthst Du nicht? Wenn der Rittmeister, wie zu erwarten steht, heraufgestiegen kommt, so nehme ich ihn bei der Parabel. Ein tüchtiger Griff um seinen Hals und er wird besinnungslos sein. Dann binden wir ihn hier an Stelle des Gefangenen fest.«

»Tausend Donner! Das ist allerdings ein famoser Streich. Ja, wenn Du das beabsichtigst, so mache ich sehr gern mit.«

»Zuvor aber will ich erst den Gefangenen losmachen.«

Während er das that, hörte man deutlich die Knutenhiebe, mit denen der Rittmeister die beiden Posten regalirte. Sodann vernahmen sie seinen lauten Befehl:

»Ihr bleibt hier stehen, bis wir wieder kommen!«

»Er sagt >wir<. So ist er also nicht allein!« meinte Sam. »Das ist fatal!«

Er trat an das Loch und blickte hinaus. Dann wendete er sich mit der Meldung zurück:

»Der Kreishauptmann ist mit dabei. Das freut mich ungeheuer. So bekommen wir sie alle Beide.«

»Ist das nicht zu gefährlich?« fragte der Kosak.

»O nein, mein Lieber. Wir Drei sind solche Dinge gewöhnt. Den Ersten nehme ich; den zweiten nehmt Ihr Beide. Aber Keiner darf Zeit haben, uns genau anzusehen. Aufgepaßt! Sie kommen.«

Er trat seitwärts. Der Vorstecker klirrte und die Thür wurde geöffnet. Der Rittmeister stieg herein. Er wollte sich nach seinem Vater zurückdrehen; da aber legte ihm Sam die Hände um den Hals. Ein kraftvoller Druck, ein kurzes, halblautes Stöhnen und der Offizier war besinnungslos.

Der Kreishauptmann hörte dieses leichte Stöhnen und fragte von der Leiter her. Der geistesgegenwärtige Kosak gab die bereits erwähnte Antwort, wobei er die Stimme des Rittmeisters nachzuahmen suchte. Es gelang. Der Kreishauptmann trat herein. Jim riß ihm sofort die Laterne aus der Hand. Das war höchst nothwendig, denn wenn sie ihm entfallen wäre, so konnte leicht ein Unglück geschehen. Tim aber hatte ihn bei der Gurgel gefaßt und zwar so kräftig, daß der Beamte sofort die Arme herabfallen ließ. Er röchelte einmal auf und war dann ebenso bewußtlos wie sein Sohn.

Beide wurden nebeneinander auf den Fußboden gelegt. Sam ergriff die Laterne, leuchtete ihnen in die Gesichter und sagte dann:

»Sie werden wohl Taschentücher einstecken haben. Bindet ihnen diese


// 1652 //

vor allen Dingen über die Augen, daß sie uns nicht sehen können, wenn sie erwachen.«

»Das ist nicht nothwendig,« antwortete Jim. »Wir werden uns doch nicht herstellen, bis sie erwachen. Das wäre eine Thorheit.«

»Bist Du wieder einmal klüger als ich? Ich habe große Lust, mich noch ein Viertelstündchen hier zu verweilen.«

»Wozu aber?«

»Um dieser Angelegenheit einen lustigen Anstrich zu ertheilen. Ihr kennt Euren alten Sam Barth und müßt also wissen, daß er ein lustiger Kerl ist.«

»Hier aber haben wir wohl keine Zeit zu lustigen Streichen.«

»Warum nicht?«

»Wenn die beiden Posten uns überraschen.«

»Das fällt ihnen gar nicht ein. Ihr habt ja eben so deutlich wie ich gehört, daß der Rittmeister ihnen befahl, nicht von der Stelle zu weichen, bis er zurückkehren werde. Sie werden also gehorsam stehen bleiben und sich sehr hüten, hierher zu kommen.«

»Aber nachher, wenn die Ablösung kommt!«

»Sind wir jedenfalls fertig.«

Dieses kurze und leise Gespräch war in englischer Sprache geführt worden. Jetzt sagte der Kosak im reinsten Englisch:

»Die Ablösung haben wir nicht zu fürchten. Es kommt gar keine. Die beiden Posten unterhielten sich nämlich so laut, daß ich jedes Wort verstehen konnte und da hörte ich, daß sie die ganze Nacht hier bleiben würden. Sie hatten das mit dem Unteroffizier, welcher mich arretirte, ausgemacht.«

»Alle Teufel!« meinte Tim erstaunt. »Ihr sprecht englisch! Ein Kosak!«

»Er ist ein Landsmann von mir, ein Deutscher,« erklärte Sam.

»Wer hätte das denken mögen!

»Ja, es passiren oft seltsame Dinge. Doch davon können wir später reden. Jetzt wollen wir uns beeilen. Ich werde zunächst einmal hier umherleuchten, um zu sehen, was Alles zu finden ist.«

»Aber Vorsicht mit der Laterne,« warnte der Kosak. »Es befinden sich lauter Feuerwerksrequisiten hier.«

»Weiß schon. Habs gehört.«

Er schritt von einem Ende des Raumes bis zum andern und sah sich dabei ganz genau um. Dann lachte er:

»Vortrefflich, ganz vortrefflich! Wir werden sie lynchen.«

»Was fällt Dir ein?« sagte Tim.

»Nun, nicht eigentlich lynchen; aber eine echt amerikanische Procedur werden wir an ihnen vornehmen. Ihr seid doch schon öfters dabei gewesen, wenn Einer getheert und gefedert wurde.«

»Alle Teufel, dieser Gedanke ist freilich gar nicht übel.«

»Nicht wahr? Ja, Sam Barth hat überhaupt keine üblen Ideen. Federn können wir sie nicht, denn hier giebt es keine Federn, dafür aber ist


// 1653 //

Werg genug vorhanden. Und dort steht ein Kübel voller Theer. Das paßt ganz vortrefflich. Schnell, zieht sie aus, bevor sie wieder zu sich kommen.«

»Da bin ich gern dabei. Das soll morgen eine Lust sein.«

»Diese Blamage! Die beiden stolzen, eingebildeten Kerls haben es reichlich verdient.«

Er hing die Laterne an einen Nagel und nun waren acht Hände eifrig beschäftigt, die Beiden ihrer Oberkleider zu entledigen. Das geschah sehr schnell. Dann erhielten sie aus Werg geformte Knebels in den Mund. Die Augen waren ihnen bereits zugebunden. Stricke gab es reichlich hier. Sie wurden mit denselben gefesselt. Dann tauchte man sie bis an den Hals in den Theerkübel, worauf sie in kurz gezupftes Werg gerollt wurden. Dieses Letztere klebte in Folge des Theers sofort fest an, und nun wurden Beide an den Balken festgebunden, an welchem der Kosak vorher angefesselt gewesen war.

»Jetzt sind wir fertig,« schmunzelte Sam. »Seht Ihres, daß der Rittmeister sich bewegt?«

»Ja, der Alte auch.«

»Wir wollen uns überzeugen, daß sie genug athmen können, denn ersticken sollen sie nicht. Ein Mörder mag ich doch nicht sein.«

Die beiden Gefesselten machten krampfhafte Bewegungen loszukommen, doch konnte ihnen das unmöglich gelingen, da sie zu fest angebunden waren. Zu athmen vermochten sie durch die Nase ganz gut, wenn ihnen der Mund auch zugestopft war.

»So!« flüsterte Sam. »Sie mögen sich abmühen an ihren Stricken. Ich möchte freilich nicht an ihrer Stelle sein. Eine ganze Nacht in diesem Zustande zuzubringen, das ist Etwas, was man im ganzen Leben nie vergessen kann. Es mag ihnen eine Lehre sein. Kommt nun! Wir sind fertig.«

Sie stiegen hinab, nachdem die Laterne verlöscht worden war. Sam als der Letzte verschloß die Thür. Sie verließen den Ort natürlich so, daß sie von den beiden Posten nicht bemerkt werden konnten. Dann schlugen sie die Richtung nach dem Lager ein, indem sie in einem Halbkreise um die Stadt schritten.

»Wohin führt Ihr mich nun?« erkundigte sich der Kosak. »In das Lager darf ich ebenso wenig wie in die Stadt.«

»Wir halten in der Nähe des Lagers an,« antwortete Sam.

»Von da aus benachrichtigen wir Bula, den Tungusenfürsten. Der wird dann bestimmen, was geschehen soll.«

»Das ist freilich das Allerbeste. Ich bin überzeugt, daß er mir einen Vorschlag machen wird, welcher genau mit meinen eigenen Ansichten stimmt. Er wird mir ein verborgenes und sicheres Asyl anweisen, in welchem ich, ohne Furcht, entdeckt zu werden, den Anbruch des Winters erwarten kann.«

»Vielleicht wird es auch noch anders. Ich habe so meine Gedanken.«

»Welche?«

»Hm! Ich soll nicht davon sprechen. Aber da Sie ein Deutscher sind, so werde ich es wagen, mich Ihnen anzuvertrauen.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen werde.«


// 1654 //

»Ich hoffe das. Doch nicht jetzt werde ich reden, sondern sodann, wenn wir an Ort und Stelle angekommen sind.«

Es gelang ihnen, unbemerkt um die Stadt zu kommen. Dann schritten sie am Ufer des Flusses entlang noch eine Strecke vorwärts, bis sie an ein Buschwerk gelangten, wohin bis jetzt wohl kein anderer Mensch kam.

»Hier bleiben wir,« sagte Sam. »Ihr Beiden, Jim und Tim, begebt Euch nun in das Lager, doch möglichst so, daß Ihr nicht bemerkt werdet, und macht dem Fürsten Eure Meldung. Er mag dann thun, was ihm beliebt. Wir Beiden sind auf alle Fälle hier zu finden.«

Das Brüderpaar entfernte sich und die beiden Zurückbleibenden setzten sich nebeneinander nieder.

»So, da haben wir uns,« meinte Sam Barth. »Wir sind auf eine gar seltsame Weise zusammengetroffen. Zwei Deutsche, finden sich hier im Innern Sibiriens. Der Eine ist ein Verbannter und der Andere - hm!«

»Nun, bitte, sprechen Sie weiter. Was sind Sie? Es versteht sich ganz von selbst, daß ich gern wissen möchte, wer der Mann ist, welcher mich aus der Gefangenschaft befreit und sich dabei so unerwartet als ein Landsmann entpuppt hat. Sie glauben gar nicht, welches Entzücken es für mich ist, die Laute meiner Muttersprache zu hören.«

»O, ich glaube es gern. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man in der Fremde auf Einen trifft, welcher aus der alten lieben Heimath stammt. Wer ich bin, das sollen Sie gern erfahren. Freilich, einen werthvollen Fang haben Sie an mir nicht gemacht. Für was halten Sie mich wohl?«

»Das weiß ich nicht. Sie sind mir ein Räthsel.«

»Und zwar ein sehr dickes.«

»Ja. Ihr Auftreten ist ein außerordentlich selbstbewußtes und sicheres.«

»Und mein Aeußeres stimmt damit ganz und gar überein. Nicht wahr, das wollten Sie doch wohl sagen?«

»So ähnlich, ja.«

»Nun, das Räthsel soll gelöst werden. Ich bin weder von Adel noch war ich Offizier. Eines schönes Tages wurde ich in Herlasgrün geboren. Das ist keine Metropole, aber es liegt in Sachsen und darauf bin ich stolzer, als ob ich in Paris oder London das erste Licht der Welt erblickt hätte. Einige Zeit später widmete ich mich derjenigen Kunst, deren Jünger zu Deutsch Knopfmacher genannt werden. Noch etwas später verliebte ich mich. So Etwas kommt nämlich sogar auch in Sachsen vor. Die betreffende Auguste wurde mir untreu und ich ging aus Gram und Aerger nach Amerika, wo ich Prairiejäger wurde.«

»Ah, das erklärt Alles.«

»Nicht wahr?«

»Ja. Ihr Auftreten ist das eines Mannes, welcher gelernt hat, alle Furcht und Angst zu vergessen.«

»Fürchten kann ich mich freilich nicht, nicht einmal in Sibirien.«

»Wie aber kommen Sie aus den Vereinigten Staaten hierher?«


// 1655 //

»Als Jäger.«

»Ah, Sie wollen Zobel fangen?«

»Nebenbei auch wohl mit, nämlich wenn mir einer grad so über den Weg läuft. Eigentlich befinde ich mich auf der Menschenjagd.«

»Wieso?«

»Wir suchen einen Verbannten.«

»Sonderbar! Ein amerikanischer Jäger, ein geborener Sachse, kommt nach Sibirien, um einen Verbannten zu suchen.«

»Das mag freilich sonderbar sein, aber das Leben ist eben der beste Romanschriftsteller. Kein Dichter kann sich die wunderlichen Sachen aussinnen, welche im wirklichen Leben geschehen.«

»Was wollen Sie denn bei diesem Verbannten?«

»Das ist eine Frage, welche sich eigentlich ganz von selbst beantwortet. Befreien wollen wir ihn.«

»Was? Befreien? Ist er unschuldig verurtheilt worden?«

»Darüber kann ich keine Auskunft ertheilen, da ich es selbst nicht weiß.«

»Aber Sie wollen ihn doch von der Behörde zurückfordern.«

»Vielleicht. Vielleicht aber fragen wir die Behörde gar nicht, sondern wir schaffen ihn ohne Erlaubniß derselben über die Grenze.«

»Das dürfte Ihnen wohl nicht gelingen.«

»Warum nicht?«

»Weil ein solches Unternehmen bereits von vornherein aussichtslos ist.«

»Das schadet gar nichts. Grad das, was Andere nicht fertig bringen, das macht uns die allergrößte Freude. Wir haben schon ganz andere Sachen glücklich hinausgeführt. Ich möchte Den sehen, der unseren Steinbach hindern wollte, Das zu thun, was ihm beliebt.«

»Steinbach? Sind Sie das?«

»Ich? Wo denken Sie hin? Ich heiße mit meinem Namen Samuel Barth, werde aber gewöhnlich kurzweg Sam genannt. Die beiden Kameraden, welche ich bei mir habe, heißen Jim und Tim Snaker. Steinbach aber ist, so zu sagen, unser Anführer, unser Hauptheld, unser Oberst, welcher alle Abenteuer leitet, welche wir bestehen wollen. Er ist es, welcher den betreffenden Gefangenen sucht.«

»Was für ein Mann ist dieser Verbannte gewesen?«

»Das weiß ich nicht. Steinbach schweigt sehr beharrlich darüber. Vielleicht hängt es mit der Geschichte der Adlerhorst zusammen.«

Der Kosak machte eine schnelle Bewegung.

»Adlerhorst?« fragte er. »Wer heißt so?«

»Eine adelige Familie, welche unter höchst seltsamen und traurigen Schicksalen leidet. Steinbach interessirt sich für dieselbe so sehr, daß er bereits in Afrika und Amerika gewesen ist, um die zerstreuten Mitglieder derselben zusammenzusuchen.«

»Herr Barth, ich bin ganz -«

»Halt! Ich bin kein Herr Barth. Nennen Sie mich Sam und damit


// 1656 //

Punktum. Ich bin diesen Namen einmal gewöhnt. Und sagen Sie mir, wie ich Sie rufen soll!«

»Mein hiesiger Name ist Nummer Zehn.«

»Unsinn! Sie werden doch von mir nicht verlangen, daß ich Sie mit dieser Ziffer bezeichne. Sie müssen doch einen Namen gehabt haben.«

»Ein Verbannter verliert denselben und wird ihn wohl auch nicht sogleich einem Andern nennen. Mein Vorname ist Georg. Nennen Sie mich bei diesem.«

»Georg, gut! Uebrigens ists grad noch ein Georg, welcher uns fehlt und den wir suchen.«

»Mit welchem Familiennamen?«

»Adlerhorst.«

»Einen Georg von Adlerhorst suchen Sie? Sam, Sam, ist das wahr?«

Er war aufgesprungen. Er stand vor dem Dicken mit allen Zeichen einer plötzlichen und großen Aufregung.

»Was haben Sie? Warum fragen Sie so?« erkundigte sich Sam. »Weil es mir so wunderbar vorkommt, daß Sie alle Erdtheile durchsuchen, um die zerstreuten Glieder einer Familie zusammenzusuchen.«

»Ja, unglaublich ist es fast, aber gelungen ist es bisher ganz ausgezeichnet. Wir haben Alle, Alle, nur der Georg fehlt uns noch.«

»Und Sie wissen, daß er sich hier in Sibirien befindet?«

»Nein. Wir haben nicht die mindeste Ahnung, wo er zu suchen ist.«

»Aber weshalb sind Sie denn da? Nicht seinetwegen?«

»Schwerlich. Es wird wohl ein ganz Anderer sein, welchen Steinbach hier sucht. Aber sagen Sie mir doch, was Sie plötzlich so aufregt?«

»Das will ich Ihnen nachher sagen, wenn Sie mir vorher mitgetheilt haben, wie Sie dazu kommen, nach jener Familie zu suchen.«

»Das ist sehr einfach. Ich lernte drüben in Amerika diesen Steinbach kennen und durfte mich ihm anschließen. Warum er nach den Adlerhorsts sucht, das hat er mir nicht gesagt, aber gefunden haben wir sie.«

»Wirklich? Wirklich? Welche Personen?«

»Die Mutter, eine nachgeborene Tochter, welche Magdalene heißt, und dann einen Sohn Namens Martin. Eine andere Tochter hatte Steinbach bereits vorher in Constantinopel entdeckt, wo sich ein Hermann Adlerhorst mit seinem englischen Vetter Lord Eagle-nest befand.«

»Herr, mein Gott! Da ist ja die ganze Familie genannt und nur der Vater fehlt!«

»Ja freilich, der Vater und jener Georg, dessen Aufenthalt nicht zu entdecken ist. Aber woher wissen Sie, daß dies die ganze Familie ist?«

»Ich - ich - ich habe einmal einen Adlerhorst getroffen und glaube, daß sein Vorname Georg war.«

»Sapperment! Welch ein Zufall! Jetzt entdecke ich eine Fährte. Sagen Sie mir schnell, wo Sie ihn getroffen haben!«


Ende der neunundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk